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Murphy und die Verdammten

Alfred Bekker

Murphy und die Verdammten

Ein Dämonenjäger Murphy Roman/ Cassiopeiapress





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

MURPHY UND DIE VERDAMMTEN

Horror Roman von Alfred Bekker

© by author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

INHALT

Teil 1: Murphy und der Tod

Teil 2: Murphy und der Köpfer

Teil 3: Murphy und die Verdammten

Der Umfang dieses Buchs entspricht 136 Taschenbuchseiten.

Teil 1: Murphy und der Tod

Ich.

David Murphy.

Ich.

Wirklich...

Es gibt Dinge, derer man sich ständig neu vergewissern muss. Der eigenen Existenz zum Beispiel. Wer bin ich? Ein Staubkorn im Universum? Ein Mitglied des Ordens vom Weißen Licht, der sich den Kampf gegen die Mächte des Bösen auf seine Fahnen geschrieben hat. Ein Mann, der ein paar Kilo Übergewicht mit sich herumträgt und rote Haare hat.

Rote.

In einer anderen Zeit war das die Farbe Satans.

Ja, in einer anderen Zeit.

Ich gehe über den Asphalt. Eine Straße, eine Stadt, Stimmen...

Es dauert einige Zeit, bis ich begreife, wo in diesem verwirrenden Koordinatensystem aus Raum, Zeit und Möglichkeit ich mich befinde. "Sagnuet marateskor...", murmele ich. Eine Formel, die den Sog der metamagischen Energien etwas mildern sollte.

Ich weiß, dass es nicht viel bringt.

Zu oft habe ich es erlebt.

Viel zu oft.

Es ist immer dasselbe.

Natürlich gäbe es wirksamere Mittel. Franz von Borsody erwähnt sie in seinem Buch ZEICHEN DER GEHEIMEN MACHT. Aber ich weiß, dass es eine so große Wirkung niemals ohne eine Nebenwirkung gibt. Wenn man so will, stellt dies ein Prinzip dar.

Ein großes Wort, ich weiß.

Vielleicht zu groß.

Ich erkenne jetzt die Stadt und die Straße, in der ich mich befinde. Es sind die Ramblas von Barcelona. Mir ist nicht klar, was ich hier soll, warum ich hier bin. Einer der fliegenden Händler, die hier Blumen, Gemüse und Bücher verkaufen, starrt mich an, als wäre ich der Leibhaftige. Eine Erscheinung. Vielleicht bin ich das aus seiner Sicht auch. Plötzlich materialisiert aus dem Nichts. Mir ist schwindelig. Ich murmelte eine Beschwörung. Irgendwo in diesen Straßen, in den engen Seitengassen dieser Hafenstadt, gibt es ein Hotelzimmer. Ich spüre, dass ich es bald wiederfinden muss. Sehr bald. Eine bleierne Müdigkeit fällt mehr und mehr über mich, lähmt mich.

Mit der gewöhnlichen Erschöpfung des Körpers hat diese Art von Müdigkeit nichts zu tun.

Nein, es ist eine Erschöpfung der Seele, so glaube ich. Etwas, gegen dass es kein Mittel gibt. Oder fast keines. Keines, dass ich nehmen möchte, auch auf diesen Nenner kann man es bringen.

Ich biege in eine Nebenstraße ein.

Du wirst es nicht mehr schaffen. Nicht, bevor du ohnmächtig niedersinkst, dir die Sinne schwinden.

Ein Schatten erhebt sich vor mir. Ich schrecke zusammen.

Ein dunkler Kuttenträger steht vor mir. Sieht aus wie ein Mönch. Kein Lichtstrahl dringt in die Finsternis unter seiner Kapuze. Ich bleibe stehen. Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Eine Knochenhand.

Schwindel erfasst mich.

Und Kälte.

Sie durchdringen meinen gesamten Körper, kriechen bis in den letzten Winkel meiner Seele.

Alles verschwimmt vor meinen Augen, beginnt sich drehen. Der Fluss der metamagischen Energien reißt mich mit sich. Oder sind es die Kräfte dieses geheimnisvollen Knochenmannes? Ich weiß es nicht.

