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Morgen ist der Tag nach gestern

 

Gustav Horstmann, ein angesehener Bürger und ehemaliger Stadtrat, war Beiratsmitglied der Maria-Söder-Stiftung, die sich um in Not geratene Familien kümmerte. Nachdem er tot in seinem ausgebrannten Haus gefunden wird, nehmen Böhm und sein Team von der Kripo Kleve die Ermittlungen auf.

Ein weiterer Toter wird geborgen, als die Spurensicherung alle Trümmer beseitigt hat. Im Keller findet sich auf einem PC Bildmaterial von vermissten Kindern, deren Familien von der Stiftung betreut wurden. Was ist mit den Kindern geschehen?

Die Ermittlungsarbeit der Polizei in der Ruine wird akribisch von Frank Zech beobachtet, der mit einem Feldstecher seine Nachbarn ausspioniert. Er weiß, wer der zweite Tote ist und was sich in den vergangenen Jahren in dem Haus abgespielt hat. Aber er hat allen Grund zu schweigen …

Mechtild Borrmann wurde 1960 geboren und lebt heute in Bielefeld. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie am Niederrhein. Sie arbeitete u.a. als Tanz- und Theaterpädagogin. Sie ist Inhaberin eines Restaurants in der Bielefelder Altstadt. Im Jahr 2006 erschien ihr Krimi „Wenn das Herz im Kopf schlägt“. (Weitere Informationen zur Autorin unter: www.mechtild-borrmann.de).

1

Knistern und Bersten dringt in die unruhigen Bilder seines leichten Schlafs. Die Geräusche stören, wollen sich nicht einfügen in die Traumsequenz. Als er die Augen öffnet, gilt sein erster Blick dem Wecker. Zwei Uhr fünfundvierzig leuchten die roten, eckigen Digitalziffern ihn an. Aber nicht nur die Ziffern scheinen zu leuchten. Jetzt erst nimmt er das unregelmäßige Flackern an den Wänden und der Zimmerdecke wahr, begreift, dass die Traumbilder verflogen, die Geräusche aber geblieben sind.

Er springt aus dem Bett und läuft zum Fenster.

Einige Sekunden steht er da und starrt auf das brennende Nachbarhaus. Am Straßenrand haben sich Menschen versammelt. Nachbarn aus der Seilerstraße und von der Hauptstraße sind mit Autos und Fahrrädern herbeigeeilt.

Vorsichtig schleicht er die Treppe hinunter und schaut bei Mutter herein. Das Zimmer liegt nach Westen und die alten Fensterläden sind fest verschlossen. Kurzatmig, mit gurgelndem Geräusch zieht sie Luft in die Lunge. Das blondierte Haar liegt, unter einem Netz, wie ein schmuddeliger Heiligenschein um das teigig glänzende Gesicht. Auf dem Nachttisch steht eine Schachtel Dormocaps. Daneben die fünfziger Packung Tramal.

Nein, er wird gar nicht erst versuchen sie zu wecken. Sie wird schimpfen, wenn er sie weckt.

Sie wird auch schimpfen, wenn er sie nicht weckt. Aber erst morgen.

„Der Horstmann brennt! Der Horstmann brennt lichterloh!“, flüstert er in den Raum.

In seinem Zimmer zurück, öffnet er die Schublade der Wäschekommode, hebt die sorgfältig gestapelten Unterhemden vorsichtig hoch und legt sie auf den Schubladenrand. Er zieht das Fernglas heraus, hebt den schmalen Lederriemen über den Kopf, greift wieder mit beiden Händen nach den Unterhemden und legt sie zurück. Dann öffnet er die Balkontür und tritt hinaus ins Freie.

Die Gärten zwischen ihrem und Horstmanns Haus haben zusammen die Größe eines Fußballfeldes. Nur der Bach trennt die Grundstücke. Das Rufen der Menschen, das ächzen von aufspringendem Holz und das Prasseln der Flammen, die aus den unteren Fenstern schlagen und die Ränder des Rieddaches anspringen, sind gut zu hören.

Er schaut durch das Glas und regelt die Schärfe. Das Feuer hat die Räume des ausgebauten Dachbodens erreicht. Vorhänge brennen und Glas zerspringt. Die Flammen schnappen nach dem Sauerstoff und werden einatmend größer. Der Fackeltanz spiegelt sich auf den silbergrauen Stämmen der Weißbuchen hinter der Terrasse und lässt sie in zitterndem Gelb und Rot aufleuchten.

Wie Schwärme von Glühwürmchen fliegen Funken in das feine, von der Hitze des Sommers ausgetrocknete Blattwerk, glühen auf und ersterben. Neue Schwärme tanzen vom Haus hinüber, dichter und entschlossener fallen sie über die gut zehn Meter hohen Baumkronen her und in Sekunden brennen sie lichterloh. Die Hitze der Nacht verbindet sich mit der Glut des Feuers. Frank tritt gegen die mit Efeu zugewachsene Balustrade des Balkons. Schmerzvoll verzieht er den Mund und flüstert: „Aber wie …?“

Keiner kann ihn hier sehen. Nicht, wenn er es nicht will. Horstmann müsste doch da sein. Aber warum …?

