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Mords Jubiläum

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Zitat
  5. Bergischer Bote, 3. August 1985
  6. Bergischer Bote, 2. Mai 2014
  7. 1.
  8. 2.
  9. 3.
  10. 4.
  11. 5.
  12. 6.
  13. 7.
  14. 8.
  15. 9.
  16. 10.
  17. 11.
  18. 12.
  19. 13.
  20. 14.
  21. 15.
  22. 16.
  23. 17.
  24. 18.
  25. 19.
  26. 20.
  27. 21.
  28. 22.
  29. 23.
  30. 24.
  31. 25.
  32. 26.
  33. 27.
  34. 28.
  35. 29.
  36. 30.
  37. 31.
  38. 32.
  39. 33.
  40. 34.
  41. 35.
  42. 36.
  43. 37.
  44. 38.
  45. 39.
  46. 40.
  47. 41.
  48. Dank

BERGISCHER BOTE, 3. AUGUST 1985

Höchststrafe für junge Brandstifter

Köln/Wermelskirchen/Biblinghausen – Die Angeklagten im Brandstifterprozess von Biblinghausen haben ihre Unschuld am grausamen Feuertod von fünf Menschen – darunter zwei Kinder und ein ungeborenes Baby – bis zum Schluss beteuert. Das Gericht urteilte anders: Nach einem Verhandlungsmarathon von fast zwanzig Tagen und zahlreichen Zeugenvernehmungen sprach das Jugendgericht Köln die vier Täter im Alter zwischen 17 und 18 Jahren heute schuldig.

Wegen der besonderen Schwere der Tat schöpfte Richter Kummereit das Strafmaß voll aus und folgte damit den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Sämtliche Angeklagte müssen eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verbüßen. Kummereit sieht es als erwiesen an, dass die vier ehemaligen Patienten der bergischen Suchtklinik von Biblinghausen in der Nacht vom 2. auf den 3. September 1984 unter Drogeneinfluss mehrere historische Außengebäude der Klinik absichtsvoll in Brand gesetzt haben.

Bei dem vernichtenden Feuer kam in einem Brunnenhaus die Familie H. zu Tode: Der Vater, die schwangere Mutter und zwei kleine Kinder hatten sich nach einer Wanderung in dem alten Brunnenhaus einquartiert. Die Flammen überraschten sie im Schlaf, sie hatten keine Chance zu entkommen. Die Jugendlichen hatten einen selbstgemischten Brandbeschleuniger eingesetzt. Lediglich ein Kind der Familie H. konnte aus dem brennenden Haus gerettet werden.

Zwar hätten die Angeklagten, so Kummereit, den Tod der jungen Familie, von deren Anwesenheit im Brunnenhaus sie nicht wussten, nicht beabsichtigt, aber durch ihre Tat die Vernichtung von Menschenleben billigend in Kauf genommen. Die sich rasch ausbreitenden Flammen brannten mehrere Fachwerkhäuser einer ehemaligen Hofschaft im Wald von Biblinghausen nieder. Als Motiv der Täter hat das Gericht aufgestauten Frust erkannt. Mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen kam lediglich der 16-jährige Thomas L. (Name geändert) davon. Ihm konnte eine direkte Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden. Zugute kam L. außerdem die Tatsache, dass er unter Lebensgefahr das einzig überlebende Kind aus dem brennenden Brunnenhaus retten konnte. Eine scharfe Rüge erteilte Richter Kummereit zum Schluss Jürgen Hammelfuß, dem Leiter der Freiwilligen Feuerwehr von Biblinghausen, der im Prozess als einer der Hauptzeugen gegen die Jugendlichen aussagte.

Der 32-jährige Familienvater hatte am Tag des Brandes trotz Bereitschaftsdienst ein Grillfest für seine Mannschaft gegeben. Dabei wurden so hohe Mengen von Alkohol konsumiert, dass die gesamte Truppe bei Eingehen des Feueralarms nicht einsatzfähig war. »Damit«, so Kummereit drastisch, »trägt Biblinghausens Feuerwehr indirekt Mitverantwortung an den verheerenden Folgen der Brandstiftung. Bei rechtzeitigem Eintreffen der Feuerwehr hätten weitere Menschenleben gerettet werden können.«

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BERGISCHER BOTE, 2. MAI 2014

Tod in der Güllegrube – War es Mord?

Wermelskirchen/Biblinghausen – Grausamer Fund in einer Güllegrube. Spaziergänger machten bei der Querung einer Weide nahe Biblinghausen gestern eine schreckliche Entdeckung. Aus einer Güllegrube nahe einem Weidezaun ragte der Arm eines Toten. Der sofort herbeigerufene Notarzt und die Polizei konnten nur noch den Tod des 62-Jährigen feststellen. Es handelt sich um Jürgen H., ehemals Leiter der Freiwilligen Feuerwehr von Biblinghausen. Unklar ist bislang, warum der ortskundige H. in die deutlich gekennzeichnete und ihm seit Jahrzehnten bekannte Güllegrube gefallen ist.

Veronika D., Inhaberin der Postfiliale von Biblinghausen, meldete sich noch am Abend in unserer Redaktion, um ihre schockierenden Mutmaßungen über das tragische Unglück mitzuteilen. »Er ist nicht gefallen, er wurde gestoßen«, so behauptet Frau D. Worauf sie diese Annahme stützt, konnte sie nicht schlüssig erläutern. Frau D. gilt in Biblinghausen jedoch als gemeinhin gut unterrichtet.

Die Polizei will dem Hinweis nachgehen, verweist aber darauf, dass Frau D. bereits des Öfteren wegen mutmaßlicher Verbrechen bei der Kripo Wermelskirchen vorstellig geworden ist, zuletzt wegen des Todes ihrer Nachbarin Käthe T. Die 80-Jährige war am Karfreitag in Folge eines Sturzes in ihrer Küche zu Tode gekommen. Fremdverschulden schließt die Polizei im Falle Käthe T. allerdings eindeutig aus.

Wir werden weiter berichten.

1.

Der Himmel fährt schlingernd Karussell. Die Dhünntalsperre ist ein uferloses graues Loch. Hügel und Höhenzüge verschwimmen im Nebel. Bäume torkeln die Hänge hinab.

Da stimmt doch etwas nicht! So trist sieht das Bergische Land bei Biblinghausen nicht mal nach einer Woche Dauerregen aus.

Mal kurz am Rädchen drehen.

Aha. So stellt man den Feldstecher scharf.

Schon schaut die Welt freundlicher aus. Idyllisch wie eine Märklin-Landschaft. Der Wald ist sommergrün, der Himmel himmelblau, das Wasser schimmert silbern, die Sonne leuchtet abendrot, und alle Bäume stehen stramm. Fantastisch dieser Fernblick! Reicht bis zum fernen Südufer gegenüber und zu einer Aussichtsbank. Man erkennt sogar den Papierkorb daneben.

Igitt, der quillt ja über vor Müll! Irgendwer hat seine Grillreste unsachgemäß entsorgt. Ragt da ein abgenagter Hammelschlegel aus dem Gitterkorb? Oder ist es ein Ferkelgerippe? Was glauben die Leute eigentlich, wer ihre Kadaver hier abholt? In Naturschutzgebieten verkehrt die städtische Müllabfuhr nicht nach Abfallkalender. Die Hammelkeule schillert grün. Muss schrecklich stinken, allerdings nicht für das Liebespaar, das auf der Bank daneben in hemmungslose Knutscherei versunken ist. Der Mann hat helles Haar und alle Hände voll zu tun. Mehr ist von ihm nicht zu erkennen. Die Frau auf seinem Schoß verdeckt den Rest. Mit ihren Haaren, ihrem Körper, ihren Küssen. Sie ist blond, jung und äußerst biegsam.

So was! Das ist ja die Blondine vom Sternerestaurant Amselhof, Jean-Lucs Kellnerin. Und wer ist der Kerl? Auf keinen Fall Mâıtre Jean-Luc. Der hat schwarzes Haar und – wie man in Biblinghausen munkelt – eine dunkle Vergangenheit. Na, sein blonder Schatz scheint auch nicht ohne zu sein. Das ist höchst interessant, aber momentan unwichtig. Hier geht es nicht um gefährliche Liebschaften.

Hier geht es um Mord!

Oder Totschlag. Das muss später das Gericht entscheiden. Eins von beidem wird es in jedem Fall werden.

Darum heißt es jetzt: Zielperson finden und zuschlagen. Kurzer Schwenk zum nahen Westufer. Über Wasser, Wasser, noch mehr Wasser, einen Hang hinauf zu einem einsamen Bungalow. Ziemlich einfallsloser Klotz, aber von der Terrasse muss man eine sensationelle Aussicht haben. Für exklusive Grundstücke hatte Bauherr Schöpper immer einen Blick und als Gemeinderat von Biblinghausen die richtigen Kontakte.

Die Terrassentür schwingt auf. Der neue Besitzer tritt ins Freie.

Kurz das Fernglas nachstellen. Glück muss man haben. Das ist der Gesuchte: Oberstaatsanwalt Lothar E. Schuknecht.

