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Muksmäuschenschlau

Inhalt

  1. Über das Buch
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Vorwort
  6. Kapitel 1 – Kaltstart
  7. Kapitel 2 – Yiğitt-Igitt
  8. Kapitel 3 – Tagesgeschäft
  9. Kapitel 4 – Sinneswandel
  10. Kapitel 5 – Durchstarten
  11. Kapitel 6 – Schleudergefahr
  12. Kapitel 7 – Bergung
  13. Kapitel 8 – Zielformulierung
  14. Kapitel 9 – Hausmannskost
  15. Kapitel 10 – Grundsatzfrage
  16. Kapitel 11 – Exotik
  17. Kapitel 12 – Echo
  18. Kapitel 13 – Anne
  19. Kapitel 14 – Nerd
  20. Kapitel 15 – Evolution
  21. Kapitel 16 – Hilfe
  22. Kapitel 17 – Comeback
  23. Kapitel 18 – Wurzelschmerzen
  24. Kapitel 19 – Endspurt
  25. Kapitel 20 – Zieleinlauf
  26. Kapitel 21 – Nachlese

Über dieses Buch

Er hatte die besten Voraussetzungen für ein Leben als Krimineller: aufgewachsen in Neukölln, meistens bekleidet mit Trainingshose und Rippenshirt, zwei Mal sitzengeblieben, und Mitglied einer Straßengang war Yigit Muk auch noch. Mit der Hauptschulempfehlung sollte es direkt an eine bekannte Brennpunktschule im Bezirk gehen. Eine gute Adresse für alle, die ihre berufliche Zukunft in der Schutzgelderpressung sehen. Und trotzdem hat Yigit Muk 2012 Berlins bestes Abitur geschrieben! Wie ein Kanake zum Einserschüler wird, was an Deutschlands Problemschulen wirklich los ist, und welche Rolle Lehrer und Gesellschaft dabei spielen, erzählt dieses Buch – ehrlich, ungeschönt undsehr lustig.

Über den Autor

YIGIT MUK wurde 1988 in Berlin Neukölln geboren. Sein größter Traum war es, Fußballprofi zu werden, stattdessen wurde er der beste türkischstämmige Abiturient Deutschlands. Heute studiert er Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität Berlin.

Yiğit Muk

mit Lars Wandke

Muksmäuschenschlau

Wie ich als Hauptschulproll
ein Abi mit 1+ hinlegte

Vorwort

Am 26. Juni 2012 berichtete der Tagesspiegel von einem jungen Deutschtürken aus Berlin-Neukölln. Das Foto zeigt diesen jungen Mann auf einer Parkbank, er hat ein freundliches Gesicht – und die Statur eines Türstehers. Neben dem Bild ist zu lesen: »Nach Empfehlung seiner Lehrer hätte Yiğit Muk die Hauptschule besuchen sollen. Jetzt hat er das beste Abi seit Gründung der Kant-Oberschule absolviert und will Wirtschaft studieren.«

Der junge Mann auf der Parkbank, das bin ich.

Der Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu schrieb noch am selben Tag auf Facebook: »Yiğit Muk ist ein Vorbild, bestes Abitur!«

Dass ein Abitur für jemanden wie mich keine Selbstverständlichkeit ist, zeigte erst im September 2014 der Bildungsbericht der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) wieder: Zwar erlangen so viele Deutsche wie nie zuvor einen Hochschulabschluss, doch »gerade für Schüler aus sozial schwachen Familien bleibt das Versprechen Aufstieg durch Bildung häufig in weiter Ferne«, so Heino von Meyer, Leiter der deutschen OECD-Niederlassung in Berlin.

Wie fern und müßig dieser Aufstieg tatsächlich ist, davon will ich in diesem Buch erzählen. Ich will davon erzählen, wie es war, in Neukölln aufzuwachsen, Berlins notorischer Problemzone. Hierhin waren meine Eltern – türkische Einwanderer – nach einem Start im Bezirk Wedding schließlich gezogen. Wenn Politiker von einer »Parallelgesellschaft« sprechen, meinen sie einen Ort wie diesen: Türken und Araber haben sich im Norden Neuköllns eine komplette Infrastruktur geschaffen, vom eigenen Kindergarten über Rechtsanwälte und Reisebüros bis hin zur Altenpflege. Man kann hier bequem ein ganzes Leben verbringen, ohne jemals ein einziges deutsches Wort in den Mund zu nehmen. So war es keineswegs aus der Luft gegriffen, als der Neuköllner Bürgermeister im Jahr 2004 beklagte, es kämen in seinem Bezirk »Kinder in die Schule, die mit sechs Jahren kein Wort Deutsch sprechen«. Siebzig Prozent der Schüler verlassen ihre Bildungsstätte ohne jeglichen Abschluss – oder nur mit dem geringsten, dem Hauptschulabschluss.

Ein Schicksal, das auch mir geblüht hätte – wäre es nach meinen ersten Lehrern gegangen. Nach der Grundschule sprachen sie mir eine Hauptschulempfehlung aus. Ich sollte zur »Hans-Geiger«, einer Gesamtschule, die über Neuköllns Grenzen hinaus bekannt ist für ihre Unruhestifter. Sie ist vor allem für jene eine gute Adresse, die ihre berufliche Zukunft in der Schutzgelderpressung sehen, und gewissermaßen das Falludscha der Bildung, Frau Freitag würde hier keinen Tag überleben.

Zuhause bricht meine Mutter in Tränen aus. Sie will eine bessere Zukunft für ihren Sohn. Und so geht die Frau, die ohne ihren Mann eigentlich nicht mal die Wohnung verlassen darf, heimlich mit mir zu einer Realschule. Sie fleht die Direktorin an, ihren Sohn aufzunehmen – und es gelingt. Ich aber sehe weiterhin wenig Sinn in der Schule. Stattdessen gründe ich mit einigen Kumpels die »R44«, eine Straßengang, die alles andere als zimperlich ist. Schlägereien und Messerstechereien gehören bereits kurze Zeit später für uns zur Tagesordnung.

Erst als der Bruder eines Freundes stirbt, gerate ich ins Grübeln. Ich ändere mein Leben, strenge mich zum ersten Mal im Unterricht richtig an. Dann ereilt mich eine schwere Krankheit. Ich fehle wochenlang in der Schule und kann den Stoff nicht wieder aufholen. Am Ende steht der Hauptschulabschluss, mit einem Notenschnitt von 4,9.

Es hätte das Ende meiner Schulkarriere sein können.

