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Mum@Work

Über die Autorin

Elke Ahlswede, geb. 1968 in Seesen / Niedersachsen, hat nach ihrem Studium in Hamburg und den USA die Henri-Nannen-Journalistenschule besucht und anschließend mehrere Jahre in Deutschland für einen internationalen Medienkonzern gearbeitet. Seit ein paar Jahren lebt sie mit Mann und Kindern in Südfrankreich und darf dort auch die Freuden der Telearbeit in dem für einen Familienhaushalt typischen Dauer-Chaos genießen. Auch ihr Debüt-Roman Mama.com entstand zwischen Alpen und Mittelmeer – im Home-Office natürlich.

Elke Ahlswede

Mum@Work

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

ALLE PERSONEN UND EREIGNISSE IN DIESEM ROMAN SIND FREI ERFUNDEN. JEGLICHE ÄHNLICHKEITEN MIT DER REALITÄT SIND REIN ZUFÄLLIG.

NUR DEN REGENWURM GAB ES WIRKLICH.

Who’s Who?

Katharina Stein (35): Exjournalistin, steuert von ihrem Home-Office aus (mehr oder weniger) souverän die Deutschland-PR des US-Medienkonzerns BetterMedia. Expertin für alle Fragen von Work-Life-Balance … und der Zeitverschiebung.

Mareike Hagel (4 ¼): Katharinas Tochter mit gesundheitsgefährdendem Energieüberschuss und bizarrer Technik-Begeisterung. Recht intelligent Absolut hochbegabt und deshalb im Kindergarten »Die Schlauen Füchse«.

Max Hagel (8 Monate): Katharinas Sohn mit ausgeprägter Krabbelphobie. Dafür aber Deutscher Meister im 100-Meter-Hindernis-Po-Rutschen. Alterstypischer Allesvertilger.

Tobias Hagel (37): Katharinas Mann. Immer noch Uni-Assistent am Historischen Seminar. Organisator von Gruppenreisen für nigerianische Ethnologen in norddeutsche Reihenhäuser.

»Che« (21): Hilfshausmeister in Mareikes Kindergarten. Low-Potential-Student der Sozialwissenschaften, passionierter Keksbäcker. Mareikes erste große Liebe.

Fred Baldman (geschätzte 42): Sub-Head of Global Communications, Kathis wichtigster Kollege im fernen Chicago. »Mr Emoticon« :–).

Trish Curtis (40, immer noch und für alle Ewigkeit): Head of Global Communications. Katharinas kinderlose Chefin und erklärte Home-Office-Feindin, die ihr die Versetzung in die Europazentrale in der Hamburger City androht.

Randolph DeLuxe (61): Exzentrischer BetterMedia-Chef mit übernatürlichem Vertrauen in Kathis Fähigkeiten. Übernimmt Deutschlands halbe Medienbranche und setzt auf ein neues Super-Internet-Portal für weitere Milliardengewinne.

Swapnil Gupta (26): IT-Klempner in Mumbai, Indien. Immer ganz entspannt, da Yoga-Experte. Soll eigentlich BetterMedia-Computer fernreparieren.

Patrick Schönberg (34): Katharinas Exkollege. Vom jung-dynamischen Zeitungsmanager zum übermüdet-frustrierten Hausmann befördert. Mit Töchterchen Valeria aber dennoch Star sämtlicher Krabbel- und Still … (ups), Turngruppen der Vorstadt.

Beate Schulz (36): Katharinas Reihenhausnachbarin. Vorbild-Mutter mit reichlich Windowcolor-Bildern unter den Rüschchengardinen, hinter denen alle mysteriösen Vorgänge rund um das Haus Stein-Hagel gut beobachtet werden können.

Clemens Malzbecher (43): Katharinas Lieblingsfeind. Nach kurzer Spiegel-Karriere macht er Kathi nun als Reporter von Computer Heute das Leben schwer.

Carola Pieper (34): Katharinas Freundin mit inzwischen vier (!) Töchtern, aber immerhin noch einer Viertelstelle in der Presseabteilung des Hamburger Rathauses.

Bärbel (61) und Manfred (65) Stein: Katharinas Eltern. Nach überraschendem Unternehmerglück und kometenhafter Karriere als engagierte Großeltern mittlerweile auf Langzeiturlaubsreise.

Tanja Klose (38) und Karsten Kobald (42): Traumpaar bei Kathis alter Zeitung, halb frisch und glücklich verheiratet.

Emoticon-Glossar für Telearbeiter

;–) Augenzwinkern

:–D Lautes Lachen

:–( Traurig sein

:–/ Mund verziehen

:–) Lachen

:–o Erschrecken

0:–) Heiligenschein

:–* Kleines Küsschen

:“> Erröten

@–) Hypnotisiert

:–)) Sehr glücklich

:–X Dickes Küsschen

(:–( Sehr traurig

:–$ Nicht weitersagen

;;) Augenaufschlag

:–S Panik

:*) Betrunken

x( Wütend

:–o Schrei

]:–> Teufel

%–) Verwirrt sein

1. Kapitel

MONTAG, 24. Juli

08:00 Uhr – Stillen

08:30 Uhr – Meiki KiGa

09:00 Uhr – Interviewvorbespr. SCHMAZ, Location-Suche für PK

12:30 Uhr – Einkaufen (Kalligrafie-Set f. Meiki!!!)

13:00 Uhr – Meiki abholen – Belohnungsspaghetti kochen!

14:30 Uhr – Meiki KiGa

15:00 Uhr – Babyturnen – heute: Schnupper-PEKiP

15:30 Uhr – Videokonferenz mit Headquarter in Chicago

15:00 Uhr – Babyturnen!

16:30 Uhr – Meiki abholen

17:00 Uhr – Videokonf.

20:00 Uhr – Tobi Völkerkundemuseum, open end

20:15 Uhr – Stillen

Himmel, was war das für eine Aufregung mit dieser blöden Videokonferenz! Erst sollte sie um 08:00 Uhr Central Daylight Time anfangen, also 15:00 Uhr MESZ – sprich Mitteleuropäische Sommerzeit – sprich Hamburg – sprich bei mir. Dann auf einmal schon um halb acht Chicagoer Zeit (keine Ahnung, warum die freiwillig so früh aufstehen) und irgendwann dann doch um 17:00 Uhr bei uns. Aber nun ist zum Glück alles geklärt, und ein neuer Tag in meinem Arbeitsparadies beginnt. Another day in paradise … Apropos – wo ist eigentlich meine Phil-Collins-CD aus dem letzten Jahrhundert? Die muss beim Umzug irgendwie verloren gegangen sein. Egal, habe ohnehin zu viel zu tun. Ja, man könnte sogar sagen, ich habe ziemlich viel zu tun. Aber mein neues Leben als Chefin meines eigenen Home-Office ist ja gut organisiert. Und nicht nur das: Es ist einfach wunderbar!