Er trägt Schwarz und, wie es ausschaut, seine übliche Leichenbittermiene. Und das an einem lauschigen Sommerabend. Sauertopf! Oder ist der in Trauer? Nein, dafür ist der Anzug zu salopp und … ein Pyjama! Richtig lummelig sieht der aus.

Oh, jetzt entkorkt Schuknecht eine Flasche Wein. Stellt sie auf seinen Verandatisch. Er geht wieder in den Bungalow und kehrt mit einem Wälzer von Buch zurück. Begleitet von spitzen Jaultönen aus seinem Wohnzimmer. Hat der Mann eine Katze? Wenn ja, muss die rollig sein, oder er schlägt sie. Zuzutrauen ist es ihm.

Der Staatsanwalt im Schlafanzug nimmt in einem Korbstuhl Platz, lehnt sich zurück. Hm, sieht sehr entspannt aus. Scheint sich rundum wohlzufühlen. Und unbeobachtet.

Wenn der wüsste!

Weiß er aber nicht.

Besuch erwartet der offensichtlich nicht.

Wen auch?

Dieser selbstgefällige Griesgram und Schnüffler will in Biblinghausen mit niemandem etwas zu tun haben. Ein erneuter Blick durch den Feldstecher untermauert die Vermutung, dass er allein ist. Schuknecht gießt ein einzelnes Weinglas voll, trinkt aber nicht, sondern versinkt in der Betrachtung des Glases. Darin schillert es köstlich rot. So köstlich, dass man Durst bekommt. Warum trinkt der nicht?

Schuknecht legt die Fingerspitzen seiner Hände so zusammen, dass sie ein Dreieck bilden. Affektierte Geste! Will der den Wein erst segnen? Oh, schließt er jetzt auch noch die Augen?

Kurzes Scharfstellen. Tatsächlich, die Augen sind fest zu.

Will der ein Nickerchen halten? Oder betet der? Schwer vorstellbar. Und wenn, dann sicherlich zum Patron aller Miesepeter. Wird ihm nichts nutzen. Die Gelegenheit ist zu günstig, um sie zu verpassen.

Kurzer Blick auf die Uhr. Die Zeit passt auch. Halb neun, gleich wird’s dunkel. Nicht zappenduster, aber dunkel genug, um sich unbemerkt von der Seite an den Bungalow heranzuschleichen. Es gibt da einen Trampelpfad mitten durchs Gebüsch. Den kennt kein Schwein. Der schon gar nicht. Schließlich ist Schuknecht nicht von hier.

Jetzt aber los.

Rascher Seitenblick zum Komplizen. Der schläft mal wieder. Na, ist eben ein alter Herr.

»He, aufwachen, Kumpel! Höchste Zeit, dass wir zuschlagen! Hörst du nicht? Aufwachen!«

Ein knurrender, unwilliger Laut ist die Antwort.

»Mach schon, und verzieh nicht so das Maul! Eine Viertelstunde, und wir haben die Sache erledigt. Hey, was soll das? Nimm die Pfoten von dem Ding. Wird’s bald? Ich trage das. Du machst nur Unsinn damit.«

Ein unwilliges Grollen ist die Antwort.

»Freundchen! Ich warne dich, mit so etwas spielt man nicht. Hast du eine Ahnung, was mich das gekostet hat?«

Kurzes Gerangel. Metallisches Blitzen. Ein leiser Fluch, ein Winseln. Schon ist geklärt, wer hier das Kommando hat und die tragende Rolle spielt.

»Verdammt, das hätte ins Auge gehen können, Bürschchen! Bei aller Liebe, als Komplize bist du eine glatte Null! Hör auf, so zu wimmern, ich hab dich nicht hart angefasst.« Pause. »Oder hab ich dich hart angefasst?«

Vorwurfsvoller Blick von unten.

»Ist ja gut, tut mir leid. Tut mir ehrlich leid, aber wir sind nicht zum Vergnügen hier. Wenn wir zuhause sind, kriegst du deinen Anteil, verstanden? Ziemlich fetter Anteil. Mehr als gut für dich ist.«

Noch vorwurfsvollerer Blick gepaart mit einer Leidensmiene.

»Okay, okay, meinen Anteil kannst du auch haben. Hauptsache, wir erwischen diesen Schuknecht.«

Endlich. Schweigen im Wald. Sogar dieser penetrante Specht hat sein Tagwerk eingestellt. Durch die Verandatür kräuseln sich dünn wie Rauchfäden die Töne einer japanischen Shakuhachi-Flöte in den Spätsommerabend. Kein esoterisches Synthesizer-Geschwurbel, sondern Tony Scotts feinsinniger Jazz-Klassiker Music for Zen Meditation von 1964. Töne wie hingetupft, äußerst entspannend. Oberstaatsanwalt Lothar E. Schuknecht beendet zufrieden eine kleine Meditation. Auf dem Terrassentisch atmet ein vorzüglicher Rotwein.

So lässt es sich leben. Zumal es seit einer Woche nicht geregnet hat. Was in dieser Einöde namens Bergisches Land, das genaugenommen aus mittelmäßigen Hügeln besteht, einem Wunder gleichkommt. Ihre irreführende Benennung verdankt die Gegend den Herzögen von Berg, ihren Ruf als Idylle allein dem Niedergang der traditionellen Handwerksbetriebe und der Metallindustrie. Jahrhundertelang haben sie die hiesige Luft und sämtliches Wasser verpestet und den Mischwaldbestand zwecks Brennstoffgewinnung geplündert. Bereits im Spätmittelalter wurden örtliche Bäche und Flüsse von Gerbern, Blaufärbern und Bleichern in stinkende Kloaken verwandelt. Nicht weit von hier gab es vor etwas mehr als hundert Jahren auch noch geheime Pulvermühlen, deren gelegentliche Explosionen die Arbeiter Beine, Arme oder das Leben kosteten. Von Salpeterverätzungen ganz zu schweigen. In Lumpen-und Papiermühlen fingen sich ganze Frauengenerationen – manche noch Kinder – die Tuberkulose ein. In Hammermühlen ging es ihren Männern nicht besser, Richtung Wuppertal schufteten sich Hutbandweber und Seilmacher zu Tode. Mit anderen Worten: Ländliche Idylle herrschte hier selten. Auch nicht für die Bauern. Und kulturell gesehen ist das Bergische nach Schuknechts Dafürhalten bedauerlich unterentwickelt.

Sentimentale Naturbetrachtung, findet der Oberstaatsanwalt a. D., ist dafür keine Entschädigung. Sinnloses Herumwandern auf morastigen Waldpfaden erst recht nicht. Schadet dem Schuhwerk, auf das er viel Wert legt.

Zugegeben: Es ist dennoch vergnüglich, hier auf der Terrasse zu sitzen. Aber zum Vergnügen ist er nicht vor zwei Monaten hergezogen. Nein, das ganz sicher nicht.

Schuknechts Blick streift sein Darn Jian, das griffbereit am Tischbein lehnt. Die untergehende Sonne entlockt der Stahlklinge des Schwerts glühende Lichtreflexe. Soeben hat er mit dem Darn Jian seine Tai-Chi-Übungen vollzogen. Eine verkürzte Version des Pekingstils, zweiunddreißig ineinander überfließende Bewegungsfolgen aus der Nahkampfpraxis, die Seele, Geist und Körper in Harmonie und in Kontakt mit dem Chi bringen, der überall fließenden Lebensenergie. Die möchte er sich mit seinen fast siebzig Jahren noch ein Weilchen erhalten. Darum das Schwert. Ein scharfes, zweischneidiges, tödliches Schwert.

Vergnügen, Heiterkeit oder gar Ausgelassenheit wären bei Übungen mit dieser Waffe fehl am Platz. Überhaupt sind derartige Gefühlszustände geeignet, seinen Verstand zu trüben, auf den er angesichts seines Vorhabens und auf seinen vielleicht letzten Lebensmetern nicht verzichten kann.

Ebenso wenig wie auf sein abendliches Glas Rotwein. Man muss auch entspannen können. Sich der passiven, weiblichen, feuchten Yin-Energie hingeben, um im entscheidenden Moment mit aktiver, männlicher Yang-Energie zuschlagen zu können.

Wobei man mit einem Tai-Chi-Schwert nie dumpf draufhaut, sondern geschmeidige, schneidende Bewegungen vollführt. Heutzutage üblicherweise in Richtung eines unsichtbaren Gegners. Tai-Chi – ob mit bloßer Hand, Stock, Fächer oder Schwert praktiziert – dient in erster Linie der Selbstschulung, der Zähmung des inneren Kriegers und der Schärfung der Wahrnehmung. Das Ganze erinnert an einen exakt choreographierten Schattentanz. Der mit einem Schwert wie dem seinen für einen echten Gegner allerdings tödlich enden kann. So man das möchte.

Nun, besser er als ich, denkt Schuknecht mit einem Anflug von Grimm. Niemand setzt ihn ungestraft auf eine Todesliste.

Niemand.

