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Müslimädchen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. 1 Es gibt schlecht gelaunten Kaffee und das Müslimädchen, das bereits eine Müslifrau ist, ärgert sich über die Ökodiktatur.
  9. 2 Das Müslimädchen wird geboren, Mitglied einer Kartoffelfamilie und Außenseiterin. Dabei wäre es viel lieber Prinzessin.
  10. 3 Das Müslimädchen wird musikalisch früherzogen und Klugscheißer. Es verliert einen Zahn und rächt sich an seinem Vater.
  11. 4 Ein langsamer Mensch verkauft Dinge in einem Naturkostladen. Das Müslimädchen tauscht sein Pausenbrot gegen Schokocroissants und träumt davon, Wagnerianer zu sein.
  12. 5 Das Müslimädchen baut einen Fernseher und muss vor den Familienrat. Am Ende verwandelt es sich in ein Kissen und verliebt sich in den Bärenmarkenbär.
  13. 6 Das Müslimädchen besucht einen Spielwarenladen und findet den Bruder, den es nie hatte. Auf einem Kindergeburtstag lernt es, dass nur die äußeren Werte zählen.
  14. 7 Das Müslimädchen besucht seine Oma und übt sich in reinen Gedanken. Äpfel werden verspeist und Köpfe rollen.
  15. 8 Die Müslifamilie fährt in den Urlaub, trifft ein Frankfurter Würstchen und schließt einen Pakt mit dem Teufel.
  16. 9 Das Müslimädchen hat die Schnauze voll von Homöopathie und nimmt Drogen oder so ähnlich. Dann sinniert es über Zeichentrickfiguren, die in seinem Körper hausen.
  17. 10 Eine Otto-Familie wird vorgestellt. Das Müslimädchen will Buffalos, bekommt aber keine und lässt sich ein Max-Mustermann-Piercing stechen.
  18. 11 Ein Mann wünschelrutet und kommt zu Geld, das Müslimädchen jedoch nicht zu einem neuen Haarschnitt. Der Mond hat nämlich andere Pläne.
  19. 12 Eine Putzfrau ärgert sich über Blumen. Nachhaltigkeit bedeutet für sie, dass die Fenster auch nach einer Woche noch sauber sind.
  20. 13 Das Müslimädchen wird flügge und zieht in eine große Stadt. Es teilt sich eine Wohnung mit anderen Menschen und macht lauter ungesunde Dinge.
  21. 14 Dünsten, blanchieren, verfeinern. Die Hobbyköche nerven und das Müslimädchen verteidigt sein Recht auf Fast Food. Ketchup ist schließlich auch Gemüse.
  22. 15 Ein Schrebergarten wird eingeweiht, der Müslimann vorgestellt und Fisch ist kein Fleisch. Aber es gibt Marillenschnaps!
  23. Danke

Über das Buch

Franziska Seyboldt wuchs in einer Öko-Familie auf und beneidete ihre Mitschüler brennend um Fernseher, Fertigpizza und coolen Plastikschmuck – „Teufelszeug“ sagte ihre Mutter nur. Als sie nach dem Abi von zu Hause fortgeht, lechzt sie danach, all den ungesunden Konsum nachzuholen. Doch inzwischen ist Öko schick – und sie schon wieder die Außenseiterin. Franziska ist misstrauisch, was das vermeintlich neue Lebensgefühl der Bionade-Bohème angeht. Ist die wirklich besonders aufgeklärt? Oder mit ihrer scheinheiligen Political Correctness einfach nur spießig?

Über die Autorin

Franziska Seyboldt wurde 1984 in Baden-Württemberg geboren. Sie studierte in Hamburg Modejournalismus/Medienkommunikation und ist seit 2008 Redakteurin bei taz.de, wo sie für Gesellschafts- und Kulturthemen zuständig ist. Ihre Kolumne Lustobjekte erscheint regelmäßig in der Wochenendausgabe. Die Autorin lebt in Berlin.

Franziska Seybold

Müslimädchen

Mein Traum vom Gesunden Leben

Für meine Eltern

1 Es gibt schlecht gelaunten Kaffee und das
Müslimädchen, das bereits eine Müslifrau ist,
ärgert sich über die Ökodiktatur.

