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Mordseeküste

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die AutorInnen
  4. Titel
  5. Impressum
  6. OSTSEESÜHNE
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. 18. Kapitel
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. 21. Kapitel
  29. 22. Kapitel
  30. 23. Kapitel
  31. 24. Kapitel
  32. 25. Kapitel
  33. 26. Kapitel
  34. 27. Kapitel
  35. 28. Kapitel
  36. 29. Kapitel
  37. 30. Kapitel
  38. 31. Kapitel
  39. 32. Kapitel
  40. 33. Kapitel
  41. 34. Kapitel
  42. 35. Kapitel
  43. Nachbemerkung
  1. FRIESISCHE RACHE
  2. Prolog
  3. 1 Spätsommer 1990
  4. 2 Spätsommer 1990
  5. 3 Spätsommer 1990
  6. 4 Spätsommer 1990
  7. 5 Frühsommer 2014
  8. 6 Spätsommer 1990
  9. 7 Spätsommer 1990
  10. 8 Frühsommer 2014
  11. 9 Spätsommer 1990
  12. 10 Frühsommer 2014
  13. 11 Spätsommer 1990
  14. 12 Frühsommer 2014
  15. 13 Spätsommer 1990
  16. 14 Frühsommer 2014
  17. 15 Spätsommer 1990
  18. 16 Frühsommer 2014
  19. 17 Spätsommer 1990
  20. 18 Frühsommer 2014
  21. 19 Spätsommer 1990
  22. 20 Frühsommer 2014
  23. 21 Spätsommer 1990
  24. 22 Frühsommer 2014
  25. 23 Spätsommer 1990
  26. 24 Frühsommer 2014
  27. 25 Spätsommer 1990
  28. 26 Frühsommer 2014
  29. 27 Herbst 1990 bis Sommer 1993
  30. 28 Frühsommer 2014
  31. 29 Frühsommer 2014
  32. 30 Frühsommer 2014
  33. Epilog
  1. KÜSTENMORDE
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  12. Kapitel 11
  13. Kapitel 12
  14. Kapitel 13
  15. Kapitel 14
  16. Kapitel 15
  17. Kapitel 16
  18. Kapitel 17
  19. Kapitel 18
  20. Kapitel 19
  21. Kapitel 20
  22. Kapitel 21
  23. Kapitel 22
  24. Kapitel 23
  25. Kapitel 24
  26. Kapitel 25
  27. Kapitel 26
  28. Kapitel 27
  29. Kapitel 28
  30. Kapitel 29
  31. Anmerkung der Autorin

Über dieses Buch

Drei spannende Kriminalfälle von Deutschlands Küsten. Der perfekte Sammelband für packende Urlaubstage! Spannung garantiert!

»Ostseesühne« von Eva Almstädt

Im Feuerlöschteich auf einem Bauernhof entdeckt ein Postbote eine halb verweste männliche Leiche. Von den Bewohnern des Hofes, einem Ehepaar und seinem 16-jährigen als zurückgeblieben geltenden Sohn, fehlt jede Spur. Pia Korittki übernimmt die Ermittlungen – und findet heraus, dass vor Jahren ein merkwürdiges Gerücht im Dorf kursierte, dem jedoch nie jemand nachgegangen ist: Auf dem Hof soll damals ein Mädchen gefangen gehalten worden sein …

»Friesische Rache« von Wolf S. Dietrich

Sie suchen ihre Opfer unter Borkums Feriengästen. 25 Jahre bleiben ihre Taten ungesühnt. Dann jedoch erscheint eine Frau auf der Nordseeinsel, ein Opfer von damals, um sich an jenen Männern zu rächen, die ihr Leben zerstört haben. Ihr Feldzug mündet in einem bizarren Todesfall. Auf Betreiben eines einflussreichen Lokalpolitikers wird Hauptkommissarin Rieke Bernstein vom LKA zu dem Fall hinzugezogen. Bei ihren Ermittlungen gerät die Kommissarin schließlich selbst in das perfide Spiel von Opfer und Täter und muss um ihr Leben fürchten.

»Küstenmorde« von Nina Ohlandt

Herbst auf der Nordseeinsel Amrum. In einer stürmischen Nacht stirbt ein alter Mann, kopfüber aufgehängt am Quermarkenfeuer, dem kleinen Inselleuchtturm. Auch seine Frau wird brutal ermordet aufgefunden. Die Ermittlungen übernimmt Hauptkommissar John Benthien von der Flensburger Kripo. Benthien hat in seiner Dienstzeit schon viele grausame Fälle bearbeitet, doch dieser übertrifft alle. Wer steckt hinter dem Doppelmord? War es ein Racheakt? Der Kommissar und sein Team tappen im Dunkeln – bis sie auf zwei Ereignisse stoßen, die weit in der Vergangenheit liegen.

Über die AutorInnen

Eva Almstädt

Eva Almstädt, in Hamburg geboren und dort auch aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Seit 2001 ist sie freie Autorin. Eva Almstädt lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Schleswig-Holstein.

Wolf S. Dietrich

Wolf S. Dietrich studierte Germanistik und Theologie und war als Lehrer tätig. Weitere berufliche Stationen bildeten die eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters an der Universität Göttingen und die des Didaktischen Leiters einer Gesamtschule. Heute lebt und arbeitet er als freier Autor in Göttingen und an der Nordsee. Wolf S. Dietrich ist Mitglied im Syndikat, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur.Weitere Informationen finden Sie auf www.nordsee-krimi.de

Nina Ohlandt

Nina Ohlandt wurde in Wuppertal geboren, wuchs in Karlsruhe auf und machte in Paris eine Ausbildung zur Sprachlehrerin, parallel schrieb sie ihr erstes Kinderbuch. Später arbeitete sie als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Marktforscherin, bis sie zu ihrer wahren Berufung zurückfand: dem Krimischreiben im Land zwischen den Meeren, dem Land ihrer Vorfahren.

Eva Almstädt
Wolf S. Dietrich
Nina Ohlandt

MORDSEEKÜSTE

OSTSEESÜHNE

von Eva Almstädt

Prolog

Das Laub unter der dünnen Schneedecke knisterte. Im Dämmerlicht näherte sich Ulf Nielsen der Bodenerhebung im Wald. Andere würden es für einen gewöhnlichen Hügel halten, doch ihm verursachte allein die typische Form Herzklopfen. Das Wissen darüber, was es damit auf sich hatte. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe auf das Zifferblatt seiner Uhr. Noch ein paar Minuten bis Sonnenaufgang.

Die meisten seiner Mitmenschen lagen an einem Sonntagmorgen um diese Uhrzeit im warmen Bett. Er hatte Besseres zu tun. Ulf Nielsen lehnte sich gegen einen Baumstamm und nahm seine Spiegelreflexkamera zur Hand. Er wartete auf den magischen Moment, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf die Reste der mittelalterlichen Turmhügelburg fallen und sie in seiner Fantasie zum Leben erwecken würden. Die Burg, oder auch Motte, war von einem breiten, immer noch sumpfigen Graben umgeben. So hatte man im 12. Jahrhundert von der natürlichen Schutzlage in den feuchten Niederungen profitiert. Als Lehrer für Erdkunde und Geschichte, und vor allem als Sachbuchautor, hatte er diesen Ort eingehend studiert.

Gleich würde die Sonne über der nahen Ostsee aufgehen. Der Himmel hinter den Baumstämmen schimmerte schon lilagrau. Nielsens Herz schlug schneller. In seiner Vorstellung ergänzte er den Hügel durch einen Holzturm und eine Befestigungsanlage rundherum. Es waren mit Erde verfüllte Holzbarrikaden gewesen. Nur in Linau bei Trittau war ihm die Raubritterburg »Linowe« mit Resten eines Steinturms bekannt. Zu der Motte vor ihm, die »Ravensvelde« genannt wurde, hatte eine mit Wall und Graben geschützte Vorburg gehört, doch davon war selbst unter günstigen Lichtverhältnissen nichts mehr zu erkennen. Er stellte sich die Wachen vor, die über die Brüstung schauten und ins Wasser spuckten. In der Ferne klopfte ein Specht. Als die ersten Sonnenstrahlen über den Hügel fielen, nahm Ulf Nielsen die Kamera hoch und fotografierte mit verschiedenen Einstellungen.

Hinter ihm knackte etwas. Er ließ den Fotoapparat sinken und sah über seine Schulter. Allein im Wald fühlt sich ein Mensch nie ganz sicher, dachte er. Bei aller Vernunft behielten Urängste die Oberhand. Doch da war niemand. Es war nur ein Zweig gewesen, der durch den Frost gebrochen war. Er würde um diese Uhrzeit ja kaum Spaziergängern oder gar dem Bauern begegnen.

Ulf Nielsen kannte den Mann, auf dessen Grund und Boden er sich befand: Armin Fuhrmann, ein grober Klotz, den eine ehemalige Ritterburg auf seinem Land nicht die Bohne interessierte. Der es lästig fand, dass er an der Motte nichts verändern durfte. Der auch einen Eiskeller aus dem 17. Jahrhundert, der etwa zweihundert Meter von hier entfernt lag, für ein paar Steine, die er verkaufen konnte, abtragen würde.

Ulf Nielsen erinnerte sich, wie er Armin Fuhrmann und seine Frau vor ein paar Jahren davon überzeugen musste, ihren Sohn von der Hauptschule auf die Förderschule zu schicken. Jeder Mensch hatte ein Anrecht auf eine ihm angemessene und fördernde Bildung, selbst einer, der vor dreißig Jahren noch als Dorftrottel durchgefüttert worden wäre. Dieses Wort hatte er natürlich gegenüber den Eltern nicht in den Mund genommen. Trotzdem war Nielsen von Armin Fuhrmann beschimpft und schließlich auch körperlich bedroht worden. Die Mutter des Jungen hatte ihn nur entsetzt und ängstlich angestarrt. Es hatte zwar eine Weile gedauert, aber Nielsen hatte nicht locker gelassen und seinen Plan mithilfe der Schulleitung und des Jugendamtes schließlich durchgesetzt. Thilo Fuhrmann, so hieß der Junge, musste jetzt auch schon mit der Schule fertig sein. Was er wohl trieb? Nielsen erinnerte sich noch gut an ihn. Ein Kind mit einem auffallend hübschen Gesicht und unheimlichen grünen Augen. Dieser leere Blick, mit dem ihn Thilo während des Unterrichts verfolgt hatte … Er fröstelte. Es knackte wieder, scharf und hell, wie ein Schuss in weiter Ferne. Nielsen widerstand dem Drang, sich nochmals umzusehen. Nein, weder ein Raubritter noch der hünenhafte, grobschlächtige Armin Fuhrmann oder sein Sohn würden gleich hinter dem Hügel auftauchen. Er war allein im Wald. Dann fiel ihm ein, dass auch Jäger diese frühe Stunde bevorzugten. Auf der Fahrt mit dem Rad hierher hatte er auf einer Wiese Damwild im dichten Bodennebel äsen sehen. Ein weißes Tier hatte aus der Masse herausgestochen. Der Anblick des seltenen Wildtieres im Zwielicht war unheimlich gewesen. Ein Jäger, den Nielsen kannte, hatte ihm mal erzählt, dass er in vierzig Jahren kein einziges Mal auf weißes Rot- oder Damwild angelegt habe. Das bringe Unglück.

