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Morgäne

Prolog

Mein Name ist Morgäne.

Ich bin eine Spinne.

Eine intergalaktische Spinne, nicht radioaktiv wie dieses „ Spiderman-Exemplar“ und ich verleihe auch niemanden Superkräfte. Aber auch keine ordinäre Spinne.

Ich kann Dimensionen transzendieren, wie ein Quant in der Quantenphysik an zwei Orten gleichzeitig sein, lebe in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft im selben Moment.

Ich lache mich tot, wenn ihr Menschen euch fragt: „ Was ist das „Ich“? Ich sage euch, es ist definitiv mehr als die Verschaltung einiger Neuronen und Synapsen im Gehirn und mehr, als der Mensch, der sich eurer Vorstellung nach definiert aus der persönlichen Geschichte. Aber um dies zu erkennen, müsstet ihr eben in mehreren Dimensionen gleichzeitig unterwegs sein, so wie ich.

Wäre dies Angela möglich gewesen – sie ist einer der Menschenkinder, von denen in dieser Geschichte erzählt wird – dann wäre vieles für sie verständlicher gewesen. Denn eines ist sicher: Das, was die Welt im Wesen ausmacht, ist jenseits jeder menschlichen Vorstellungskraft.

In diesem Buch bekommt man vielleicht einen winzigen Eindruck davon, was es noch geben könnte und in aller Bescheidenheit muss ich zugeben, dass meine Kommentare zur Erkenntnis beitragen.

Die Geschichte, die in diesem Buch geschildert wird, schwingt hin und her zwischen der materiellen, für jedermann erfahrbaren Wirklichkeit und jenem, für euch unfassbaren, diffusen Jenseits, welches kein Jenseits, sondern schlicht ein Teil der Schöpfung außerhalb von Zeit, Raum und Kausalität ist.

Na ja, ich greife vor, lest selbst.

Angela

Angela rieb sich die schmerzenden Schultern und legte den Kopf in den Nacken.

Das Knurren ihres Magens klang ungewöhnlich laut in der Stille des leeren Büros. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Lieber Himmel“, dachte sie, „schon wieder so spät“. Ihr Chef hatte ihr kurz vor Feierabend noch eine Briefvorlage für einen Kunden auf den Schreibtisch gelegt und sie gebeten, ihn noch heute fertigzustellen. Ganz selbstverständlich nahm er an, sie würde das auch gewissenhaft und brav tun. Er kam auch nicht auf die Idee, sie könnte vielleicht heute Abend eine Verabredung haben und würde gerne pünktlich Feierabend machen.

Angela seufzte. Er hatte leider so Recht.

Ihre einzige Verabredung heute Abend war mit einem Berg Geschirr, welches sehnsüchtig darauf wartete, von ihr endlich gespült zu werden. Sonst wartete niemand in der kalten, leeren Wohnung auf sie. Keine weiche, schnurrende Katze, kein wedelnder Hund, nicht einmal ein Hamster und schon gar nicht ein männliches Wesen.

Trotzdem werde ich diesen Brief erst Morgen fertig schreiben, beschloss sie in einem Anflug von halbherzigem Trotz. Morgen komme ich eine halbe Stunde früher zur Arbeit, dann kann ich den Brief immer noch fertigschreiben, überlegte sie. Das war die letzte Möglichkeit, denn auf die Idee, dass der Brief morgen früh nicht fertig wäre, kam ihr Chef nicht.

Und auch da hatte er Recht.

Sie war viel zu schüchtern, um ihn darauf hinzuweisen, dass sie eine Menge unbezahlter Überstunden hatte. Die Aussicht, sie jemals nehmen zu können, war gering, deshalb erwähnte sie sie gegenüber ihrem Chef schon gar nicht mehr. Ein, zwei Mal hatte sie einen vorsichtigen Versuch gewagt, ihn auf ihre Überstunden anzusprechen, aber ein einziger scharfer Blick hatte sie sofort verstummen lassen.

Ihr Selbstbewusstsein war so jämmerlich leicht zu kippen, der leichteste Hauch eines zarten Gegenwindes ließ ihr Selbstbewusstsein auf Erbsengröße schrumpfen. Du musst einfach mal mehr Rückgrat zeigen, riet ihr Leonie, ihre beste und auch einzige Freundin. Sie konnte gut reden. Sie hatte ihr Leben fest im Griff. Ihr ging es blendend, Sie hatte einen liebevollen, gutaussehenden Ehemann, zwei süße Kinder und war erfolgreich in ihrem Beruf. Was wollte man mehr?

Leonie war die Einzige, der sie ihre Sorgen anvertrauen konnte, denn sie kannte niemand in Weil, sie war von München hierhergezogen. München, die bayrische Landeshauptstadt am Rande der Alpen, pulsierend, voller Leben, mit grünen Parks, dem Erholungsgebiet der Isarauen, mit seinen stuckverzierten Altbauwohnungen, war eine wunderbare Stadt. Trotzdem hatte sie sich in der großen Stadt nicht heimisch gefühlt, München war der Schauplatz ihrer ganz persönlichen Familientragödie gewesen, aber das verdrängte sie gerne ins hinterste Eckchen ihres Unterbewusstseins.

Im kleinen, beschaulichen Weil, im Schwäbischen, dort wo die Uhren noch langsamer tickten, gab es keine Tragödien, hier fühlte sie sich wohl. Hier passierte nie etwas. Nur am Feuerwehrball, dem Höhepunkt der Dorffeste, gab es für die heimische Polizei etwas zu tun. Bei der Sautrog-Regatta auf dem Weiher oder dem Kirschkern-Weitspukwettbewerb gerieten die Kontrahenten schon mal aneinander und mussten mit polizeilicher Autorität getrennt werden. Insbesondere wenn sie sich einen zu viel hinter die Binde gekippt hatten. Aber so wurde wenigstens einmal im Jahr die kleine Gefängniszelle genutzt – zur Ausnüchterung der Streithähne.

Angela betrachtete kritisch ihr Bild, das sich in der Fensterscheibe spiegelte.

Das gespiegelte Bild im Fensterglas zeigte eine junge Frau mit großen, blauen Augen, die immer leicht ratlos wirkten. Die dunklen, wirren Locken waren phantasielos mit einem schlichten Band zu einem Pferdeschwanz gebändigt. Auch die Kleidung war mit einer blau-gestreiften Baumwollbluse und Jeans sehr schlicht und diente sichtlich zur Kaschierung der Speckröllchen um Hüften und Bauch. An den Füßen trug sie sportliche Sandalen mit flachem Absatz.

Angela war zwar keine Schönheit, aber sie nahm nicht wahr, dass ihr blasser Alabasterteint ihrem Gesicht im Kontrast zu den blauen Augen und den dunklen Locken einen eigenen Reiz verlieh. Auch wenn sie ziemlich mollig war, so war ihre Figur durch große Brüste und lange Beine doch sehr weiblich. Ein wohlwollender Beobachter hätte sie als recht üppig bezeichnet, aber Angela war nun mal kein wohlwollender Betrachter. Im Gegenteil: stirnrunzelnd betrachtete sie ihr Spiegelbild in der Scheibe, Sie nahm keine ihrer Vorzüge wahr. Das Einzige, was sie in der Spiegelung des Fensters sah, war ihr dicker Bauch und die ausladenden Hüften.

„Du bist nicht nur eine Memme, die sich nicht getraut, den Mund gegenüber dem Chef aufzumachen, nein, noch dazu bist du eine dicke Memme, überlegte sie resigniert. Kein Wunder, dass ich noch nie ein Date hatte“.

Ihr Magen knurrte ein zweites Mal.

Sehnsuchtsvoll dachte sie an die Tafel Trüffelschokolade, die weit oben im Schrank versteckt war. „Nein“, sagte sie zu sich selbst, „auf keinen Fall wirst du schwach werden!“ und kniff in ihre Speckröllchen. „Willst du, dass diese Röllchen noch dicker werden?“ fragte sie ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. „Überhaupt frage ich mich, wie sie jemals so dick werden konnten“, murmelte sie vor sich hin. Aber das waren beides natürlich rein rhetorische Fragen, denn es war schon klar, wie sie entstanden waren: Sie war süchtig nach Schokolade.

Der Gedanke an die glatte Schönheit der cremigen, dunkel schimmernden Oberfläche der Trüffelschokolade ließ ihr Magen noch heftiger knurren. Sie fühlte den schokoladigen Duft in der Nase und biss sich in ihren Daumennagel, der bereits reichlich ausgefranst war, um der Versuchung nicht zu erliegen. Sie schnitt ihre Nägel immer ganz kurz, nur um nicht daran zu knabbern., Es half aber nicht viel.

Oh Gott, hatte sie einen Heißhunger auf diese leckere Schokolade. „Ich habe einfach einen schlechten Stoffwechsel, andere Frauen essen viel mehr Süßes als ich“, meinte sie bettelnd zu ihrem Spiegelbild, aber ihr Abbild hatte kein Mitleid, es sah sie nur streng an. „Okay, ich weiß ja, ich sollte einfach mehr Sport machen und weniger Süßkram essen, aber das ist nicht so einfach“, sagte sie abwehrend zum Fenster hin.

Jetzt drehe ich durch, dachte sie, bitte mein Spiegelbild um Erlaubnis, Schokolade essen zu dürfen. Geht’s noch? Die hat mir gar nichts zu verbieten. Ich nehme mir einfach ein kleines Stückchen.

Angela schob den Stuhl an den Schrank und kletterte hinauf, als sie plötzlich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Rasch warf sie einen Blick auf das Fenster, aber es spiegelte ihr Abbild nicht mehr, die Oberfläche war nur noch ein stumpfes Grau. Du siehst Gespenster. Ein Spiegelbild ist kein eigenständiges Wesen, das dich beobachten kann, ermahnte sie sich streng.

Dennoch schaute sie kurz in die Richtung. Der Vorhang am Fenster wölbte sich in einer leichten Brise, sonst war alles unverändert. Auf dem Fensterbrett ließ eine kleine Zimmerpflanze traurig ihre spärlichen gelben Blätter hängen. Ich muss sie dringend noch gießen, bevor ich gehe, ging es Angela durch den Kopf. Von draußen klang der Lärm spielender Kinder hoch, hin und wieder fuhr ein Auto vorbei.

Die große Uhr an der Tür tickte gleichmäßig, im Büro war alles still.

Sie drehte sich auf dem Stuhl herum und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Es war alles, so wie es immer war. Im ganzen Raum gab es nichts Persönliches von ihr, kein Bild, keine Pflanze, nicht einmal eine persönliche Notiz. Die beiden Büroregale waren funktionell und schlicht, an der Wand hingen farbige Drucke von New York, auf ihrem weißen Schreibtisch stand das Telefon und ein Schreibblock.

Angela warf noch einmal einen vorsichtigen Blick auf das stumpfe Grau des Fensters. Nichts. Eindeutig, du hast nicht alle Latten am Zaun und bist eine Memme, schalt sie sich selbst. Merke dir das, ein Spiegelbild ist kein eigenständiges Wesen, das dich beobachten kann und hat dir nichts zu vorzuschreiben. Um ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren, drehte sie sich wieder zum Schrank und wollte gerade nach der Schokolade greifen, als leuchtend rote Wirbel vor ihren Augen zu kreiseln begannen. Ein seltsames Gefühl beschlich sie, als wäre sie nicht allein im Zimmer.

Der Raum verschattete sich wie eine dichte Nebelwand zu einem einheitlichen Grau und weitete sich in ein grenzenloses Nichts. Eine Flutwelle dunkler Bedrohung schwappte vom Fenster aus in das Büro und fuhr durch ihr Herz, erfasste nach und nach mit jedem Herzschlag mehr und mehr von ihr. Sie fing an zu frieren, so sehr, als würden sich an jedem Finger Eiszapfen bilden.

