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Mordsüberraschung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. BERGISCHER BOTE, Dienstag, 3. März 2015
  6. BERGISCHER BOTE, Montag, 30. März 2015
  7. 1.
  8. 2.
  9. 3.
  10. 4.
  11. 5.
  12. 6.
  13. 7.
  14. 8.
  15. 9.
  16. 10.
  17. 11.
  18. 12.
  19. 13.
  20. 14.
  21. 15.
  22. 16.
  23. 17.
  24. 18.
  25. 19.
  26. 20.
  27. 21.
  28. 22.
  29. 23.
  30. 24.
  31. 25.
  32. 26.
  33. 27.
  34. 28.
  35. 29.
  36. 30.
  37. 31.
  38. 32.
  39. 33.
  40. 34.
  41. 35.
  42. 36.
  43. Epilog
  44. Dank

Über die Autorin

Ellen Jacobi, 1960 am Niederrhein geboren, entdeckte als Tochter einer Bibliothekarin und Märchenbuchsammlerin früh ihre Liebe zu Büchern und zum Geschichtenerzählen. Nach einem Literatur- und Anglistikstudium arbeitete sie als Reiseleiterin und Lehrerin in England. In Deutschland war sie als Redakteurin für Tageszeitungen und Magazine tätig. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Köln, in der Nähe des nur scheinbar idyllischen Bergischen Landes.

BERGISCHER BOTE,
DIENSTAG, 3. MÄRZ 2015

Spendable Lottomillionärin rettet
Lumpenmühle

Wermelskirchen/Biblinghausen – Der Verfall und die Zwangsversteigerung von Gut Hümmelchen im idyllischen Reibachtal scheinen abgewendet. Überraschend hat die Biblinghauser Postfilialleiterin Veronika Dornbusch-Bommelbeck (67, Foto) dem in der Schweiz lebenden Besitzer Dr. Dr. phil. Helmfried Hümmelchen (83, auf seinen Wunsch zeigen wir ein Jugendporträt) ein Kaufangebot gemacht.

Die Inhaberin eines Kleinladens soll dem als bankrott geltenden Fabrikantensohn eine Kaufsumme angeboten haben, die den Verkehrswert des abgeschiedenen Mühlengutes (25000 Euro) deutlich übersteigt. In Biblinghausen munkelt man von »um die 500000 Euro« und zeigt sich überrascht über den Immobilien-Impulskauf, zumal die Kosten für die vorgeschriebene Sanierung des Gebäudeensembles fünfmal so hoch ausfallen dürften. Eine denkmalgeschützte Lumpenmühle aus dem 17. Jahrhundert und die Fabrikantenvilla von 1863 machen Gut Hümmelchen zu einem bedeutsamen Zeugnis früher bergischer Industriekultur. Wie der Bergische Bote erfahren hat, ist das Eichengebälk des Haupthauses jedoch großflächig vom gescheckten Nagekäfer, einer sehr aggressiven Holzwurmart, befallen. Als einzig intakt gelten die in Bruchstein ausgeführten Viehställe, eine Papiermaschinenhalle und Arbeiterunterkünfte aus dem späten 19. Jahrhundert.

Die künftige Besitzerin Frau Dornbusch, geschiedene Bommelbeck, will die Sanierung mittels Spenden, Krediten und aus eigenem Vermögen finanzieren. Ein fast drei Jahrzehnte zurückliegender Lottogewinn macht diese Investition in Millionenhöhe möglich. Den Entschluss, ihren bislang sorgsam gehüteten Gewinn in so selbstloser Weise anzutasten, begründet die von Nachbarn als »gewöhnlich kostenbewusst« beschriebene Leiterin der Biblinghauser Tourismusinitiative so: Dr. Dr. Helmfried Hümmelchen war stets für sein großes theoretisches Enga gement für sozial benach teiligte Mitbürger bekannt. Nun ist er unverschuldet in Not geraten. Darum habe ich mich entschlossen, ihm zu helfen und zugleich ein Kulturdenkmal von über regionaler Strahlkraft zu retten.«

»Ein Vorvertrag ist gemacht«, bestätigt der in jungen Jahren als »schöner Lumpenbaron« und »Salonkommunist« bekannte Erbe der einst bedeutenden Papier- und Pulverdynastie Hümmelchen. Er hoffe auf Vorschläge zur volksnahen Nutzung der historischen Anlage, ergänzt der Privatgelehrte, der 1970 als Student in die Schweiz übersiedelte und seither an einer vierzigbändigen Enzyklopädie über die ästhetische Dimension neuzeitlicher Revolutionsbewegungen arbeitet.

»Verblasenen Schnickschnack für Luxusidioten, Golfspieler, Steuerhinterzieher und ähnliche Sozialschmarotzer werde ich als Investoren auf Hümmelchen aber nicht dulden«, erklärt Pleitier Helmfried Hümmelchen kämpferisch.

Umso erfreulicher ist das selbstlose Kaufangebot von Frau Dornbusch-Bommelbeck, das dem verarmten Erben mietfreies Wohnen im Alter ermöglichen soll. Dr. Dr. Helmfried Hümmelchen wird eines der ehemaligen Arbeiterhäuser im Gutspark beziehen. Die ihm zugesagte Kaufsumme wird seinen diversen Gläubigern zugutekommen. Unter anderem schuldet Hümmelchen einem Züricher Hotelbesitzer eine Jahresrechnung in Höhe von rund 20000 Euro für das Zimmer, das er in dessen Haus seit 45 Jahren bewohnt.

»Wir werden unser Hümmelchen mit Hilfe verschiedener Investoren vom Schandfleck wieder in das Schmuckstück von Biblinghausen zurückverwandeln«, versichert Veronika Dornbusch-Bommelbeck. »Alle Mitbürger sind eingeladen, gewinn bringende Nutzungskonzepte vorzulegen.«

Regelmäßigen Lesern des Bergischen Boten dürfte der resolute Rotschopf als »Miss Marple von Biblinghausen«, bekannt sein. Im Sommer vergangenen Jahres konnte die frühpensionierte Grundschullehrerin in Zusammenarbeit mit dem aus Hamburg zugezogenen Oberstaatsanwalt Lothar E. Schuknecht (70, kein Foto) eine spektakuläre Mordserie im Zusammenhang mit einer weit zurückliegenden Brandstiftung aufklären. Die von beiden gegründete Detektivagentur Dornbusch und Schuknecht hat ihre Tätig keiten mangels Aufträgen jedoch eingestellt. »Vorübergehend«, wie Frau Dornbusch betont. Von vorangegangenen Streitigkeiten mit ihrem Agenturpartner will sie – im Gegensatz zu einigen Nachbarn – nichts wissen.

BERGISCHER BOTE,
MONTAG, 30. MÄRZ 2015

Kurz vermeldet

Schwein entführt

Wermelskirchen/Biblinghausen – Unbekannte haben sich in der Nacht zum Sonntag gewaltsam Zugang zur Tierarztpraxis Meiswinkel am Rohrdommelweg verschafft. Die Einbrecher entwendeten die Praxiskasse sowie Medikamente und entführten das Hausschwein des Mediziners. Wer im Zeitraum zwischen 22 Uhr am Samstagabend und sechs Uhr am Sonntagmorgen im Umfeld der Praxis etwas Verdächtiges beobachtet hat, wird gebeten, sich bei der Polizeidienststelle Wermelskirchen zu melden.

