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Mutterliebst

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Antoinette van Heugten

Mutterliebst

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Alexa Christ

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DANKSAGUNG

Ich möchte mich bei meiner ganzen Familie und meinen Freunden bedanken, die mich stets unterstützt und ermutigt haben. Sie haben mein Manuskript bis zum Abwinken gelesen – und sie lieben mich immer noch. Ich danke meinem brillanten Agenten Al Zuckerman dafür, dass er mir als neuer Autorin eine Chance gegeben und mich immer wieder zu Bestleistungen angespornt hat. Ich danke Donna Hayes und Linda McFall dafür, dass sie dieses Buch lieben und seine Entstehung ermöglicht haben. Ich danke Glenn Cambor, der mir als Erster sagte, ich solle schreiben, und der dann dafür gesorgt hat, dass ich bei klarem Verstand blieb, während ich es tat. Dank schulde ich auch Beverly Swerling, meiner Lektorin, ohne die dieser Roman immer noch in einem Karton unter meinem Schreibtisch liegen würde.

Mein aufrichtiger Dank gilt außerdem Jim und Jeanine Barr, die mir ihr juristisches und kriminaltechnisches Fachwissen zur Verfügung stellten; Wayman Allen für seine Kenntnisse der Polizei- und privaten Ermittlungsarbeit; Cynthia England und Dawn Weightman für ihre unerschütterliche Liebe und Hingabe; Lane, Tom und Kelly dafür, dass sie mich jeden Tag zum Lachen gebracht haben.

Ich danke Jim Sentner, meinem zweiten Vater, der mich bei jedem verrückten Unterfangen mit Liebe und Geduld unterstützt hat. Ein ganz besonderer Dank geht an meine drei Söhne – Brendan, Sam und Jack –, die mich inspiriert und mir das Privileg geschenkt haben, ihre Mutter zu sein.

Und zu guter Letzt danke ich Bill – meinem Lektor, meiner großen Liebe, meinem Leben.

TEIL EINS

PROLOG

Der Korridor in der psychiatrischen Klinik, den sie entlanggeht, ist menschenleer. Ihre Absätze klappern ein lautes Stakkato auf dem desinfizierten Fußboden. Sie bleibt stehen, öffnet eine Tür ein Stück und schlüpft durch den Spalt. Der Raum ist rot, leuchtend rot, voller Blut, das Decke und Wände beschmiert und eine große Lache auf dem Boden bildet. Sie legt beide Hände über den Mund und erstickt so den Schrei, der in ihrer Kehle aufsteigt. Ihr Blick richtet sich auf den Körper auf dem Bett. Der Junge liegt auf dem Rücken und starrt blicklos an die Decke, seine Augen schimmern wie blaues Eis. Mit blutbeschmierten Fingern sucht sie nach seinem Puls und findet ihn nicht. Hektisch tastet sie nach dem Rufknopf, der die Schwester alarmiert – und erstarrt.

Da, auf dem Fußboden, gleich neben dem Bett, liegt eine zusammengekrümmte Gestalt – ein Junge, der der Leiche über ihm ähnelt. Sein Gesicht und seine Hände sind blutverschmiert, doch diesmal wird ihre panische Suche nach einem Puls von einem schwachen Pochen belohnt. Erst in diesem Augenblick sieht sie es.

Mit einer Hand umklammert er einen langen, spitzen Gegenstand, der von oben bis unten mit dem Blut besudelt ist, das den ganzen Raum befleckt. Es ist die Mordwaffe.

1. KAPITEL

Danielle lässt sich dankbar in den Ledersessel in Dr. Leonards Wartezimmer fallen. Den ganzen Morgen hat sie im Konferenzraum ihrer Anwaltskanzlei mit einem arroganten Engländer zugebracht, der nicht einsehen wollte, dass sein Geschäftsgebaren jenseits des großen Teichs ihm ein Gerichtsverfahren in New York eingetragen hat. Danach ist sie gleich hierhergeeilt. Max, ihr Sohn, sitzt auf seinem üblichen Platz in der Ecke des Wartezimmers des Psychiaters – so weit weg von ihr wie möglich. Er kauert über seinem iPhone und tippt hektisch mit beiden Daumen. Es ist, als wäre seinem Arm ein neuer Fortsatz gewachsen, denn sie sieht ihn kaum noch ohne das Gerät. Auf sein Drängen hin hat sich Danielle ein identisches Modell zugelegt, das sich in ihrer Handtasche befindet. Ein ganz schwacher Bartschatten ziert die Oberlippe ihres Sohnes, und ein hässliches silbernes Augenbrauen-Piercing zerstört die Schönheit seiner Züge. Sein finsterer Gesichtsausdruck ist der eines Erwachsenen, nicht der eines Kindes. Er scheint ihren Blick zu spüren. Kurz schaut er auf, dann schlägt er die Augen nieder.

Sie denkt an all die Ärzte, die unzähligen Medikamente, die endlosen Sackgassen und die dunklen, scheinbar irreversiblen Veränderungen in Max. Dennoch ist es, als würde der Geist ihres Jungen seine dünnen, gebräunten Arme um ihren Nacken schlingen und einen klebrigen Kuss auf ihre Wange hauchen. Für einen kurzen Moment spürt sie seinen heftigen Atem. Sein Herz ist ihr Metronom. Sie schüttelt den Kopf. Für sie gibt es nach wie vor nur den einen Max. Tief in seinem Inneren liegt ihr Baby – der Teil, den sie niemals aufgeben kann und wird.

Ihr Blick wandert zu dem derzeitigen Max zurück. Er ist ein Teenager, ruft sie sich in Erinnerung. Doch selbst während der hoffnungsvolle Gedanke noch durch ihr Gehirn zuckt, weiß sie, dass sie sich nur selbst belügt. Max hat das Asperger-Syndrom, stark ausgeprägten Autismus. So intelligent er auch ist, er weiß nicht, wie er mit anderen Menschen umgehen soll. Schon sein ganzes Leben lang bereitet ihm diese Unfähigkeit Kummer und Schmerz.

Als er noch sehr klein war, entdeckte Max die Welt der Computer. Seine Lehrer staunten über seine Begabung. Jetzt, mit sechzehn, hat Danielle keine Ahnung, wie weit seine Fähigkeiten wirklich reichen, aber sie weiß, dass er ein regelrechtes IT-Genie ist – ein wahrer Meister. Anfangs machte ihn das in den Augen seiner Altersgenossen zu einer Art Held. Doch mit der Zeit verloren sie das Interesse an der Akribie, mit der Max sich dieser Sache widmete. Menschen, die an Asperger leiden, ergehen sich häufig in stundenlangen Monologen über ihre spezifische Obsession – egal ob der Zuhörer auch nur im Entferntesten an dem Thema interessiert ist oder nicht. Max’ schrulliges Verhalten und seine Lernstörungen machten ihn zum Gegenstand weiteren Gespötts. Seine Reaktion darauf war, wild um sich zu schlagen, doch in letzter Zeit scheint er sich weitgehend in sich selbst zurückgezogen und weitere Mauern um sein Herz errichtet zu haben.

Sonya, seine erste richtige Freundin, trennte sich vor ein paar Monaten von ihm. Max war am Boden zerstört. Endlich hatte er eine Beziehung gehabt – so wie jeder andere auch –, und dann machte sie vor all seinen Klassenkameraden mit ihm Schluss. Max wurde so depressiv, dass er sich weigerte, zur Schule zu gehen. Er brach den Kontakt zu den wenigen Freunden, die er hatte, ab und begann, Drogen zu nehmen. Letzteres entdeckte sie, als sie eines Tages unangekündigt sein Zimmer betrat und er ihr mit glasigem Blick entgegenstarrte – einen Joint in der Hand. Auf seinem Schreibtisch befand sich ein buntes Sortiment unterschiedlichster Tabletten. Sie sagte kein Wort, sondern wartete darauf, dass er ein paar Stunden später unter die Dusche stieg. Dann konfiszierte sie die Tüte mit Dope und jede Pille, die sie finden konnte. An jenem Nachmittag schleifte sie ihn fluchend und zeternd in Dr. Leonards Praxis. Die Termine schienen zu helfen. Zumindest ging er wieder zur Schule, und auf seltsame Weise wirkte er auch glücklicher. Danielle gegenüber verhielt er sich zärtlich und liebevoll – wie der junge Max, der ihr Freude bereiten wollte. Was die Drogen anging, so förderten ihre heimlichen Streifzüge durch sein Zimmer keine neuen Tabletten oder Joints zutage. Was natürlich genauso gut bedeuten konnte, dass er sie in der Schule oder im Haus eines Freundes versteckte.

Doch die vergangenen Ereignisse, denkt sie leidvoll, verblassen ohnehin angesichts dessen, weshalb wir heute hier sind. Nachdem Max gestern zur Schule gefahren war, hatte sie ihren üblichen Kontrollgang durch sein Zimmer unternommen und dabei ein weiches, ledergebundenes Tagebuch unter seinem Bett gefunden. Schuldbewusst hatte sie den Metallverschluss mit einem spitzen Gemüsemesser geöffnet. Die erste Seite jagte ihr eine solche Angst ein, dass sie sich mit zitternden Händen auf den nächsten Stuhl fallen ließ. Die zwanzig Seiten in seiner jungenhaften Schrift enthüllten einen detaillierten Plan, der so furchterregend war, dass sie ihren abgehackten Atem und ihr ersticktes Schluchzen erst bemerkte, als sie sich im Raum umschaute und fragte, woher die Geräusche kamen. Lag die Schuld bei ihr? Hätte sie irgendetwas anders machen können? Besser? Die alte Scham und das schlechte Gewissen hatten sie von Neuem erfüllt.

In diesem Moment öffnet sich die Tür, und Georgia kommt herein. Eine zierliche Blondine, die sich neben Danielle setzt und sie kurz, aber fest umarmt. Danielle lächelt. Georgia ist nicht nur ihre beste Freundin – sie gehört zur Familie. Danielle ist ein Einzelkind, dessen Eltern bereits verstorben sind. Deshalb hat sie sich in den vergangenen Jahren immer mehr auf Georgias unverbrüchliche Treue und Unterstützung verlassen – ganz abgesehen von ihrer tiefen Liebe zu Max. Von Georgias hübschem Gesicht durfte man sich nicht täuschen lassen – dahinter verbarg sich der messerscharfe Verstand einer harten Anwältin. Danielle kann sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so gefreut hat, jemanden zu sehen. Georgia winkt zu Max herüber und schenkt ihm ein Lächeln. „Hallo, du.“

„Hey.“ Nachdem er das einsilbige Wort ausgesprochen hat, schließt er die Augen und lässt sich tiefer in den Stuhl sinken.