Natürlich könnte ich auch in der schicken Europazentrale von BetterMedia (so heißt »mein« Konzern) an der Alster arbeiten. Aber das wollen ja alle, und Mäxchen könnte da nicht in Sichtweite Krabbeln üben, und Mareike könnte ich nur in Ausnahmefällen von den Schlauen Füchsen abholen – weil ich ständig im Stau stünde. Es lebe die Work-Life-Balance! Glückliche Mutter und erfolgreiche PR-Managerin, weder Glucke noch Rabenmutter – eigentlich ist es zu schön, um wahr zu sein. Lieber nicht zu lange drüber nachdenken, sonst setzt noch die Autosabotage ein, irgendetwas geht beim Teleworken so richtig schief, und ich muss in der Zentrale arbeiten.

Schon jetzt fühle ich mich gezwungen, dort gelegentlich mal aufzutauchen. Allein damit die Kollegen nicht vergessen, dass ich real existiere. Aber die meiste Zeit sitze ich in meinem Luxusbüro, vier Meter Luftlinie von den Kinderzimmern, mit Blick auf den Garten natürlich.

Bei der Videokonferenz geht es um die PR-Kampagne für dieses neue Mega-Portal, das sich Randy ausgedacht hat – oder eher seine Programmiersklaven. In Amerika gibt es so etwas Ähnliches natürlich schon, und nun will BetterMedia damit auch in Deutschland richtig gut Geld verdienen. Und ich soll dafür die Werbetrommel rühren. Oder eher rühren lassen.

Kaum zu glauben: Vor knapp eineinhalb Jahren bin ich bei meiner Zeitung rausgeflogen, nun ja, weil mein Einsatz als Starreporterin auf der IT-Messe CompNet mit Meiki im Gepäck dann doch nicht so gut angekommen ist.

»Mamamamamamamamampf.«

Max kommt um die Ecke gerutscht. Krabbeln ist nicht so seine Sache, aber dafür hängt er im Po-Rutschen wirklich jeden ab. Jetzt ist er gerade mit seiner neuesten Beute unterwegs: Elle Decoration.

»Na, Mäxchen, was liest du denn da Schönes?«

»Mamamamamamamamampf.«

»Nein, das ist eine Zeitschrift. Zeit-schrift. Oder eher: Das war eine Zeitschrift. Zeig doch mal her, mein Schatz.«

»Mamamamamamamamamampf.«

Okay, die Fotoreportage über »Küchen zum Verlieben« hat es Max angetan. Max ist übrigens gerade acht Monate alt geworden und natürlich das süßeste Kind der Welt. Nein, stopp! So einfach geht das bei zwei Kindern ja nicht mehr. Mareike ist schließlich auch das süßeste Kind der Welt, und damit wird die ganze Sache irgendwie unlogisch. Dann eben der süßeste Junge der Welt, damit bin ich auf sicherem Terrain.

Als sich Max ankündigte, damals wegen des kleinen Zwischenfalls mit dem interaktiven Verhütungskalender und meiner computererstellten Temperaturtabelle noch unter dem Arbeitstitel »Excel«, hatte ich gerade den Job als PR-Chefin für Deutschland angeboten bekommen. Und mein Chef Randy war überhaupt nicht, aber auch wirklich ü-ber-haupt nicht geschockt, als ich ihm die Schwangerschaft gestand. Ganz im Gegenteil, schließlich hatte BetterMedia ja gerade MAMA.Com ganz groß in Deutschland rausgebracht.

Das ist ein Computerprogramm, mit dem Eltern von zu Hause aus arbeiten können. So als wären sie im Büro, nur eben ins eigene Wohnzimmer outgesourct. Der Traum aller Controller, weil die Mitarbeiter ihren eigenen Strom verbrauchen und im Büro niemandem den Platz wegnehmen. Mutterschutz soll nun zum Fremdwort werden, alle gerade entbundenen Mitarbeiterinnen dürfen gleich von zu Hause aus weiterarbeiten – so der Plan von BetterMedia. Keine Geschlechterlücke mehr auf dem Arbeitsmarkt, kein Gebärstreik der Akademikerinnen – so die Hoffnung der Bundesregierung, die das Ganze auch noch sponsert. Eigentlich unfassbar, aber das darf ich als Oberpressefrau für MAMA.Com natürlich nicht einmal denken.

Ich sitze natürlich gerade vor einem MAMA.Com-Computer. Und wegen der kleinen Ablenkung durch Max fliegen schon wieder hellblaue und rosafarbene Schnuller als Screensaver über den Bildschirm. Mein Edelcomputer hat eine Webcam (für die Videokonferenzen, habe die Funktion aber noch nicht ganz durchschaut) und selbstverständlich Breitbandanschluss. Diese ganzen Baby-Gimmicks wie der Feuchtigkeitssensor in den speziellen MAMA.Com-Windeln und die Erinnerungsfunktion fürs Stillen oder das Fläschchen gehören natürlich auch dazu.

Die Spezialwindeln sind allerdings nie bei mir eingetroffen, sodass Max nun doch weiter in die altmodischen »BabyDon’tCry« macht. Und neulich fing dieser Fläschchenwecker an, bei jeder eingehenden E-Mail zu klingeln. Wobei die Klingel eigentlich gar keine Klingel ist, sondern der Technoüberlebensschrei eines virtuellen Babys. Grausig. Mein Lieblingskollege am IT-Helpdesk in Indien, Swapnil, hat mir aber zum Glück verraten, wie man die Funktion abstellen kann.

»Mamamamamampf!« Max rupft jetzt die Seite mit den XXL-Kücheninseln, den ergonomisch tiefergelegten Kochfeldern, den höhergelegten Arbeitsplatten und den Edelstahl-Abzugshauben zum Preis für einen Kleinwagen raus. Nein, die Seite brauchen wir nicht mehr.

»Aber nicht in den Mund, Max!«

»Mampf.«

»Nein, nicht mampf! Komm, gib mir das Papier.«

»Mamamamampf.« Da war ein eindeutig enttäuschter Unterton zu hören. Unglaublich, wie schlau der Kleine ist. Er hat mich verstanden. Das muss ich nachher unbedingt Tobi erzählen. Und so gut erzogen! Er nimmt die Seite tatsächlich nicht in den Mund. Obwohl – mir gibt er sie auch nicht. Dafür fängt er mal wieder an, sie in Konfetti zu verwandeln – wie schon das halbe Spiegel-Jahresabo zuvor. Dabei hatte ich das noch gar nicht durch. Wenn nachher Zeit ist, muss ich unbedingt mal wieder saugen.