Bürgerversammlung im Kuhstall

Wermelskirchen/Biblinghausen – Am kommenden Dienstag, dem 7. April, nach Ostern, findet im ehemaligen Kuhstall von Gut Hümmelchen eine Bürgerversammlung statt. Im Beisein des derzeitigen Gutsbesitzers, Dr. Dr. Helmfried Hümmelchen, werden ab 20 Uhr Sanierungskonzepte und Nutzungsideen für das Gut diskutiert. Die Leitung der Veranstaltung hat die künftige Besitzerin des Anwesens, Veronika Dornbusch-Bommelbeck.

Bikertreffen Biblinghausen überraschend international

Wermelskirchen/Biblinghausen – Etwa fünfzig Motorradfahrer aus Deutschland und den Beneluxländern nehmen seit Freitag an der 3. Internationalen Bikerwoche Biblinghausen teil. Unter ihnen sind erstmals sogar zwei amerikanische Gäste. Die von dem Tattoo spezialisten Heiner Krautloch initiierte Veranstaltung lockt mit einer Ersatzteilbörse, den beliebten Talsperren-Nachtfahrten »Nights on Bike«, Kursen in »Fahrtechnik bei Schlamm und Nebel« (bei entsprechender Witterung) sowie ökumenischen Auftakt- und Abschlussgottesdiensten.

1.

Ein Klicken, der Finger am Abzug spannt sich. Begleitet von einem scharfen Knall taucht Mündungsfeuer die weichende Märznacht für Millisekunden in grelles Licht. Baumgerippe stehen wie mit erhobenen Händen stramm. Was für ein Prachtschuss! Sogar mit Echo.

Jählings reißt er Veronika Dornbusch-Bommelbeck von den Füßen und schleudert sie zu Boden. Aua!

Ein bohrender Schmerz durchjagt ihre rechte Schulter, beißt sich im Muskelgeflecht fest. Hölle noch eins, das tut weh! Hundsgemein weh tut das. Veronika bleibt die Luft weg, dem Schmerz dankenswerterweise auch. Zähne zusammenbeißen und durch, befiehlt sie sich. Sekunden später rebelliert ihre Lunge gegen den Atemstillstand.

Widerwillig lockert Veronika auf dem Rücken liegend ihren Kiefer, sie atmet Morgennebel und feuchte Waldluft ein. Der Schmerz kehrt mit Wucht und Strahlkraft zurück, richtet sich in Höhe ihres Schlüsselbeins häuslich ein. Heute ist eindeutig nicht ihr Tag. Ihr rechtes Auge hat auch was abbekommen. Vor der Pupille tanzen konfettibunte Sterne, und ihr Oberlid schwillt an.

Wer kann denn bitte schön ahnen, dass Schießen für den Schützen selbst derart gefährlich ist? Man sollte doch annehmen dürfen, dass man hinter dem Lauf einer wuchtigen Großwildjagdflinte, Kaliber416, todsicher und nahezu unverwundbar ist. Zumal, wenn die anvisierten Gegner Bäume und somit naturgegebenermaßen unbewaffnet sind.

Einfach unfassbar, was ein zurückschnellender Gewehrkolben alles anrichten kann! Aber am allerschlimmsten – das steht mal fest – ist der Mordsschreck, den der ohrenbetäubende Knall samt Echoeffekt ihr eingejagt hat.

Nicht nur ihr.

Die Vögel haben abrupt ihre Morgengesänge eingestellt, und im eben noch totenstillen Dickicht neben Veronika flattert und fleucht es. Die Fauna des Bergischen Landes nimmt angeführt von einem kapitalen Keiler Reißaus. Im Schweinsgalopp rast eine Meute Schwarzkittel bergab ins Tal in Richtung Biblinghausen. Dort schlägt heiser ein Hund an. Oh nein, oh nein! Das klingt ganz nach Luther, der ollen Bangbüchs.

Nicht auch das noch!, stöhnt innerlich Veronika.

Dieser dumme hochbetagte, aber leider hellhörige Köter wird wegen ihres verpatzten Schusses und dieser hirnlosen Wildschweine noch das gesamte Dorf aufwecken. Zumindest sein Frauchen dürfte der unsinnige Kerl gerade hochschrecken. Um gerade mal Viertel vor sieben. Oder besser gesagt: um Viertel vor sechs. Die Uhr wurde ja vorgestern auf Sommerzeit umgestellt.

Das ist nicht gut. Gar nicht gut, schämt sich Veronika. Hendrike Tragelehn braucht alle Ruhe, die sie kriegen kann. »Absolute Ruhe und viel Schlaf«, hat Dr. Meiswinkel gemeint. »Als hochschwangere Spätgebärende, noch dazu in der vierzigsten Schwangerschaftswoche, darf sie nichts riskieren«, hat er gesagt.

Veronikas Herz klopft panisch. Am Ende löst der Schreck eine riskante Sturzgeburt aus, oder das kleine Mädchen in Hendrikes Bauch nimmt Schaden. Und ausgerechnet sie, die werdende Oma ehrenhalber – zumindest, wenn es nach ihr geht, und das tut es selbstredend –, trüge die Schuld daran!

Biblinghausens führender und einziger Tierarzt Meiswinkel hat etwas Ähnliches jüngst mit einer betagten Stute von Sophie Schöpper erlebt, die ihr Fohlen sechzehn Tage übertragen hatte. Also die Stute, nicht Sophie. Plötzlich setzten gigantische Presswehen ein; das Muttertier hat’s fast zerrissen.

Nicht auszudenken, wenn jetzt bei Hendrike ganz ähnliche Wehen einsetzen! Wo sie doch trotz ihrer mehr als vierzig Jahre so zerbrechlich ist und niemanden im Haus hat außer Luther, dem dämlichen Hundekalb, und ihren Untermieter, Schöngeist Schuknecht … Ach du liebe Güte, Schuknecht! Veronikas Herz pocht noch ein bisschen schneller, rast fast. Der hat mit seinen siebzig Lenzen sicher einen ebenso leichten Schlaf wie Luther, und wenn der Herr Oberstaatsanwalt a. D. diesen blöden, vermaledeiten, dämlichen Schuss gehört hat, dann Gnade ihr Gott!

Da wird der zum Bluthund.

Warum zum Kuckuck hat der Schalldämpfer komplett versagt?

Von vorn nähern sich munter hüpfende Schritte. Aufblitzendes Taschenlampenlicht sorgt für eine Sternenexplosion vor Veronikas Augen, dabei setzt bereits die Dämmerung ein.

»Das war ein Volltreffer«, johlt Ingeborg Kesselring in Veronikas panischen Gedankenwirrwarr hinein und klatscht mit einem bemerkenswerten Mangel an Takt- und Mitgefühl in die Hände. Schöne Freundin!, ärgert sich die am Boden liegende Veronika und tastet leise stöhnend nach ihrer pochenden Schulter.

»Jetzt guck doch mal!«, jubelt Ingeborg unverdrossen und schwenkt die Taschenlampe über die dunkle Lichtung hoch über der Dhünntalsperre. Der Lichtkegel erfasst ein zwanzig Meter entfernt stehendes struppiges Nadelbaumgrüppchen, das mal eine illegale Weihnachtsbaumplantage werden sollte. »Die Tanne da wäre mausetot, wenn sie ein Herz hätte. Du hast mit-ten-rein getroffen. Dieser vorwitzige Waschbär kann sich warm anziehen, wenn er dir nochmal aufs Dach steigt, das ist mal sicher!«

Wieder klatscht die Nervensäge in die Hände. Ihr Beifall wird von scheußlichen selbst gefertigten Strickhandschuhen gedämpft und ist überdies unverdient, ärgert sich Veronika.