„Wie geht es ihm?“, fragt Georgia leise.

„Entweder beschäftigt er sich mit seinem Laptop, oder er hängt ununterbrochen an diesem Telefon“, wispert Danielle zurück. „Er weiß nicht, dass ich sein … Tagebuch gefunden habe. Sonst hätte ich ihn nie hierherbekommen.“

Georgia tätschelt tröstend Danielles Schulter. „Es wird alles gut werden. Irgendwie stehen wir das durch.“

„Ich bin dir so dankbar, dass du gekommen bist. Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet.“ Sie zwingt sich, so normal wie möglich zu klingen. „Also, wie lief es heute Morgen?“

„Ich habe es kaum rechtzeitig in den Gerichtssaal geschafft, aber ich denke, es lief okay.“

„Was ist passiert?“

Georgia zuckt die Achseln.

„Jonathan.“

Danielle drückt ihre Hand. Georgias Ehemann, Jonathan, ist zwar ein brillanter plastischer Chirurg, aber er ist dem Alkohol verfallen, was nicht nur seine Ehe gefährdet, sondern auch seine Karriere. Georgia hegt den Verdacht, dass er außerdem kokainabhängig ist, doch bislang hat sie diese Angst nur Danielle gegenüber geäußert. Niemand in ihrer Anwaltskanzlei scheint davon zu wissen, trotz Jonathans flegelhaftem Verhalten bei ihrer letzten Weihnachtsfeier. Die Kanzlei, eine konservative New Yorker Institution, toleriert kein Betragen, das nicht absolut makellos und vorbildlich ist. Da sie eine zweijährige Tochter hat, scheut Georgia vor dem Gedanken an eine Scheidung zurück.

„Was war es diesmal?“, fragt Danielle.

Georgias blaue Augen wirken verhangen. „Er ist um vier Uhr nachts nach Hause gekommen, im Badezimmer zusammengebrochen und hat sich von oben bis unten bepinkelt.“

„Oh, Gott.“

„Melissa hat ihn gefunden und ist weinend zu mir ins Schlafzimmer gerannt gekommen.“ Georgia schüttelt den Kopf. „Sie dachte, er wäre tot.“

Diesmal ist Danielle diejenige, die ihre Freundin umarmt.

Georgia ringt sich ein Lächeln ab und richtet ihren Blick auf Max, der noch tiefer im Stuhl versunken ist und anscheinend schläft. „Hat der Arzt sein Tagebuch gelesen?“

„Ich denke schon“, antwortet Danielle erschöpft. „Ich habe es ihm gestern per Kurier zugeschickt.“

„Hast du etwas von der Schule gehört?“

„Er ist draußen.“ Max’ Schulleiter hat Danielle höflich zu verstehen gegeben, dass eine andere „Umgebung vermutlich erfolgreicher mit Max’ Bedürfnissen“ umgehen könne. Mit anderen Worten: Sie wollen ihn loswerden.

Im Teenageralter hatte sich seine Asperger-Erkrankung gravierend verschlimmert. Während alle seine Altersgenossen die höheren schulischen Level erreichten, kämpfte Max mit Mittelschulniveau. Seine schweren Lernstörungen machen ihn zum Außenseiter. Danielle versteht das. Wenn man unaufhörlich verspottet wird, kann man keine weiteren sozialen Ausgrenzungen riskieren. Die Isolation dämpft zumindest den Schmerz. Und es ist keinesfalls so, als hätte Danielle nicht alles versucht. Max hat unzählige Schulen in Manhattan besucht. Selbst die Einrichtungen, die sich Schüler mit besonderen Bedürfnissen annehmen, haben ihn rausgeworfen. Jahrelang ist sie zu jedem Arzt gepilgert, der eine neue Behandlungsmethode zu bieten hatte. Andere Medikamente. Einen anderen Traum.

„Georgia“, wispert sie. „Warum passiert das? Was soll ich nur tun?“ Sie blickt ihre Freundin an. Traurigkeit ist ein Gefühl, das sich perfekt in ihrer beiden Augen spiegelt. Danielle spürt, wie Tränen in ihr aufsteigen, und nestelt hastig am Saum ihres Rocks herum. Da ist ein loser Faden.

„Du bist doch hier, oder nicht?“ Georgias Stimme ist so sanft wie ein Frühlingsschauer. „Es muss eine Lösung geben.“

Danielle ballt die Hände zu Fäusten, während die Tränen nun doch schnell und heftig fließen. Rasch blickt sie zu Max hinüber, aber der schläft nach wie vor. Georgia holt ein Taschentuch aus ihrer Handtasche. Danielle wischt sich damit über die Augen und gibt es dann zurück. Ohne Vorwarnung streckt Georgia die Hände aus und schiebt den Ärmel von Danielles Bluse hoch – bis zum Ellbogen. Danielle zieht den Arm ruckartig zurück, doch Georgia packt blitzschnell ihr Handgelenk und hält sie fest. Lange, rote Striemen verlaufen vom Gelenk bis zum Ellbogen.

„Nicht!“, zischt Danielle heftig und schiebt die Bluse hastig wieder hinunter. „Er hat es nicht so gemeint. Es ist nur das eine Mal passiert – als ich die Drogen gefunden habe.“

Georgia wirkt bestürzt. „Das kann so nicht weitergehen – weder für ihn noch für dich.“

Danielle reißt ihren Arm los und fummelt wild an dem Knopf herum. Die leuchtend roten Wunden sind bedeckt, aber ihr Geheimnis ist nicht länger sicher. Dabei ist es an ihr, dieses Geheimnis zu ertragen.

„Miss Parkman?“ Die ausdruckslose, glatte Stimme klingt wie gecastet. Der Kurzhaarschnitt und die schwarze Brille, die Dr. Leonards jungenhaftes Gesicht einrahmen, entsprechen dem perfekten Durchschnitt – er ist eine wandelnde Werbung für die Amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie.

Immer noch entsetzt über Georgias Entdeckung, zwingt sich Danielle, normal zu sprechen. „Guten Morgen, Doktor.“

Er betrachtet sie aufmerksam. „Möchten Sie hereinkommen?“

Danielle nickt und greift nach ihrer Tasche. Sie spürt, dass sie rot wird.

„Max?“, murmelt Dr. Leonard.

Der Junge ist noch nicht richtig wach, zuckt aber mit den Schultern. „Was auch immer.“ Er steht auf und folgt Dr. Leonard widerwillig den Gang hinunter.

Danielle wirft Georgia einen angstvollen Blick zu. Sie fühlt sich wie ein Reh, das in einen Maschendrahtzaun geraten ist und dessen Bein kurz davor steht, zu brechen.

„Mach dir keine Sorgen.“ Georgias Blick ruht fest auf ihr. „Ich bin hier, wenn du zurückkommst.“

Danielle holt tief Luft und strafft die Schultern. Es ist an der Zeit, sich in die Höhle des Löwen zu begeben.

Sie betritt den Raum nach Max und Dr. Leonard. Als Erstes bemerkt sie die glatte Ledercouch mit dem orientalischen Kissen und die obligatorische Schachtel mit Taschentüchern, die auf dem makellosen Stahltisch daneben steht. Sie geht zu einem der Stühle herüber und nimmt Platz. Ihre Kleidung ist die einer Anwältin. Dies ist nicht der Ort, an dem sie sie tragen möchte.

Max sitzt vor Dr. Leonards Schreibtisch, den Stuhl so platziert, dass er von ihnen weg zeigt. Danielle wendet sich dem Arzt zu und schenkt ihm ein einstudiertes Lächeln. Er erwidert das Lächeln und neigt leicht den Kopf. „Sollen wir beginnen?“

Danielle nickt. Max bleibt stumm.

Dr. Leonard rückt seine Brille zurecht und blickt auf Max’ Tagebuch. Dicht beschriebene Notizen füllen seinen gelben Block. Er schaut auf und spricht mit sanfter Stimme. „Max?“

„Ja?“ Der finstere Gesichtsausdruck des Jungen spricht Bände.

„Wir müssen etwas sehr Ernstes besprechen.“

Dr. Leonard holt tief Luft und fixiert Max mit seinem Blick. „Hast du Selbstmordgedanken?“

Max zuckt zusammen und schaut Danielle vorwurfsvoll an. „Ich weiß nicht, wovon zur Hölle Sie reden.“

„Bist du sicher?“ Dr. Leonards Stimme ist ganz weich. „Dir kann hier nichts passieren, Max. Du kannst darüber reden.“

„Keine Chance. Ich verschwinde.“ Als er bereits in Richtung Tür geht, erhascht er einen Blick auf das ledergebundene Tagebuch auf der Ecke des Schreibtisches des Arztes. Er erstarrt. Sein Gesicht läuft leuchtend rot an, er wirbelt herum und wirft Danielle einen Blick voller Hass zu. „Verdammt noch mal! Das geht dich einen Scheißdreck an!“

Es ist, als würde ihr Herz zerbrechen. „Sweetheart, bitte lass uns dir helfen! Dich umzubringen ist nicht die Lösung, das versichere ich dir.“ Danielle erhebt sich und versucht, ihn zu umarmen.

Max stößt sie so hart von sich, dass sie mit dem Kopf gegen die Wand knallt und auf den Boden sinkt. „Max – nein!“, schluchzt sie. Ihre Augen weiten sich vor Schreck, und für einen kurzen Moment scheint er sie trösten zu wollen, doch dann zuckt er zurück, schnappt sich das Tagebuch und stürmt aus dem Zimmer. Die Tür fällt so laut ins Schloss, dass es die Stille wie eine Explosion durchschneidet.