Die Freude an seinen mittelalterlichen Fantasien wollte sich heute nicht so recht einstellen. Es war zu kalt. Seine Gedanken an den schwierigen Jungen, und damit an seinen eigentlichen Beruf, hatten Nielsen zu sehr abgelenkt. Er hängte sich die Kamera über die Schulter und hauchte sich in die Hände. Dann machte er sich zu der Weide auf, an der er sein Fahrrad abgestellt hatte. Zurück in Bad Schwartau wollte er sich ein Frühstück beim Bäcker gönnen. Eine seiner Schülerinnen aus dem Erdkunde-Profil jobbte an den Wochenenden dort. Ulf Nielsen nahm sich vor, mit ihr zu plaudern. Sie war schüchtern, nicht sehr hübsch und hatte anscheinend nicht viele Freunde. In den Pausen sah er sie oft allein herumsitzen und lesen. Sie würde in einem Jahr mit der Schule fertig sein …

Er ging schneller. Der Boden war unangenehm weich, Brombeerranken zogen an seinen Hosenbeinen, und er trat in ein mit Wasser gefülltes Loch. Die eisige Brühe drang von oben in seinen linken Wanderschuh. Vor sich sah er nun die Kuppe eines lang gezogenen Hügels, an dessen Nordseite sich die Öffnung des Eiskellers befand. Hinter dem Eiskeller führte der Feldweg bis zum Röperhof, wo die Fuhrmanns lebten. Die großflächigen Dächer von Wohnhaus und Scheune lagen noch hinter dem nächsten Hügelkamm, aber in der Ferne blinkten ein paar Windräder im ersten Morgenlicht. Sie zerstörten Ulf Nielsens geschichtliche Visionen endgültig. Und noch etwas störte ihn: Hinter dem Eiskeller stand nun ein Auto.

Der Bauer? Oder ein Jäger? Hatten sie ihn auf dem Rad vorbeifahren sehen und waren dem vermeintlichen Störenfried gefolgt? Oder hatte jemand etwas im Eiskeller zu tun? Egal, er musste daran vorbeigehen, wenn er zu seinem Fahrrad wollte. Nielsen sah, dass der Boden vor dem Eiskeller aufgewühlt war. Fuß- und auch Schleifspuren in der puderzuckerartigen Schneedecke. Die Spuren konnten nicht vom gestrigen Abend stammen, weil es erst ein paar Stunden vor Sonnenaufgang zu schneien begonnen hatte. Die grob zusammengezimmerte Holztür, die den Eiskeller versperrte, war wie immer geschlossen. Nielsen konnte sich nicht vorstellen, dass jemand in den höhlenartigen Raum ging und die Tür hinter sich zuzog. Also war wohl niemand darin. Aber warum parkte dann das Auto hier? Unschlüssig stand er am Waldrand, bis er merkte, dass er zitterte und kaum noch Gefühl in seinem nassen Fuß hatte. Also weiter.

Im Vorbeigehen sah er, dass an der rostigen Metallöse an der Tür des Eiskellers eine neue Kette und ein neues Vorhängeschloss hingen. Wieder knackte es im Unterholz. Von diesem Moment an hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Doch im Zwielicht des Waldes war niemand zu sehen. Wurde er etwa auf seine alten Tage nervös?

Er würde noch einen Blick auf das Auto am Feldrand werfen, nur der Ordnung halber, und dann zurück nach Bad Schwartau fahren. Als er den Feldweg beinahe erreicht hatte, hörte er ein Trampeln und Rascheln, als bräche ein Wildschwein durch das Unterholz. Er wollte sich umdrehen, doch da spürte er schon einen heftigen Schlag zwischen den Schulterblättern und fiel nach vorn. Er landete in einer Pfütze. So groß ist kein Wildschwein, dachte er noch. Etwas drückte ihn hinunter, in das schwarze Wasser. Er hörte ein Keuchen und versuchte, sich hochzustemmen, doch der Gegendruck war zu stark. Da war eine Hand an seinem Hinterkopf, die in sein Haar verkrallt war und sein Gesicht in das eisige, faulig schmeckende Wasser tauchte. Er versuchte sich aufzurichten, seine Hände griffen in den glitschigen Untergrund. Kurz flackerten Bilder vor ihm auf, Bilder von Raubrittern und blutigen Schlachten, von überfallenen und ermordeten Kaufleuten … Da ließ der Druck auf seinen Kopf nach, und Nielsen fuhr, nach Luft schnappend, hoch. Das musste ein Irrtum sein, ein irrwitziger Streich! Er würde nicht in einer Pfütze ertrinken. Gleich würde jemand lachen und ihm hochhelfen, ihm auf die Schulter klopfen. Er würde weiterleben! Doch ein glühender Schmerz am Hinterkopf setzte diesem Gedanken ein Ende: Der Wald, der pulvrige Schnee auf zerwühltem Laub und das schwarze Wasser versanken in Dunkelheit.

1. Kapitel

Pia Korittki stand in ihrer Küche und filetierte eine Apfelsine. Der Fruchtsaft rann ihr über die Finger, und als das Messer aus Versehen in das weiche Fleisch schnitt, spritzte Fruchtsaft auf ihren nackten Bauch.

Sie unterdrückte einen leisen Fluch, denn sie wurde beobachtet. Neben ihr in seinem Kinderstuhl saß ihr Sohn Felix und aß ein Käsebrot. Er blickte sie aufmerksam aus großen, dicht bewimperten Augen an. Pia war nur mit Unterhose und einem schwarzen BH bekleidet. Das Top und der Hosenanzug, den sie zur Gerichtsverhandlung tragen wollte, hingen noch sauber und gebügelt am Schrank. Mit seinen zwei Jahren fand ihr Sohn es noch nicht komisch, wenn sie so herumlief. Wann sie wohl mal wieder ein erwachsener Mann so zu sehen bekommen würde? Ihre letzte Nacht mit Lars lag schon wieder ein paar Wochen zurück. Ein schöner Abend, wunderbarer Sex, und als sie ihn am Morgen darauf gebeten hatte zu gehen, bevor Felix wach wurde, hatte er mit Unverständnis reagiert. Er beschwerte sich, dass sie kaum Zeit für ihn habe. Sie hatte versucht, ihm begreiflich zu machen, dass sie wegen Felix eben vorsichtig sein müsse. Tja, und dann hatte sie noch gesagt, dass es ihr auf die Nerven gehe, wie er immer über ihren Beruf lästere. Er hatte gekontert, dass sie seine Hobbys ja auch nicht gerade gutheiße, woraufhin sie gesagt hatte, dass er schon wegen dieser bescheuerten Hobbys zeitlich mindestens genauso eingeschränkt sei wie sie, von seiner Agentur ganz zu schweigen … Hatte sie wirklich »bescheuert« gesagt? Er war jedenfalls ziemlich wütend geworden und, wenn sie sich recht erinnerte, wutschnaubend gegangen. Seitdem herrschte Funkstille.

Pia seufzte bei der Erinnerung an den Streit und legte die Orangenscheiben zu den anderen Obststückchen in die Frühstücksdose. Sie verschloss sie mit einem kräftigen Druck ihres Handballens und legte sie in Felix’ Rucksack. Obst und Vitamine, gute Mutter!, dachte sie spöttisch. Die Verhandlung vor Gericht heute würde weniger einfach werden.

Pia arbeitete als Kriminaloberkommissarin im Kommissariat 1 der Bezirkskriminalinspektion Lübeck. Heute sollte sie als Zeugin in einem Mordprozess aussagen. Sie war im Sommer an den Ermittlungen in einem Fall auf Fehmarn beteiligt gewesen, der großes Medieninteresse hervorgerufen hatte. Sie hoffte, dass die Presse ihre Aufmerksamkeit inzwischen anderen Ereignissen widmete. Der Täter war überführt und gefasst worden, eine Entführung, die mit der Tat in Zusammenhang stand, glimpflich ausgegangen. Doch Pia hatte damals eine unangenehme Begegnung mit dem Täter in ihrer Küche gehabt. Nicht daran denken! Die Befriedigung darüber, dass er sich heute vor Gericht für seine Taten verantworten musste, dass Jesko Ebel wahrscheinlich verurteilt werden würde, stellte sich nicht ein. Die Täter wurden früher oder später aus der Haft entlassen, spazierten frei herum und erfreuten sich unter Umständen ihres Lebens, während die Opfer für alle Zeiten tot waren oder traumatisiert blieben. Viele fürchteten sich sogar vor einer weiteren Begegnung mit dem Täter.

Pia warf einen Blick auf die Küchenuhr. Sie lag noch gut in der Zeit. Sie wollte Felix um kurz vor halb acht zu seiner Tagesmutter bringen, um dann rechtzeitig um acht im Gericht zu sein. Sie wischte Felix den Mund und die klebrigen Finger mit einem feuchten Waschlappen ab und trug ihn ins Bad, um ihm die Zähne zu putzen.

Felix streichelte ihr Haar. »Milla«, sagte er.

»Mama, nicht Milla«, korrigierte Pia.

»Milla bielen.«

Milla? Pias Mobiltelefon auf der Kommode im Flur vibrierte.

»Korittki.«

»Oh, gut, dass ich dich noch erwische, Pia! Es tut mir leid, aber du kannst Felix heute nicht zu mir bringen. Ich hab über Nacht wahnsinnige Zahnschmerzen bekommen und muss erst mal zum Zahnarzt.«

»Mist!«, entfuhr es Pia. »Ich meine, tut mir leid, dass du krank bist. Ich hab nur gleich einen Gerichtstermin.« Noch während sie sprach, wurde Pia klar, dass es nichts half. Wenn Fiona krank war, war sie krank. Felix begann, auf ihrem Arm zu zappeln, und sie ließ ihn herunter.

»Ja, es kommt immer alles auf einmal«, bestätigte die Tagesmutter. »Du bist leider nicht die Einzige, der das heute gar nicht passt. Hast du nicht einen Babysitter, der einspringen kann?«

»Ich weiß noch nicht, ich werde die beiden gleich mal anrufen. Dir gute Besserung!«

»Danke. Wenigstens konnten sie mich beim Zahnarzt gleich heute Vormittag einschieben. Wir hören uns wieder.«

»Gute Besserung und viel Glück!« Pia unterbrach die Verbindung und starrte auf ihr Telefon, als wüsste das die Lösung des Problems. Glück konnte sie jetzt ebenfalls gut gebrauchen.

Felix, der kein großer Fan des Zähneputzens war, war im Wohnzimmer verschwunden und spielte mit seinen Bausteinen. Pia ging ihr Telefonregister durch und suchte nach einer Alternative. Ihre Eltern waren nicht da. Lars fiel selbstredend aus. Ihre Freundin Susanne Herbold, die gleichzeitig ihre Vermieterin war, arbeitete tagsüber ebenfalls. Zwei ihrer sporadisch einspringenden Babysitter, die sie erreichte, waren auf dem Weg zur Schule oder zur Uni. Und jetzt war es schon Viertel nach sieben. Pia wusste niemanden mehr. Mitnehmen konnte sie Felix auch nicht. Allein die Vorstellung, ihn in die Nähe von Jesko Ebel zu bringen, bereitete ihr Magenschmerzen.

Seit sie ein Kind hatte, war ihr die Trennung von Privat- und Berufsleben wichtiger denn je. Wer also dann? Hinnerk, Felix’ Vater? Sie hatten sich schon vor Felix’ Geburt getrennt, doch seine Vaterrolle nahm Hinnerk sehr ernst. Er hatte inzwischen einen Studienplatz für Medizin in Lübeck bekommen, nachdem er sein Studium in Ungarn begonnen hatte. Verabredet war, dass er Felix an diesem Samstagvormittag abholte und das Wochenende mit ihm verbrachte. Mit von der Partie wäre seine neue Freundin, von der Pia bisher nur wusste, dass sie Mascha hieß. Sollte sie Hinnerk fragen, ob er spontan einspringen konnte, um ihr zu helfen? Letztlich hatte sie keine andere Wahl. Pünktlich zu einer Gerichtsverhandlung zu erscheinen war ihr dann doch wichtiger als ihr Stolz. Sie musste wohl oder übel über ihren Schatten springen. Zwanzig nach sieben! Hinnerk war ihre letzte Option. Pia spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Wie gut, dass sie noch nicht vollständig angezogen war. Sie wählte Hinnerks Mobilnummer.