»Ich habe die Tanne getroffen?«, hakt sie verstimmt nach und rappelt sich in eine sitzende Position hoch. Grün und blau wird ihre Schulter in ein paar Stunden sein, genau wie ihr rechtes Auge und ihr Podex, trotz üppiger Polsterung.

Obwohl sie schon Ende März haben und im Tal von Biblinghausen längst die Narzissenkelche nicken, ist der Waldboden hier oben noch frosthart. Wer weiß, wann sie sich wieder schmerzfrei wird hinsetzen können. Wie das Opfer einer Kneipenschlägerei wird sie außerdem aussehen, wenn sie Dienstag nach Ostern die alles entscheidende Bürgerversammlung im Kuhstall von Gut Hümmelchen leitet.

Was sollen denn die Leute und ihre Post- und Ladenkunden von ihr denken, wenn die sie derartig verbeult zu Gesicht bekommen? Halb Biblinghausen hält sie ohnehin schon für komplett durch den Wind, seit sie vor einem Monat ein Kaufangebot für das Groschengrab Hümmelchen abgegeben hat. Für ein Gut in der Mitte von nirgendwo und noch dazu zu einem Mondpreis. Eine halbe Million!

Sie hat doch nur eine.

Wenn die wüssten, warum sie das gemacht hat! Und zu welchem Zweck. Einem guten Zweck. Dem allerbesten.

Wissen sie aber nicht.

Nicht einmal der notorisch misstrauische Schuknecht ahnt etwas. Damit das auch so bleibt, hat sie einen Riesenkrach mit dem Herrn Oberstaatsanwalt a.D. angefangen. Was mit einem selbstverliebten eitlen Knasterbart wie Schuknecht puppeneinfach ist. Man muss nur eine abfällige Bemerkung über sein Schuhwerk oder seine Kochkünste fallen lassen, schon schnappt er ein wie ein Karabinerhaken. Der Herr Oberstaatsanwalt hat nämlich einen Schuhtick. Und einen Kochknall. Wobei ihr sein leckeres Essen zugegebenermaßen ein wenig fehlt.

Nun ja, vertragen können sie sich immer noch, sobald ihr Problem aus der Welt geschafft ist. Aber bis dahin muss Funkstille herrschen. Sonst ist sie nicht nur ihr Geld los, sondern ihr Leben im wunderschönen Biblinghausen ist ebenfalls ruiniert.

Wenn gewisse Sünden ihrer Vergangenheit ans Licht kämen, wäre sie der Paria von Biblinghausen und nicht mehr Dreh- und Angelpunkt der Dorfgemeinschaft, sinniert Veronika düster. Nach der Detektei müsste sie dann auch ihre Postfiliale schließen, und die ist ihr ein und alles.

Das darf nicht passieren. Auf keinen Fall, nur über ihre Leiche.

Wobei eine Leiche ja durchaus begrüßenswert wäre. Aber nicht die ihre! Stichwort Leiche. Wo ist eigentlich ihre Jagdwaffe hin? Die Wucht des Schusses hat ihr das Ding glatt aus der Hand geschleudert. Mehr oder minder einäugig tastet Veronika den Waldboden neben sich ab.

Ingeborg ist bereits auf der Suche und dank Taschenlampe schneller. »Gefunden!«, triumphiert sie und klaubt ein paar Meter entfernt die Flinte aus dem Dickicht. »Du hast wirklich ein Mordsloch in den Stamm gebrannt«, freut sie sich noch immer. »Da drinnen könnte bald sehr schön ein Paar Waldkäuzchen brüten.«

»Unsinn, das ist unmöglich«, pariert Veronika erbost.

»Wieso? Die müssen nur das hintere Loch zustopfen«, erwidert Ingeborg so arg- und ahnungslos, wie allein Ingeborg sein kann. Was natürlich auch Vorteile hat. Nur eine treuherzige Trantüte wie Ingeborg Kesselring besorgt einem ohne Nachfragen ein Gewehr für eine angebliche häusliche Waschbärjagd und hält Schießübungen im Wald vor Tau und Tag für ein Mordsvergnügen.

Waschbär – pffft! –, als ob das knuddelige Kerlchen Veronikas Problem wäre! Und auf ihn anlegen würde sie schon gar nicht. Possierlich, wie der ist. Oder ist es eine Sie? Der pelzig-pralle Hängebauch, auf den Veronika kürzlich auf ihrem Dachboden einen Blick erhaschen konnte, spricht für Letzteres und für Nachwuchs. Egal. Eine vorwitzige Waschbärin auf Nestsuche kann sie zur Not mit ein paar Chinaböllern vertreiben. Anders als ihren wahren Gegner.

Ingeborg streckt eine Hand aus, um ihr auf die Beine zu helfen. Das wurde aber auch Zeit. »Ich rede nicht von dem Loch in der Tanne!«, schnaubt Veronika, während sie ächzend nach oben kommt. »Ich rede von meinem Schuss. Ich habe auf die tote Buche gezielt und nicht auf die dusselige Tanne.«

Ingeborg lässt erneut die Taschenlampe wandern. »Ja, aber die tote Buche steht doch links und die Tannen ganz rechts außen. Das musst du doch gesehen haben. Ich habe dir schließlich von unserem lieben Kümmerling ein Gewehr mit beleuchtetem Zielfernrohr und Fadenkreuz besorgt!«

»Ein Gewehr mit einem gemeingefährlichen Rückstoß. Noch dazu eins mit kaputtem Schalldämpfer. Mir sind bei dem Knall fast die Ohren weggeflogen«, knurrt Veronika vorwurfsvoll. Sie klopft sich Tannennadeln vom Po und zupft totes Laub aus ihrem hennaroten Lockenschopf. Oh, verflixt! Einen ihrer wunderschönen Froschkönigohrringe aus grünem Peridot und mit Echtgoldkrönchen hat sie auch eingebüßt.

»Verstehe ich gar nicht«, brummt sie verärgert, »dass unser Förster so kampfuntaugliche Gewehre benutzt. Der ist doch Waffenexperte und nicht bei der Bundeswehr.«

»Der Schalldämpfer funktioniert tadellos«, protestiert Ingeborg pikiert. »Allerdings erst ab fünf bis zehn Metern Entfernung. Unten am Talsperrenweg, wo ich stand, war nur ein Knall wie von einem entfernt zerplatzenden Reifen zu hören. In Ohrnähe des Schützen verringert ein Schalldämpfer bei einer Jagdwaffe vom Kaliber 416 das Schussgeräusch hingegen bestenfalls auf die Werte einer laufenden Kreissäge. Stand doch alles in der Gebrauchsanleitung!«

Veronika runzelt verwirrt die Stirn. Gebrauchsanleitung? Anders als die Bedienung so mancher Smartphones ist Schießen doch nun wirklich selbsterklärend, solange man nicht Ingeborg Kesselring heißt und … Moment mal.