Dr. Leonard eilt zu Danielle hinüber, hilft ihr hoch und führt sie behutsam zum Stuhl zurück. Sie zittert am ganzen Körper. Leonard setzt sich ihr gegenüber und betrachtet sie ernst über den Rand seiner Brille hinweg. „Danielle, ist Max auch zu Hause schon gewalttätig geworden?“

Danielle schüttelt viel zu schnell den Kopf. Die Wunden auf ihrem Arm scheinen zu brennen. „Nein.“

Der Arzt sitzt ruhig da und steckt schließlich seine Notizen in eine blaue Mappe. „In Anbetracht von Max’ krankhafter Depression, seinen Selbstmordgedanken und Stimmungsschwankungen müssen wir realistisch sein und uns seinen Bedürfnissen stellen. Er braucht intensive Behandlung, und zwar von den Besten meiner Profession. Ich empfehle, dass wir sofort handeln.“

Sie bemüht sich sehr, ihn nicht sehen zu lassen, wie schwer ihr das Atmen fällt. Sie kommt sich wie ein Tier vor, das in die Falle getappt ist, dennoch muss sie in ihrer Reaktion extrem vorsichtig sein. „Ich bin mir nicht sicher, was das heißt.“

„Ich habe diese Option bereits zuvor erwähnt, und jetzt bin ich der Ansicht, dass wir keine andere Wahl haben.“ Seine sonst so sanften Augen wirken stahlhart. „Max braucht eine umfassende psychiatrische Evaluation – inklusive seines Medikamentenplans.“

Danielle starrt auf den Fußboden. Tränen verschleiern ihren Blick. „Sie meinen …“

Seine Stimme fließt ganz sanft und langsam zu ihr herüber. „Maitland.“

Danielle spürt, wie ihr Magen ins Bodenlose sinkt. Da, er hat das Wort ausgesprochen.

Es klingt so endgültig wie das Geräusch, mit dem ein Sarg verschlossen wird.

2. KAPITEL

Während der Fahrt von Des Moines nach Plano schläft Max. In dem ganzen Chaos von Gepäck, Taxis, mörderischem Verkehr und albtraumhaften Diskussionen haben sie es trotzdem irgendwie geschafft, den Flug von New York hierher zu erwischen. Danielle hat gefleht, gebettelt und massiven Druck ausgeübt, um Max dazu zu bewegen, nach Maitland zu gehen. Erst nachdem sie komplett zusammengebrochen war, hatte Max eingelenkt – gerade so. Danach hatte sie ihm keine Möglichkeit mehr gegeben, seine Meinung zu ändern. Sie blieb die ganze Nacht wach und spähte ständig in sein Schlafzimmer, um sicherzugehen, dass er noch am Leben war. Am nächsten Tag saßen sie bereits im Flugzeug.

Ihre Angst legt sich etwas, als sie sich auf dem Weg zur Klinik befinden. Sie zündet eine Zigarette an, kurbelt das Fenster hinunter und hofft, dass Max nicht aufwacht. Er hasst es, wenn sie raucht. Die Landschaft ist flach und schmutzig braun. Erst nachdem sie Plano erreichen und den Highway verlassen, explodiert die Natur um sie herum plötzlich. Die Blätter sind von einem satten Grün, das von der strahlenden Sonne gestreichelt wird. In der Luft liegt noch der Duft eines kräftigen Regenschauers, und sie stellt sich vor, wie eine Flut der Sühne die Welt reinwäscht, bis nur noch die unbestechliche schwarze Erde zurückbleibt. Es ist wie ein Zeichen der Hoffnung, findet sie, ein Vorgefühl, dass alles gut werden wird.

Während sie weiterfährt, hebt sie ihr Gesicht der Sonne entgegen, badet in der angenehmen Wärme und denkt an Max als kleinen Junge. Ein ganz spezieller Nachmittag kommt ihr in den Sinn. Auf der Farm ihres Vaters in Wisconsin, kurz vor dessen Tod. Danielle wiegte sich sanft in der Verandaschaukel und beobachtete, wie die Sonne die Luft in schimmerndes Gold verwandelte.

Während sie immer tiefer in den abgenutzten Kissen versank, kletterte Max auf ihren Schoß. Sie waren den ganzen Morgen geschwommen und dementsprechend müde. Max schlang seine Arme fest um ihren Nacken und verfiel in einen tiefen Schlaf, wie er für kleine Jungen typisch ist. Sie atmete den berauschenden Duft der Magnolien um sich herum ein – die Blüten waren so voll und schwer, dass sie bald auf das satte grüne Gras darunter fallen würden. Ihr Duft vermischte sich mit der Essenz ihres Sohnes – eine Kombination aus Jungenschweiß, sonnenverbrannter Haut und würzigem Aroma. Als sie ihn fester an sich drückte, spürte sie, wie sein Herz im Gleichklang mit ihrem schlug. Mit geschlossenen Augen gab sie sich diesem perfekten Moment zwischen Mutter und Sohn hin – er war so intensiv, dass sie nicht sagen konnte, ob es sich um schreckliche Traurigkeit oder helle Freude handelte. So würde es immer zwischen ihnen sein, dachte sie in jenem Augenblick. Nichts, schwor sie, würde sie jemals auseinanderreißen.

In diesem Moment schaut sie auf und sieht das weiße, geschwungene Tor. Sie entdeckt auch das verwitterte Schild. Verblichene schwarze Buchstaben, die sich gegen den blauen Himmel abheben.

Maitland, steht auf dem Schild, das in der sanften Brise schaukelt.

Maitland, Psychiatrische Klinik.

3. KAPITEL

Danielle und Max sitzen in einem Raum mit leuchtend orangefarbenen Wänden und sehen zu, wie der Leiter der Gruppe einen Kreis aus blauen Plastikstühlen aufbaut. Der Fußboden besteht aus einem schwarzweißen Linoleummuster und riecht nach Desinfektionsmitteln. Eltern und hilflose Teenager strömen widerwillig in das Zimmer hinein. Danielles Herz krampft sich schmerzhaft zusammen. Wie ist es möglich, dass sie sich mit Max an diesem Ort aufhält? Die Gesichter der Eltern spiegeln allesamt die gleiche hässliche Mischung aus Hoffnung und Angst, Resignation und Verleugnung wider – jedes einzelne erzählt seine ganz eigene tragische Geschichte. Sie wirken wie bereits verbrannte Opfer, die sich darauf gefasst machen, noch eine weitere Schicht Haut einzubüßen.

Max ist an ihrer Seite, wütend und verlegen, denn er ist alt genug, um ganz genau zu wissen, wo er sich gerade aufhält. Seit ihrer Ankunft hat er kein einziges Wort gesprochen. Er sieht so … jungenhaft aus. Seine Kleidung besteht aus einem übergroßen Poloshirt, zerknitterter Khakihose und Mokassins ohne Socken. Die Sportuhr, die er trägt, ist zu groß, ganz so, als hätte er sich die Uhr seines Vaters stibitzt. Ohne dass sie ihn darum gebeten hätte, hat er den leichten Oberlippenbart am Vorabend in New York abrasiert. Sein Mund ist eine schmale Linie, die ungefähr die Breite eines Bleistiftstriches hat. Es bleibt nur ein einziges äußeres Zeichen seiner Rebellion übrig – das kalte, hässliche Piercing an seiner Augenbraue.

In letzter Minute schwingt die Tür auf, und eine Frau stürmt herein, die einen Teenager an der Hand hinter sich her zerrt. Sie bleibt unvermittelt stehen, und ihr Blick überfliegt die Runde. Ihre blauen Augen bohren sich in die von Danielle. Sie lächelt. Danielle blickt sowohl nach rechts als auch nach links, doch niemand schaut auf. Die Frau kommt schnurstracks auf sie zu, setzt sich neben Danielle und zieht den Jungen auf den nächsten freien Stuhl. „Marianne“, wispert sie.

„Danielle.“

„Guten Morgen!“ Eine junge Frau mit wilden roten Haaren und einem Namensschild, auf dem „Nennen Sie mich Joan!“ steht, betritt die Mitte des Kreises. Ihre Stimme klingt wie Hagelkörner, die auf ein Blechdach regnen. „Das ist unsere Gruppensitzung, in der wir neue Patienten und ihre Eltern in Maitland willkommen heißen und, nun ja, unsere Gefühle und Sorgen teilen.“

Danielle hasst Gruppentherapien. Alles, was sie jemals „geteilt“ hat, kehrte wieder und trat sie in den Hintern. Verzweifelt blickt sie sich nach einem Schild um, das den Weg zum Ausgang weist. Sie braucht eine Zigarette – ganz dringend. „Nennen Sie mich Joan!“ Sie klatscht in die Hände. Zu spät.

„Wir fangen einfach irgendwo an und gehen dann im Kreis weiter“, sagt sie. „Stellen Sie sich vor und erzählen Sie uns, warum Sie hier sind. Denken Sie daran, dass alle Gespräche streng vertraulich behandelt werden.“

Die Geschichten sind herzzerreißend. Da ist Carla, die spindeldürre Kellnerin aus Colorado, die ihrem Sohn liebevolle Blicke zuwirft, während sie berichtet, wie er ihr das Handgelenk gebrochen und ihr Auge blau geschlagen hat. Als Nächste ist Estelle an der Reihe, eine elegante schwarze Großmutter, die sanft die Hand ihrer puppenhaften Enkelin hält, deren pinkfarbenes Taftkleid die hässlichen, wulstigen Narben auf den kaffeebraunen Beinen nur unzureichend bedeckt.

„Selbst zugefügt“, flüstert Marianne. „Die Mutter ist davongelaufen – sie konnte es nicht mehr ertragen.“

Joans stechende Augen suchen nach einem Opfer und saugen sich an Danielle fest. Die versteift sich.

Marianne tätschelt Danielles Hand und meldet sich schnell zu Wort. „Ich mache weiter.“ Ihre Stimme klingt wie sanfter Honig. „Mein Name ist Marianne Morrison.“

Danielles Seufzer hallt durch den Raum. Sie lehnt sich zurück und versucht, ihren Arm um Max zu legen, doch der schüttelt ihn ab. Also betrachtet sie die Frau, die sie gerettet hat.