War es aber nicht.

Kapitel 1

Kaltstart

Mit der Einschulung ändert sich alles. Es gelten andere Maßstäbe. Vorbei die Zeiten, in denen es reicht, einfach nur niedlich zu sein. Aus Kindern werden Mitglieder der Leistungsgesellschaft. Wer jetzt noch nicht mit dem Puddinglöffel den eigenen Mund trifft, der hat es schwer. Und mit einem Gedicht, das nicht in Mandarin vorgetragen wird, rührt man nun bestenfalls noch die Großmutter zu Tränen.

Bei meiner Einschulung war ich extrem aufgeregt. Das erste größere Zusammentreffen mit anderen Kindern stand bevor. Wie ein Kinder-Konvent, organisiert von der Berliner Schulbehörde. Das war etwas vollkommen Neues und Abenteuerliches für mich. Ich war zuvor nicht mal im Kindergarten gewesen. Für ein deutsch-türkisches Kind ist das nicht weiter ungewöhnlich. Meine Mutter blieb 24 Stunden am Tag zu Hause und durfte ohne Begleitung meines Vaters praktisch nicht vor die Tür. Hätte ich zum Kindergarten gewollt, hätte ich schon heimlich mit dem Bobby Car hinfahren müssen.

Verlockend war es, keine Frage. So sehr ich meine Mutter liebte, gerne hätte ich mit den anderen Kindern im Haus getauscht, die morgens ihre Kinderzimmer verließen und mittags zurückkehrten. Wie kleine Berufspendler. Sie konnten am Mittagstisch guten Gewissens den halbleeren Teller Spinat wegschieben und sagen: »Mutti, ich leg mich zwei Stunden aufs Ohr, es war ein harter Vormittag. Erst morgens haben wir erfahren, dass es drei Grundfarben gibt. Gegen Mittag hieß es dann, dass man sie auch mischen kann. Wo führt das noch hin?«

Nachmittags hörte ich sie dann im Treppenhaus auf dem Glockenspiel Alle meine Entchen üben und war neidisch. Die Sehnsucht nach nur einem einzigen Tag im Kindergarten wurde beinahe überwältigend: Vielleicht, so grübelte ich, würde ich es mit dem Bobby Car ja tatsächlich bis dorthin schaffen.

Rückblickend weiß ich natürlich, dass ich nicht die geringste Chance gehabt hätte. Nicht im Berliner Straßenverkehr. Mir hätte dasselbe Schicksal geblüht wie jedem Türken, und ich wäre mit meinem Bobby Car keine zwei Straßen weit gekommen, ohne von der Polizei herausgewunken zu werden: »Kann ickma Führerschein und Fahrzeugpapiere sehen, bitte? Ihnen ist schon aufgefallen, dass die Rücklichter defekt sind, wa? Ditt sind ja praktisch nur Aufkleber.«

Prompt hätte ich wieder zu Hause bei meiner Mama gesessen – oder »Anne«, wie es auf Türkisch heißt. Am Tag meiner Einschulung konnte ich somit nur hoffen, dass keinerlei Vorkenntnisse vorausgesetzt wurden hinsichtlich der Mischung von Grundfarben, dem Glockenspiel im Allgemeinen oder Alle meine Entchen im Besonderen. Da hätte ich alt ausgesehen. Gleiches galt für den Unterrichtsstoff der Vorschule, die ich ebenfalls nie besucht hatte. Denn als wir 1993 aus dem Türkeiurlaub zurückkamen, wollten meine Eltern mich zwar an einer Vorschule anmelden, doch die Anmeldefrist war bereits abgelaufen. Zudem herrschte schon damals chronischer Platzmangel an Berliner Vorschulen.

Und während jedes andere Kind sich an dieser Stelle vermutlich gefreut hätte wie Bolle, noch ein weiteres sorgenfreies Jahr verbringen zu dürfen, war ich am Boden zerstört. Ich flehte meinen Vater an, einen Stuhl für mich zu kaufen, damit es einen Platz mehr gäbe in der Vorschule und ich doch noch hinkonnte. Aber es half nichts. Es mangelte nicht am Sitzmobiliar, wie mir mein Vater erklärte. »Deutschland ist ein reiches Land«, sagte er, »es gibt hier für jeden einen Stuhl. Nur nicht für jeden einen Platz.«

Kinder, die nicht in der Vorschule waren, mussten vor der Einschulung noch eine Art Eignungstest absolvieren. Die Lehrerin, die den Test durchführte, war eine Türkin, und ich erinnere mich bis heute an ihren Namen. Auch erinnere ich mich noch genau an die Aufgabe, die es zu lösen galt: Ich musste nacheinander einen Kreis, ein Dreieck und ein Quadrat auf ein Blatt zeichnen. Ohne die Reihenfolge zu ändern: Kreis, Dreieck, Quadrat, Kreis, Dreieck, Quadrat. Immer und immer wieder. Ich fragte mich schon damals, was der Test sollte. Ich war sechs! Ich wollte auf die Grundschule, nicht auf die Kunstakademie. Entsprechend ließ meine Konzentration auch irgendwann nach. Doch vielleicht ging es genau darum. Ich machte einen Fehler, dann war der Test vorüber. Die Kunstakademie musste warten. Dem Besuch der Grundschule und dem offiziellen Start meiner Schulkarriere aber stand nun nichts mehr im Weg.

Die Eindrücke während der ersten Wochen auf der Rathenau-Grundschule in Nord-Neukölln waren überwältigend. Allein visuell war es berauschend, die ganze Schule war derart übersät von Graffiti, dass eine große Zeitung damals sogar titelte: »Würden Sie Ihr Kind auf diese Schule schicken?« Dazu lauter fremde Kinder um mich herum und immer etwas zu tun. Ich merkte nicht mal, dass kaum ein deutsches Kind unter den Schülern war. Deutsch natürlich nicht im staatsbürgerlichen Sinne; der ein oder andere hatte sicher den Adler im Kinderpass. Deutsch mehr im Sinne von Lichtschutzfaktor dreißig, sobald die Sonne durchkommt.