Menschen, die Sätze sagen wie »Morgens brauche ich mein Birchermüsli, sonst bin ich nicht leistungsfähig«, kann ich nicht ernst nehmen. Ich würde das jetzt gerne laut sagen, aber ich muss Rücksicht nehmen auf Martha. Martha ist immer meine beste Freundin und manchmal verliebt, so wie jetzt. In einen Birchermüsli-Mann. Sie flötet und tschilpt und gackert, sie ist ganz Huhn und er ganz Korn, oder Hahn, oder beides, wer weiß das schon.

»Hach«, sagt sie. »Der isses.«

Sie sagt das, weil er ihr Müsli gemacht hat nach der ersten gemeinsamen Nacht. Mit Haferflocken und Äpfeln und Bananen und Biomilch und dann noch ein paar Leinsamen für die Deko und die Verdauung. So romantisch!

Das Problem sei, sagt Martha und nippt an ihrem Milchschaum, dass sie sich gar nicht würdig gefühlt hätte, dieses gesunde Essen zu sich zu nehmen, verschwitzt wie sie war. Geradezu eklig hätte sie sich gefühlt neben dem Müslimann. Ich biete ihr eine Zigarette an. Martha schüttelt den Kopf.

»Er mag das nicht so gerne.«

Aha. Ich nehme einen Zug.

»Er lebt nämlich gesund.«

Soso.

»Er macht sogar Yoga!«

Sofort fühle ich mich schlecht, und dann ärgere ich mich darüber, dass ich mich schlecht fühle. Zur Beruhigung bestelle ich erst mal ein Glas Wein.

»Also mir wird übel von Müsli«, sage ich.

Martha guckt mich an.

»Unsinn!«, sagt sie und wedelt mit der Hand den Rauch weg. »Von gesunden Sachen wird einem nicht übel.«

Ach ja? Und was ist mit Laktoseintoleranz, Getreideunverträglichkeit und Steinobstallergie? Dürfte es folgerichtig alles gar nicht geben. Gibt es aber. Genau wie die Tatsache, dass Magenschmerzen nach einer großen Portion Pommes augenblicklich verschwinden.

Nein, dazu gibt es keine Studie. Aber bei mir funktioniert’s.

»Ich geb dir eine Woche«, sage ich zu Martha.

»Wofür?«

»Bis du der Feind bist und ich deine Nummer löschen muss.«

»Versteh ich nicht.«

»In einer Woche hat dich der Müslimann so weit, dass du freitagabends nicht mehr weggehst, weil du samstags was vom Tag haben willst. Und dann geht ihr auf dem Wochenmarkt einkaufen. Am Demeter-Stand!«

»Niemals!«, sagt Martha. So scharf, dass sich die Leute an den anderen Tischen zu uns umdrehen. Sie atmet aus und greift nach meinen Zigaretten.

»Ich darf doch ..?«

»Klar.«

Martha zündet sich eine Zigarette an, inhaliert und zischt:

»Du weißt ganz genau, dass ich mich niemals für einen Mann verändern würde.«

Ich nicke beruhigend. Natürlich nicht. Das hat ja auch noch nie eine Frau vor ihr gemacht.

Wir schweigen ein bisschen vor uns hin, während Martha ihre Zigarette raucht, sie dann ausdrückt und das Gesicht verzieht.

»Bah. Eigentlich sollte ich wirklich aufhören.«

»Siehst du, genau das meine ich!«, rufe ich.

»Immer dieses ›Eigentlich sollte ich blabla‹. Aufhören zu rauchen, weniger trinken, mehr Sport machen, gesünder essen … Wie das nervt! Dann lass es halt. Aber hör auf, ständig drüber zu reden, echt mal.«

Kurze Zeit später verabschiedet sich Martha. Angeblich muss sie zum Pilates.

Ich bleibe sitzen. Halte das Gesicht in die wärmende Märzsonne, die dafür verantwortlich ist, dass halb Berlin keine Lust hat zu arbeiten, jedenfalls nicht im Büro. Nein, die Menschen sitzen allesamt vor Cafés in der Sonne und tippen geschäftig auf ihren Laptops herum. Eigentlich wollte ich ja ein bisschen schreiben, aber ich lasse mein MacBook dann doch lieber in der Tasche. Nachher denkt noch jemand, ich wäre auch einer von diesen jungen, hedonistischen Kreativen, die nach der Schule, spätestens aber nach dem Studium aus der Kleinstadt geflüchtet sind und jetzt was mit Medien machen.