Kein einziger klarer Gedanke ist noch in meinem Hirn zu finden. Nur Chaos. Und einen Augenblick später...

...Schwärze.



1

Ich bin verwirrt.

Der Raum, in dem ich mich befinde, gleicht einem Verlies. Einer dunklen Gruft. Einem Kerker. Es ist feucht, modrig und riecht nach Tod und Fäulnis.

Wo bist du? In einer anderen Zeit? Einer anderen Welt?

Ich murmele einen magischen Spruch, der die Schmerzen in meinen Armen und Beinen etwas lindern soll. Ohne Erfolg.

Ich spüre, dass die Magie, wie ich sie bisher kenne, hier keine Wirkung hat. Immerhin, der metamagische Sog ist auch nicht mehr spürbar.

Ich hebe meine Hände, schaue sie an.

Deine Hände? Sie sehen so fremd aus...

WO bist du?

WER bist du?

Eine Ahnung dessen, was geschehen ist, steigt in mir auf. Ich erinnere mich wieder an den Knochenmann. An die Begegnung in Barcelona, unweit der Ramblas.

Danach war alles anders.

Ich sehe auf diese Hände, die mir vertraut sein müssten und es doch nicht sind.

Ein anderes Leben, ein anderer Körper, ein anderer Name.

Ich flüstere ihn.

"Graf David de Murphy..."

Eine andere Zeit...

Ein anderes Universum, nur durch die hauchdünne Trennwand der Wahrscheinlichkeit von jenem getrennt, in dem ich heimisch bin.

Du warst es auch hier --- heimisch. Ein ganzes Leben lang.

Die Erinnerungen steigen auf.

Zwischen den Steinen sehe ich plötzlich etwas Graues.

Eine Ratte.



2

Ich bin Graf David de Murphy, ein Pestdoktor. Ich betrachte die Republik Venedig als meine Heimat. Mein Schicksal war es, im Jahre 1453 zu einem Verlauf der Geschichte beizutragen, der meine Heimat nahe an den Abgrund brachte.

Aber genau dort befinde ich mich auch.

Am Abgrund.



3

Das Scharren der Ratten treibt mich noch zum Wahnsinn. Es ist beinahe schlimmer als die Schmerzensschreie, von denen diese grauen, modrigen Gemäuer widerhallen. Der Geruch des Kohlenfeuers, in dem die Foltereisen glühend gemacht werden, dringt bis in das dreckige Loch, in dem man mich gefangenhält. Die Aura des Todes ist hier so allgegenwärtig, wie sie es sonst wohl nur in der Hölle selbst zu sein vermag.

Manchmal glaube ich, den Verstand zu verlieren.

Vielleicht habe ich das auch schon.



4

"Ich dachte, Ihr wolltet vielleicht Eure Seele erleichtern, Graf de Murphy", sagte der Priester, den man vor kurzem in mein Verlies schickte.

"Noch weiß ich nicht einmal genau, was man mir eigentlich vorwirft", erwiderte ich. "Aber wahrscheinlich werde ich am Ende alles gestehen, was man von mir verlangt."

"Ihr habt Euch aufgegeben, wie mir scheint."

"Habe ich nicht allen Grund dazu? Ist das Urteil nicht längst gefällt, auch wenn es noch keine Anklage gibt?

"Es geht nicht um die irdischen Richter, die über Euer Schicksal beschließen werden, Graf." Ein beinahe mildes Lächeln erschien in dem aufgedunsenen, feisten Gesicht. "Euer bleicher Leib ist rettungslos verloren und wird dem Handwerk des Henkers anheimfallen. Aber für Eure Seele gibt es vielleicht Läuterung und Rettung vor der ewigen Verdammnis."

"Ich glaube kaum", erwiderte ich.

"So seid ihr doch ein Diener des Satans? Verstockt bis ins Mark? Ich mag es kaum glauben."

Ja, dachte ich, vielleicht bin ich das --- und bin es immer gewesen. Ein Diener des Bösen. Ein Sendbote der Hölle.

Manche nennen mich den Herrn des Schwarzen Todes. Und sie haben recht!