Gernot Wiese stand im Wintergarten und beobachtete, wie die Schneeflocken gegen das Glas wehten, schmolzen und dann als Tropfen daran herunterrutschten. Manchmal vereinigten sie sich, meistens überholten sie sich gegenseitig. Eine Parabel auf das menschliche Miteinander. Auch er war gerade heimtückisch überholt worden. Gernot schloss Wetten mit sich selbst darüber ab, welche Tropfen bis unten durchkamen und welche nicht. Wenn der eine hier es bis an den Rahmen schaffte, würde es ein schlimmer Tag werden, unkte er. Wenn nicht, auch. Viel mehr hatte er sowieso nicht zu tun. Nicht einmal draußen herumlaufen konnte man bei diesem scheußlichen Wetter. Durch die nasse Scheibe konnte er in dem trüben Licht gerade noch bis zum Feldrand sehen. Es war kurz vor halb zehn und immer noch nicht richtig hell. Zum Weglaufen. Er musste laut gedacht haben, denn Anneke stand plötzlich hinter ihm und sagte: »Es wird heute nicht mehr heller, Gernot. Kannste vergessen. Arbeitest du heute wieder in deinem Café?« Sie klang aufreizend fröhlich.

Mit dem leeren Kaffeebecher in der Hand drehte er sich zu ihr um. Würdigte sie keiner Antwort. Es hatte neulich schon eine Diskussion darüber gegeben, warum er »vorgab«, im Café zu arbeiten, wo er doch so ein schönes Arbeitszimmer unter dem Dach hatte. Ob er da nur den Frauen hinterhergucken wolle? Er wünschte, Frauen wären sein Problem. Die Frau, mit der er seit acht Jahren verheiratet war, trug ein hellgraues Kostüm mit einer roten Bluse darunter. Sie hatte sich das Haar zu einem Zopf gebunden und sah effizient und erfolgreich aus. Nur die Schuhe passten nicht. Zur Schonung des Echtholzparketts trug sie im Haus nur Gesundheitssandalen. Wenn er besser drauf gewesen wäre, hätte ihn ihr Anblick aufgeheitert. Ihre Pumps würde sie sich erst an der Tür anziehen.

Sie hatten das Haus gemeinsam mit einem Architekten geplant und den Grundriss amerikanisch konzipiert. Durch die Garage gelangte man über einen Vorraum in die Küche. Sehr praktisch. Und natürlich äußerst schick.

Er sah etwas Grellgelbes am Fenster vorbeifahren. Der Postbote brachte immer zuerst den Fuhrmanns auf dem Bauernhof ein Stück die Straße hinunter die Post. Auf dem Rückweg kam er dann zu ihnen, den »Neubürgern«. In Groß Tensin galt man bei den Alteingesessenen auch nach fünfundzwanzig Jahren noch als Neubürger, hatte ihm der Bürgermeister mal jovial erklärt. Nichts für ungut …

Heute war es Gernot nur recht, dass der Postbote zuerst die »Alteingesessenen« bedachte. Er erwartete seit Tagen Post von seiner neuen Bank, die Anneke nicht sehen sollte.

»Das war doch unser Briefträger. Der Benjamin fährt auch bei jedem Wetter mit dem Rad«, sagte sie halb belustigt, halb bewundernd. Seit Anneke über vierzig war und Schokoladenkekse die Tendenz hatten, als Hüftgold an ihr kleben zu bleiben, registrierte sie akribisch die körperliche Fitness ihrer Mitmenschen und kommentierte sie auch. Ihr selbst reichte das Reiten als Sport nicht mehr aus. Sie zeigte zusätzlich ein bedenkliches Interesse an Fitnessübungen.

»Und wie immer in kurzen Hosen. Der Spinner«, ergänzte er, bevor sie seine nicht vorhandene Fitness kommentierte.

»Na, immerhin kann er sich das leisten.«

Sie schaute also neuerdings auf die Waden des Briefträgers. Seine, Gernots, waren ja auch nicht mehr so der Hammer.

Anneke wollte sich gerade von ihm verabschieden, hatte dann aber noch irgendetwas vergessen und lief noch mal nach oben in ihr Büro. Etwas für das nächste Meeting, den nächsten Call, die verdammte Geschäftsreise. Er hatte eine Frau geheiratet, die in einer Klamottenboutique arbeitete, und das hatte ihm gefallen. Er hatte sie damals gegenüber seinen arroganten Freunden sogar lauthals verteidigt. »Anneke ist eben nicht so übertrieben ehrgeizig. Dafür ist sie glücklich und zufrieden.« Und nun war sie Einkäuferin einer expandierenden Textilkette, während er in seinem Job als Werbetexter freigesetzt und mit einem Jahresgehalt abgefunden worden war. Finanziell wurde es langsam eng, aber wenn er erst mal seinen Internethandel mit Weinen aus Ostafrika aufgezogen hatte, dann würde sie schon schauen. Würden sie alle schauen. Hauptsache, seine Frau bekam jetzt ihren entzückenden kleinen Arsch vom Gelände, ohne vorher dem Postboten in die Arme zu laufen. Er hörte oben ihre raschen Schritte. Sie suchte noch etwas und hatte wahrscheinlich schon hektische Flecken am Hals. Gernot hingegen schlenderte in aller Ruhe in die offene Wohnküche und stellte seinen Becher auf der Granitarbeitsplatte ab. Heute würde Nicola zum Putzen kommen. Sollte die den wegräumen.

Ein paar Minuten lang stand er einfach so da. Das Küchenfenster war gekippt, deshalb hörte er, dass draußen Fahrradbremsen quietschten. Der Postbote war schon vom Nachbarhof zurück. Zeitgleich kam Anneke die Treppe herunter.

»Ich kümmere mich um die Post. Mach du dich in Ruhe fertig, Schatz!«, rief er ihr zu. Gernot öffnete die Haustür, um die Briefe entgegenzunehmen. Der Postbote war vom Rad gestiegen und beachtete ihn gar nicht. Er schüttelte gedankenverloren den Kopf, sodass sein nasser Zopf hin und her schwang.

»Moin! Ist irgendwas?« Gernot konnte sich keinen Reim auf das seltsame Verhalten des Mannes machen.

»Sorry. Ich weiß nicht. Keine Ahnung.« Der Postbote wühlte fahrig in seiner Posttasche. Kam, ohne etwas in der Hand zu halten, wieder hoch. Dann runzelte er die Stirn. »Würden Sie mir einen Gefallen tun, Herr Wiese?«

»Worum geht’s?«

»Kommen Sie mit mir zu den Fuhrmanns? Ich muss da noch mal hin. Das war echt merkwürdig eben.«

»Was ist passiert?«

»Ich hab nach Elsa Fuhrmann gesucht, weil sie mir für ein Paket unterzeichnen sollte, aber sie war nicht da. Ich hab mich ein bisschen auf dem Hof und an den Ställen umgesehen und nach ihr gerufen … Ihr Mann wird ja angeblich immer ungemütlich, wenn er extra wegen eines Paketes zur Post fahren muss. Und da hab ich was Komisches gesehen.«

»Was denn gesehen?« Gernot verstand kein Wort.

»Einen Menschen – glaube ich.«

»Ach?«

»Im Feuerlöschteich.«

2. Kapitel

Gernot nahm seinen Wagen, um zum Hof der Fuhrmanns zu gelangen. Der Postbote schwang sich wieder auf sein Fahrrad. Über die Aufregung, dass endlich einmal was passierte, vergaß Gernot sogar, sich von seiner Frau zu verabschieden.

Der Röperhof, auf dem die Fuhrmanns lebten, lag etwas außerhalb des Dorfes an der Landstraße in Richtung Ostsee. Es gab auch einen Fußweg durch die Felder, über den man vom Grundstück der Wieses zu dem Hof gelangen konnte, doch das Verhältnis zu den Nachbarn und entfernten Verwandten war reserviert. Elsa war zwar Gernots Cousine, aber sie standen sich nicht nahe. Das lag unter anderem an Elsas Ehemann, den Gernot nicht leiden konnte. Und der ihn wohl auch nicht. Offiziell mit dem Wagen vorzufahren war ihm deshalb lieber. Und bei dem Schietwetter – es konnte jeden Moment wieder anfangen zu graupeln – sowieso. Das Baugrundstück für ihr Haus hatten er und Anneke vor acht Jahren in einer etwas komplizierten Aktion erworben. Eigentlich war das Grundstück kein Bauland gewesen, doch Armin Fuhrmann hatte das Geld gebraucht und deshalb einfach behauptet, ein Altenteil bauen zu wollen. Das war nämlich als große Ausnahme erlaubt gewesen. Und dann war mithilfe von ein paar Zuwendungen an richtiger Stelle, unter anderem an den Bürgermeister, der gerade angefangene Rohbau in ihren Besitz übergegangen. Ansonsten gab es auf dem Land immer nur Baugrund in ausgewiesenen Neubaugebieten zu kaufen, und das wäre nicht nach Gernots Geschmack gewesen. Da hätte er seinen Nachbarn ja den Salzstreuer von einem Küchenfenster zum nächsten weiterreichen können …

Er bog nach wenigen Metern wieder von der Landstraße ab und rumpelte den Sandweg mit den ausgewaschenen Schlaglöchern hinunter in Richtung Röperhof. Die Löcher waren teilweise notdürftig mit Schutt aufgefüllt, um einen sofortigen Achsbruch bei Pkws zu verhindern. Gernot vermutete, dass Armin Fuhrmann sowieso lieber mit seinen Traktoren unterwegs war. Meistens fuhr Elsa den alten Ford. Er hatte gehört, dass sie ihren Führerschein erst vor sechzehn Jahren gemacht hatte.

Die Bäume lichteten sich und gaben den Blick auf die große schwarze Scheune frei, deren Bretter mit Altöl imprägniert worden waren. Das Scheunentor stand offen, sodass er Armins Fuhrpark sehen konnte: zwei Traktoren, verschiedene Anhänger sowie ein alter Unimog.

Gernot umrundete die Scheune und hielt vor dem Wohn- und Stallgebäude an. Die Ställe standen schon lange leer und wurden nur noch als Abstellraum genutzt. Die Fuhrmanns betrieben hauptsächlich Ackerbau. Außerdem grasten ein paar Pferde auf entfernten Koppeln, die an Reitervolk verpachtet waren. Unter anderem auch an seine Frau. Gernot stieg aus seinem Auto und wartete, dass der Postbote ihm folgte. Er ging schon mal in Richtung Wohnhaus, zögerte dann jedoch. Hinter den blitzblanken Fenstern war alles dunkel. Räder knirschten hinter ihm im Kies. Der Postbote sprang vom Rad und lehnte es gegen die Hauswand.

»Niemand da, oder?«

»Sieht so aus. Ihr Auto ist auch nicht da. Sie sind wohl unterwegs«, sagte Gernot.

»Haben Sie noch mal geklingelt?«

»Ich bin auch gerade erst angekommen.«

Der Postbote versuchte es noch einmal mit Klingeln und Klopfen, aber Gernot sah an seiner ungeduldigen Haltung, dass er nicht erwartete, dass noch jemand öffnete.

»Kommen Sie!«, forderte er ihn auf.