»Von welcher Gebrauchsanleitung sprichst du überhaupt?«

»Na, von der, die ich deinem Lothar gestern beim Auftaktgottesdienst der Biker mitgegeben habe, damit du dich vor unseren Schießübungen einlesen kannst. Zusammen mit einer Schachtel Ersatzpatronen. Warum warst du eigentlich nicht in der Kirche? Den Kölner Motorradpfarrer mit dem Knackpo und dem Chopper lässt du dir doch sonst nicht entgehen. Gestern war er ganz in schwarzem Leder da, mit Fransen. Todschick zum Beffchen–«

»Bist du wahnsinnig!«, schrillt Veronika nach einer Schrecksekunde dazwischen. Jeglicher Schmerz in Schulter, Auge und Po ist vergessen. »Du kannst Lothar E. Schuknecht doch keine Waffengebrauchsanweisung und schon gar keine Munition für mich überreichen!«, jault sie. »Ausgerechnet Schuknecht!«

»Wieso nicht?«, fragt Madame Ahnungslos. »Lothar hat mir versprochen, dir beides zu übergeben, sobald er dich sieht, und ihr seht euch doch jeden Tag.«

»Ingeborg!«, braust Veronika auf. »Erstens sehen wir uns keineswegs jeden Tag, seit ich unsere Detektivagentur geschlossen habe, und zweitens ist der Mann ein ehemaliger STAATSANWALT! Die Gebrauchsanleitung und die Patronen könnten ihn auf Gott weiß was für Gedanken bringen.«

Vielleicht sogar auf den richtigen. Dann gnade ihr Gott.

Ingeborg winkt ab. »Ach was, der rennt doch selbst ständig mit seinem Schwert durchs Dorf und wirbelt damit in Hendrike Tragelehns Gemüsegarten herum!«

Herr, schmeiß Hirn vom Himmel oder Steine, stöhnt Veronika innerlich, Hauptsache, du triffst! Und bitte besser als ich. Laut sagt sie: »Das ist ein chinesisches Tai-Chi-Schwert und dient rein sportlichen Zwecken. Schuknecht muss Herz und Rücken fit halten. Mensch, Ingeborg, ich habe weder eine Jagderlaubnis noch einen Waffenschein. Und ich nehme auch kaum an, dass unser Förster dir freiwillig eine scharfe Schusswaffe ausgehändigt hat!«

Mit wachsendem Missmut betrachtet sie die Flinte, die in Ingeborgs linker Armbeuge ruht. Vielleicht wäre sie besser bei der Idee mit dem Gift geblieben, damit kennt sie sich nun wirklich aus. Gift ginge vor Gericht allerdings kaum als adäquates Mittel zur Selbstverteidigung oder der impulsiven Notwehr durch. Und putative Notwehr mittels heimlich verabreichter Toxine ist sicherlich auch strafbar. Dabei wäre es so einfach, ein paar unverdächtig ausschauende Samen in einem Knabberschälchen zu platzieren, ein Gläschen Genever damit in Form eines alkoholischen Auszugs zu präparieren oder sie in eine Fertiglasagne zu schmuggeln. Lebensmittelskandale gibt es schließlich alle Nase lang.

»Na ja«, kommt es gedehnt von ihrer Freundin. »Direkt gegeben hat Kümmerling mir das Gewehr natürlich nicht, aber als seine Reinigungskraft bin ich beauftragt, sein Haus gründlich zu putzen, während er bei seiner Tochter in Lüdenscheid zu Besuch ist. Du kennst ihn ja, der versinkt in Schmutz und Chaos, wenn man ihm mal eine Woche lang nicht hinterhersaugt. Allein seine Geweihe – schreckliche Staubfänger. Tja, und Waffen reinigt man doch auch. Ich habe extra ein Fläschchen Ballistol bei eBay ersteigert. Hervorragendes Waffenöl, hilft auch gegen Insektenstiche und Verdauungsbeschwerden, und man kann Gummibäume damit polieren.«

Wahrscheinlich meint die das alles ernst, denkt Veronika erschöpft. Ingeborg hat den IQ einer Fruchtfliege, kombiniert mit einem zwanghaften Putzfimmel. Stundenlang kann die über Essigessenz und Waschsoda dozieren.

»Sag mal«, greift Ingeborg nach einigen Minuten des Schweigens das Gespräch wieder auf, »hast du eigentlich Streit mit deinem, also unserem Herrn Schuknecht? Jetzt nicht eure üblichen Kabbeleien, sondern für immer?«

»Nein«, knurrt Veronika abwesend und lässt im milchigen Licht der Morgendämmerung vorsichtig die Schulter kreisen. Au, verdammt! »Wir haben lediglich eine kreative Gesprächspause eingelegt.«

»Ich frag nur, weil…«, setzt Ingeborg zaghaft an und zupft verlegen an ihrer braunen Pudelkrause, dem bedauerlichen Ergebnis einer Heimdauerwelle.

Diese neue Frisur ist ein Witz – ein schlechter. Was hat sich Ingeborg nur dabei gedacht? Veronika beendet ihren Frühsport für die Schulter. Gymnastik liegt ihr so gar nicht. »Weil was?«

»Weil, wenn du und er, also … wenn ihr nicht mehr zusammen seid…«

»Wir waren nie zusammen!«

Wenn auch eine Weile kurz davor, genau wie vor dem Du, aber nur für wenige Momente der Schwäche, und momentan hat sie wahrlich andere Sorgen.

Ingeborg nicht. »…dann könnte ich doch mal mein Glück bei ihm versuchen, was meinst du?« Gedankenverloren, aber durchaus zärtlich streichelt sie den Gewehrlauf in ihrer Armbeuge.

Hallo?! Das wird ja immer abwegiger und reichlich unverschämt!

»Bei Schuknecht? Du?«

Ausgerechnet! Biblinghausens Antwort auf das Ultra-Dummchen Rose Nylund von den Golden Girls und der völlig vergeistigte Schuknecht ein Paar? Er, ein erklärter Freund von Immanuel Kant, Zen-Kultur und Minimal Jazz, der mit drei Instrumenten und noch weniger Tönen auskommt, und Schwatzbase Ingeborg, die den Rand nicht für fünf Sekunden halten kann, Helene Fischer vergöttert und im Kopf so kraus ist wie ihre missratene Dauerwelle? Die allem Anschein nach Schuknecht anlocken soll. Veronika muss ihren Schmerzen und Sorgen zum Trotz auflachen.

Ingeborg presst sich beleidigt Gewehr und Taschenlampe vor die Brust. »Wieso nicht ich?«

Veronika erspart sich eine Erläuterung, die nur verletzend ausfallen könnte. »Ingeborg, wenn du einen Mann kennenlernen willst, melde dich in einer Singlebörse im Internet an.«

»Das ist nichts für mich, ich rieche gern an den Dingen!«

Respekt! Das zeugt von einem letzten Rest Verstand in Sachen Liebe und Mannsbilder.

»Veronika, bitte, versteh mich doch!«, fleht Ingeborg im Ton höchster Verzweiflung. »Du … du bist wenigstens schon mal geschieden! Aber ich, ich bin noch gar nichts. Mit se-hech-zig Jahren.«

Genauer gesagt, mit 67 Jahren, weiß Veronika, sie sind schließlich ein und derselbe Jahrgang, aber Schwamm drüber. Ingeborgs Stimme wackelt bedenklich, droht in Richtung haltloses Schluchzen abzukippen. Nicht zum Aushalten, wenn eine gestandene Frau sich für einen Kerl so zum Deppen macht!