Durch ihren Kopf zuckte ein hohes Sirren, schrill wie ein Zahnarztbohrer und das Dunkle zog Spiralen, Es trieb mit jedem Pulsieren ihres Blutes tiefer in ihr Inneres. Langsam, aber unaufhaltsam zwängte sich ein Schatten in ihren zitternden Körper, machte sich breit, als wäre ihr Körper ein alter, zu kleiner Schlafsack.

Ausgeliefert stürzte sie hilflos in bodenlose Tiefen, in Sekundenschnelle breitete sich die Schwärze in ihrem Blutkreislauf aus. Erinnerung an ihr Leben war so weit weg, dass der Staub der Jahre darüber fiel, wie der erste Schnee im November. Es gab nichts als dunkler Raum, nichts, außer einem kleinen Lichtpunkt, der näherkam und sich zu einer Erinnerung ihrer Kindheit verdichtete.

Es war eine Zeit, als die Sonne noch hell schien, sie mit ihren Eltern an einem tiefblauen See saß, mit einer heißen, vom Feuer angekohlten Grillwurst und sie und ihr Vater lachten - einfach, weil das Leben schön war. Sie klammerte sich fest an diesen einzigen warmen Punkt, er war ein Halteseil, zog sie langsam wieder ins Helle zurück, füllte Zelle für Zelle mit neuem Mut. Im gleichen Maße schwächte sich die dunkle Bedrohung ab, während Angela in pflaumengroßen Kreisen, leicht wie ein Zaunkönig in Bewusstlosigkeit versank.

Morgäne

Na, habe ich es euch nicht gesagt? Seht ihr, hier wäre es hilfreich gewesen, mehr von besagtem, diffusen Jenseits zu wissen, welches kein Jenseits, sondern schlicht ein Teil der Schöpfung außerhalb von Zeit, Raum und Kausalität ist.

Ein Käfer, der auf einer Kugel krabbelt, sieht nur zwei Dimensionen, seitwärts und vorwärts. Die Höhe bemerkt er nicht. Angela lebt zwar in drei Dimensionen, aber genau wie der Käfer sieht sie nicht über ihren eigenen Tellerrand hinaus. Sie hat keine Ahnung, was mit ihr geschah.

Noch ahnungsloser war Maria, die zweite Frau in dieser Geschichte, sie lebte zwar außerhalb der Zeit, irrte aber orientierungslos zwischen den Welten herum. Man könnte sagen, sie war schlimmer dran, wie der Käfer, denn der kam zumindest in seinen zwei Dimensionen gut zurecht.

Maria – zwischen den Welten

Maria war verwirrt.

Sie wusste nicht, wer sie und wo sie war.

Der Raum spannte sich in einer riesigen, dreidimensionalen

Krümmung,

diese Welt war ihr fremd geworden.

Nichts als leerer Raum

Und die silberne Schnur, die leise sang.

Sehnsuchtsvoll schwang ihr Lied durch das samtene Dunkel.

Leise vibrierend sang die silberne Schnur

von Delphinen im kristallblauen Wasser,

vom Eichenbaum und dem Wind in seinen Ästen,

vom schnellen Königstiger, geschmeidig auf der Jagd,

vom Adler, hoch in den Lüften, der sich neuen Horizonten

entgegenschwang.

Leise perlten die Töne durch das samtene Dunkel.

Zitternd fiel Maria in das blitzende Schwert der Wehmut,

tauchte unter im eiskalten Wasser der Einsamkeit.

Denn fern, so fern war die Heimat.

1

Morgäne

Leonie, die dritte, von der erzählt wird, ist eine patente Frau - dennoch ist ihre Vorstellung von einem freien Willen, wie bei den meisten Menschen eindimensional.

Die Art, wie ein Mensch sich und sein Handeln in seiner Umwelt wahrnimmt und empfindet, wird schon sehr früh in seiner Individualentwicklung eingeprägt, wahrscheinlich beginnt dies schon vor der Geburt. Jedenfalls sind Familieneinflüsse, insbesondere der Einfluss der Eltern in der frühen Kindheit, schon lange bekannt. Als eines von vielen dokumentierten Beispielen erwähne ich die Autobiographie des Schriftstellers Albert Camus. Darin wird deutlich, wie sehr der Einfluss der Eltern für die Entwicklung einer Person verantwortlich ist.

Bis kurz vor seinem Tod, durch einen Autounfall 1960, arbeitete er an einem Roman, der größtenteils autobiographischer Natur war. Dieses Werk beschreibt Camus’ frühe Kindheit als einen Lebensabschnitt, der im Wesentlichen durch den Verlust seines, im Ersten Weltkrieg gefallenen Vaters dominiert wurde.

Ich sehe es, jetzt seid ihr platt, dass ich darüber Bescheid weiß – unterschätzt niemals eine intergalaktische Spinne!

Leonie

Mit einem Schnauben schloss Leonie das Buch über „Bedeutung von negativen Gedankenschwingungen auf den Körper“

So ein Schwachsinn, überlegte Leonie, was findet Angie nur an diesem esoterischen Quatsch? Dieses Buch war eine Lektüre, die ihre Freundin Angela ihr wärmstens empfohlen hatte, aber sie konnte diesem Gedankengut nichts abgewinnen. Dann doch lieber die positive Schwingung eines schönen Tässchens Schwarztee“, dachte sie vergnügt.

Sie trank einen belebenden Schluck von dem starken, schwarzen Tee, den sie beide so liebten (vier Löffel Zucker, ein Schuss Sahne und das Ganze sehr stark und sehr heiß) Dummerweise war die positive Schwingung des Getränks zwar für ihre Geschmacksnerven außerordentlich belebend, aber leider auch sehr kalorienreich. Leonie betrachtete einen Moment lang nachdenklich ihren Bauch, ihm tat diese Spezialmischung Tee definitiv nicht gut, deutlich wölbte sich ein Kügelchen unter ihrem T-Shirt. Früher war dort wo sich heute die Kugel wölbte, ein Waschbrett gewesen. Gedankenverloren ließ sie ihre Blicke zu ihren über 40jährigen Beinen wandern. Wo war die Zeit geblieben? sinnierte sie. Sie streckte ein Bein nach vorne und betrachtete es von allen Seiten.

Mmmm, abgesehen von etwas (aber nur etwas) Cellulitis, waren sie noch ganz passabel. Aber was nützen schlanke Beine, wenn der Gesamteindruck eher dem Umriss einer Henne glich. Im Profil war da eine erschreckende Ähnlichkeit: Dünne Beine hatte die auch und einen ähnlich gerundeten Rumpf.

Keine negativen Gedanken über deinen Körper, schalt sie sich mit einem schnellen Blick auf das Buch, denn eigentlich hatte sie keine so schlechte Figur, dafür, dass sie bereits zwei halbwüchsige Kinder besaß und bald 43 Jahre alt wurde. Für mein Alter sehe ich noch gut aus, sandte sie einen positiven Gedanken an ihren Körper, nur für den Fall, dass er tatsächlich auf sowas reagierte und dann der Form einer Henne noch mehr ähnelte.

Sie beugte sich zur Teekanne und wollte sich gerade noch ein weiteres Tässchen gönnen, als das Telefon klingelte. „Hier ist das städtische Krankenhaus, sind Sie Frau Arnold?“, meldete sich eine unbekannte Stimme.

Krankenhaus??

Eine Welle furchtbarer, ganz und gar nicht positiver Vorstellungen überschwemmte auf der Stelle ihren Geist.

Manfred, ihr Mann war verunglückt, war von einem Auto angefahren worden und lag mit schwerster, innerer Verletzung auf der Intensivstation.

Oder Jessica, ihrer 16jährigen Tochter war etwas passiert. Sie war noch in der Stadt unterwegs und vielfältige Gefahren bestanden für so ein junges Mädchen: Zum Beispiel im Stadtpark hinter einen Busch gezerrt und auf das Übelste vergewaltigt zu werden. Jessie lief einfach viel zu aufreizend herum. Warum nur hatte sie ihr erlaubt, in die Stadt zu gehen, angezogen nur mit einem bauchfreien Top und diesem Rock, der hinten einen Schlitz bis zum Po hatte?

Als Leonie vorsichtig zu protestieren gewagt hatte, streifte Jessie sie nur mit einem Blick voller Mitleid, der das ganze Ausmaß ihrer Unwissenheit über die gängige Mode junger Mädchen offenbarte. Gut, sie hatte keine Ahnung über die aktuelle Teenie-Mode und die war ihr auch herzlich egal, aber leider hatte sie auch keine Ahnung mehr, was ihre Tochter so dachte und fühlte.

War sie tatsächlich dasselbe Wesen, das so winzig und unglaublich süß an ihrer Brust gesaugt hatte? Dasselbe Wesen, das an ihrer Hand freudig erregt in den Kindergarten gehüpft war?

Oder mit einem bunten, viel zu großen Schulranzen auf dem zarten, kleinen Rücken tapfer zum ersten Schultag marschiert war?

Inzwischen war das Kind ein Kopf größer als sie und Leonie verstand sie weniger, als ein Wesen von einem anderen Stern. Leonie sah auf ihre Armbanduhr. Es war einundzwanzig Uhr, keine Zeit für Überfälle im Stadtpark. Es war noch nicht dunkel, nur etwas dämmrig, nein, es war sehr unwahrscheinlich, dass Jessie überfallen worden war.

Vermutlich war doch ihr Mann Manfred verunglückt.

Er setzte seinen ganzen Ehrgeiz darauf, zu zeigen, dass er nicht zum alten Eisen gehörte, indem er oft risikoreiche Aktionen startete. Mit seinem Mountainbike fuhr er manchmal viel zu schnell den Berg hinunter. Oder er radelte in der Dämmerung über holprige Waldwege, auf denen man leicht eine Vertiefung, einen Stein oder einen quer liegenden Stock übersehen konnte. Denn Manfred hatte sich zum Freizeitausgleich auf Risikosportarten wie das Mountainbike fahren versteift. Für solche Aktionen war er mit seinen 46 Jahren eigentlich zu alt, fand Leonie, aber DAS durfte man ihm keinesfalls sagen.

Auch an ihm war das Alter nicht spurlos vorbeigegangen. Sein blondes Haar war von silbernen Strähnen durchzogen und seine ehemals kräftige Statur hatte sich deutlich in die Breite verlagert, auch ein höflicher Beobachter musste ihn nun als dick bezeichnen. Aber das war der Lauf der Zeit, oder? Sie selbst sah auch nicht mehr aus wie ein junges Mädchen. Ich denke aber trotzdem sehr positiv über meine, noch passable Figur, schickte sie schnell einen Gedanken in Richtung dieses Esoterikbuchs – für alle Fälle.

Eine unterkühlte Stimme drängte sich in die Flut ihrer Gedanken. „Frau Arnold, sind sie noch am Apparat?“

Das Krankenhaus.

„Ja, ich bin noch dran“, Leonie wappnete sich für das Schlimmste. Hoffentlich hatte Manfred kein Schädel-Hirn-Trauma, sondern nur eine harmlose Prellung oder ähnliches.

„Sind Sie eine Angehörige von Angela Rieth?“

Angie? Es betraf nicht Manfred oder Jessie! Die Welle der Erleichterung, dass es nur Angie war, die im Krankenhaus lag, wurde sofort von ihrem schlechten Gewissen verdrängt. Sie war vielleicht eine Freundin! Niemanden wünschte man einen Unfall.

„Frau Arnold?“, die kühle Stimme bekam langsam eine eisige Färbung.

Leonie riss sich zusammen.