Marianne wirkt wie eine frische Blüte. Die Falten ihres weinroten Rocks sind ganz akkurat und bilden einen perfekten Kreis über ihren Knien. Die schimmernde Bluse reflektiert den Glanz einer eleganten Perlenkette und lenkt den Blick auf den schlichten Goldring an ihrer linken Hand. Ein blonder Pagenschnitt umrahmt das ovale Gesicht. Das makellose Make-up spiegelt die Sorgfalt wider, die allen Südstaatenfrauen zu eigen zu sein scheint. In Mariannes Fall betont es die Apartheit ihrer Züge, vor allem die vollen Lippen und die intelligenten blauen Augen. Neben dieser Frau ist sich Danielle ihres eigenen strengen schwarzen Hosenanzugs, der dunklen Haare und blassen Haut überdeutlich bewusst. Sie trägt weder Schmuck noch Uhr oder Make-up. In Manhattan sieht man ihr sofort an, dass sie eine Karrierefrau ist. Neben Marianne kommt sie sich wie eine Sargträgerin vor. Sie blickt hinunter. Die Tasche neben Mariannes Stuhl quillt beinahe über vor praktisch aussehenden Dingen. Danielles Gefühl der Unzulänglichkeit verstärkt sich – etwa so, wie wenn eine der Mütter an Max’ Grundschule eine selbst gefertigte Decke mit allen Handabdrücken der Kinder zur Schulversteigerung mitbrachte und Danielle stattdessen Geld gespendet hatte.

„Das ist mein Sohn Jonas.“ Als er seinen Namen hört, schüttelt der Junge den Kopf und blinzelt heftig. Er bewegt unaufhörlich die Hände. Mit den Fingernägeln kratzt er über vernarbte Striemen auf seinen Armen. Instinktiv schiebt Danielle die Ärmel ihrer Bluse weiter hinunter. Jonas wiegt sich vor und zurück und testet dabei die Gummistopper des Stuhls, die laut über den Fußboden quietschen. Währenddessen gibt er sanfte, leicht grunzende Laute von sich – unablässige Bewegung und Geräusche.

„Was gibt es über mich zu sagen? Ich stamme aus Texas und habe lange Jahre als Kinderkrankenschwester gearbeitet.“ Das überrascht Danielle nicht. Doch was als Nächstes kommt, erstaunt sie schon sehr.

„Genau genommen habe ich Medizin studiert, aber den Beruf nie ausgeübt.“ Sie deutet mit dem Kopf auf ihren Sohn. „Ich habe mich dazu entschlossen, zu Hause zu bleiben und mich um meinen Jungen zu kümmern. Das ist das Wichtigste, was es zu mir zu sagen gibt.“ Sie faltet die Hände und zeigt das vielleicht schönste Lächeln, das Danielle je gesehen hat. Ihre gewinnende Art ist einfach ansteckend. Alle Eltern lächeln und nicken ihr zu.

„Bei Jonas wurden eine verlangsamte Entwicklung und Autismus diagnostiziert, und er kann nicht wirklich sprechen.“ Marianne tätschelt das Knie des Jungen. Er zeigt keine Reaktion darauf. Sein Blick schwirrt in dem Raum umher, während er weiterhin vor und zurück schaukelt und sich heftig kratzt. Die Haut seiner Arme ist bereits so rot wie gefrorene Cranberries. „Schon als kleiner Junge hat er sich so verhalten“, fährt sie fort. „Natürlich ist es unheimlich schwierig, der Herausforderung gerecht zu werden, die die Bedürfnisse unserer Kinder an uns stellen, aber ich gebe mein Bestes mit Gottes Hilfe.“ Während sich mitfühlende Blicke der Eltern auf sie richten, erstrahlt Marianne wie ein bunter Regenbogen nach einem kräftigen Schauer. „Sein Vater – nun, er lebt nicht mehr, Friede seiner Seele.“ Sie schlägt die Augen nieder. „Vor Kurzem ist Jonas gewalttätig geworden, und er fügt sich selbst Verletzungen zu. Ich möchte, dass er die bestmögliche Behandlung erhält. Deshalb sind wir hier.“

Nachdem sie zu Ende gesprochen hat, beginnen alle zu applaudieren, allerdings nicht zu sehr. Es ist beinahe wie in einem klassischen Konzert. Ein- oder zweimal gilt als höflich. Mehr wäre jedoch nicht mehr respektvoll. Marianne flüstert Jonas etwas in einer Art Babysprache ins Ohr. Daraufhin wirbelt er herum und schlägt sie mit der flachen Hand so hart ins Gesicht, dass sie beinahe vom Stuhl fällt.

„Jonas!“, schreit Marianne. Sie bedeckt ihre hochrote Wange mit einer Hand, so als wolle sie auf diese Weise weitere Schläge abwehren. Ein Pfleger taucht auf, zerrt Jonas vom Stuhl hoch und biegt ihm beide Arme auf den Rücken.

„Nomomah! Aaahhnomomah!“ Der Pfleger stößt ihn grob auf den Stuhl hinunter und hält seine Hände eisern fest, bis er wieder ruhig ist. Alle sitzen stumm und gebannt da. Sobald er losgelassen wird, beißt sich Jonas so heftig in die Fingerknöchel, dass Danielle entsetzt zusammenzuckt.

Marianne wirkt untröstlich. Die Fassade ihres Optimismus hat einen deutlichen Kratzer abbekommen. Danielle beugt sich zu ihr herüber und zieht sie unbeholfen an sich, während die Frau in ihren Armen herzzerreißend schluchzt. Normale Mütter sind sich gar nicht bewusst, was für ein unendliches Glück ihnen zuteilwurde. Ein Kind zu haben, das über einen Freundeskreis verfügt, zur Schule geht und einer strahlenden Zukunft entgegenblickt – das sind die Träume von Menschen, zu denen sie und diese Frau nicht mehr gehören. Sie fühlen sich abgeschnitten, auf derart elementare Bedürfnisse zurückgestutzt, dass ihre ursprünglichen Hoffnungen und Erwartungen für ihre Kinder nun absolut habgierig wirken – kleinkariert und gewinnsüchtig, ja beinahe bösartig. Ihre einzige Hoffnung besteht in geistiger Gesundheit. Manche wagen es sogar, von Frieden zu träumen. Während Danielle die verzweifelte Frau fester in die Arme schließt, weiß sie, dass die Kommunikation zwischen ihr und dieser Fremden tiefer geht als jedes Sakrament. Sie fühlt die Unantastbarkeit dieser Verbindung, ganz gleich wie entfremdet und beraubt sie sich vorkommen. Es ist alles, was sie haben.

„Sicherheitsstation. Kein Zutritt für Unbefugte. Kein Verlassen ohne Ausweis.“ Danielle starrt in die schwarzen, gnadenlosen Augen einer der vielen Tag und Nacht laufenden Überwachungskameras. Beim Orientierungsrundgang haben sie erfahren, dass diese Kameras in allen Patientenzimmern und in den allgemeinen Aufenthaltsräumen angebracht sind. Sie sollen das Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Es ist später Nachmittag. Danielle steht am Empfang, doch Max hält sich zurück. Er hat furchtbare Angst. Danielle kann es spüren. Je verängstigter ein Teenager ist, desto mehr gibt er vor, alles sei ihm gleichgültig. Max wirkt so, als langweile er sich zu Tode.

Danielle kann es ihm nicht verübeln. Als die Gruppensitzung endlich vorbei war, hätte sie sich am liebsten die Kehle durchgeschnitten.

„Miss Parkman?“ Die Schwester winkt sie mit einem breiten Lächeln zu sich herüber. „Sind Sie so weit?“

Oh, sicher. Sie kommt sich wie eine Holocaust-Mutter vor, die im Lager von ihrem Neugeborenen getrennt wird. Sie strafft die Schultern. „Ich wohne in dem Hotel quer über die Straße – Zimmer 630. Können Sie mir sagen, wie die Besuchszeiten sind?“

Das Lächeln der Schwester verblasst. „Sie fahren morgen nicht ab?“

„Nein, ich bleibe so lange, bis ich meinen Sohn wieder mit nach Hause nehmen kann.“

Jetzt erstirbt das Lächeln endgültig. „Wir ermutigen die Eltern nicht dazu, während der Diagnosefindung zu Besuch zu kommen. Die meisten reisen ab und lassen uns unsere Arbeit machen.“

„Nun“, entgegnet Danielle, „dann werde ich wohl die Ausnahme sein.“

Die Schwester zuckt die Achseln. „Wir haben alle nötigen Daten, insofern können Sie mit Dwayne zur Fountainview-Station zurückgehen.“ Der riesige Pfleger, der Marianne zu Hilfe geeilt war, als Jonas sie geschlagen hat, taucht auf. Er ist ganz in Weiß gekleidet. Seine Brust ist so breit, dass der Stoff spannt. Während er auf sie zukommt, denkt Danielle unwillkürlich an Football-Spieler, schwergewichtige Wrestler – in jedem Fall Männer mit einem anormal hohen Testosteron-Level. Sie blickt auf ihren blassen Jungen, der kaum etwas wiegt, und stellt sich vor, wie dieser Mann ihn auf den Boden drückt. Falls Max ausbricht, wird dieser Kerl ihn am Schlafittchen packen und ihn wie einen jungen Hund den Gang hinunterschleifen.

„Hallo, ich bin Dwayne.“ Seine ausgestreckte Hand ist breiter als Danielles Oberschenkel.

„Hallo.“ Sie ringt sich ein ganz kleines Lächeln ab. Dwayne ergreift ihre Hand, die zwischen seinen Pranken verschwindet. Im nächsten Moment lässt er sie wieder los.

Er wendet sich an Max. „Nun komm schon, Buddy.“

Danielle tritt einen Schritt vor, um ihn zu umarmen, doch Max geht mit erhobener Faust und wütendem Gesichtsausdruck auf sie los. „Da kriegen mich keine zehn Pferde rein!“

Dwayne tritt sofort dazwischen. Mit einer fließenden Bewegung zieht er Max’ Arme nach vorn, schlüpft hinter ihn und umschlingt Max’ gesamten Körper mit seinen massigen Armen. Die ausgeprägten Muskeln treten dabei nicht einmal hervor. Max zappelt und strampelt, um loszukommen. „Nehmen Sie Ihre dreckigen Hände von mir!“

„Gib auf, Junge“, knurrt Dwayne.