»Unsinn: gar nichts«, wettert Veronika. »Du bist eine … eine … ähm … äußerst originelle Persönlichkeit mit interessanten Hobbys.« Wenn auch reichlich seltsamen wie orientalischem Schleiertanz, Eulen-Töpfern, keltischen Krafttier-Trommelreisen oder dem Sammeln von Putzmittelproben. »Außerdem warst du immerhin schon mal verlobt«, fällt Veronika ein. Vor etwa vierzig Jahren, aber nun…

»Mit einem Totschläger und Knastbruder«, schluchzt Ingeborg auf.

»Das war der Winfred Löwentraut…«

»Manfred! Er heißt Manfred.«

Was die Sache nicht besser macht. »Von mir aus Manfred, jedenfalls war er nicht ständig im Knast«, versucht Veronika, sie zu trösten.

»Aber seeehr lange und danach immer mal wieder.«

»Aber doch nicht, als ihr euch kennengelernt habt. Da war er doch, im Gegenteil, eine beneidenswert gute Partie. Bei den Eltern! Die hatten als Automatenaufsteller richtig was an den Füßen. Das halbe Bergische Land haben sie versorgt.«

»Mit Drogen und Kondomen!«

»Ingeborg, bitte! Nur weil man Zigarettenautomaten und Präservative unter die Leute bringt, ist man noch lange kein Drogenhändler. Außerdem haben sie ja auch Musikboxen aufgestellt. Die waren nun wirklich harmlos.« Wenn auch mit bedauerlich schlechten Platten bestückt. Noch bis weit in die Achtzigerjahre hinein fuhr in den Löwentraut’schen Boxen Christian Anders’ Zug nach nirgendwo. Wenn die betagten Boxen klemmten, gerne auch in Endlosschleife.

»Spielautomaten hatten sie auch im Programm. Schon vergessen? Dein verstorbener Mann hat doch ständig auf diesen Höllenmaschinen rumgedaddelt. Richtig süchtig hat den das gemacht«, beharrt Ingeborg auf der verwerflichen Seite ihrer potenziellen Ex-Verwandtschaft.

»Wie auch immer«, beendet Veronika die fruchtlose Debatte. »Manfred lebt inzwischen friedlich und zurückgezogen im ehemaligen Haus seiner Eltern.«

»Als haltloser Trinker«, klammert sich Ingeborg an ihr vergangenes Elend wie ein Kleinkind an sein Kuscheltier. Auch so eine weibliche Unart, findet Veronika.

»Und von wegen ›zurückgezogen‹«, jammert Ingeborg unverdrossen weiter. »Heiner Krautloch hat mir zugetragen, dass Manfred seit Kurzem wieder jeden Abend bei Hasims Bruder in der Pizzabude sitzt und Mäusemilch kippt. Seither mache ich einen großen Bogen um das Lokal, dabei liebe ich die Calzone Diavolo mit doppelt Peperoni von Hasims Bruder.«

»Die könntest du dir doch liefern lassen«, schlägt Veronika vor.

Ingeborg winkt ab. »Das ist nicht das Gleiche.«

Ja, denkt Veronika grimmig, weil sie dadurch nämlich um das Vergnügen kommt, mit Hasims Bruder, ihrem bislang größten Favoriten in Biblinghausen, zu flirten, dessen Glutaugen Ingeborg gern mit denen von Omar Sharif vergleicht. Doch das nur am Rande. Etwas anderes interessiert Veronika weit mehr. »Was ist eigentlich Mäusemilch?«

»Raki mit Kondensmilch, weil Manfreds Magen seinen Lieblingsschnaps dann besser verträgt, hat Heiner gesagt, und Hasims Bruder streckt den Raki heimlich mit Anistee.«

Wer Kondensmilch mit Schnaps und Anistee verträgt, muss einen Magen aus Waffenstahl haben, findet Veronika. »Vielleicht trauert Manfred dir und eurem verlorenen Glück immer noch hinterher«, wagt sie einen kühnen Vorstoß. »Die Pizzabude war schließlich mal unsere Stammkneipe, als sie noch unser Lindenbäumchen war. Im Alter werden manche Männer sentimental. Sogar Verbrecher.«

Wahrscheinlich gerade Verbrecher. Besonders die völlig unbegabten, solche wie Manfred Löwentraut eben.

»Nein, nein, nein! Meine Eltern hatten immer recht: Der Manfred hat nie was getaugt. Nie. Und du hast mich doch am meisten gedrängt, ihn sausen zu lassen. Wegen dir hab ich ihm damals den Laufpass gegeben. Erinnerst du dich denn gar nicht mehr daran?«

Nicht so richtig. Genauso wenig wie an Winfreds, ach nein, Manfreds Aussehen. Der Kerl war so unscheinbar wie Raufasertapete, weshalb Veronika sich nicht einmal schemenhaft an seine Erscheinung erinnern kann. Es ist fast so, als sei er ein Phantom gewesen.

Veronika weiß nur, dass sie sich ihren Rat betreffs eheuntauglicher Kerle damals besser selbst zu Herzen genommen hätte. Dann müsste sie jetzt nicht über Mord und Totschlag nachdenken oder um ihr letztes Milliönchen bangen.

Ingeborgs Schluchzen wächst sich zu einem Heulkonzert aus, das den Morgengesang der Vögel um einige Dezibel übertönt. »Ich habe meine Jugend an einen Schwerkriminellen verschwendet, anstatt auf einen ku-hu-hul-ti-vier-ten Mann wie Schuknecht zu warten. Mit Beamtenpension! Dann müsste ich nicht putzen gehen.«

Das muss aufhören. Dringend! Irgendwo im Gebüsch kommt erneut Unruhe auf. Am Ende lauert da noch eine wilde Bache oder ein bissiger Keiler. Es ist Frischlingszeit, und kürzlich hatte ein Jogger in diesem Waldstück eine höchst unerfreuliche Begegnung mit rasiermesserscharfen Wildschweinzähnen.

»Wenn du etwas gegen einsame Trinker hast, kann ich dir von unserem Staatsanwalt a.D. nur abraten«, mischt sich Veronika hastig in Ingeborgs Jaulen ein. »Wilhelm Buschs Spruch ›Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben‹ ist wie auf ihn gemünzt.«

Das ist zwar reichlich übertrieben, um nicht zu sagen schamlos gelogen, aber notfalls muss man flunkern, um eine Freundin vor Enttäuschungen zu bewahren. Und um sich selbst zu schützen. Wer weiß, was eine Dummerliese wie Ingeborg auf Männerjagd gegenüber dem Herrn Staatsanwalt sonst ausplaudern könnte.

Ingeborg stellt das Jaulen umgehend ein. »Herr Schuknecht ist Alkoholiker?«

»Tja. Einsame ältere Männer eben«, nickt Veronika. »Kennst du einen, kennst du alle.«

»Bist du dir sicher? Ich habe ihn noch nie betrunken erlebt.«

»Eben«, bemerkt Veronika knapp. »Typisch Spiegeltrinker. Das Zeug wirkt kaum noch. Deshalb fängt er schon morgens an.«

»Um Gottes willen! Hast du dich deshalb von ihm getrennt?«

Veronika seufzt bekümmert und verlegt sich auf beredtes Schweigen.

