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Muttergefühle und andere Sorgen

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PROLOG

Gib Coulter knabberte an einem rosigen Zeh und wurde mit lautem Lachen belohnt. „Habe ich dir jemals gesagt, wie schön du bist?“, fragte er und sah Lissa tief in die blauen Augen.

Sie seufzte wohlig.

„Ach, du hüllst dich in Schweigen? Ich bringe dich schon zum Reden.“ Er drückte die Lippen auf ihren Bauch und erzeugte ein prustendes Geräusch.

Lissa kreischte vor Vergnügen.

„So, der Spaß reicht für einen Windelwechsel. Jetzt suchen wir deine Mom.“ Gib legte sich das Baby über die Schulter, worauf es gar nicht mehr zu lachen aufhörte, und trug es die Treppe hinunter.

Laura Jason wartete mit Tränen in den Augen auf ihn.

„Keine Sorge, Laura, Sie kommen schon zurecht“, versicherte er und überreichte Lissa ihrer Mutter.

„Gehen Sie bitte nicht!“, flehte Laura. „Ich brauche Sie. Lissa braucht Sie.“

Laura war der Überzeugung gewesen, nicht für ihr Kind sorgen zu können, nachdem Lissa samt Laufhilfe die halbe Treppe hinuntergefallen war. Das Kind hatte sich nicht verletzt, aber Laura hatte von da an nur noch Angst gehabt. Gib war nun seit zwei Wochen bei ihr. Sie war eine gute Mutter, musste das aber erst selbst erkennen. Und darum ging er, ob sie weinte oder nicht.

Doch Gib konnte keine Frau weinen sehen, schon gar nicht, wenn er die Ursache war. Wäre es nicht schön gewesen, nur ein einziges Mal eine Klientin zu haben, die ihn wegschickte, weil sie ihn nicht mehr brauchte?

Jetzt war das allerdings nicht mehr so wichtig. Noch eine Klientin, damit er einen letzten Beitrag für das College seiner Schwester Sheila leisten konnte, und er hatte es hinter sich. Dann brauchte er nicht mehr anderer Leute Kinder zu versorgen. Seit zwölf Jahren verzichtete er schon auf ein eigenes Leben. Das reichte.

„Sie wussten von Anfang an, dass ich nicht bleiben kann“, erklärte er möglichst sanft. „Ich sagte Ihnen, dass der Abschied unvermeidlich ist.“

„Mir war aber nicht klar, wie sehr …“ Laura stockte. Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie drückte Lissa an sich, als sie ihm zur Tür folgte.

„Meinen Sie wirklich, ich würde gehen, wenn Sie ohne mich nicht zurechtkommen könnten? Leb wohl, Schätzchen.“ Er küsste Lissa auf die Wange und griff nach seiner Tasche. „Laura, Sie sind eine gute Mutter.“

Sie sah ihm nach, als er in seinen weißen Kleinbus stieg. Als er wegfuhr, verschwamm die rote Aufschrift auf den hinteren Türen des Wagens vor ihren Augen: „Die Mütterschule – was Ihre Mutter Ihnen nicht beigebracht hat.“

1. KAPITEL

Janet Resnick bemühte sich verzweifelt, die Windel ihrer elf Monate alten Nichte zu befestigen. Leider hielt der Verschluss nicht, und es war natürlich die letzte Windel im Haus. Janet hatte darauf geachtet, dass diesmal die Verschlüsse nicht nass wurden. Vielleicht war Puder darauf. Als sie sich tiefer beugte, um nachzusehen, packte Emma sie am Haar.

„Au!“ Janet hielt die winzige Faust fest und bog einen Finger nach dem anderen auf, um ihr Haar zu befreien. Im nächsten Moment griff Emma nach dem Ohrring, der blitzartig in ihrem Mündchen verschwand. „Nein, Emma!“ Janet packte die Kleine an Kinn und Nase. Emma würgte, öffnete den Mund, und der Ohrring kam wieder zum Vorschein. Erleichtert ließ Janet das Kinn los, um nach dem Ohrring zu greifen, aber Emma schloss den Mund sofort.

Erneut musste Janet den Mund ihrer Nichte öffnen, und diesmal drehte sie die Kleine mit dem Gesicht nach unten und schüttelte. Der Ohrring fiel heraus, doch Emma würgte und spuckte auf die Bettdecke.