Wo war ich? Ach richtig, diese desaströse CompNet. Mit Windpocken in der KiTa, Tobi in Afrika und Oma und Opa auf Geschäftsreise in Frankfurt hatte ich das große Los gezogen und Meiki mit auf der Messe. Da gab es dann so ein paar Pannen mit ultrawichtigen Interviews, und meine Tochter stand irgendwann halb nackt auf der … aber das ist ja Schnee von gestern, so wie hart gewordene Gummibärchen oder abgestandene Cola. Auf jeden Fall hat mir DocSchrott, der damalige Chefredakteur der Hanse, umgehend gekündigt. Aber zum Glück hat BetterMedia erstens genau zu diesem Zeitpunkt meine alte Zeitung, eben jene Hanse, übernommen, und BetterMedia-Boss Randolph DeLuxe ist nach unserer Begegnung auf der CompNet zweitens auf die seltsame Idee gekommen, dass ich die Frau für seine PR in Deutschland bin.

Eigentlich bin ich immer noch nicht seiner Meinung, aber wer widerspricht schon seinen Chefs! Zumal, wenn sie einem ein ultraschickes Home-Office in unserem neuen Haus (jaha!) in Blankenese (jawohl!) einrichten. Okay, trotz des tollen BetterMedia-Gehalts hat es dann doch nur zum Endreihenhaus gereicht, aber das ist dafür riesig – jedenfalls wenn ich putzen muss. Lieber nicht dran denken. Mein Putzfrauen-Recruiting ist leider noch nicht so weit fortgeschritten, was sich neulich furchtbar gerächt hat. Da hatte Meiki nämlich ihre Freundin Florentine eingeladen.

Florentine ist mit ihr in diesem edlen Überflieger-Kindergarten, aber Florentine ist dort als zahlendes Mitglied. Nicht, dass die Schlauen Füchse uns gar nichts kosteten, aber Meiki hat diesen Aufnahmetest mit Bravour absolviert und deshalb so eine Art Stipendium bekommen. Wie an amerikanischen Unis: Die Reichen zahlen, die Schlauen schnorren. Obwohl ich insgeheim immer noch nicht ganz ausschließen kann, dass Tobias und Meiki bei diesem Termin für die Aufnahmeprüfung irgendwie gemogelt haben.

Wie dem auch sei, Florentines Eltern haben jedenfalls mit irgendeiner Pistazien-, Erdnuss- oder Teppich-Import-Firma jede Menge Geld verdient und konnten sich ihr einziges Schätzchen in einem städtischen Kindergarten einfach nicht vorstellen. Mit dem Pöbel, nein, unser Kind nicht! Und so kam Florentine zu den Schlauen Füchsen und wurde von Meiki mit sicherem Griff zur besten Freundin gekürt – jener Spross aus dem Anwesen im Stadtteil Hochkamp mit drei Angestellten und einem privaten Sicherheitsdienst, der rund um die Uhr vor der fünf Meter hohen Rhododendronhecke kreist. Im Vergleich dazu sind wir der Mob, spätestens seit der Geschichte mit den Wollmäusen. Traumatisch.

Nachdem Meiki schon ungefähr zehn Mal zu Gast in Florentines pink(!)farbenem Swimmingpool war, mussten wir die Kleine wohl oder übel auch mal zum »play date« einladen. Zu diesem Anlass habe ich mir vorsichtshalber gleich den ganzen Tag freigenommen: morgens zum Haus-Grundputz, nachmittags zu Tee und Petits Fours mit Florentines Mutter.

Ich weiß nicht, was schlimmer war, denn das Gespräch wollte und wollte nicht so recht in Gang kommen. Akuter Gärtnermangel – was soll ich dazu sagen bei zweihundert Quadratmetern Grundstück (ein Handtuch Wiese vor, ein Handtuch Wiese hinter dem Haus)? Immer Ärger mit der Steuerfahndung – unbekannt. Bei Feinkost Johanssen war der Loup de Mer schon wieder ausverkauft – hm.

Das Small-Talk-Problem löste sich dann binnen Sekunden, als es zu einer unvorhergesehenen Pause beim Versteckspiel von Meiki und Florentine kam. Florentine hatte sich nämlich leider unter unserem Bett versteckt, in dieser Region, wo nun wirklich nicht einmal ein Mikrostaubsauger hinkommt. Dann war sie dran mit Suchen, kam ins Wohnzimmer und an ihrer Mutter vorbeigestürmt – mit eben besagten Wollmäusen in den seidigen pflegegekurten Haaren.

Dagegen ist der heutige Tag ein Klacks. Keine Florentine, keine Nobelmutter, nur ein bisschen Pressearbeit, Einkaufen, Babyturnen und die Videokonferenz mit den Kollegen in Chicago. Einer von denen schickt mir gerade eine Message, wie mir der blinkende Schnuller unten rechts im Bildschirm mitteilt. Jetzt schon? Wer kann das sein?

Message for Stein from Baldman on July 24: Bringst du mir die TOPs für die PK Germany vielleicht doch persönlich vorbei? Make me happy ;–)

Das war Fred. Oh-oh …

2. Kapitel

»Wir machen uns nun ganz bewusst, dass der kleine Jonathan gerade Pipi gemacht hat.« Die Stimme dieser PEKiP-Tante ist so sanft, dass sie mich etwas aggressiv macht. Aber das ist mir immerhin gaaanz bewusst. Ommmm.

»Mama Sonja nimmt sich nun ein Kleenex, während wir uns weiter auf das Bällerollen konzentrieren, was die Körperwahrnehmung und die Verdauung unserer Kleinen so wunderbar stimuliert.«

Noch mehr Verdauung?

Jonathans Mama Sonja hechtet schweißgebadet zur Kleenex-Station in der Mitte des auf schlappe 38,9 Grad hochgeheizten Mehrzweckraums im Ortsgemeinschaftshaus, Klein-Jonathan rollt nackt und vergnügt in seinem Pipi herum.

Iiiieh.

»Unsere Lisa ist gerade eingeschlafen, das war ihr Bedürfnis, und wir müssen es wahrnehmen.« Wäre auch schwer, es nicht zu tun, denn Lisa schnarcht für ihre acht Monate mit einer beachtlichen Lautstärke. Mama Kerstin schaut ein bisschen enttäuscht auf ihr grunzendes Schätzchen. Dabei hat Kerstin es eigentlich gut. Mit wachsender Verzweiflung versuche ich, Max zum Besteigen des riesigen Wasserballs zu bewegen, auf dem er stimulierend rumkullern soll. Aber Max findet es leider viel lustiger, Nils von nebenan den Ball ins Gesicht zu kegeln. Als Po-Rutscher hat er gewisse Vorteile gegenüber den Vierbeinern. Max quietscht vor Vergnügen, Nils brüllt, und seine Mutter wirft mir einen etwas unentspannten Blick zu. Sie ist wohl auch aggressiv.