»Ach, du Ärmste, dann hast du dich ja genau wie ich an einen haltlosen Trinker und Taugenichts verschwendet! Und das bereits zum zweiten Mal«, kommt es bedauernd, aber hörbar aufgemuntert, ja, beinahe triumphierend von Ingeborg. »Dein Erster, der Bommelbeck, der war ja auch schon ein Riesenreinfall, und den hast du sogar geheiratet…«

»Ingeborg, das genügt.«

»Ja, ja, ich weiß, über Tote soll man nichts Schlechtes sagen und so, aber zu Lebzeiten war dein Bommelbeck wirklich das größte Windei diesseits und jenseits von Wermelskirchen. Dieser halbgare Heiopei hat dich ausgenommen wie eine liebesblinde Weihnachtsgans.«

Jetzt wird sie aber unverschämt! Zu seinen besten Zeiten war Bommelbeck ein Knusperhappen, sozusagen Biblinghausens leader of the pack, der böse Bube mit dem schärfsten Motorrad im Dorf, hinter dem alle Mädchen her waren. Auch Ingeborg! Aber sie, sie hat ihn am Ende gekriegt. Ha!

Ingeborgs Manfred spielte optisch und intelligenztechnisch dagegen in der unteren Bezirksliga und hechelte Bommelbeck wie ein Hündchen hinterher. Besser gesagt fuhr er ihm hinterher – auf einer Zündapp mit schlappen fünfzig Kubik. Lächerlich!

Löwentraut, so erinnert sich Veronika dunkel, hatte – familiär bedingt – nur ein einziges bemerkenswertes Talent, das ihn später in Teufels Küche und am Ende in den Knast gebracht hat. Um ein Haar hätte er dabei sogar Bommelbeck mit hineingezogen, wenn der nicht sogar für richtige Verbrechen zu faul gewesen wäre.

»Sag mal, möchtest du es gleich bei Tageslicht nochmal mit dem Schießen versuchen?«, mischt sich Ingeborg, wie um Versöhnung bemüht, in ihre Gedanken. Sie scheint wohl bemerkt zu haben, dass sie in Bezug auf Bommelbeck ein bisschen zu weit gegangen ist. Tja, auch das ist Ingeborg: mental leicht naturtrüb, aber im Grunde die Gutherzigkeit in Person.

Veronika schüttelt den Kopf. »Wir treten besser den Rückzug an. Gleich ist es hell, und bei Tageslicht wildern hier nicht mal Jean-Lucs russische Beiköche. Davon abgesehen muss ich meine Bürgerversammlung am Freitag vorbereiten und Jean-Luc überreden, sich kostenlos um die Bewirtung zu küm–«

Wüstes Rascheln und das Knacken von Zweigen lassen sie herumfahren. Wusste sie ’s doch, da lauert was im Gebüsch! Ob der vorhin aufgescheuchte Keiler zurück ist und sein Revier wiederhaben will?

»Damn’ wilderness«, flucht das Gebüsch.

Oh. Das kann kein Keiler sein. Schon gar kein bergischer. Das ist jemand, der weit gefährlicher ist.

Veronika entreißt Ingeborg die Waffe und legt – dem bösen Schulterschmerz zum Trotz – erneut an.

2.

Gleich halb acht. Oberstaatsanwalt a.D. Lothar E. Schuknecht schlüpft in seinen taubengrauen Burberry, streicht eine unsichtbare Knitterfalte glatt, drückt einen Borsalino auf sein schütteres Haupt und greift nach einem karierten Regenschirm. Biblinghausens eklatantem Mangel an Flair ist mit entschiedener Eleganz entgegenzutreten! Und dem bergischen Frühling unbedingt zu misstrauen.

Auch wenn die Morgensonne goldene Lichtpfützen auf den Dielenboden von Hendrike Tragelehns Wohnküche malt, könnte der nächste Wolkenbruch keine fünf Minuten entfernt sein. Das Wetter in diesem Landstrich ist ein immerwährender Aprilscherz. Es gibt Menschen, die sich mit den vorgeblichen Schönheiten der umliegenden Hügellandschaft über diese meteorologischen Bedingungen hinwegtrösten. Schuknecht gehört nicht dazu.

Er zieht Flachlandschaften vor. Genauer gesagt: große Städte in Flachlandschaften mit asphaltierten Straßen und Gehwegen, die das Tragen von Schuhwerk für den gehobenen Geschmack erlauben. Er schenkt seinen rahmengenähten cognacfarbenen Oxford Straight Tips einen verzückten Blick. Eigentlich sollte man solche Schuhe nur im Sitzen tragen und in geschlossenen Räumen, vornehmlich in Konzerthäusern, Theatern oder Restaurants, die bequem per Taxi zu erreichen sind.

Aber nun, er hat in diesem Dorf diverse soziale Verpflichtungen, weshalb an eine Rückkehr nach Hamburg und zu seinem kultivierten Pensionärsdasein nicht zu denken ist.

Noch einmal wendet er sich dem Küchentisch zu, an dem seine vornehmlichste soziale Verpflichtung in Person seiner hübschen Pensionswirtin beim Frühstück sitzt oder, genauer gesagt, thront. Ihr kugelrunder Babybauch zwingt Hendrike Tragelehn zu einer majestätischen Sitzhaltung. Die steht ihr ausgezeichnet, genau wie das üppig auf Schulterlänge nachgewachsene, dunkelblonde Haar und das rosig erblühte Gesicht.

Schuknechts Miene wird weich. Vor wenigen Monaten und bei ihrer Ankunft in Biblinghausen war Hendrike ein vollkommen anderer Typ, ja, ein komplett anderer Mensch: eine fadendünne Modemagazinjournalistin, die aus London angereist kam, um den Verkauf des riesigen Fachwerkhauses ihrer verstorbenen Tante Käthe in die Wege zu leiten. Unterkühlt und abweisend spröde war sie, dabei zugegeben apart wie Audrey Hepburn mit einem lackschwarz gefärbten Kurzhaarschnitt. Kurz: eine kosmopolitische Ikone, aber – wie sich später herausstellte – auch ungewollt schwanger von und kreuzunglücklich verliebt in einen Schuft von britischem Verleger und Chefredakteur, der sie privat hintergangen, beruflich und beinahe auch seelisch völlig ruiniert hatte.

Die werdende Mama und Pensionsgründerin Hendrike gefällt ihm besser, mehr als das. Sie ist ihm im Zuge der mörderischen Vorkommnisse im vergangenen Herbst geradezu ans Herz gewachsen. Hendrike ist ein Muster an Tapferkeit, Intelligenz und hat Schneid. Eine Tochter wie Hendrike hat er sich immer gewünscht, und jetzt macht sie ihn auf seinen letzten Lebensmetern sogar quasi zum Großvater.

Gerührt beendet Schuknecht seine Betrachtung. »Und Sie sind sich sicher, dass Sie ein, zwei Stündchen ganz ohne mich zurechtkommen?«, fragt er im Ton milden Zweifels, während er ein Notizbuch in seiner Manteltasche verstaut.

»Ich komme wunderbar alleine klar«, erwidert Hendrike, bestreicht zwei süße Rosinenbrötchen mit Orangenmeerrettich und belegt sie mit Fleischwurst. Genüsslich beißt sie in ihr grauenhaftes Machwerk und bietet ihrem am Boden kauernden Hundekalb eine Scheibe Fleischwurst an, die Luther mit wohligem Seufzer verschlingt.