Stattdessen beobachte ich die anderen Leute und überlege mir, wie die wohl so sind. Der Bärtige mit der großen Brille am Nebentisch würde ohne Bart wahrscheinlich aussehen wie 19. Seine Akademikereltern finanzieren ihm sein iPad und die Altbauwohnung, die ebenso heruntergekommen wie teuer ist. Er kauft seine Kleider in kleinen Designerläden, weil er die Arbeitsbedingungen bei H&M nicht erträgt – aber eigentlich erträgt er es nur nicht, wenn jemand im gleichen T-Shirt rumläuft wie er.

Oder die Blonde da hinten, mit dem Dutt oben auf dem Kopf, die gerade die Bauernschnitte mit Fenchelsalami und Rucola isst. Sie verachtet Fast Food, außer wenn sie sonntagmorgens um fünf betrunken aus dem Club fällt, da schiebt sie sich schon mal einen Döner rein. Am nächsten Tag wacht sie dann mit einem schlechten Gewissen auf und geht ins Fitnessstudio, schnell, schnell, die Sünden tilgen.

Hihi, das macht Spaß. Ob der Müslimann auch so einer ist? Bestimmt. Ich stelle mir vor, wie wir uns treffen und er mir erklärt, wie ich mein Leben leben soll.

Müslimann:

Fitness-Studios finde ich ja total überbewertet, auch diese Leute, die da immer hingehen … Nein, das ist nichts für mich. Yoga ist da schon was ganz anderes, ehrlich, auch für die Psyche. Und grade du solltest unbedingt was tun, du sitzt doch den ganzen Tag am Schreibtisch, oder? Ich trinke ja übrigens auch keinen Kaffee mehr, nur noch Mate-Tee, der ist supergesund, und wenn man sich dran gewöhnt hat, dann schmeckt er sogar gut. Sowieso ist ja heutzutage alles derart mit künstlichen Aromen versetzt, dass in unserer Gesellschaft niemand mehr weiß, wie die Sachen eigentlich schmecken. Das ist schon traurig. Deshalb trinke ich morgens auch immer ein Glas Apfelessig, so zum Entgiften. Nennt sich Detox, das ist quasi das neue Botox, ganz ohne Chemie und Nebenwirkungen. Ob das glücklich macht? Na ja, das nicht. Aber wer ist das schon, glücklich.

Aua! Ich drehe mich nach rechts, um zu sehen, welcher Idiot gerade meine Schulter gerammt hat. Es ist ein Kinderwagen. Offenbar hat die Besitzerin nicht mal gemerkt, dass ich existiere. Kein Wunder: Sie ist eine dieser Spätgebärenden, die ihre grauen Strähnen okay und ihr Kind unwiderstehlich finden. Eine, die schon alles erlebt hat. Vor zwanzig Jahren hatte sie einen Iro und eine Band, hat ein paar Drogen ausprobiert und was mit Geisteswissenschaften studiert. Mit Ende dreißig lernte sie ihren Mann kennen, wurde nach einem halben Jahr schwanger, hörte auf zu rauchen und seitdem das Kind da ist, ernährt sie sich vegetarisch und glutenfrei und natürlich kauft sie nur noch im Bioladen ein. Das Kind soll schließlich gesünder aufwachsen als sie!

Aber irgendwann wird er kommen, der Tag, an dem das Kind nach Gebäck mit Weißmehl verlangt, und dann wird sie sich fragen, warum, denn sie hat doch eigentlich alles richtig gemacht.

Ach Ökomutti, komm, ramm mich noch mal. Ehrlich. Das tut dir gut. Ich lächle sie an und entschuldige mich dafür, dass ich ihr im Weg sitze. Wenn das jeder machen würde!

Als die englischsprachige Kellnerin vorbeikommt, bestelle ich mir noch einen Cappuccino. »Unser Kaffee ist aus glücklichen Bohnen«, lese ich auf der liebevoll gebastelten Speisekarte. Früher waren es nur die glücklichen Schweine auf dem Biobauernhof, dann gab es glückliche Eier, und jetzt darf sogar der Kaffee keine schlechte Laune mehr haben. Wie anstrengend! Aber klar, die Nachfrage bestimmt das Angebot, und es gibt eben sehr viele Menschen, die nur glücklich sind, wenn es der Kaffee auch ist.

All das beschreibt ganz gut, was hier um mich herum passiert: Es bildet sich eine Ökodiktatur.