Insgesamt befanden sich in meiner Klasse vielleicht fünf deutsche Kinder, von circa 30 Schülern. Das war gar nicht mal schlecht. Mein zehn Jahre älterer Bruder, der ebenfalls auf die Rathenau-Grundschule gegangen war, hatte nicht ein einziges deutsches Kind als Mitschüler. Zu seiner Zeit wurden die ausländischen Kinder noch in einer extra Klasse gesammelt und getrennt von den deutschen Kindern unterrichtet, konzentriert sozusagen. Denen war das natürlich egal, ihren Eltern meistens ebenso. Sie dachten vermutlich: Was soll’s, ist wenigstens Deutschland. Umso mehr Irritation rief bei den Eltern dafür ein bestimmter Lehrer an der Rathenau-Grundschule hervor. Er trug einen Zwirbelbart und war meistens von oben bis unten in Samt gekleidet. Denjenigen, die aus einem anatolischen Bergdorf nach Deutschland gekommen waren, mutete diese Gesamterscheinung also einigermaßen skurril an. Dazu sein kauziges Verhalten. Wenn er in ein Klassenzimmer kam, ging er stets ein wenig in die Hocke, legte die Hände auf die Kniescheiben und machte mit seinen Knien dann diese kreuzende Bewegung, die man sonst nur aus Filmen mit Charlie Chaplin kennt. Synchron zu dieser Slapstick-Nummer sang er: »Rock the microphone!« Die Zeile stammte aus einem Breakdance Song, was die Sache keineswegs besser machte.

Außerdem fasste er den Schülern auf die Schulter, wenn er hinter ihnen stand, um ihre Arbeitsweise zu kontrollieren. Das mochte nicht jeder. Und die Erweiterung dieser pädagogischen Berührung auf eine Schultermassage schon gar nicht. Das hat er bei einem Schüler tatsächlich einmal getan. Fehlte nur noch, dass er Öl rausholte und sich die Hände damit einrieb. Der Betroffene machte jedenfalls die nachhaltige Erfahrung, dass Massagen nicht zwangsläufig entspannend sein müssen. Seinem Gesichtsausdruck zufolge sah er eher aus, als würde er gleich anfangen zu weinen. Wenig später wurde das Auto dieses Lehrers von einer Gang geklaut und zerstört. Bestimmte Leute mögen es eben nicht, wenn man ihre kleinen Brüder massiert. Ob mit Öl oder ohne.

Gelegen war die Schule für mich denkbar günstig, nämlich direkt hinter unserem Wohnhaus. Ich musste einfach nur den Block umkreisen und nicht mal eine Straße überqueren. Dabei kam ich an zahlreichen Gebäuden vorbei, die seit ewigen Zeiten dort standen. Das waren hauptsächlich heruntergekommene Altbauten, deren Fassaden mit Graffiti beschmiert waren. Der gesamte Schulkomplex, der sowohl die Rathenau-Grundschule als auch die Max-Planck-Oberschule umfasste, lag etwas nach hinten verlagert. Der Weg von der Straße zum Pausenhof und den anliegenden Klassenräumen führte von der Seite des Rathenauplatzes zwischen zwei großen Wohnhäusern hindurch. Unmittelbar vor dem Durchgang zum Schulgelände lag ein kleiner Vorplatz, auf dessen Kopfsteinpflaster ich mich im weiteren Verlauf meiner Schulkarriere noch oft prügeln sollte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, auf dem Rathenauplatz, steht noch heute eine kleine Imbissbude, die bereits seit etwa vierzig Jahren vom selben Eigentümer, einem Deutschen mit zerzaustem, rotem Vollbart, betrieben wird. Schon die Mutter eines Kumpels von mir, die ebenfalls zur Rathenau-Grundschule gegangen war, hatte sich dort ungesund ernährt. »Transfettsäuren seit zwei Generationen«, so könnte der Slogan der Bude lauten. Täglich standen mindestens zwanzig Kinder gleichzeitig in der Warteschlange auf der Mittelinsel.

Aufgrund der Nähe zu meinem Zuhause war es jedenfalls vollkommen unnötig, dass meine Eltern mich brachten. Stolz wie Oskar ging ich also alleine zur Schule. Nur wenn ich an dem kleinen Vorplatz mit dem Kopfsteinpflaster ankam und sah, wie die anderen Kinder zum Abschied von ihren Eltern noch ein Küsschen auf die Wange bekamen, trübte sich mein Gemüt etwas. Eigentlich verdiente ich das Küsschen von allen am meisten, fand ich. Denn ich war mit Abstand der kleinste Junge in der Klasse. Manchmal überlegte ich, mich beim Abschiedszeremoniell der anderen Kinder kurzerhand hinten anzustellen. Ich würde einfach die Wange hochrecken und das Küsschen entgegennehmen. Wer würde einem kleinen süßen Türken schon widerstehen können?

Allerhöchstens Kurden.

Ich war so klein und dünn, dass meine Lehrerin Frau Schulte einmal zu mir sagte: »Yiğit, wärst du so lieb? Du bist doch so klein.« Dann zeigte sie mit ihrem Zeigefinger auf die Schere, die ihr unter den Tisch gefallen war. Und während ich brav ihrem Wunsch entsprach und die Schere holte, rief mein Mitschüler Moritz von hinten: »Yiğit ist der Kleinste der Schule!« Am liebsten hätte ich die Schere vom Boden aufgenommen, mit aller Kraft in seine Richtung geworfen und gesagt: »Frau Schulte, wärst du so lieb? Du bist doch so stark.« Dann hätte ich auf Moritz blutenden Bauch gezeigt: »Kannst du die Schere rausziehen? Ich bin noch nicht fertig mit Basteln.«

Stattdessen bemalte ich mit meinen Buntstiften weiter irgendwelche Ostereier und verdammte Moritz in Gedanken. Er war ein Lügner. Ich wusste genau, dass Selin viel kleiner war als ich. Leider nur war sie ein Mädchen. Aber Sami … er war auch nicht viel größer. Allerdings brachte er immer die tollsten Spielzeuge mit zur Schule, weshalb sich Moritz davor hütete, ihn öffentlich zu diskreditieren. Spielzeuge waren schließlich unsere Währung. Wer die meisten besaß, hatte die größte Gefolgschaft. In den Pausen spielten Sami und seine Entourage dann damit. Als ich einmal total verschlafen zur Schule kam und ihn im Kreise seiner Leute mit einer Spielzeugpistole spielen sah, wollte ich mich dazugesellen. Doch Sami rief: »Verpiss disch, Yiğit!«

Er mochte mich offensichtlich nicht. Egal, ich hatte selber ausreichend tolles Spielzeug! Ich nahm mir vor, es ihm heimzuzahlen. Früh am nächsten Morgen baute ich mein riesiges Spielzeuggewehr zusammen, schmiss freudig meinen Ranzen über die Schultern und flitzte zur Schule. Weil das Zusammenbauen etwas länger gedauert hatte als geplant, war ich einige Minuten zu spät. Ich machte die Klassentür auf, und alle Kinder saßen bereits im Kreis auf dem Boden. Sie sahen mich mit großen Augen an, auch Sami.