Er nippt am Glas, kaut bedächtig den ersten Schluck, lässt ihn die Kehle hinabrinnen. Als Kenner schmeckt er Lederaromen und eine Zedernnote im Abgang. Zufrieden schweift sein Blick über seinen nach Fengshui-Prinzipien frisch angelegten Hanggarten. Weiße Kieselbeete und gestutzter Fächerahorn. Auf einen Teich mit Koi-Karpfen, die angeblich Erfolg verheißen, hat er verzichtet. Zum einen, weil er Glücksfische für Firlefanz hält, zum anderen, weil man es mit der Wasserenergie an diesem Ort nicht übertreiben muss.

Umrahmt von bewaldeten Höhenzügen, Weiden und Laken aus braunen oder gelben Feldern, funkelt am Fuß seines Gartens Westdeutschlands größtes Trinkwasserreservoir im Abendlicht. Vierhundertvierzig Hektar Wasser. Die Dhünntalsperre.

Von dort droht keine Gefahr. Niemand kann sich ihm von der Wassersperrzone, in der Wandern, Baden und Bootfahren verboten sind, geräuschlos oder unsichtbar nähern. Glatt wie ein Spiegel liegt die Talsperre da. Ganz wie Karl Mays Silbersee.

Karl Mays Silbersee?

Herrje, was für ein peinlicher Vergleich! Naturschwärmerei und Schundliteratur sind ihm als Freund von Aufklärungsphilosophie, Kenner ostasiatischer Kultur und Tai-Chi-Schüler ein Gräuel. Natur ist nicht hübsch, idyllisch oder romantisch. Natur ist – etwa in Form von echten Bergmassiven – erhaben und sollte in einem Verstandesmenschen wie ihm lediglich interesseloses Wohlgefallen auslösen. Ganz wie Immanuel Kant es formuliert hat.

Schuknecht nickt. Mit interesselosem Wohlgefallen lässt es sich leben. In Frieden leben. Anders als mit jeder Form fehlgeleiteter Leidenschaft. Etwa für Natur oder Frauen.

Frauen? Herrje, wie kommt er jetzt darauf? Schuknecht runzelt die Stirn. Dieses Kapitel hat er vor fünfzehn Jahren mit seiner zweiten, äußerst kostspieligen Scheidung abgeschlossen. Wie heißt es so schön: Was der Verstand beim Eingehen der Ehe zu wenig leistet, muss er während der Ehe mit Wucherzinsen nachzahlen. Und er sogar danach. Vorbei. Seit seinen Scheidungen lebt er leidenschaftslos glücklich, ganz wie ein Zen-Mönch im Stadium der Erleuchtung.

Nun ja, zufrieden, trifft es eher. Zufriedenheit ist die höchste Form des Glücks.

Er entfernt eine Fluse von seiner Tai-Chi-Kluft aus schwarzer Maulbeerseide und nippt erneut am Wein. Kurz hält er sein Gesicht in die Strahlen der weichenden Sonne. An Abenden wie diesem ist man versucht zu meinen, das Bergische Land habe geradezu das Zeug zum Paradies.

Schuknecht zuckt zusammen.

Was denkt er sich heute bloß zusammen? Zwei Monate bergische Einöde scheinen seinen Verstand verwildern zu lassen, oder liegt es am Wein?

Oberstaatsanwalt a. D. Schuknecht schielt zur Flasche. Ziemlich muskulöser Brunello di Montalcino. Fünfzehn Prozent Alkohol. Mehr als ein Glas sollte er sich am Abend nicht davon gönnen. Nicht, bevor er seinen Feind erkannt, gestellt und vernichtet hat. Zumal er seit geraumer Zeit auf gehaltvolle Abendmahlzeiten verzichtet. Der Figur und seiner Gesundheit zuliebe.

Die Welt ein Paradies! Schuknecht schüttelt in stummem Selbsttadel sein vogelartiges Haupt. Berufsbedingt weiß er, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Hölle lauert überall. Auch in Biblinghausen an der Dhünntalsperre. Gerade hier in Biblinghausen. Daran kann es nicht den leisesten Zweifel geben.

Was nicht an Biblinghausen – einer Kleckergemeinde zwischen Altenberg, Wermelskirchen und Hückeswagen – liegt. Das Dreckstück Mensch verdirbt jeden Ort mit seinem unausrottbaren Drang, die vorgegebene Ordnung der Dinge durcheinanderzubringen. So ist das.

Ordnung, nickt Schuknecht sich erneut zu, Ordnung ist das Urgesetz des Universums – nur leider nicht der Menschenwelt. Da muss man immer und immer wieder nachhelfen.

Ein Rascheln stört ihn in seinen Gedanken auf. Schuknecht reißt den Kopf in Richtung des Geräuschs herum. Eine Amsel hüpft schimpfend unter einem Gebüsch hervor. Seine Miene entspannt sich. Vortrefflich reagiert! Auf sein scharfes Gehör ist Verlass, genau wie auf sein scharfes Schwert. Sein Blick klettert an der Schneide entlang zur Tischplatte empor und bleibt an einem Ungetüm von Lexikon hängen.

Verdammt, er ist wirklich nicht zum Vergnügen hier! Er muss sich weiter vorbereiten. Seufzend greift er nach Band drei der Insekten des deutschen Reiches von 1907. Noch immer ein Standardwerk, wie ihm ein Vertreter der Gesellschaft für Entomologie – also Insektenkunde – versichert hat. Der Lederband knarrt beim Aufschlagen.

Bildtafeln mit Käfern springen Schuknecht ins Auge. Widerliches Geschmeiß. Unwillkürlich verspürt er ein Kribbeln auf Armen und Beinen. Nun, was tut man nicht alles, um sich eine Tarnung zuzulegen. Eine Tarnung als Sonderling und Insektenfreund, den es nach Jahrzehnten des anonymen Großstadtlebens aufs Land zieht und der dem Kontakt zur menschlichen Spezies nichts abzugewinnen weiß.

Sein angebliches Hobby hat ihm bei der Besichtigung der Brandruinen der alten Suchtklinik, die mitten im Wald liegen, schon gute Dienste geleistet. In Biblinghausen glaubt man, er treibe sich nur deshalb ständig in den denkmalgeschützten Gebäuderesten herum, weil er nach dem schwarzen Kiefernprachtkäfer Ausschau hält, der seine Larven mit verkohltem Totholz füttert. Im Dorf selbst wird er mit diesem unappetitlichen Waldbewohner nicht weit kommen. Da braucht er etwas anderes.

Widerwillig wendet er sich dem Lexikon zu. Sein Blick fällt auf die Schautafel eines Ameisenhügels im Querschnitt. Der gefällt ihm, weil unter den staatenbildenden Insekten Ordnung herrscht. Alles und jedes hat hier seinen vorbestimmten Platz. Auch die bis zu eine Million Ameisen, die mit Präzision ihrer Bestimmung nachkommen und ein Wunderwerk erschaffen. Ohne Mord und Totschlag – von der Abwehr gewisser Feinde abgesehen.

Selbst die geringste Ameise besitzt Tugenden, um die Zen-Meister oder Tai-Chi-Lehrer ihr Leben lang ringen: Gleichmut, Absichts- und Leidenschaftslosigkeit. Nur weil es der menschlichen Spezies an diesen Eigenschaften chronisch mangelt, befindet sich die Welt in einem beständigen Zustand von Chaos und Unfrieden.

Beides hat Schuknecht als Vertreter der Anklage und später als Professor für Rechtsphilosophie überreichlich zu schaffen gemacht. »Der Mensch«, beschied schon Immanuel Kant, »ist das einzige Wesen, das erzogen werden muss.«

Was nach Ansicht Schuknechts selten Erfolg hat.

Nur gut, dass er das Gros seiner Mitmenschen in Biblinghausen für den Rest seiner Tage wird meiden können. Sein Bungalow, den er von einem ehemaligen Gemeinderat erworben hat, ist von Biblinghausens Ortskern durch viel Wald und einen Forstweg getrennt. Der Weg ist – Herrn Gemeinderat sei Dank! – als Sackgasse ausgeschildert, mit Durchfahrtverbot belegt und endet im Nirgendwo. Genauer gesagt vor einem Gittertor, das den Zutritt zur Dhünntalsperre unmöglich macht. Was ihm – Schuknecht – einen exklusiven Ausblick auf die Wasserfläche erlaubt. Gemeinderat Schöpper konnte sich als Exmitglied des Bau- und Planungsausschusses das Seegrundstück sichern, bevor Bauvorhaben an diesem Ort verboten wurden. Clever, der Gute. Das beweist auch der Trick mit dem Forstweg.

Freilich verirren sich an Wochenenden trotzdem Wandergruppen in alberner Funktionskleidung vor den Talsperrenzaun und damit vor seinen Garten. Manche mit Badetaschen. Was ihm sinnleere Gespräche aufzwingt, falls er seinen Garten nicht meidet.