Er ging am Stall entlang und steuerte dann auf ein weiteres Nebengebäude aus rotem Backstein zu, das Armin als Werkstatt nutzte. Die grün gestrichenen Tore, von denen die Farbe abblätterte, waren geschlossen. Daneben lag unter ein paar Kastanienbäumen ein beinahe kreisrunder Teich, der wohl mal als Feuerlöschteich und Viehtränke angelegt worden war. An seinem Ufer wuchsen knochenbleiches Schilf und hüfthohes Gras. Das trockene Schilfrohr raschelte im Wind. Früher hatte es einen Steg gegeben, zwei bemooste Pfosten ragten noch aus dem schwarzen Wasser. Auf den ersten Blick bot der Teich ein trostloses, jedoch friedliches Bild. Der Postbote steuerte auf das Ufer zu, blieb dann aber abrupt stehen. »Riechen Sie das auch?«

»Hier stinkt’s. Armin hat wohl mal wieder Gülle gefahren.«

Der Postbote schüttelte den Kopf. »Glaub ich nicht.« Er deutete in Richtung Teich. »Sehen Sie das da?«

Gernot kniff die Augen zusammen. Er war zu eitel, um ständig eine Brille zu tragen. Am anderen Ufer des Teichs ragte etwas aus dem Wasser, ein unförmiger Körper, halb vom Schilf verborgen. Unsinn, das waren sicher nur ein paar alte Kleidungsstücke, die der Wind aufgebläht hatte.

»Eine ins Wasser gefallene Vogelscheuche?«, vermutete Gernot, erleichtert, dass ihm das noch eingefallen war.

»Wir sollten lieber nachsehen gehen«, sagte der Postbote, rührte sich aber nicht vom Fleck. »Es könnte doch auch ein Mensch sein.«

Gernot straffte die Schultern und marschierte auf die Stelle zu. Er stakste durch das hohe, feuchte Gras wie ein Storch, trat auf eine Kastanie, wäre beinahe umgeknickt. Er ärgerte sich, dass er gute Lederschuhe trug und keine Gummistiefel. Als er dem Ding näher kam, drückte er seinen Ärmel vor die Nase. Mit der anderen Hand bog er das Schilf auseinander und sah hinunter. Im nächsten Moment gab er einen gurgelnden Laut von sich, taumelte zurück und fiel wenig grazil ins nasse Gras. Ein Gesicht, er hatte ein Gesicht gesehen, vielmehr eine Fratze! Er hatte in das aufgedunsene, wie bläulich marmoriert aussehende Gesicht einer Leiche geblickt.

»Was ist? Alles in Ordnung?« Der Postbote stand plötzlich neben ihm und zog ihn hoch.

»Schauen Sie doch selbst!«, sagte Gernot grob und bereute es fast im selben Moment. Er wusste, dass ihn dieser Anblick sein Leben lang und bis in seine Träume verfolgen würde. Und dem jungen Mann, der jetzt auf die Stelle im Schilf zuging, würde es genauso ergehen. »Bleiben Sie doch lieber weg da! Wir können nichts mehr tun«, sagte er reumütig. Doch der Postbote achtete nicht auf ihn, sondern bog die Halme beiseite. Einen Moment stand er wie erstarrt. Kurz darauf hörte Gernot ihn würgen. Ein Geräusch, das er noch nie hatte aushalten können, ohne ebenfalls mit starker Übelkeit darauf zu reagieren.

Als sie beide wieder am Wegrand standen und sich den Mund mit von Gernot gestifteten Papiertaschentüchern abwischten, sagte der Postbote mit blassen Lippen. »Das ist ’ne echte Leiche, oder? Deswegen stinkt es hier so. Wir täuschen uns nicht?«

»Ich bin mir sicher, dass die echt ist.«

»Tut mir ehrlich leid, Mann, dass ich Sie da mit hineingezogen hab.«

Gernot zuckte mit den Schultern. »Was soll’s! Es ist ja nicht Ihre Schuld. Ich ruf dann mal die Polizei.«

Im Sitzungssaal 163 des Lübecker Landgerichts lief der Strafverteidiger des Angeklagten Jesko Ebel gerade zu Hochform auf. »Mein Mandant stand also plötzlich und unerwartet in Ihrer Küche, Frau Korittki?«, fragte er Pia. Er legte eine vernehmliche Portion Unglauben in seine Stimme, gewürzt mit einer Prise Sarkasmus. Der Anwalt war Anfang sechzig und in seinem Geschäft ein alter Hase. Er hatte wässrige Augen, ausgeprägte Tränensäcke und eine rot-blaue Knollennase, die darauf schließen ließ, dass er sowohl seine Erfolge als auch Misserfolge vor Gericht gebührend begoss. Pia kannte die Spielchen während einer Verhandlung, die einzig und allein dem Zweck dienten, die Zeugen zu verunsichern.

»Ja, er stand plötzlich und unerwartet in meiner Küche«, sagte sie laut und deutlich. »Und nein, ich habe Jesko Ebel nicht zu mir nach Hause bestellt. Ich gebe Leuten, die in eine Ermittlung involviert sind, nicht meine Adresse, geschweige denn, dass ich sie zu mir nach Hause einlade.«

»Aber wie ist er dann zu Ihnen hereingekommen?«, fragte der Anwalt mit gespielter Verwunderung.

Pia atmete tief durch. Sie erzählte, wie der Abend bis zu diesem Zeitpunkt verlaufen war. Dass ihr Sohn Felix gerade im Nebenzimmer geschlafen hatte, als sie ein Geräusch in ihrer Wohnung gehört hatte. »Ich ging in die Küche, von wo das Geräusch gekommen war. Jesko Ebel stand hinter der Tür. Die Balkontür war offen. Ich vermute, dass er über den Küchenbalkon hineingekommen ist. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.«

»Sie wohnen«, er tat so, als müsste er in seinen Unterlagen nachsehen, »im zweiten Stock, ist das richtig? Der Balkon befindet sich sieben Meter über dem Erdboden.«

»Der zweite Stock ist korrekt.«

»Ist da eine Leiter oder eine Feuertreppe, die sieben Meter hoch in den zweiten Stock führt?«, fragte der Anwalt, der natürlich wusste, dass dem nicht so war.

»Nein.«

»Und wie soll mein Mandant dann bitte dort hochgekommen sein? Geflogen?« Er sah sich Beifall heischend im Gerichtssaal um.

»Jesko Ebel trug Kletterschuhe, spezielle Handschuhe und Sportkleidung. Ich vermute, dass er an den Verstrebungen der Balkone, die nachträglich an das Haus angebaut worden sind, zu mir hinaufgeklettert ist.«

»Eine hübsche sportliche Leistung. Außergewöhnlich.«

»So außergewöhnlich nun auch wieder nicht.«

»Und warum sollte mein Mandant diese Gefahr und Anstrengung auf sich genommen haben, Frau Kriminaloberkommissarin?« Der Anwalt klang ungläubig.

Pia hätte ihn würgen mögen für seinen Tonfall. Jetzt, da sie die Szene in Gedanken erneut durchlebte, fühlte sie auch wieder die Angst, die sie im vergangenen Sommer wegen seines Mandanten ausgestanden hatte. Um sich und vor allem um ihren Sohn. »Er wollte mich umbringen«, sagte sie fest. »Das war sein Plan.« Pia sah Jesko Ebel ins Gesicht. Sie konnte nicht anders. Er schaute durch sie hindurch, als wäre sie gar nicht da.

»Wie kommen Sie zu dieser ungeheuerlichen Behauptung?«, rief der Anwalt wie in rechtschaffener Empörung.

»Herr Ebel hat es mir gesagt. Und er hatte einen Zimmermannshammer in der Hand. Damit ist er anschließend auf mich losgegangen.«

Als Pia ihre Zeugenaussage beendet hatte und den Sitzungssaal verließ, spürte sie Ebels Blick im Nacken. Ihr war übel vor Wut, und ihre Knie fühlten sich weich an. Die erzwungene Erinnerung an den Abend hatte alle ihre vergangenen Emotionen noch einmal hochkochen lassen. Und sie hatte geglaubt, sie hätte längst mit dem Erlebnis abgeschlossen. Hinnerk war der Meinung, ihr Beruf sei nicht gut für Felix. Sie hatte es als reine Provokation verstanden, den Wunsch, sie zu ärgern oder zu verunsichern, aber nun musste sie einräumen, dass vielleicht auch ein Funke echte Sorge dahintersteckte. Und der Gedanke, dass sie in irgendeiner Weise nicht gut für Felix sein könnte, war überhaupt nicht schön.

Pia verließ das Gerichtsgebäude und vergewisserte sich, dass keine Presseleute in der Nähe waren. Sie prüfte ihr Mobiltelefon. Hinnerk hatte sich nicht gemeldet. Keine größeren Katastrophen an dieser Front. Dafür hatte sie eine Nachricht von ihrem Lieblingskollegen Heinz Broders.

»Frischfleisch, Engelchen«, sagte er gut gelaunt, als sie ihn anrief. Er war der Einzige, der sie so anreden durfte. Zum einen war er schwul, was der Sache die sexuelle Anzüglichkeit nahm. Zum anderen war Broders, der ihr in ihrer Anfangszeit im K1 mit dem größten Misstrauen begegnet war, inzwischen nicht nur ein guter Kollege, sondern auch ein echter Freund geworden.

»Willst du mich zum Grillen einladen, Schatz?«

»Im nächsten Frühjahr vielleicht. Wir haben gerade was Neues reinbekommen. Einen Toten in Groß Tensin an der Ostsee. Nicht so lecker. Er liegt wohl schon ein paar Tage in einem Feuerlöschteich herum.«

3. Kapitel

Gernot Wiese wollte sich von diesem Spektakel so wenig wie möglich entgehen lassen. Endlich passierte mal was! Seine Gedanken kreisten nicht mehr ausschließlich um sein eigenes miserables Dasein. Bis eben hatte er sich um den Postboten kümmern müssen. Der hatte nach ihrer Entdeckung nämlich mit in die Hände gestütztem Kopf auf einem Feldstein gesessen und sich hin- und hergewiegt. Ein peinlicher Anblick bei einem so großen, athletisch aussehenden Mann. Wie alt mochte er sein? Fünfundzwanzig Jahre? Er wirkte jungenhaft mit seinem lächerlichen dunkelblonden Zopf und dem Piercing im Gesicht. Besonders jetzt, da er erschüttert und verunsichert war. Er habe noch nie einen Toten gesehen. Nun, Gernot auch nicht. Trotzdem stand er hier seinen Mann, oder etwa nicht?

Kurz nach seinem Anruf in der Einsatzleitstelle war ein Streifenwagen aus Bad Schwartau eingetroffen. Zwei ungläubig aussehende Beamte, ein jüngerer und ein älterer Mann in Uniform, waren ausgestiegen. Sie hatten sich Gernots Version der Ereignisse angehört und waren dann zum Teich gegangen. Gernot hatte sie dabei beobachtet. Als sie dicht genug dran gewesen waren, um den Verwesungsgeruch wahrzunehmen, hatte der Ältere wissend genickt und dann mit grimmiger Miene einen langen Blick auf die Leiche geworfen. Als Nächstes wurde der Fundort abgesperrt. Der andere Polizist hatte über Funk alles Übrige veranlasst.

»Bei dem Gestank brauchst du keinen Rettungswagen mehr zu rufen, Bernie«, hatte sein älterer Kollege gesagt. »Fäulnis und Verwesung sind sichere Todeszeichen.«

»Für den Toten nicht, aber vielleicht sollte ein Notarzt für den da kommen?«, hatte der Jüngere mit einem Nicken in Richtung des Postboten zurückgegeben.