Um es kurz zu machen: PEKiP ist nicht mein Ding. Ich hatte schon ein richtig schlechtes Gewissen, weil man ja eigentlich schon ab der vierten bis sechsten Lebenswoche damit anfangen soll. Und im Umkreis von fünfzehn Kilometern haben sich auch alle Vorbild-Mütter spätestens in der 16. Schwangerschaftswoche dafür angemeldet. Alle anderen bekamen keinen Platz mehr in irgendeiner Gruppe und mussten wie ich ausweichen auf das ordinäre Babyturnen des BTV (Blankeneser Männer-Turnverein. In der Kinderturngruppe ist natürlich kein Mann weit und breit in Sicht – na ja, normalerweise bis auf Patrick). Und weil einige Mütter ihre Schuldgefühle nach Monaten in der kalten Turnhalle einfach nicht unter Kontrolle bringen konnten, überredeten sie den BTV, wenigstens eine einzige PEKiP-Schnupperstunde für uns Mütter-Nieten zu organisieren. Damit sie zumindest ein bisschen mitreden können. Theoretisch war ich natürlich längst vorgebildet.

»Das Prager-Eltern-Kind-Programm ist ein handlungs- und situationsorientiertes Konzept der Familienbildung«, so viel hatte ich schon recherchiert. »Die PEKiP-Gruppe trifft sich in einem warmen Raum (sehr warm, das weiß ich jetzt), in dem Matten auf dem Boden liegen. In der Zeit, in der sich Eltern von ihren sonstigen Verpflichtungen frei machen (klar, Handy ausmachen und so weiter), spielen sie mit ihren Babys auf dem Boden. Babys, die nackt sind, bewegen sich im warmen Raum spontaner und intensiver. Sie weinen weniger (außer Nils) und sind insgesamt zufriedener und genießen den Hautkontakt zu den Eltern (Kleenex?). Bei dem Spielangebot werden die Babys selber aktiv (bis auf Lisa). Die Eltern werden unterstützt, sich an den Bedürfnissen ihres Babys zu orientieren.« (Die Babys müssen sich allerdings mit ihren Eltern nach Hause orientieren, wenn es den Bedürfnissen der Großen entspricht.)

Und tschüss, das war’s für mich und PEKiP. Bei der nächsten Gelegenheit werden wir, lieber Max, umgehend die Flucht ergreifen. Wahrscheinlich muss man wirklich noch im Hormonrausch spätestens vier Wochen nach der Geburt mit dem FKK-Krabbeln anfangen, damit man dessen Vorzüge so richtig kennen lernt. Wer zu spät kommt, den bestraft der Wasserball. Patrick hat sich gleich ganz gedrückt. Der ist mit Valeria heute einfach gar nicht gekommen. Feigling. Oder sein Trendbewusstsein hat ihm gesagt, dass PEKiP in Wirklichkeit längst schon wieder out ist. So wird es sein.

Okay, natürlich komme ich in Wahrheit nur um vor schlechtem Gewissen und platze vor Neid auf die PEKiP-Platz-Besitzerinnen, aber eigentlich möchte ich jetzt wirklich gehen! Fragt sich nur noch, wie wir diskret um die zwölf riesigen Turnmatten voll nackter Kinder und verschwitzter Mütter herumkommen.

In meinem Wickelrucksack rappelt etwas. Mein Handy vibriert. Oh, hoffentlich habe ich es leise ge…

»’Cause I’m T.N.T.«

Nein, es ist laut. Sehr laut.

»I’m dynamite.«

Zwölf erwachsene Augenpaare starren mich an. Die PEKiP-Chefin sieht mich erst gekonnt missbilligend an und konzentriert sich dann demonstrativ auf den Wasserball vor ihren Knien.

»T.N.T.«

Die eben noch schnarchende Lisa schreit jetzt im Chor mit Nils. Zweistimmig. Lauter als AC/DC auf meinem Handy.

»… and I’ll win the fight.«

Da stecken bestimmt Meiki und Konrad dahinter. Carola war am Wochenende mit ihrer ganzen Familie bei uns, ihr Mann macht ständig so einen Blödsinn. Und Meiki ist immer ganz begeistert, wenn sie mit meinem Handy oder noch besser mit meinem Computer spielen kann. Während wir schon bei Apfelkuchen mit Schlagsahne saßen, haben die beiden sich bestimmt an meinem Handy zu schaffen gemacht. Ich suche mir natürlich nicht so einen explosiven (und dazu noch altmodischen) Klingelton aus, ich habe ohnehin ein kleines Problem mit diesen Dingern.

Zu spät, mein Image bei der PEKiP-Chefin ist endgültig ruiniert. Also kann ich auch eigentlich ans Telefon gehen.

»Stein!«

»Kässy, wo for God’s sake bist du?«

Trish. Meine Chefin. Sie hat mich schon mit ihrem »Kässy« genervt, als ich noch Journalistin war und sie schon längst als Ober-PR-Frau für Randy Werbung gemacht hat. Nun ist Randy unser beider Chef, aber Trish leider auch meine Vorgesetzte.

»Oh, hi, Trish, ich, äh, ich bin gerade auf Location-Suche für die nächste Pressekonferenz. Eine Sekun…«

Jetzt fängt auch Max an zu brüllen.

»Wir warten fur dich«, sagt Trish in ihrem gewohnt schlechten Deutsch. »Du musst vergessen haben unseres Videokonferenz!«

Das Handy zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt, fange ich an, Max anzuziehen. Dürfte Rekordzeit werden, ich melde uns bei Wetten, dass … an.

»Wieso jetzt schon? Die Konferenz ist doch erst um 17:00 Uhr, dann bin ich natürlich längst wieder in meinem …«

»Seventeen o’clock?«

»Okay, dann eben five p.m.!«

»Das ist in ricktige Zeit …«

Typisch Trish: »Ricktig« ist das, was in Amerika ist. Von Zeitzonen noch nicht viel gehört, die gute Trish.

»Das ist ten a.m. Chicagoer Zeit.« Minus sieben, ganz einfach.

»O no, honey, das stimmt nischt, die Konferenz war scheduled, wie sagt man, geplant, für eight thirty. In eine ricktige Office so etwas passiert nicht«, kreischt Trish.

»Ich sehe da keinen Zusammenhang, wie gesagt bin ich auf Suche nach einem Raum für die Pressekon …«

»Oh, really? Bist du im McDonald’s PlayPlace?«

»Nein, natürlich nicht.«

Das war wenigstens nicht gelogen. Jetzt ist es zwanzig vor vier. Vor vier Uhr bin ich niemals zu Hause.

»Keine Sorge, Trish, ich bin in zehn Minuten an meinem Schreibtisch.«

»Dort du wirst aber keine Platz mehr haben!«

Hä?

»Hier in Chicago alle sind schon versammelt: Randolph, Fred, die Marketing-Crew … Die Connection, you know, für das Videoubertragung steht auch schon. Und diese Bär ist not funny. Not funny at all!«

Welcher Bär?

Immerhin habe ich es inzwischen fast bis zum Ausgang geschafft. Max klemmt schreiend unter meinem Arm. Hoffentlich wartet zu Hause nicht schon das Jugendamt. Mit der einen Hand halte ich das Handy, mit der anderen unser Riesenhandtuch, das ich fast vergessen hätte. Ich sehe überhaupt nicht, wohin ich trete.

