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Mordseestrand

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Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. Epilog

Über dieses Buch

Hochsommer auf Borkum, am Strand tummeln sich die Feriengäste. Auch Hobbydetektivin Caro Falk freut sich auf einen sonnigen Tag am Meer, da schreckt ein schriller Schrei die Urlauber aus ihren Strandkörben auf. Ein kleiner Junge steht knietief im Wasser und brüllt wie am Spieß – in seinem Eimer schwimmt ein abgetrennter Finger. Als wenig später die dazugehörige Leiche auftaucht, ist Caros Neugier geweckt. Der tote Wattführer war ein engagierter Umweltschützer, der auf der Insel einige Feinde hatte – und noch mehr Geheimnisse verbarg …

Über die Autorin

Emmi Johannsen ist das Pseudonym von Christine Drews. Mit ihren Romanen, ihren Thriller und Krimis konnte sie bereits etliche Leser im In- und Ausland begeistern, auch als Drehbuchautorin ist sie erfolgreich. Doch mit Mordseeluft erfüllt sie sich einen ganz besonderen Traum: Inspiriert von ihrer liebsten Urlaubsinsel schreibt sie nun als Emmi Johannsen eine humorvolle Krimireihe um Caro Falk und Jan Ackermann, die gemeinsam auf Borkum Verbrecher jagen.

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Prolog

Ich kann nicht sagen, dass mir sein Tod Glücksgefühle bereitet hätte, das wäre übertrieben. Ich gebe zu, dass ich am Anfang über mich selbst erschrocken bin, dass ich Angst vor den möglichen Konsequenzen hatte. Aber das ist jetzt vorbei. Ich weiß, dass die Bullen nicht mehr ermitteln. Und so langsam überkommt mich das Gefühl, dass ich den perfekten Mord begangen haben könnte. Einen Mord, der niemals aufgeklärt werden kann, weil es keinerlei Hinweise auf einen Täter gibt.

Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ein wunderbares Gefühl. Und wer weiß? Vielleicht mache ich es einfach noch einmal, wenn es notwendig sein sollte …

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1

Drei Wochen vorher.

Trotz der frühen Uhrzeit war es schon recht warm. Das Thermometer in Hinnerks Garten hatte heute Morgen um kurz vor sieben bereits zwanzig Grad angezeigt. Es versprach, ein heißer Tag zu werden, weshalb Caro lieber schon vor der Schule mit Aila spazieren ging. Die finnische Lapphündin mochte die Hitze nicht und würde sich später in Hinnerks Keller verziehen, wenn das Thermometer die 30-Grad-Marke überschritt. Jetzt war es hier am Strand aber noch herrlich. Eine frische Brise wehte Caro durch die Haare und Aila durch das dicke weiße Fell.

Caro blieb stehen und schaute auf das Meer. Die Sicht war klar, und sie konnte den Windpark gut sehen, der mitten in der Nordsee aus Dutzenden Windkrafträdern errichtet worden war. Es war Ebbe, und die Möwen stürzten sich scheinbar todesmutig vom Himmel herab, um Krebse und anderes Meeresgetier zu fangen. Es kam ihr fast brutal vor, wie die Vögel die Schalentiere in die Luft schleuderten, damit sie kurz darauf halb tot oder mit einem Bein zu wenig wieder auf den Boden krachten, um dann von ihren Angreifern leichter gefressen werden zu können. Ebbe war Essenszeit. Jedenfalls für die Möwen.

Durch zahlreiche kleine Priele lief das Wasser zurück in die Nordsee und gab immer mehr von dem schlickigen Boden frei. Der schwarze Schlamm, der hartnäckig an der Haut kleben blieb, sollte angeblich Wunder wirken, Zeichen der Hautalterung bekämpfen und für feinere Poren sorgen. So hatte man es ihr vor ein paar Jahren in einem Berliner Schönheitssalon gesagt, als ihr für viel Geld der Meeresboden ins Gesicht geschmiert wurde, der ihr hier nun täglich um die Füße schwappte.

Caro musste schmunzeln. Wie fern kam ihr dieses Hauptstadtleben heute vor. Wie sehr genoss sie es jetzt, jeden Tag an der frischen Luft zu sein und in der schönsten Natur leben zu können, die dieser Planet zu bieten hatte.

Während Aila mal wieder einer Möwe hinterherjagte, von denen sie zum Glück noch nie eine erwischt hatte, fiel Caros Blick auf die Strandpromenade, die in der Ferne sichtbar wurde. Die weißen Bauten, die Hotels, aber auch Gästehäuser beherbergten, wirkten wie eine Trutzburg im Meer. Das Farbenspiel aus blaugrauem Wasser, gelblichem Sand und strahlend weißer Häuserfassade vor leuchtend blauem Himmel hatte so eine entschleunigende und beruhigende Wirkung auf sie, die sie immer wieder von Neuem überraschte. Es machte einfach einen Unterschied, ob man morgens als Erstes auf eine dreispurige Straße oder auf Strand und Meer blickte.

Caro atmete die frische Luft tief ein. Der endlose Strand war noch menschenleer. Das war zum einen der frühen Uhrzeit geschuldet, zum anderen der Tatsache, dass es noch eine Woche dauerte, bis die Sommerferien beginnen sollten. Dann wäre hier auch morgens um sieben schon was los, und die ersten Jogger, Walker und Hundebesitzer würden ihre Runden ziehen. Das Saugbaggerschiff, das vor der Küste die Fahrrinne erweiterte, damit der Urlauberverkehr auch problemlos über die Bühne gehen konnte, war schon seit Tagen aktiv und spuckte den angesaugten Sand Richtung Insel. Alles bereitete sich auf die Hauptsaison und den großen Gästeansturm vor, der die Insel in einen einzigen Bienenstock verwandeln würde. Dann würde die Luft wieder erfüllt sein vom Lachen und Weinen der zahllosen Kinder, vom gut gelaunten Geplauder und schlecht gelaunten Geschimpfe ihrer Eltern, vom lauten Klingeln der Fahrräder und den nicht weniger lauten »Rechts fahren!«-Rufen ihrer Besitzer. Aber jetzt hatte Caro den Strand noch für sich, und sie liebte die Ruhe und Einsamkeit, die sie nur hier erleben konnte.