Im Englischen gibt es den Begriff des muesli belt für das typische Viertel ökologie- und gesundheitsorientierter Mittelklassebürger mit Ernährungsbewusstsein. Die Menschen, die dort wohnen, heißen Lohas (ein Akronym für Lifestyle of Health and Sustainability), und obwohl sie sich vom Strickpulloverimage der früheren Ökos distanzieren, wollen sie auch irgendwie nachhaltig und gesund und verantwortungsbewusst leben. Vor allem aber wollen sie konsumieren. Natürlich mit gutem Gewissen, darum kaufen sie das einfach mit. Dann haben sie auch noch was für den Regenwald getan, da zahlt man doch gerne ein bisschen mehr, stimmt’s?

Manchmal denke ich schon, dass diese Leute einen an der Waffel haben. Und in der Waffel, die von kichernden Elfen bei Vollmond gepflückt wurde, tragen sie vermutlich neue Eiskreationen mit sich herum. Hallo, ich hätte gerne drei Kugeln, und zwar Dinkel, Roggen und Gerste. Ach nee, doch lieber ein Vollkornspaghettieis. Was zum Naschen – man gönnt sich ja sonst nichts –, aber gesund soll es schon sein, bitteschön.

Lohas sind Ökos mit Glitzer obendrauf, und die ganze Stadt ist voll von ihnen. Vermutlich wird es schon bald einen anderen, einen neueren Namen für sie geben.

Etwa Glöko.

Oder Ögli.

Oder irgendeine andere absurde Wortneuschöpfung.

Aber ganz egal, wie sie sich nennen: Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, von Ökos der ersten Stunde erzogen worden zu sein.

2 Das Müslimädchen wird geboren,
Mitglied einer Kartoffelfamilie und Außenseiterin. Dabei wäre es viel lieber Prinzessin.

Es gab einmal eine Zeit, in der Heranwachsende mit Plastikschnullis um den Hals herumliefen. Der Schnulli war kein Gebrauchsgegenstand, sondern ein Modeaccessoire. Manche nuckelten sogar daran, was nicht infantil aussehen sollte, sondern ironisch, aber ironischerweise doch ziemlich infantil wirkte. Es waren die Neunziger, und schlechter Geschmack war der neue gute Geschmack.

Auch an unserer Kleinstadt ging dieser Trend nicht spurlos vorüber. Im Spielzeugwarenladen gegenüber der Eisdiele gab es hässliche Trolle mit neonfarbenen Haaren, Klebetattoos und riesige Gläser mit eben diesen bonbonbunten Plastikschnullis, die 50 Pfennig das Stück kosteten. Kitschig, ja. Aber so toll!

Meine beste Freundin Nora und ich standen täglich vor der schwierigen Entscheidung, ob wir unser Taschengeld lieber für eine Kugel Eis oder einen weiteren Schnulli ausgeben sollten, den wir dann zu den anderen auf unsere Halsketten fädeln oder an den Schulranzen hängen konnten.

Nora wohnte zwanzig Sekunden von meinem Haus entfernt (wenn man rannte und kein Auto kam, wir hatten die Zeit gestoppt) zusammen mit ihren Eltern, die alle drei Jahre ein Kind produzierten. Nora war das erste, danach kamen noch ein Bruder und eine Schwester. Und zwei Katzen, die holten sie allerdings vom Bauernhof. Nora war die Schwester, die ich nie hatte und andersrum genauso. Also, sie hatte zwar eine Schwester, aber die war zu klein, als dass man etwas mit ihr hätte anfangen können.

Ich war unglaublich gerne bei Nora, denn dort war alles ganz anders als in meiner Familie. Schon der Geruch in der Wohnung unterschied sich elementar von dem in unserer. Bei ihr roch es nach Weichspüler, Tupperware und Gummibärchen. Bei uns roch es nach Öko.

Öko war damals noch ein Schimpfwort. Meine Eltern kauften das Essen am Demeter-Stand auf dem Wochenmarkt, die Waschnüsse im Bioladen und den Brotaufstrich im Reformhaus. Auf die meisten Leute in unserer Stadt, die sich »große Kreisstadt« nannte, aber eigentlich ein Dorf war, wirkten wir wie ein Relikt aus Hippie-Zeiten: irgendwie durchgeknallt, esoterisch – und vor allem verstaubt.

Die Ökos trugen selbst gestrickte Pullis, Birkenstock-Sandalen und Jutetaschen, aus denen verschrumpelte Möhren herausragten. Sie machten Urlaub auf dem Campingplatz, lebten nach der Lehre von Rudolf Steiner und schickten ihre Kinder auf die Waldorfschule. Das war zumindest das Klischee.