Seufzend setzte Janet ihre Nichte auf das Bett. Jetzt musste sie die Bettdecke waschen. Schon wieder. Wurde sie denn nie klug? Weil auf dem Wickeltisch saubere Wäsche lag, war sie das Risiko eingegangen, das Baby auf dem Bett zu wickeln. Das bisschen Puder auf der Bettdecke spielte keine Rolle, und Emma hatte auch diesmal nicht Pipi gemacht wie beim letzten Mal. Aber Erbrochenes … igitt!

Während Janet die Bescherung wegwischte, krabbelte Emma auf allen vieren zum Kopfende des Betts, wo die Katze zusammengerollt schlief. „Agah!“, gurgelte Emma und griff nach Clementines Schwanz. Clem öffnete ein Auge und brachte ihren Schwanz in Sicherheit. Begeistert griff Emma erneut danach.

„O nein, kommt nicht infrage. Du hast genug Spaß gehabt für einen Windelwechsel.“ Janet zog das lachende Baby am Fuß zurück in die Mitte der Matratze.

Irgendwie musste sie diese Windel schließen. Klebeband? Wenn sie es ein paar Mal um Emmas Körpermitte wickelte, hielt die Windel vermutlich. Kurz entschlossen trug sie Emma mitsamt der Windel in das provisorische Büro, das sie im Gästezimmer ihrer Mutter eingerichtet hatte.

Der Korb mit den Eingängen quoll über, und dabei war sie noch keine vier Tage hier. Hatte sie wirklich geglaubt, sich um die Geschäfte kümmern und gleichzeitig für ihre drei Nichten sorgen zu können? Mom hatte den Urlaub dringend nötig gehabt, und jemand musste bei den Mädchen bleiben – ein Familienmitglied und kein Babysitter, wie Mom ganz richtig behauptet hatte. Und so war Mom jetzt in Florida bei Tante Mary, und Janet hatte die Kinder zwei Wochen lang am Hals.

Der Ausdruck passte nicht. Lächelnd betrachtete sie Emma, die in ihren Armen strampelte und wieder nach dem Ohrring griff. Alle drei waren wunderbare Kinder, die Georgie unglaublich ähnlich sahen.

Georgie war eine großartige Mutter gewesen. Carly, ihre älteste Tochter, hatte schon mit vier Jahren das Lesen gelernt, weil Georgie ihr so viel vorgelesen hatte.

Und Heidi war erst recht ein Schatz, genau wie ihre Mutter fröhlich und temperamentvoll. Und sie sagte unter Garantie stets im ungünstigsten Moment etwas Falsches, sodass man am liebsten im Boden versunken wäre. Auch genau wie ihre Mutter!

Janet drückte Emma an sich. Von den drei Mädchen konnte nur die Kleinste sich nicht an ihre wunderbare Mutter erinnern. Georgie war so geduldig gewesen, dass ihren Kindern gegenüber nicht einmal ein lautes Wort gefallen war.

Janet konnte dagegen mit Kindern nicht sonderlich gut umgehen. Alle behaupteten, dass sie ihrem Vater ähnlich war. Viel mehr als einen guten Geschäftssinn besaß sie nicht. Als alleinerziehende Mutter eignete sie sich nicht einmal für kurze Zeit. Keines der Mädchen hatte mittlerweile saubere Sachen, und es war erstaunlich, dass sich sogar eine Vierjährige darüber beklagte, dass es schon wieder Pizza gab.

Gestern war es ihr allerdings gelungen, eine neue Klientin zu finden. Auf dem Rückweg von Heidis Kindergarten hatten sie sich Eiscreme gegönnt. Die Frau hinter der Theke war freundlich gewesen, hatte jedoch abgehetzt gewirkt.

„Viel zu tun?“, fragte Janet. Im Moment war niemand in dem kleinen Eissalon, aber man konnte ja nicht wissen.

„Es geht, und ich mache schließlich alles allein“, erwiderte die Frau. „Ich habe vor zwei Monaten eröffnet und kann mir keine Hilfe leisten, und darum ersticke ich im Papierkram.“

„Was ist für sie denn am unangenehmsten?“, fragte Janet.