„Nein, ich bin keine Verwandte, ich bin ihre beste Freundin“, antwortete sie.

„Gibt es Angehörige?“

„Soviel ich weiß, nein.“

„Hatte meine Freundin einen Autounfall?“, fragte Leonie besorgt. „Nein, Frau Rieth wurde von der Putzfrau bewusstlos in ihrem Büro aufgefunden. Sie ist nun wieder bei Bewusstsein. Wir konnten leider die Ursache noch nicht feststellen und würden sie gerne zur Beobachtung eine Nacht dabehalten, um sicherzustellen, dass ihr Zustand stabil bleibt. Könnten Sie Waschutensilien, Handtuch und ein Nachthemd vorbeibringen?“

Leonie war erleichtert, dass Angela sich in keinem lebensbedrohlichen Zustand befand und stimmte sofort zu. Bestimmt hatte ihre Freundin wieder zu viel gearbeitet, und hatte deshalb einen Schwächeanfall erlitten. Sie ließ sich von ihrem Chef gnadenlos ausnutzen. Leonie legte Manfred eine Notiz auf den Schreibtisch, schlüpfte in ihre Jeansjacke und fuhr zu Angelas Häuschen. Es war nur eine Straße entfernt.

Leonie holte den Schlüssel aus dem Versteck im Blumenkasten und ging hinein. Das kleine Häuschen, welches Angela gemietet hatte, war schon alt. Es hatte kleine Fenster und war renovierungsbedürftig, aber es stand allein in einem winzigen Garten ohne direkte Nachbarn. Angie liebte es. Ihr wäre es zu alt, überlegte Leonie, während sie die wichtigsten Utensilien für den Krankenhausaufenthalt zusammensuchte, sie und Manfred hatten mit Hilfe von Leonies Vater ein schönes Reiheneckhaus gekauft. Angela hatte nicht genügend Geld für einen Hauskauf.

Leonie hatte ihre Freundin vor ungefähr zwanzig Jahren in Böblingen kennengelernt. Angela war auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch für ihre neue Arbeitsstelle gewesen und hatte sich in der ihr fremden Kreisstadt heillos verirrt. Angie wirkte immer etwas hilflos, kein Wunder, nach dem was sie alles durchgemacht hatte. Obwohl von Natur aus zurückhaltend, hatte sie Leonie sehr schnell ihre Lebensgeschichte erzählt.

Morgäne

Clever, wie ihr seid, habt ihr euch sicher schon gefragt, worin der Zusammenhang zwischen dem freien Willen, Camus und Angela besteht.

Nun, wie die meisten Menschen denkt auch Leonie sie habe einen freien Willen. Doch der Einfluss der Eltern ist groß und unbewusst handelt man vielfach aus Impulsen heraus, deren Ursprung in der Kindheit liegen. Ebenso wie Camus ist auch Angela durch den Tod ihres Vaters geprägt: Das, meine Lieben, ist der Zusammenhang.

Angelas Geschichte

Nur meine ganz frühen Kindheitserinnerungen waren voller Lachen, erzählte Angela Leonie.

Meine stärkste Erinnerung an diese Zeit war ein Ausflug an einen See. Blauschimmernde Libellen flogen über die spiegelnde Oberfläche, mein Vater warf mich in die Luft, wir alberten, plantschen im Wasser und aßen Grillwurst. Aber diese ganz frühe Kindheit war die einzige wunderbare Zeit, an die ich mich erinnern kann.

Das Glück hielt nicht an, es endete in dem Moment, als mein geliebter Papa, eingezogen wurde im zweiten Weltkrieg. Ich vermisste ihn bitterlich. Er war es gewesen, der mir das Gefühl gegeben hatte, dass ich geliebt werde.

Mein Vater hatte sich als Junge an einer Kinderlähmung infiziert. Dadurch hinkte er stark und war lange von der Wehrpflicht verschont geblieben. Knapp vor Kriegsende, wurden alle verbliebenen männlichen Reserven, egal ob noch halbe Kinder oder Teilinvalide eingezogen. Er geriet in russische Gefangenschaft und wurde als vermisst gemeldet. Jeden Abend hatten Mama und ich darum gebetet, dass Papa bald wieder heimkommen würde. Nun verlor meine Mutter alle Hoffnung. Sie trauerte tief. Die Verantwortung lastete schwer auf ihren Schultern. Sie hatte keinen Beruf gelernt und musste uns mühsam ernähren. Durch den Krieg gab es in den Fabriken viele vakante Arbeitsplätze, so war es nicht schwer, eine Arbeit am Fließband in der BMW-Fabrik zu finden. Es war eine eintönige Arbeit, ihr Alltag war grau, beschwerlich und langweilig geworden. Als mein Vater zwei Jahre nach Kriegsende unerwarteterweise wiederauftauchte, schien für mich zuerst die Welt unserer kleinen Familie wieder in Ordnung zu sein.

Aber er war nicht mehr derselbe Mensch. Die grausamen Kriegserlebnisse hatten meinen fröhlichen, lebensbejahenden Vater gezeichnet. Er war hager, ausgezehrt und noch stärker hinkend, mit Augen, die zu viel gesehen hatten.

Er überwand seine Kriegserlebnisse nie, er sprach nicht darüber, aber das Lachen war aus seinem Gesicht verschwunden. Stundenlang saß er am Küchentisch und starrte vor sich hin. Er verfiel in tiefe Depressionen, die sich wie ein grauer Teppich auch über mich und meine Mutter legten. Ich war zwölf Jahre alt, da sprang er von der Isartalbrücke in den Tod. Der Schock lähmte mich. Warum ließ er mich allein? Lag ihm nichts an mir? Auch aus dem Leben meiner Mutter flüchtete die Freude endgültig.

Eine dicke Eisschicht umhüllte das Herz von Mutter und Tochter und trennte die Beiden. Nur so konnten sie den Schmerz ertragen. Mehrmals zogen sie in diesen Jahren um, bis sie in Berg am Laim landeten, einem lauten, hässlichen Stadtteil Münchens mit einem fragwürdigen sozialen Milieu. Angelas Mutter begann zu trinken, erst abends eine Flasche Bier, dann steigerte es sich rasch, bis sie morgens bereits betrunken zur Arbeit erschien. Sie wurde gefeuert und musste sich und Angela mit Sozialhilfe durchbringen. Einens Tages torkelte sie betrunken vor den Kühler eines Lastwagens. Sie war sofort tot.

20 Jahre jung, war Angela Rieth Vollwaise und vollkommen allein.

Die Polizei erschien an Angelas damaliger Arbeitsstelle und unterrichtete sie vom Tod ihrer Mutter. Angela sah die beiden Polizisten fassungslos an. Ihre Mutter tot? Das konnte, das durfte nicht sein! Was hatte sie getan, dass sie erst ihren Papa, dann ihre Mutter verlieren musste? Sie begriff es nicht, nicht die Worte des Polizisten, nicht die Tatsache, dass sie nun munterseelenallein in dieser großen Stadt war. Der Eispanzer um ihr Herz verdichtete sich weiter. Die Beerdigung, es war ein kläglicher kleiner Haufen, der ihrer Mutter die letzte Ehre erwies, organisierte eine Nachbarin. Angela war dazu nicht in der Lage, sie gehorchte wie eine Puppe. Sie tat alles, was man ihr sagte, stand still und in sich gekehrt am Grab ihrer Mutter und bedankte sich höflich für die Kondolenzbezeugungen der wenigen Trauergäste.

Danach saß sie tagelang auf dem durchgesessenen, alten Sofa und starrte die hässlichen, orangefarbenen Blüten auf der fleckigen Tapete an. In ihrem Kopf herrschte vollkommene Leere. Sie wusch sich tagelang nicht, aß kaum etwas und sie rief auch nicht bei ihrem Arbeitgeber an, um sich krank zu melden. Nichts konnte durch die eisige Isolierschicht ihres Herzens dringen.

Sie betrachte apathisch die scheußliche Wohnzimmerwand, bis sich in ihrem Kopf eine vage Idee bildete, die sich nach einiger Zeit zu einem klaren Gedanken verfestigte: ich MUSS RAUS HIER, raus aus dieser Wohnung, raus aus dieser Stadt.

Nach fast vier Wochen duschte sie sich endlich, trank einen Kaffee und ging an einen Kiosk, um mehrere Zeitungen zu kaufen. Sie strich Stellenangebote für Sekretärinnen in ganz Süddeutschland an und schrieb zahlreiche Bewerbungsschreiben. Nicht lange danach war sie auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch in Böblingen. Auf der Fahrt zu ihrem neuen Arbeitgeber verirrte sie sich in der Kreisstadt.

Das war nicht anders zu erwarten gewesen. Auch wenn sie in dem großen München gewohnt hatte, war sie nie aus ihrem Stadtteil mit den vertrauten Straßen herausgekommen. Nun stieg sie aus dem Auto und versuchte sich mit Hilfe der Straßenkarte zu orientieren. Auch das war ein zweckloses Unterfangen. Straßenkarten halfen ihr grundsätzlich nie, ihre miserable Orientierung zu verbessern. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand und in zehn Minuten hätte sie bei ihrem potentiellen, neuen Arbeitgeber sein sollen. Ein bekanntes Gefühl der Hilflosigkeit überkam sie. Da hörte sie eine freundliche Stimme neben sich. “Kann ich Ihnen helfen?” fragte diese ruhig.

Das war der Beginn ihrer Freundschaft, erinnerte sich Leonie, während sie zum Krankenhaus fuhr, um nach ihrer chaotischen Freundin zu sehen. Und seit damals empfand sie ihr gegenüber einen starken Beschützerinstinkt.

2

Morgäne

Können Geistwesen unseren freien Willen beeinflussen? Ist es möglich, dass Geister einen Menschenkörper besetzen und uns dadurch kontrollieren können?

Klar! Genau das ist Angela passiert.

Auch etwas, dass ihr in der Regel nicht wahrnehmen könnt. Mehr sage ich nicht, sonst geht die Spannung der Geschichte flöten.

Im Leben

Die Sonne, ein rot gefärbter Ball zauberte ein zartes Rosa auf den Himmel hinter den bewaldeten Hügeln. Saftig grüne Wiesen malten zusammen mit gelben Rapsfeldern und hellgrünen Weizenäckern ein buntes Schachbrettmuster in die Landschaft. Einzelne Gruppen von Ahornsträuchern, Eichen und Birken ragten wie Spielfiguren daraus empor.

Aber Leonie hatte keinen Blick für das prächtige Farbenspiel, das die Natur um sie herum entfaltete. Sie fuhr so schnell, wie es ihr kleines Auto zuließ auf der zweispurigen Umgehungsstraße Richtung Krankenhaus. Als der Parkplatz des Krankenhauses in Sicht kam, bog sie zügig hinein und zwängte ihr Auto in eine kleine Parklücke. An der Information fragte sie nach ihrer Freundin.

Sie lag noch auf der Ambulanz.

Durch ein Gewirr halb erleuchteter Gänge, die scheußlich nach Desinfektion rochen, fragte Leonie sich bis zur Ambulanz durch. Als sie klopfte und vorsichtig hineinspähte, fiel ihr Blick sofort auf Angela, die in einem Krankenbett lag. Sie trug einen weißen Kittel, ihr Gesicht so bleich, dass es sich maskenhaft von ihrem schwarzen Haar abhob. Seltsam ordentlich lagen ihre Arme rechts und links neben dem Körper auf der Bettdecke und am rechten Handrücken hatte sie eine Kanüle, durch die eine Infusion lief. Angelas Augen waren geschlossen, aber sie atmete ruhig und gleichmäßig. Es waren keine Anzeichen einer Krise zu entdecken, sie schien den Schwächeanfall gut überstanden zu haben.