Erschrocken zuckte sie zusammen, als sie in den drahtigen Mann hineinlief, der plötzlich hinter der Düne auftauchte. Er trug einen zerschlissenen grauen Pulli, der dieselbe Farbe hatte wie seine dünnen Haare, die ihm bis in den Nacken fielen.

»Himmel! Was schleichst du denn schon so früh hier rum? Ich hab fast ’nen Herzinfarkt gekriegt!«

Jo Hammert grinste sie breit an. »Dafür bist du noch zu jung, Mädchen.« Er hielt einen großen Jutesack hoch, der in allen Farben des Regenbogens schimmerte. »Der Müll kennt keine Tageszeit. Je eher er wegkommt, desto besser. Und morgens ist es jetzt noch nicht so heiß.«

Caro nickte. Sie hatte den kauzigen Jo schon häufig am Strand getroffen, wenngleich noch nie so früh. Der engagierte Umweltschützer hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Müll einzusammeln, den das Meer mit jeder Welle auf die Insel brachte. Und in den letzten Jahren war es immer mehr geworden. Jo hatte ihr mal erzählt, dass er vor zehn Jahren vielleicht einen Sack am Tag vollbekommen hatte. Heute leerte er ihn mehrmals in den Mülltonnen und konnte immer wieder von Neuem losgehen und ihn mit Plastikteilen füllen. Inzwischen gab es am Strand sogar Sammel-Aktionen mit den Urlaubern. Mit kleinen Sachpreisen versuchte man, gerade die Kinder für das Müllsammeln zu begeistern. Eigentlich eine gute Idee, wie Caro fand, aber als Justus dann irgendwann drei Mini-Gummibärchentüten als seinen Müll-Lohn vorzeigte, konnte sie nur mit dem Kopf schütteln. Zehn Gummibärchen in Mini-Plastiktüten verpackt, waren in ihren Augen kein Beispiel dafür, wie man Müll am besten vermeiden konnte.

»Ich finde es super, dass du das machst, Jo. Wirklich vorbildlich.«

»Du weißt ja, wie sehr mein Herz an der Natur hängt. Neulich habe ich das leere Nest einer Sumpfohreule gefunden. Das bestand zu bestimmt neunzig Prozent aus Plastik. Ein totes Küken lag noch im Nest, verheddert in einem alten Plastiknetz. Es hatte sich quasi aufgehängt.« Jo wirkte betroffen und wütend zugleich.

»Schlimm ist das«, stimmte Caro ihm zu.

»Ja. Zumal diese Eulenart vom Aussterben bedroht ist. Es gibt nicht mehr viele von den Biestern.« Jo öffnete seinen Sack und holte die Plastikhalterung eines Dosen-Six-Packs heraus. »Und hieran erwürgen sich Vögel und Fische. Warum wird so etwas überhaupt hergestellt?« Sein sonnengegerbtes Gesicht verfärbte sich rot vor Wut.

Caro sah ihn bedauernd an. In Jos Sack befand sich fast ausschließlich Plastik, wie sie mit einem Blick feststellte. Plastikflaschen, Plastiktüten, mehrere schwarze Plastikpäckchen und andere Plastikverpackungen. Plastik, Plastik, Plastik.

»Solange wir diese ganzen Verpackungen kaufen, wird sich vermutlich nie was ändern«, meinte sie.

»Ich kauf so was nicht!« Er sagte das mit so einer Vehemenz, als handelte es sich nicht um Plastik-, sondern um Atommüll.

»Ich weiß.« Jo kaufte nur frische Sachen im Bioladen, den es seit ein paar Jahren gegenüber vom City Center gab, und pflanzte außerdem viel in seinem eigenen Garten an. Caro bewunderte, wie konsequent er seine ökologische Lebensweise verfolgte, wusste aber auch, dass es für sie in dem Maße nicht praktikabel war. Als alleinerziehende berufstätige Mutter konnte sie kein Gemüse im eigenen Garten anbauen. Außerdem hatte ein Zehnjähriger auch Wünsche, die manchmal eben nicht bio waren und die sie ihm nicht alle verwehren wollte. Es war einfach etwas anderes, ob ein alleinstehender Mittfünfziger komplett auf Plastik verzichtete oder eine Frau mit Kind und Job. »Dein Einsatz für die Umwelt ist großartig, Jo.«

»Die einen sagen so, die anderen so«, grummelte er und strich sich über sein markantes Kinn, das wie der Rest seines Gesichtes von Sommersprossen übersät war.

»Gegen das Müllsammeln hat doch nun wirklich keiner was«, meinte Caro schmunzelnd, die ahnte, worauf er anspielte.

Bei einigen Borkumern war der Umweltschützer nämlich ganz und gar nicht beliebt. Der Tourismus war nun mal die Haupteinnahmequelle fast aller Insulaner und ließ sich nicht immer so mit dem Naturschutz verbinden, wie es sich ein Jo Hammert wünschte. Der hatte schon gegen die Surfschule protestiert, weil die mit ihren Schülern zu nah an die Seehundbank gekommen war, und sich vehement dafür eingesetzt, dass Borkum komplett autofrei wird, selbst den Taxiverkehr wollte er verbieten lassen. Mit solchen Aktionen machte man sich nicht nur Freunde.

Jo strich sich eine seiner langen grauen Strähnen aus den Augen. »Jeder sollte immer den Müll aufsammeln, den er sieht«, sagte er.