Da stand ich, mit einem mächtigen Gewehr, das fest von meinen kleinen Händen umschlossen wurde. Ich sah den Neid in Samis Augen und grinste – vielleicht eine Spur zu diabolisch. Denn während ich Sami noch tief in seine neidvollen Augen blickte und meinen Triumph genoss, sprang schon Frau Schulte auf, um mir das Gewehr zu entreißen. Es geschah so schnell, ich bekam es nicht mal richtig mit. Eine geschlagene Stunde hatte ich damit zugebracht, das Gewehr zusammenzubauen. Jetzt war alles innerhalb weniger Sekunden vorbei. Frau Schulte legte das Gewehr auf den höchsten Schrank, unerreichbar für meine kurzen Arme. »Kriegst du an Ostern wieder«, sagte sie und ließ mich stehen, ohnmächtig und entwaffnet. Mist, dachte ich, Frau Schulte ist echt ein Brocken. Außerdem ist sie gemein. Wahrscheinlich bekommt sie morgens auf dem Vorplatz mit dem Kopfsteinpflaster auch kein Abschiedsküsschen. Und musste sich deshalb nach der Schule täglich mit einer großen Pommes trösten. »Transfettsäuren seit zwei Generationen.« So sah sie zumindest aus.

Da ich mich nach der Schule nahezu jeden Tag auf dem Spielplatz in der Rathenaustraße vergnügte und sehr kontaktfreudig war, hatte ich recht viele Freunde, darunter auch deutsche Kinder. Alle waren damals wie besessen von Caps. Dabei handelte es sich um kleine runde Pappscheiben, die in den Neunzigern die Schulhöfe auf einmal nur so überfluteten. Es gab die »Original Pogs« und die »Mad Caps«, aber auch solche von bestimmten Firmen oder Produkten, beispielsweise ChupaChups, Coca-Cola oder Nutella. Die Spielregeln waren denkbar einfach: Jeder Spieler stapelte seine Caps mit dem Bild nach unten. Dann schnippte der Gegenspieler den sogenannten Slammer gegen den Stapel. Das konnte irgendein fester, dicker Wurfgegenstand sein oder auch einer der offiziellen Plastik- oder Metallslammer, wie sie zum Beispiel von ChupaChups erhältlich waren. Die Caps, deren Bilder nach dem Wurf nach oben zeigten, konnten vom Werfer behalten werden. Bis er sie wieder an einen anderen verlor.

Ließ mal einer seine Caps versehentlich auf den Boden fallen, stürmten von überall Kinder herbei, um sie zu stehlen. Blind vor Gier trampelten sie aufeinander herum, schubsten sich mit den Ellbogen weg und schrien: »Vallah, Caps für umsonst!« Es spielten sich Szenen dabei ab, gegen die die Fütterung eines Piranha-Beckens wie eine hochgradig zivilisierte Angelegenheit anmutet.

Ich hielt mich meistens raus aus dem Getümmel. Erstens war ich immer noch recht klein, zweitens machte ich durchaus noch den ein oder anderen Fehler, wenn ich mich verbal auf Deutsch zur Wehr setzen musste. Das bot den deutschstämmigen Mitschülern dann nämlich einen willkommenen Anlass, sich über mich lustig zu machen. Zumal ich stark lispelte und etwas undeutlich sprach. Von diesen Einschränkungen abgesehen, entsprachen meine Deutschkenntnisse und Umgangsformen aber denen der anderen ausländischen Schüler, lagen sogar etwas darüber. Nur zum Vergleich: Ein türkischstämmiger Mitschüler, der erst seit wenigen Jahren in Deutschland lebte, kam eines Tages zu spät zum Unterricht, klopfte an die Tür, betrat den Klassenraum und sagte: »Entschüldigung wegen zu spät, isch hab’ noch ProSieben geguckt!« Das wäre mir nicht passiert. Ich guckte lieber RTL 2.

Natürlich hatten viele von uns sprachlich noch aufzuholen. Wer bis zur Einschulung die deutsche Sprache fast nur aus dem Fernsehen kennt, wird diese nicht innerhalb weniger Monate fehlerfrei sprechen. Wenn dem so wäre, gäbe es längst keine Dialekte mehr in Deutschland. Und im Gegensatz zu den deutschen Muttersprachlern haben wir als Migranten wenigstens eine Entschuldigung: In unserem Kulturkreis ist Deutsch nicht erste Amtssprache! Wie aber erklären die Menschen aus Sachsen-Anhalt oder Baden-Württemberg ihre Ausdrucksweise? Besonders jene, die im Fernsehen am lautesten Deutschtests für Ausländer fordern, versteht man oft nicht ohne Untertitel.

In meiner Klasse waren wie gesagt nahezu nur Ausländer. Kaum einer von ihnen sprach auch nur ein einziges Wort deutsch. Das war in gewisser Weise mein Vorteil, denn so konnte mich niemand verpetzen. »Frau Schuuuuuulte … Yiğit maaacht …«, protestierte Ali einmal, als ich ihm sein Radiergummi weggenommen hatte. Die Lehrerin hakte nach: »Ja, Ali, was macht er denn?« Doch erneut stieß Ali vorzeitig an die Grenzen seines Vokabulars: »Er maaacht …« Wo kein Kläger, da kein Richter.

Nicht zuletzt mangels Kläger und potenzieller Denunzianten wurde ich in der dritten Klasse zunehmend frecher und selbstbewusster. Ich entwickelte mich zu einer Art Klassenclown, ärgerte die Lehrer, wo ich nur konnte, und war für jeden Unsinn zu haben. Meine Zeugnisnoten bekamen das zu spüren: eine Fünf, der Rest Vieren. Für eine Versetzung hätte es gereicht. Doch meine Eltern fanden es nach einem Gespräch mit den Lehrern besser, mich die dritte Klasse wiederholen zu lassen. Sie machten es mir schmackhaft, indem sie mir erzählten, dass es dort auch gleich zu Beginn eine Klassenfahrt geben werde. Eben diese hätte ich dann allerdings fast nicht erlebt.