Gott sei Dank, dachte Leonie erleichtert und betrachtete einen Moment lang das vertraute Gesicht, dass auch mit vierzig Jahren noch hübsch war. Die alabasterfarbene Haut war glatt, nur um die Augen zog sich ein feines Spinnennetz von Fältchen. Die dunklen Locken lagen wirr verstreut auf dem Kopfkissen.

„Angie“, Leonie flüsterte unwillkürlich.

Langsam öffnete Angela die Augen und starrte sie so verwirrt an, als hätte sie sie noch nie gesehen. „Leonie, bist du das?“

„Nein, Angie, hier ist ein Geist“, versuchte Leonie zu scherzen, doch statt ihrer Freundin damit ein Lächeln abzuringen, wurde Angela noch bleicher und sah sie völlig verschreckt an. „Meinst du auch, es war ein Geist?“ flüsterte sie und sah Leonie mit großen, verstörten Augen an.

„Von was redest du?“, fragte Leonie und setzte sich neben ihr Bett. Angela antwortete nicht. Nach einer Weile fragte sie leise „Glaubst du an Geister?“ und warf einen vorsichtigen Blick auf einen Mann, der auf einer Liege des Notarztwagens lag und augenscheinlich dort wartete, um weiter versorgt zu werden. Der hatte sich zur Wand gedreht, man sah weiter nichts, als einen schwarzen, widerspenstigen Haarschopf.

„Geister? Vampire oder so was in die Richtung? Nein, daran glaube ich nicht, ich wollte nur einen Scherz machen“, antwortete Leonie.

„Keine Vampire!“, Angie schrie fast, dämpfte aber gleich ihre Stimme, als der Fremde auf der Liege sich abrupt umwandte. Er betrachtete Angie mit einem, plötzlich aufglimmenden Funke an Interesse in den kühlen, blauen Augen. Leonie fand es ziemlich unverschämt, dass der Fremde Angela so anstarrte, ihre Gespräche gingen ihn nun wirklich nichts an. Sie sah ihn herausfordernd an. Seine und ihre Blicke verhakten sich für einen kurzen Moment, dann drehte sich der Fremde betont gleichgültig zur Wand.

Leonie wandte sich wieder ihrer Freundin zu. „Von was hast du gesprochen?“

„Glaubst du daran, dass ein Geist dich besetzen und von deinem Körper Besitz ergreifen kann?“ flüsterte Angela so leise, dass Leonie sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen.

„Du redest Unsinn, meine Liebe. Und du liest zu viel von diesem esoterischen Blödsinn“, antwortete Leonie liebevoll, aber resolut. (Man denke nur an dieses albere Buch, dass sie gerade gelesen hatte über negative Gedankenschwingungen)

„Aber im Büro hatte ich dieses Gefühl, als besetze jemand meinen Körper und dann bin ich ohnmächtig geworden“, verteidigte sich Angela.

Leonie sah sie stirnrunzelnd an. „Weißt du was ich glaube? Ich glaube, dass du zu viel arbeitest“, beantworte sie gleich selbst ihre Frage. „Dein Chef fährt alle paar Wochen zum Golfen oder Segeln oder wohin auch immer und die ganze Arbeit bleibt an dir hängen. Du bist überarbeitet, das ist es, was ich glaube“

„Vermutlich hast du recht“, flüsterte Angela und schloss die Augen. Sie war zu müde, um zu diskutieren, aber sie glaubte nicht, dass Überarbeitung der Grund für ihren Ohnmachtsanfall gewesen war.

Leonie hielt ihr ständig vor, sie ließe sich von ihrem Chef ausnutzen. Aber Angela arbeitete nun schon über zwanzig Jahre als Sekretärin in diesem Büro und sie war noch nie ohnmächtig geworden. Obwohl sie so mache Nacht durchgearbeitet hatte. Überarbeitung konnte es nicht sein, auch wenn Leonie davon fest überzeugt war.

Sie konnte es nicht näher erklären, aber bevor sie das Bewusstsein verloren hatte, war ETWAS in ihren Körper eingedrungen, das konnte sie ganz klar fühlen. Eine Art Schatten, der sie durchflutete, das Herz, die Leber, jede Zelle überlagerte. Dieses „Ding“ war wie ein klebriger, dunkelroter Nebel gewesen. Ein Schatten, der sich in ihren Körper zwängte, als wäre dieser ein dehnbarer Schlafsack, den sie eng zusammengequetscht nun gemeinsam benutzen mussten. Aber wie sollte sie dies ihrer Freundin erklären?

Die Putzfrau fand sie bewusstlos auf dem Boden liegend, hatte der junge Arzt nur erklärt, bevor er sie zum Röntgen schickte. Dort konnte man nichts Krankhaftes feststellen. Logischerweise auch nichts Übernatürliches, dass sich in ihren Körper breitmachte. Etwas hilflos, weil er nichts fand, hatte der junge, überarbeitete Arzt nur mit den Schultern gezuckt und ihr mitgeteilt, er würde sie gerne eine Nacht zur Beobachtung dabehalten und war davongeeilt. Die Schwester hatte sie wieder in die Ambulanz geschoben, wo inzwischen ein zweiter Patient, dieser Fremde eingeliefert worden war.

Und hier lag sie nun.

Angela sah, wie Leonie sie besorgt musterte. „Geht es dir auch wirklich gut?“, fragte Leonie.

Angela nickte mit geschlossenen Augen. Was sollte sie auch anderes sagen?

Leonie stand auf. „Ich muss gehen, aber ich komme morgen wieder. Soll ich dir etwas mitbringen?“

Sie schüttelte nur den Kopf, dunkle Ringe unter den Augen ließen ihr Gesicht geisterhaft weiß erscheinen und sie öffnete die Augen auch nicht, als Leonie leise ging.

Am nächsten Morgen schaute Angela betrübt auf ihren Frühstücksteller.

Neben einer Tasse schwarzem, dünnem, ungesüßtem Tee stand ein Teller mit einer halben Scheibe Vollkornbrot. Darauf lag ein winziges Häufchen Hüttenkäse und eine schmale Scheibe von einer Tomate auf einem Salatblatt. Keine Butter, kein Käse, keine Wurst, nicht einmal etwas Marmelade. Ein kümmerliches Arrangement, bei dem sich Hüttenkäse und Tomate sehr verloren vorkommen müssen.

Daran hatte sie leider selbst die Schuld. Gestern Abend hatte eine Krankenschwester mit einem Blick auf ihre Figur gefragt, ob sie Diätkost wolle. Angela hatte nicht zu widersprechen gewagt.

Zum Frühstück liebte sie frisch duftende Semmeln, dick mit cremiger Butter bestrichen, die gab es nun natürlich nicht. Nur Hüttenkäse. Sie hasste Hüttenkäse. Sie hätte gestern Abend sich doch überwinden und einfach auf Vollkost bestehen sollen, überlegte Angela, denn wenn man schon krank in einer Klinik lag, sollte man doch wenigstens etwas Stärkendes zum Essen bekommen, damit man schnell wieder auf die Beine kam. Und erst recht, wenn man noch immer in dieser ungemütlichen Ambulanz lag, anstatt in einem eigenen Zimmer des Krankenhauses.

Dieser Raum der Ambulanz, in dem sie die Nacht verbracht hatte, war groß, ein längliches, in einfachem Weiß gehaltenes Zimmer. Im vorderen Teil war die rechte Seite völlig bedeckt von Schränken mit Schubladen, jede fein säuberlich beschriftet mit Verbandsmaterial, Wundbesteck, Medikamente, oder ähnlichen Aufschriften. An der linken Wand standen ein weißer Schreibtisch mit einem Schreibtischsessel und davor eine Untersuchungsliege. Noch steriler ging es nun wirklich nicht mehr, was jedoch durchaus im Sinne eines Krankenhauses war.

Der hintere Teil war mit einem Vorhang abgeteilt und bestand aus zwei Kabinen. In der kleineren befand sich ein Spiegel über einem Waschbecken. In der größeren Kabine lag sie.

Leider nicht mehr allein seit heute Morgen.

Der Fremde, der gleichzeitig mit ihr gestern Abend in die Ambulanz eingeliefert worden war, lag wieder im selben Raum. Die Krankenschwester war heute Morgen in ihre Kabine gekommen und hatte sichtlich verlegen gefragt, ob sie das Bett eines Mannes in ihre Kabine schieben dürfe. Sie hatte sich mehrmals entschuldigt, aber im Moment seien alle Stationen überbelegt und dieser Mann hätte die Nacht auf dem Flur verbringen müssen. Es sind mehrere Notfälle gemeldet und wir brauchen den Platz, hatte sie erklärt. Er würde sicherlich bald entlassen werden, genauso wie sie selbst, hatte sie hinzugefügt. Diese kurze Zeit wäre das doch kein Problem, hatte sie gefragt und sie bittend angesehen.

Das war ein sehr großes Problem für sie, aber Angela hatte trotzdem eingewilligt. Natürlich. Sie konnte einfach nicht nein sagen. So lag der Mann nun wieder neben ihr, dieser kühle Fremde, der ihr schon gestern ein wohlbekanntes Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit vermittelt hatte, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Und der Gipfel war: Er hatte ein phantastisches Frühstückstablett. Mit zwei frischen Brötchen, Butter, Marmelade, einer Scheibe Käse und einem weichgekochten Ei. Das war einfach ungerecht! Angela kaute lustlos auf ihrem halben Vollkornbrot herum und warf einen begehrlichen Blick auf den Teller ihres Nachbarn. Er hatte gerade mal ein Brötchen und das Ei gegessen. Was für eine Verschwendung. Er hätte die Hüttenkäsevariation bekommen sollen. Das Brötchen duftete einfach himmlisch, bei seinem Anblick knurrte ihr Magen, der über das Diätfrühstück auch nicht erfreut gewesen war.

“Wollen Sie das zweite Brötchen haben, ich esse es nicht mehr”, seine Stimme mit einem leichten Akzent schreckte sie auf.

Angela riss entsetzt die Augen auf, während er sie mit einem leichten, amüsierten Hochziehen seiner Augenbraue musterte. Sie wurde über und über rot. Meine Güte, war das peinlich, er hatte ihre begehrliche Blicke bemerkt, dachte sie.

“ Nein, keinesfalls…, ich dachte nur…, ich meine…” Angela verhedderte sich rettungslos bei dem Versuch, eine Erklärung zu finden, aber er hatte schon das Interesse an ihr bereits wieder verloren und kramte in seiner Tasche, die auf seinem Bett lag.

Oh, Gott, dachte Angela, hoffentlich darf ich bald wieder nach Hause und aß hastig ihr karges Frühstück auf.

3

Morgäne

Sind wir Gefangene unserer Kindheit?

Abhängigkeiten beginnen bereits ab dem ersten Tag in unserem Leben, ja sogar schon im Mutterleib, denn die Eltern sind die ersten Bezugspersonen, an denen sich das Kind orientiert. Von ihnen lernt es Verhaltensweisen, um zu überleben. Die Familie steht im Kern des Daseins und ruft starke Gefühle hervor, die vernichtend sein können.

Maria - zwischen den Welten

Maria war verwirrt.

Sie wusste nicht, wer sie und wo sie war.

Der Raum spannte sich in einer riesigen, dreidimensionalen

Krümmung, diese Welt war ihr fremd geworden.

Unverständliche Bilder wirbelten durcheinander, von feschen, schwarzgelockten Burschen in Lodenjacken und mit rotweißen Strümpfen an den strammen Waden.

In ihren funkelnden Augen fing sich das Bild der Tänzerinnen, diese Welt war ihr fremd geworden.