Caros Blick fiel auf Jos Finger. Die oberen Glieder waren auffällig rundlich verformt, und die Nägel wölbten sich wie Uhrglas, bogen sich zum Ende fast wie Krallen zu den Fingerspitzen hin. »Da hast du bestimmt recht. Aber vielleicht solltest du beim Sammeln besser Handschuhe tragen?« Sie musste an ihren alten Schönheitssalon in Berlin denken, in dem ihr nicht nur der Meeresschlamm ins Gesicht geklatscht worden war, sondern sie auch jahrelang zur Maniküre ging. Wenn die jungen Damen dort Jos Fingernägel sehen würden, würden sie Schnappatmung bekommen.

Jo war ihr Blick nicht entgangen, und er lachte heiser. »Bei diesen Händen ist ohnehin Hopfen und Malz verloren«, sagte er und hielt sie demonstrativ hoch. »Hat aber nix mit dem Müll zu tun.«

»Sondern?«

»Trommelschlegelfinger heißen die im Fachjargon«, erklärte er, »meine kranke Lunge ist schuld daran. Die versorgt die Finger nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff.« Er räusperte sich kurz und blickte in die Ferne. Caro merkte, wie sehr ihn das Thema berührte.

»Das hört sich ja nicht gut an«, sagte sie besorgt. »Bist du in Behandlung?«

»Natürlich. Die Lunge ist ja der Grund, warum ich vor über zwanzig Jahren nach Borkum gezogen bin«, antwortete Jo und atmete tief durch, als wollte er ihr zeigen, wie gut er das hier konnte. »Solange ich täglich meine Medikamente nehme und keinen großen Stress habe, passiert nichts. Sonst ist das Risiko allerdings groß, dass mich ein Infarkt aus den Schuhen wirft. Im Gegensatz zu dir bin ich dafür nicht mehr zu jung.« Er grinste sie schief an.

»Pass gut auf dich auf«, meinte Caro und verdrehte im nächsten Moment die Augen, als sie sah, wie Aila einen großen Haufen neben die Düne machte. »So viel zum Thema Umweltschutz.«

»Das ist doch bio.«

»Biomüll ist auch Müll.« Sie zog einen Kotbeutel aus der Tasche, aber Jo hielt ihre Hand zurück.

»Das ist doch verrückt. Du packst die Kacke in einen Beutel und dann braucht es hundert Jahre, bis alles verrottet ist. Wenn du ein Loch buddelst und den Haufen hier im Sand begräbst, ist er mit der nächsten Flut für immer verschwunden.«

»Wenn ein Urlauber am Strand in einen Hundehaufen tritt, gibt’s Riesengeschrei.«

»Noch ist ja keiner da.«

Caro nickte zustimmend, buddelte dann ein möglichst tiefes Loch in den Sand und beförderte Ailas Haufen mit einem Stöckchen hinein.

»Ich muss los. Justus’ Schule fängt gleich an.«

»Grüß schön«, meinte Jo.

»Mach ich. Wir sehen uns, Jo.«

Er nickte und ging weiter, wobei er sich alle paar Meter bückte, um etwas aufzuheben, das er in seinen Sack packte.

Ein Jahr lag es nun zurück, dass Caro und Justus Falk nach Borkum gezogen waren, und sie hatten die Entscheidung nicht eine Sekunde bereut. Ihr Sohn war inzwischen zehn Jahre alt und genoss das Zusammenleben mit seinem Großvater sehr, in dessen Haus sie jetzt wohnten. Hinnerk hatte es sich in der Einliegerwohnung gemütlich gemacht, die seine verstorbene Frau früher an Urlauber vermietet hatte, und Caro und Justus hatten genug Platz im restlichen Teil des Hauses gefunden. Das Miteinander mit ihrem Schwiegervater lief erstaunlich problemlos, und er hatte auch keinerlei Einwände, als Caro etwas an der Einrichtung im Haus veränderte. Hinnerk konnte gut verstehen, dass sie nicht einfach so in das alte Schlafzimmer von ihm und Lefke einziehen wollte, und hatte ihr sogar geholfen, die alten Tapeten von den Wänden zu kratzen und alles neu zu streichen. Caro hatte das Gefühl gehabt, dass es für ihren Schwiegervater fast etwas Therapeutisches hatte, dieses Zimmer aufzugeben und die alten Erinnerungen zu überstreichen. Hier hatte er über vierzig Jahre neben seiner Lefke geschlafen − und ihre Hand gehalten in der Nacht, in der sie starb.

Justus bekam natürlich auch ein neues Kinderzimmer, auch wenn er ein paar von den alten Möbeln seines Vaters behalten wollte, die immer noch in dem Raum standen. Die 80er-Jahre-Tapete wurde blau überpinselt, der Parkettboden abgeschliffen und neu geölt, und Justus fühlte sich sofort pudelwohl in dem Zimmer.

Unten im Wohn- und Essbereich hatte Caro viele von Hinnerks Möbeln stehen lassen. Zum einen fehlte ihr das Geld, um sich komplett neu einzurichten, zum anderen konnte Hinnerk nicht alles in die kleine Einliegerwohnung mitnehmen, die ja ebenfalls vollständig möbliert war. Deshalb hatte sie es im Erdgeschoss bei einem frischen Anstrich belassen, einiges von Lefkes zahlreichen Hinstellerchen weggestellt und versucht, die schwarze Ledercouch mit modernen Kissen etwas aufzupeppen.

Obwohl seit drei Monaten Caros Scheidung von Nils lief, war das Verhältnis zu dessen Vater nach wie vor eng. Und deutlich besser als das zwischen Nils und Hinnerk, die ihre Streitereien von früher nie richtig begraben konnten. Zwischen Caro und Hinnerk gab es dagegen selten Krach, eigentlich wurde der bärtige Mittsiebziger nur dann sauer, wenn Aila in seinem äußerst gepflegten Garten ein Loch buddelte. Dann schnappte er sich schon mal Justus’ Wasserpistole und rannte wild schießend hinter dem Hund her. »Papa hat recht. Opa ist ein Garten-Nazi«, pflegte Justus dann lakonisch zu sagen, wofür er von Caro einen liebevollen Klaps auf den Hinterkopf bekam.