Dicke, grauschwarze Rauchschwaden finden jetzt ihren Weg durch die feinen Ritzen des Rieddaches. In der Ferne hört er das gleichmäßige Auf- und Abschwellen von Martinshörnern, das sich zwischen das unkontrollierte Zischen und Knistern des Feuers schiebt. Noch bevor die Feuerwehr da ist, liegt für einen Augenblick ein Grollen in der Luft, wie der Vorbote eines Gewitters. Das Dach bricht ein und die Flammen, endlich frei atmend, greifen in die Nacht und malen einen weiten roten Bogen über den Himmel.

Frank hält mit der Linken das Fernglas. Mit der rechten Faust schlägt er auf das Geländer, versucht den zornigen Rhythmus des Feuers zu finden.

Feuerwehrmänner laufen kreuz und quer, Leitern werden ausgefahren, überall wird gerufen und hantiert. Am Boden spritzen sie Löschschaum in das Haus, von den Leitern aus arbeiten sie mit Wasser. Auch der Rasen und die Baumreihen am Bach werden bewässert.

Es ist vier Uhr zwanzig, als die Bewegungen der Männer ruhiger werden und die Reste des Hauses dampfend daliegen, wie ein Drache, der seine letzten Atemzüge tut.

Erneut öffnet er die Schublade der Kommode, hebt die Unterhemden sorgfältig auf die Ablage, wickelt den schmalen Lederriemen um das Fernglas und legt es zurück. Wieder greift er mit beiden Händen nach der Wäsche und schichtet sie akkurat über das Fernglas. Dann schließt er die Schublade.


2

Wolfgang Wessel sitzt hinter seinem großen Schreibtisch, der sich über die ganze Raumbreite unter den Fenstern hinzieht, und sieht die aktuellen Einkaufspreise des Amsterdamer Blumengroßmarktes auf dem Bildschirm seines PCs durch. Die dürfte er eigentlich noch gar nicht haben, aber er ist seit Jahren dabei und man hat so seine Verbindungen. Auf diese Weise kann er seinem Sohn, der nachts um ein Uhr mit fünf Fahrern und ebenso vielen LKWs losfährt, sagen, bis zu welchen Preisen er mitbieten soll und wann er auf jeden Fall aussteigen muss.

Mechanisch schreibt er die Höchstgebote hinter Margeritenstämmchen auf Zwölferpaletten, Gerberagebinde zu 250 Stück, Gladiolen … Baccararosen … Dann schreibt er die Gesamtstückzahl dazu und wie viele der jeweiligen Sorte die Fahrer auf welche LKWs verladen sollen.

Jetzt, bei der Hitze, ordert er nur kleine Mengen Schnittblumen. Die Menschen leben draußen, jedenfalls die, die einen Garten oder Balkon haben. Topfpflanzen gehen um diese Jahreszeit, Topfpflanzen, die in allen erdenklichen Farben blühen. Die LKWs fahren dann die Großmärkte in Nordrhein-Westfalen an, wo die Ware weiterverkauft wird.

Die Verkaufspreise lässt er offen. Es kommt darauf an, für wie viel Daniel die Ware einkaufen kann. Er handelt dann den Verkaufspreis aus, dafür hat er ein Händchen.

Daniel ist erst dreiundzwanzig Jahre, aber er versteht das Geschäft. Seine Ausbildung als Groß- und Außenhändler hat er in einem Fahrradgroßhandel gemacht. Daniel hatte zu Hause lernen wollen, aber Wolfgang hatte darauf bestanden, dass sein Sohn erst mal einen anderen Betrieb kennenlernen sollte. Das war richtig gewesen, wie sich schon bald herausstellte. Nicht, dass der Fahrradgroßhandel eine tolle Firma gewesen wäre, aber Daniel hatte verstanden, was alles schiefgehen konnte und auf was er als Chef zu achten hatte.

Simon, sein Zweiter würde in diesem Jahr neunzehn werden und ein gutes Abitur machen. Dann würde er fortgehen um zu studieren. Psychologie oder Medizin, hatte er bereits vor vier Jahren verkündet, und dieser Wahl war er bis heute treu geblieben. Simon war kein Geschäftsmann. Er hatte nie Interesse an der Firma gezeigt, sodass eigentlich schon immer klar gewesen war, dass Daniel das Geschäft übernehmen würde.

Er greift nach dem Foto das rechts neben dem Bildschirm auf dem Schreibtisch steht. Es zeigt ihn mit seinen Kindern vor einem Skilift in Italien. Er und die Jungen hatten sich in einer Reihe aufgestellt. Miriam hatten sie alle drei getragen. Er hatte ihre Schultern gehalten, Daniel ihre Hüfte und Simon die Füße. Es sah so aus, als würde sie waagerecht vor ihnen schweben. Marion, seine zweite Frau, hatte fotografiert. Er stellt das Bild zurück.

Zufrieden nickt er seinem PC zu. Ja, er könnte die Firma an Daniel übergeben. Wenn er in Schwierigkeiten geraten würde, wären all die Mühen der vergangenen dreißig Jahre bei seinem Sohn in guten Händen.

Er lehnt sich in seinen schweren, ledernen Schreibtischstuhl zurück und blickt aus dem Fenster. Der asphaltierte Hof. Die eingezeichneten Parkbuchten für zehn LKWs, die beiden großen Kühlhäuser mit den Büros dazwischen, die eigene Dieselzapfsäule und nach links die Wiesen und das letzte alte Treibhaus.