5

Ich bin ein Mensch der zutiefst an der Erkenntnis der Naturgesetze interessiert ist. Viele meiner Zeitgenossen können mit einer solchen Haltung nichts anfangen.

Aber das stört mich nicht. Du hast dich schon gut daran gewöhnt, Graf de Murphy zu sein, nicht wahr? Als wärst du nie jemand anderer gewesen. Bedenke, der Pestdoktor ist eine Probabilität deiner selbst. So wie auch der Geisterjäger. Nichts weiter. Eine Version derselben Software. Welche von euch beiden die veraltete Schrott-Version und welche der neue Hype ist, muss sich erst noch herausstellen.

Es kann mich nicht beirren, in dem was ich tue, in meinen Streben nach Erkenntnis und danach, in das tiefste Wesen der Dinge einzudringen. Nicht wenige meiner Zeitgenossen sehen allein dieses Streben bereits als einen furchtbaren Frevel am Allerheiligsten an. Aus der Bibel wissen wir, dass im Tempel zu Jerusalem das Allerheiligste immer hinter einem Vorhang verborgen war. Das Göttliche ist ein Geheimnis, soll uns das wohl sagen --- und mit ihm die Schöpfung selbst. Ich aber glaube nicht, dass es irgendwelche Beschränkungen dieser Art für den menschlichen Geist geben sollte. Der Hunger nach Erkenntnis ist eine der tiefsten und reinsten Kräfte, die sich im Inneren des Menschen zu entfalten mögen.

Auch ihretwegen sitze ich jetzt in dieser misslichen Lage, in diesem feuchtkalten, von grauschwarzen Ratten bevölkerten Kellerverlies, dass an mich eine Gruft gemahnt. Lebendig begraben, so fühle ich mich. Aufgegeben, abgeschrieben und wahrscheinlich längst dem Tode geweiht.

Gerechtigkeit?

Vielleicht finde ich sie vor jenem himmlischen Richter, den zu lästern man mir vorgeworfen hat.

Welch ein Hohn!

Welch eine grausame Ironie!

Ich weiß, dass meine Leiden in diesem Jammertal bald vorüber sein werden. Der einzige Trost, der mir bleibt. Ich sehe den Ratten dabei zu, wie sie hintereinander herjagen. Eines Tages werden sie vielleicht an meinen geschundenen Gebeinen nagen, nichts zurücklassen als blanke Knochen.

Wie sehr mein Schicksal doch mit gerade diesem unappetitlichsten aller Getiere verbunden ist...

Schreie gellen durch das kalte Gemäuer. Schreie geschundener Seelen, die zu Geständnissen gezwungen werden, die niemanden von ihnen retten, ihnen vielleicht aber ein gnädigeres, weil schnelleres Ende bescheren wird.

Die meisten von ihnen sind viel unschuldiger als ich.

Sie haben keine wirkliche Ahnung dessen, was man als 'das Böse' bezeichnen könnte. Sie kennen nur Angst und Schmerz und die ungläubige Verwunderung darüber, dass sie dem Satan gedient haben sollen.

Ich aber habe wirklich Schuld auf mich geladen.

Auf gewisse Weise...

Aber Schuld ist immer auch eine Frage des Standpunktes.

Ich habe eigentlich geglaubt, nur das Notwendige getan zu haben. Meine irdischen Richter jedoch werden das anders beurteilen. Aber sie verurteilen für gewöhnlich ja auch Bettler, die Mundraub begingen oder alte Frauen mit eigenartigen Runzeln und Flecken auf der Haut zu wahrhaft grausamen Strafen und sehen darin die Erfüllung der Gerechtigkeit.



6

Ich sitze noch immer in diesem venezianischen Gefängnis, jetzt angeklagt des Verrats an der Republik, deren Bürger ich nach wie vor bin.

Ich habe sehr schlechte Karten, ich weiß es.

Ich werde zum Tode verurteilt werden, das ist ziemlich sicher. Ich bin ein Mann, der den Gegebenheiten ins Auge zu sehen vermag, denn ich weiß, dass meine Verzweiflung nichts bewirken könnte, außer der Vermehrung meiner Qualen.