Und meine Eltern erfüllten dieses Klischee ziemlich gut, außer dass sie mich nach einer langen Diskussion auf eine ganz normale Schule gehen ließen. Dort fiel natürlich erst recht auf, dass ich irgendwie anders war.

Mein ganzer Neid galt den Schlüsselkindern, deren Eltern beide ganztags arbeiteten und die sich Fertigessen in der Mikrowelle aufwärmten. In meiner Vorstellung machten sie ihre Hausaufgaben vor dem Fernseher, während der Disney Club lief, und fuhren abends mit ihren Eltern zu Aldi, um Stracciatellajoghurt in riesigen Bechern und palettenweise Softdrinks zu kaufen. Ihren Urlaub verbrachten sie in den USA, zum Frühstück gab es Croissants mit Nutella und Nudeln nannten sie »Pasta«. Wir hingegen waren eine Kartoffel-Familie. Erde zu Erde, Staub zu Staub.

An einem Mittwochnachmittag, wir trafen uns auf halbem Weg zwischen unseren Wohnungen, kam mir Nora entgegen und schaute ungeheuer zufrieden an ihrem Arm herunter.

»Schau mal, was ich hier hab!«

An ihrem zartbeflaumten Handgelenk trug sie eines dieser Armbänder, die man bei der Geburt im Krankenhaus bekommt, damit die Babys nicht verwechselt werden. Rosa Perlen für die Mädchen, hellblaue für die Jungs, auf jeder Perle ein Buchstabe, die zusammen den Namen ergeben. Das Armband war anbetungswürdig. Und Plastikschnullis plötzlich überhaupt nicht mehr interessant. Angeblich trugen jetzt alle nur noch ihre Krankenhausarmbändchen, die bisher ein freudloses Dasein in einem Babyalbum gefristet hatten, neben Größen- und Gewichtszunahme und den ersten Lauf- und Sprechversuchen.

Nur. Ich. Hatte. Kein. Armbändchen.

Und das kam so: Als bei meiner Mutter an einem 31. März abends um acht die Wehen einen Abstand von fünf Minuten erreicht hatten, rief sie kein Taxi. Sie ließ sich auch nicht von meinem Vater in das nächstgelegene Krankenhaus fahren. Nein, meine Eltern warfen die Kliniktasche in ihren babykackgelben Opel Kadett und rasten eine Stunde lang über die Autobahn in ein Geburtshaus. Es war das einzige im Umkreis von einigen hundert Kilometern und sollte Frauen dabei unterstützen, bewusst, selbstbestimmt sowie körperlich und seelisch gesund mit ihrer Schwangerschaft, der Geburt und ihrem Neugeborenen umzugehen.

Meine Mutter war schon beim ersten Besuch von der persönlichen Atmosphäre begeistert gewesen. Regelmäßig hatte sie sich während ihrer Schwangerschaft mit Gitte und Barbara, die ebenfalls bald Mütter wurden, darüber ausgetauscht, ob Verwandtenbesuch direkt nach der Geburt dem Baby möglicherweise schaden könnte. Außerdem hatten sie gelernt, wie man Babybrei kocht und Stoffwindeln richtig wickelt. Die waren nämlich günstiger als Plastikpampers und verursachten weniger Müll. (Den Benzinverbrauch für die zahlreichen Fahrten ins Geburtshaus hatte sie in ihrer persönlichen Ökobilanz sicherlich eingerechnet.) Die Autofahrten hatte sie genutzt, um Windelhöschen aus Schafswolle zu stricken, der zarte Babypopo sollte später schließlich atmen können.

Im Gegensatz zu einem normalen Krankenhaus gab es im Geburtshaus nur sieben Betten in vier Zimmern und eine Hebamme. Außerdem den Mann der Hebamme, der die Mütter bekochte.

Dort wird es bestimmt so richtig nett, hatte sich meine Mutter gedacht. Kein Tropf, kein OP-Zimmer, keine weiß gekleideten Ärzte, keine Krankenhausatmosphäre. Sie war ja schließlich nicht krank, sondern erwartete nur ein Kind. Das ist etwas ganz Natürliches, nicht wahr.

Als meine Eltern das Geburtshaus betraten, brüllte die Frau im Nebenzimmer wie ein Schwein, das gerade abgestochen wird. Meine Mutter war entsetzt. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, Natur hin oder her. Sei’s drum, dann musste das Kind eben drinbleiben.