»Hallo! HALLO!«, schreit es dann. »Kommt man hier denn überhaupt nicht ans Wasser?«

»Können Sie keine Schilder lesen?«

»Doch, natürlich, aber wir dachten …«

»Falsch! Genau das haben Sie nicht getan. Hätten Sie nachgedacht, wären Sie nicht hier.«

Nur gut, dass die Gemeinde Biblinghausen überwiegend von eingeborenen bergischen Sturköpfen bewohnt wird. Grußworte lassen sich vermeiden. Man begegnet sich in schweigsamer Würde. Von bedauerlichen Ausnahmen abgesehen. Leider hat die Nähe zu Köln und Düsseldorf in Biblinghausen eine rheinische Unterwanderung des starrköpfigen bergischen Temperaments zugelassen. Es wimmelt in Biblinghausen zwar nicht von rheinischen Frohnaturen, aber herrje!, zwei bis drei Kölner genügen, um den ursprünglichen Charakter des Dorfes zu zerstören. Die Zugezogenen neigen zu Schwatzhaftigkeit und unerschütterlicher Selbstbegeisterung.

Neben rheinischen Frohnaturen wohnen in den Fachwerkhäusern des Ortskerns minderbegabte Töpferinnen, esoterisch-ökologische Spinner und Großstadtflüchtlinge auf der Suche nach Beschaulichkeit. Der vernunftbegabte bergische Teil der Dorfbewohner verzichtet dagegen auf malerisch verfallende Behausungen in feuchter Tallage. Die Eingeborenen ziehen Niedrigenergiehäuser mit Solarpaneelen in Hanglage vor.

Es ist anzunehmen, dass sie von dort aus spöttisch auf alle Dorfnostalgiker herabschauen. Und auf jene Tagestouristen, die anreisen, um sich bei Hasim – einem algerischen Schlitzohr, der das historische Mühlenlokal betreibt – lederartige Waffeln mit Sprühsahne und dünnen Dröpelminnakaffee andrehen zu lassen, anstatt sein vorzügliches Couscous mit Lamm zu kosten.

Andere steuern Heiners Tattooworld im Schatten der Dorfkirche an, um sich sinnfreie chinesische Schriftzeichen in den Arm stechen zu lassen. Ein Angebot, das sich an die im kurvenreichen Eifgental epidemisch auftretenden Motorradhorden wendet. Offenbar erfolgreich.

Einzig die Klatschzentrale im Ortskern scheint ein Relikt aus vergangenen Zeiten zu sein. Es ist ein Edeka-Laden samt Postfiliale. Mit eigenwilligen Öffnungszeiten, wie Schuknecht bei dem Versuch, einen Einschreibebrief abzuholen, feststellen musste. Höchstens vier Stunden am Tag sind Kunden willkommen: zwischen 6:30 Uhr und 11 Uhr morgens. Ungefähr.

Geführt wird der Schrummelladen von einer pensionierten Grundschullehrerin mit Doppelnamen. Schuknecht runzelt die Stirn. Wie lautete der noch? Stand unter den Öffnungszeiten. Auf einem Schild aus Salzteig. Irgendwas mit Bimmel oder Bummel?

Egal, muss man sich nicht merken! Besagte Dame stellt hinter halbblinden Scheiben ein obskures Angebot aus: Neben Ansichts- und Wanderkarten werben Faltblätter für ihre Frauenkräuterseminare im Bergischen Freilichtmuseum Lindlar. Frauenkräuter! Firlefanz! Strickstrümpfe und bizarre Töpferwaren aus hiesiger Fertigung runden neben Eiern von einer Straußenzuchtfarm im Nachbardorf Emminghausen das Sammelsurium ab.

Straußeneier!

Nur gut, dass Biblinghausen neben derlei Absurditäten den Amselhof zu bieten hat. Ein Sternerestaurant, das – der Nähe zu Düsseldorf und Köln sei in diesem Falle Dank – vor einem Jahr eröffnen konnte. Selbstredend ist der Amselhof seine Mittagskantine geworden.

Der aus Belgien stammende Wirt und Koch, Jean-Luc Durant, hält ihm stets einen Nischentisch frei und geschwätzige Dörfler, die den Amselhof noch immer für ein Pfannkuchenhaus halten, vom Leib. Schuknechts werdendes Hobby – Insektenkunde – tut ein Übriges.

Was er über die Bewohner von Biblinghausen wissen muss, teilt ihm Jean-Luc diskret mit. Ohne lästige Nachfragen. Im Gegenzug verscheucht Schuknecht Töpferinnen und grüne Witwen in Reiterstiefeln aus Jean-Lucs Nähe. Der Mittvierziger ist zwar allem Anschein nach an seine blonde Bedienung vergeben, wirkt dank seines Belmondo-Gesichts aber dennoch anziehend auf Frauen.

In Biblinghausen – daran besteht für Schuknecht kein Zweifel – ist das eine Strafe. Konkurrenz oder Entlastung hat Jean-Luc einzig in der Person von Dr. Friedestrom, einem scheuen Mediziner mit Hünenfigur und Chirurgenhänden. Dabei ist Friedestrom gar kein Chirurg, sondern Chefarzt der neu errichteten Suchtklinik mitten im Wald. Was die Biblinghäuser nicht davon abhält, Friedestrom in Notfällen – oder das, was sie dafür halten – als Dorfarzt zu missbrauchen.

In Schuknechts Rücken beendet ein hell aufzüngelnder Flötenton Tony Scotts musikalische Zen-Meditation und Schuknechts Gedankenausflug nach Biblinghausen. Er seufzt. Zurück zu den Insekten.

Der Oberstaatsanwalt a. D. rückt Taschenlampe, Lupe und ein Schälchen gärendes Fruchtmus auf dem Tisch zurecht. Mit Letzterem hofft er dämmerungsaktive Vertreter der Gattung Macrolepidoptera anzulocken. Sobald er ernsthafte Nachforschungen im Dorf beginnt, muss er gängige Großschmetterlinge auf einen Blick zuzuordnen wissen. Vor allem Nachtfalter erlauben einen großen Bewegungsradius. Am besten wird sein, er sucht sich als Objekt seiner vorgetäuschten Begierde ein Gattungsexemplar aus, das extrem selten ist.

Der hier sieht vielversprechend aus: Tyria jacobaeae, auch Jakobskrautbär oder Blutbär genannt. Ein lichtscheuer Falter aus der Unterfamilie der Bärenspinner, Grundfarbe der Vorderflügel: schwarz, Hinterflügel: karmesinrot. Sein Nachwuchs besteht aus gelb-schwarz geringelten, weiß behaarten, giftigen Raupen. Das Gift verdankt sich dem reichlichen Verzehr von Jakobskreuzkraut.

Schuknecht nickt, diese Falter und erst recht dessen Raupen dürfte er auf Anhieb erkennen. Falls er das Pech haben sollte, solchem Gewürm zu begegnen. Na, ist unwahrscheinlich. Der Blutbär ist vom Aussterben bedroht. Wäre kein Verlust für die Menschheit.

Erneut lässt ihn ein Geräusch aufhorchen: schleichende Schritte.

Oho! Mit einer so frühen Konfrontation hat er nicht gerechnet, zudem hat er mehr taktische Raffinesse erwartet. Schuknechts Körper strafft sich, seine rechte Hand gleitet zum Schwertgriff, seine Ohren versuchen, die Richtung zu orten, von der aus sich der Eindringling nähert.

Da! Ein Blätterrascheln aus nordnordöstlicher Richtung – also seitlich rechts von ihm. Es folgt ein knackendes Geräusch, wie es beim Zertreten von Reisig entsteht, dann wieder Stille. Er weiß, warum. Der neben seiner Terrasse ausgebrachte Bambusmulch schluckt die Schrittgeräusche. Trotzdem macht er mühsam unterdrückte Atemgeräusche aus.

Schuknecht streckt Zeige- und Mittelfinger seiner freien Linken vor, berührt mit dem Daumen den Ring- und den kleinen Finger der Hand, sodass sie einen Ring bilden. Eine im Tai-Chi unverzichtbare Handhaltung, die den energetischen Ausgleich zur schwertführenden Rechten herstellt. Geschmeidig wie eine Katze und flink wie eine Eidechse – eine zugegebenermaßen leicht betagte Eidechse – erhebt er sich aus seinem Korbstuhl. Keine Sekunde zu spät. Tai Chi heißt, einen Angriff zu erspüren, bevor er geschieht. Das ist ihm vorzüglich gelungen.

»Endlich hab ich Sie!«, keucht es heiser und unverkennbar triumphierend kaum zwei Meter hinter ihm.

Darauf gibt es nur eine Antwort: in einer pirourettenartigen Bewegung herumwirbeln und mit schneidender Abwärtsbewegung zum Angriff übergehen. Die Figur – im waffenfreien Chi Gong als Sternenkomposition im Großen Bären bekannt – gelingt ihm mit Schwert noch nicht vollkommen. Ein reißendes Geräusch an seiner hinteren Hosennaht verrät zudem, dass seine maulbeerseidenen Trainingshosen zwar elegant, aber weniger strapazierfähig als behauptet sind. Zugleich muss er mit ungeplantem Hüftschwung einem Hund ausweichen.

Ein wahres Untier von Hund mit tellergroßen und, wie ihm scheint, glühenden Augen, schießt auf ihn zu. Sei’s drum, sein Herrchen, das er nur als Schatten wahrnimmt, hat keine Chance, seine Waffe zum Einsatz zu bringen. Klappernd und mit blechernem Scheppern geht sie zu Boden. Das Getöse lässt den Hund aufjaulen und einen Satz nach hinten tun. Kann man verstehen. Das Scheppern schmerzt auch in Schuknechts empfindlichen Ohren.