Die Wiesen waren früher Felder gewesen, auf denen sein Vater und zu Anfang auch er, Kohlsorten und später Salat unter Plastikplanen angebaut hatten. In den Treibhäusern hatten sie Setzlinge vorgezogen, sowohl für die eigenen Felder als auch für den Verkauf auf dem Wochenmarkt.

Mit dem kleinen, roten Hanomagtraktor war er mit seinem Vater morgens um fünf Uhr los zum Wochenmarkt. Dann hatten sie ihren Stand aufgebaut und schon gegen sieben Uhr kamen die ersten Hausfrauen um sich die größten und kräftigsten Kohlsetzlinge zu sichern.

Er hatte aus der einfachen Gärtnerei seines Vaters ein gesundes Unternehmen gemacht. Als Kohl in Treibhäusern vorziehen und auf den Feldern reifen lassen keine Gewinne mehr brachte und alle Kollegen klagten, da kann man ja besser nach Holland fahren und sich die Arbeit mit dem Anbau sparen, hatte er nicht nur geredet, sondern es getan. Zuerst hatte er Gemüse direkt an die Endabnehmer verkauft, war mit dem kleinen Lastwagen, für den er sich verschuldet hatte, jeden Morgen nach Holland rüber und anschließend die Wochenmärkte abgefahren. Dann hatte es ärger gegeben und die Konkurrenz hatte geschimpft: Du unterbietest ja die Großmarktpreise!

Da war ihm die Idee gekommen. Da hatte er einen weiteren LKW gekauft und nach und nach war das Großmarktgeschäft angelaufen. Später hatte er auf Blumen umgesattelt und auch damit hatte er die Zeichen der Zeit erkannt. Die beiden ältesten Treibhäuser hatte er abgerissen, die Felder eingezäunt und Weideland daraus gemacht. Inzwischen hatte er es an seinen Nachbarn verpachtet. Seeberg züchtete Pferde und hielt die Wiesen in Ordnung.

Er wendet sich wieder dem Bildschirm zu.

Sein Unternehmen ist gesund. Er schreibt seit Jahren schwarze Zahlen. Die drei neuen LKWs laufen über Kredite und sein Geländewagen ist geleast. Aber alles andere ist sein Eigentum.

Auch das, was er hier tut, die Preise überprüfen und Höchstgebote festlegen, konnte Daniel inzwischen genauso gut. Es war eher ein Ritual, als eine erforderliche Arbeit, die seine Person gebraucht hätte.

Nein, er muss sich keine Sorgen machen. Er kann die Tage mit ausgedehnten Spaziergängen mit dem Hund verbringen, den Sommer auf der Terrasse genießen, in den Urlaub fahren oder ins Gefängnis gehen.

Er hat sich diesen Tag anders vorgestellt. Er hat geglaubt, die Schwere in seinem Herzen würde sich auflösen, aber stattdessen nimmt diese Gleichgültigkeit ihn in Besitz, eine Gleichgültigkeit, die schmerzt.

Er schaltet den Computer aus und holt ein rotes Din-A4 Schulheft aus der linken, unteren Schublade. Auf dem Deckblatt steht auf den vorgezeichneten Linien in kindlicher Handschrift: Miriam Wessel. Auf der Linie darunter: Rechnen.

Nur die ersten beiden Seiten sind mit in Fünferpäckchen angeordneten Malaufgaben beschrieben. Die Siebenen haben eine kleine aufstrebende Linie, bevor sie in eine geschwungene Waagerechte übergehen, die am Ende wieder aufsteigt. Es sieht aus, als habe die Zahl zwei kleine spitze Ohren.

Mindestens hundert Mal hat er die Aufgaben schon durchgesehen. Immer und immer wieder. Sie sind alle richtig gelöst bis auf eine. Im letzten Päckchen hatte sie zwölf mal sechs gerechnet und zweiundachtzig herausbekommen. Er lächelt den Zahlen entgegen. Die Zwölferreihe hatten sie noch zwei Tage vorher geübt und sie hatte genau diesen Fehler schon an jenem Abend gemacht. Er hatte gesagt: „Prinzessin, das ist doch ein einfacher Sprung von sechzig auf zweiundsiebzig.“ Da hatte sie tief durchgeatmet und empört ausgerufen: „Ja, aber für mich ist das ganz schön schwer! Alles was über fünfzig ist finde ich unübersichtlich.“

Er dreht das Heft auf die Rückseite und greift nach dem silbernen Montblanc-Füller, den seine Frau ihm zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt hatte.

Er würde es in ihr Heft schreiben. Niemandem gegenüber fühlte er sich zur Rechenschaft verpflichtet, aber er würde Rechenschaft ablegen. In ihrem Rechenheft!

Nissen, 12. August 2003

Ich will meiner Strafe nicht entgehen. Ich will weder um Verständnis oder Mitgefühl buhlen, noch um Verzeihung bitten. Ich würde es wieder tun, immer und immer wieder. Ich bin nicht der, der die andere Wange hinhält, und ich bin auch nicht der, der sofort losgeht und seine Rechte einfordert. Ich bin ein geduldiger Mensch und lange Zeit habe ich viel Glück gehabt. Ich habe es sicher oft nicht wirklich zu schätzen gewusst, aber es hat Augenblicke gegeben, da hätte ich zerspringen können vor Glück und Dankbarkeit.