Mädchen, die sich vor dem Walzer heimlich in die Pausbacken gekniffen hatten, um einen rosigen Teint zu bekommen, warfen Blicke unter züchtig gesenkten Wimpern. Die Burschen wirbelten sie klatschend und stampfend im Kreis, bis die Dirndlröcke hochschwangen und die Mädchen juchzten an reinem Spaß an der Freud.

Diese Welt war ihr fremd geworden.

Die Bilder vermischte sich mit Impressionen vom bitter schmeckenden Brot der Armut, durchdrängt vom allgegenwärtigen Geruch von Kohlsuppe und

Schweiß.

Auch diese Welt war ihr fremd geworden.

Nur ein Bild war ihr vertraut.

Das Bild einer glücklichen Familie am See, umtanzt von blauen Libellen und in der Mitte ein kleines

Mädchen, das lachend in eine Grillwurst biss.

Ein Mädchen mit blauen Augen, schwarzen Locken und einem

Alabasterteint und sie war es, die ihr seltsam vertraut erschien, sie zog Maria an einer silbernen Schnur quer durch die Zeit

magisch an.

Morgäne

Familie ist die Bühne, auf der wir mit den großen Lebensthemen konfrontiert werden, denn das Verhalten der Eltern ihm gegenüber prägt das Kleinkind. Sind sie liebevoll und zugewandt, wirkt sich das positiv aus, sein Selbstwertgefühl wird gestärkt. Wenn aber durch die Eltern eine angsteinflößende Konditionierung entsteht, ist das schwer aufzubrechen. Spätfolgen können psychische Erkrankungen oder Traumen sein.

Eure Entwicklungspsychologen haben das bereits lang und breit erforscht. Ich erwähne es deshalb, weil Maria eines dieser Kinder gewesen war, die unter eben diesen Folgen einer angsteinflößenden Konditionierung fast zerbrochen wäre.

Marias Geschichte

Anton, Marias Vater, war der Sohn eines armen Taglöhners aus dem Bayrischen Alpenvorland.

„Anton, du bist nun mit deinen 14 Jahren alt genug, dein tägliches Brot zu verdienen. Ich muss noch acht weitere, hungrige Mäuler stopfen. Deshalb habe ich mit dem Wiesmüller Großbauern verhandelt. Er dingt dich als Knecht“, sagte sein Vater eines Tages zu ihm.

Anton nickte ergeben. Er wusste, dass er keine Wahl hatte. Am nächsten Morgen, seine Mutter steckte ihm für den Tagesmarsch noch Äpfel und ein Brot zu, machte er sich auf den Weg.

Die Arbeit war noch härter, als er es sich vorgestellt hatte.

Um fünf Uhr in der Früh ging er ins Feld, eine Blechbüchse mit der Jause in der Hand und kehrte erst spät abends wieder zurück. Tag um Tag schuftete er, pflügte, säte und erntete die Feldfrüchte. Die Erntezeit war besonders arbeitsreich, auch danach war ihm nur eine kurze Ruhephase vergönnt, in der es viel zu reparieren gab.

Im Frühjahr begann der Kreislauf auf ein Neues.

Aber er beklagte sich nicht, bekam er ja außer den Mahlzeiten einen kärglichen Lohn, den er zurücklegen konnte. Er sparte jeden Pfennig, trug seine Kleidung, bis sie so fadenscheinig war, dass die Bäuerin aus Gutmütigkeit ihm ein abgelegtes Kleidungsstück des Bauern gab. Er ging nie auf den Tanz oder zu der Kirmes, wie die anderen Knechte und genehmigte sich auch keine einziges Maß Bier beim Rösslewirt. Nur einen einzigen Genuss gönnte er sich: Hin und wieder Tabak für die Pfeife.

Mit Ende Dreißig hatte er so viel gespart, dass er sich vom Baron, dem Besitzer des meisten Landes in dieser Gegend, einen kleinen Hof mit etwas Ackerland pachten konnte. Auch für eine Kuh langte sein Geld noch. Er verabschiedete sich vom Wiesmüller Großbauern und begann seinen eigenen, kleinen Hof zu bewirtschaften. Was ihm noch fehlte, war eine Frau, die mit Anpacken und die Hauswirtschaft führen konnte.

So bürstete er seinen Anzug und ging zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Tanz. Anton, dem nichts an dem bunten Treiben der Anderen lag, sah die Resch, Magdalena in der Ecke sitzen und beschloss, sie wäre die Richtige, um seine Hauswirtschaft zu führen. Es gab viele hübsche Mädchen beim Tanz, doch er wählte Magdalena. Sie hatte zwar ein rechtes Pferdegebiss und war vorne platt wie ein Bügelbrett, war aber kräftig und sah so aus, als könnte sie tüchtig zupacken und ihm auch gesunde Buben gebären, die ihm bei der Arbeit helfen konnten.

Magdalena war trotz ihres robusten Aussehens ein scheues Menschenkind.

Bei den wenigen Malen, an denen sie zum Dorffest gegangen war, saß sie die meiste Zeit still in der Ecke und sah von dort dem Treiben auf der Tanzfläche zu. Magdalena wurde niemals zum Tanz aufgefordert. Sie hatte sich schon damit abgefunden, eine alte Jungfer zu werden, denn es gab auch keine Mitgift, die sie hätte attraktiver machen können.

So saß sie auch dieses Mal still auf der Bank und sah den Mädchen in ihren hübschen Dirndln zu. Sie schwenkten ihre Röcke, bis beim Tanz die Waden blitzten und warfen den feschen Bauernburschen unter züchtig gesenkten Wimpern lockende Blicke zu. Diese ließen sich nicht lange bitten, strafften die Schultern und stampften im Takt der Musik mit den Füssen, wirbelten die Dirndl im Kreis, bis ihre Augen blitzten aus Spaß an der Freud.

Anton ging zu Magdalena hinüber und setzte sich neben sie. Schüchtern senkte sie den Kopf und verschränkte die Hände in ihrem Schoß. Sie hatte gehörigen Respekt vor dem wortkargen Anton mit seinem kantigen Gesicht und den harten, wässrig blauen Augen. Er fackelte nicht lange und sagte ihr, er brauche eine Frau.

Magdalena, die nicht mehr gewagt hatte, auf eine Heirat zu hoffen, nickte nur stumm. Anderentags ging Anton zu ihren Eltern und bat sie um die Hand ihrer Tochter. Die Eltern stimmten seiner Brautwerbung erfreut zu. Anton drängte auf Eile und so gab es eine stille Vermählung, an der nur der engste Familienkreis teilnahm.

Nach der Trauung in der Kirche umarmte Magdalena ihre Eltern zum Abschied und hatte große Mühe ihre Tränen zurückzuhalten. Ihr Herz flatterte aus Angst vor der Zukunft mit diesem fremden Mann.

„Es wird schon werden, Lennerl“, hatte ihr Vater ihr beim Abschied zugeflüstert, als er ihr blasses Gesicht bemerkt hatte. Ihre Mutter, froh, dass ihre Tochter doch noch einen Mann abbekommen hatte, nickte ihr nur kurz zu. Magdalena legte den Korb mit der bescheidenen Aussteuer in die Pferdekutsche und fuhr mit bangem Herzen in ihr neues Heim.

Ihr Vater hatte falsch prophezeit, es wurde nicht gut.

Das Haus war nicht mehr als eine armselige Holzhütte. Es bestand aus einem einzigen Raum mit einem gusseisernen Holzofenherd, einem Tisch mit zwei Stühlen und einem alten Eisenbett in der Ecke. Auf dem Regal stand ein Krug und eine Schüssel zum Waschen.

„Da kannst dich g’schwind frisch machen, bevor wir uns niederlegen zur Nacht“, meinte der Anton und zeigte auf die Waschschüssel.

Magdalena nickte, stand aber nur scheu an der Tür. Der Tag war lang, ungewohnt und anstrengend gewesen. Ihre innere Anspannung machte sich bemerkbar, sie fing an zu zittern und getraute sich nicht, sich in seiner Gegenwart zu entkleiden. Niemand, nicht einmal ihr Vater hatte sie bisher in ihrer Unterwäsche gesehen.

Linkisch zog sie nach einer langen Weile aus ihrem Aussteuerkorb das gute Nachthemd aus Flanell heraus und stülpte es sich über das schlichte Brautgewand. Es war weit genug, dass sie das Kleid darunter ausziehen konnte. Aber das war nicht so einfach. Die vielen Häkchen und Knöpfe des Brautkleides unter dem bauschigen Flanellstoff zu lösen, erwies sich für ihre zittrigen Finger als schwierige Aufgabe.

Anton, der keinen Sinn für solch ein „Getue“ hatte, sah ihr einige Zeit mit einem Stirnrunzeln zu, dann verlor er die Geduld und fuhr sie an: „Sakra, Weib, hör auf mit diesem Zirkus und geh zu Bett, ich habe hart.“

Magdalena erbebte innerlich, doch sie wagte nicht, sich ihm zu widersetzen. Noch vollkommen angekleidet, das Brautkleid aufgeknöpft unter dem Nachthemd, schlich sie zum Bett und schlüpfte unter die Decke.

Anton entkleidete sich, legte sich neben sie, schob mit einem Fluch den voluminösen Wust an Stoff nach oben, zerrte ihre Unterhose herunter und drang ohne ein weiteres Wort in sie ein.

Sie schrie auf, als sein Glied grob in ihren jungfräulichen Unterleib stieß und Wellen von stechendem Schmerz ihren Körper überfluteten. Er stieß noch einige Male zu und ergoss sich in ihr, dann zog er sein Glied heraus, drehte sich zur Seite und schlief ein.

Magdalena lag starr an seiner Seite, lautlos liefen ihr die Tränen aus den weit geöffneten Augen, sie spürte noch immer den Schmerz in ihrem Unterleib, der nicht abklingen wollte.

Auch wenn ihr Herz von bangem Vorahnen erfüllt gewesen war, so schlimm hatte sie es sich nicht vorgestellt. Es dauerte sehr lange, bis sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf versank.

Aus diesem ersten Beischlaf entstand Maria, Angelas Großmutter.

Anton war über die prompte Schwangerschaft seiner Frau erfreut. Als sie jedoch mit einem Mädchen niederkam, verflog seine Freude. Er brauchte kräftige Buben, die ihm bei seiner Arbeit zu Hand gehen konnten. Für ihren Vater war und blieb die kleine Maria nur eine weitere überflüssige Person, die ernährt werden musste.

Für Magdalena war dieses winzige, rosige Wesen ein Wunder. Nun gab es ein Menschlein, dem sie ihre Liebe schenken konnte. Wann, immer ihr die Zeit blieb - und das war nicht viel - herzte sie ihre kleine Tochter. Anton Lechner war erst zufrieden mit seiner Frau, als sie ihm im Laufe ihrer Ehe zwei Söhne schenkte. Doch das harte Leben auf dem kleinen Hof raubte Magdalena alle Kraft, sie starb im Kindbett bei der Geburt des vierten Kindes - ein Mädchen.

Maria, inzwischen dreizehn Jahre alt, vermisste ihre Mutter aufs Schmerzlichste.

Sie sah ihr nicht ähnlich. Sie hatte ein schön geschnittenes Gesicht mit großen, blauen Augen, dunklen Locken und einem blassen Teint, war feingliedrig und für ihr Alter schon recht groß. Im Wesen glich sie ihrer Mutter allerdings sehr, sie war genauso scheu und zurückhaltend wie sie. Mit ihren dreizehn Jahren zeigte sie schon erste Anzeichen von Weiblichkeit, ihre Hüften fingen an sich zu runden, die Brüste hoben in leichten Wölbungen das Mieder ihres Kleides. Innerlich war sie allerdings noch immer sehr kindlich.