»Es tut mir leid, ich bin gleich … aaah.«

Nils’ Wasserball lag aber auch wirklich völlig im Weg. Fast wäre ich auch noch hingefallen. Zum Glück habe ich nur Nils’ Wasserball der PEKiP-Tante vor den Bauch gekickt. Guter Pass eigentlich.

Puh, endlich vor der Tür. Max beruhigt sich in den sommerlich-erfrischenden vierundzwanzig Grad und mit einem kleinen Dinkelkräcker zwischen den vier Zähnchen auch gleich ein bisschen. Nur aus meinem Handy kreischt es immer noch.

»Diese Bär, das ist ein provocation!«

Trish muss heute Morgen eine Glückspille zu wenig eingeworfen haben.

Vielleicht sollte sie Tobias die vergessene Portion Prozac mal in die Uni beamen. Denn der muss wohl mal wieder Mareike abholen und ist deshalb vielleicht gar nicht so glücklich. Bis halb fünf ist diese Konferenz nie zu Ende. Einer der vielen Notfälle, aber bei seinen Historikern hat er zum Glück die flexibelsten Arbeitszeiten, die man sich vorstellen kann. Ist ja nun wirklich völlig egal, wann er der Welt das Geheimnis verrät über »Die Aneignung globaler Produkte – der Brühwürfel in Nigeria«. So heißt sein neuestes Projekt. Maggi, Maggi!

Und überhaupt, Tobias hat sowieso versprochen, bis um fünf zu Hause zu sein, um unsere kleinen Monster während der Konferenz zu bändigen. Ich werde ihn gleich alarmieren.

»Trish, ich muss jetzt los, ich bin gleich bei euch.«

Die Szene ist schon ein bisschen gespenstisch. Ich bin mir absolut sicher, dass ich Computer, Radio, Fernseher, einfach alles ausgemacht habe, als ich zu diesem PEKiP-Desaster aufgebrochen bin. Und die Haustür ist auch zu und abgeschlossen, also noch kein Tobias da und eigentlich auch keine Einbrecher.

Aber aus dem zweiten Stock sind eindeutig Stimmen zu hören. Und Babygeschrei.

»Uäh, uäh!« Max strahlt mich an. Er hat das Geschrei von oben imitiert. Kleiner Scherzkeks. Dabei ist mir aber gerade in diesem Moment gar nicht so sehr zum Spaßen zumute.

Ich rufe Tobias gleich noch mal an. Kleiner Rückfall in prä-emanzipatorische Abhängigkeitsverhältnisse. Aber ich will jetzt sofort einen Beschützer!!!

»Hagel!«

»Tobi, ich bin’s noch mal«, hauche ich ins Telefon.

»Hallo, ich war schon fast auf dem Weg zum Kindergarten. Warum flüsterst du denn?«

»Bei uns im Haus spukt’s!«

»Du spinnst ja.«

So viel zum Thema Beschützer.

»Doch, oben sind Stimmen zu hören, und ein Baby schreit.«

»Kathi, bist du krank?«

Nein, ich war nur beim Schnupper-PEKiP und habe T.N.T. auf meinem Handy.

»Tobi, im Ernst. Mindestens fünf Leute reden durcheinander und dann ist da immer wieder dieses Baby.«

»Uäh, uäh.«

»Aber das war doch Mäxchen!«

»Ja, hier schon, aber oben nicht.«

»Also, ich glaub, du siehst Gespenster. Das ist übrigens ein interessanter Aspekt. Die Chewa, weißt du, das ist eine Bantu-Ethnie in Malawi und Sambia …«

»Tobias! Ich hab Angst.«

»Brauchst du nicht. Also, die Chewa glauben, dass die Geister von Menschen und Tieren mit den Lebenden in Kontakt bleiben. Möglicherweise hast du den Tod von Orangina noch nicht verwunden, du solltest vielleicht …«

Orangina war unsere Goldfischin, die leider nicht sehr lange unter uns geweilt hat. Das Thermostat am Aquarium war kaputt und Orangina irgendwann gar.

»Tobi, du nimmst mich überhaupt nicht ernst.«

»Du solltest tanzen. Das ist bei den Chewa das Mittel zum Kontakt mit den Toten. Ob das allerdings bei Goldfischen auch funktio…«

Klick.

Männer sind verständnislos. Und Forscher dazu noch lebensfern. Und ich muss zu meinem Schreibtisch.

»Max, du beschützt mich, ok?«

»Uäh.«

Mit Max auf dem Arm wage ich mich also auf die Treppe. Die Stimmen werden immer lauter. Das Babygeschrei kommt mir inzwischen irgendwie bekannt vor. Aber warum?

Die halbe Treppe habe ich schon geschafft.

War das nicht eben Trish, die da gekeift hat? Ich zücke mein Handy, vielleicht hat sie eine geheimnisvolle Standleitung. Aber das Telefon schweigt zur Abwechslung mal. Vorsichtig nähere ich mich meinem Arbeitszimmer, aus dem der gespenstische Stimmenwirrwarr kommt. Ein bläuliches Licht strahlt aus dem Zimmer. Das Licht kommt von meinem Computerbildschirm und davor sitzt …

Pu!

Ja, Pu, der Bär – Mareikes überdimensionales und eigentlich wirklich niedliches Kuscheltierchen mit den Ausmaßen eines ziemlich großen Kleinkinds. Mareike, dieses kleine Miststück! Das war bestimmt sie. Heute Mittag. Sie war heute ausnahmsweise zum Essen zu Hause, weil sie die ganze letzte Woche die »Kulturentdeckungstage« im Kindergarten halbwegs protestlos mitgemacht hat. Das bedeutete nicht weniger als Schnecken aus Frankreich, Nieren aus Belgien und Kim Chi, ein etwas sonderbares Sauerkraut, aus Korea. Ich fand, das war schon eine Portion Belohnungsspaghetti wert.

Als ich mich meinem Schreibtisch nähere, entdecke ich die Webcam, auf der ein rotes Lämpchen leuchtet. Wie von Geisterhand schwenkt die Kamera jetzt von Pu auf mich um.

»Max, ich glaube, wir sind on air.«

»Uäh.«

Das war nicht Max.

Aber jetzt erkenne ich das Geschrei wirklich wieder: Der elektronische Windelalarm von MAMA.Com verlangt mit seinem digitalen Babygebrüll nach einer Wickelsession. Wir haben doch gar keine Sensorwindeln! Trotzdem hebe ich Mäxchen automatisch hoch und stecke meine Nase in seinen Windel-Po. So machen das Eltern, deren Ekelschwelle auf der nach oben offenen »Da-muss-man-eben-durch-Skala« ziemlich weit oben angekommen ist.

»Kässy, endlich!«

Vorsichtig blicke ich hinter der tadellosen Windel meines Sohnes hervor und sehe: Trish. Fast in Lebensgröße, auf dem riesigen Flachbildschirm an der Wand. Die Videokonferenz muss ohne mich angefangen haben. Dieses MAMA.Com wird mir langsam etwas unheimlich.