Was für eine Waffe verursacht im Fallen derart infernalischen Lärm?

Gleichgültig, er hat genug damit zu tun, dem nach allen Seiten spritzenden Blut auszuweichen.

Spritzendes Blut?

Moment mal!

Er hat doch gar keine Gliedmaßen oder menschliche Weichteile getroffen. Oder doch? Schuknechts Blick gleitet entlang der Schwertklinge zu Boden. Ihre Spitze steckt im Terrassenholz fest. Es dauert nur Sekunden, bis sich seinem Verstand die wahre Natur der blutigen, breiartigen Bescherung zu seinen Füßen erschließt.

Die Waffe, die er dem schemenhaften Eindringling aus den Händen geschlagen hat, ist – ein Kuchen.

Genauer gesagt ein Kirschkuchen.

Samt Blech.

Daher das Scheppern, darum das Blut.

Quatsch, Saft!

Kirschsaft, registriert sein Hirn.

Vermengt mit Biskuit und reichlich Sahne.

Jemine, so viel ist klar: Als Tai-Chi-Kämpfer hat er sich soeben gründlich blamiert. Als Volltrottel hingegen hat er Anspruch auf das Siegertreppchen. So viel Ehrlichkeit muss sein. Immerhin hat er eine der ersten Regeln des chinesischen Weisheitsbuches Tao Te King, der Bibel aller Tai-Chi-Schüler, missachtet: Der Weise übe sich im Wirken ohne Handeln.

Aristoteles hätte ebenfalls die quasi gottgleiche Haltung des »unbewegten Bewegers« empfohlen. Leider hilft ihm Philosophie jetzt nicht weiter. In der Praxis hat er versagt.

2.

Der Hunderiese drängelt nach vorne, macht sich mit gewaltiger Zunge über den Kuchenbrei her, leckt und schlabbert um die darin steckende Klingenspitze herum. Und um ein Paar dreckverkrustete Gummistiefel.

Oh, die sind neu im Bild.

Schuknechts Blick konzentriert sich auf die Stiefel, klettert Zentimeter für Zentimeter nach oben. In den Stiefeln stecken stramme Beine in lila Latzhosen. Es folgt ein üppiger Vorderbau. Zögernd hebt er sein Vogelhaupt und sucht das Gesicht des Hundebesitzers. Besser gesagt der Besitzerin: Lila Latzhosen, ein Busen und ein Blechkuchen lassen naturgemäß nur einen logischen Schluss zu.

Der Überbringer ist eine Frau.

Eine Frau mit bedauerlichem Modegeschmack.

Um ihren Hals winden sich ein Feldstecher, ein papageienbuntes Ethnotuch und ein Klimbim aus Perlen, Federn und Amuletten. Scheußlicher Firlefanz! Fehlt nur eine selbstgefädelte Nudelkette oder der Knochen in der Nase. Diese Person, diese Frau, ist eine Parodie auf … auf was auch immer!

Unwillig sucht Schuknecht das Gesicht, das zu diesem erschütternden Outfit gehört. Er entdeckt Apfelbäckchen – nicht faltenfrei – und irisierend blaue Augen. Die ihn mustern. Scharf mustern. Für eine Millisekunde glaubt er gar, ein Quäntchen Spott in ihnen wahrzunehmen.

Aber nein, er muss sich täuschen. Das schrille Kichern, mit dem seine Besucherin die Stille beendet, entlarvt sie als ebenso töricht, wie es ihr Outfit ist.

»Et ess en schlächte Kermess, wo nüss kapottgeht!«, prustet die Person.

Schuknecht runzelt die Stirn. War das Holländisch?

»Wie meinen?«

»Bergisches Sprichwort. ›Das ist eine schlechte Kirmes, bei der nichts kaputtgeht‹«, übersetzt sein ungebetener Gast und deutet auf den Brei am Boden. »Mein schöner Kuchen dürfte mausetot sein.« Die Frau hebt neckisch den Zeigefinger und fuchtelt damit unter seiner Nase herum. »Sie sind mir ja ein ganz Wilder! Na, immerhin haben Sie nicht den Honiglikör getroffen. Hiesige Spezialität vom Hollerhof. Kleines Schlückchen auf den Schrecken?«

Sie schüttelt neckisch ein mit Geschenkbandkringel verziertes Fläschchen in ihrer Rechten. An ihrem Arm baumelt ein praller Beutel, der weitere Gaben androht.

»Gestatten? Ich bin Veronika Dornbusch-Bommelbeck von der hiesigen Postfiliale. Kennen Sie die schon? Ich bin gekommen, um Sie im Namen von ganz Biblinghausen willkommen zu heißen«, dampfplaudert sie los. »Man sieht Sie im Dorf ja kaum. Außerdem habe ich Ihre Post für Sie gesammelt.«

Sie kramt im Beutel. »Mal sehen, was ich alles für Sie habe. Also, einen Einschreibebrief von einem Kölner Bewährungshelfer namens Naumann, eine Apothekensendung … Da rappelt es ganz schön in der Kiste – ich hoffe, beim Transport ist nichts kaputtgegangen! Päckchen sind ja nicht versichert. Erwarten Sie lebensnotwendige Tabletten in Glasfläschchen? Äußerst unvernünftig, sich so etwas per Post zusenden zu lassen. Unser wunderbarer Doktor Friedestrom kann Ihnen die sicher auch anders besorgen. Ach ja, ein asiatisches Waffenmagazin ist auch dabei. Ich fürchte, der Umschlag ist eingerissen, daher konnte ich den Inhalt erahnen. Den Katalog hätte der Postbote natürlich in Ihren Kasten werfen können, aber er hat alles bei mir abgegeben, weil Sie so selten zuhause sind.«

Frau – wie hieß sie noch? – pflückt ihren Baumwollbeutel vom Arm. Eine Batikarbeit. Sie umkreist Hund und Kuchenbrei und deponiert die Post schwungvoll auf seinem Terrassentisch. »Ich musste meiner Nachbarin Sophie eben noch beim Stallausmisten helfen. Krankes Pferd, Hufabszess, dazu drei kleine Kinder und der Mann ständig auf Dienstreise. Verkauft Traktoren und Landmaschinen in aller Welt. Na, man hilft, wo man kann, nicht wahr?«

Dem Beutel entsteigt eine Duftmischung aus Patschuli und Stallmist. Schuknecht verengt angewidert die Nasenlöcher. Zu einer Erwiderung fehlt ihm die Kraft in Anbetracht von Frau Bommelbeck-Dingsdas Dreistigkeit und ihrer Haare. Die scheint sie sich ebenfalls mit Kirschsaft gefärbt und mit Stricknadeln frisiert zu haben.

Die feuerrote Hochsteckfrisur erinnert an ein schlampig aufgewickeltes Wollknäuel. Mehrere Stränge Garn – Quatsch, Haare! – haben sich gelöst und umlodern ihre Apfelbäckchen wie Schlangenzungen.

Und was baumelt da an ihren Ohren?

»Sind das Totenköpfe?«, entfährt es ihm unwillkürlich.

»Ja, niedlich, oder?«, antwortet Frau Wie-auch-immer und wackelt mit dem Kopf, um sie tanzen zu lassen. »Man kann sie auch anknipsen, dann blinken die Augen. Ich bin gerade zu einem Hexentreffen unterwegs. Heute ist Vollmond, und wir wollen endlich die Sache mit dem Jungfrauenopfer filmen. Sehr gruselig. Es gibt da nämlich eine berühmte Biblinghäuser Sage …«

Schuknecht hört nicht mehr hin. Hexentreffen. Grundgütiger! Dazu diese Latzhose. Was will diese Person darstellen? Eine Kreuzung aus satanischem Karlsson vom Dach und Pumuckl als Beelzebub? Unfassbar! Die Dame – falls man das überhaupt sagen kann – ist nun wirklich über jenes Alter hinaus, in dem das weibliche Geschlecht sogar in Kartoffelsäcken anziehend wirkt. Oder sich schmeicheln darf, ein unwiderstehlicher Knalleffekt der Natur zu sein, wie Philosoph Schopenhauer über junge Frauen in der Blüte ihrer Jahre zu sagen pflegte.

Nach fünfzehn weiteren Minuten schwirrt Schuknecht der Kopf. Diese Person ist nicht allein optisch eine Zumutung, sondern auch akustisch. Erst entschuldigt sie sich mehrfach dafür, ihn im Schlafanzug überrascht zu haben – Schlafanzug! –, dann tut sie seine komplexen Schwertübungen mit einem nicht sehr respektvollen »Ach so, diese chinesische Seniorengymnastik« ab und empfiehlt ihm die örtliche Yogaschule von Ingeborg.

»Da hätten Sie Gesellschaft. Reizende weibliche Gesellschaft, lauter ältere Semester wie Sie, und Yoga geht auch ohne Schwert, wissen Sie. Am Ende verletzen Sie mit dem Ding noch wen. Oder sich selber.«

Kichern.