Man hat mir Schreibzeug gegeben, worum ich gebeten hatte.

Ich werde entsprechend der Gesetze behandelt und kann mich eigentlich nicht beklagen.

Noch ist der Prozess nicht gewesen, noch hat der Richter sein Urteil nicht gefällt, aber in Anbetracht der gegenwärtigen Lage wird es wohl kaum möglich sein, einen Schuldspruch zu verhindern.

Mag sein, dass ich in den Augen meiner Ankläger und meines Landes und der Kirche mit ihrer heiligen Inquisition schuldig bin, ich selbst kann keine Schuld empfinden.

Manchmal scheint es mir, als würde ich überhaupt nichts mehr empfinden...

Ich will mich an dieser Stelle nicht verteidigen oder rechtfertigen. Ich will nur erklären, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Um die Vorgänge zu verstehen, an deren Endpunkt aller Wahrscheinlichkeit mein Tod stehen wird, müssen wir in die Jahre vor 1453 A.D. zurückgehen. Ich lebte damals in Konstantinopel - allerdings nicht in der Kolonie der Venezianer, sondern in der eigentlichen Stadt, die in einem erbarmungswürdigen Zustand war. Halb verlassen, in den letzten hundert Jahren neunmal von der Pest heimgesucht, voller Trost- und Hoffnungslosigkeit...

Was war aus dem alten Byzanz geworden, dem Zentrum eines Reiches, dass unter Konstantin und Justinian alle Mittelmeerländer umfasst hatte! Wo war der Reichtum vergangener Jahrhunderte geblieben, der dem Namen dieser Stadt etwas sagenhaftes verlieh? Die Stadt verfiel schneller, als ihre schwindende Zahl von Bewohnern im Stande war, sie zu erhalten. Ratten und Bettler tummelten sich zwischen von den Kräften des Verfalls und der Zeit zerfressenen Mauern, die langsam von feuchtem, fauligen Moos überwachsen wurden.

Byzanz, die Erhabene --- ein Monument des Verfalls.

Wenig mehr als die Stadt selbst war vom einstigen Imperium geblieben. Der Kaiser war gezwungen gewesen, die Oberhoheit des Sultans anzuerkennen, der keinen Tagesritt entfernt seine Residenz und sein Heerlager errichtet hatte.

Der Verteidiger der rechtgläubigen Christenheit und des Zweiten Roms war zu einem Vasall herabgesunken. Einem kleinen Potentaten, dessen Macht von der Gnade der Barbaren aus der Steppe Asiens abhing. Konstantin, Theodosius, Justinian - sie hätten sich im Grabe umgedreht, hätten sie von dieser Schande erfahren.

Seit einiger Zeit wurde die Stadt belagert, was nur deshalb keine allzu schlimmen Folgen zeitigte, weil sie von See aus versorgt werden konnte - und weil die vor Jahrhunderten gebauten äußeren Stadtmauern, die schon die Goten abgewehrt hatten, noch standen.

Irgendwann, so war mir und allen anderen unabhängigen Beobachtern klar, würden die Türken zum letzten Schlag gegen den Kaiser ausholen - und dieser würde tödlich sein.

Ich weiß, wie unsinnig und geradezu abstrus ein solcher Satz heute erscheint, in Anbetracht der Tatsache, dass die Griechen dabei sind, Dalmatien und Ungarn zu erobern und ihre Schiffe sich mit der Flotte Venedigs erbitterte Seeschlachten um Zypern geliefert haben!

Damals aber sprach alles von der Gefahr durch die Türken und der Kaiser in Konstantinopel hatte sich vergeblich bemüht, eine christliche Allianz gegen die Muselmanen zu Stande zu bringen! Man vergisst so schnell, dass die Lage damals eine ganz andere war.

Ich selbst, der ich am Triumph über die Türken, die sonst unweigerlich über Konstantinopel gesiegt hätten - schon weil sie die besseren Kanonen ihr Eigen nannten – maßgeblich beteiligt bin, wie ich in aller gebotener Bescheidenheit feststellen möchte, konnte den Gang der Geschichte nicht in vollem Umfang abschätzen und im Voraus ermessen. Und das möge man mir bitte zu Gute halten!