Als die ersten Kripobeamten in Zivil auf dem Hof erschienen, fühlte Gernot sich wie im Sonntagabend-Ta t o r t. Einerseits wichtig, weil er die Leiche gefunden hatte – so verwirrt und unsicher, wie der Postbote aussah, würde er diese Rolle kaum für sich beanspruchen –, andererseits war er nur unbeteiligter Beobachter. Seltsam, wie Menschen auf eine Tragödie reagieren, dachte er. So wenig Mitgefühl. So viel Neugier und Aufregung. Solange ich nicht weiß, wer da liegt, was für ein Schicksal dahintersteckt, bin ich distanziert. Obwohl … Kein schöner Tod, allein an diesem trostlosen Ort und in der Kälte. Und dann so entdeckt zu werden! Makaber entstellt, sodass den Leuten nur noch schlecht wird, wenn sie einen ansehen. Der Rechtsmediziner, der muss es tun. Auch kein angenehmer Job. Wie halten die den Gestank nur aus? Er wird natürlich als Erstes nach der Todesursache forschen. War der Mann ertrunken? In einem Feuerlöschteich auf einem Bauernhof? Vielleicht war es ja ein Herzanfall gewesen, und er war dann dort, wo er stand, einfach umgekippt? Aber was hatte er hier gewollt? Es war nicht Armin Fuhrmann und auch nicht dessen Sohn, in diesem Punkt zumindest war Gernot sich sicher. Die Statur passte nicht. Der Mann, der dort lag, war klein, höchstens mittelgroß und offenbar schmal gewesen, auch wenn die Leiche nun so … aufgebläht aussah. Gernot wurde schon wieder schlecht, deshalb beeilte er sich, an etwas anderes zu denken. Er konzentrierte sich wieder auf die Aktionen der Polizei.

Eine Person in diesem Drama erregte sein besonderes Interesse: Sie war recht spät hier aufgetaucht. Die Frau, sie mochte so Anfang dreißig sein, war zusammen mit einem korpulenteren Kollegen mit angegrautem Vollbart angekommen. Sie hatte blondes, halblanges Haar, war groß und schlank und trug für die Witterung und den Anlass unpassende Kleidung: eine schwarze Marlenehose, einen Blazer und einen dünnen Mantel darüber. Eher fürs Büro geeignet, als um damit bei dem Mistwetter auf einem Bauernhof herumzulaufen. Sie umrundete gerade eine Pfütze. Ihre Lederschuhe sahen schon arg durchnässt aus, und ihre Hosenbeine waren schlammbespritzt. Na, da hatten sie immerhin etwas gemein. Inmitten der robust und wetterfest gekleideten Herren – einer hatte sogar Gummistiefel aus dem Kofferraum seines Wagens geholt und angezogen – und der Männer in den weißen Schutzoveralls wirkte die Frau deplatziert. Gernot schien jedoch der Einzige zu sein, dem das auffiel. Die Polizeibeamtin stand mit zwei Männern zusammen und diskutierte angeregt. Dann ging sie zielstrebig zu ihrem Wagen und zog sich einen Schutzanzug über ihre Kleidung. Sie ließ sich von einem der Spurensicherungsleute zu dem Toten begleiten. Gernot fragte sich, ob ihr auch schlecht werden würde oder ob sie abgehärtet war. Ein Feldstecher wäre jetzt gut. Oder Annekes Opernglas.

Der Postbote stand von dem Feldstein auf und sah sich mit neu erwachtem Interesse um. Sein Gesicht hatte wieder Farbe bekommen, und offenbar war auch seine gute Laune zurückgekehrt. »Was für ein Spektakel! Ich sollte jetzt wohl eigentlich meine Tour fortsetzen«, sagte er widerstrebend.

»Die Jungs hier wollen Sie erst noch interviewen«, entgegnete Gernot lässig.

»Ach so. Da werd ich besser mal meinem Chef Bescheid sagen, dass es länger dauert. Waren Sie schon dran?«

Gernot schüttelte den Kopf, ließ aber dabei die Kripobeamtin am Feuerlöschteich nicht aus den Augen. Jetzt beugte sie sich über die Leiche …

»Wer so alles bei der Polizei arbeitet!«, sagte der Postbote, der seinem Blick gefolgt war. »Die Blonde dahinten mein ich.«

»Wen denn sonst«, brummte Gernot. »Können Sie erkennen, wie sie reagiert? Ob ihr schlecht wird oder so?«

»Keine Ahnung. Jetzt kommt sie wieder. Nee, sie sieht okay aus. Aber sie ist sauer, würd ich sagen.«

Gernot schwieg. Nun neidete er dem Postboten endgültig seine Jugend, vor allem seine guten Augen. Und die strammen Waden? Quatsch, der Kerl war »Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen«, wie es offiziell hieß. Was mochte er da schon verdienen? Mehr als ich momentan, beantwortete Gernot sich die Frage selbst. Was ihn wieder auf seine Probleme zurückwarf. Die Frau sprach noch mit ihren Kollegen von der Kriminalpolizei, dann kam sie mit einem zweiten Beamten direkt auf ihn zu.

»Frau Löbich, Herr Nielsen ist immer noch krank. Können Sie in der zweiten und dritten Stunde die 6a für ihn übernehmen?«

Verärgert registrierte Dina Löbich, dass sie nach wie vor nervös war, wenn die Schuldirektorin sie direkt vor den anderen Kollegen ansprach. Du bist jetzt keine Schülerin mehr, ermahnte sie sich. Sie räusperte sich und sagte: »Tut mir leid, Frau Osterhoff, aber da bin ich auf dem Vertretungsplan schon für die 5c eingeteilt.« Dina Löbich war Referendarin für Erdkunde und Englisch, und seit ihr Kollege Ulf Nielsen krank war, schien man ihr seine sämtlichen Erdkundestunden aufzuhalsen.

»Ich weiß, aber die Klassenräume liegen doch quasi nebeneinander«, entgegnete die Schuldirektorin. »Geben Sie beiden Klassen eine Stillaufgabe und schauen Sie nur, dass sich niemand aus dem Fenster stürzt.«

»Jawohl.« Beinahe hätte sie salutiert. Stillaufgabe! Hatte man je gehört, dass eine Klasse dann still war? Was stand denn in der sechsten Klasse in Erdkunde überhaupt auf dem Lehrplan? Europa? Und unter welchem Stein hatte sich dieser Ulf Nielsen verkrochen?

Der ältere Kollege war ihr an ihrem ersten Tag in der Schule ziemlich dumm gekommen. Wie sie sich denn Respekt verschaffen wolle – sie sehe ja selbst noch aus wie eine Schülerin, hatte er gesagt. Kleiner Scherz am Rande, wenn sie seine Hilfe bräuchte … Umso mehr widerstrebte es ihr, ausgerechnet für diesen Kollegen in die Bresche zu springen. Außerdem, und das war jetzt reiner Flurklatsch – Dina verstand sich gut mit der Schulsekretärin –, hatte er noch kein ärztliches Attest eingereicht. Niemand wusste, was der Nielsen schon wieder hatte. Wahrscheinlich nur einen kleinen Schnupfen, mit dem er gemütlich zu Hause saß und wichtig an seinem neuen Buch schrieb: Die Spuren des Mittelalters in unserer

Schleswig-Holsteinischen Heimat oder so ähnlich. Sein unsoziales Verhalten auf Kosten seiner Schüler und Kollegen ging ihr ziemlich auf die Nerven. Sie hatte dadurch jetzt nicht einmal mehr Zeit für einen Tee vor der nächsten Doppelstunde, da sie für zwei Klassen Stillaufgaben vorbereiten musste. Und vor dem Fotokopierer hatte sich auch schon wieder eine Schlange gebildet.

»Ich hab ihnen gesagt, sie sollen sich so schnell wie möglich an die Entensheriffs wenden«, berichtete Heinz Broders. Pia und er standen einen Moment am Rand der Absperrung und beobachteten, was weiter am Fundort der Leiche geschah.

»Du meinst, Wasser ist immer gut. Dann ist es am Ende ein Fall für die Wasserschutzpolizei?«, fragte sie spöttisch.

»Du weißt doch: ›Frage eins: Ist das meins?‹ Ich fürchte aber, dass wir hier zuständig sind. Die Leiche liegt allerdings schon eine Weile im Wasser. Die fällt uns auseinander, wenn wir sie bewegen. Dafür braucht man nach Adam Riese ein Leichensegel, und das haben wir nicht.«

»Tja, das stimmt. Doch Wilfried Kürschner will erst mal nichts falsch machen und deshalb auch nichts entscheiden. Besonders wenn es sich um einen Mordfall handeln könnte.«

Broders hatte seine Kollegin Pia Korittki vor einer Stunde an der Straße Am Burgtor vor dem Landgericht Lübeck eingesammelt und war mit ihr nach Groß Tensin zum Fundort der Leiche gefahren. Sobald der Verdacht bestand, es mit einem Tötungsdelikt zu tun zu haben, wurde in der Bezirkskriminalinspektion alles aktiviert, was fehlerfrei einen Kugelschreiber in der Hand halten konnte. Horst-Egon Gabler, der Leiter des K1, der eigentlich die Ermittlungen hätte leiten sollen, war ausgerechnet an diesem Morgen nicht im Büro erschienen. Das an sich war schon seltsam. Wenn sie am Beginn einer Mordermittlung standen, war es jedoch geradezu fatal.

»Kümmern wir uns um die ersten Zeugen!«, sagte Pia. Die beiden Männer, die die Polizei informiert hatten, sahen erwartungsvoll zu ihnen herüber.

Einer von ihnen war schätzungsweise Mitte vierzig, trug eine Anzughose und ein gestreiftes Hemd, über das er eine Wachscottonjacke Marke »Landedelmann« gezogen hatte. Sein Haar war licht und klebte feucht an seinem Kopf. Seine Budapester Lederschuhe waren schlammbespritzt. Neben ihm stand ein junger, recht großer Mann in der Uniform eines Postboten. Er trug der kühlen Witterung zum Trotz kurze Hosen, dazu aber derbe Stiefel, hatte eine frische Gesichtsfarbe, und seine langen, dunkelblonden Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden.

Sie gingen auf sie zu. »Wohnen Sie hier?«, fragte Pia Gernot Wiese mit Blick auf den Hof, nachdem sie sich gegenseitig vorgestellt hatten.

»Nicht direkt. Ich bin nur der Nachbar.« Er erklärte, wie er hinzugekommen war.

»Und wer wohnt hier?« Pia deutete zum Wohngebäude hinüber. Sie wunderte sich, dass noch kein aufgebrachter Grundstücksbesitzer in Erscheinung getreten war.

»Die Fuhrmanns mit ihrem Sohn. Aber ihr Auto ist nicht da. Sie müssen weggefahren sein.«

»Kann es sein, dass der Tote einer von ihnen ist?«, wollte Broders wissen.

Gernot schüttelte den Kopf. »Nein, ich denke nicht.«

»Nun gut, darum kümmern wir uns später«, sagte Pia. »Wir müssen Ihnen jetzt ein paar Fragen stellen.«

Der Wind hatte aufgefrischt, und die schweren grauen Wolken versprachen die nächsten Regen- oder Graupelschauer. Nach einem Blick zum Himmel beschlossen sie, dass Heinz Broders Gernot Wiese bei ihm zu Hause befragen würde. Sie waren auf dem Weg hierher an dem großen, modernen Holzhaus vorbeigefahren, in dem er wohnte. Pia hingegen nahm für eine erste Befragung des Postboten den Mercedes-Bus der Polizei. Das Fahrzeug wurde hin und wieder für kurze Vernehmungen genutzt. Es war zwar nicht sehr geräumig, aber immerhin bot es eine Sitzmöglichkeit, und es war trocken. Als sie darauf zugingen, schoss ein weißer Audi auf den Hofplatz und kam abrupt vor den anderen Fahrzeugen zum Stehen. Eine magere Hofkatze konnte sich gerade noch rechtzeitig mit einem Satz auf die Mülltonnen in Sicherheit bringen. Pia rollte mit den Augen.