Max wirft Danielle einen hasserfüllten Blick zu. „Das ist es, was du willst? Dass so ein Arschloch mich in eine Zwangsjacke steckt und wegsperrt?“

„Nein – natürlich nicht …“, stammelt sie. „Bitte, Max …“

„Fick dich!“

Danielle steht wie angewurzelt da, während Dwayne Max den Gang hinunterzerrt. Sie erreichen eine bedrohlich aussehende rote Tür, die erst summt, sich dann öffnet und sie im nächsten Moment verschluckt. Ihr letzter Blick auf Max’ verzerrtes Gesicht brennt sich in ihr Gedächtnis ein. Er hat sie mit den verwundeten Augen eines alten Pferdes angeschaut, das vor dem Tor zum Abdecker steht. Bevor sie die Worte äußern kann, die sie innerlich zu ersticken drohen, ist er auch schon verschwunden.

Am anderen Ende eines offensichtlichen Fernsehzimmers halten sich vier Frauen in Jeans und T-Shirt auf – Undercover-Schwestern in lässiger Tarnung. Eine große weiße Tafel hängt an der Wand. Es beunruhigt sie, dass Max’ Name bereits daraufsteht, zusammen mit einigen unheilvollen Abkürzungen – „AT, SVT, ST, ET, DT.“ Die schwarzen Buchstaben wirken so endgültig, so unabänderlich. Sie wirft einen raschen Blick auf den Computerausdruck, der ebenfalls an der Tafel hängt. „AT – Angriffstendenz, SVT – Selbstverletzungstendenz, ST – Selbstmordtendenz, FT – Fluchttendenz, DT – Depressionstendenz.“ Die Worte durchschneiden ihr Herz wie ein Messer.

Danielle schaut sich im Raum um und bemerkt, dass Marianne mit einem älteren Doktor redet. Sie wirft Danielle ein warmes Lächeln zu. Jonas nestelt an seinen Kleidern herum und zuckt auf merkwürdige Weise mit den Füßen, so als würde er einen Flamenco im Sitzen tanzen. Dann sieht sie, wie Carla und ihr Sohn in einem der Schlafzimmer verschwinden. Ihr Herz sinkt. Sie würde alles dafür geben, um Max davor zu bewahren, in derselben Station mit einem Jungen zu sein, der seiner Mutter den Arm bricht und ihr Auge blau schlägt.

Eine ältere Frau mit kurzem weißem Haar betritt den Raum und kommt auf Danielle zu. Sie verströmt eine Aura ruhiger Autorität. Sie trägt einen konservativen marineblauen Hosenanzug und dunkle, flache Schuhe. Die Augen hinter den goldgefassten Brillengläsern funkeln jadegrün. Ihr Arztkittel ist blendend weiß. Das rot gefasste Namensschild weist sie als Stellvertretende Direktorin der Jugendpsychiatrie im Maitland Hospital aus. Lächelnd streckt sie Danielle die Hand entgegen. „Miss Parkman?“

„Ja?“

„Ich bin Dr. Amelia Reyes-Moreno“, stellt sie sich vor. „Ich werde die für Max hauptsächlich zuständige Ärztin sein, während er hier ist.“

„Es freut mich, Sie kennenzulernen.“ Danielle starrt die Ärztin an, während sie deren Hand schüttelt. Ihre langen, feingliedrigen Finger fühlen sich kühl an. In dem Blick der Frau sind Intelligenz und scharfe Beobachtungsgabe sofort erkennbar. Dank ihrer Recherchen weiß Danielle, dass Reyes-Moreno zu Maitlands hervorragendsten Psychiaterinnen zählt, die es in ihrem Fachgebiet zu nationaler Anerkennung gebracht hat. Sie blickt zu dem alten Doktor und Marianne hinüber. Seine faltigen Hände mit den deutlich sichtbaren Venen sind gefaltet, während er ihr zuhört. Beide lächeln. Danielle will ihn. Jemand, der so alt wie Freud zu sein scheint, einen Blick auf Max wirft und ausruft: „Natürlich! Ich erkenne ganz deutlich, was alle anderen übersehen haben. Max wird gesund, einfach gesund.“ Dann nickt er weise und geht weiter, um seine nächste Wunderheilung zu vollbringen.

Dr. Reyes-Moreno fasst nach dem Arm eines jungen, dunkeläugigen Mannes, der wie eine Tuschezeichnung von Ichabod Crane aussieht. „Dr. Fastow“, sagt sie, „macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Sie Miss Parkman vorstelle? Sie ist die Mutter eines unserer neuen Patienten – Max.“

Er nickt kurz und fixiert Danielle mit einem milchigen Blick. „Miss Parkman.“

„Dr. Fastow ist unser neuer Psychopharmakologe“, erklärt Reyes-Moreno. „Er ist gerade aus Wien zurückgekehrt, wo er die letzten zwei Jahre damit verbracht hat, eine vielversprechende klinische Studie zu verschiedenen psychotropischen Medikamenten durchzuführen. Wir sind sehr stolz, ihn für uns gewonnen zu haben.“

Danielle ergreift die Hand, die er ihr entgegenstreckt. Sie ist kalt und trocken. „Dr. Fastow, haben Sie vor, Max’ Medikamentenplan erheblich zu verändern?“

Seine grauen Augen wirken beinahe durchscheinend. „Ich habe mir Max’ Patientenakte angesehen und umfangreiche Blutuntersuchungen angeordnet. Ich habe vor, seine jetzigen Medikamente zu streichen und sie durch solche zu ersetzen, die ihm meiner Ansicht nach wesentlich besser helfen werden.“

„Was für Medikamente sind das?“

„Diese Informationen werden wir Ihnen geben, sobald wir besser mit Max und seinen Symptomen vertraut sind.“ Er schenkt ihr einen weiteren kühlen Blick und wendet sich dann zum Gehen.

Von seinem barschen Verhalten abgeschreckt, wendet sich Danielle an Reyes-Moreno, die beruhigend nickt. „Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden uns gut um ihn kümmern.“ Danielle verfällt in Panik, als sie sieht, wie Reyes-Moreno durch die verhängnisvollen Türen von Alcatraz verschwindet. Nur die nicht zu leugnende Wahrheit – dass Max sich umbringen will – hält sie davon ab, durch diese Türen zu stürmen und mit ihm zurück nach New York zu flüchten. Sie holt tief Luft. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als zum Hotel zurückzukehren und zu arbeiten. Sie wendet sich zum Gehen.

„Wer sind Sie?“ Ein muskulöses Mädchen mit dicken, fettigen Haaren steht mit geballten Fäusten vor ihr.

Danielle versucht, an ihr vorbeizugehen, doch das Mädchen versperrt ihr den Weg wie ein massiver Innenverteidiger. „Ich bin … eine Mutter.“

„Ich bin Naomi.“ Sie verengt die Augen wie ein Vogel, dessen Nest in Gefahr ist. „Sind Sie die Mom von diesem neuen Jungen?“

„Ja.“

„Er ist ein richtiger Rotzbengel. Das sehe ich auf den ersten Blick.“ Sie schiebt die Hüften vor und zurück und feixt dabei. „Er sollte mir besser aus dem Weg gehen, das ist alles. Ich bin gefährlich.“

Danielle blinzelt, sie steht da wie angewurzelt. „Was meinst du …“

„Ich schneide Leute.“

„Was?“

Naomi wickelt sich eine ölige Haarsträhne um den Finger und enthüllt dabei eine wulstige Narbe am Hals, die ungefähr so groß ist wie eine fette Raupe. „Ich übe an mir selbst.“ Sie lässt die schmierige Strähne an ihren Platz zurückfallen. Schwarze Schmutzflecke unter ihren Augen sehen wie heftige Blutergüsse aus und bilden einen merkwürdigen Kontrast zu ihren hellen Augen und der grauen Haut. Danielle hegt nur einen Gedanken. Dieser Dämon wird jeden Tag mit Max zusammen sein.

„Grenzen, Naomi.“ Es ist der riesenhafte Dwayne. Er schiebt sich zwischen Danielle und Naomi und zeigt mit einem langen Finger den Gang hinunter. „Beweg dich.“

„Yeah, schon gut, Duhwayne.“ Ihre Augen glitzern wie die eines Waschbären in der Dunkelheit. „Warum bewegst du dein beschissenes Gesicht nicht aus meinen Grenzen heraus, okay?“

„Geh in dein Zimmer. Du weißt ja, wie’s läuft.“ Dwayne verfügt über die härteste sanfte Stimme, die Danielle je gehört hat.

„Fick dich.“

„Eine Stunde. Ganz allein.“

Naomi schleicht den Gang hinunter.

Dwayne dreht sich mit einem breiten Grinsen zu Danielle um. „Willkommen in Fountainview, Mom.“

4. KAPITEL

Danielle verbringt einen anstrengenden Morgen in der Klinik, an dem sie Reyes-Moreno die gesamte Lebensgeschichte ihres Sohnes erzählt. Das erschöpft sie derart, dass sie zum Hotel zurückkehrt, ihre Kleider auszieht und zwischen die billigen Laken schlüpft – wie eine Nutte in ihrer Mittagspause. Marianne, die in demselben Hotel wohnt, hat sie vor zwanzig Minuten geweckt und aufgescheucht, um mit ihr ins Olive Garden auf der Hauptstraße zu fahren.

Danielle nimmt auf der Kunstlederbank Platz, die laut quietscht. Der Olive Garden ist vielleicht das einzige Restaurant in Plano, das Wein serviert, der auch über einen Namen verfügt und nicht nur unter Rot oder Weiß gelistet ist. Zu ihrer Erleichterung stellt Danielle fest, dass es richtige Messer und Gabeln gibt – nicht das Plastikbesteck aus Maitland, das Selbstmordversuche verhindern soll. Die Kellnerin nimmt ihre Getränkebestellung auf und verschwindet dann.

Danielle wirft einen raschen Seitenblick auf Mariannes Outfit. Sie trägt einen schicken marineblauen Hosenanzug mit cremefarbener Bluse. Ein transparenter Schal im Paisley-Muster ist lose um ihren Hals geschlungen und wird von einer schlichten Goldnadel an seinem Platz gehalten. Ihr blondes Haar ist frisch frisiert. Die kurzen Fingernägel sind in einem hellen Beige lackiert, das hervorragend zu ihrer Handtasche passt. Marianne wirkt in ihrer Weiblichkeit unglaublich souverän und gelassen. Danielle blickt auf ihren eigenen Hosenanzug. Ist eigentlich alles, was sie besitzt, schwarz?