Er sieht zum Fenster hinaus. Es waren immer Augenblicke der Ruhe, des Stillhaltens. Es waren die Augenblicke der Vögel mit ihrer Leichtigkeit und ihren hellen Tönen. Sie waren selten und dauerten nur Sekunden, aber er erinnert sich an durchscheinendes Licht und eine Verbundenheit mit allem, was lebt. Nur ganz kurz. Dann spürte man das Gewicht des Körpers auf den Füßen und es ist vorbei.

An einem Sommermorgen um fünf Uhr in der Frühe auf dem Feld hatte er es erlebt. In den Armen seiner Frau hatte er es erlebt, als seine Söhne geboren wurden und Jahre später, als Miriam auf die Welt kam. Mit ihr wurden diese Augenblicke häufiger. Als sie ihre ersten Schritte tat, hatte er es erlebt. Es waren nur drei Schritte, aber sie kam auf ihn zu und fiel ihm in die Arme, als sei er das rettende Ziel. Damals hatte er es zum ersten Mal gesagt: „Keine Angst! Dir wird nichts passieren, so lange ich lebe.“ Damals hatte er es zum ersten Mal versprochen.


3

Die Hitze liegt seit Wochen wie ein schweres Kissen auf der Stadt. Im flirrenden Tageslicht halten Sekundenzeiger inne, um Kraft zu schöpfen für den nächsten Schritt. Stunden tropfen zäh vom Morgen zum Mittag und vom Mittag zum Abend. Selbst die Nächte bringen keine Abkühlung, nur schwüle Dunkelheit.

Die licht- und wärmeabweisenden Rollos in seinem Büro sind heruntergezogen, die Fenster in der Hoffnung auf einen Luftzug auf Kippe gestellt.

Die Tage verlaufen ruhig, selbst das Verbrechen scheint auf Abkühlung zu warten.

Böhm sitzt seit sechs Uhr am Schreibtisch. Bei erträglichem Wetter wäre er um diese Zeit allein auf dem Flur der Abteilung Kapitalverbrechen, aber seit Tagen kommen auch die anderen Kollegen in den frühen Morgenstunden, um in der heißen Mittagszeit eine Pause einlegen zu können.

Böhm ist seit Anfang des Jahres, nach neun Monaten Sonderurlaub, zurück.

Es ist kurz nach sieben, als Steeg an seine geöffnete Bürotür klopft.

„Morgen, Peter!“

Böhm dreht sich mit dem Stuhl zur Seite und nickt ihm zu.

„Morgen, Achim.“

Achim Steeg trägt trotz der Hitze sein Leinenjackett über einem T-Shirt mit Stehkragen. Seine Sommergarderobe, die er, auch wenn es jetzt draußen schneien würde, nicht ändern könnte. Steeg lebt nach festen Regeln und manchmal scheint es Böhm, dass ein Durchbrechen dieser festgefahrenen Strukturen den jungen Mann zutiefst verunsichern würde.

In der linken Hand eine Wasserflasche, in der rechten ein angebissenes Brötchen, lässt er sich mit einem Seufzer auf den Stuhl gegenüber von Böhm fallen.

„Ist das eine Scheißhitze. Gestern bin ich sämtliche Baumärkte und Elektrohandlungen abgefahren, um einen Ventilator zu kaufen. Ausverkauft! Kannst du dir das vorstellen? Es gibt in dieser verdammten Stadt nirgendwo einen Ventilator zu kaufen. Und der Hammer ist, wenn du einen vorbestellen willst, haben die allen Ernstes vier Wochen Lieferzeit. Über die Preise will ich gar nicht erst reden. Die sind doch alle nicht mehr ganz dicht!“

„Wer?“ Joop van Oss schlurft auf weißen Stoffslippern ins Büro.

Steeg mustert ihn von oben bis unten und schüttelt den Kopf.

„Wir hier in Deutschland sagen nicht ‚wer’, wenn wir einen Raum betreten. Wir sagen ‚Guten Morgen’.“

„Morgen! Wer ist nicht ganz dicht?“

Joop geht zur Kaffeemaschine und schenkt sich Kaffee ein. Mehrere gespülte Tassen stehen kopfüber auf einem sorgfältig ausgebreiteten Geschirrtuch.

Joop sieht Steeg erstaunt an.

„Hast du gespült?“

„War ich nicht.“ Achim beißt in sein Brötchen. „Aber du könntest mir auch einen Kaffee einschenken.“

Joop reicht ihm eine Tasse.

„Peter, du auch?“

„Danke, ich hab noch!“

Van Oss zieht sich einen der vier Stühle aus der Fensterecke herüber und setzt sich neben Steeg.

„Habt ihr die Waldbrände in Portugal und Frankreich im Fernsehen gesehen? Das ist noch nicht vorbei. Das haben wir jetzt davon. Die globale Erwärmung wird uns alle treffen. Wir vernichten uns selbst. Bald ist Europa eine Wüste. Die Bilder von den Äckern in Brandenburg … habt ihr gesehen …?“

Steeg verdreht die Augen.

