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Münder Seele Tauschend

Alexander Gruber

Münder Seele Tauschend

Gedichte aus achtzehn Jahren

Mit einem Nachwort
von Dieter Reible

Advent

Nun kommt die Zeit, darin gedenkt das Herz

Europas seines dorngepeitschten Gotts

mit Tannengrün, mit Glas, mit hochgemach-

ten Toren des Geschäfts. Schon trägt Herodes’

Tafel des Täufers Haupt, gebrüht, garniert,

gelegt in Sülze, denn das Reich ist nah,

darin einkehrt, wer umkehrt, wie ein Reicher

ins Himmelreich fährt. „Gib du alles, was

du hast, den Armen!“ Hosiannah, seufzt

Europa, wenn ein Grab getüncht ist, daß

hoch nicht kommt das Stallkind, auch gekreuzigt,

aus Galiläa! - Ach, du blutigs Haupt,

vertrüg dies Herz da deine Herrlichkeit?

Christnacht

Glaskugeln liegen in den Fenstern. Rund,

hohl, versilbert spiegeln sie den Platz,

Lichter und Menschen. Vor dem Rathaus wird

ein Krippenspiel gespielt. Geschenke stehn,

in farbiges Papier gehüllt, bereit; ein Chor

mit dünnen Wölkchen vor den Mündern singt

in Mikrophone: „Freut euch! Freuet euch!“

Ein jeder geht, gerührt, in seine Kammer.

Braten und Wein, Gebäck, Konfekt stehn da.

Die Glocken schlagen. Die Lautsprecher dröhnen.

Die Präsidenten reden süße Worte.

Soldaten auf den Stuben brennen Kerzen.

Draußen ist Nacht. Die Fenster sind verhängt.

Karneval

Es ist schwer, mit dem Leib leben,

dem die Haare wachsen.

Da ist ein Wald und ein Wasser.

Das Blut der Weiber riecht nach verwesten Fischen.

Nur auf der Fotografie

ist der Mensch trocken, schleimlos.

In dieser antiseptischen Landschaft

sucht er das Lichtbild seiner Seele,

ah, den Astralleib, wenn dies Fleisch abgeschält ist:

hochglänzend, geruchlos, aufgenommen im Sommer,

schlafend unter Gras wie ein Stück Erde, der Mund

verschlossen über geteilt genossener Lust.

Auch dies weiße Papier vergilbt.

Party

Blues: ein heiseres Lied der Seele,

daß sie da sein will. Dies rauchgefüllte Zimmer

mit halbem Licht, mit Gesprächen,

mit Schlagzeugsynkopen, ist ihr eine Heimat.

Sie will essen am Tisch, schlafen im Bett, arbeiten

auch für ein Lob.

Sie will gesund sein, für jemand sorgen, umsorgt sein.

Sie will leben leibhaftig! weil Tränen salzig sind,

weil Wasser perlt auf der Haut, weil Beiliegen schön ist.

Das ist der Blues: ein Mann ist ein Mann

mit der Seele und mit den Hoden. Hey, look at him!

Eine Frau ist eine Frau mit ihrer Seele

und milden Brüsten und Dauerwellen. Sie lächelt.

Ja, mach einen Fisch gesund im vergifteten Wasser!

Maskenball

Da sind die Masken. Wie bärtig sie sind

mit hohen Wangenknochen, ein Bild des Feindes!

Ein Flickenkleid, Lappen, Stroh

und Schellen aus Blech bedecken den Menschen.

Welche Sprünge sie machen zum Klang

der Rasseln, Trompete, des Saxophons!

Das geduldige Fleisch, das formbare,

kommt als Brigitte Bardot, als Buster Keaton.

Ah, und lugt hervor am Rand, in der Mitte!

Im Gesicht des Mannes erscheint die Mutter,

die Züge des Mädchens widerleuchten den Bruder.

Es ist nur halb geschieden das Fleisch, begierig.

Mit Müh kommt Schlaf. Das braucht Musik und Lieder.

Aschermittwoch

Der Leib hat eine Hülle, ein Sackgewand,

das die Haut kratzt, weil alles zu End geht,

weil eine Passion bedacht werden, die Seele

sich reinigen soll von Blut und Wasser.

Im Rundfunk gibt es ernste Musik, hinweisend

auf ein besseres Leben an anderem Ort.

Wer glaubt daran im Büro, oder

allein im Bett, Kriminalromane lesend?

Zitronensaft kühlt die Zunge, unstillbares Lechzen,

Wünsche alternder Frauen: hier, der junge Korsar

mit den feuchten Lippen, dem Bart, dem Aloeduft -

die Glanzgestalt! Wer satt sein will, esse Brot!

Es wird Asche gestreut auf dem Gehweg zum Arbeitsplatz.

Grab Christi

Die Höhle gähnt. Der Leib wird balsamiert,

aus Nasenlöchern das Gehirn gezogen,

in Fett gelegt. Der schwarze Schlund soll nicht

fressen Verwesliches für lange Zeit.

Verweslich ist der Leib, verdaulich für

Tiere und Tod. Ähnliche Haut, gegerbt,

gibt Lampenschirme einst. Ähnliches Haar

wird Schuppen füllen bis ans kahle Dach.

So ist ein Ende. Vor des Schlundes Loch

wird nur ein Stein gewälzt. Die Wache kommt,

daß Diebe sich nicht nahn. Schrilles Geheul

der Weiber gellt noch lange übers Feld.

Die Nacht verschluckt es. Sterne löschen aus.

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