Sie unterhalten sich über die Behinderungen und psychischen Störungen ihrer Söhne, über ihre Medikation und über Maitland. Danielle erfährt, dass Jonas an einer tief greifenden Entwicklungsverzögerung (PDD) und einer Aufsässigkeits-Trotz-Störung (ODD) leidet und dass er extrem autistisch ist. Die Aussicht, voreilig private Informationen über Max preisgeben zu sollen – ein wahres Gräuel für jede New Yorkerin – führt dazu, dass Danielle kaum etwas sagt. Sie gibt zwar zu, dass Max Asperger hat, verrät aber nicht, dass Reyes-Moreno ihr Möglichstes getan hat, um sie davon zu überzeugen, nach New York zurückzukehren, bis die medizinische Beurteilung abgeschlossen ist. Die Ärztin beruft sich auf den erforderlichen „Prozess“ – Beobachtung, Übertragung, Medikation, Überprüfung – was scheinbar alles nicht effektiv vonstattengehen kann, solange Danielle zugegen ist. Man drängt sie inständig, ihren Entschluss, während dieser Phase anwesend zu sein, zu überdenken. Danielle lächelt dazu immer nur höflich, hegt insgeheim jedoch keineswegs die Absicht, abzureisen.

Während Marianne sich weiterhin in ihrer Litanei medizinischer Details ergeht, die nur Mütter solcher Kinder halbwegs interessant finden, schnappt Danielle etwas auf, was ihre Aufmerksamkeit weckt. „Was hast du gesagt?“

Marianne schlägt eine rote Serviette auseinander und breitet sie auf ihrem Schoß aus. „Ich habe von einem neuen Medikament gesprochen, das dieser Überflieger von einem Psychopharmakologen namens Dr. Fastow Jonas verschrieben hat. Ich verspreche mir wirklich viel davon, selbst wenn die potenziellen Nebenwirkungen gravierend sind.“

„Was für Nebenwirkungen?“

Marianne zuckt die Schultern. „Leberschädigungen, Herzprobleme, motorische Störungen.“

Danielle ist besorgt. Längere Einnahme bestimmter Antipsychotika – selbst der neuesten Produkte – kann zu dauerhaften körperlichen Problemen führen, wie zum Beispiel irreversibler Steifheit der Extremitäten. Danielle stellt sich Max mit permanent herausgestreckter Zunge vor wie bei einem absurden Hohngelächter oder mit einem Arm, der im merkwürdigen Winkel zu seinem Körper absteht. „Hast du denn überhaupt keine Angst?“

Marianne lässt ihren Finger zu den Hauptspeisen auf der Karte hinuntergleiten. „Nicht wirklich. Wenn man diesen Level erreicht hat, ist es wichtig, Risiken einzugehen.“

Danielle ist sich nicht sicher, was sie damit meint. Vielleicht befindet sich Max nicht auf demselben Level – welcher auch immer das ist.

„Nun sag schon“, fährt Marianne fort. „Ist Max jemals gewalttätig gewesen? Ich weiß, dass das ein Problem bei vielen unserer Jungs ist.“

Danielle spürt, wie sie rot wird. „Nein, nicht wirklich. Nur ein paar kleinere Vorkommnisse an der Schule.“ Und die Schläge auf ihre Arme.

Marianne drückt Danielles Hand. „Ist schon okay. Jonas ist auch gewalttätig, nur dass er zumeist sich selbst Schmerzen zufügt. Du weißt schon, er zerkratzt sich die Arme, beißt sich in die Fingerknöchel – manische Verhaltenszüge.“ Sie zuckt die Schultern. „Jonas hat seit seiner Geburt derart ernstzunehmende Probleme gehabt, dass es schon an ein Wunder grenzt, überhaupt so weit gekommen zu sein. Als Säugling war er zyanotisch – er ist immer blau angelaufen, weißt du. Ich musste Tag und Nacht neben ihm schlafen. In dem einen Augenblick ist noch alles in Ordnung, und im nächsten hat er plötzlich ein violettes Gesicht und ist so kalt wie Eis. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viele Nächte ich in der Notaufnahme verbracht habe.“ Sie schaut auf. „Das ist nicht unbedingt ein geeignetes Thema für eine Unterhaltung bei Tisch – tut mir leid.“

„Nein, nein, das muss es nicht. Wie oft kannst du ihn besuchen? Ich darf immer nur kurz morgens und nachmittags zu Max.“

Mariannes Augen weiten sich. „Du machst Witze, oder?“

Danielle runzelt die Stirn. „Nein, Max’ Psychiaterin behauptet, dass alles andere seine Beurteilung stört.“

„Nun, Dr. Hauptmann erlaubt mir uneingeschränkten Zugang.“

„Dr. Hauptmann?“

„Du hast ihn gestern mit mir zusammen gesehen.“ Marianne schaut sie überrascht an. „Er ist der führende Jugendpsychiater des Landes. Ich bin sicher, du hast Nachforschungen zu allen Ärzten hier angestellt, genauso wie ich.“ Marianne nimmt lächelnd ein Glas Weißwein von der Kellnerin entgegen. „Dr. Hauptmann und ich stehen schon seit einiger Zeit in Kontakt, und er befürwortet, dass ich eine aktive Rolle in der Beurteilung spiele.“ Wieder zuckt sie die Achseln. „Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass ich selbst Ärztin bin. Wir reden über Dinge, die er nicht mit jedem Elternteil diskutieren kann. Wenn es nach dem Krankenhauspersonal ginge – vor allem dieser Schwester Kreng – würde ich Jonas nie zu Gesicht bekommen.“

Danielle spürt die Wirkung des Weins. Sie setzt sich zurück, entspannt sich. „Woher kommst du, Marianne?“

„Ich wurde in einer Kleinstadt in Texas geboren. Mein Vater war Rancher.“ Marianne lacht, als sie Danielles hochgezogene Augenbrauen bemerkt. „Er sagte immer, ich wäre wie seine Rinder. Frühreif, gutes Schlachtmaterial und festes Fleisch. Damit ich nicht mit einem der Harper-Jungs im Heuhaufen endete, hat er mich auf die Universität von Texas geschickt. Nach meinem Abschluss habe ich mich an der medizinischen Fakultät beworben und bin angenommen worden.“

„Wo?“ Danielle kann es nicht lassen. Eine gute Ausbildung bedeutet ihr viel.

„Johns Hopkins.“

„Das ist beeindruckend.“

Marianne wirft ihr einen amüsierten Blick zu. „Auch Südstaatenfrauen haben Grips, weißt du.“

Danielle errötet. „Was ist eigentlich aus deinem Wunsch, Ärztin zu werden, geworden?“

„Ein Monat bevor Jonas zur Welt kam, erlitt mein Mann Raymond einen massiven Herzinfarkt und starb.“

Danielle ergreift ihre Hand. „Wie schrecklich für dich.“

Marianne erwidert den Händedruck. „Danke. Es war wirklich hart, aber ich hatte Jonas. Er war der reine Segen.“ Danielle nickt, kann sich jedoch den Gedanken nicht verkneifen, wie gesegnet sie sich wohl gefühlt hätte, wenn ihr Mann unmittelbar bevor sie ein solch behindertes Kind zur Welt bringt, gestorben wäre.

„Als mir klar wurde“, fährt sie fort, „wie schwierig es mit Jonas werden würde, wusste ich sofort, dass ich meinen Traum, Ärztin zu werden, aufgeben musste. Diesen Weg hätte ich nicht rechtfertigen können. Nicht, wenn es bedeutet hätte, meinen Sohn der Obhut eines Fremden zu überlassen – egal wie qualifiziert der auch sein mochte.“ Sie lächelt die Kellnerin an, die gerade die Vorspeisen serviert. Nachdem sie gegangen ist, wirft Marianne Danielle einen Blick aus ihren wundervollen blauen Augen zu. „Deshalb habe ich Teilzeitjobs als Kinderkrankenschwester angenommen. Es war zwar nicht einfach, aber es ermöglichte mir die Flexibilität, die ich brauche.“

Danielle sucht nach etwas Sinnvollem, was sie darauf erwidern kann. Ihr Respekt für Marianne ist angesichts dieser schlichten Geschichte von Selbstaufopferung und Liebe immens gewachsen. Sie selbst verspürt ein schlechtes Gewissen. Ob Max all diese Probleme auch dann hätte, wenn sie zu Hause geblieben wäre? Sie schaut Marianne an. Egal welche Schwierigkeiten sie auch mit Max hat – im Vergleich zum Schicksal dieser armen Frau sind sie Kinkerlitzchen.

Ihre Bestürzung muss sich auf ihrem Gesicht abgezeichnet haben, denn nun ist es Marianne, die Danielles Hand tätschelt. „Es ist nicht so schlimm. Wir alle haben unsere Bürden und Freuden.“

„Ich möchte nur, dass du weißt, wie sehr ich dich bewundere“, sagt Danielle leise. „Du wirkst so stark und – ausgeglichen.“

„Du bist stärker, als du glaubst.“ Marianne schenkt ihr ein strahlendes Lächeln. „Und wir werden großartige Freundinnen werden – das weiß ich jetzt schon.“

Danielle erwidert das Lächeln. Vielleicht hat Marianne recht. Vielleicht braucht sie eine Freundin.

5. KAPITEL

Danielle schaut auf. Marianne fängt ihren Blick ein und lächelt. Sie sitzen in einträchtigem Schweigen in einem abgeschiedenen Bereich der Fountainview-Station, der sich „Familienzimmer“ nennt – Danielle hat noch nie eine größere Fehlbezeichnung gehört. Dennoch ist es der einzige Ort, an dem sie halbwegs ungestört und nicht dem täglichen Hin und Her von Schwestern und Patienten ausgesetzt sind. Es ist das einzige Refugium, in dem sie so tun können, als wäre alles normal. Danielle schließt für einen Moment ihren Laptop. Sie hätte schon längst einen Bericht an E. Bartlett Monahan schicken müssen, einen der Seniorpartner ihrer Anwaltskanzlei und ihre persönliche Nemesis. Er ist der Leiter der Zivilrechtsabteilung und Mitglied des Management-Teams – eines der fünf Machtzentren, die alle anderen beherrschen. „König Scheißkerl“, wie er von den Mitarbeitern genannt wird, ist achtundvierzig, Junggeselle und ein Frauenhasser. E. Bartlett – er besteht darauf, so angesprochen zu werden – ist der Ansicht, dass Frauen nicht die Eier haben, um erfolgreiche Prozessanwälte zu sein und schon gar nicht Partner der Firma. Frauen sind entweder Sekretärinnen, Mütter oder Ehefrauen und – wenn das Bedürfnis besteht – Bettgespielinnen, deren man sich nach Lust und Laune entledigen kann.