„Jooo-hop! Komm wieder runter, ja! Wir können es sowieso nicht ändern. Ob du dich jetzt aufregst oder nicht. Also verschon deine, und vor allem meine Nerven, mit diesem globalen Erwärmungsquatsch.“

„Aber das ist kein Quatsch! Ich sage es euch. In ein paar Jahren werden wir Menschen wegen Wasserdiebstahls hinter Gitter bringen. Wir werden für eine Flasche Wasser mehr bezahlen als für eine Flasche Chateau Neuf du Pape! Die Pole schmelzen …“

„Joop!“ Achim funkelt ihn an. „Nicht schon am frühen Morgen, du hysterischer Holländer!“

Van Oss verschränkt die Arme vor der Brust und schiebt das Kinn vor.

„Okay“, er hebt demonstrativ den Kopf und schaut auf die rote, runde Küchenuhr über der Tür. „Um wie viel Uhr kannst du die Wahrheit vertragen?“

Steeg beißt resigniert in sein Käsebrötchen.

Böhm lächelt vor sich hin. Steeg und van Oss sind wie Hund und Katze, aber sie arbeiten perfekt zusammen. Nach der Mordserie in Merklen war Joop in eine Krise geraten. Er fühlte sich an dem Tod des letzten Opfers schuldig, weil er es aus den Augen verloren hatte. Steeg hatte sich um ihn gekümmert. Eine Tatsache, die bei allen Kollegen Erstaunen hervorgerufen hatte.

„Lasst uns anfangen, ja?“

Böhm schaut die beiden über den Rand seiner Nickelbrille an.

Steeg rutscht mit dem Stuhl vor.

„Ich bin noch an der Schießerei in Emmerich dran. Für heute hab ich noch zwei Zeugen vorgeladen, aber viel Hoffnung mach ich mir nicht. Das sind alles Polen und Russen, die halten dicht. Immer wenn es konkret wird, verstehen die auf einmal kein Deutsch mehr, oder können sich nicht erinnern. Wenn man denen glaubt, hatte keiner eine Waffe, und den Schuss hat der liebe Gott abgefeuert. Am liebsten würde ich da eine Hausdurchsuchung nach der anderen machen.“

Böhm nickt.

„Ist denn der Waffentyp inzwischen geklärt?“

„Eine dreiunddreißiger Beretta. Ist hier bisher nicht aufgetaucht. Wir haben die Daten ans BKA gegeben.“

Joop steht auf und bringt seine Tasse zum Spülbecken.

„Ich habe um zehn Uhr den Termin in Krefeld. Der unbekannte Tote in dem Weiher. So wie es aussieht, könnte es sich um den Vermissten aus Elten handeln. Sieht nach Selbstmord aus. Tod durch Ertrinken. Jedenfalls hat die Gerichtsmedizin keine Spuren von Gewalteinwirkung gefunden. Der DNA-Test ist noch abzuwarten, aber die Reste der Kleidung, die Uhr und der Ohrring passen.“

Joop schiebt die Hände in die Taschen seiner weiten, orangefarbenen Leinenhose. „Wieso fährt einer nach Krefeld um zu sterben?“

Böhm nimmt den letzten Schluck Kaffee aus der Tasse.

„Wie verzweifelt muss man sein, wenn man irgendwo hinreist, um sich dort in einem seichten Gewässer zu ertränken? Diese Kraftanstrengung! Wo kommt diese Energie her, wenn man doch keinen Lebenswillen mehr hat?“

Steeg spült den letzten Bissen des Brötchens mit Kaffee hinunter. „Vielleicht wollte er einfach nicht in Elten sterben. Egal wo, nur nicht in Elten!“

Böhm lehnt sich in den Schreibtischstuhl zurück und verschränkt die Hände im Nacken unter dem grauen Haarkranz. Das schwarze Polo-Shirt spannt über der Brust.

„Ja vielleicht. Wir werden es nicht herausfinden!“

Er dreht sich seinem Bildschirm zu. „Aktuelles haben wir nicht. Heute Morgen hat es ein Feuer in Ness gegeben. Die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk sind noch vor Ort. Sieht nach erheblichem Sachschaden aus. Ein umgebauter Hof, der aber eher wie ein Sommerhaus genutzt wurde. Ist als Zweitwohnsitz angemeldet, auf einen Gustav Horstmann. Die Brandursache wird zurzeit geklärt.“

Er beugt sich vor.

„Ich bin ab zehn in der Staatsanwaltschaft zu erreichen. Es geht noch mal um die Beweislage im Fall Schuck. Die Becker meint, es reicht nur für eine Anklage auf Totschlag und der Rechtsanwalt will sich auf Totschlag im Affekt einigen.“

Steeg springt auf.

„Toll. Der hatte das geplant, das hat er doch zugegeben. Scheiße! Von wegen Totschlag im Affekt. Immer diese hinterfotzigen Spielchen von diesen Rechtsverdrehern.“

Joop legt ihm eine Hand auf die Schulter und grinst ihn an.

„Achim, reg dich nicht auf. Wir können es sowieso nicht ändern, ne!“

Steeg sieht ihn einen Augenblick lang zornig an. Dann entspannt er sich.