»Ist das Ihr Chef?«, fragte der Postbote.

»Nein. Ich glaube, der neue Staatsanwalt gibt sich die Ehre.«

»Hübscher Wagen – der nun leider schmutzig wird.«

»Er kennt sich hier noch nicht so aus«, antwortete Pia und riss die Schiebetür des vor Dreck starrenden Busses auf. Sie bedauerte, dass einer der beiden Staatsanwälte, mit denen das K1 sonst so gut zusammenarbeitete, in Pension gegangen war. Sie würden sehen, wie es mit dem neuen lief.

Benjamin Bredow bemühte sich, seine braun gebrannten, halb nackten Beine unter dem Klapptisch des Busses zu verstauen. Zwei langbeinige Menschen fanden im Innenraum des Fahrzeugs kaum genug Platz, ohne dass sie sich bei der geringsten Bewegung berührten. Da auch Pia sich nicht in die Ecke quetschen lassen wollte, würde der Machtkampf nicht nur oberhalb, sondern auch unterhalb der Tischplatte stattfinden. Sie hatte eindeutig die schlechtere Wahl getroffen. Draußen hatte der Mann jung und harmlos ausgesehen, doch nun schien er Testosteron auszuatmen. Ich hätte lieber den älteren Mann mit dem großen Haus befragen sollen, dachte Pia.

Sie musterte Benjamin Bredow, ohne etwas zu sagen. Er hatte ein ebenmäßiges, von der Arbeit im Freien gebräuntes Gesicht und leuchtende Augen, die sie irritierend lange ansehen konnten, ohne zu zwinkern oder wegzuschauen. Sein Haar war dunkelblond mit von der Sonne gebleichten Strähnen. Er trug einen Ohrring und ein Piercing in der linken Augenbraue. Seine Hände waren lang, gebräunt und kräftig und lagen vollkommen ruhig auf der grauen Tischplatte. Alles an ihm schrie, dass er zwar als Postbote arbeitete, sich aber nicht in irgendwelche Schubladen pressen lassen wollte. Und so war er in der Schublade derjenigen gelandet, die zwanghaft anders sein wollen und so auch ihre eigene Gruppe bilden.

»Bin ich verdächtig?«, fragte Bredow.

»Jeder, der einen Toten findet, der eines nicht natürlichen Todes gestorben ist, ist verdächtig«, sagte sie nüchtern. Das mit dem nicht natürlichen Tod war allerdings bisher nur eine Vermutung. Sie hatte die Leiche ja eben betrachtet. Der Leichnam wies zwar eine Kopfverletzung auf, aber die konnte auch von einem Sturz oder Tierfraß herrühren. Genaueres würde erst die Obduktion ergeben.

»Oh.« Er kniff die Augen zusammen. »Wie viele Leichen haben Sie denn schon gefunden?«

»Das tut nichts zur Sache.« Fünf, dachte Pia und konnte nicht verhindern, dass sie vor ihrem inneren Auge erschienen. Sie beschloss, den Briefträger vorsichtshalber als Beschuldigten zu vernehmen, damit alle seine Aussagen gegebenenfalls vor Gericht gegen ihn verwertbar waren. Damit hatte er zwar das Recht, zu schweigen und einen Anwalt hinzuzuziehen, aber die meisten Leute sahen zunächst von einem Rechtsbeistand ab.

So auch Bredow. »Ich kenn mich nicht so aus«, sagte er nach der Belehrung. »Brauche ich denn einen Anwalt?« Er tat so, als fände er das amüsant.

»Das müssen Sie entscheiden.« Sie legte ihr Notizbuch auf den Tisch.

»Ich hab nichts zu verbergen. Ich wollte den Fuhrmanns nur ein Paket zustellen.«

»Erzählen Sie einfach der Reihe nach!«, forderte Pia ihn auf. So entschied er selbst, was ihm wichtig erschien und was nicht. Nachhaken konnte sie später immer noch.

»Der Hof der Fuhrmanns liegt auf meiner Zustelltour. Ich hatte heute ein paar Briefe und ein kleines Paket für sie, für das ich eine Unterschrift benötigte. Doch als ich hier ankam, hat mir niemand geöffnet. Ich war zuerst am Hintereingang, wie immer, und hab geklopft. Als keiner kam, hab ich zum Küchenfenster hineingesehen, aber es war niemand da. Dann bin ich zur Vordertür gegangen und habe dort auch noch geklingelt und geklopft. Es hätte ja sein können, dass Elsa gerade oben ist.«

»Elsa?«

»Elsa Fuhrmann. Die Bäuerin.«

»Sie duzen sich?«

»Wir wohnen beide im selben Dorf, da kennt man sich eben.«

»Gibt es ansonsten irgendwelche Verbindungen zwischen Ihnen und Elsa Fuhrmann?«

»Nö. Nichts Besonderes.«

»Wer wohnt denn noch hier auf dem Hof?«

»Ihr Mann, Armin Fuhrmann, und ihr gemeinsamer Sohn. Thilo.«

»Wie alt ist der Sohn?«

Bredow zuckte mit den Schultern. »Ein Teenager … Ich kenn ihn kaum.«

»Also gut, was passierte dann?«

»Als mir niemand öffnete, habe ich mich noch ein wenig auf dem Hof umgesehen.«

»Wieso das?« Pia stutzte. Das gehörte gewiss nicht zu seinen Aufgaben. Was hatte ihn dazu motiviert?

Er zögerte. »Ich fahr diese Tour seit zwei Jahren, und bisher war immer jemand von den Fuhrmanns da. Wissen Sie, mit der Zeit kennt man die Gewohnheiten und den Lebenswandel der Leute.«

»Hm.« Pia bedeutete ihm fortzufahren.

»Außerdem … Der Armin kann ziemlichen Stress machen. Es hätte ihm nicht gefallen, extra zur Post fahren zu müssen, um ein Paket abzuholen.«

»Was kümmert Sie das?«

»Ich wollte nur nett sein«, sagte er. »Ich hatte da noch nicht gesehen, dass ihr Auto gar nicht da war. Ich dachte, ich treffe Elsa bestimmt in den Ställen oder in der Werkstatt an. Wir klönen immer ein paar Takte. Ich mache den Job nicht wie eine Maschine, wissen Sie. Ich hab mich bewusst dafür entschieden, weil es mir gefällt. Die Bewegung an der frischen Luft und der Kontakt mit Menschen.«

Der Mercedes-Bus erbebte unter einer Windböe. Hagelkörner prasselten gegen die Scheibe und machten die Unterhaltung für einen Moment mühsam. Pia sah, wie ihre Kollegen, die noch draußen arbeiteten, in die offene Scheune flüchteten und sich zwischen die Traktoren quetschten. »Was passierte dann?«, fragte sie etwas lauter.

»Also: Elsa war nicht in der Werkstatt oder so. Und die beiden Männer auch nicht. Ich ging zurück zu meinem Fahrrad, und da musste ich mit einem Mal pinkeln. Das passiert mir normalerweise nicht auf einer Tour. Aber nun ja … ich konnte mich schlecht mitten auf den Hof stellen, oder?«

Pia zog eine Augenbraue hoch. Der nächste Nachbar, Wiese oder wie er hieß, wäre auch noch eine Option gewesen.

Benjamin Bredow erriet offenbar ihren Gedanken. »Ich geh nicht bei den Leuten auf meiner Tour pinkeln. Allenfalls noch im Wirtshaus oder eben irgendwo am Knick. Und den Wiese würde ich nie fragen. Der sieht mich immer so von oben herab an. Komischer Kerl.«

»Ich verstehe.«

Er kniff die Augen zusammen, als überlegte er, ob sie ihn veralberte. »Deswegen bin ich ein Stück näher an den Tümpel rangegangen, und, na ja, Sie wissen schon … Da hab ich es gerochen. Dieser Gestank geht wirklich durch und durch. Ekelhaft. Ich hab noch darüber nachgedacht, ob ich einfach so abhauen soll. Dann hätte ich mir den ganzen Kram hier erspart. Aber das konnte ich irgendwie auch nicht. Also bin ich ein Stück um den Teich rumgegangen, um nachzusehen. Und da lag dann ja auch was.«

»Was haben Sie genau gesehen?«

»Ehrlich gesagt hab ich nur die Klamotten, ein Hosenbein mit Wanderschuh, gesehen. Das reichte mir. Es war plötzlich unheimlich hier, so ganz allein. Ich hab mich schnellstens auf mein Rad gesetzt und bin zum nächsten Haus gefahren.«

»Warum haben Sie nicht gleich die Polizei gerufen?«

»Ich war mir nicht sicher, was ich gesehen habe. Ich wollte mich doch nicht blamieren … also brauchte ich eine Bestätigung. Darum hab ich den Wiese gebeten, noch mal mit herzukommen.«

»Also gut.«

»Ich habe doch nichts falsch gemacht?« Er sah sie misstrauisch an.

»Erzählen Sie weiter!«

Er berichtete, wie er mit Gernot Wiese zurückgekommen war und ihm die Leiche gezeigt hatte. Wie Wiese die Polizei verständigt hatte. »Den Rest kennen Sie ja«, schloss er.

»Wissen Sie, wer der Tote ist?«

»Also, erkennen konnte ich da nicht mehr viel. Auch nicht beim zweiten Mal. Aber wenn ich raten darf: ein Spaziergänger oder Wanderer, seiner Kleidung nach zu urteilen. Der Hof liegt ja an einem ausgezeichneten Wanderweg.«

»Könnte es trotzdem jemand sein, den Sie kennen, Herr Bredow? Vielleicht jemand hier aus diesem Dorf?«

Er schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Also gut, Herr Bredow. Ich werde gleich noch Ihre vollständigen Personalien aufnehmen. Falls wir noch mehr Fragen an Sie haben«, sagte Pia nüchtern.

»Immer gern. Solange Sie mich befragen.« Wieder dieser intensive Blick, der der Situation nicht angemessen war.

»Vorsicht«, sagte Pia warnend. »Manche Wünsche gehen in Erfüllung.«

4. Kapitel

Gernot Wieses Haus war ein modernes Holzhaus, kaugummigrau gestrichen, mit Grasdach und bodentiefen Fenstern. Broders bewunderte den großzügigen Wintergarten, der mal nicht wie nachträglich angeklatscht aussah, sondern sich wohlproportioniert über zwei Stockwerke hinweg bis in das Dach erstreckte.

Gernot Wiese, der dem Kriminalkommissar vorausgefahren war, stolperte eilig hinein, ließ dabei zweimal seinen Schlüsselbund fallen und warf, drinnen angekommen, seine durchnässte Jacke über das Treppengeländer. Er hob den Arm und schnupperte demonstrativ an seinem Ärmel. »Ich rieche immer noch nach Tod«, klagte er.

»Kann schon sein«, sagte Broders. »Aber man bekommt Verwesungsgeruch auch nicht so schnell aus der Nase.«

»Meinen Sie, ich bilde mir das nur ein?«

Broders kam nicht mehr dazu, darauf zu antworten, denn eine Frau trat unvermittelt in die Diele. »Was ist denn los, Gernot?« Sie war adrett gekleidet, mehr fürs Büro als für einen Tag daheim, jedoch in Hausschuhen und mit einem dampfenden Becher in der linken und einem Telefon in der rechten Hand.

»Anneke!« Gernot Wiese starrte sie konsterniert an. »Was machst du denn noch hier?«

»Mein Meeting ist verschoben worden. Ich arbeite heute von zu Hause aus.«

»Nanu?«, stieß Gernot missbilligend hervor.