Es war wunderbar, auf Borkum zu leben. Justus hatte sich problemlos in der Schule eingelebt und schnell Freunde gefunden. Nicht eine Sekunde hatte er das Leben in Berlin vermisst, im Gegenteil. Von den Freiheiten, die er hier auf der Insel hatte, konnte er früher nur träumen. Es war eben etwas anderes, ob man abends durch die Dünen nach Hause ging oder am Alexanderplatz umsteigen musste. Auf Borkum hatte sich Caro noch nie Sorgen um ihn gemacht.

Und auch sie selbst hatte schnell Anschluss gefunden. Gerade unter den Müttern von Justus’ Klassenkameraden hatten sich nette Frauen gefunden. Besonders mit Tine Felder, mit deren Sohn Peter Justus eng befreundet war, verstand sie sich gut. Sie war es auch, die Caro überredet hatte, regelmäßig zum Elternstammtisch der Klasse zu kommen, der sich alle zwei Wochen traf. Eigentlich waren Stammtische oder Clubs, wie Hinnerks Inselclub, nicht Caros Fall, jedenfalls hatte sie das früher immer gedacht. Im hippen Berlin wäre ihr so was spießig vorgekommen, da traf sie ihre Freundinnen zum Shoppen und ging hinterher auf einen Absacker in eine nette Bar. Aber hier auf Borkum war eben alles anders, und ohne den Stammtisch hätte sie niemals so viele freundliche Leute kennengelernt. Nach einer Weile hatte Caro überrascht festgestellt, wie intensiv die Gespräche waren, die sie dort führte. Ganz anders als in den angesagten Berliner Bars, in denen eine anständige Unterhaltung allein schon wegen der lauten Musik schwierig war.

Auch das Team am kleinen Inselflughafen, wo Caro den Kiosk übernommen hatte, bestand im Prinzip nur aus Schätzen. Insgesamt war sie auf der Insel mit offenen Armen aufgenommen worden. Natürlich gab es auch Insulaner, die keine Zugezogenen und erst recht keine Großstädter mochten. Ein kauziger alter Borkumer hatte mal zu ihr gesagt, sie würde das sündige Berlin auf die Insel bringen. Caro hatte zuerst gedacht, der Alte würde einen Scherz machen, und ihm im flapsigen Tonfall geantwortet, dass sie eine Dependance des Kitkat-Clubs am alten Leuchtturm eröffnen wollte.

Aber der Alte fand das gar nicht komisch, und es dauerte nicht lange, bis ein paar einheimische Senioren sie entweder scheel anguckten oder ihr flirtend zuzwinkerten. Sie brauchte eine Weile, bis sie begriff, was in den alten Köpfen vor sich ging, aber da war es schon zu spät. Klarstellen konnte sie jetzt gar nichts mehr, und jeder Klärungsversuch machte alles nur noch schlimmer. Jan Akkermann, mit dem sie gut befreundet war, seitdem sie den Mord an dem Klinikchef im letzten Jahr aufgeklärt hatten, hatte nur gemeint, dass man niemals ändern könne, was sich im Kopf eines alten Borkumers festgesetzt hat.

»Du solltest das als Kompliment auffassen«, hatte er zu ihr gesagt. »Von der dicken Jule in der Eisdiele denkt niemand, dass sie einen Sexclub aufmacht.«

Caro musste schmunzeln, als sie an Jans Worte dachte. Was für ihn ein Kompliment war, würde in Berlin schon als sexuelle Belästigung geahndet werden.

Sie sah Justus schon von Weitem, der auf sein Fahrrad stieg und sich auf den Weg in die nahe gelegene Grundschule machen wollte. Die letzten Tage seiner Grundschulzeit waren angebrochen, bald war diese unbeschwerte Zeit vorbei. Er hatte eine Gymnasialempfehlung bekommen, und Caro war froh, dass er erst mal auf der Insel bleiben konnte. Das war nicht selbstverständlich. Etwas mehr als fünftausend Menschen lebten auf Borkum, unter den ostfriesischen Inseln war sie eine der größten: drei Kirchen, drei Leuchttürme und eine weiterführende Schule. Aber kein Gymnasium. Früher mussten die Eltern ihre Kinder an irgendeiner Schule auf dem Festland unterbringen und ihnen ein Zimmer im Ort anmieten. Wenn sie Glück hatten, gab es in der Nähe Verwandte, bei denen der Nachwuchs unterkommen konnte. Da überlegte sich manche Familie zweimal, ob es das wirklich wert war. Oder ob ein Haupt- oder Realschulabschluss nicht auch reichte. Heute gab es in der Upholmstraße zum Glück die Inselschule Borkum, eine Oberschule mit gymnasialem Angebot. Bis zur zehnten Klasse würde Justus hier zur Schule gehen können und erst zur elften auf ein Internatsgymnasium wechseln. Weg zu müssen von zu Hause, weil es sonst keine Möglichkeit gab, das Abitur zu machen, war für viele Schülerinnen und Schüler von den Inseln inzwischen normal, und Caro war sich sicher, dass Justus sich mit dem Gedanken angefreundet haben würde, wenn es erst mal so weit war. Und sie hoffentlich auch.

»Ihr wart aber lange unterwegs!«, sagte er, als Caro ihn mit Aila erreicht hatte.

»Ja. Einmal am Tag braucht sie einen langen Spaziergang, und nachher ist es zu heiß.«

»Meinst du, ich krieg Hitzefrei?«, fragte Justus hoffnungsvoll.