»Hi, ja, da bin ich.«

Max fängt an zu zappeln. Ich setze ihn auf den Boden.

Ein missbilligender Blick von Trish.

»Ich bringe nur noch kurz Max in sein Zimmer und dann kann es auch schon losgehen.«

»Schon … very funny.«

Max hat leider inzwischen Gefallen an dem gelb, grün und rot blinkenden Modem gefunden und ist zu einem Umzug in sein Kinderzimmer nicht zu überreden. Auch seinen Laufstall empfindet er offensichtlich gerade als Beleidigung, jedenfalls dem Protestgebrüll nach zu urteilen. Dann bleibt er eben da. Hoffentlich sind die Kabel gut gesichert …

»Ready?«

Jetzt wird auf dem Riesenbildschirm die Aufnahme von mir eingeblendet. Muss das denn sein? Ich finde mich nicht wirklich businesslike, sondern eher PEKiP-verwüstet. Mode ist ja ohnehin keine meiner Kernkompetenzen, und ein Home-Office allein schon deshalb ein großer Vorteil. Mal von Videokonferenzen mit Startautomatik abgesehen. Und dieser orangefarbene Jogginganzug – vielleicht ist der doch ein bisschen zu retro. Dazu meine Haare: bestenfalls casual look nach heftigem up-do, oder so ähnlich. Wenn das Tanja wüsste.

Max widmet sich nun dem Drucker, den ich dringend auf ein höheres Regalbrett stellen muss. Aber dort ist es schon so furchtbar voll. Max hat bereits die dritte Testseite ausgedruckt. Lange geht das hier nicht gut.

»Kässy, are you ready?«

Die ist aber auch ungeduldig.

»Yes, let’s go!«

Auf meinem Computerbildschirm entdecke ich mal wieder einen blinkenden Schnuller.

Message for Stein from Baldman on July 24: Keep smiling, niemand kann dir wirklich böse sein :–D

3. Kapitel

  • FLOHRENTINE
  • LEENA
  • LEONI
  • LE-HA
  • FINNJA
  • LILLILLI
  • LIHSA
  • LUHISE
  • JENNI
  • WANESSA
  • MARIH
  • ÄMMILLI
  • ÄMMA
  • JAKOP
  • LEON, DÄR MIT DEM TOLLEN FARAT
  • LEON, DÄR ANDRE

»Emma will ich doch nicht einladen. Die ist gar nicht mehr meine Freundin. Die hab ich überstrichen …«

»Durchgestrichen, Meiki. Und Emma schreibt man mit E, nicht mit Ä. Genau wie Emilie. Und die hat auch nur ein M, ein L, aber dafür am Ende noch ein E.«

Was bin ich für eine Pedantin. Aber wenn kleine Superhirne schon von alleine schreiben lernen, dann soll man sie auch gewissenhaft korrigieren. Obwohl ich das eigentlich ein bisschen übertrieben finde. Bei den Schlauen Füchsen ist das jedoch die Devise, die den Eltern bei jeder Gelegenheit eingetrichtert wird.

»Emma ist nicht mehr meine Freundin, weil …«

»Und überhaupt, deinen letzten Geburtstag haben wir gerade erst gefeiert, der nächste hat also noch ein bisschen Zeit.«

»Mama, ich bin dran mit Reden! Das macht man nicht.«

Seufz.

»Stimmt, ’tschuldigung.«

»Also, Emma kommt auf gar keinen Fall und überhaupt niemals nie gar nicht.«

»Nein, dann kommt Emma eben nicht. Es sind sowieso ein paar Kinder zu viel auf deiner Liste.«

»Nööö, ganichwah! Das sind nur einundelfzig. Waahte, ich zähl noch mal. Eins, Florentine, zwei … Mama, weißt du, warum ich Florentine einladen will?«

»Na ja, wahrscheinlich, weil sie deine Freundin ist.«

»Ja, sogar meine beste Freundin. Und weißt du, warum?«

»Hm. Wahrscheinlich, weil ihr euch besonders gut versteht, oder?«

»Nö, eigentlich ist die doooof. Aber von der kriege ich zum Geburtstag bestimmt wieder was ganz Tolles von Barbie. Vielleicht sogar das Glitzerschloss von der Fee von der Mörmait-Barbie Elina …«

Mermaid, diese Barbie-Meerjungfrau – grässlich.

»Die Fee mit den rosa Glitzerhaaren, weißt du, Mama?«

»Hm.«

Und ob ich weiß.

»Die ist soooo schön.«

Zu Hilfe, Alice Schwarzer, steh mir bei.

»Aber dafür sicher nicht sehr schlau oder mutig oder …«

»Na und? Aber sooo schöhön. Nur die Mama von Vanessa sieht fast genauso hübsch aus wie die Fee.«

?

»Die Mama von Vanessa hat auch nicht immer so komische Hosen an, so diese schlabbrigen, weißt du? Wie …« Meiki verstummt und blickt auf …

… meine Jogginghose!

Hier scheint ein Interessen-, ein Klassen-, ach, keine Ahnung, vielleicht ein Generationenkonflikt vorzuliegen. Den können wir heute Morgen um Viertel nach acht wohl nicht so spontan lösen. Also versuche ich es erst gar nicht. Aber diese Jogginghose – vielleicht müsste die wirklich mal in die Altkleidersammlung. Hat meine Mutter schon vor fünf Jahren angemahnt. Aber die hält mich ja sowieso für die größte Mode-Analphabetin der Welt. Und vor meiner privaten Fashion-Beraterin Tanja habe ich die Hose vorsichtshalber schon versteckt, als sie noch neu und noch gar nicht ausgebeult war. Jedenfalls fast gar nicht. Tobias mochte die Hose auch noch nie. Halloween-Kürbis hat er mal gesagt, als ich mit Max im achteinhalbten Monat war und ich kurz vorher über seinen Gespensterumhang gelästert habe. Den hatte ihm ein Kollege aus dem Institut für Orientalistik, Abteilung Arabistik, von einer Feldforschung in der Wüste mitgebracht. Ich habe außer dem Kürbis-Kommentar auch gleich eine Kurzvorlesung bekommen zum Thema »Respekt vor der Kleidung anderer Kulturen unter besonderer Berücksichtigung des Burnus«. So heißt das Geistergewand, ups, ich meine natürlich der Kapuzenmantel der nordafrikanischen Beduinen. Aber Tobias sah wirklich verdächtig nach Hui Buh aus.

»So, Meiki, ich glaube, du musst jetzt mal ganz dringend los in den Kindergarten. Ach, und überhaupt, was ich dich noch fragen wollte: Hast du Pu vor meinen Computer gesetzt?«

»Und Leon, weißt du, Mama, der hat echt das tollste Fahrrad!«

»Hallo! Hast du Pu vor meinen Computer gesetzt?«

Die Strategie der kaputten Schallplatte bringt einen zum Ziel – steht in allen Erziehungsratgebern.