In den Sommerferien reisten wir nämlich in die Türkei. Wir kamen mitten in der Nacht in Izmir an und fuhren gleich zu meinem Onkel weiter, der einen Sohn in meinem Alter hatte. Wenn mein Cousin Gökhan und ich um die Häuser zogen, war keine Fensterscheibe sicher. Schon zur Morgendämmerung gingen wir mit unseren Wasserpistolen raus, um zu spielen. Erstens waren wir ungeduldig, zweitens wurde es im Verlaufe des Tages immer dermaßen heiß, dass das Wasser aus den Pistolen schon verdampfte, bevor es sein Ziel traf. Wer sich bei dieser Hitze freiwillig bewegte, riskierte entweder einen Hirnschaden oder hatte längst einen.

Direkt am ersten Morgen nach unserer Landung in Izmir ärgerten wir einen Mann, der auf der gegenüberliegenden Seite unseres Hauses während der Morgendämmerung seinen Rasen mit Wasser sprengte. Zwischen den Grundstücken verlief nur eine schmale Einbahnstraße. Wir versteckten uns und beschossen den Mann mit unseren Wasserpistolen, während meine Tante uns vom Balkon beobachtete. Der Mann, der sich ebenfalls einen Spaß erlauben wollte, spritze mit dem Schlauch auf mich, und ich sprang reflexartig zurück auf die Straße. Alles, was ich dann spürte, war eine heftige Erschütterung. Die Welt um mich herum wurde zuerst leicht und blau, dann schwer und grau.

Ich lag auf dem Boden. Als ich aufschaute, konnte ich gerade noch den Traktor erblicken, der mit hoher Geschwindigkeit davonfuhr. Ich war beim Rückwartsprung voll von ihm erwischt und mehrere Meter durch die Luft geschleudert worden, bevor ich mit dem Kopf gegen einen großen Stein knallte. Der Traktor hatte mich seitlich erwischt. Wäre ich den Hauch einer Sekunde eher abgesprungen, hätte er mich frontal vor der Haube gehabt. Einen kleinen Moment später, und sein riesiger Reifen hätte mich überrollt. Die Aufregung war entsprechend groß. Meine Tante schrie vom Balkon: »ER WURDE ÜBERFAHREN!« Meine Mutter wurde kreidebleich und schaute entsetzt umher. Was war da passiert? Wer war überfahren worden? Dann sah sie mich auf dem Boden liegen und rannte los.

Als sie bei mir angelangt war, hatte ich mich bereits wieder aufgerappelt. Ich sah, wie mein Onkel meinem Cousin mit harten Schlägen den Hintern versohlte. Als sei Gökhan es gewesen, der den Traktor fuhr. Mein Cousin protestierte lautstark, doch es half wenig. Wir überließen die beiden sich selbst und fuhren ins Krankenhaus. Die Blutung wurde gestillt und die Wunde an meinem Kopf zugenäht. Heute erinnert nur noch eine Delle im Schädel an die Geschichte. Ich hatte einen Tag lang Kopfschmerzen, das war’s. Gökhan dagegen konnte drei Tage lang nicht sitzen und sein Essen nur im Stehen einnehmen. Wenigstens bekam er während dieser Zeit kein Lätzchen umgebunden wie sonst immer. Meine Tante legte ihm stattdessen einfach eine Serviette über seine Schuhe.

Die Tage vergingen, Gökhan und ich tollten herum und machten viel Unsinn. Doch der Spaß sollte nicht lange halten, denn ich kannte den eigentlichen Grund für unsere Türkeireise: Ich sollte beschnitten werden. Meistens beschneiden Muslime ihre Söhne (wie auch die Juden) nach dem Vorbild Abrahams im Säuglingsalter. Dadurch wird die bei männlichen Säuglingen natürliche Vorhautverengung aufgehoben, welche zu Harnwegsinfektionen oder Entzündungen führen kann. Doch an uns Türken ging dieser Brauch wohl vorbei … wir machen es traditionell im Alter von sechs bis zehn Jahren. Nach vielen Streitereien über den »Austragungsort« einigte man sich auf das Sommerhaus meiner Oma. Es versammelten sich also alle möglichen Verwandten, von denen ich die meisten noch nie in meinem Leben gesehen hatte, und feierten, dass mein bestes Stück künftig ohne Kapuze durchs Leben gehen würde. Ich wusste im Grunde überhaupt nicht, was mich genau erwartete. Ich kannte nur die Rahmenbedingungen und freute mich darauf, feierlich auf einem Pferd zu reiten. Oder im Autokonvoi durch die Stadt gefahren zu werden, je nachdem was das Protokoll zu meinen Ehren vorsah. Bei offenem Fenster, so meine Vorstellung, würde ich auf dem Beifahrersitz des Autos sitzen und mein Beschneidungszepter hochhalten. Das hatte ich bei anderen schon oft gesehen. Und es sah nach jeder Menge Spaß aus.

Am Abend zuvor gab es ein großes Fest. Es wurde getanzt, gegessen und gesungen. Ja, selbst der Morgen darauf ließ sich gut an. Denn nun bekam ich auch noch Geld! Von Leuten, die ich wie gesagt noch nie zuvor gesehen hatte. Dann erschien der Beschneider. Er gab mir kein Geld. Das verriet ihn. Er musste irgendetwas im Schilde führen.

Plötzlich erinnerte ich mich wieder daran, was ein älterer Junge mir daheim in Berlin einst von seiner Beschneidung erzählt hatte. Auch sein Fest war zuerst sagenhaft schön gewesen – bis die Geschichte dann eine unerfreuliche Wendung nahm. Alle Details seiner Erzählung tauchten nun in ihrer ganzen Unappetitlichkeit vor meinem geistigen Auge auf. Ich sagte meinem Cousin, dass ich abhauen werde, zuvor müsse ich nur noch aufs Klo. Als ich meine Blase entleert hatte (mit voller Blase flieht es sich schlecht) und die Klotür öffnete, konzentrierte ich mich auf den Ausgang an der gegenüberliegenden Seite des Raums und schritt los. Nicht zu schnell, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Nicht zu langsam, um nicht doch noch abgefangen zu werden. Tatsächlich rückte die Tür immer näher und mit ihr ein weiterer Tag Aufschub. Ich wusste, ich konnte nicht ewig fliehen vor der Beschneidung. Schließlich wollte auch ich irgendwann meinen Autokonvoi. Doch das hatte Zeit. Wenn einem das Bauchgefühl unmissverständlich zu verstehen gibt, dass der Tag noch nicht gekommen ist, an dem man seine Vorhaut endgültig an den Nagel hängt, dann sollte man auf dieses Bauchgefühl hören.