»Ich drück dir die Daumen!«

Grinsend radelte Justus los. Wegen der zu erwartenden Temperaturen trug er seinen Helm nicht, was Caro erst auffiel, als er bereits um die Ecke gebogen war. Sie nahm es erstaunlich gelassen hin. Nie, aber auch wirklich nie hätte sie ihn in Berlin ohne Helm fahren lassen. Sie konnte es sowieso an einer Hand abzählen, wann er früher alleine mit dem Rad unterwegs gewesen war, und immer war sie vor Sorge fast umgekommen. Aber hier? Natürlich konnte er auch auf Borkum stürzen und sich am Kopf verletzen, aber das Unfallrisiko auf dem sechshundert Meter langen autofreien Schulweg war doch sehr gering.

»Noch einen Kaffee?«, fragte Hinnerk, der es sich auf der Terrasse gemütlich gemacht hatte. Aila stürzte sich auf ihren Wassernapf und schlabberte ihn in einem Zug aus, während sich Caro zu ihrem Schwiegervater setzte und einen Kaffee einschenkte.

»Das Saisonauftaktfest an der Promenade wird dieses Jahr noch größer«, sagte Hinnerk und erzählte ihr, dass es deutlich mehr Stände geben würde, an denen neben Getränken und Speisen auch Infos über die Insel angeboten würden.

»Ich war schon Jahre nicht mehr da.« Caro nippte an ihrem Kaffee. »Das letzte Mal lebte Lefke noch.«

Hinnerk machte kurz ein wehmütiges Gesicht, als er an seine verstorbene Frau dachte. »Seitdem hat sich eine Menge verändert«, sagte er dann schnell. »Inzwischen können wir mit Cannes und Nizza mithalten.«

Caro lachte. »So wird es hier hoffentlich nie werden!«

Hinnerk grinste. »Keine Sorge. Steht nicht an.«

»Ich kann mich noch gut an die Stimmung damals erinnern«, sagte Caro. »Obwohl eine gewisse Hektik herrschte, waren alle so fröhlich.«

»Klar. Die einen machen Urlaub, die anderen verdienen Geld.«

»Ja, aber das ist es nicht nur. Ich hatte immer das Gefühl, dass beide Seiten sich richtig aufeinander freuen. Und das nicht nur, weil die einen am Strand liegen und die anderen mit ihnen Geld verdienen.«

»Da hast du recht«, stimmte Hinnerk ihr zu. »Ohne unsere Gäste ist Borkum wirklich nur halb so schön. Manchmal wird es vielleicht ein bisschen viel, aber ganz ehrlich: Wenn im November dann kein Mensch kommt, ist hier auch wirklich der Hund begraben. Dann fällt einem erst mal auf, wie wenig Menschen es hier eigentlich gibt. Die trubelige Urlaubszeit ist schon schön.«

Caro nickte. Sie freute sich auf ihre erste Saison. Zum ersten Mal in ihrem Leben würde sie die Urlaubszeit von der anderen Seite miterleben, und sie war gespannt und neugierig, wie sich das anfühlen würde.

Sie sah auf die Uhr. »Ich muss gleich zum Flughafen. Hast du heute was vor oder bist du hier, wenn Justus aus der Schule kommt?«

»Ich werde jetzt zwei Stunden den Garten wässern und mich dann zu Aila in den Keller legen«, grummelte Hinnerk. »Bei der Hitze komme ich erst nach Sonnenuntergang wieder raus.«

»Wie ein Vampir.«

»Dafür bin ich zu lebendig.«

»Du musst viel trinken.«

»Weiß ich doch.« Hinnerk strich sich den Schweiß aus seinen buschigen, weißen Augenbrauen. »Wenn die Temperaturen so bleiben, wird das mit dem Trinken noch ein Riesenproblem werden.«

»Du meinst, die Vorräte reichen nicht?«, fragte Caro erstaunt. »Auf der ganzen Insel? Kann ich mir nicht vorstellen.«

»Nee. Ich meine, dass die Leute uns umkippen wie die Fliegen von der Wand. Der Verwaltungschef der Riff Kliniken ist bei mir im Inselclub«, sagte Hinnerk. »Der erzählte gestern, dass bei ihm jeden Tag einer umfällt.«

»Sind das nicht reine Reha-Einrichtungen?«, fragte Caro. »Dann haben die doch wahrscheinlich alle schlimme Vorerkrankungen, oder?«

»Nö. Wenn dein Knie im Eimer war, heißt das ja noch lange nicht, dass dein Kreislauf bei 35 Grad im Schatten schlappmachen muss. Das sind einfach alles dehydrierte Leute, die die Hitze unterschätzen.«

»Ich sag ja: Du musst viel trinken, Hinnerk.«

»Weiß ich doch.«

Nachdem Hinnerk sich in den Keller verabschiedet hatte, holte Caro ihr Fahrrad aus der Garage und radelte los. Sie hatte noch nicht mal ein Drittel des Weges geschafft, als sie merkte, dass sie einen Platten hatte.

»Mist.«

Der Schlauch machte ihr schon seit einer Weile Probleme, das Ventil saß nicht mehr richtig fest und löste sich bei einer Bodenwelle schnell aus der Verankerung.

Caro kniete sich neben den Reifen und drehte das Ventil wieder so fest hinein, wie sie konnte. Dann nahm sie die alte Luftpumpe und begann, den Reifen wieder aufzupumpen. Schon nach wenigen Augenblicken war sie schweißgebadet, und als der Reifen wieder fest und prall war, wäre sie am liebsten sofort nach Hause gefahren und hätte sich unter die Dusche gestellt.

Stattdessen setzte sie sich auf ihr Rad und fuhr den Giloweg weiter Richtung Flughafen. Nach wenigen Metern sah sie Jo Hammert in der Ferne. Er ging auf einem Pfad zwischen den Dünen, trug seinen Jutesack über der Schulter und schien völlig in Gedanken zu sein. Caro wollte ihm gerade einen Gruß zurufen, als ein bulliger, dunkel gekleideter Typ wie aus dem Nichts plötzlich neben Jo auftauchte.