Wie dumm kann man noch sein? Als ob seinen auf Ordnung und Methode abzielenden Geist Yoga reizen könnte. Soweit er Bescheid weiß, geht es bei Yogaübungen darum, den »monkey mind«, also seinen Affengeist, davon abzubringen, von Gedanke zu Gedanke zu turnen. Ganz still soll er stehen. Der Verstand. Zwecks Meditation. Geistiger Stillstand. Nein danke!

Schuknecht unterdrückt den Drang, dem Gerede dieser Frau ein Ende zu setzen. Yoga! Dazu noch das mit Yoga verbundene hinduistische Göttergewimmel mit Rüsseln, Dutzenden Armen oder Schwanenflügeln, von denen Frau Wie-auch-immer gerade zu schwärmen beginnt. Weitschweifig. Erst Hexen, nun Hinduismus. Die sollte sich mal lieber an den Korintherbrief halten: »Gott ist nicht ein Gott der Unordnung. Wie es in allen Gemeinden der Heiligen ist, sollen die Frauen in der Gemeindeversammlung schweigen, sie sollen sich unterordnen! Wenn sie aber etwas lernen wollen, sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen.«

Falls sie einen haben.

Frau Dornbusch-Bommelbeck sieht nicht danach aus, auch wenn ihr Doppelname dafür spricht. Leider muss er diese bergische Christel von der Post nach seiner deplatzierten Schwertattacke trotzdem einladen zu bleiben. Ausgerechnet auf ein Glas seines kostbaren Brunello.

Er ringt sich ein Lächeln ab. »Darf ich Sie auf ein Glas …«

»Ach wie reizend, aber das ist wirklich nicht nötig«, flötet sein ungebetener Gast und hat bereits Platz genommen.

Schuknecht schenkt ein. Die Person kostet kurz und befindet: »Der ist aber sauer. Sicher vom Discounter in Dabringhausen, oder? Die verstehen überhaupt nichts von Weinen, und beim Joghurt schummeln sie mit dem Haltbarkeitsdatum. Besser, wir halten uns an meinen Likö-hör!«

Wieder winkt sie mit dem Fläschchen.

Sauer! Ein Brunello! Darauf muss sich Schuknecht selbst ein Glas nachschenken. In der Hoffnung, dass die 15 Prozent Alkohol rasch ihre Wirkung tun. Anders ist Frau – Bummelbock? – nicht zu ertragen. Aber er muss sie ertragen. Wer weiß, was sie sonst in Biblinghausen über ihn und sein Schwert herumerzählt.

Jemine, er muss sich sogar galant zeigen, ihre Sympathie gewinnen, den Charmeur geben. Sollte er nämlich ihr Missfallen erregen, kann er sich morgen früh noch vor der Öffnung ihrer Edeka-Post mit nichts als einem Schild um den Hals bekleidet auf den historischen Marktplatz von Biblinghausen stellen.

Aufschrift: »Gemeingefährlicher Schwertmörder«.

Eine Dame reiferen Alters samt Blechkuchen mit einem Darn Jian anzugreifen könnte ihm mehr als nur ein wenig Ärger mit Polizei und Staatsmacht einbringen. Das ist das Letzte, was er in seiner Situation brauchen kann.

»Entschuldigen Sie mich kurz«, sagt Schuknecht am Rande der Verzweiflung. »Ich möchte mich nur rasch meiner Sportkleidung entledigen, dann können wir unser Gespräch fortsetzen.«

»Och, wegen mir müssen Sie sich nicht umziehen.« Kichern. »Ein blanker Männerpo hat mich noch nie aus der Fassung gebracht!«

Schuknecht schon, nachdem er einen entsetzten Blick über seine linke Schulter geworfen hat. Die Seide taugt überhaupt nichts. Er legt seine Linke über den klaffenden Riss am Po und zerrt das Schwert aus dem mittlerweile blitzblank geleckten Terrassenholz. Der Hund knurrt bedrohlich.

»Aus«, befiehlt ihm seine Herrin. »Der Mann will doch nur spielen.«

Irrt er sich, oder ist da nicht doch ein Hauch von Spott in ihrer Stimme?

3.

Herr im Himmel, ist der Kerl ein Trottel! Der könnte glatt ihrem Exmann Konkurrenz machen. Und Anton Bommelbeck war ein Musterexemplar männlicher Beschränktheit.

Was soll das alberne Schwert? Will er den Darth Vader von Biblinghausen spielen? Dass sich Männer mit abklingender Potenz gerne einen Porsche kaufen, ist nachvollziehbar, aber eine ein Meter lange Stichwaffe als Ersatzspielzeug?

Absurd. Wen will er damit beeindrucken?

Von Rotwein hat der alte Knabe allerdings Ahnung. Veronika Dornbusch-Bommelbeck nimmt heimlich einen großen Schluck Brunello und füllt ihr Glas wieder auf, damit es Schuknecht später nicht auffällt. Alle Achtung, dieser Rote kann wirklich was. Trotzdem wird sie an der Honiglikörnummer festhalten. Daran und am Kichern und am Dampfgeplauder. Schuknecht muss sie schließlich für genauso minderbemittelt halten, wie sie sich gibt. Wer klug ist, stellt sich nämlich am besten dumm. Erst recht, wenn er etwas Kriminelles im Sinn hat oder Gefahr im Verzug ist. Beides trifft in ihrem Fall zu. Oh ja, sie ist wegen eines Kapitalverbrechens hier. Vielleicht auch wegen mehrerer. Höchst wahrscheinlich sind es mehrere.

Herrlich aufregend, das Ganze. Zumindest für sie.

Käthe Tragelehn sähe das wahrscheinlich anders. Falls sie von da oben zuschauen kann. Gott hab sie selig, auch wenn sie sich einen ersten Platz in der Himmelsloge nicht verdient hat. Es gab immerhin so einige, die ihr gern schon früher den Hals umgedreht hätten. Oder eben den Schädel eingeschlagen.

Oh, das war jetzt aber ein verflucht unchristlicher Gedanke! Veronika Dornbusch-Bommelbeck schlägt ein hastiges Kreuz.

»Verzeihung Käthe«, wispert sie, »aber du warst wirklich dein Leben lang ein Rabenaas. Amüsant, aber ein Aas!«

Der Hund übertönt ihr Gemurmel mit neuerlichem Knurren.

Schuknecht ist zurück. Er trägt einen hellen Leinenanzug, der ebenfalls nach Schlafanzug aussieht. Nach zerknittertem Schlafanzug. Wer hat der Menschheit nur jemals eingeredet, Leinen knittere edel? In der Brusttasche steckt ein Paisley-Tuch, an den Füßen glänzen polierte Lederslipper mit Lochmuster. Höchst unvernünftiges Schuhwerk für diese Gegend, findet Veronika Dornbusch-Bommelbeck und kann sich nur mit Mühe einen fürsorglichen Tadel verkneifen. Berufskrankheit.

Als ehemalige Grundschullehrerin musste sie bei Wandertagen ständig solche Ermahnungen an ihre Kinder weitergeben. Auch wenn das bereits Jahre her ist. Aber Schuknecht ist kein Kind, sondern ein Trottel, den sie für sich gewinnen muss. Mit Tadeln kommt man da nicht weit. Männer lassen sich nicht gern belehren, egal wie nötig es die meisten haben.

Sie besinnt sich auf ihre Rolle als minderbemittelte Dorftratsche. »Schöne Schluffen«, lobt sie mit Blick auf Schuknechts Füße.

»Wie?«

»Ihre Pantoffeln sind hübsch.«

»Kommen Sie gebürtig aus dem Rheinland?«

Holla, der Trottel kann doch was! »Äh, ja, aus Köln. Wie kommen Sie darauf? Ich spreche doch keinen Dialekt, oder?«

Schuknecht räuspert sich. »Wegen der Schluffen, die im Übrigen keine Hausschuhe sind, sondern handgenähte Loafer aus Kalbsleder. Maßanfertigung. Aus Mailand.«

Veronika Dornbusch-Bommelbeck reißt ihre sehr blauen Augen weit auf. Mit diesem Trick hat sie früher ihren Exmann Anton Bommelbeck aus der Kurve gehauen, wenn er ihre Ausgaben für Haushalt und Sonstiges zu kontrollieren wünschte. Er wünschte das ziemlich oft. Öfter als weit vergnüglichere Dinge, die sich zwischen Eheleuten im Bett abspielen sollten. Können sollten. Seine armseligen Versuche haben nicht einmal für ein, zwei Kinder gereicht. Dabei hätte sie zu gern Kinder gehabt. Sie hat nun mal ein unbelehrbar mütterliches Herz. Na, das gehört nicht hierher.

Sie muss langsam zur Sache kommen. Ewig will sie diesen eitlen Sauertopf von Staatsanwalt nämlich nicht bezirzen. Im Wald warten schließlich die anderen und Dr. Friedestrom. Als Leiterin und einzige Mitarbeiterin der Biblinghäuser Touristeninformation darf sie beim Jungfernopfer nicht fehlen.

Nun, sie wird Schuknecht mit einer letzten Schwatzattacke einlullen und dann wie geplant zuschlagen.