Nur noch wenige Schritte …

Dann plötzlich packte mich ein Mann von links, ein anderer von rechts. Ich versuche zu rennen, doch die Männer hoben mich hoch, und meine Beine strampelten ins Leere. Ich verlor nicht nur den Boden unter den Füßen, sondern auch jegliche Contenance. Zur schieren Panik gesellte sich Wut. Mein Cousin musste mich verraten haben, nur deshalb hatten sie meiner Flucht zuvorkommen können. Ich wurde aufs Beschneidungsbett gelegt. Der Mann, der kein Geld mitgebracht hatte, knetete sich die Hände und ließ keine Zweifel daran aufkommen, dass es nun tatsächlich losging. Ich zappelte und wehrte mich und beleidigte den Mann sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch. Von seinen Großeltern bis zu seinen Kindern, keiner blieb von meinen Flüchen verschont. »Ich ficke deine Mutter. Deine Kinder sollen von Eseln vergewaltigt werden.« Die türkische Sprache ist reich an kreativen Beleidigungsmöglichkeiten.

Ich fluchte selbst dann noch, als alles längst vorüber war. Mein Adrenalinpegel war so hoch, ich hatte nicht den geringsten Schmerz verspürt oder sonst irgendwas mitbekommen. Selbst an die Betäubungsspritze konnte ich mich im Nachhinein nicht mehr erinnern. Erst nachdem das Adrenalin wieder auf ein normales Maß gesunken war, wurde ich still. Dann schlagartig müde. Ich dämmerte weg. Einige Zeit später kam der Beschneider, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Mit letzter Kraft und halb im Schlaf nahm ich seinen Arm, um ihn etwas an mich ranzuziehen. Ich flüsterte: »Warte, bis ich groß geworden bin, du Bastard. Ich finde dich!« Ein paar letzte Beleidigungen, die sich schwerpunktmäßig mit dem Sexualverhalten seiner Mutter befassten, gab ich ihm außerdem noch mit auf den Weg, dann schlief ich wieder ein.

Viele Jahre später hat derselbe Herr meine Cousins beschnitten. Als ich ihn erkannte, klopfte ich ihm auf die Schulter und fragte: »Na, kennst du mich noch? Ich habe doch gesagt, ich finde dich.« Als ich auflöste, wer ich war, lachten wir uns gemeinsam halb tot. Er war heftige Gegenwehr ja gewohnt, doch wie er mir erzählte, hatte er selten ein so großes Schandmaul unterm Messer gehabt wie mich.

Nach diesen in jeder Hinsicht traumatischen Sommerferien ging für mich die dritte Klasse los, zum zweiten Mal, wie gesagt. Doch war das nicht weiter schlimm, ich traf sehr viele alte Freunde. Und fand neue. Damir zum Beispiel. Er würde später mehrere Jahre hinter Gittern verbringen. Jetzt in der dritten Klasse galt es jedoch zunächst, sich den gänzlich unschuldigen Dingen des Lebens zu widmen, einer selbstgebastelten Kladde beispielsweise. Inwieweit einen solche Übungen auf das wahre Leben vorbereiten, speziell wenn man beträchtliche Teile davon im Gefängnis verbringt, mag fraglich sein. Wenigstens hatte er im Knast später keine Entschuldigung dafür, seine schönsten Erlebnisse aus der Gemeinschaftsdusche nirgendwo schriftlich festzuhalten. Ein Tagebuch aus einer Rolle Klopapier und etwas Garn konnte er bis dahin locker herstellen. Im Kunstunterricht der dritten Klasse sollten wir nun jedenfalls eine solche Kladde anfertigen und die einzelnen Blätter mit einer Schnur verbinden. Damir verstand nicht, wie das gehen sollte, auch nicht nach zahllosen Erklärungen der Lehrerin, was diese dazu bewog, ihre ganze pädagogische Finesse anzuwenden – und Damir einfach so lange anzuschreien, bis er weinte. Weil er eine Schleife machte statt des vorgeschriebenen Doppelknotens. Sie stellte ihn vor der versammelten Klasse bloß und brüllte: »Keine Schleife! Das ist doch kein Schnürsenkel!«

Nun, sollte sie Damir jemals wieder über den Weg laufen und sich danach mit einem Doppelknoten um die Handgelenke am Boden eines Baggersees wiederfinden, würde sie sich bestimmt wünschen, sie hätte es damals bei der Schleife belassen. Denn um einen Doppelknoten aufzufummeln, braucht man Zeit. Und hinreichend Sauerstoff. Nicht jeder ist schließlich so schlau wie ich und trägt bereits seit der dritten Klasse ein kleines Butterflymesser am Schlüsselanhänger herum. Im Grunde war es nur ein Spielzeug und die Klinge kaum größer als die eines Nagelknipsers, dennoch bot es mir beispielsweise die Möglichkeit, kleinere Mitschüler damit zu bedrohen. Mit irgendwas musste ich mir schließlich die Pausen vertreiben. Schaukeln oder einen Fußballplatz – wie es sie heute dort gibt – hatten wir damals nicht. Das Einzige, was den tristen Pausenhof der Rathenau-Grundschule seinerzeit zierte, war eine hohe, schlanke Bronze-Skulptur, die aussah wie eine in die Länge gezogene Vase. Abgesehen von diesem Irrtum der plastischen Kunst war der Platz trostloser als jeder Gefängnishof. Wen wunderte es da, dass wir die Pausen attraktiver gestalteten, indem wir unsere eigenen Spielgeräte mitbrachten? In meinem Falle war es eben ein kleines Butterflymesser. Ich verletzte ja niemanden, ich drohte nur damit. Und auch das nur zum Spaß. Ein Spaß, der irgendwie auffallend einseitig blieb. Viele Jahre später, in der zehnten Klasse, kam während einer Schulkonferenz plötzlich der Vorwurf auf, ich hätte in der Vergangenheit bereits Mitschüler mit einem Messer bedroht. »Entschuldigung«, entgegnete ich, »die einzige Gefahr, die meinen Mitschülern dadurch drohte, war die akkurater Fingernägel! Und wo, frage ich Sie, kommen wir hin, wenn wir selbst die Maniküre kriminalisieren? Es kann doch nicht unser Ziel sein, die thailändische Minderheit in diesem Lande quasi geschlossen in die Erwerbslosigkeit zu überführen.«

Danach war nie wieder die Rede davon.