»Leon hat echt das tollste Fahrrad.«

Die Strategie wird aber leider auch vom feindlichen Lager eingesetzt. Ich gebe also auf.

»Aha. Ziehst du dir jetzt bitte endlich deine Schuhe an?«

»Aber der Papa von Leon hat auch ein ganz tolles Auto. Leon sagt, das ist ein Dschiiieb. Das ist ganz, ganz, ganz, gaaaaanz groß!«

Mareike zeichnet mit ihren Armen einen riesigen Kreis und schleudert dabei ihre rosa Sandalen gegen den Schuhschrank.

»Meiki, die Schuhe! Sieh mal, Max ist auch schon fertig.«

»Boh, das ist echt riesengemein. Der muss sich seine Schuhe ja auch nicht selbst anziehen.«

»Aber mit dem Trinken ist er fertig.«

»Der ist doch schon viel zu groß dafür! Baby, Baby!«

»Mamamamamampf.«

Max sperrt seinen Mund auf, seine Milchzähnchen blitzen wie ein frisch überkrontes Babyhai-Gebiss und nehmen Anlauf auf meine rechte Brustwarze.

Das war knapp, zum Glück konnte ich ihn noch in letzter Sekunde aufhalten. Das macht er manchmal, wenn er eigentlich schon satt ist. Okay, ich muss zugeben, in diesen Momenten denke ich auch gelegentlich, dass er vielleicht wirklich schon ein bisschen zu groß ist. Aber in allen Stillratgebern steht, dass im ersten Lebensjahr einfach nichts über die Muttermilch geht. Und dass die meisten Frauen nur abstillen, weil der soziale Druck zu groß wird. Also alles Quatsch, deshalb wird Max noch morgens und abends gestillt. Carola meinte neulich allerdings auch schon, ich übertreibe es ein bisschen – Max würde mir sicher bald eigenhändig die Bluse öffnen.

Blödsinn.

»Max ist ein Riesenbaby, Max ist ein Riesenbaby!«

»Meiki, hör jetzt auf. Ich entscheide, wie lange Max gestillt wird.«

Mein Busen gehört mir!

»Nicht nur«, sagt Tobias und grinst.

Hä? Habe ich das eben gesagt? Ich meine, das mit dem Busen. Oder kann Tobias jetzt schon Gedanken lesen? An einem Voodoo-Workshop teilgenommen? Gasthörer im Fachbereich für Parapsychologie?

Tobias gibt mir einen Kuss, natürlich anständig auf die Wange, während ich meinen Pulli zurechtrücke und unseren kleinen Vampir auf den Boden setze.

»Komm, Meiki, ich bring dich jetzt in den Kindergarten«, sagt Tobias.

Wie von Geisterhand und in Überschallgeschwindigkeit zieht sich meine Tochter ihre Schuhe an, rückt ihr lila Haarband mit den Tüllschmetterlingen zurecht, klemmt ihr neues Kalligrafie-Set unter den Arm (Fingerfarben waren vorgestern) und verschwindet Händchen haltend mit ihrem Papa in der Haustür. Klarer Fall von Elektra-Komplex. Oder eher alterstypischer Vater-Fixierung? Egal. Eigentlich ganz praktisch nach der jahrelangen Mama-Phase.

Und überhaupt, gleich herrscht hier wunderbare Ruhe im Haus. In spätestens zwei Stunden wird Mäxchen seine Vormittagssiesta machen, und ich kann mich dann ganz entspannt der PR-Arbeit für BetterMedia widmen.

Die dekorativ-schlichte Bahnhofsuhr über meinem Schreibtisch zeigt 11:00 Uhr. MESZ natürlich. Und da ist sie: die Stille. Es gibt am Tag einfach keine bessere Zeit.

Max schläft in seinem Zimmer, Mareike studiert im Kindergarten chinesische Schriftzeichen, Tobias bastelt an der Uni an seiner Historiker-Karriere, und ich – ich kann mir unbemerkt eine Milchschnitte aus dem Kühlschrank klauen! Trish und Co. von der BetterMedia-Zentrale in Chicago schlafen noch, und Swapnil und Kollegen in unserer outgesourcten IT-Abteilung im indischen Mumbai haben schon fast Feierabend.

Ich schalte meinen Computer an. Ein Schriftzug fliegt über den sonst noch schwarzen Bildschirm. Das ist neu. Sonst sind es doch immer Schnuller! »Mama, ich hab dich lieb, Meiki«, steht da. Wie auch immer sie das geschafft hat, ich bin wirklich gerührt. Pu habe ich ihr längst vergeben. Ich glaube, es wird ein wunderbarer Tag.

Das Telefon klingelt.

»Stein.«

»Kathi, Clemens Malzbecher hier.«

Und schon ist der wunderbare Tag zu Ende. Zu früh gefreut.

»Kathi, hör zu, ich will gleich zum Punkt kommen …«

Ich halte den Hörer eine Armlänge von meinem Ohr weg. Clemens schreit ganz furchtbar, wenn er sich wichtig fühlt. Also immer. Früher, als wir beide noch bei der Hanse waren, hatte ich sogar das grauenhafte Vergnügen, ihm in einem Zweierbüro gegenüberzusitzen. Sicher hat mich das ein Zehntel meiner Hörfähigkeit und langfristig mindestens zwei meiner Lebensjahre gekostet. Jetzt nervt mich Clemens immerhin nur noch aus der Ferne – auch ein unschlagbarer Vorteil meines Home- Office. Aber dafür nervt er hartnäckig.

Er ist immer auf der Suche nach einem Skandal – ein echt investigativer Journalist. Dass Watergate ohne ihn aufgedeckt wurde – ein Wunder. Tatsächlich hatte er es mal zum Spiegel geschafft. Das war nach unserem Showdown auf der CompNet. Die Sicherheitsleute von Bundeskanzlerin Engel hielten ihn für einen Selbstmordattentäter, dabei hatte er statt Sprengstoff nur eine Banane in seinem Koffer. Er wollte eigentlich auch nur mir das Interview mit der Kanzlerin wegnehmen – sonst nichts.

Also, zum Spiegel ging er nach der Hanse-Übernahme durch BetterMedia, die ihn den Job gekostet hat. Allerdings blieb er nicht lange beim Spiegel. Waren wohl doch nicht genügend Affärchen, die er ausgraben konnte. Jetzt ist er jedenfalls bei Computer Heute, und deshalb leider ganz furchtbar an MAMA.Com interessiert.

»Oh, hallo, Clemens. Wie geht’s? Was macht das Geschäft?«

»Wie gesagt, ich will gleich zum Punkt kommen.«

»Okay, welche Festplatte brennt denn heute?«

Deine ganz persönliche vermutlich.

»Also, Katharina, von meinen Informanten …«

In-for-manten. Wichtig, wichtig!