Wo kam der denn auf einmal her?, fragte sich Caro überrascht. Sie konnte nicht erkennen, wer der Mann war, aber sie sah sehr deutlich, dass er Jo ziemlich aggressiv ansprach. Der Kerl stieß ihm gegen die Schulter und schien ihn anzuschnauzen, woraufhin Jo ihn nicht weniger aggressiv zurückschubste. Caro hatte keine Ahnung, worum es in dem Wortwechsel ging, aber dass die beiden Männer sich anschrien, war deutlich zu hören.

»Was ist denn da los«, murmelte sie und radelte ein Stück in Jos Richtung. »Jo!«, rief sie dann so laut sie konnte. »Alles in Ordnung?«

Die beiden Männer ließen sofort voneinander ab und sahen sie an. Dann wandte sich der dunkel gekleidete Typ noch mal an Jo und sagte irgendetwas zu ihm, wobei er seinen Zeigefinger drohend vor Jos Gesicht hielt. Danach drehte er sich um und verschwand hinter den Dünen.

Jetzt hatte Caro Jo erreicht. »Bist du okay?«, fragte sie, als sie neben ihm bremste.

»Ja, sicher.«

»Was war denn los?«

Jo verzog sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen. »Alles in Ordnung. Umweltsau trifft Umweltschützer. Da kann es schon mal zu Diskussionen kommen.«

»Und wer war der Typ?«

»Keine Ahnung. Hab ich noch nie gesehen. Ich muss weiter. Moin!«

»Moin …«

Nachdenklich sah sie Jo hinterher. Umweltsau trifft Umweltschützer – hatte er den Mann vielleicht am Strand dabei erwischt, wie er Müll abladen wollte? Aber dann hätten die beiden ihren Streit doch an Ort und Stelle geführt. Dann wäre der Kerl ihm doch nicht durch die Dünen gefolgt und hätte ihn so aggressiv angemacht. Es kam Caro fast so vor, als hätte der Mann Jo aufgelauert. Warum sollte ein Wildfremder so etwas tun?

Du kanntest den doch, dachte Caro und hoffte, dass Jo nicht in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte.

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2

»Haben wir nicht erst letzte Woche frische Ware bekommen?«, fragte Caro erstaunt, als sie ihr Fahrrad vor dem Flughafen abstellte. Inge Lorenz stand mit in die Hüften gestemmten Händen neben der Eingangstür und koordinierte einen jungen Mann, der Kisten aus einem Lkw schleppte. Inges Kommandos waren eigentlich überflüssig, da der Mann nicht mehr machen konnte, als die Kartons vom Wagen in den Eingangsbereich des Flughafens zu stellen, dennoch ließ sie es sich nicht nehmen, ihn mit »Weiter links!«- und »Die müssen dahinten rechts hin!«-Sprüchen zu nerven.

»Dein erster Saisonauftakt, was?«, meinte Inge zu Caro und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Was meinst du, was wir die nächsten Wochen alles brauchen! Getränke, Süßigkeiten, Klopapier, Seife – ich kann mir da keinen Engpass erlauben.«

Ihre weit geschnittene pinke Bluse hatte unter den Armen bereits dunkle Flecken. Keine Frage, mit dreißig Kilo Übergewicht war die Hitze noch schlechter zu ertragen als für eine schlanke und sportliche Person wie Caro. Von Inge hatte sie den Flughafenkiosk im letzten Jahr übernommen, weil die korpulente Endfünfzigerin den Ticket- und Kioskverkauf zusammen nicht mehr schaffte. Beides war, jedenfalls offiziell, zu viel für die hüftkranke Frau, die im Kiosk immer ihre eigene beste Kundin gewesen war. Natürlich ohne zu bezahlen. Arne, der Geschäftsführer vom Flughafen, hatte mal überschlagen, wie viel sie von der Ware pro Tag wegschnabuliert hatte, und war auf über dreißig Euro für Cola und Schokoriegel gekommen. Und das täglich. Ein Schaden, der sich nicht nur auf Inges Hüften bemerkbar gemacht hatte, sondern auch dem Flughafenbetreiber irgendwann aufgefallen war. Nachdem Inge ihr Leben lang für den Flughafen gearbeitet hatte, war sie praktisch unkündbar, und da Arne sie natürlich, trotz der großen Standpauke, die er ihr hielt, seit Jahren ins Herz geschlossen hatte, einigten sich die beiden darauf, dass es aus gesundheitlichen Gründen besser war, wenn Inge sich nur noch auf den Ticketverkauf konzentrierte.

Seitdem Caro den Kiosk führte, hatte sie das Warenangebot ein wenig modernisiert. Dominierten früher Mon Chéri und andere Schnapspralinen, die Inge gerne mochte, so waren es nun Artikel für Kinder und Snacks, die auf den ersten Blick den Anschein machten, als wären sie nicht übertrieben gezuckert. Was sie natürlich trotzdem waren, aber der betuchte Borkum-Reisende, der mit dem Flugzeug auf die Insel kam, wollte nun mal gerne die Illusion haben, dass ein Schoko-Müsli-Riegel seinem Körper auch etwas Gutes tat. Caro kannte diese Klientel nur zu gut.

»Es sind überhaupt keine Pralinenschachteln dabei!«, sagte Inge enttäuscht, als sie die Kartons gemeinsam mit Caro öffnete. »Hast du keine bestellt?«

»Jetzt im Hochsommer werden die Pralinen doch gar nicht mehr frisch hergestellt«, antwortete Caro.