„Die Buchhaltung, aber ich kann dafür niemanden einstellen.“

„Wie viele Stunden in der Woche brauchen Sie für die Buchhaltung?“ Als die Frau sie misstrauisch betrachtete, stellte Janet sich lachend vor. „Tut mir leid, ich will nicht neugierig sein. Ich vermittle Teilzeitkräfte, die daheim arbeiten. Wenn Sie mir Einzelheiten nennen, finde ich vielleicht eine Lösung für Ihr Problem.“

Während Heidi ihr Eis aufaß und Emmas Portion größtenteils auf Janets T-Shirt landete, ließ Janet sich von Mrs Goody erklären, wie der Eissalon geführt wurde. Zuletzt schätzte sie, dass Mrs Goody jemanden für ein oder zwei Stunden pro Woche beschäftigen und sich dadurch fünf Stunden Arbeit sparen konnte.

„Sie sind keine Expertin, und Sie werden ständig von Kunden unterbrochen. Dadurch brauchen Sie viel länger als eine Fachkraft, die daheim arbeitet. Wenn Sie wollen, schicke ich Ihnen einen genauen Kostenvoranschlag zu.“

Mrs Goody hatte erfreut zugestimmt, und Janet hatte wieder eine Klientin gefunden. Sie war ihrem Vater tatsächlich sehr ähnlich.

Nun ja, jetzt musste sie nur noch zehn Tage durchhalten. Danach konnte sie in ihre ruhige und friedliche Wohnung zurückkehren.

Mit Emma auf der Schulter durchwühlte sie die Schreibtischschublade, fand jedoch kein Klebeband. Vielleicht Heftklammern! Sie legte Emma auf den Schreibtischstuhl und stützte sie mit dem Knie ab, während sie die Windel zuklammerte.

Zufrieden lächelnd betrachtete sie das Baby. „Und deine Großmutter dachte, wir würden diese lächerlichen zwei Wochen nicht schaffen. Kein Problem. Erinnere mich aber bitte daran, dass ich Windeln besorge.“

Emma freute sich offenbar darüber, dass sie eine Aufgabe erhalten hatte, und gurgelte fröhlich. Janet trug das Baby die Treppe hinunter. Im Erdgeschoss war es still.

Zu still.

Wo waren die Mädchen? Mrs Murphy würde jeden Moment kommen, und dann musste alles in Ordnung sein, sonst gab es Ärger. Und es hatte schon genug Ärger mit Mrs Murphy gegeben.

„Carly! Heidi!“ Sie lauschte und verzog das Gesicht, als Emma in ihren Nacken sabberte.

Keine Antwort.

„Hey, Leute, wo seid ihr?“

Wieder nichts. Merkwürdig. Sie öffnete die Küchentür und rang nach Luft. Die gesamte Küche war von einem feinen weißen Staub erfüllt, der im Sonnenlicht geradezu sagenhaft leuchtete. Doch dann nieste Emma, und Janet zog sich rasch zurück und schloss die Tür.

Besorgt untersuchte sie das Baby, ob es womöglich blau anlief. Doch Emmas Gesicht war unverändert rosig. Erleichtert lief Janet ins Wohnzimmer und setzte die Kleine in ihren Laufstall.

Zuerst atmete sie tief durch, dann öffnete sie die Küchentür. Der Staub senkte sich bereits auf alle Oberflächen. Janet tauchte den Finger ein und kostete. Mehl!

Beim nächsten Schritt trat sie in etwas Weiches, die Beine rutschten ihr weg, und sie landete auf dem Po. Und jetzt blickte sie unter dem Tisch in die geschockten Gesichter von Emmas Schwestern. Carly, die Achtjährige, starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an und hielt sich den Mund zu. Heidi, die Vierjährige, presste die Hände auf die Augen.

Janet biss sich auf die Zunge, um nicht laut aufzulachen.

„Wir wollten Pfannkuchen zum Frühstück machen, Tante Janet“, flüsterte Carly. „Wir wollten nichts schmutzig machen. Heidi hat die Eier fallen gelassen, und ich bin darin ausgerutscht und habe das Mehl heruntergeworfen, und dann ist es überall herumgeflogen.“

„Das sehe ich“, stellte Janet fest. „Und ihr habt euch unter dem Tisch versteckt?“

„Das ging nicht anders. Wir haben Mrs Murphys Wagen gehört.“

Genau auf Stichwort drehte sich ein Schlüssel im Schloss der Hintertür, und Mrs Murphy stieß einen Schrei aus, als sie den Zustand der Küche sah. Außerdem nieste sie.