»Komm, wir gehen wieder!«, flüsterte sie, packte meinen Vater und zerrte ihn Richtung Auto.

Schnell weg hier. Doch sie hatte die Rechnung ohne die Hebamme gemacht, die soeben im Türrahmen auftauchte.

»Wo wollen Sie denn hin?«

Sie sah genauso aus, wie man sich eine Hebamme vorstellt, mit Händen groß wie Baggerschaufeln und einer praktischen Kurzhaarfrisur.

»Ich hab es mir anders überlegt«, sagte meine Mutter. »Ich will doch kein Kind bekommen.«

»Dafür ist es jetzt ein bisschen spät.«

Die Hebamme nahm meine Mutter am Arm und führte sie mit sanfter Gewalt in ein freies Zimmer. Dann legte sie sich erst mal schlafen, denn sie hatte in den letzten 24 Stunden ein Kind nach dem anderen auf die Welt geholt, da half nun auch kein Kaffee mehr. Neumond eben. Da werden die Babys im Bauch gerne zappelig.

»Holen Sie mich, wenn Sie mich brauchen.«

»Ehm. Und wann ist das?«

»Das merken Sie schon. Glauben Sie mir.«

Mein Vater machte die Musik an, die sie mitgebracht hatten. Mozart, Konzert für Klavier und Orchester, in C-Dur. Was fürs Herz! Und für den Blutdruck! Dann lasen sie noch ein wenig in dem Babybuch Neun Monate von Bärbel Maiwurm, das 1981 im Frauenbuchverlag erschienen war.

Darin gab es neben Geburtsberichten und Psychotests (»Der richtige Vater für Ihr Kind«) eine hilfreiche Fotostrecke (»Wie verberge ich meinen Zustand? Durch das Tragen eines Pappkartons, der durch breite Hosenträger gehalten, Ihren Zustand bis kurz vor der Niederkunft unauffällig, aber doch wirksam zu kaschieren vermag«) und ein Kapitel über den Zusammenhang zwischen dem weiblichen Zyklus und dem Mond. Außerdem gesellschaftskritische Artikel mit der Überschrift »Ist wirklich Gift in der Muttermilch?« oder »Tötet Nestlé Babys?«. Darin hieß es unter anderem: »Das Süßholzgeraspel, mit dem auch wir von den Babykostherstellern zur Genüge eingedeckt werden, erscheint einem nur noch zynisch angesichts der Tatsache, daß hier skrupellos über Kinderleichen gegangen wird, nur um Profitinteressen durchzusetzen.«

Dazwischen war Platz für persönliche Notizen, was meine Mutter ganz offensichtlich nicht mit dem nötigen Ernst erledigt hatte. »Man kann die Füßchen richtig deutlich sehen und von außen dagegen drücken, dann geht’s weg und kommt an einer anderen Stelle wieder raus. Hihi, jetzt können wir unseren Knirps schon an den Füßen kitzeln und ein bisschen ärgern!«

Ja, haha. Während sie sich so die Wehenpausen vertrieben, verging die Nacht, und draußen begann es zu schneien.

Mama:

Klar tut eine Geburt weh, aber niemals würde ich so rumbrüllen wie die Frau im Nebenzimmer. Die hat mir richtig Angst gemacht, eine Frechheit ist das. Also ich hab mich ja zurückgehalten – was sollen die anderen Mütter sonst denken! Ich hab mich auf die Musik konzentriert und geatmet, und dann kamst du auch schon.

Als grade mal dein Kopf draußen war, hast du schon angefangen zu schreien, da hab ich gedacht: Das Kind macht später was mit Gesang, genau wie ich. Es hat auch niemand geredet, sodass ich schon dachte, es wäre was nicht in Ordnung, dabei haben sie nur gewartet, bis ich etwas sage. Ein Baby soll nämlich als Erstes die Stimme von seiner Mutter hören. Wegen der Bindung.

Als du dann auf meinem Bauch lagst und ich gefragt habe, was es denn ist, da hat die Hebamme gesagt: ein Mädchen. Da war ich ganz baff, weil ich während der Schwangerschaft dreimal geträumt habe, dass ich einen Bub bekomme. Und dann so was, das war schon verrückt. Aber was soll man von einem Aprilscherz auch erwarten.