»Na und? Ich hatte früher immer einen Vorrat.«

Lächelnd zog Caro einen schmalen Karton mit Mon Chéri hinter einer Trennwand hervor. »Natürlich habe ich noch einen Restbestand. Da das Zeug bei der Hitze sowieso kein Mensch kauft, nimm es am besten unter deine Fittiche.«

Ein Strahlen ging über Inges Gesicht. »Danke!« Schnell wurde sie wieder ernst. »Und wenn Arne das mitkriegt?«, fügte sie konspirativ flüsternd hinzu.

»Keine Sorge. Ich kümmere mich schon darum«, antwortete Caro, die den Betrag für die Pralinen längst in die Kasse eingezahlt hatte. »Aber pass auf, dass dir das ganze Zeug nicht schmilzt!«

»Keine Sorge. So lange halten die bei mir nicht.«

Inge riss das Zellophan-Papier von der Packung, schob geübt die goldene Plastikeinlage aus der bunten Pappe und steckte sich eine schon sichtbar weich gewordene Praline in den Mund. »Das Klopapier muss zu den Toiletten …«, sagte sie genüsslich kauend zu dem jungen Mann.

Schlecht gelaunt ließ der Mann das Paket einfach fallen. »Junge Frau, ich bin nicht dafür zuständig, die Waren an den richtigen Platz zu bringen. Offiziell muss ich sogar nur bis zur Türschwelle liefern, ist Ihnen das eigentlich klar?«

»Nun werd mal nicht so frech, Jungchen!«, entgegnete Inge mit hochrotem Kopf und verschluckte sich fast an ihrer Schnapspraline. »Ich könnte deine Mutter sein!«

»Wohl eher meine Oma.«

»Unverschämtheit!«

Caro bemühte sich, ernst zu bleiben. Inge machte auf den ersten Blick immer den Eindruck, als sei sie auf Krawall gebürstet, aber das stimmte nicht. So kratzbürstig sie sein konnte, so groß war aber auch ihr Herz. Die gebürtige Borkumerin wusste genau, was sie wollte, ließ sich nur ungern etwas vorschreiben und sagte geradeheraus, was sie dachte. Ohne Rücksicht auf Verluste. Als Caro im Flughafen angefangen hatte, war ihr erster Gedanke gewesen, dass sie es mit dieser Inge niemals aushalten und garantiert eine Menge Streit haben würde. Aber das Gegenteil war der Fall. So schnell, wie die jemanden anblaffte, so schnell vertrug sie sich auch wieder mit ihm.

»Hier, Junge, hast fünf Euro«, sagte sie zu dem jungen Mann, als er mit dem Auspacken fertig war. »Für ein Feierabendpils. Hast ja gut geschleppt.«

»Danke, Frau Lorenz«, der junge Mann tippte sich an die Stirn. Auch er schien die Auseinandersetzung längst vergessen zu haben. »Bis zum nächsten Mal. Moin!«

Als er weg war, fuhr auch schon der Lieferwagen von Björn Hagedorn vor, dem Getränkehändler auf der Insel.

»Das geht hier ja zu wie im Taubenschlag«, meinte Caro. »Wo sollen wir das denn alles kühlen, die Massen kommen doch erst nächste Woche!«

Selbst im Keller des Flughafens war es inzwischen einigermaßen warm. Aber es blieb Caro nichts anderes übrig, als mit Björn Hagedorn die Kisten nach unten zu schleppen. Es freute sie, dass der Mann sich etwas berappelt hatte. Als sie ihn im letzten Jahr bei dem Fall um den ermordeten Klinikchef kennengelernt hatte, war er ein verwahrloster Trinker gewesen. Davon war jetzt nicht mehr viel zu sehen. Hagedorn wirkte durchaus gepflegt, und eine Fahne hatte er auch nicht mehr.

Auch wenn die Hauptsaison noch nicht gestartet war, landeten natürlich schon Maschinen auf der Insel. Saisonkräfte wurden eingeflogen, und es kamen erste Urlauber, die nicht den Ferienbeginn abwarten mussten, weil sie keine Kinder im schulpflichtigen Alter hatten. Bei so einem Wetter entschieden sich viele kurzfristig, an die Küste zu fliegen. Caro konnte das gut verstehen. 35 Grad waren in Berlin oder Köln etwas anderes als auf Borkum.

Während sie die letzten Artikel in die Regale des Kiosks räumte, landete draußen eine Maschine. Olaf, einer der wenigen Inselpiloten, stieg aus und half den zehn Passagieren beim Ausstieg und mit ihrem Gepäck. Durch die bodentiefen Fenster, die die Flughafenhalle von der Terrasse und dem Rollfeld abtrennten, erkannte Caro Jo Hammert. Seinen bunten Jutesack hatte er jetzt nicht mehr dabei, dafür aber eine Laptoptasche. Sie hatte ihn noch nie am Flughafen gesehen und fragte sich, ob er in seiner Müllmission hier war. Aber zu ihrer Überraschung kam ein Mann in Anzug und Aktenkoffer auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. Er unterschied sich auffällig von den anderen Fluggästen, nicht nur wegen seiner Businesskleidung und dem fehlenden Gepäck, sondern wegen seiner Ausstrahlung und seines ganzen Auftretens. Die Haare waren offensichtlich dunkel gefärbt und erinnerten Caro an eine Playmobil-Frisur, ein Haufen Gel oder Haarlack sorgte dafür, dass der Wind nicht eine Strähne zum Wanken brachte. Der helle Leinenanzug wirkte teuer und bewusst lässig, so wie er auf Sylt das ganze Jahr über getragen wurde. Der Mann verströmte etwas Arrogantes, und Caro hatte das Gefühl, dass er Jo schon mit dem Händedruck vermitteln wollte, wie wichtig er war. Zu ihrer Überraschung wirkte auch Jo ganz anders, als sie ihn sonst kannte. Eigentlich hätte sie erwartet, dass er einem solchen Schnösel mit einer gewissen Verachtung gegenübertreten würde, aber alles in seinem Gesicht wies darauf hin, dass er den Mann ganz offensichtlich respektierte. Er blickte ihm ernst in die Augen und fasste ihn jovial am Arm, bevor er ihn ein paar Meter weiter zog. Dabei sah er sich immer wieder um, als wollte er sicherstellen, dass sie nicht beobachtet wurden. Das Aufeinandertreffen der beiden wirkte fast konspirativ, und Caro fragte sich, was so ein ausgemachter Öko wie Jo wohl mit so einem etwas zwielichtig wirkenden Businessheini zu bereden hatte. Die beiden schienen leise miteinander zu sprechen, während Jo immer wieder die Umgebung scannte.