Janet senkte in Erwartung des Schlimmsten den Kopf. Es war aus. Jetzt kam der Weltuntergang.

Sie legte die Hände an die Ohren, Carly presste die Hände wieder auf den Mund, und Heidi hielt sich noch immer die Augen zu.

Nichts hören, nichts sagen, nichts sehen. Janet musste ganz einfach lachen.

Mrs Murphy, das graue Haar zu einem Knoten geschlungen, baute sich in ihrem geblümten Kleid vor Janet auf und blickte missbilligend auf sie hinunter. „Es freut mich, Janet, dass Sie diese Situation amüsant finden. Leider teile ich Ihre Meinung nicht.“

Janet raffte sich auf und wischte die klebrigen Hände an den Jeans ab. „Ich räume alles auf. Setzen Sie sich einfach hin und entspannen Sie sich. Ich mache Ihnen eine schöne Tasse Tee, und dann putze ich.“

Mrs Murphy schüttelte entschieden den Kopf. „Als Sie das letzte Mal aufräumten, brauchte ich zwei Tage, um alles wiederzufinden. Nein, danke Janet. Mir reicht es jetzt. Ich bin keine junge Frau mehr. Ihre Mutter weiß das und richtet sich danach. Ich erledige meine Arbeit, und sie kümmert sich um die Kinder. Sie dagegen kümmern sich um gar nichts.“ Damit drehte sie sich um, ging zur Tür und fächelte mit der Handtasche den Mehlstaub beiseite.

Janet lief voll Panik hinter ihr her. „Bitte, gehen Sie nicht weg! Ich brauche Sie. Die Mädchen brauchen Sie! Was wird denn meine Mutter sagen?“ Janet hatte noch nie richtig gekocht. Wie sollte sie denn drei Kinder zehn Tage lang ernähren? „Warten Sie! Sagen Sie mir wenigstens, welche Babynahrung ich kaufen soll!“

Mrs Murphy drehte sich noch einmal um. „Ich koche und putze seit zehn Jahren für Ihre Mutter. Und das waren gute zehn Jahre. Aber mit dem Chaos, das Sie anrichten, schlage ich mich nicht herum. Wenn Ihre Mutter zurückkommt, soll sie mich anrufen!“ Danach ging Mrs Murphy endgültig hinaus.

Janet ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken. In den letzten vier Tagen hatte sie die Arbeit mit Mrs Murphys Hilfe gerade noch geschafft. Morgen war Freitag. Danach begannen die Frühjahrsferien. Die beiden älteren Mädchen blieben dann eine ganze Woche daheim. Wie sollte das klappen?

Als das Telefon klingelte, wusste Janet, dass ihr die Götter nicht gewogen waren. Das konnte nur eine ganz bestimmte Person sein, jene Person, die wie mit Radar feststellte, wann ihr das Wasser bis zum Hals stand. Und diese Person schaffte es, jedes kleine Missgeschick in Janets Leben in eine gewaltige Katastrophe zu verwandeln.

Ihre Mutter.

„Hallo!“

„Janet, bist du das? Was ist denn? Du klingst so abgehetzt.“

„Es ist nichts, Mom. Ich bin nur die Treppe zum Telefon hinaufgelaufen.“

„Hat Mrs Murphy sich wieder über Clementine beschwert?“

„Nein, Mom, Mrs Murphy hat kein Wort über Clem gesagt.“ Wie schön, dass sie nicht lügen musste. „Was gibt es?“

„Nun, Liebes, ich bin im Krankenhaus.“

Janet sprang auf. „Mom, was ist passiert? Geht es dir gut?“

„Ja, jetzt schon, aber gestern dachte ich, ich würde sterben. Ich hatte eine Gallenkolik. Zuerst glaubte ich, es wäre das Herz, Janet, aber es war die Gallenblase. Was für Schmerzen! Sie mussten sofort eine Notoperation machen.“

„Eine Operation! Aber … kommst du jetzt heim? Soll ich dich am Flughafen abholen?“

„Nein, das ist ja das Problem, Schatz. Der Arzt meinte, dass ich erst in sechs Wochen fliegen darf. Ach, Janet, ich weiß nicht, was wir machen sollen.“

Sechs Wochen! Janet hatte nur mühsam vier Tage überlebt, und jetzt fehlte ihr auch noch Mrs Murphy! Während sie ihrer Mutter versicherte, dass sie es schon irgendwie schaffen würden, bemitleidete sie sich ausgiebig.