»Wirklich eine Schande, dass Sie den schönen Kuchen ermordet haben«, kichert sie noch einmal. »Die Mändelchen für den Belag röste ich vorher in reichlich Zucker, der Teig ist mit echtem Marzipan verfeinert, und die Rosinen sind in Strohrum getränkt. Die Freiwillige Feuerwehr von Dabringhausen ist ganz wild auf diesen Kuchen. Ich nenne ihn ›beschwipste Kirsche‹.«

Herr Schuknecht schaut auch schon ganz betrunken, sehr gut.

»Ich backe für mein Leben gern, wissen Sie.« Veronika hält einen Moment inne. Hoffentlich schluckt er das. Wirklich zu blöd, dass er den fabelhaften Kuchen nicht probiert hat, dann müsste sie nicht so dick auftragen. Sie hat in der Konditorei Wild – dem ersten Haus am Platz in Wermelskirchen – ein Vermögen für diesen Kuchen hingeblättert. Eine Schande, dass dieser Dämlack nicht einmal probiert hat! Hoffentlich kennt er sich mit Backrezepten ungefähr so gut aus wie sie.

Nämlich am besten gar nicht.

»Da war Strohrum drin?«, fragt er nach.

Na, endlich fängt Darth Vader Feuer.

Veronika Dornbusch-Bommelbeck nickt. »90-prozentiger«, fantasiert sie weiter an der Zutatenliste herum. Konditor Wild möge ihr verzeihen. »Der Beste natürlich. Sehr alter Jahrgang.« Ob es tatsächlich Jahrgangsrum gibt?

Schuknecht sieht sich deutlich alarmiert nach dem Hund um, der wie tot auf der Seite liegt.

»Martin Luther macht das nichts aus«, beeilt sich seine Besucherin zu versichern. Kann es sein, dass dieser Griesgram tatsächlich ein Tier- und nicht nur Insektenfreund ist? Würde sie wundern. Sehr wundern.

»Was hat Martin Luther mit dem Kuchen zu tun?«, fragt Schuknecht.

»Nichts. Ich meine den Hund.«

»Ihr Hund heißt Luther?«

»Das ist nicht mein Hund. Ich passe nur auf ihn auf, bis seine neue Besitzerin kommt. Er gehört, nein, er gehörte Käthe Tragelehn, meiner kürzlich verstorbenen Nachbarin.«

So, jetzt ist der entscheidende Name gefallen.

»Und die hat ihren Hund Martin Luther getauft?«

»Sie war sehr fromm.«

Ihr Gegenüber runzelt zweifelnd die Brauen. »Das ist doch kein Grund, seinen Hund nach unserem großen Reformator zu benennen!«

»Wenn man katholisch ist, schon«, schiebt Veronika Dornbusch-Bommelbeck nach. »Vor allem hier im Bergischen. Mit Luther wollte Käthe ihre protestantischen Nachbarn ärgern. Vor allem unseren Herrn Gemeinderat Schöpper, als der noch hier lebte und nicht in Brüssel. Sie hat gern lauthals ›Luther, du Saukerl‹ gerufen. Verstehen Sie? Luther, Saukerl …« Sie schiebt einen hysterischen Kicheranfall ein.

Schuknecht wirkt mit einem Mal sehr müde und erschöpft. Jetzt kann sie zuschlagen.

»Ich nehme an, darum hat man Käthe auch umgebracht. Darum und weil sie eine entsetzliche Klatschbase war. Vor Käthe war kein Geheimnis sicher. Tja, offenbar kannte sie eins zu viel. Mit Sicherheit ein kriminelles. Meinen Sie nicht auch?«

Stille. Totenstille sozusagen.

Eins, zwei, drei, vier, zählt Veronika Dornbusch-Bommelbeck die verstreichenden Minuten mit. Schuknechts Blick versteinert zusehends. Seine Augen – blassgraue Augen mit schwarzen Sprenkeln – erinnern an blankpolierten Granit. Lediglich ein, zwei feine Schweißperlen im weichenden Haaransatz verraten innere Erregung. Er nimmt die Fährte auf. Sehr schön!

Der Oberstaatsanwalt zieht sein Seidentuch aus der Brusttasche, entfaltet es sorgsam, tupft die Schweißperlen fort. Dann richtet er sich erstaunlich elastisch für sein Alter im Korbstuhl auf. »In Biblinghausen ist bereits ein Mord geschehen?«, fragt er nach.

Richtig schön entsetzt klingt er, aber was meint er mit »bereits«? Hat der mit so etwas gerechnet?

Egal, sie nickt. »Oh ja. Wahrscheinlich sogar mehrere.«

»Mehrere Morde?« Schuknecht klingt hellauf entsetzt.

Veronika Dornbusch nickt eifrig. »Ich denke, schon. Die Sache mit der offenen Güllegrube, in der Jürgen Hammelfuß ertrunken ist, könnte allerdings tatsächlich ein Unfall gewesen sein. Trotz seiner neuen Golfschuhe.«

»Golfschuhe …«, stammelt Schuknecht verwirrt.

»Ja, das ist ja das Merkwürdige. Ich meine, niemand, der bei Verstand ist, überquert in Golfschuhen eine völlig durchnässte, verschlammte Kuhweide, um dann an einer Güllegrube auszurutschen und hineinzufallen. Schon gar nicht Jürgen. Der war mit seinem Schuhwerk mindestens so eitel … ich meine heikel wie sie, und außerdem war er jahrelang Leiter unserer Freiwilligen Feuerwehr. Er kannte sich aus mit gefährlichen Güllegruben.«

»Es sind schon Bauern in ihren eigenen Güllefässern ertrunken«, wirft Schuknecht ein.

»Ja, wenn sie einen über den Durst getrunken hatten, aber Jürgen war Abstinenzler. Sieht man von einem überraschenden Rückfall beim Feuerwehrfest vor einem halben Jahr ab, den hat er aber dank unserer hervorragenden Suchtklinik rasch wieder in den Griff bekommen. Vorher war er fast dreißig Jahre trocken. Er hat zusammen mit unserem Dr. Friedestrom sogar die wöchentlichen Treffen der Anonymen Alkoholiker geleitet. Hammelfuß war strohtrocken.«

»Seit 1984?«

»Äh, könnte hinkommen. Wie kommen Sie ausgerechnet auf 1984?«

Schuknecht schweigt. Das kann er gut.

Sie wartet, ob noch mehr kommt. Es kommt nichts. Na dann, weiter im Text. »Nun, lassen wir Hammelfuß mal beiseite. Käthe jedenfalls wurde eindeutig ermordet. Und das ausgerechnet am Karfreitag. Also bevor Sie hergezogen sind. Vor etwa vier Monaten.«

Der Oberstaatsanwalt beugt sich vor, fixiert sie mit Stechnadelaugen. Huch, richtig unheimlich sieht der mit einem Mal aus! Hat was von einem Geier. Als Vertreter der Anklage und in einem Gerichtssaal möchte sie dem nicht begegnen.

Mach weiter, du Bangbüchs, ermahnt sich Frau Dornbusch-Bommelbeck selbst. »Vom Täter oder der Täterin – Frauen können so was theoretisch natürlich auch – fehlt leider jede Spur«, sagt sie.

Kunststück, die Polizei hat ja auch nie wegen Mordes ermittelt. Polizei und Staatsanwaltschaft haben überhaupt nicht ermittelt. In keinem einzigen der Mordfälle, die sie angezeigt hat. Aber das muss sie Schuknecht nicht auf die Nase binden. Noch nicht. Hauptsache, er interessiert sich erst einmal für den Fall Käthe.

Tut er. Sehr sogar. Erstaunlich. Bislang hat ihr noch niemand in dieser Sache richtig zugehört. Jedenfalls nicht von offizieller Seite.

»Was genau ist passiert? Schildern Sie mir bitte den Tathergang, Frau Drombusch-Bummel … bommel …«

Den Rest ihres Namens verschluckt er. Er hüstelt und rückt an seiner Insektenlupe herum. Merkt wohl gerade selbst, dass er ihren Namen schrecklich verhunzt hat. Was wieder einmal beweist, wie schlecht Männer zuhören können. Zumindest, wenn sie mit Frauen reden.

»Dornbusch, ich heiße Dornbusch, Herr Schuspecht«, pariert sie.

»Mit Verlaub, ich heiße Schuknecht

»Und ich Dornbusch. Das alberne Bommelbeck können Sie weglassen. Ich habe den Namen meines Geschiedenen damals ohnehin nur behalten, um ihn zu ärgern. Am besten, Sie nennen mich einfach Veronika oder Rose. Sie haben freie Auswahl. Meine Eltern konnten sich bei den Vornamen nicht einigen. Vater hat für Veronika plädiert, weil er für sein Leben gern die Comedian Harmonists gehört hat. Veronika, der Lenz ist da, die Vögel singen Tralala … Na, Sie wissen schon. Meine Mutter fand, dass der Name Rose besser zu Dorn busch passt. Außerdem las sie sehr gerne Lyrik. Rose Ausländer, kennen Sie die? Siehst du den Wagen oben, Sternworte sprühen …«

»Frau Dornbusch, könnten wir bitte auf den Mond … Quatsch! … den Mord zurückkommen?«

Ha, er hat endgültig angebissen! Er hat »wir« gesagt. Ihr Mord ist jetzt auch sein Mord. Sie kommt voran. Ja, sie kommt voran.