Igitt! Schuknecht schaudert. Rosinen, Meerrettich und Fleischwurst. Gelegentlich ergänzt sie diese Zusammenstellung sogar durch Schokohagel. Wann hören Hendrikes grauenhafte Gelüste endlich auf? In einem seiner diversen Schwangerschaftsratgeber stand doch, dass merkwürdige Essgewohnheiten sich auf die ersten Monate beschränken. Gestern musste er ihr Dosenravioli mit Ananas – verstaubte Büchsenware aus Veronika Dornbuschs Kramladen – zubereiten.

Hoffentlich sind das keine Vorboten für die künftigen Geschmacksvorlieben des im Mutterleib heranreifenden, bald schon überreifen Knaben! Das wäre ein Schlag für ihn, einen erklärten Freund von Slow Food und Haute Cuisine. Dass Kinder heutzutage ohnehin nur Müll in sich hineinstopfen, ist bekannt, aber dass bereits Ungeborene danach gieren?

So viel steht fest: Er und der belgische Sternekoch Jean-Luc Durant vom gegenüberliegenden Amselhof werden sich der gründlichen Geschmackserziehung dieses neuen Erdenbürgers widmen müssen, sobald die Stillzeit vorüber ist. Gläschenware oder Fertigbrei kommen ihm nicht ins Haus! Der Begriff Homo sapiens steht schließlich nicht nur für den wissenden Menschen, sondern auch für einen Menschen, der sapor, also Geschmacksvermögen, besitzt.

Wie hat er erst gestern bei dem großen französischen Aufklärer Voltaire gelesen? »Menschen mit Geist und Witz besitzen immer auch eine feine Zunge, jene mit stumpfem Geist aber entbehren beides.«

Oder sie sind schwanger.

Hendrike schaut von ihrer kulinarischen Katastrophe auf. »Jetzt gehen Sie schon. Mir passiert nichts«, sagt sie genüsslich kauend und deutet mit dem Daumen zur Hintertür. »Ich will gleich raus in den Garten und…«

»Auf keinen Fall gehen Sie mir in den Garten!«, braust Schuknecht auf. »Das Wetter ist unbeständig, und am Ende kommen diese verrückten Wildschweine von vorhin noch einmal zurück. Die können wer weiß was für Krankheiten übertragen: Tollwut, Wildschweinpest oder Vogelgrippe…« Nun ja, Letzteres wohl eher nicht.

»Ich möchte Erbsen und Spinat säen«, trotzt Hendrike auf. »Das Wetter ist freundlich, und die Wildschweine haben die Beete gründlich umgewühlt. Ich muss also nur noch Kompost aufbringen und die Erde mit dem Rechen glatt ziehen. Meine verstorbene Tante Käthe hatte um diese Jahreszeit längst die Saubohnen gelegt.«

Schuknecht nimmt demonstrativ den Borsalino ab und setzt sich ihr gegenüber an den Tisch. »Gut, dann muss ich meinen Termin bei Jean-Luc streichen und hierbleiben, um Sie von Dummheiten abzuhalten. Oder wollen Sie in einem Erbsenbeet oder auf dem Komposthaufen niederkommen?«

Hendrike verdreht die Augen. »Okay, okay, ich gehe nicht in den Garten, aber zum tausendsten Mal: Ich bin nicht krank, nur schwanger. Meiswinkel hat gestern gesagt, mit mir und dem Baby sei alles in Ordnung, und ich berste vor Kraft.«

»Meiswinkel entbindet für gewöhnlich Kühe! Sie sind hochschwanger und bereits über den errechneten Geburtstermin hinaus. Ich werde da kein Risiko eingehen.«

»Welches Risiko? Ich besitze Handy und Festnetzanschluss, und Sie wollen nur quer über den Marktplatz in den Amselhof. Außerdem haben Sie doch Ihr tolles neues Überwachungsei dabei, um mich auf Schritt und Tritt zu belauschen.« Hendrikes strahlend grüne Augen blitzen keck, während sie auf ein hellblaues ovales Babyphone mit Gegensprechfunktion deutet, das an einer Schnur um Schuknechts Hals baumelt. »Ich hoffe, mit der Farbauswahl versuchen Sie nicht, das Geschlecht meines Babys zu beeinflussen. Mir genügen Veronikas Versuche, ein Mädchen herbeizuhexen. Ich kann weder versprechen, dass mein Wölkchen ein Junge wird«, setzt sie verschmitzt hinzu und tätschelt zärtlich ihren Babybauch, »noch, dass es ein Mädchen wird.«

Schuknechts Hände schnellen abwehrend nach vorn. »Um Himmels willen! Jeder Versuch einer abergläubischen Manipulation bezüglich des Geschlechts läge mir fern.«

Anders als Frau Dornbusch-Bommelbeck, die ständig obskure Räucherkräuter und Teemischungen für Hendrike auf der Türschwelle der Pension deponiert, um sich mit derlei Mummenschanz ein kleines Mädchen zu sichern. Hat anscheinend zu oft Rosemaries Baby gesehen. Sie hat sogar eine dorfweite Wette auf das Geschlecht des neuen Erdenbürgers organisiert und führt die »Fraktion Rosa« an. Alberne Person!

»Wir nehmen natürlich mit Freuden alles, was, ähm, kommt«, beteuert Schuknecht empört. Ein wenig zu empört, wie er zu seinem eigenen Ärger feststellt. Herrje, Emotionen sind eine verdammt verräterische Angelegenheit und machen einen verlässlich zum Trottel! Ein höchst verzichtbares Gefühl für einen Verstandesmenschen wie ihn, noch dazu in seinem Alter.

»Wir?« Das schelmische Blitzen in Hendrikes Augen verstärkt sich.

»Äh, ich meine wir im Sinne von ›wir hier in Biblinghausen‹, also, ähm, alle, die sich mit uns, also mit Ihnen auf die Geburt unseres kleinen Schlingels … oder der kleinen, äh…«

»Schlingeline?«, schlägt Hendrike vor.

»Na, jedenfalls: Ganz Biblinghausen freut sich auf das, was uns erwartet«, beeilt sich Schuknecht, seinen Schnitzer zu übergehen, »also auf das, was selbstverständlich alleine Sie für uns, also nein, alleine, erwarten.«

Was für ein ineloquenter Vortrag für einen ehemaligen Chefankläger und Professor der Rechtsethik!, ärgert er sich und erhebt sich hastig vom Stuhl. Er sollte gehen, bevor er sich vollends lächerlich macht. »Wie sagte Hillary Clinton einst so richtig?«, fährt er auf dem Weg zur Tür erläuternd fort: »›Es braucht ein ganzes Dorf, um einen Kna…, also ein Kind zu erziehen.‹«

Hendrike entschlüpft ein Räuspern, das verdächtig nach Gekicher klingt. Betreten bricht Schuknecht ab, um die Lautstärke seiner Babyphone-Elterneinheit auf die höchste Empfindlichkeitsstufe einzustellen. Ein Fiepen und eine alberne Signallichterdisco zeigen an, dass er auf Empfang ist. Was tut man nicht alles, um eine eigensinnige, alleinstehende hochschwangere Frau vor Unheil zu bewahren!

»Wenn Sie auf der Lautstärkestufe bleiben«, bemerkt Hendrike und knipst ihren auf dem Tisch liegenden Sendeteil an, »hören Sie Luthers Flöhe husten. Ich hoffe, ich muss in der nächsten Stunde nicht auf die Toilette. Versprechen kann ich in dieser Hinsicht allerdings nichts.« Sie hängt sich ihr Babyphone um, legt fürsorglich eine Hand auf ihre Bauchkugel und beißt herzhaft in eine Scheibe Knäckebrot. Das Babyphone vor Schuknechts Brust überträgt ein krachendes Geräusch von infernalischer Lautstärke. Luther jault im Chor.