»Warum? Passt es dir nicht? Ich dachte, du arbeitest neuerdings sowieso lieber im Café. Und wer ist das? Willst du uns nicht vorstellen?«

»Das ist Hauptkommissar Broders aus Lübeck – meine Frau Anneke.«

»Oh«, sagte sie.

»Es ist was passiert: Bei den Fuhrmanns liegt eine Leiche!«

»Oh Gott! Wer ist denn gestorben?« Sie sah erschrocken, aber auch neugierig aus.

»Das wissen wir noch nicht«, sagte Broders.

Gernot Wiese roch noch einmal demonstrativ an seinem Ärmel. Seine Socken waren klatschnass, seine Hosenbeine schlammbespritzt.

»Wenn Sie sich eben umziehen wollen …«, schlug Broders vor.

»Ich kümmere mich so lange um den Herrn Kriminalkommissar«, bot Anneke Wiese an. »Kommen Sie, ich mache Ihnen einen Kaffee, während mein Mann duscht.«

Broders war es ganz recht so. Anneke Wiese konnte ihm bestimmt auch einiges über die Nachbarschaft erzählen. Außerdem lockte Broders der angebotene Kaffee. Die Frau führte ihn in den angrenzenden Raum, der zwei Geschosse hoch war, und hantierte sofort an der Kaffeemaschine herum. »Einen Latte macchiato?«

»Gern.« Broders setzte sich an den Tresen auf einen der Barhocker. Ein richtiger Stuhl wäre ihm lieber gewesen, denn seit gestern machte ihm sein Rücken zu schaffen. Er konnte jedoch keinen normalen Stuhl entdecken, also versuchte er, möglichst gerade zu sitzen. »Wie gut kennen Sie die Fuhrmanns?«, fragte er.

»Wer von ihnen ist tot?«

»Wir wissen noch nicht, wer der Tote ist. Anscheinend aber keiner Ihrer Nachbarn. Die Leiche konnte noch nicht identifiziert werden. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Fuhrmanns?« Jetzt war sie an der Reihe.

»Ich fürchte, nicht besonders gut. Elsa Fuhrmann ist eine Cousine von Gernot, so sind wir überhaupt erst an dieses Grundstück gekommen. Wir haben es den Fuhrmanns abgekauft, als wir vor acht Jahren das Haus bauen wollten. Damals war mit dem Rohbau gerade begonnen worden. Ich schätze mal, das hat ihnen den Kopf gerettet. Sie standen und stehen wohl finanziell nicht so prickelnd da.«

Aufschlussreicher Beginn – die finanziellen Verhältnisse, dachte Broders. Laut sagte er: »Wir sind mit den Ermittlungen noch ganz am Anfang. Wer genau sind denn überhaupt ›die Fuhrmanns‹?«

»Also: Elsa Fuhrmann hat den Röperhof von ihren Eltern geerbt. Sie hieß Röper mit Nachnamen. Ihr Mann, Armin Fuhrmann und sie, bewirtschaften ihn zusammen. Elsas Eltern sind beide schon lange tot. Bis auf meinen Mann haben sie meines Wissens keine Verwandten. Das ist ja auf dem Lande eher ungewöhnlich. Normalerweise ist hier jeder mit jedem verwandt. Sie haben aber einen Sohn. Thilo. Er ist sechzehn oder siebzehn. Mehr weiß ich eigentlich auch nicht.«

»Sie wohnen hier seit … acht Jahren?«

»Eher sieben. Das Haus musste ja noch fertig gebaut werden.« Sie reichte ihm seinen Kaffee in einem Glas auf einer Untertasse. Ein kleiner Keks und ein langstieliger Löffel lagen daneben.

Broders biss auf den Keks, und es krachte laut in der stillen Küche. Überhaupt empfand er den Hall im Raum, der sich teilweise bis unter das Glasdach zog, als unangenehm. Er senkte die Stimme. »Ein bisschen mehr ist Ihnen doch sicher bekannt. Wissen Sie, ob die Fuhrmanns verreist sind, oder haben Sie gehört, dass sie verreisen wollten?«

»Die Fuhrmanns verreisen nie«, sagte Anneke Wiese bestimmt.

»Vielleicht sind sie zusammen einkaufen gefahren? Oder zum Arzt?«

»Alle drei? Einkaufen ist hier auf dem Land ›Weibersache‹«, sagte Anneke Wiese nun amüsiert. »Und Ärzte sind wohl auch nur was für Weicheier. Für Städter wie uns …«

»Hat Ihre Abneigung gegen Ihre Nachbarn einen konkreten Grund?«, fragte Broders im Konversationston.

Sie zögerte ein wenig beschämt. »Nein, eigentlich nicht. Es sind nur so vollkommen verschiedene Lebensauffassungen, die da aufeinanderprallen. Ich hatte das unterschätzt. Als Städter sieht man zuerst nur die tolle Landschaft und die frische Luft. Aber es geht doch letztlich immer um Menschen.«

»Wie wahr! Wie sind die Fuhrmanns? So als Menschen?«

»Wissen Sie, mir sind besonders die zwei Männer, Armin und Thilo, ein bisschen unheimlich. Ich weiß nie, was ich mit ihnen reden soll. Da sind überhaupt keine gemeinsamen Themen, verstehen Sie? Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass ich anstatt mit Ihnen jetzt mit Armin Fuhrmann hier sitzen könnte.« Sie lächelte gewinnend. »Und bei Elsa habe ich das Gefühl, dass sie sich ein wenig vor ihrem Mann fürchtet. Aber wie gesagt, wir kennen uns kaum«, ruderte sie zurück.

»Anneke kennt hier niemanden, bis auf den Briefträger. Und den auch nur, weil sie immer so viel im Internet bestellt.« Gernot Wiese stand, nach Duschgel duftend und in frischer Kleidung, in der Küche.

Das Gesicht seiner Frau lief auf diese Bemerkung hin zu Broders’ Erstaunen rosa an, und ihre Augen funkelten. »Meine Freunde leben anderswo als ausgerechnet in Groß Tensin. Das ist doch nicht meine Schuld.«

Er überging ihre Bemerkung und richtete seine Worte nun ausschließlich an den Polizisten. »Können wir jetzt loslegen, Herr Kommissar? Ich hab gleich noch zu tun.«

»Gernot, du hast den Herrn Kriminalkommissar warten lassen, nicht umgekehrt«, sagte sie bissig. Und an Broders gerichtet: »Sind wir fertig, Herr Broders?«

Heinz Broders fühlte sich wie ein Zuschauer bei einem Ping-Pong-Match. Es war spannend, aber auch ermüdend. »Ich denke, fürs Erste schon, Frau Wiese. Und danke für den tollen Kaffee.«

Sie verließ mit wiegenden Hüften die Küche, nicht ahnend, dass bei Broders jegliche diesbezügliche Anstrengung vergeblich war.

»Das war jetzt typisch meine Frau!«, sagte Gernot Wiese. »Ich glaube, sie bereut es manchmal, dass wir hierhergezogen sind.«

»Erzählen Sie mir noch mal, was heute Morgen passiert ist«, forderte Broders ihn auf, nachdem er ihn über seine Rechte belehrt hatte.

Gernot Wiese berichtete konzentriert, wie der Briefträger aufgetaucht war und ihn zu der Leiche geführt hatte. Wie er die Polizei verständigt hatte. »Und dann kamen Sie«, schloss er. »Hilft das weiter?«

»Irgendeine Idee, wer der Tote ist?«

Er schüttelte den Kopf. »Keiner, den ich kenne, würde ich sagen. Obwohl der Leichnam natürlich ziemlich … entstellt aussah.«

»Ja. Es ist oft schwer, in so einer Situation noch eine Ähnlichkeit zu einem lebenden Menschen zu erkennen«, bestätigte Broders. »Und was ist mit dem Postboten?«

»Was soll mit ihm sein?«

»Wie hat er reagiert?«

»Nicht so toll, oder? Ich meine, wieso holt er mich dazu?«

»Vielleicht hatte er Angst?«

Gernot Wiese schnaubte. »Braun gebranntes Weichei!«

»Was denken Sie? Wo sind die Bewohner des Hofes, die Fuhrmanns?«, fragte Broders.

»Sie müssten eigentlich da sein«, meinte Wiese nachdenklich. »Sie sind immer da.« Immerhin. Eine Übereinstimmung mit der Aussage seiner Frau.

»Beschreiben Sie sie mal ein wenig!«

»Da gibt es nicht viel zu sagen. Ich bin entfernt mit Elsa verwandt. Sie und ihr Mann sind anständige, nette Leute. Tüchtig. Der Hof ist nicht groß genug, als dass man davon ein gutes Auskommen hätte, doch sie hängen daran. Es ist ihr Leben. Sie hätten uns niemals ein Stück von ihrem Land verkauft, wenn sie nicht finanziell unter Druck gestanden hätten. Wir sind hier nur wohlgelitten … Eindringlinge. Aber ›leben und sterben lassen‹, sage ich immer.«

Pia sah dem Briefträger hinterher, der sich nach der Befragung auf sein Postrad schwang und mit kräftigen Tritten davonradelte. Ihre Kollegen Manfred Rist und Wilfried Kürschner kamen vom Feuerlöschteich auf sie zu.

»Irgendwas Neues?«, fragte Manfred Rist, bevor Kürschner auch nur den Mund aufmachen konnte.

»Benjamin Bredow, der Postbote, hat mir erzählt, wie er die Leiche gefunden hat. Und die Bewohner dieses Hofes heißen Elsa, Armin und Thilo Fuhrmann, hab ich erfahren. Sind die mittlerweile aufgetaucht?« Sie sah Kürschner an, der die Ermittlung leitete, solange Gabler noch nicht da war.

»Ich hatte gehofft, du hättest inzwischen vielleicht etwas Neues über den Verbleib dieser Leute herausgefunden«, sagte Rist. »Wir kommen nämlich nicht weiter.«

Pia schüttelte den Kopf. »Ich hab gesehen, dass der Staatsanwalt nun da ist. Kann er uns nicht einen Beschluss besorgen, damit wir uns ein bisschen im Haus der Fuhrmanns umschauen können? Vielleicht finden wir einen Hinweis darauf, wo sie hingefahren sind oder wie wir sie erreichen können.«

»Das ist wohl nicht ganz so einfach«, erwiderte Rist bissig. »Die sind vielleicht gerade mal ein Stündchen weg, und schon willst du die Tür aufbrechen und ihr Haus auf den Kopf stellen?«

»Immerhin liegt in ihrem Garten eine Leiche«, entgegnete Pia. Wieder blickte sie erwartungsvoll in Kürschners Richtung.

Der kratzte sich am Kopf und sah von einem zum anderen.

»Ohne Durchsuchungsbeschluss geht da gar nichts«, meinte er unentschlossen. »Aber der Staatsanwalt könnte sofort den zuständigen Richter kontaktieren.«

»Der neue Staatsanwalt ist so ein ganz junger, überkorrekter. Der sieht die gesetzlichen Anforderungen für eine Durchsuchung noch nicht erfüllt.«

»Vielleicht fehlt ihm nur das passende Argument?«, sagte Pia.

»Dann versuch dein Glück!«, antwortete Rist. Wofür haben wir Frauen?, stand unausgesprochen dahinter.

»Versuch macht klug«, sagte Pia ungerührt. »Was habt ihr vor?«

»Auf Dr. Kinneberg warten.«

»Oh, er kommt heute höchstselbst?«, fragte Pia erstaunt.