»Oh, oh natürlich …«, stammelt Veronika Dornbusch beflissen. »Also, am vergangenen Karfreitag habe ich Käthe Tragelehn tot in ihrer Küche gefunden. Auf dem Boden liegend. Mit dem Kopf in der Pfanne. Ziemlich blutrünstige Angelegenheit. Der Mörder muss kräftig ausgeholt haben, bevor er zugeschlagen hat. Wie mit einem Tennisschläger. Vielleicht ist er ja Tennisspieler? In Biblinghausen gibt es allerdings nur sehr wenige Tennisspieler. Aber vielleicht war er ja Golfspieler? Die können auch kräftig zuschlagen. Wobei sich das mit dem hier geplanten Golfplatz schon vor Jahrzehnten erledigt hat, obwohl unser Gemeinderat Schöpper bereits das Grundstück dafür erworben hatte.«

Sie muss kurz Luft holen. Außerdem ist ihr trotz ihrer Dampfplauderei gerade etwas aufgefallen. Der Täter könnte auch ein Schwertkämpfer gewesen sein.

Holla!

Schuknecht kann sehr schwungvoll ausholen, sogar mit der Rückhand, aber er war ja am Karfreitag noch nicht in Biblinghausen. Oder vielleicht doch? Er muss sich den Bungalow angesehen haben, bevor er ihn gekauft hat. Schuknecht könnte ein Mörder sein. Würde zu ihm passen.

»Frau Dornbusch, bitte, bleiben Sie bei der Sache«, unterbricht ihr neuer Verdächtiger ihre Gedanken. »Sie sagten, der Kopf des Opfers lag mit dem Gesicht in der Pfanne?«

»Mitten drin. Völlig zerbeult. Also das Gesicht, nicht die Pfanne. Die ist aus solidem Gusseisen.«

»Mit Verlaub, wie soll das möglich sein? Wenn der Täter von vorne zugeschlagen hat, müsste die Dame ja wohl nach hinten, allenfalls zur Seite getaumelt sein. Wenn er hingegen von hinten zugeschlagen hätte, könnte die Tote keine Wunden im Gesicht haben.«

»Herrje, verwirren Sie mich doch nicht mit Fakten! Ich weiß, was ich weiß. Käthe Tragelehn lag mit dem Gesicht und einer riesigen, tödlichen Platzwunde auf der Stirn in ihrer Ballebäuschenpfanne und …«

»Balle … was

»Ballebäuschen oder Bullerbäusken, wie meine Mutter zu sagen pflegte, aber die kam ja auch nicht aus Biblinghausen, sondern aus Wuppertal-Elberfeld. Die kennen Sie nicht?«

»Ihre Mutter? Ich wüsste nicht, woher«, sagt Schuknecht reserviert. So ein alter Piesepampel.

»Quatsch, meine Mutter. Ich meine natürlich Ballebäuschen. Die sind so was wie die bergischen Berliner Ballen. Nur kleiner und ohne Marmelade drin. Außerdem werden sie traditionell eben in dieser speziellen Pfanne in kleinen Kuhlen gebacken. Mordsschweres Ding, spart aber Fett, so üppig hatten die Menschen es hier ja nie, darum sind Ballebäuschen hier eine richtige Festtagsleckerei.«

»Danke, das genügt mir in Sachen Backwaren. Zurück zu den Torten, Quatsch! Zu der Toten. Was hat die Polizei veranlasst, von einem Tötungsdelikt auszugehen?«

Jetzt wird’s brenzlig.

»Nun, na ja, die Polizei … Also die hiesige Polizeistelle in Wermelskirchen hat eher selten mit Kapitalverbrechen zu tun. Außerdem war sie um Ostern herum überlastet. Hatte reichlich Arbeit wegen der Randalierer im Waldfreibad von Dabringhausen und einem Autounfall mit dem entlaufenen Strauß in Emminghausen, weshalb …«

»… die Behörde den Fall an höhere Stelle weitergeleitet hat?«

»Nein, äh, nicht dass ich wüsste. Ich denke eher, sie haben das Ganze für einen Unfall gehalten. Genau wie Hammelfuß’ Tod in der Güllegrube. Was man den Beamten nicht verdenken kann. Der Täter hat sich auch bei Käthe ausgesprochen geschickt angestellt. Er hat eine Teppichkante umgeklappt und Käthes rechten Schluffen, also Pantoffel, darunter geschoben. Damit alles nach einem Unfall aussieht. Außerdem war sie achtzig und ein bisschen tatterig. Tja, und bedauerlicherweise nimmt man es bei Leichen dieses Alters nicht mehr so genau mit der Untersuchung der Todesursache.«

Veronika Dornbusch verzieht verärgert das Gesicht. Verdammt, der Kerl hört nicht mehr hin! Dafür hat sie als ehemalige Grundschullehrerin einen Blick. Außerdem trägt Schuknecht eine Leidensmiene zur Schau, die sie als Beleidigung auffassen muss. Hager, wie er ist, und mit seinem traurigen Geiergesicht sieht er jetzt wie ein Märtyrer aus. Einer von der ganz heiligen Sorte, den man soeben bis aufs Blut gequält hat. Auf Feuer geröstet, mit Lanzen durchbohrt und so weiter und so weiter. Katholiken entwickeln bei so was ja eine Mordsfantasie.

Der Oberstaatsanwalt tut einen tiefen Seufzer. »Frau Dornbusch …«

»Ach, sagen Sie doch einfach Veronika«, versucht sie es mit charmanter Verbindlichkeit. »Wir sind hier nicht so förmlich. Eine wirklich nette, verschworene Dorfgemeinschaft, das sind wir. Wir helfen einander, teilen unsere Sorgen und Nöte, hören einander zu und sind immer füreinander da. Bis auf wenige Ausnahmen, aber ungesellige Charaktere haben es hier nicht leicht. Oh nein, die haben es ganz und gar nicht leicht in Biblinghausen. Besser, man gehört dazu. Kann einem das Leben zur Hölle machen, wenn man in Biblinghausen ein Außenseiter ist. Und noch dazu ein Menschenfeind.«

Schuknechts Antwort darauf ist ein neuerlicher gequälter Seufzer.

»Frau Dornbusch«, sagt er endlich. »Wie in drei Teufels Namen kommen Sie darauf, dass ihre Freundin ermordet wurde?«

»Auf ihrem Küchentisch standen Mehl, Butter, Eier, Milch, Zucker und Puderzucker. Aber keine Hefe! Käthe hatte keine Hefe im Haus. Das sagt doch alles.«

Oberstaatsanwalt Schuknecht scheint es nichts zu sagen.

»Herrje, verstehen Sie denn nicht?« Veronika springt auf. »Erstens braucht man für Ballebäuschen Hefe, und zweitens war Käthe Tragelehn streng, wirklich äußerst streng katholisch. Erst recht, nachdem sie ihren Sohn zur Welt gebracht hat – unehelich, Vater unbekannt … in Sünde sozusagen … und behindert, also geistig behindert. Körperlich gesehen ist Heinzi einwandfrei gelungen. Bis auf die Sache mit seinen schwachen Nieren, aber das sieht man ihm äußerlich nicht an. Heinzi ist ein hübscher Bursche. Kein Wunder, Käthe war selber mal ein richtiger Feger. Die Marilyn Monroe von Biblinghausen sozusagen.« Erschöpft lässt sie sich wieder in den Gartenstuhl sinken.

Herrje, jetzt schaut Schuknecht sie an, als sei sie behindert! Schwer geistig behindert, dabei hat sie nun wirklich einen äußerst regen Geist. Ein wenig sprunghaft mitunter. Das ja.

»Ich kann ihnen wirklich nicht folgen«, sagt der Oberstaatsanwalt trocken.

»Ist doch klar wie Tinte! Am Karfreitag hätte eine tiefgläubige Frau wie Käthe Tragelehn nie und nimmer Ballebäuschen gebacken! Nicht einmal für Heinzi, ihren Sohn. Karfreitag war für Käthe der höchste Fastentag des Kirchenjahres. Etwas anderes als Fisch kam ihr da nicht auf den Tisch. Grüner Hering, Forelle, allenfalls Lachs. Aber nie und nimmer irgendwelches Süßgebäck! Das wäre in ihren Augen eine Todsünde gewesen.«

»Vielleicht hat sie für Ostern vorgebacken«, wirft Schuknecht mit desinteressiertem Gesichtsausdruck ein.

»Auf keinen Fall! Ballebäuschen schmecken wie unsere berühmten bergischen Waffeln nur frisch. Nicht wie bei Hasim! Mit dem ich darüber schon oft geschimpft habe. Ballebäuschen serviert man am besten heiß aus der Pfanne. Mit Zimtzucker.«

Schuknecht wirkt nicht überzeugt. »Das mag ja so sein. Dennoch scheint mir, dass die Polizei richtig gehandelt hat. Alles, was Sie erzählen, deutet auf einen Unfall hin. Die meisten Unfälle passieren bekanntlich im häuslichen Umfeld, und der Teppich legt den Schluss mehr als nahe.«

...

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