Ein weiterer neuer Freund war Elias. Nach der Schule gingen wir oft zu ihm, um das zu tun, was Drittklässler eben so tun: Nintendo zocken, mit Spielzeugsoldaten spielen, Wasser auf Passanten schütten. In den Schulpausen spielten wir ausnahmslos jeden Tag Fangen, mit der Sonderregel, dass der Gefangene anschließend selbst zum zusätzlichen Fänger wurde. Am Ende blieb meistens Erhan übrig. Er war die totale Sportskanone und eigentlich viel zu groß für sein Alter. Wir gingen oft gemeinsam Fußball spielen, und auch ich wurde dadurch immer mehr zum Sportler und gewann in der vierten Klasse sogar einen Preis beim Ein-Kilometer-Waldlauf in Neukölln. Was mich daran am meisten überraschte, war gar nicht mal meine sportliche Leistung. Sondern die Tatsache, dass Neukölln über ausreichend Wald verfügte für einen solchen Lauf. Der Stadtbezirk ist nicht gerade die grüne Lunge Berlins, auch Naturschutz ist hier ein eher abstraktes Problem. Flora und Fauna kamen in unserer von Beton geprägten Lebenswelt praktisch nicht vor. »Flora« war für uns eine Margarine und »Fauna« eine Black Metal Band, die von Kindern in Kutten gehört wurde. Kurzum: Hätte uns jemand erzählt, er sei von einer Zecke gebissen worden, hätten wir geglaubt, ihn hätte in Kreuzberg ein Soziologie-Student angefallen.

Ich war jedenfalls so gut im Dauerlauf, dass meine Sportlehrerin eines Tages tatsächlich zu uns nach Hause kam und meine Mutter zu überreden versuchte, mich in einem Leichtathletik-Verein anzumelden. Doch selbst meine Mutter musste gedacht haben: »Ein türkischer Junge beim Leichtathletik? Das klingt einfach nicht richtig.« Und auch meine Antwort war eindeutig: »Ich will Fußballer werden!«

So wurde ich stattdessen im Fußballverein angemeldet, und die sportliche Betätigung tat mir extrem gut. Irgendetwas schien sie in mir freizusetzen. Denn auch meine Noten wurden besser. In der vierten Klasse war ich einer der besten Schüler, nur noch die absoluten Streber lagen vor mir. Ich gönnte ihnen ihren Erfolg. Dafür würden sie es beim Ein-Kilometer-Waldlauf höchstens dann unter die ersten Drei schaffen, wenn sie ihrem Asthma-Spray hinterherliefen.

Trotz ihrer Unsportlichkeit grenzten wir die Streber aber niemals aus – einzig Pamela wurde manchmal beschimpft, wenn sie wieder eine Eins schrieb. Sie war eine Wiederholungstäterin, das konnte nicht ungestraft bleiben. Von ihr abgesehen wurden die Streber jedoch voll integriert, zum Beispiel bei Alu. Ein Spiel, von dem ich nicht ohne Stolz behaupten kann, es erfunden zu haben. Eines Tages nämlich wollte ich meine Alufolie vom Pausenbrot wegschmeißen, war aber zu faul, um aufzustehen. Ich knüllte die Folie also zusammen und warf sie auf einen Klassenkameraden. Der guckte mich verdutzt an, und ich erklärte ihm freundlich den Sachverhalt: »Alta, du hast zuletzt berührt. Du musst wegwerfen.«

Er überlegte kurz, nahm die Folie und drehte sich in Richtung Mülleimer. Dann warf er sie kurzerhand auf einen anderen Mitschüler – leider auf Erhan. Die gesamte Klasse verstummte, als hätte jemand einen Fernseher auf lautlos gestellt. Erhan war bekannt für seine kurze Zündschnur. Es reichten Kleinigkeiten, und schon rastete er aus. Als er sich vor dem Werfer aufbäumte, wies dieser bereits mit zitterndem Zeigefinger auf mich: »Vallah, er hat angefangen.«

»Es ist ein neues Spiel«, sagte ich. Ich hatte keine Angst vor Erhan. Schließlich spielten wir zusammen Fußball.

»Ach ja, und wie heißt es?«, wollte Erhan wissen.

Alu war sofort der absolute Knaller. Wir spielten es jede Pause und schwänzten manchmal sogar den Unterricht deswegen. Die Regularien wurden dabei der jeweiligen Situation angepasst. Das heißt, es musste sich bei dem Müll nicht zwangsläufig um Alu handeln. Wir waren nicht besonders anspruchsvoll. Oft tat es auch die Federmappe von Pamela. Für den Zeitvertreib zwischen den Unterrichtsstunden war somit ebenfalls gesorgt, und ich lebte das sorgenfreie Leben eines Grundschülers. Eigentlich war alles bestens.

Dann kam Andi.

Andi war eigentlich in der Nachbarklasse. Doch eines Tages stand die Lehrerin plötzlich mit diesem blonden, spindeldürren Jungen in der Tür. In seinen strahlend blauen Augen funkelte die Angriffslust. Nun stand seiner Klasse eine Klassenfahrt bevor. Und Andi sollte daheim bleiben. Nicht weil seine Eltern kein Geld hatten oder so. Der blonde, spindeldürre Junge bedeutete entgegen seiner vordergründig braven Erscheinung einfach nichts als Ärger. Regelmäßig lief er total Amok. Einer wie Erhan war wenigstens berechenbar, Andi dagegen verbreitete einen Terror, der praktisch aus dem Nichts kam. Ohne Anlauf.

Er hatte es allerdings auch wahrlich nicht leicht gehabt in seinem kurzen Leben, wie wir später erfuhren. Als er drei Jahre alt war, brannte die Wohnung seiner Eltern komplett nieder. Im Krankenhaus angekommen, dachte seine Mutter, ihre Kinder seien im Feuer ums Leben gekommen – was für ein Schreck! Nichtsdestotrotz hatte die Familie durch den Brand ihr gesamtes Hab und Gut verloren, weshalb sie alle zu Andis Oma zogen, wo sie mit fünf Leuten in einer Zweizimmerwohnung lebten. Später wollte sein Vater mit ihm abhauen, doch seine Oma rief die Polizei und ließ ihren Enkel zurückholen. Der Vater verschwand nach der Aktion komplett aus Andis Leben, was ihn mit großen Schuldgefühlen zurückließ und extrem traurig machte. Dass sich diese Traurigkeit und Ohnmacht irgendwann in Aggressivität umwandeln würde, war im Grunde nur eine Frage der Zeit.