Für ihren Vater war sie, wie jedes Mädchen, nur eine Last, sie mussten ernährt und später unter die Haube gebracht werden. Umso schlimmer traf der Verlust ihrer Mutter die kleine Maria. Ihr Vater ließ sie stets spüren, wie unwillkommen sie unter seinem Dach war. Doch nun fand Anton, war sie wenigstens mal von Nutzen: Nach dem Tod seiner Frau konnte sie die Weiberarbeit im Haus übernehmen und das Baby versorgen, ein weiteres überflüssiges Maul, dass er zu stopfen hatte.

So fiel ihr die Aufgabe zu, die Hauswirtschaft zu führen. Maria fügte sich widerspruchslos in ihre Aufgabe, sie hatte, genauso wie ihre Mutter Angst vor diesem harten Mann und tat alles, um den Unwillen ihres Vaters nicht zu erregen.

Sie stand morgens um vier Uhr auf, melkte die Kuh, fütterte die Hühner, sammelte Eier ein und holte Holz, um den Holzofenherd anzufeuern. Pünktlich um fünf Uhr musste der Kaffee für den Vater und die Buben bereitstehen. Dann fütterte sie das Baby, wickelte es, band es mit einem Tuch auf den Rücken und machte sich auf den Weg zur zwei Kilometer entfernten Schule. Sie legte das Baby stets sorgsam in eine Kiste neben ihrem Schulpult ab. Im Unterricht fielen ihr meist die Augen zu, doch der Lehrer, der Mitleid mit dem Mädchen hatte, tat so, als sähe er es nicht.

Mittags eilte sie den langen Weg so schnell wie möglich zurück nach Hause, denn dort wartete schon Arbeit auf sie. Das Mittagsmahl musste bereitet werden. Sie band das Kind auf einem Stuhl fest, damit es sich nicht verletzen konnte. Dann holte sie Gemüse, das sie hinterm Haus angepflanzt hatte. Sie feuerte den Herd an, schälte flugs die Kartoffeln und putzte das Gemüse. Um die schweren Eisentöpfe auf dem Herd hin und her schieben zu können, musste sie sich einen Schemel an den Herd schieben.

Am Sonntag gab es manchmal Fleisch, ein großes Stück für den Vater, kleinere Stücke für die beiden Buben. Fleisch benötigt man nur, wenn man schwer arbeitet, meinte der Vater, deshalb fiel für Maria selten etwas ab. Ohnehin war Fleisch nur auf dem Tisch, wenn frisch geschlachtet worden war. Jeden Nachmittag, nach dem Mahl fütterte sie die Kleine, wickelte sie und legte sie schlafen. Die schweren Eisentöpfe mussten geschrubbt werden, im Garten gehakt, die Kuh und die Hühner versorgt und das Haus geputzt werden.

Es war eine zu schwere Arbeit für ein Kind, aber Maria ertrug alles klaglos. Nur manchmal, wenn die Brüder Schabernack mit ihr trieben, ihren Schulkanister versteckten oder sie an den Zöpfen zogen, schlug sie ihre Kittelschürze über den Kopf und schluchzte auf. Doch das trieb die Buben nur zu weiteren Streichen an.

Maria wäre schon für ein einziges Wort der Anerkennung ihres Vaters dankbar gewesen, aber sie hoffte vergebens. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte es ihm nicht recht machen. Im Gegenteil, wenn das Fleisch zu lange gebraten oder die Kartoffeln verkocht waren, holte er seinen Gürtel aus dem Hosenbund und verpasste ihr eine Portion Prügel.

Ihr einziger Trost war die Kleine.

Das Baby war inzwischen zu einem fröhlichen Kleinkind herangewachsen, Maria liebte es von Herzen und schmuste und herzte es, wann immer keiner zuschauen konnte. Die Kleine streckte ihre molligen kleinen Ärmchen nach ihr aus und wollte immer von ihr getragen werden. Sie war auch recht lebhaft geworden und es war schwer für Maria, sie herumzuschleppen, aber sie tat es gerne. Die Kleine wollte auch nicht mehr auf den Stuhl festgebunden werden während Maria kochte. Sie wehrte sich meistens nach Leibeskräften dagegen, doch da blieb sie hart, denn wenn sie die schweren Eisentöpfe auf den Herd stellen musste, konnte sie nicht auch noch das kleine Mädchen auf dem Arm halten.

Eines Tages, als Maria die Kartoffeln aufsetzte, zappelte die Kleine solange auf ihrem Stuhl herum, bis er nach hinten kippte. Das Kind schlug mit dem Kopf in voller Wucht auf die gusseiserne Herdplatte. Sie war sofort tot.

Maria stand unter Schock.

Tagelang lag sie Bett und weinte, bis sie sich innerlich ganz leer und hohl fühlte. Sie ging nicht zu Schule, vernachlässigte den Haushalt und einige Tage lang, nahm der Vater es hin. Aber nach einer Woche hatte er genug, er sprach ein Machtwort und befahl ihr wieder an die Arbeit zu gehen. Maria fügte sich auch diesmal und nahm ohne Murren ihr Tagwerk wieder auf, aber sie war noch stiller und blasser geworden.

Eines Tages kam der Vater früher vom Feld und überraschte Maria, wie sie auf dem Schemel stand und sich über den Herd beugte, um den Topf mit den Kartoffeln nach hinten zu schieben. Ihre weiße Baumwollunterhose blitzte unter dem Röckchen hervor.

Er warf ihr einen eigentümlichen Blick zu, hob sie ohne ein Wort von dem Schemel herunter und legte sie auf den Küchentisch. Maria war wie erstarrt und wehrte sich nicht. Er zog ihr die Unterhose herunter, öffnete seinen Hosenschlitz und tat ihr Gewalt an.

In diesem Moment zerbrach etwas in dem Mädchen, ihre Seele entfloh dem geschundenen Körper und jede kleinste Erinnerung von Freude, Fröhlichkeit und Glück versank eingemauert tief in ihrem Innersten.

Sie wurde schwanger.

Um die Schande zu verbergen, verheiratete ihr Vater sie mit einem einfachen, älteren Knecht, der froh war, noch eine Frau zu bekommen. Maria widersetzte sich nicht, erstarrt im namenlosen Dunkel, ließ sie auch das über sich ergehen. Sie heiratete den alten, abgearbeiteten Mann und gebar eine Tochter, Barbara, Angelas Mutter.

4

Morgäne

Was ist freier Wille?

Umgangssprachlich versteht ihr etwas Anderes unter dem freien Willen als im juristischen oder psychologischen Sprachgebrauch. Auch in der Philosophie wird der Begriff nicht einheitlich definiert. Aber das ist eigentlich wurscht, denn Willensfreiheit empfindet ihr als eure menschliche Fähigkeit, bei verschiedenen Wahlmöglichkeiten eine bewusste Entscheidung treffen zu können.

im Krankenhaus

Angela saß in ihrem Bett im Ambulanzraum des Krankenhauses und warf dem, ihr aufgedrängten Bettnachbarn einen verstohlenen Blick zu.

Wenn sie ganz ehrlich war, dann musste sie zugeben, dass dieser Fremde, so kühl und unfreundlich er auch war, sie faszinierte Er hatte ein schmales Gesicht mit slawischen Wangenknochen, der Akzent hatte eine osteuropäische Klangfarbe, vielleicht Polen, Ukraine oder Tschechien. Sein Körper war schlank, aber durchtrainiert. Ganz genau konnte sie dies nicht beurteilen, da er einen Trainingsanzug trug, aber seine Bewegungen waren geschmeidig und wirkten sportlich. Es war derselbe dunkelblaue Adidas-Jogginganzug, den er gestern Abend getragen hatte. Warum weiß ich das noch, ging es Angela flüchtig durch den Kopf. Dann wurde es ihr klar: Sie war froh, dass er keinen Pyjama trug.

Es war schon unangenehm genug, mit einem wildfremden Mann in derselben Kabine zu liegen. Einen halb angezogenen Mann neben sich, das wäre noch sehr viel peinlicher gewesen. Noch dazu, da sie selbst ein nicht vorzeigbares Outfit hatte, einen Pyjama, aber nicht von der eleganten Sorte, die Frauen in Filmszenen trugen, oh nein. Der Schlafanzug, den Leonie ihr gestern Abend vorbeigebracht hatte, war zwar ihr Lieblingsstück, aber für einen Krankenhausaufenthalt war er unsäglich peinlich: Er war mit rosafarbenen Benjamin Blümchen Elefanten bedruckt. Ein kleines Mädchen konnte damit in einem Krankenhausbett liegen, aber sie war eine erwachsene Frau und schämte sich ordentlich für so einen kindischen Pyjama.

Und nun lag sie mit diesem blamablen Nachtdress auch noch gemeinsam mit dem Fremden in einem Raum. Leonie hatte nach dem ersten Schlafanzug gegriffen, den sie fand, den kuschelig weichen, sehr bequemen, unendlich geliebten und leider unsäglich peinlichen Benjamin-Blümchen Schlafanzug.

Deshalb hatte sie, die Decke bis zum Hals hochgezogen, im Bett ihr kärgliches Hüttenkäse-Frühstück verspeist. Sie hatte sehr schlecht geschlafen und fühlte sich miserabel. Dieser ungemütliche Ambulanzraum, die fremde Umgebung und die Verunsicherung durch ihren seltsamen Ohnmachtsanfall gestern hatten ihr unruhige Träume beschert.

Vorher hatte er ihre begehrlichen Blicke auf seine Semmeln bemerkt und hielt sie sicher für verfressen. Das war blamabel gewesen und steigerte nicht gerade ihr Wohlbehagen. Nun musste nicht unbedingt noch eine weitere Blamage folgen, wenn er sie als rosa Elefant verpackt, erblickte.

Nein, das musste wirklich nicht sein, aber irgendwann musste sie ja das Bett verlassen, um sich zu waschen. Wie nur sollte sie das bewerkstelligen? Vielleicht, wenn sie im Bett einen Pullover über das Schlafanzugoberteil zog, die restliche Kleidung und den Waschbeutel schnappte und dann schnell in diese provisorische Waschecke in der Kabine nebenan lief und sich dort anzog? Aber eine richtig gute Lösung schien ihr das nicht zu sein.

Angie saß noch immer unschlüssig im Bett, als glücklicherweise ihr Bettnachbar das Problem für sie löste. Er zog aus seiner, neben dem Bett stehenden Reisetasche, eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug hervor.

“Ich mache mich auf die Suche nach einem Ort, an dem ich rauchen kann”, sagte er zu ihr gewandt und verschwand hinter dem Vorhang zum Ausgang des Ambulanzraumes.

Angela seufzte erleichtert auf. Schnell schlug sie die Bettdecke zurück, schwang die Beine aus dem Bett und wollte gerade, mit dem Waschbeutel und ihrer Tageskleidung unterm Arm aufstehen, da war er schon wieder da.

Sie sah ihn verblüfft an. „Sie rauchen aber schnell“, meinte sie. Er beachtete sie nicht weiter, sondern sah sich nervös um, hastete dann in die Waschkabine und zog die Trennwand ganz zu.

“Was ist denn los?” fragte Angela ratlos.

“Pst, ich bin nicht da”, flüsterte er aus der kleinen Waschkabine. Angela starrte verdattert auf die Trennwand.

Sie hatte wenig privaten Umgang mit Männern, genauer gesagt, gar keinen, aber dieses Verhalten kam ihr doch seltsam vor. Sie stand noch immer, etwas planlos im Schlafanzug, Waschzeug und Kleidung unterm Arm geklemmt, vor ihrem Bett. Da wurde der Vorhang, der den ambulanten Behandlungsraum von den beiden Kabinen trennte, erneut beiseitegeschoben. Ein Fremder trat ein.