Ich genoss zu jener Zeit das Vertrauen des Kaisers, eines Mannes, der - völlig im Gegensatz zu mir! - mehr an Hexerei, als an die Ergebnisse der Wissenschaft glaubte.

Ich bin ein nüchterner Mann. Ich glaube nur an das, was ich durch meine Sinne erfassen kann. Das durch Erfahrung Erfassbare ist die Realität, alles andere existiert nicht.

Die Ansicht eines Ketzers? Gewiss. Aber diese eng gefassten Kategorien bedeuten mir schon lange nichts mehr.

Ob Satan in einen Menschen gefahren ist und ihn anleitet, Böses zu tun, oder ob dieser Mensch Böses tut, weil er böse IST, interessiert mich nicht.

Mich interessieren auch die Dogmen nicht, über die sich die Herren in Schwarz, gleich welcher Konfession, so heftig erhitzen und die bis in alle Ewigkeit nur zu immer neuen Schismen führen werden!

Kleingeistige Streitereien, die der Menschheit nichts als Leid brachten, und das im Namen der Erlösung und Erleuchtung!

Ich denke, dass die Christenheit hier einiges von den Muselmanen lernen kann, deren Religion um vieles toleranter ist. Ich sprach in der genuesischen Kolonie einmal ausführlich mit einem Kaufmann aus Lübeck darüber, der viele der muselmanischen Länder bereist und mit den Einwohnern Handel getrieben hatte. Er wusste wovon er sprach, denn er kannte die Muselmanen weit besser, als alle anderen, mit denen ich mich je über dieses Thema ausgetauscht habe.

Nach Aussage des lübeckischen Kaufmanns kann jeder Mann sich mit Fug und Recht Muselmane nennen, der anerkennt, dass Gott GOTT ist, dass es keinen anderen Gott außer GOTT gibt und das Mohammed sein Prophet ist.

Jeder, der das bezeugt, ist ein Muselmane.

Keinerlei kleinliche Dogmen.

Kein Streit darum, ob Gott eine Dreieinigkeit ist oder ein einziges Wesen oder drei Wesen in einem Wesen... Kein Papst, kein Patriarch, der bestimmt, welche Gedanken sich ein Christ erlauben darf und welche nicht...

Die meisten muselmanischen Herrscher dulden in ihrem Herrschaftsbereich andere Bekenntnisse, das der Juden etwa oder auch eine der vielen christlichen Konfessionen. Aber welcher christliche Fürst würde einem seiner Untertanen erlauben, ein Muselmane zu sein, ohne dass er befürchten müsste, seines Kopfes verlustig zu gehen oder in den Flammen eines Scheiterhaufens zu sterben! Selbst in Venedig, das sich eine Republik nennt, ist das nicht anders!

Aber ich will nicht abschweifen, sondern über mein Verhältnis zu Kaiser Michael sprechen, mit dem mich eine Zeitlang fast so etwas wie Freundschaft verband - bis ich schließlich in Ungnade fiel.

Der Kaiser glaubte, ich sei vom Teufel besessen.

Es sei aber hinzugefügt, dass er zu dieser Überzeugung erst gelangte, nachdem meine Forschungen ihm seinen Staat gerettet hatten - und vermutlich auch sein Leben.

Bei allem Respekt, aber ich empfinde das als grobe Undankbarkeit.



7

Es könnte der Eindruck entstehen, ich sei ein Heide. Wenn ich nochmals überfliege, was ich bisher zu Papier gebracht habe, dann komme ich zu der Überzeugung, dass ich diesen Eindruck vielleicht richtigstellen sollte.

Nicht aus Opportunismus, denn zu dem gibt es im Angesicht des Todes keinen Anlass mehr. Man kann nur einmal hingerichtet werden. Eine Anklage wegen Ketzerei brauche ich also nicht zu fürchten.

Nein, ich muss meine Vorstellungen, die Religion betreffend präzisieren. Ich weiß nicht, ob oder in wie weit ich ein ungläubiger Heide bin, ich mag mich da nicht festlegen.