„Hau endlich ab. Mit deinem ollen Benz brauchst du doch mindestens zwei Stunden bis Krefeld!“


4

Eilig zieht er sich an. Wieder brüllt sie die Treppe herauf:

„Frank, komm sofort herunter. Auf der Stelle!“ Sie ruft mit diesem hohen Ton, und er weiß, wenn sie noch einmal rufen muss, überschlägt sich ihre Stimme und das A in Frank wird zweistimmig wie bei einer Obertonsängerin.

Barfuß, den Reißverschluss seiner Shorts auf der oberen Treppe schließend, läuft er ihr entgegen.

„Das Feuer! Bei Horstmann! Sag mir nicht, dass du das nicht bemerkt hast! Warum hast du mich nicht geweckt?“

Er sieht, dass sie unter dem Make-up zornesrot ist. Das hellblaue Leinenkleid hat er gestern erst gebügelt. Es wirft Spannfalten über den Hüften.

„Ich wollte dir Bescheid sagen, aber du hast so fest geschlafen …“

„Lüg mich nicht an! Du hast seelenruhig zugesehen und die Wäsche einfach hängen lassen. Komm mit!“ Sie stützt sich schwer auf den Gehstock und hinkt den schmalen Flur entlang in die Küche. Mit dem Ende der Krücke schiebt sie die Gardine zur Seite und funkelt ihn wütend an. Vor dem Küchenfenster hängen Bettlaken und Handtücher in traurigem Grau. Er senkt den Kopf.

„Die habe ich von meinem Zimmer aus nicht gesehen.“

„So eine gottverdammte Schweinerei!“ Sie lässt den Gummipfropfen ihres Stockes auf den Boden fallen. Die Gardine wackelt noch einen Augenblick unentschlossen über das Fensterglas. Dann hat sie ihren Faltenwurf gefunden und versperrt den Blick auf die mit Ruß verfärbte Wäsche.

Frank setzt sich auf einen der massiven Küchenstühle mit ausgeschnittenem Herz in der Rückenlehne. Die Hände in den Schoß gelegt, starrt er die malvenfarbene Tischdecke an. Sie schimpft weiter: „Du Nichtsnutz …“

Hie und da entdeckt er Fäden in dem Tuch, die blasser sind als andere, und auch welche, die fast lila glänzen. Er taxiert die Abstände der mangelhaften Stellen und versucht herauszufinden, ob es regelmäßige Fehler sind, oder ob sie wahllos auftauchen. In der Mitte des Tisches steht eine Menage. Er hebt sie an, um das Tischtuch auch an dieser Stelle zu inspizieren.

„Du arbeitsscheuer Kerl. Die Wäsche kriege ich nie wieder sauber. Da rackert man sich ab, um den gnädigen Herrn Sohn durchzufüttern und du bist nicht mal in der Lage, die Wäsche abzunehmen.“

Frank kann kein Muster in der Unregelmäßigkeit erkennen. Scheinbar weisen die Fäden nur sporadisch diese Farbfehler auf, wie Pigmentstörungen der Haut oder Leberflecken.

Mutters Ton verändert sich, er bekommt jetzt diesen jammernden Singsang.

„Das muss der Horstmann mir ersetzen. Gegen so was wird der ja versichert sein. Das ist Wäsche im Wert von mindestens dreihundert Euro. Auf den Kosten kann ich doch nicht sitzen bleiben.“

Frank starrt unverwandt auf das fehlerhafte Tischtuch. Mutter hat auch Pigmentstörungen. Und Leberflecken. Auf den Händen und Armen und an der Schläfe. Auch ihre Brüste haben Leberflecken. Sie liegen auf der Haut, erheben sich wie kleine Beulen. Neben dem Hof ihrer linken Brustwarze hat sie einen von der Größe eines Eineurostückes.

„Weiß der Horstmann überhaupt schon Bescheid? Weiß der, dass sein Sommerhaus abgebrannt ist?“ Sie schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Wieder brüllt sie los.

„Hast du ihn angerufen? Schließlich bezahlt er dich dafür, dass du dich um Haus und Garten kümmerst. Hast du ihm Bescheid gesagt?“

Frank schüttelt den Kopf.

Vielleicht folgen die kurzen, zu stark eingefärbten Fadenstücke in einem bestimmten Abstand den blassen Stücken. Das könnte es sein. Beim Einfärben des Fadens hat die Maschine ungleichmäßig gearbeitet und immer, wenn sie zu wenig Farbe abgegeben hat, wurde der Fehler automatisch korrigiert, indem die gesparte Farbe an einer anderen Stelle des Fadens zusätzlich abgegeben wurde. Der Fehler wurde mit einem anderen Fehler berichtigt. Ja, so muss es gewesen sein.

Mutter sammelt Zigaretten und Feuerzeug vom Küchenschrank und greift nach den Autoschlüsseln. „Du kümmerst dich gefälligst um die Wäsche und rufst den Horstmann an. Ich muss los.“ Sie humpelt in den Flur zurück.

„Mutter, es tut mir leid.“ Frank spürt, wie die Worte blass und tonlos aus ihm herausfallen. Er beißt sich auf die Unterlippe, spürt Übelkeit in der Kehle aufsteigen. Er schluckt. Seine Fingernägel graben sich in die Handballen.