Jetzt geht echt die Fantasie mit dir durch, dachte Caro und musste über sich selbst den Kopf schütteln. Erst sah sie Jo mit einem fremden Mann laut streiten, dann mit einem anderen leise sprechen – und jedes Mal vermutete sie irgendeine wahnwitzige Geschichte dahinter. Seitdem sie den Mord an dem Chefarzt aufgeklärt hatten, witterte sie an jeder Ecke ein Verbrechen. Neulich hatte sie sich dabei ertappt, wie sie den gewaltsamen Tod eines Karnickels rekonstruiert hatte. Sie war vom Fahrrad abgestiegen, hatte das tote Tier von allen Seiten betrachtet und nach Beweisen gesucht, dass jemand den pelzigen Bauch brutal geöffnet hatte. Denn sie wusste genau, dass Serienkiller vorher an Tieren übten und dass Kinder, die durch Tierquälereien auffielen, später zu Mördern werden konnten. Sie war kurz davor gewesen, Fotos vom Tatort zu machen, als ihr aus dem Augenwinkel der Täter auffiel. Er hockte auf einem Felsen und grinste sie hinterhältig an, ein Stück Karnickelbauch hing ihm noch im Schnabel, und als er wegflog, ließ er noch mal einen genervten Schrei los, weil Caro ihn beim Abendessen gestört hatte. Mit Möwen stand sie von Anfang an auf Kriegsfuß.

»Wo ist die Tinte für den Ticketdrucker?«, krähte Inge in dem Moment und holte sie so in die Realität zurück. »Hat der Junge keine geliefert? Ich werd noch irre …«

Es ist viel los auf der Insel. Es stehen noch eine Menge Arbeit und Vorbereitungen an, bevor die verdammten Sommerferien losgehen. Ich finde kaum die Zeit, um das zu tun, was ich tun muss. Was ich längst erledigt haben sollte.

Eben kam wieder ein Anruf. Erneut haben sie versucht, Druck zu machen. Warum ich es noch nicht geregelt habe, wollten sie wissen, obwohl ich doch schon Tage Zeit hatte. Aber ich weiß, wann ich was mache, ich brauche keine Anweisungen. Die sitzen bequem auf dem Festland und warten, dass ich die Kohlen aus dem Feuer hole. Sie können es ja alleine regeln, wenn ihnen mein Vorgehen nicht passt.

Und ich soll mich gefälligst nicht erwischen lassen, haben sie noch gesagt. Da hätte ich fast losgelacht. So was passiert nur, wenn man nicht aufpasst, und natürlich werde ich aufpassen. Es kann eigentlich gar nichts schiefgehen.

Ich werde meinen Plan trotzdem noch mal genau durchgehen und alle Details überprüfen. Und die Sache dann durchziehen. Ich muss vor allen Dingen aufpassen, dass mich keiner sieht. Oder dass ich zumindest keinem auffalle. Auch ihm nicht. Er ist schließlich kein Fremder. Vermutlich ahnt er, was ich vorhabe. Das kann ich jedenfalls nicht ausschließen. Und nach dem Treffen am Flughafen ist klar, dass ich nicht mehr viel Zeit habe. Wenn ich noch länger warte, dann kommen die Dinge ins Rollen, ohne dass ich sie aufhalten kann. Das werde ich nicht zulassen. Es geht hier schließlich nicht um ein paar Euro. Es geht um Zigtausende. Wenn er nicht vernünftig ist, dann hilft eben nur eins. Dann suche ich ihm ein hübsches Grab aus.

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3

Das geschäftige Treiben am Flughafen und auf der ganzen Insel sollte die nächsten Tage nicht besser werden. Die Temperaturen stiegen immer mehr an, und die ungewohnte Hitze schlug einigen auf die Stimmung. Selbst die Nächte waren inzwischen recht warm, und wenn die zuverlässige frische Brise ausblieb, konnte Caro nicht mehr schlafen. So wie viele andere auch nicht. Einige kälteerprobte Insulaner konnten da ganz schön gereizt werden. Einerseits wollte sich keiner das zu erwartende Bombengeschäft mit Eis und gekühlten Getränken entgehen lassen, andererseits war jetzt schon allen klar, dass man den Bedarf vermutlich nicht komplett decken konnte.

Auch sie konnte sich von dem Vorbereitungsstress nicht ganz frei machen. Die Frage, wie man die ganzen Getränke kalt kriegen sollte, war immer noch nicht geklärt, und Caro vermutete, dass sich das Problem auch nicht lösen lassen würde. Mussten die Leute halt lauwarme Limo trinken, sie konnte es nicht ändern.

Da es weder im Flughafen noch im innen liegenden Kiosk eine Klimaanlage gab, war das Arbeiten zum Teil wirklich ausgesprochen anstrengend. Die Wurst auf den Brötchen, die sie morgens schmierte und den ersten Reisenden zum Kauf anbot, rollte schon nach wenigen Minuten die Ränder auf, als wollte sie sagen: Du hast sie doch nicht mehr alle, mich aus dem Kühlschrank zu holen. Kaufen wollte so etwas natürlich auch keiner mehr, und so bekam Aila im Moment dauernd irgendwelche ...

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