Einmal boxte er ein Mädchen in den Bauch, weil er nicht wusste, wie er ihre Freundschaft gewinnen sollte. Dass er mit einer Tafel Schokolade vermutlich weitergekommen wäre, hatte ihm niemand beigebracht, woher sollte er es wissen. Auch ich hatte bereits eine nachhaltige Erfahrung mit ihm gemacht, bevor er in unserer Tür stand und von seiner Lehrerin abgeschoben werden sollte. Es geschah in der zweiten Klasse: Mit einem Lutscher im Mund stand ich während der Pause am Rande des Hofs auf der kniehohen Bronzeskulptur und war scheinbar so exponiert, dass ich Amok-Andi ins Auge fiel. Er kam auf mich zu, schubste drei, vier Kinder weg und hielt schließlich direkt zu meinen Füßen an. Sein Kopf war ungefähr auf Höhe meines Brustkorbs, da er weiterhin ebenerdig stand. Er langte hoch, zog mir den Lutscher aus dem Mund und warf ihn weg. Ohne Begründung. Dann drehte er sich um und ging wortlos davon. Hätte er den Lutscher wenigstens genutzt, um die Gunst eines Mädchens zu gewinnen! Darum schien es ihm jedoch nicht zu gehen. Nein, es missfiel ihm einfach nur, dass ich meinen Lutscher so genoss. Fertig.

Andi wurde später einer meiner besten Freunde. Trotz der unfreundlichen ersten Begegnung auf dem Pausenhof. Jeder kriegt im Leben eben eine zweite Chance.

Kapitel 2

Yiğitt-Igitt

Die fünfte Klasse: Ich war immer noch recht klein, gemessen an den anderen. Umso größer war daher meine Freude, wenn ich mal auf jemanden traf, der noch kleiner, dünner oder weiblicher war, ohne dabei ein Mädchen zu sein. Den verprügelte ich dann. Oder ärgerte ihn bis an die Grenze des Verträglichen. Wer wusste schon, wann ich wieder Gelegenheit dazu bekommen würde?

Manchmal verlangte die Situation aber auch einfach danach. Bei Görkem zum Beispiel, auf den ersten Blick ein denkbar ungeeigneter Kandidat, um mich mit ihm anzulegen. Er war größer und kräftiger als ich und bekam regelmäßig Karateunterricht. Es gab somit viele Gründe, ihm nicht die Hose runterzuziehen – aber auch drei, die uneingeschränkt dafür sprachen: Die drei Klassenkameradinnen standen neben ihm, sie kicherten und nestelten sich an ihren Haaren, während Karate Kid sie mit Erzählungen von seinen heldenhaften Leistungen zu beeindrucken versuchte. Und während er da am Schwadronieren war, flüsterte der Teufel auf meiner Schulter mir ins Ohr: »Komm schon, zieh ihm die Shorts runter! Sie schreit förmlich danach. Siehst du, wie locker sie sitzt? Außerdem ist er ein Angeber!«

Der Engel auf der anderen Schulter widersprach: »Wahrscheinlich überspielt er nur seine Unsicherheit. Und Shorts trägt man dieser Tage nun mal so.«

Der Teufel: »Oh, wir haben einen Fashion-Blogger unter uns! Wie auch immer, wenn er so gut im Karate ist, wie er behauptet, wird er den Versuch eh bemerken und dich kampfunfähig machen, bevor du deine Griffel an die Hose kriegst.«

Der Engel: »Das klingt fair. Auf geht’s, Yiğit!«

Nachdem das geklärt war, ging ich von hinten auf Görkem zu und zog an seiner Hose. Sie rutschte. Ohne den geringsten Widerstand. Görkem drehte sich nicht einmal um. Er verstummte einfach nur und schaute runter zu seinen Knöcheln, wo sich der Bund seiner Hose inzwischen befand. Er bückte sich, zog die Shorts hoch bis zu den Knien, machte zwei Schritte nach vorne und hielt kurz inne – dann rannte er heulend zum WC, die Hose noch immer in seinen Kniekehlen hängend.

Auf der Gegenspur kam bereits unser Lehrer Herr Ahl auf mich zugerannt. Im Eilverfahren bestrafte er mich noch an Ort und Stelle und verbot mir die Teilnahme am bevorstehenden Ausflug in den Nike Park, eine Art Fußballfreizeitpark mit verschiedenen Stationen, an denen Jugendliche zeigen konnten, was sie so alles mit dem Ball drauf hatten. Herr Ahl wusste, wie er wen am besten bestrafte. Fußball bedeutete mir alles! Ich war so am Boden zerstört, am liebsten wäre ich ebenfalls zum WC gerannt, um zu heulen. Doch das besetzte Görkem ja bereits. Mir schnürte sich nun allerdings so der Hals zu, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Der Nike Park war das Paradies für jeden Straßenfußballer! Und ich war aus diesem Paradies verstoßen worden.

Ich verfiel in eine tiefe Depression. Ich erklärte meiner Mutter, in Anbetracht dieser Bestrafung sei mein Leben praktisch sinnlos geworden und jeder weitere Atemzug absurd. Meine Mutter riet mir, etwas zu tun, das Herrn Ahl versöhnlich stimmen und eine Aufhebung der Strafe bewirken könnte. Ich überlegte. Ich war leidenschaftlicher Fan der Simpsons. Im Vorspann der Serie steht Bart Simpson bekanntlich an der Tafel und tut Buße, indem er mit Kreide immer wieder aufschreibt, was er nie wieder tun wird. Also tat ich das Gleiche. Ich nahm mir ein Blatt Papier und schrieb hundert Mal darauf: »Ich werde nie wieder einem anderen Schüler die Hose runterziehen.«

Als ich am Morgen des Ausflugs in die Schule kam, warteten meine Klassenkameraden – allen voran Görkem – bereits auf mich und suhlten sich in Schadenfreude: »Duuu darfst nicht mit, du Opfa!«

Ich schwieg und wartete auf Herrn Ahl. Der kam schließlich in kurzen Hosen, offenbar von Kopf bis Fuß auf Vergnügen eingestellt. Er sah mich, stieß einen lauten Pfiff aus und wies währenddessen mit dem ausgestreckten Finger zur Seite. Das Zeichen war eindeutig: Ich sollte verschwinden.

»Herr Ahl«, versuchte ich dennoch mein Glück, »ich hab das hier gemacht!« Ich hielt ihm das Blatt Papier mit meinem hundertfachen Gelöbnis hin. »Bitte lass mich mitfahren.«

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