An der Haustür lacht sie höhnisch auf und äfft seinen Tonfall nach. „Es tut mir leid! Es tut mir leid!“


5

Steeg hat seine letzten beiden Zeugen in der Sache „Schusswechsel am Bahnhof“ verhört. Ohne Ergebnis, wie er es schon geahnt hatte. Trotzdem ist er wütend und lässt, kaum dass er Böhms Büro betreten hat, Schimpftiraden ab. „Die gehören alle hinter Gitter. Die sind doch ganz anderes gewohnt, da, wo die herkommen. Die lachen doch über unser Rechtssystem. Die gehören einfach nach Hause geschickt, verstehst du? Wenn wir denen damit drohen könnten, dann würden die alle singen wie die Lerchen, da kannst du Gift drauf nehmen!“

Mit großen Schritten, die Fäuste tief in die Taschen seiner Jeans vergraben, läuft er vor dem Schreibtisch seines Chefs auf und ab. Vier Schritte in Richtung Tür, vier Schritte in Richtung Fenster.

Böhm folgt ihm mit den Augen, die, über den Rand der Nickelbrille hinweg, von rechts nach links wandern.

„Ich hab die beiden auf dem Flur gesehen. Wie alt sind die?“

Steeg hält am Fenster inne und dreht sich um. Er lehnt sich an den kleinen Wandvorsprung zwischen den beiden Fenstern.

„Fünfzehn und sechzehn. Das ist es ja! Verstehst du? Was die wohl drauf haben, wenn die erst mal zwanzig sind!“

„Findest du nicht, dass das eigentliche Problem ist, dass sie Zugang zu einer Waffe hatten? Das sind doch noch Kinder.“

Steeg verschränkt die Arme vor der breiten Brust.

„Sag ich doch. Hausdurchsuchungen bei den Eltern! Eine nach der anderen. Ich will nicht wissen, was es da alles zu finden gibt. Und anschließend alle ausweisen. Ab …“, er macht eine wegwerfende Handbewegung, „zurück nach Mütterchen Russland!“

Böhm schüttelt den Kopf. Wie oft er mit Steeg schon solche Diskussionen geführt hat.

„Du kennst meine Haltung dazu. Außerdem, hattest du nicht vorige Woche eine deutsche Fünfzehnjährige wegen Waffenbesitz da? Wo willst du die hinschicken, um dieses Land sauber zu halten?“

Steeg zieht den Mund schmal und dreht die Augen zur Decke.

Böhm klickt seinen Computer in den Ruhezustand.

„Es ist Mittag. Lass uns im Ratskeller was essen gehen. Joop ist sicher vor zwei Uhr nicht zurück.“

Als sie auf den Marktplatz treten, greift eine erbarmungslose Sonne nach ihnen. Die Ulmen, die den Platz einfassen, scheinen zu dösen. Nichts regt sich, nicht ein einziges Blatt. Auch die Stare und Meisen, die in den Bäumen nisten, sind nicht zu hören. Alles wartet auf den Abend. Diese helle Stille.

Drüben, auf der anderen Seite des Platzes, liegt die Terrasse der Konditorei im Schatten der riesigen Kastanien und ist voll besetzt. Die Tische und Stühle vor dem Ratskeller flirren in gestauter Hitze unter gelben Sonnenschirmen.

Die Frage des Frühlings: Essen wir draußen oder drinnen? stellt sich schon seit Wochen nicht mehr. Sie freuen sich auf die kühlen, dicken Wände des alten Gemäuers. Im Lokal begrüßen sie Kollegen an anderen Tischen durch Zunicken und kurzes Winken.

Katja, die Kellnerin, hat hier ihre Ausbildung gemacht und ist dann geblieben. Sie ist schon mindestens acht Jahre hier und weiß von allen den Namen. Von vielen kennt sie auch die Lebensgeschichte und den Frust der Polizeiarbeit. Katja ist von dieser fröhlichen Schönheit, die in den Augen und in den Bewegungen liegt. Sie benutzt das Restaurant, wie eine Tänzerin eine Bühne nutzt. Immer scheint sie in Bewegung zu sein, immer ist sie von einer Lebendigkeit, die ansteckt und an trüben Tagen aufheitert. In allen Kommissariaten gibt es Interessenten. Immer wieder hört man von Wetten, die abgeschlossen werden, wenn wieder mal einer der Neuen meint, die krieg ich rum! Böhm hegt väterliche Gefühle für sie und freut sich immer, wenn wieder jemand verloren hat. Nicht, dass er sie ungeliebt und jungfräulich sehen will, es ist nur … sie soll keiner Wette zum Opfer fallen. Auch Steeg hatte mal ein Auge auf sie geworfen, aber Katja flirtet regelmäßig mit Joop. Immer auf diese belanglose, aussichtslose Art, in die Menschen verfallen wenn sie wissen, dass ihre Sympathie füreinander keine Zukunft hat.

„Na, habt ihr euch auch auf unsere natürliche Klimaanlage gefreut?“ Sie strahlt Böhm an. „Ich bin vielleicht froh, dass sich draußen keiner hinsetzt!“ Sie sieht sich suchend um. „Ups! Das darf der Chef natürlich nicht hören, aber ehrlich: So gerne ich Außengastronomie mache, bei den Temperaturen bin ich lieber Kellerkind! Wo ist denn Joop?“ Sie schaut suchend zum Eingang.