Schuknecht zuckt zusammen. »Muss das sein?«

»Sorry«, entschuldigt Hendrike sich wenig glaubhaft, »aber Sie sollten sich an einen stark erhöhten Lärmpegel im Haus gewöhnen. Genau wie Luther! Wenn das Baby erstmal da ist, dürfte es mit der Friedhofsruhe hier vorbei sein. Außerdem muss ich dann zügig die Pension voll eröffnen.«

»Friedhofsruhe? Also, so leise bin ich nun auch wieder nicht!«, protestiert Schuknecht. »Noch lange nicht, wie zu hoffen steht. Ich schätze als ehemaliger Herzinfarktpatient und Freund fernöstlicher Kulturen nur meditative Stille.«

Hendrike schlägt sich erschrocken die Hand vor den Mund. »Oh verdammt, ich meinte mit der Friedhofsruhe doch nicht … Sie sind mir der liebste Gast, den ich mir wünschen kann, und ich habe Ihnen so viel zu verdanken, aber von Ihnen allein kann ich leider nicht leben, zumal der Kindsvater bislang wenig Anzeichen erkennen lässt, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.«

»Sie sollten in London endlich einen entsprechenden Prozess gegen ihn anstrengen«, wirft Schuknecht streng ein.

»Nein.« Hendrike schüttelt den Kopf. »Das werde ich nicht tun.«

»Warum nicht?«, bohrt Schuknecht nach. Wie schon so oft zuvor.

»Ich habe meine Gründe«, erwidert Hendrike knapp.

»Ein Vater ist gesetzlich verpflichtet, sich um sein Kind zu kümmern, und dieser Mann hat weiß Gott die Mittel dazu«, beharrt Schuknecht. »Davon abgesehen, dürfen Sie rechtlich gesehen gar nicht auf Unterhaltszahlungen für das Kind verzichten!«

Hendrike schweigt mit missmutig gerunzelten Brauen.

»Nun, wie auch immer«, lenkt Schuknecht ein, der ungern die Ursache für die schlechte Laune einer werdenden Mutter ist, »ein wenig Geselligkeit in diesem Haus täte uns sicher gut.« Solange sie sich im Rahmen hält und Kegelklubs sowie trinkfreudige Wandervögel oder – noch schlimmer – Heiner Krautlochs Motorradidioten ausschließt, die Biblinghausen zurzeit in eine knatternde Lärmhölle verwandeln. Gegen stilvolle Formen der Gastlichkeit hingegen hat er nichts einzuwenden. Im Gegenteil sind sie momentan seine große Mission. Mit ein wenig Geschick könnte es ihm sogar gelingen, die Pension Kutscherhaus in diese Mission gewinnbringend einzubinden, um Hendrike finanziell abzusichern und sie nebenbei auch in amouröser Hinsicht so glücklich zu machen, wie sie das verdient.

In dieser Angelegenheit steht er bei Jean-Luc Durant im Wort. Zu stark forcieren möchte er das Happy End von Hendrikes und Jean-Lucs verzwickter Beziehungsgeschichte allerdings nicht. Nicht, bevor Hendrike entbunden und ihr Knabe das Laufen erlernt hat. Ein Stillkind, eine Pension und dazu eine neue Liebe – das wäre zu viel auf einmal. Zumal verliebte Männer große Kindsköpfe sein können. Erst recht ein emotional gesteuerter Wallone wie Jean-Luc.

Zögernd drückt Schuknecht die Klinke der Küchentür hinunter. Dennoch sollte er das Thema von Zeit zu Zeit anschneiden. Zumindest dezent.

»Darf ich Jean-Luc von Ihnen grüßen? Er erkundigt sich oft nach Ihrem Befinden«, fragt er möglichst beiläufig und verharrt im Türrahmen.

»Nein«, kommt es so prompt wie scharf von Hendrike. Zwischen ihren Augen bildet sich eine Steilfalte.

»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«

»Das geht niemanden etwas an, auch Sie nicht.«

Schuknecht seufzt innerlich. Da ist es wieder: das eigensinnige, spröde, abweisende Fräulein Rühr-mich-nicht-an, als das sie vor wenigen Monaten in Biblinghausen aufgetaucht ist.

Herrje, es wird noch ein hartes Stück Arbeit werden, sie und Jean-Luc zusammenzubringen. Dabei hat der Amselhofwirt wirklich nicht nur ein geschäftliches Interesse an Hendrikes Pensionszimmern vis-à-vis von seinem Restaurant, sondern vor allem ein persönliches an der hübschen Wirtin. Und das bereits seit frühester Jugend, als beide in Biblinghausen lebten und bei Veronika Dornbusch-Bommelbeck, damals die hiesige Dorfschullehrerin, die Schulbank drückten.

»Denken Sie nicht«, wagt Schuknecht einen weiteren Vorstoß, »dass Jean-Luc ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, nach allem, was er im letzten Herbst für Sie riskiert hat?«

Und nach allem, was er für die Gastronomie in Biblinghausen getan hat und noch tun könnte! Es wäre die denkbar größte kulinarische Katastrophe, würde dieser belgische Bocuse seine düsteren Andeutungen wahrmachen und in seine Heimat zurückkehren, und das nur, weil diesem Ausnahmetalent in Biblinghausen Zimmer für Übernachtungsgäste fehlen und zarte Anzeichen von Hendrikes Gunst.

Statt zu antworten, beißt Fräulein Sturkopf-Tragelehn erneut ins Knäckebrot. Unerträglich, dieses Krachen. Das findet auch Luther und erhebt winselnd Protest.

Schuknechts Interesse am Thema Liebe erlischt umgehend. Es liegt ihm einfach nicht.

Er flieht in den Flur, reißt die Tür zur Straße auf und hastet die von den Wildschweinen zertrampelte Auffahrt hinab. Er hastet im Trippelschritt. Unbefestigte Wege und lederbesohlte Oxford Straight Tips vertragen sich schlecht.

3.

Die Bewegungen im Unterholz nehmen an Heftigkeit zu.

»Halt die Taschenlampe drauf!«, zischt Veronika.

Ingeborg gehorcht und taucht, assistiert von goldener Morgenröte, ein Brombeergestrüpp in Licht. Die dornigen Zweige teilen sich; ein sichtlich gereizter Mann in Motorradkluft und mit Piratenkopftuch auf dem Schädel tritt auf die Lichtung.

Ingeborg entfährt ein Seufzer der Wollust. Kein Wunder: Mister Unbekannt ist ein gut aussehender, hochgewachsener und athletischer Mann von Mitte oder Ende fünfzig und entdeckt beim Blick in den Gewehrlauf zudem spontan seine gute Laune und sogar Manieren wieder.

»Ladies«, grüßt er unter knapper Verbeugung und mit amerikanischem Akzent. Dann lässt er den Helm fallen, den er in der Rechten trägt, und hebt betont lässig beide Arme. Ganz so, wie es sich gehört, mit nach außen gekehrten Handflächen. Allein das abschätzige Gary-Cooper-Grinsen des Fremden straft seine Unterwerfungsgeste Lügen.

»Sorry to disturb your hunt, ladies«, entschuldigt er sich breit schmunzelnd und in noch breiterem amerikanischen Slang für die Störung des vermeintlichen Jagdgeschehens.

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