Angela wurde sich ihres rosa Elefanten Outfits sofort wieder schmerzlich bewusst. Ganz im Gegenteil zu ihr war er exquisit gekleidet mit einem perfekt sitzenden Anzug, einem weißen Hemd und dezenter Krawatte. Seine blonden Haare hatten einen perfekten Schnitt. Er war von gedrungener Statur und sah er sehr elegant aus, denn sowohl Anzug, als auch die sauber geputzten Lederschuhe sahen aus, als wären sie teuer gewesen.

Er sah sich suchend um und stutzte bei ihrem Anblick. “Ist das hier für Frauen?” fragte er im gebrochenen Deutsch.

Angie schüttelte den Kopf. “ Es ist die Ambulanz.”

“Ich verstehe”, sagte er, aber ganz offensichtlich tat er das nicht. Wer konnte es ihm verübeln?

“Gibt es hier ein Victor Petrik?”, fragte er weiter.

„Das weiß ich nicht”, antwortete Angela wahrheitsgemäß, denn ihr Bettnachbar hatte sich nicht mit Namen vorgestellt. Genauer gesagt, hatte er überhaupt nicht mit ihr gesprochen – außer diese überflüssige Bemerkung, ob sie seine Semmel essen möchte.

Sie wunderte sich über sich selbst. Mit großer Wahrscheinlichkeit war er eben dieser Victor Petrik, den der Fremde suchte. Warum decke ich diesen Petrik, er war ja nicht gerade die Freundlichkeit in Person gewesen, ging es ihr durch den Kopf.

Abgesehen davon, wenn man die zwei Männer vergleichen würde, wirkte ihr Bettnachbar gefährlicher, als diese perfekt durchgestylte Fremde. Sie schienen aus verschiedenen Welten zu stammen, hatten allerdings eines gemeinsam: Sie fühlte sich in der Gegenwart von beiden gleichermaßen minderwertig.

Der Geschniegelte musterte sie nun genauer, ihre ganze jämmerliche Gestalt im Benjamin-Blümchen Schlafanzug. Es kam, was kommen musste: Er grinste. Erneut kam sie sich unglaublich blöd vor. Fieberhaft suchte sie nach einer schlagfertigen Erklärung. Aber bevor ihr etwas Treffendes einfiel, drehte er sich um und verschwand Richtung Ausgang.

Angie, konnte ein hysterisches Kichern nicht unterdrücken. Seit gestern Abend spielte ihr Leben verrückt. Es schien ihr, als sei sie nicht mehr sie selbst, als hätte gestern im Büro irgendwer oder irgendwas von ihr Besitz ergriffen und seither war alles anders. Sie tat Dinge, die sie vorher niemals getan hätte, zum Beispiel einen wildfremden Mann zu decken. Wer oder was in ihr hatte in diesem Moment gehandelt?

Es erschien ihr alles surreal. Bisher hatten genau zwei Männer ihr Leben auch nur am Rande gestreift: Ihr Chef und Leonies Ehemann. Nun spazierten gleich zwei weitere Männer sozusagen durch ihr Zimmer – na ja, nicht wirklich, der eine war schon fortgegangen und der andere würde spätestens im Laufe des Vormittags verschwinden, man konnte sagen, sie sah eigentlich nur noch den Schweif ihrer Kometen. So viel zu Männern in meinem Leben, dachte sie mit einem leisen Bedauern.

Aber wenigstens konnte sie sich jetzt in Ruhe anziehen. Schnell warf sie einen Bademantel über ihren Schlafanzug und lief zu der kleinen Waschkabine, in der sich ihr Bettnachbar versteckte.

“Er ist weg”, flüsterte sie ihm zu.

Er lugte vorsichtig durch den Vorhang, bevor er ihn beiseiteschob und hervorkam. “Wer war dieser Mann gewesen?”, fragte Angela, aber sie bekam keine Antwort auf ihre Frage. “Ich muss weg”, sagte er kurz angebunden, ging eilig zur Tür des Ambulanzraumes und war verschwunden.

Na fein. Sie war zwar froh, endlich allein zu sein, aber es nagte doch an ihr, dass er sich nicht wenigstens ein einfaches Dankeschön für ihre Hilfe hatte abringen können. Einfach sang- und klanglos zu verschwinden! Aber wohin war er gegangen? Sie konnte ihre Neugier nicht bezähmen und lief ihm hinterher.

Er war in den Krankenhausflur gelaufen. Sie rannte hinterher und sah gerade noch, wie er eine Fenstertür öffnete, die zu einem kleinen Balkon führte und verschwand.

Er türmte doch nicht etwa? Spannend. In was war sie da hineingeraten? Etwas in ihr warnte sie. Misch dich nicht ein, sagte ihre innere Stimme. Aber sie konnte nicht anders. Immer noch im Bademantel mit dem Benjamin-Blümchen Dress darunter, lief sie durch den Flur und spähte durch die offene Fenstertür.

Er war fort.

Darunter war ein Garagendach. Er musste sich über die Brüstung geschwungen haben und war so auf das Garagendach gesprungen. Von dort war er auf die Straße gelangt. Warum war er geflohen?

Morgäne

Warum ich so auf dem freien Willen herumreite? Weil sehr oft die anscheinend vollkommen freie Entscheidung aus unbewussten Wünschen und Sehnsüchten entspringt. Entscheidet dann das Unterbewusstsein?

Angela

Ohne Frage war das langweilige Leben der Sekretärin Angela Rieth sehr viel spannender geworden. Nachdenklich ging sie zurück in ihre Kabine im Ambulanzraum, um sich endlich anzuziehen. Dabei kam sie an seinem Nachttisch vorbei und sah dort sein, kaum angerührtes Frühstückstablett stehen. Beim Anblick des leckeren Brötchens begann ihr Magen vernehmlich zu knurren. Sie blieb davorstehen. Sollte sie die Semmel essen, bevor die Schwester das Tablett abräumte? Es wäre doch schade, das leckere Frühstück verkommen zu lassen. Das Krankenhaus warf die Reste vermutlich eh in den Müll. Anderseits war es schon sehr gierig, wenn man vom Bettnachbar stibitzte. Sowas tat man nicht. Sie stand noch unschlüssig davor, da wurde der Vorhang schon wieder gehoben und ein Mann in Polizeiuniform erschien.

Das wurde ja immer bunter.

Der Polizist sah sie erstaunt an und fragte “Ist das hier eine Frauenstation? Angela fühlte langsam eine gewisse Gereiztheit in sich aufsteigen. Sie fand es auch nicht so prickelnd mit einem Mann zusammengelegt worden zu sein.

“Nein, eine Ambulanz, keine reine Frauenstation“, sagte sie kurzangebunden. Sollte die Schwester ihm doch erklären was hier Sache war.

Der Polizist sah sie an, Benjamin Blümchen lugte unter dem Bademantel hervor. Hastig zog sie den Morgenmantel enger um ihren Körper. “Liegt hier ein gewisser Victor Petrik?” fragte er.

Diesmal kam ihr die Halbwahrheit ganz selbstverständlich von den Lippen. Sie schüttelte den Kopf. “Nein”, sagte Angela, “nicht mehr“, fügte sie in Gedanken hinzu und sah ihn voller Unschuld an.

Er betrachtete sie stirnrunzelnd, offensichtlich verstand er noch immer nicht, warum sie und nicht dieser Petrik vor ihm stand. Aber da konnte sie ihm auch nicht helfen, sie verstand das Ganze ja selbst nicht. Sie verstand nicht einmal ihr eigenes Verhalten, denn sie hatte eigentlich einen höllischen Respekt vor den Gesetzeshütern und hatte noch nie die Obrigkeit angelogen. „Dann entschuldigen Sie vielmals“, meinte er und verschwand.

Die Gelegenheit nutzte sie und ergriff schnell das Brötchen, legte die Scheibe Käse drauf und wollte es gerade verspeisen, da hörte sie schon wieder jemand kommen.

Verflixt, das war ja die reinste Durchgangsstation. Schnell wickelte sie das Brötchen in eine Serviette und schob es in die Tasche. Im Krankenhaus wird es nur weggeworfen und es ist das Mindeste, was dieser Mann mir schuldet, nachdem ich ihn nicht verraten habe, rechtfertigte sie sich vor sich selbst.

Diesmal war es die Schwester, sie hatte eine Krankenakte unterm Arm.

“Wo ist denn Herr Petrik?”, fragte sie. Meine Güte, war dieser Mann gefragt.

„Ich weiß es nicht“, wiederholte Angela zum dritten Mal, diesmal war es die reine Wahrheit.

„Herr Petrik wird entlassen, er kann nach Hause gehen“, erläuterte die Krankenschwester und sah sich um, als sei er noch immer in der Waschkabine versteckt.

„Vielleicht ist er schon nach Hause gegangen”, meinte Angela. “Aber seine Tasche ist noch da”, sagte die Schwester und zeigte auf die Reisetasche, die auf Petriks Bett lag. „Übrigens, Sie können auch nach Hause gehen“, fügte sie hinzu.

Angela machte einen innerlichen Luftsprung. „Ich rufe sofort meine Freundin an, damit sie mich abholt“, sagte sie. Die Schwester winkte ab. „Das habe ich schon erledigt, sie ist bereits auf dem Weg hierher.“

Die Krankenschwester drehte sich um und machte sich nun ebenfalls auf die Suche nach ihrem Bettnachbarn. Ein vielgesuchter Mann, dachte Angela kopfschüttelnd und setzte sich aufs Bett. Sie war froh, endlich wieder in ihr vertrautes Zuhause heimkehren zu können. Warum aber war dann da dieses unverständliche, leise Bedauern in ihr, überlegte sie, während sie auf die sterile weiße Wand starrte. Egal, Hauptsache schnell weg.

Sie stand auf, um wenigstens eine flüchtige Katzenwäsche zu machen, ausführlich duschen konnte sie ja Zuhause. Sie putzte ihre Zähne und zog das Schlafanzugoberteil aus, da war die Krankenschwester bereits wieder da. Resigniert warf Angela schnell ihren Bademantel wieder um und zurrte den Gürtel eng um die Taille. Privatsphäre war in dieser Ambulanz augenscheinlich ein Fremdwort.

„Herr Petrik ist nirgends zu finden, ich werde versuchen ihn anzurufen“, sagte die Schwester, während sie in seiner Akte nach einer Telefonnummer von ihm suchte.

In diesem Moment kam Leonie herein, um Angela abzuholen. Sie hatte die letzten Worte der Krankenschwester gehört und betrachtete erstaunt die Tasche auf dem Nachbarbett.

“Liegt dieser Mann noch immer mit dir in einem Raum?” fragte sie verwundert.

Die Schwester unterbrach die Suche nach einer Telefonnummer und sah sie an. „Wir haben keine freien Betten, alle Stationen sind voll. In solch einer Notsituation belegen wir auch mal die Ambulanz”, erklärte sie.

Leonie betrachtete Angela kopfschüttelnd. Oben am Revers des Bademantels blitzte nackte Haut hervor, unten an den Beinen leuchtete rosa Benjamin Blümchen. Ihre schüchterne Freundin lag zusammen mit einem fremden Mann in einem Raum und getraute sich, so herumzulaufen?