Sie hielt den Hörer mit der Schulter fest, ihre Mutter jammerte weiter, und Janet wischte den Küchenboden auf, räumte alles Geschirr in die Spülmaschine und wollte nach dem Mittel unter der Spüle greifen. Dann erst fiel es ihr ein. Das Mittel war auch ausgegangen. Mrs Murphy hatte sich schon gestern darüber beschwert.

Sie griff nach dem normalen Spülmittel und las das Etikett. „Nicht zum Gebrauch in Spülmaschinen geeignet!“ Wahrscheinlich war es nicht stark genug. Dann nahm sie eben etwas mehr davon. Sie spritzte das Mittel in den dafür vorgesehenen Behälter, schloss die Tür und stellte die Maschine an.

„Ach, Schatz, vielleicht solltest du Mrs Murphy täglich kommen lassen. Wenn es wirklich nötig ist, macht sie das schon. Halte allerdings die Kinder von ihr fern. Du weißt, wie pingelig sie in der Küche ist.“

„Mom, sieh du erst einmal zu, dass du wieder gesund wirst. Und mach dir keine Sorgen um uns. Ich komme schon zurecht.“ Irgendwie … Es blieb ihr schließlich nichts anderes übrig.

„Na gut, Schätzchen. Vergiss nicht Heidis Ballettunterricht. Miss Rita mag es gar nicht, wenn die Mädchen nicht erscheinen. Und dann ist da natürlich auch noch die Aufführung. Clementine muss in zwei Wochen zum Tierarzt. Der Termin ist im Kalender angestrichen. Dann wird der Ärmsten der Zahnstein entfernt. Das hasst sie. Kauf Carly zum Geburtstag eine sprechende Babypuppe. Darum bittet sie schon seit Wochen. Ich habe ihr eine Party versprochen, falls sie dafür aufhört, mich damit jeden Tag zu nerven. Sie regt sich so leicht auf, seit Georgie und Paul …“

Carly war schrecklich ängstlich geworden, seit ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren. Die arme Kleine hatte fast während der ganzen zwei Stunden geweint, die ihre Großmutter vom Start in Ohio bis zur Landung in Florida in der Luft gewesen war.

„Keine Angst, Mom“, versicherte Janet rasch, bevor eine von ihnen beiden in Tränen ausbrechen konnte. „Ich habe alles unter Kontrolle. Wir kommen gut zurecht. Kümmere du dich um dich selbst, und ich habe hier alles im Griff.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, gestand sie sich ein, dass sie tief in Schwierigkeiten steckte. Es wäre nicht so schlimm gewesen, ihr Geschäft ungefähr eine Woche zu vernachlässigen, aber sechs Wochen lang ging das nicht. Sie musste nach oben, sich in ihrem Büro einschließen und arbeiten.

Zuerst überzeugte sie sich davon, dass Carly und Heidi sich einen Videofilm ansahen und Emma sich in dem Laufstall noch immer wohlfühlte. „Ihr zwei bleibt auf der Couch sitzen. Geht auf keinen Fall in die Küche. Ich mache das Mittagessen. Klar?“ Beide Mädchen nickten feierlich. „Ich bin oben.“

Im Arbeitszimmer begann Janet sofort damit, die Post zu erledigen. Sie wollte gerade zum Telefon greifen, als es leise an der Tür klopfte. Dabei hatte sie erst zehn Minuten gearbeitet! Sie stand auf und öffnete die Tür. Carly stand sichtlich besorgt vor ihr, Heidi hinter ihr.

„Was ist los?“

„Tante Jannie, da ist so ein komisches Geräusch in der Küche.“

„Ein komisches Geräusch?“ Janet trat ans Geländer und beugte sich darüber. „Habt ihr nachgesehen?“

Die Mädchen blickten einander unsicher an, ehe Carly antwortete. „Du hast gesagt, dass wir das nicht machen sollen.“

Jetzt hörte auch Janet ein seltsames Gurgeln. Es klang fast, als würde eine gewaltige Katze einen Klumpen Haare auswürgen. Gar nicht gut.

Sie klopfte Carly aufmunternd auf die Schulter und lief die Treppe hinunter, stieß die Tür auf und tat einen Schritt in die Küche. Die Füße rutschten ihr weg, und erneut landete sie auf dem Po.