»… habe ich erfahren, dass es erhebliche Sicherheitslücken und schwerwiegende Pannen bei MAMA.Com, Version 1.2, gibt.«

»Nein, tatsächlich? Wie kommen die denn auf so etwas?«

Eine erste Schnellfahndung auf meinem Computer bringt leider keinerlei Bezifferung wie 1.2 oder so zu Tage. Keine Ahnung, womit ich hier eigentlich arbeite. Wird aber wohl dieselbe Version sein. So viele gibt es ja noch nicht.

»Heißt das, BetterMedia dementiert?«

Clemens dreht noch mal zwei Phon höher.

»Also, BetterMedia ist stets der höchsten Qualität seiner Produkte und der Zufriedenheit seiner Kunden verpflichtet, und ich werde natürlich umgehend im Detail recherchieren, um welche …«

Bla, bla.

»Kathi, hör zu, ich habe Beweise! Das wird eine Riesenstory.«

Natürlich, wie immer.

»Kathi, meine News werden Wellen schlagen, das ist das Ende von dieser DeLuxe-Heuschrecke in Deutschland!«

Heuschrecke? Mein Chef, der mir ein so nettes Büro eingerichtet hat?

Nun ja, Randy hat tatsächlich den einen oder anderen Laden in Deutschland übernommen. Vor der Hanse schon Handy.Com, danach kamen Wireless.Life, Happy.SMS, Tech.Man und schließlich auch in mehreren Portionen den Privatsender TV1. Überall leuchten jetzt in Rosa und Hellblau die MAMA.Com-Schnuller, die BetterMedia kurzerhand zu seinem Konzernlogo in Deutschland erklärt hat: auf dem Titelblatt der Hanse, auf diversen Internet-Portalen sowie Handydisplays, und bei TV1 flimmern sie nun auch über den Bildschirm. Ein paar Unternehmen hat BetterMedia miteinander fusioniert, die halbe Belegschaft entlassen (Synergie-Effekte heißt das in der Pressemitteilung) und ein paar andere Firmen gleich Gewinn bringend weiterverkauft. Brillantes »asset-stripping«, wie unsere Strategieabteilung meinte. Übersetzt: auftauchen, abgrasen, abhauen.

»Heuschrecke??? Clemens! Keine Beleidigungen bitte! Wir wollen doch sachlich bleiben. Du müsstest mir schon im Detail sagen, welche Probleme es gegeben haben soll, damit ich der Sache nachgehen kann.«

»Bei der Funktion 34.1-A ist es Error 735 …«

Klar.

»Bei 53.2-B Error 422, du weißt schon: cannot connect to sensor …«

Aha, das muss was mit dem Windelsensor zu tun haben.

»Bei 88.3 Error 707b, bei Funktion 11.5 Error 891, bei Funktion …«

ERROR!

»Clemens, eine Sekunde bitte. Ich werde den Problemen nachgehen. Jedem einzelnen. Aber du musst mir die unbedingt mailen. Das kann sich ja kein Mensch merken.«

Stille.

»Wie, du weißt noch nicht einmal, um welche Fehlfunktionen es sich handelt?«, fragt Clemens.

»Wenn es denn welche geben sollte. Ich weiß bisher von keiner einzigen.«

Gewissen, sei still. Ich werde schließlich fürs Lügen bezahlt, oder?

»Aber um sie im Detail zu klären, hätte ich doch gern eine schriftliche Anfrage, da kannst du ja dann eine Liste dieser angeblichen Fehlfunktionen anhängen. Meine E-Mail-Adresse ist Katharina.Stein@BetterMedia.com.«

»Die hab ich schon.«

»Na, umso besser. Dir einen schönen Tag noch!«

Flöt.

4. Kapitel

Ich fürchte, ich muss dieser Sache tatsächlich nachgehen. Der Typ von der Computerbeilage der Schweinfurth-Marktheidenfelder Allgemeinen Zeitung (SCHMAZ – was für ein Name!? Was sind dagegen schon die taz oder die FAZ?) hat neulich auch schon so was Ähnliches angedeutet. Aber das ist ja genauso ein Stänkerer. Und für den muss ich jetzt auch noch ein Interview organisieren!

Am liebsten hätte er natürlich Randolph persönlich, aber das kann dieses Provinzblättchen gleich vergessen. Dann aber den Chefsoftwaredesigner bitte, hat der »Kollege« Journalist gesagt. Nein, das wird auch nichts, am Ende erzählt unser Designer noch von irgendwelchen Pannen, einfach weil es so furchtbar spannend ist, und dieser Computercrack von SCHMAZ versteht ihn im schlimmsten Fall auch noch.

Ich werde diesem Schreiberling dafür lieber ein Blind Date mit unserem Finanzvorstand Deutschland verschaffen. Die dürften sich so gut wie gar nicht verstehen. Das wird sicher lustig …

SCHMAZ: »Unsere Recherchen haben ergeben, dass sich eine noch ungepatchte Sicherheitslücke in MAMA.Com aufgetan hat, über die Angreifer mittels präparierter Dokumente einen Rechner beim Öffnen infizieren könnten. Ein öffentlich verfügbarer Exploit zeigt, wie man den Stack kontrolliert überschreibt. Was bedeutet das für die Nutzer?«

Der Krötenzähler (Finanzvorstand): »Nun, das wird die Nutzer ganz außerordentlich freuen und wesentlich zum Erfolg von MAMA.Com beitragen.«

SCHMAZ: »Äh … aber, also vielleicht haben Sie mich nicht ganz verstanden. Das ist eine enorme Sicherheitslücke, die große Gefahren birgt.«

Finanzvorstand: »Eine der größten Gefahren konnten wir nach den zahlreichen Übernahmen längst abwenden, nämlich das Risiko der übermäßigen Cash-Flow-Reduzierung. Alles unter Kontrolle. Und dazu konnte auch noch unsere Gesamtkapitalrendite, Sie wissen sicher – das Verhältnis zwischen operativem Ertrag und gesamtem Kapitaleinsatz, das wir über den Quotienten EBIT dividiert durch Summe aus Eigenmitteln plus Fremdkapital ermitteln –, also unsere Gesamtkapitalrendite konnte im vergangenen Quartal um 11,349877 Prozent gesteigert werden. Ein schöner Erfolg!«

Genug geträumt, an die Arbeit.

To do:

  • Softwarepannen recherchieren
  • Clemens zurückrufen :–(
  • SCHMAZ-Termin koordinieren, Finanzvorstand-Sek. anrufen
  • Location für Mum@Work-Pressekonferenz suchen
  • Kaloriengehalt Milchschnitten recherchieren
  • Geburtstagskarte für Tante Grete
  • Wäsche!
  • Putzen!!!
  • Beitrag für Meikis Projektwoche überlegen!
  • Geburtstagsgeschenk für Leon bestellen
  • Wocheneinkaufszettel schreiben

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Viel Spaß!



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