Allerdings glaube ich, dass eine Religion für das Funktionieren eines Staates notwendig ist. Ob allerdings das Christentum eine Religion ist, die geeignet ist, einen Staat zu stützen ist mir zweifelhaft. Eine Religion sollte sich auf ein paar Grundregeln und Normen beschränken. Die Dogmenflut unserer Kirche stützt nicht eine sinnvolle Ordnung, sondern lässt den Menschen in der Finsternis der Unwissenheit, weil sie alles Denken erstickt. Was wüssten wir von den Autoren der Antike, wenn die Araber sie nicht für uns aufbewahrt hätten?

Fast nichts!

Byzanz ersteht wieder, aber mehr und mehr stellt sich mir die Frage, ob ich nicht der falschen Seite zum Sieg verholfen habe! Ich sage das als jemand, der die Gewichte in der Weltordnung im Auge hat, nicht als venezianischer Patriot, der ich vielleicht nie war. Was bedeutet es schon, ob ein paar Inseln mehr oder weniger unter der Herrschaft der Republik stehen oder nicht?

Es erschiene mir verschwenderisch, für eine solche Sache mein Leben einzusetzen.

David Murphy scheint da etwas andere Ansichten zu haben, als ein gewisser Graf... Aber in dieser Welt ist Murphy nicht von Bedeutung.

Er existiert nicht.

Nichteinmal in Gedanken.



8

Wenn man es genau nimmt, dann waren es keinesfalls die veralteten Geschütze der Byzantiner, die die Türken besiegten.

Es war die Pest, jene Krankheit, die zuvor mit Vorliebe jene Stadt heimgesucht hatte, die sich selbst als das neue Rom bezeichnete.

Ich weiß, wovon ich rede.

Ich habe mein halbes Leben mit der Erforschung dieser Krankheit und ihrer möglichen Nutzbarmachung verbracht.

Insgesamt zehn Jahre verlebte ich in Konstantinopel. Ich besaß schon zuvor einen guten Ruf als Pest-Doktor und dieser Ruf muss - auf welchen Wegen auch immer - bis an den Hof des Kaisers gedrungen sein. Jedenfalls wurde ich von ihm engagiert und gefördert. Er finanzierte meine Forschungen, die ich den byzantinischen Katakomben mit von der Pest befallenen Ratten und anderen Nagetieren durchführte und durch welche ich grundlegende Erkenntnisse über Natur und Ausbreitungsweise dieser Krankheit erfuhr.

Der Kaiser ist ein dunkelhaariger, hochgewachsener Mann, der ein wenig zum Hochmut neigt - und zum religiösen Wahn, wie heute allgemein bekannt ist. Damals war das noch nicht so. In jenen Tagen war er noch im Vollbesitz seines gesamten Intellekts.

"Ihr seid ein Spezialist auf dem Gebiet der Pestkunde, Graf de Murphy?", fragte er mich, bei meiner ersten Audienz. In einem ganz und gar figürlichen Sinne trug er seine Nase sehr hoch, selbst für einen Kaiser. Dabei hatte er kaum Anlass, Stolz auf irgend etwas zu sein. Seine Stadt war ein Armenhaus, von Gott und der Welt verflucht und gestraft!

Ich nickte.

"Ja, das bin ich!"

"Nun, Graf de Murphy, Ihr wisst, dass diese Stadt über Gebühr durch diese Krankheit heimgesucht wird. Ich möchte den Grund dafür wissen. Und ich möchte, dass diese Geißel damit aufhört, Konstantinopel zu plagen und zu quälen! Als ob wir nicht genügend andere Sorgen hätten! Als ob wir durch die Türken nicht schon genug gestraft wären!"

"Mit Verlaub, Majestät, es ist nicht schwer, die Ursache zu benennen, die dazu führt, dass Eure Stadt immer wieder von der Seuche heimgesucht wird! Gleichfalls ist es relativ leicht, etwas dagegen zu unternehmen!" Ich sah, wie Kaiser Michael die Stirn runzelte. Seine dunklen Augen, deren Blitzen wohl schon damals vom künftigen Wahnsinn kündete, wie ich mir später klarmachte, musterten mich durchdringend.

"Sprecht!", befahl er.

"K

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