Diesmal saß sie in einer Wolke Schaum, die aus der Spülmaschine quoll und fast schon den Küchentisch bedeckte.

Fassungslos rutschte sie auf den Knien zur Maschine und schaltete sie aus. Sofort ließ der Schaum nach.

„Ist das schon einmal passiert?“, fragte sie die Mädchen, die ihr gefolgt waren.

„Nein.“ Carly sah Heidi an, die heftig den Kopf schüttelte.

Janet griff nach dem Behälter mit Spülmittel. „Ob ich davon zu viel genommen habe?“

Carly stemmte seufzend die Hände in die Hüften. „Das kannst du nicht nehmen. Du darfst nur dieses Pulverzeug einfüllen. Das weiß man doch.“

Fast eine Stunde später hatte Janet endlich die ganze Küche aufgewischt. Sie richtete sich auf und presste die Hand ins Kreuz. Zweifellos hatte sie jetzt den saubersten Küchenboden von ganz Cincinnati. Selbst wenn hier eine Bombe losging, wollte sie auf keinen Fall auch nur noch das kleinste Fleckchen wegputzen.

Emma hatte sie bereits gefüttert. Heidi und Carly hatten Sandwiches mit Erdnussbutter bekommen. Mehr war auch gar nicht da. Heute Nachmittag musste sie unbedingt einkaufen.

Endlich kehrte sie an die Arbeit zurück und stöhnte, weil sie sich an die Bettdecke erinnerte. Wer hätte jemals gedacht, dass drei kleine Mädchen so viel Arbeit verursachten? Nach den letzten Tagen war Janets Respekt vor ihrer Mutter gestiegen. Vor allen Müttern, besonders alleinerziehenden.

Emma schrie, als sie vorbeiging. Also holte sie die Kleine aus dem Laufstall und setzte sie im Freizeitraum auf eine Decke. Carly und Heidi spielten mit ihrer Puppenküche. Heidi steckte alles, was sie finden konnte, in die kleine Puppenspülmaschine, auch eine Puppe und eine Schachtel Crackers. „Und bleibt ja da drinnen!“, befahl sie.

Janet musste sich das Lachen verkneifen. „Carly, pass auf deine Schwester auf. Ich ziehe solange die Betten ab und fülle die Waschmaschine. Wenn du etwas Merkwürdiges hörst, komm sofort zu mir.“

Mit der Bettdecke aus ihrem Schlafzimmer und den Bezügen von allen Betten auf den Armen tastete sie sich in den Keller hinunter. Die Bettdecke steckte sie einzeln in die Maschine und schaltete sie ein. Danach ordnete sie noch die Laken nach Weißwäsche und Buntwäsche und holte eine Ladung Wäsche aus dem Trockner. Sie faltete soeben die letzten Stücke zusammen, als sie Carly schreien hörte.

„Tante Jannie! Tante Jannie!“

Janet rannte die Treppe hinauf und stürmte in die Küche. Carly stand weinend vor ihr und hielt Emma hoch. Gesicht und Hände der Kleinen waren mit einer klebrigen Creme verschmiert.

„Sie hat alles gegessen! Sie hat den ganzen Tiegel leer gegessen!“

„Welchen Tiegel? Was hat sie gegessen?“ Janet packte das Baby und roch an der Creme. Sie war jedoch geruchlos. „Carly, was ist das?“

„Vaseline!“, stieß Carly hervor. „Sie hat den ganzen Tiegel leer gegessen!“ Sie zeigte Janet einen Tiegel, der ein Pfund fasste und am Morgen noch zu drei Vierteln voll gewesen war.

Janet drehte den Behälter um und suchte nach einer schriftliche Warnung. „Nur für den äußerlichen Gebrauch. Nicht einnehmen. Bei Verschlucken sofort Kontakt mit einem Arzt oder einer Giftberatungsstelle aufnehmen.“ Wie war bloß die Nummer der Giftberatungsstelle?

Sie lief zum Telefon, schlug die Nummer nach und tippte sie zitternd ein.

„Giftberatungsstelle“, ertönte eine ruhige Frauenstimme.

„Vaseline! Ich habe hier ein Baby, das gerade Vaseline gegessen hat!“

„Vaseline?“, fragte die Frau ungläubig.