Steeg atmet hörbar aus.

„Bedienst du uns auch ohne Joop, oder sollen wir in diesem Fall woanders essen?“

Sie strahlt ihn an.

„Och Achim. Du kannst Herrn Böhm gerne fragen. Wenn du fehlst frag ich auch: Wo ist denn Achim?“

Steeg errötet und liest die Speisekarte, die er eigentlich auswendig kennt.

Katja zwinkert Böhm zu.

„Kann ich vielleicht schon was zu trinken bringen, bis die Herren gewählt haben?“

Böhm erwidert ihr zwinkernd: „Joop ist in Krefeld und kommt erst am Nachmittag zurück. Ich hätte gerne diesen Salat mit den Hähnchenbruststreifen, ein großes Mineralwasser und hinterher einen Espresso.“

Steeg bestellt ohne Katja anzusehen.

„Ich nehme das Tagesgericht und eine große Cola Light.“

Sie notiert sich die Bestellung und in der nächsten Sekunde begrüßt sie schon neue Gäste am Nachbartisch und verteilt Speisekarten.

Sie haben ihre Teller gerade zur Hälfte geleert, als Böhms Handy klingelt.

Auf dem Display erkennt er, dass es Lembach ist.

„Hallo Bernd, ich esse gerade!“ Lembach lacht auf. „Nein, Peter. Du bist jetzt fertig mit Essen. Wir haben hier in dem abgebrannten Haus einen Toten.“

„Scheiße! Wo ist das genau?“

„Warte.“ Böhm hört, wie Lembach mit jemandem spricht.

„Die Adresse ist: Ness, Teichstraße 4. Eine kleine Straße kurz vor dem Reichswald. Da musst du rechts in Richtung Militärübungsplatz.“

Böhm steckt das Handy in die Tasche, legt seine Gabel neben den Teller und winkt Katja zu.

„Wir müssen los, kannst du uns schnell die Rechnung bringen?“

Steeg rollt eilig eine Scheibe Roastbeef um die Gabel und steckt sie in den Mund. Kauend beschwert er sich: „Mensch Peter, zwei Minuten hätten wir doch wohl noch, oder?“

Katja kommt mit der Rechnung zurück. Achim schiebt ihr seinen Teller zu. „Kannst du das bitte einpacken. Ich esse dann unterwegs weiter.“

„Da muss ich aber zwei Euro extra nehmen, wegen der Alupackung und dem zusätzlichen Arbeitsaufwand beim Service und in der Küche“, erwidert sie prompt.

Achim starrt sie ungläubig an.

„Zwei Euro …?“

Das Mädchen beginnt schallend zu lachen.

„Mensch Achim! War doch nur’n Scherz. Natürlich packe ich dir das ein. Und das Besteck kannste auch mitnehmen. Aber wiederbringen, ne!“

Sie bezahlen. Achim gibt kein Trinkgeld. Achim gibt nie Trinkgeld. Böhm gibt ein bisschen mehr. Eigentlich für Achim mit. Immer gibt er Trinkgeld für Achim mit und immer ärgert er sich darüber. Er ärgert sich über Steegs Geiz, und er ärgert sich, dass ihm Steegs Geiz unangenehm ist.


6

Auf der Warmhalteplatte der signalroten Kaffeemaschine, zwischen Kühlgefrierkombination und der Spüle steht die Glaskanne. Auf dem Kannenboden dümpelt noch eine blassbraune Pfütze Kaffee. Er hört, wie sie das Auto startet und davonfährt. Er zieht seine großzügig geschwungenen Lippen zu einem Lächeln, das die blauen Augen nicht erreicht.

Langsam steht er auf, öffnet die mit Eichenfurnier und Zierleisten auf rustikal gemachte Tür des Oberschrankes und nimmt einen dieser Kaffeebecher, auf denen Norderney, Rügen oder Las Palmas steht, heraus.

Mutter bringt aus jedem Urlaub eine solche Tasse mit. Selbst wenn sie nur eine Tagestour nach Amsterdam oder Düsseldorf macht. Immer gibt es einen Becher. Sie hat ihn gebeten eine Leiste an der Wand über dem Küchentisch anzubringen. Eine Leiste mit Haken, an denen sie alle Tassen aufhängen kann. „Ich habe so schöne Erinnerungen, wenn ich sie anschaue“, hat sie gesagt.

Er gießt den Restkaffee in den Sylt-Becher und geht zum Fenster über der Spüle. Er beugt seinen großen Körper vor, diesen Körper, der nicht dick ist, der aber eingehüllt ist in eine dünne Schicht aus Weichheit und Nachgiebigkeit, die er wie einen schlecht sitzenden Anzug trägt.

Vorsichtig schiebt er die Gardine ein kleines Stück zur Seite. Immer noch stehen die Gaffer am Straßenrand. Feuerwehrleute, Männer vom THW und ein paar Zivilisten begutachten die dampfende Ruine. Sie steigen über verkohlte Balken, verschwinden im Innern hinter rußgeschwärztem Mauerwerk, kommen wieder hinaus, reden, rufen, gestikulieren.

Frank beugt sich weiter vor. Das Garagentor steht jetzt offen. Er kann Horstmanns Mercedes sehen.

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