Ihre Abwesenheit hat er nicht besonders gut aufgenommen – nicht, dass sie auch nur einen Funken Verständnis von ihm erwartet hätte. Er verfügt über keinerlei Erfahrung mit Kindern, und er hat ganz sicher nicht den blassesten Schimmer, welche Bedürfnisse Kinder mit psychischen Störungen haben.

Sie reibt sich die Augen und überblickt die Szenerie. Marianne sitzt ihr gegenüber und scheint etwas Kompliziertes zu stricken, während Jonas ein Wollknäuel in Händen hält, das er regelmäßig hochwirft und wieder auffängt. Er murmelt unablässig vor sich hin und schüttelt den Kopf auf diese merkwürdige, rhythmische Weise, die Danielle mittlerweile als seinen Versuch, zu kommunizieren, erkennt. Marianne, die in einen makellosen weißen Hosenanzug mit Seidenschal gekleidet ist, scheint von Jonas’ Bemühungen nichts zu bemerken. Sie sitzt ruhig da und strickt. Danielle ist häuslichen Dingen immer aus dem Weg gegangen. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass Karrierefrauen es sich nicht erlauben können, als schwach oder zu weiblich wahrgenommen zu werden – zumindest nicht, wenn sie Prozessanwältin sind. Danielle selbst hat auf solche Frauen immer herabgeblickt, denn ihre Stellung kam ihr stets minderwertig vor. Während sie jetzt Marianne und Jonas beobachtet, deren Liebe und Hingabe ganz offensichtlich ist, errötet sie und bereut.

Sie kann ganz sicher nicht von sich behaupten, die beste Mutter der Welt gewesen zu sein – nicht, wenn Marianne der Maßstab ist. Im Gegensatz zu ihr hat Danielle nie auch nur in Erwägung gezogen, ihre Karriere aufzugeben, um sich ausschließlich um Max kümmern zu können. Sie hätte ohnehin nicht die Möglichkeit dazu gehabt, denn irgendwoher musste das Geld ja kommen. Dennoch. Sie dreht sich um und nimmt den Anblick von Max in sich auf. Furchtbar blass ist er, während er so ausgestreckt auf dem Sofa liegt und fest schläft. Jeder Außenstehende würde vermutlich nur die Distanz wahrnehmen, die zwischen ihnen besteht. Ihn so zu erleben, schneidet ihr ins Herz und öffnet der Panik Tür und Tor, die sie seit jenem Moment verspürt, als sie hier angekommen sind. Was stimmt nur nicht mit meinem Kind?

Ihr Handy vibriert. In Maitland sind Mobiltelefone verboten – vermutlich damit die Schizophrenen nicht glauben, dass sie mit Gott telefonieren, denkt sie. Seufzend sammelt sie Handy, Laptop und Handtasche ein und verlässt die Station. Draußen setzt sie sich auf eine weiße Betonbank, die so weit entfernt steht, dass Max sie nicht durch das Fenster sehen kann. Sie nimmt eine Zigarette aus der Schachtel, zündet sie an, inhaliert tief und berührt die diversen Apple-Icons, um die eingegangen Telefonate abzurufen. Mist. E. Bartletts Sekretärin. Noch einmal berührt sie den Bildschirm. Eine nasale Stimme verkündet, dass ihr Bericht spätestens morgen früh erwartet wird. Sie stöhnt. Das bedeutet eine weitere lange Nacht im Hotel mit unzähligen Bechern Kaffee.

Es ist ein wunderschöner Tag mit strahlendem Sonnenschein und tiefblauem Himmel. Danielle entspannt sich und genießt die Wärme, die sich wie eine goldene Decke über sie ausbreitet. Widerwillig zieht sie zum letzten Mal an der Zigarette. Gleich muss sie in an diesen sterilen, unnatürlichen Ort zurückkehren. Es ist die reinste Quälerei, nur dazusitzen und nichts tun zu können. Seufzend macht sie sich auf den Weg zurück zur Station. Eine der jungen Krankenschwestern lässt sie herein. Während sie den Korridor zum Familienzimmer entlanggeht, dringen ihr laute Schreie und heftiges Schluchzen entgegen. Mit pochendem Herzen reißt sie die Tür auf. Die Szene, die sie dort erwartet, ist der pure Irrsinn.

Dwayne, der riesenhafte Pfleger, drückt Max auf den Boden und hält ihn im Klammergriff, sodass er sich nicht rühren kann. „Geh runter von mir, du verdammtes Arschloch!“ Max zappelt, strampelt und schreit. „Wichser!“

Dwayne hält ihn ohne sichtbare Anstrengung fest. Seine Miene ist völlig ausdruckslos, so als hätte er es täglich mit wilden Tieren zu tun.

Naomi, deren fettiges schwarzes Haar hin und her fliegt, sieht sich einem jungen Krankenwärter gegenüber, der sie einzufangen versucht. Sie tritt ihm in die Eier. Stöhnend sinkt der Mann auf den Fußboden. Ein weiterer Pfleger, dieser älter und größer, tritt von hinten an sie heran und schlingt seine Arme um sie. Naomi reißt sich aber los und umtänzelt ihn, wobei sie kurze, schlagende Bewegungen mit den Händen vollführt. Ihre Stimme klingt krächzend. „Willst du dasselbe wie er? Dann komm her, du Schwachkopf!“ Sie gräbt die schwarz lackierten Fingernägel in die Handflächen, wirbelt herum und landet einen heftigen Tritt gegen seine Schulter. Auch dieser Pfleger ist unerbittlich, als er sie schreiend und zeternd den Gang hinunterschleift.

Jonas liegt bewusstlos auf dem Boden. Blut strömt aus einer Wunde an seiner Stirn. Marianne hockt neben ihm, wiegt seinen Kopf und gibt Wehlaute von sich. Schwester Kreng beugt sich über sie. „Treten Sie zur Seite, Mrs Morrison! Ich kann das Ausmaß seiner Verletzung nicht untersuchen, solange Sie nicht von ihm ablassen.“ Schluchzend lässt Marianne ihren Sohn los und bedeckt ihren Mund mit einer Hand.

Danielle eilt zu Max hinüber, während Dwayne aufsteht und ihn mit sich hochzerrt. „Miss Parkman“, sagt er ruhig, „ich bringe Max jetzt in sein Zimmer zurück.“

„Lass mich los, du Bastard!“ Max krümmt sich zusammen und tritt ihn mit der Ferse. Daraufhin verändert Dwayne lediglich leicht die Stellung, was Max erneut jeglichen Bewegungsspielraum nimmt.

Danielle packt Max’ Arm und hastet neben den beiden den Korridor entlang. Sie hört ihre eigene Stimme, die schrill und verzweifelt klingt. „Max! Was in aller Welt ist passiert?“

Max’ Kopf schnellt zu ihr herum. „Dieser Freak Jonas ist auf mich losgegangen – das ist passiert!“

„Was meinst du damit?“

„Ich habe auf der Couch geschlafen, und das Nächste, was ich bemerke, ist, dass dieser Typ seine Arme um mich geschlungen hat! Er hat nur bekommen, was er verdient hat!“

Entsetzen stiehlt sich in Danielles Herz. „Du hast ihn geschlagen? Max …“

„Lassen Sie es einfach gut sein, Miss Parkman“, schaltet sich Dwayne ein, der nun ob der Anstrengung, Max hinter sich herzuziehen, doch leicht keucht. „Ich muss ihn hier wegschaffen.“

Danielle sieht hilflos zu, wie er Max in sein Zimmer verfrachtet. Sie rennt zu Marianne zurück und bemerkt zum ersten Mal die leuchtend roten Blutflecken auf deren weißem Hosenanzug. Jonas liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Er wird halb von der Couch und dem Wohnzimmertisch verdeckt. Schwester Kreng hilft ihm mühsam hoch und drängt ihn auf das Sofa. Seine Augen öffnen sich kurz, zeigen Angst und Schrecken, und schließen sich sofort wieder.

„Jonas.“ Schwester Krengs Stimme ist laut und fest. „Mach die Augen auf.“ Augenblicklich gehorcht der Junge. „Jetzt schau auf meine Finger. Wie viele siehst du?“ Jonas’ verängstigter Blick richtet sich auf ihre Hand. Er schüttelt den Kopf, stöhnt und vergräbt sein Gesicht in Schwester Krengs üppiger Oberweite. Die schaut vorwurfsvoll zu Danielle hinüber. „Sehen Sie, was Ihr Sohn getan hat? Er hat diesen armen Jungen übel zugerichtet!“

Danielle kniet sich vor Jonas. Tränen glitzern in ihren Augen. „Oh, Jonas, es tut mir so leid … ich …“ Ihre Hand wird fortgeschlagen.

„Setzen Sie sich, Miss Parkman!“ Schwester Kreng schnauzt sie derart heftig an, dass sie sofort gehorcht und beinahe auf die Couch fällt. Drei besorgte Schwestern helfen Kreng dabei, Jonas in sein Zimmer zu bringen.

Marianne schluchzt und greift sich mit beiden Händen an den Hals. Sie ist so weiß, dass Danielle Angst hat, sie könne in Ohnmacht fallen. Sofort eilt sie an ihre Seite. „Marianne, oh Marianne – was kann ich sagen?“ Marianne wirft sich in Danielles Arme und weint herzzerreißend.