Angela schnitt ihrer Freundin eine Grimasse. Glaubte sie ihm ernst, es mache ihr Spaß, sich in diesem Aufzug all diesen Männern zu präsentieren? Gut, von dem Geschniegelten und dem Polizisten wusste Leonie ja nichts. Aber auch dieser Petrik hatte nicht den Funken eines Interesses an ihr gezeigt. Vermutlich hätte sie nackt vor ihm tanzen können, er hätte es nicht bemerkt. (Nicht, dass sie es jemals gewagt hätte, dies zu tun) Abgesehen davon hatte dieser Petrik die Nacht ja auf dem Krankenhausflur verbracht und nicht gemeinsam mit ihr in der Ambulanz.

Leonie konnte jede einzelne Gefühlsregung an ihrem Gesicht ablesen, es war ein offenes Buch für sie. Sie grinste. Ihr war natürlich klar, dass ihre tapsige Freundin ganz unabsichtlich in diese Situation geschlittert war. „Ich denke ja nur, wenn schon ein Mann das Zimmer mit dir teilt, wäre mir ein alter Mummelgreis lieber gewesen. Bei diesem Kerl habe ich ein komisches Gefühl“, meinte sie achselzuckend.

Sie hatte ja so recht. Dieser Petrik verhielt sich komisch: Erst flüchtete er Hals über Kopf vor dem Geschniegelten, dann suchte ihn die Polizei. So ganz astrein war die Sache nicht, das sah sogar sie ein, mit ihrer miserablen Menschenkenntnis. Leider war er aber genau die Art von Mann, die ihre beträchtliche Anzahl an Minderwertigkeitskomplexen noch steigerte. Genau die Art von Mann, von der eine Angela Rieth zwar träumen, aber der sicher nie ein Teil ihres Lebens werden würde. Und trotzdem – diese blauen Augen, die schwarzen Haare über den

slawischen Backenknochen, sie konnte es nicht leugnen, er gefiel ihr.

„Träumst du?” drang Leonies Stimme zu ihr durch, “die Schwester hat dich etwas gefragt“. Sie sahen sie beide abwartend an.

Ja, dachte Angela bedauernd. Ich habe geträumt von etwas, dass leider nie, niemals Wirklichkeit wird. Das sprach sie selbstredend aber nicht aus. Als Leonie klar wurde, dass Angie tatsächlich nichts gehört hatte, erklärte sie noch mal ganz langsam: “Die Schwester hat inzwischen diesen Petrik angerufen und er bittet dich, ihm die Tasche zu bringen“. Es war augenscheinlich, dass Leonie diese Bitte sehr vermessen fand.

Da sagte eine Stimme: „Natürlich bringe ich ihm die Tasche.“ Erstaunt stellte Angela fest, dass es ihre Stimme gewesen war, die da gesprochen hatte.

Warum tat sie das? Es zu wagen, einem wildfremden Mann einen Besuch abzustatten, dies war so untypisch für sie, dass Leonie sie verdattert anstarrte.

Was, um Himmels Willen hat sie dazu veranlasst, sich damit einverstanden zu erklären, ihm seine Tasche zu bringen?

5

Morgäne

Auch Arthur Schopenhauer, deutscher Philosoph, Hochschullehrer und Autor, geboren am 22.02.1788 in Danzig, behauptete: Der freie Wille ist eine Illusion.

„In Wahrheit sei der Wille“, sagt Schopenhauer, „durch chaotische, also äußerst komplexe Einflüsse außerhalb und innerhalb des Menschen gesteuert “.

Maria – zwischen den Welten

Maria war verwirrt.

Sie wusste nicht, wer und wo sie war.

Der Raum spannte sich in einer riesigen, dreidimensionalen

Krümmung.

Diese Welt war ihr fremd geworden.

Nicht fremd waren die auf und ab schwebenden Seifenblasen. Schillernd tanzten sie Impressionen, die ihr kaltes Herz erwärmten, webten einen Teppich bunter Möglichkeiten.

Vertraut war das rosenfarbene Bild eines Kindes, festgebunden

auf einem Stuhl.

Lachend streckte es ihr die Ärmchen entgegen.

Vertraut war das goldgelbe Bild einer Frau.

Ihrem Herzen entschlüpften blinkende Falter der Liebe, die ihr auf einer Welle warmen Goldes entgegen flatterten. Sie hüllten sie in einen Mantel funkensprühenden Glücks.

Vertraut war ihr auch das dunkelgraue Bild eines Mannes mit wässrigen blauen Augen.

Sein kalter Blick erfüllte sie mit eisigem Grauen.

Doch nicht zu ihnen zog sie die silberne Schnur.

Sie zog sie unaufhaltbar zu diesem dunkellockigen Geschöpf. Zu der Frau mit blauen Augen, schwarzen Locken und einem

Alabasterteint und sie war es, die ihr vertraut, so vertraut erschien.

Sie war es, sie zog Maria an einer silbernen Schnur, quer durch die Zeit magisch an.

 

Angela

Sie spürte die Sonnenstrahlen wärmend, fast liebkosend auf ihren geschlossenen Augen. Angela räkelte sich wohlig und kuschelte sich tiefer in ihr Bett. Die Sonne schien hell in ihr Zimmer. Sonne? Entsetzt fuhr sie in die Höhe, sie hatte verschlafen, sie kam zu spät zur Arbeit!

Sie warf die Decke beiseite und schwang die Beine aus dem Bett, da fiel ihr wieder ein, dass sie vorgestern im Büro ohnmächtig geworden war. Deshalb war sie krankgeschrieben.

Erleichtert kuschelte sie sich wieder in die Decke, es tat so gut, nicht im Krankenhaus, sondern wieder im eigenen Bett zu schlafen. Sie drehte sich zur Seite, um noch ein bisschen zu dösen. Eine Fliege summte um ihre Nase und kitzelte sie. Angela schlug nach ihr, aber das Viech war schneller.

Gedankenfetzen liefen ihr durch den Kopf: Der Ohnmachtsanfall, wegen dem sie ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Hatte Leonie Recht und sie war schlicht und einfach nur überarbeitet gewesen? Aber das Gefühl, ETWAS hatte sich in ihrem Körper breitmachen wollen, war sehr stark gewesen. Ein Geist? Hatte ein Wesen sie besetzt?

Leonie glaubte nicht an solch spirituellen Kram, wie sie es nannte, aber sie selbst nahm eigentlich schon an, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gab, als man mit den Sinnesorganen wahrnehmen konnte. Doch, dass ein Geist sie besetzt haben könnte, erschien ihr ebenfalls unwahrscheinlich. Besetzungen und Geister gab es nicht, nur im Kino, da stimmte sie mit ihrer Freundin überein.

Ihre Gedanken wanderten weiter zu Leonie.

Dankbar dachte sie an ihre Freundin, wenn sie nicht gewesen wäre, stünde sie ganz allein da, denn Familie hatte sie keine mehr. Ihre Eltern waren tot und ihre Mama hatte sich mit ihrer Mutter über- worfen und war weggezogen von ihrer alten Heimat, bevor Angela geboren wurde. So hatte sie ihre Großeltern und andere Verwandte noch nie gesehen.

Aus heiterem Himmel überfiel Angela eine brennende Sehnsucht nach ihrer Oma. Nanu, wo kam denn dieses Gefühl her? In den schweren Münchner Tagen hätte sie gerne eine Oma gehabt, da war sie nach dem Tod ihrer Eltern sehr einsam gewesen. Warum tauchte diese Sehnsucht erst jetzt auf? Hier gab es Leonie, hier war sie nicht allein, es war tröstlich zumindest eine gute Freundin zu haben.

Bilder von ihrem Tag im Krankenhaus zogen weiter im Geiste an ihr vorbei, während sie faul in ihrem Bett lag.

Der steril weiß gestrichene Ambulanzraum, das funktionellen Krankenhausbett. Das Provisorium in der Ambulanz.

Sie selbst, die sich in ihrem, mit rosa Benjamin-Blümchen-Elefanten bedruckten Schlafanzug zum Affen machte. Aber er war so viel bequemer und kuscheliger, als eines von diesen dünnen Negligé- Dingern, die in den Frauenzeitschriften als super sexy gepriesen wurden (Die sie ja eh nie anziehen würde – für was auch, in ihrem kleinen Häuschen hatte sie bisher immer alleine geschlafen) In so einem Hauch von Nichts sich einem Mann zu zeigen, das konnte sie gar nicht, sie hatte große Probleme mit ihrem Körper. Ihr Bauch war zu dick, genauso wie ihre Oberschenkel. Sie trug auch im Büro Kleidung, die ihre Problemzonen kaschierten.

Weitere Gedankenfetzen erschien vor ihrem geistigen Auge: Der Polizist und der Geschniegelte, die im Krankenhaus aufgetaucht waren, wie Schachtelmännchen. Ihr unfreiwilliger Bettnachbar Victor Petrik.

Sie hatte sich von ihm angezogen gefühlt, obwohl sein Verhalten wirklich seltsam gewesen war. Erst floh er vor dem Geschniegelten, dann suchte ihn die Polizei. Nicht gerade Fakten, die vertrauenerweckend waren. Und unfreundlich war er auch gewesen. Gut, dass sie ihn nie wiedersehen würde.

Im gleichen Moment fiel ihr ein, dass sie versprochen hatte, Petrik seine Tasche aus dem Krankenhaus zu bringen.

Was um Himmels Willen, hatte sie zu so einem blöden Versprechen veranlasst? Sie war noch nie zu einem fremden Mann in die Wohnung gegangen. Nur zu Manfred. Aber er war nicht fremd und Leonies Mann, zählte deshalb nicht.

Diesen Petrik kannte sie ja nicht. Aber vergewaltigen würde er sie sicher nicht, so absolut doof, wie sie sich verhalten hatte: Im Benjamin-Blümchen Schlafanzug durch die Gegend zu laufen, gierig auf sein Brötchen starren, mehr brauchte es schätzungsweise nicht, um einen Mann abzutörnen. Wer wollte schon mit einer rosa Elefantin anbändeln?

Glücklicherweise hatte er nicht gesehen, wie sie sein zweites Brötchen genommen hatte, dann wäre sie sicher endgültig unten durch gewesen bei ihm. Sie hatte es beim Umziehen völlig verdrückt in ihrer Schlafanzugtasche gefunden und noch im Krankenhaus in den Müll geworfen.

Völlig umsonst geklaut.

Sie war einfach unüberlegt, beim Brötchenklauen genauso wie bei Versprechungen. Warum nur hatte sie zugesagt, ihm seine Reisetasche zu bringen? Doof, doof, doof. Angelas Zehen krümmten sich vor Verlegenheit. Innerlich wusste, warum sie das versprochen hatte: Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass der kühle Bettnachbar ihr gefallen hatte.

Doch gleich bei ihm in der Wohnung aufzukreuzen, mit welchem Grund auch immer, war hirnrissig. Denn eines war sicher, solche Männer interessierten sich nicht für eine Angela Rieth und wenn sie ihnen fünfzig Taschen hinterhertragen würde. Jetzt im hellen Licht eines neuen Tages erschien ihr dieses Versprechen nur noch als eine schwere Aufgabe: Sie musste zu diesem fremden Mann fahren, auch wenn ihre Schüchternheit ihr sicher wieder einige Blamagen bescheren würde.

Nun, es half alles nichts, versprochen ist versprochen. Besser, sie brachte es so schnell wie möglich hinter sich, überlegte Angie und schwang die Beine aus dem Bett. Sie stieg unter die Dusche und zog sich sorgfältig an. (Auch wenn es überflüssig war, er hatte sie bereits in ihrem Benjamin-Blümchen Dress gesehen und schlimmer ging es nicht mehr) Beim Frühstück gönnte sie sich jetzt gerade, ganz ohne schlechtes Gewissen zwei leckere Brötchen, dick mit Butter beschmiert, um die Herausforderung zu meistern.

Sie trödelte noch ein bisschen herum, dann suchte sie auf dem Stadtplan nach der Mozartstraße, ...

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