Papa:

Als du da warst, hab ich als Erstes nachgezählt, ob auch alles dran ist. Zehn Zehen, zehn Finger. Ist vielleicht die Pianistenehre. Dann hat die Mama gefragt, was es ist, und die Hebamme hat gesagt: ein gesundes Mädchen. Dass du gesund bist, war das Allerwichtigste, alles andere war eigentlich egal.

Hebamme:

Scheiß Neumond.

Nachdem die Geburt vorbei war, und ich die Brust, eine Abreibung und eine Stoffwindel bekommen hatte, sollte ich in mein Bettchen gelegt werden. Nur war leider keins mehr frei. In den sieben Betten lagen schon sieben Zwerge. Was war ich, etwa Schneewittchen?

Da hatte die Hebamme eine Idee. Sie hatte doch noch den alten Stubenwagen aus geflochtenen Weidenzweigen, in dem schon ihre eigenen Kinder gelegen hatten. Er war zwar alt, aber zweckgemäß. Sie schob ihn neben die anderen Bettchen und legte mich hinein. Ohne Armband. Brauchte ich ja nicht, wer sollte mich schon verwechseln.

»So war das nämlich«, sagte ich zu Nora. »Ich hatte als Einzige einen Stubenwagen.«

»Hm.«

»Und weißt du was, der Stubenwagen hatte sogar einen Himmel!«

Wir wollten später mal Prinzessinnen werden, was sich bislang aber auf das Malen von ebensolchen beschränkte. Außerdem taten meine Eltern alles, um das zu verhindern, indem sie mich in karierte Hemden und Latzhosen steckten. Aber ein Himmelbett, das war ja wohl ziemlich prinzessinnenhaft. Oder?

»Hm.«

»Und ich bin an einem Sonntag geboren!«

»Ja, aber du hast trotzdem kein Armband.«

So einfach war das. Keine Prinzessin, kein Armband, Außenseiterin von Geburt an. Ich hatte nichts. Nur Eltern, die anders waren als der Rest. Wo war ich da nur gelandet.

3 Das Müslimädchen wird musikalisch
früherzogen und Klugscheißer. Es verliert
einen Zahn und rächt sich an seinem Vater.

In meiner Straße gibt es einen bilingualen Kindergarten, in dem die Kinder Mandarin lernen. Mandarin! Die kleinen Mädchen und Jungs, die dort von ihren Eltern abgeholt werden, sehen ziemlich biodeutsch aus. Und sie sind vor allem sehr klein, eben wie Kindergartenkinder, aber sie lernen eine der schwierigsten Sprachen der Welt. Weil ihre Eltern das wollen.

Ich frage mich, was man später wird, wenn man schon im Mutterbauch mit Englisch-Vokabeln beschallt wird, als Baby mit Handzeichen kommuniziert und sonntags wahlweise Kinder-Yoga oder Krabbel-Gottesdienste besucht? Vollhorst, meint Martha. App-Entwickler, meint Emil. Marketingchefin der chinesischen Dependance eines Börsenunternehmens, hoffen vermutlich die engagierten Eltern.

Alles falsch. Man wird Klugscheißer. Die Eltern der kleinen Karo-Melittas und Hans-Würstchen sollten sich gut überlegen, ob ihr Kind später wirklich in allem besser sein soll als die anderen, denn niemand möchte mit einem besserwisserischen Arsch befreundet sein.

Meine Eltern waren da zum Glück anders. Sie wollten, dass ich auf Bäume klettere, Feuerkäfer fange, Schatzkisten im Garten vergrabe und Beeren vom Strauch esse. So romantisch! Und so weltfremd. Denn sie hatten etwas übersehen: Sie gehörten zur akademischen Mittelschicht. Und diese Menschen können gar nicht anders als zu fördern, dazu braucht es nicht mal Kinderturnen, Musikschule oder irgendwas mit Kunst.

Später sind sie dann ein bisschen enttäuscht, weil das Kind zuerst Geisteswissenschaften studiert und dann einen Computerjob hat und Rücken, dabei hatten sie doch insgeheim gehofft, es würde einen naturbezogenen Beruf erlernen, in dem es mit eigener Hände Arbeit wunderbare Dinge erschafft. Etwa Schreiner. Oder Landschaftsgärtner.

Dafür sitzen die akademischen Mittelschichtseltern aber zu gerne am Esstisch, lesen sich gegenseitig aus der Zeitung vor und unterhalten sich über ihre Arbeit.

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