„Ja.“

„Das hatte ich noch nicht. Ich sehe mal nach.“

Janet hielt den Hörer mit der Schulter fest und betrachtete Emma. So schien alles in Ordnung zu sein, aber was bewirkte Vaseline innerlich? Als sie versuchte, den Mund der Kleinen zu öffnen, rutschten ihre Finger immer wieder ab.

Scheinbar Stunden später meldete sich die Frau wieder. „Hallo, Ma’am!“

„Ja?“

„Wie viel hat sie denn gegessen?“

„Vermutlich ein dreiviertel Pfund, vielleicht etwas weniger.“

„Hat sie irgendwelche Beschwerden?“

„Nein“, stellte Janet fest, als Emma sie anlächelte.

„Es dürfte mit Vaseline keine Probleme geben. Rufen Sie Ihre Kinderärztin an, ob sie das Baby untersuchen will. Laut unseren Informationen sollte Vaseline einfach durch den Verdauungstrakt gehen. Sie sollten nur die Windeln genauer kontrollieren und sie sofort wechseln. Vermutlich gibt es heftigen Durchfall.“

„Vielen Dank!“ Janet war vor Erleichterung den Tränen nahe.

„Ich brauche nur noch einige Auskünfte für unsere Unterlagen. Könnte ich Ihren Namen und Ihre Adresse haben?“

Nachdem Janet aufgelegt hatte, ließ sie sich zitternd zu Boden sinken, hielt die eingecremte Emma auf dem Schoß und streckte der weinenden Carly die Hand entgegen. „Komm her, Carly. Emma geht es gut. Vaseline schadet ihr nicht.“ Sie zog das Mädchen zu sich heran.

„Es tut mir leid, Tante Jannie.“

„Nein, Carly, mir tut es leid. Ich sagte, dass ich gleich zurückkomme. Und das hätte ich auch tun sollen.“ Außerdem hätte sie einer Achtjährigen kein Baby anvertrauen dürfen.

Bevor sie sich wieder an die Arbeit machte, stellte Janet den Laufstall an die Wand des Freizeitraums. „So Emma, hier kannst du direkt am Fenster spielen und dir Großmutters schöne Pflanzen ansehen.“

Dann holte sie die Post in die Küche, von wo aus sie alles besser überblicken konnte. Während Emma fröhlich spielte, griff Janet nach dem nächsten Brief.

Minuten später warf sie einen Blick zu Emma, die fröhlich gurgelte, während Heidi bei ihr stand und ihr etwas gab, womit sie spielen konnte.

Janet lächelte. „Spielst du schön mit Emma? Das ist aber nett.“

Heidi kicherte. „Die schmecken ihr.“

„Sehr fein.“ Janet las noch ein Stück des Briefes in ihrer Hand, bevor sie Heidis Worte richtig begriff. „Was schmeckt ihr?“ Was lag denn da auf dem Boden der Gehschule? Sie lief hin und hob es auf. Es war ein Blatt. Ein feuchtes Blatt. Ein halb zerkautes Blatt.

Emma lachte mit aufgerissenem Mund, aus dem zu Janets Entsetzen ein Stück zerkautes Blatt fiel.

Janet packte das Baby, lief zum Telefon und drückte den Knopf für die Wahlwiederholung.

„Giftberatungsstelle“, sagte dieselbe ruhige Frauenstimme.

„Hallo, hier ist wieder Janet Resnick! Ich habe vor Kurzem mit Ihnen wegen des Babys telefoniert, das Vaseline gegessen hat. Jetzt hat Emma ein Blatt einer Zimmerpflanze gegessen!“

„Was für eine Pflanze ist es? Und wie viele Blätter waren es?“

Janet betrachtete die zerkauten Blätter. „Ich vermute, es ist ein Schwertfarn. Und ich weiß nicht, wie viele Blätter es waren.“

„Ein Schwertfarn ist harmlos, aber sehen Sie nach, ob es im Haus giftige Pflanzen gibt, wie zum Beispiel Weihnachtssterne oder Philodendron. Die sollten Sie außer Reichweite des Kindes stellen.“

„Danke. Wie heißen Sie?“

„Rhoda, Ms Resnick.“

„Danke, Rhoda. Von jetzt an werde ich vorsichtiger sein.“

Diesmal setzte Janet sich mit Emma auf dem Schoß an die Arbeit.

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