Schwester Kreng kehrt zurück, wirft einen vernichtenden Blick auf Danielle und legt eine Hand auf Mariannes Arm. Die schaut völlig benommen und verwirrt hoch. Kreng befreit sie aus Danielles Umarmung und schüttelt sie leicht an den Schultern. „Wir müssen ihn in die Notaufnahme bringen, Mrs Morrison.“ Marianne starrt sie verständnislos an. Kreng hebt die Stimme, so als wäre Marianne taub. „Er muss genäht werden. Machen Sie sich keine Sorgen. Der Krankenwagen ist schon auf dem Weg.“

Jetzt scheint Marianne allmählich zu sich zu kommen. „Sind Sie sicher? Kann ich ihn begleiten?“

Kreng schüttelt den Kopf. „Es ist besser, wenn Sie hier warten. Sie müssen sich sammeln, damit Sie ihn trösten können, wenn er zurückkommt.“ Ihr Kopf schnellt herum, und sie blickt Danielle an. „Vielleicht können Sie mit Mrs Morrison darüber reden, wer die Kosten für die Notaufnahme übernimmt.“

Danielle holt zitternd Luft. „Aber Schwester Kreng, was ist mit Max? Geht es ihm gut?“

Die Schwester wirbelt so heftig auf dem Absatz herum, dass ein lautes Quietschen entsteht. Ihr Blick ist mörderisch. „Natürlich. Er ist der Angreifer – nicht das Opfer.“ Sie geht zu einem weißen Schrank hinüber und öffnet ihn mit einem von etwa zwanzig Schlüsseln, die von dem Metallring an ihrem Gürtel baumeln.

„Aber kann ich nicht …“, stammelt Danielle.

„Nein, können Sie nicht“, unterbricht Kreng sie scharf. Rasch entnimmt sie dem Schrank ein kleines braunes Fläschchen mit irgendeiner ominösen Flüssigkeit. Dann greift sie nach einer Plastiktüte und reißt sie auf. Danielle beobachtet entsetzt, wie Kreng eine Spritze herausnimmt und hochhält, so als wolle sie sichergehen, dass die Nadel auch ja lang genug ist.

Danielles Augen weiten sich vor Schreck. „Was tun Sie da?“

Kreng ignoriert sie. Ungerührt steckt sie die Nadel in den Gummiverschluss der Flasche. Als sie fertig ist, hält sie die Spritze erneut hoch, tippt sie mit dem Fingernagel an und begutachtet sie. Erst danach dreht sie sich zu Danielle um. Ihre Worte sind kurz und knapp. „Ich verabreiche Ihrem Sohn ein Beruhigungsmittel, Miss Parkman. Er ist völlig außer Kontrolle geraten, weshalb ich sicherstellen muss, dass er keine weiteren Patienten auf der Station gefährdet. Er wird so lange auf seinem Zimmer bleiben müssen, bis er zu meiner Zufriedenheit bewiesen hat, dass er zu zivilisiertem Verhalten fähig ist. Auf jeden Fall darf er nicht mehr ohne Überwachung durch das Personal in die Gemeinschaftsräume.“ Ihre Augen funkeln so bösartig wie die einer Schlange, die zum Todesstoß ansetzt. Ihre weißen Absätze klacken laut auf dem Fußboden, als sie sich umdreht und geht.

Danielle ist der Verzweiflung nahe. Was ist mit Max geschehen? Ist er wirklich so gewalttätig geworden, dass er so etwas tun würde? Sie kann es nicht glauben, doch es lässt sich offensichtlich nicht leugnen, dass er den armen Jonas angegriffen hat. Marianne weint jetzt ganz ruhig und leise, eiskalte Tränen kullern über ihre Wangen. Sie hebt den Kopf und wirft Danielle einen flehentlichen Blick zu. „Oh, Gott, Danielle, du musst mir helfen. Versprich mir, dass du deinen Jungen von Jonas fernhältst.“ Sie starrt auf das Blut an ihren zitternden Händen. „Das ist ein Albtraum.“

Danielle drängt Marianne sanft auf die Couch hinunter, weit weg von der Stelle, an der Jonas gestürzt ist und sein Blut eine dunkle Lache auf den kalten weißen Fliesen hinterlassen hat. Sie bemüht sich sehr, ihrer Stimme nichts von der Angst und dem Entsetzen anmerken zu lassen, die sie empfindet. „Marianne, erzähl mir, was passiert ist.“

Marianne nickt und holt tief Luft. „Wir haben einfach hier gesessen. Ich nehme an, ich war durch meine Strickerei abgelenkt, denn ich habe nicht bemerkt, wie Jonas zu Max hinübergegangen ist. Er hat nur versucht, ihn zu umarmen, Danielle – ich habe es mit eigenen Augen gesehen!“

„Was hat Max getan?“

Marianne ringt die Hände im Schoß. Gequält blickt sie zu Danielle auf. „Er hat ihn geschlagen. Zuerst hat er ihn gegen den Couchtisch gestoßen, und dann hat er ihn geschlagen.“ Sie deutet auf den niedrigen Wohnzimmertisch, der nun in einem merkwürdigen Winkel zum Sofa steht. „Siehst du das? Siehst du Jonas’ Blut? Er ist mit dem Kopf auf die Kante geschlagen.“

Danielle zuckt zurück. Sie kann es immer noch nicht glauben. Sie kennt Max. Nie zuvor hat er einem anderen Menschen etwas zuleide getan. Ihr Herz sinkt. Nun gut, es gab ein paar Vorfälle an der Schule, aber das waren nur Hormonschübe. Als Danielle sich nach vorn beugt, um die zitternde Marianne erneut zu trösten, erfasst sie ein schrecklicher Gedanke. Ihr Junge ist wirklich völlig außer Kontrolle geraten. Sie kennt ihn nicht mehr – diesen gewalttätigen Fremden. Eine wilde, primitive Furcht bemächtigt sich ihrer. Wo ist mein Sohn? Ihr Herz flüstert ihr die Wahrheit zu. Er ist an einem Ort, an dem sie ihn nicht erreichen kann. Werde ich ihn jemals zurückbekommen?

6. KAPITEL

Am nächsten Morgen sitzen Danielle und Max auf einer Bank im Hof des Krankenhauses. Er wirkt noch immer angeschlagen von dem Monster-Beruhigungsmittel, das Schwester Kreng ihm verabreicht hat. Danielle legt einen Arm um seine Schulter und drückt ihn. Als er sie daraufhin ganz kleinlaut und scheu anblickt, ist sie davon überzeugt, dass er sein gestriges Verhalten furchtbar bereuen muss. Nach reiflicher Überlegung ist sie zu der Erkenntnis gekommen, dass diese abscheuliche Sache nur ein unglücklicher Zufall gewesen ist. Sie weiß, dass Max schreckliche Angst davor hat, er könnte genauso sein wie die anderen Patienten auf der Station, und Jonas ist, auch wenn es schmerzt, das zu sagen, das abschreckendste Beispiel, das man tagtäglich vor Augen haben kann. Danielle ist sicher, dass Jonas Max einfach überrascht und ihr Sohn eine Kurzschlussreaktion gezeigt hat. So muss es gewesen sein.

„Wie geht es dir, Sweetheart?“

Max löst sich aus ihrer Umarmung und dreht sich zu ihr um. Sein Gesicht wirkt blass und besorgt. „Ich fühle mich – komisch. Es ist, als wären die Dinge in meinem Kopf ein einziger Mischmasch.“

„Was meinst du damit?“ Sie bemüht sich, unbekümmert zu klingen.

Er macht die Schotten dicht. „Vergiss es. Es ist nichts.“

„Max, wir müssen darüber reden, was gestern passiert ist.“

Trotzig starrt er sie an. „Was ist damit?“

„Warum hast du Jonas angegriffen?“

Max wird rot. „Es war nicht meine Schuld! Der Typ ist auf mich losgegangen, während ich geschlafen habe. Ich habe ihn nur von mir weggestoßen, und da ist er gefallen. Er ist ein Freak – ständig starrt er ganz verträumt in die Welt hinaus und treibt alle in den Wahnsinn.“

„Aber Marianne sagt, du hättest ihn geschlagen.“

Max springt von der Bank auf und zeigt wütend mit dem Finger auf sie. „Dann ist sie eine gottverdammte Lügnerin!“

Danielle beschließt, das Thema zu wechseln. Auf diese Weise kommen sie nicht weiter. „Okay, Max. Komm, setz dich wieder hin.“

Er setzt sich tatsächlich, diesmal allerdings an das andere Ende der Bank, so weit weg von ihr wie möglich.

Danielle seufzt. „Geht es dir körperlich gut?“

Er zuckt die Achseln. „Ich schätze schon. Mir ist ein bisschen übel.“

„Das sind nur die neuen Medikamente.“ Ganz bewusst erwähnt sie das Beruhigungsmittel nicht. Kein Grund, einen weiteren Ausbruch zu riskieren. Sie tätschelt seinen Arm. „Der Arzt sagt, dass du dich in ein paar Tagen besser fühlen wirst.“ Max schnaubt verächtlich, lehnt sich zurück und schließt die Augen. Danielle holt tief Luft, dann stellt sie ihm die entscheidende Frage. „Fühlst du dich weniger … niedergeschlagen?“

Max öffnet die Augen gerade so weit, dass er sie düster anstarren kann. „Fang nicht damit an, Mom.“

Danielle nickt und bemüht sich, so zu wirken, als wäre alles in bester Ordnung. Sie dreht ihr Gesicht in die Sonne. Für eine Weile sitzen sie in einträchtigem Schweigen nebeneinander. Dann rückt Max näher an sie heran und legt eine Hand auf ihren Arm. „Mom?“

„Was ist, Honey?“

In seinen Augen spiegelt sich eine Furcht, die er nicht vor ihr verbergen kann, auch wenn er sich noch so große Mühe gibt. Sein Augenbrauen-Piercing wirkt besonders kalt und hässlich im Kontrast zu den dunklen Schatten, die unter seinen Augen liegen. „Dr. Reyes-Moreno sagt, dass sie heute einige Tests mit mir durchführen will – wenn ich nicht zu schläfrig bin.“ Er ist einen Moment still, die Hände hat er im Schoß gefaltet. Traurig blickt er sie an. „Wenn die Tests abgeschlossen sind, werden sie mir dann sagen, dass ich verrückt bin?“

Alles in ihr verkrampft sich, während sie sich verzweifelt bemüht, normal zu sprechen. „Du bist nicht verrückt.“

Max sackt in sich zusammen. Er weicht ihrem Blick aus. Danielle versucht, seine Hände zu ergreifen, doch er zuckt zurück. „Ja, klar“, murmelt er. „Deshalb bin ich ja auch hier. Ist dir mal aufgefallen, dass der Rest dieser Idioten irre ist? Ganz zu schweigen von dem Freak von gestern.“

Danielle kann nicht widersprechen, deshalb tut sie das, womit sie sich normalerweise in solchen Situationen behilft. Sie beschönigt. „Du bist anders als ...

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