»Wir schaffen es nicht, die Leiche unbeschadet in die Rechtsmedizin zu schaffen, da soll er lieber hier schon mal einen Blick drauf werfen.«

»Okay, da kommt ja auch der Staatsanwalt. Wie heißt er noch gleich?«

»Jantzen.«

Das kann ja heiter werden, wenn Gabler länger ausfällt!, dachte Pia, während sie den Hofplatz überquerte. Ihr Kollege Manfred Rist war erst vor ein paar Monaten zu ihnen ins K1 gestoßen. Er war ein erfahrener und guter Kriminalist, wenn auch der Charme einer Brechstange, den er zeitweise an den Tag legte, nicht überall gut ankam. Er war Kriminalhauptkommissar, so wie Broders und Kürschner, und hatte eine Weile als verdeckter Ermittler gearbeitet, was ihm einen beinahe romantischen Status einbrachte. In etwa aus dieser Zeit stammte auch Pias erste Bekanntschaft mit ihm. Damals war sie noch ziemlich neu im K1 gewesen, und Broders hatte sich mit ihr einen etwas derben Scherz erlaubt, indem er ihr Rist, der zufällig vorbeigekommen war, als einen Serien-Vergewaltiger vorstellte, der gerade seine Taten gestanden hatte. So einer war damals tatsächlich zur Fahndung ausgeschrieben gewesen, und Pia hatte keinen Grund gesehen, Broders nicht zu glauben. Dann war Rist aufgesprungen und hatte, um sie zu provozieren, einen vermeintlichen Fluchtversuch unternommen. Pia hatte sich dazwischengeworfen und ihm zwischen die Beine getreten, um ihn aufzuhalten. In dem Moment war Broders der Einzige gewesen, der über den missglückten Scherz hatte lachen können. Später, als die Geschichte herumging, hatte sich das ganze Polizeihochhaus bestens amüsiert. Danach hatte Pia Rist ein paar Jahre nicht gesehen und gehofft, dass Gras über den Vorfall gewachsen wäre. Tja, und dann hatte Manfred Rist sich mitsamt seinen Karriere-Ambitionen zum K1 in Lübeck versetzen lassen.

Seine erste Ermittlung im Team war der Mordfall auf Fehmarn gewesen, in deren Folge Pia dem Täter heute vor Gericht gegenübergestanden hatte. Vielleicht wurmte es Rist, dass sie und zwei Kollegen zu der Verhandlung als Zeugen geladen worden waren, er jedoch nicht. Oder hatte das Eis, das sie ihm damals in der Kantine besorgt hatte, nicht alle Schmerzen in den unteren Regionen beseitigen können?

5. Kapitel

Pia verwickelte den Staatsanwalt in ein Gespräch und schlenderte dabei mit ihm in Richtung des Wohnhauses der Fuhrmanns. Auf ihre Fragen hin bestätigte ihr Olaf Jantzen, dass er tatsächlich neu auf seinem Posten und auch neu in Lübeck sei. Ursprünglich stammte er aus Osnabrück. Er war jung und ehrgeizig, mit langen Koteletten und modischer eckiger Brille.

Als sie die Eingangstür des Wohnhauses erreichten, blieb Pia stehen. Von hier aus konnten sie die Polizisten und Fahrzeuge rund um den Fundort, den ganzen Trubel der polizeilichen Ermittlung, nicht mehr sehen. Graue Wolken segelten tief über das ausladende Reetdach des Bauernhauses hinweg. Im Frühling, wenn alles grünte und blühte, mochte sich hier so etwas wie eine ländliche Idylle einstellen. Doch jetzt, im November, umwehte den Ort eine Trostlosigkeit, die durch die Abwesenheit von Menschen noch verstärkt wurde. Kein Fahrzeug auf der Zufahrt, alle Fenster des Wohntraktes verschlossen. Nirgendwo brannte Licht. Es gab nicht einmal Rauch, der aus dem Schornstein aufstieg.

Der Staatsanwalt sah besorgt zum Himmel. Der nächste kräftige Schauer würde die Arbeit mit der neuen Rundum-Videokamera am Fundort behindern. Eine unerwünschte Verzögerung. Jantzen schien einerseits hochmotiviert zu sein, andererseits fühlte er sich in dieser Umgebung sichtlich unwohl. Und in seinem Wollmantel und dem Anzug darunter, ohne Mütze, Handschuhe oder Stiefel, war ihm sicherlich viel zu kalt. Pia ging es nicht besser, so konzentrierte sie sich umso mehr auf ihr Ziel. »Wir haben schon mehrmals geklingelt und sind um das Haus herumgegangen. Es ist definitiv niemand zu Hause«, sagte sie.

»Die kommen sicher bald wieder.«

»Meinen Sie? Ich finde, es sieht eher so aus, als wären die Fuhrmanns schon etwas länger weg.«

»Wie kommen Sie darauf?«

Pia deutete auf die verwaiste Umgebung. Was fehlte, waren die tagtäglichen Spuren menschlichen Lebens. Gummistiefel auf der Fußmatte, ein gekipptes Toilettenfenster … Außerdem lagen durchnässte Reklamezettel auf dem Treppenabsatz herum. Warum hatte sie nicht eher daran gedacht? Sie ging zum Briefkasten und sah hinein. Er war voll mit Post. »Der wurde wohl schon ein paar Tage nicht mehr geleert«, sagte sie. Pia ärgerte sich, dass sie den Postboten nicht danach gefragt hatte. Sie hatte sich darauf konzentriert, wie es dazu gekommen war, dass er die Leiche gefunden hatte.

Olaf Jantzen sah ihr über die Schulter. »Das ist in der Tat ein Hinweis. Sollten die wirklich schon länger weg sein? Müssen auf so einem Bauernhof nicht fortwährend Tiere versorgt werden?«

»Die Ställe sind leer. Bisher hab ich hier nur ein paar Katzen herumstreunen sehen.«

Er runzelte die Stirn.

»Der Briefträger kennt die Leute hier schon lange. Er sagt, die sind sonst nie weg. Es ist eine außergewöhnliche Situation, auf die wir umgehend reagieren müssen.«

»Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, wenn da nicht leider noch das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung wäre …«

»Wir haben es aber höchstwahrscheinlich mit einem Kapitalverbrechen zu tun. In so einer Ermittlung zählen Stunden, vielleicht sogar Minuten. Selbst wenn die Bewohner nicht direkt etwas mit dem Mord zu tun haben, brauchen wir sie dennoch als Auskunftspersonen.«

»Wenn die schon länger weg sind, wissen sie womöglich gar nichts.«

»Wie sollen wir rausfinden, was sie wissen und was nicht, wenn wir nicht mit ihnen sprechen können?«

»Also gut.« Der Staatsanwalt setzte eine entschlossene Miene auf. »Ich werde Ihnen einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss besorgen. Ansonsten kommen wir hier ja nicht weiter.« Olaf Jantzen stutzte, als ein weiteres Auto auf den Hofplatz fuhr. »Na, wer kommt denn da? Hat sich das Ganze womöglich doch erledigt?«

Pia schüttelte den Kopf. »Das ist der Rechtsmediziner aus Lübeck. Enno Kinneberg.«

»Ach so.«

»Sie besorgen uns einen Beschluss?«, vergewisserte Pia sich. Die Atmosphäre in der Nähe des Wohnhauses war bedrückend.

»Sagte ich das nicht? Sie entschuldigen mich, Frau Korittki? Und … keine voreiligen Aktionen!«

Sie nickte amüsiert. Befürchtete er, sie würde jetzt die Tür eintreten, um sich im Haus umzusehen? Eilte ihr etwa ein gewisser Ruf voraus? Na ja, sie wollte schon da rein. Aber wenn Jantzen so jung und dynamisch war, wie er sich gab, würde die Erlaubnis des Richters nicht lange auf sich warten lassen. Trotzdem konnte es ein langer Tag werden.

Apropos … Pia stellte sich in den Windschatten des Eingangs und kontrollierte ihr Telefon. Theoretisch wusste sie, dass Felix bei seinem Vater gut aufgehoben war. Wahrscheinlich wurde er wieder nach Strich und Faden verwöhnt. Trotzdem hatte sie das Gefühl, sich nicht richtig zu verhalten. Erst der Gerichtstermin, jetzt die neu angelaufene Ermittlung … Hinnerk hatte ihr gesagt, er würde sich den ganzen Tag um Felix kümmern. Doch wie lang war sein ganzer Tag? Sie wählte seine neue Festnetznummer in der Wohnung, die er zusammen mit Mascha bezogen hatte. Er klang ein wenig atemlos. »Wie geht es euch, alles klar so weit?«, fragte sie, sofort alarmiert.

»Natürlich. Felix spielt mit meiner alten Holzeisenbahn, und ich überlege, was ich uns zum Mittagessen kochen soll.«

»Mittagessen klingt gut«, sagte Pia, der auch schon wieder der Magen knurrte. »Wie lange hast du denn heute Zeit? Ich weiß ja, es war nicht so eingeplant.«

»Du kannst so lange arbeiten, wie du willst. Sag mir nur rechtzeitig Bescheid, wann du Felix wieder abholst!«

»Es kann dauern. Wir haben einen Toten in einem Feuerlöschteich. Wahrscheinlich Mord, aber das steht noch nicht fest.«

»Dafür lebst du doch, Pia.«

Sie beendeten das Gespräch recht abrupt, weil Felix nach Hinnerk rief. Trotz des heutigen Freifahrtscheins, oder vielleicht auch gerade deswegen, fühlte Pia sich unwohl, als sie zurück zu den anderen ging. Stimmte es? Lebte sie für Mord und Totschlag? Für den Thrill und die Herausforderung, dass die Bösen bestraft und die Guten letztlich Gerechtigkeit erfahren sollten? Auch wenn sie wusste, wie vergeblich der Kampf – im Großen und Ganzen betrachtet – war? Machte sie sich etwas vor?

»Ist Blau jetzt das neue Rot?«, fragte Broders, als Pia wieder zum Einsatzwagen kam.

»Wieso?« Sie sah an sich herunter.

»Deine Lippen sind blau.«

»Mir ist kalt. Ich bin für einen Gerichtstermin angezogen, nicht fürs Wintercampen.«

»Kalt ist immer schlecht«, sagte Broders und dachte an seinen verspannten Rücken. »Kürschner hat gerade ein paar Leute losgeschickt, die im Dorf von Tür zu Tür gehen sollen. Wir beide haben das Glückslos gezogen.«

»Und das wäre?«

»Informative Befragung im Wirtshaus – kommst du mit?«

Das war typisch Broders. Doch als einer der Dienstältesten im Kommissariat konnte er sich das natürlich mal herausnehmen. Pia wollte zustimmend grinsen, merkte aber, dass ihre Gesichtsmuskeln eingefroren waren. »Hauptsache, die haben ihren Herd schon angefeuert.«

Als Dina Löbich ihre sechste Schulstunde beendete, hatte sie ein unschönes Pfeifen im Ohr. Sie räumte ihre Unterlagen in die Ledertasche, die sie schon seit ihrer Schulzeit mit sich herumschleppte, und schulterte sie. Ein Gewicht, als hätte sie die gesamte Schulbibliothek darin, dabei waren es nur siebenundfünfzig Hefte. Sie hatte heute in zwei Klassen die Hausaufgaben eingesammelt. Es ging auf die Weihnachtsferien zu, und Dina Löbich benötigte noch Anhaltspunkte für die mündlichen Noten. In der 8c gab es Schüler, deren Namen sie noch nicht mal sicher zuordnen konnte. Wie sollte sie sie dann benoten? Sie hatte mit den besten Vorsätzen hier angefangen, doch es war einfach zu viel. Ihre Schüler waren Gott sei Dank schon lärmend und grölend aus dem Klassenraum gestürzt. Ihre Schritte und pubertären Stimmen verhallten nach und nach in den langen Gängen. Zurück blieb der Geruch nach überschüssigen Hormonen und zu warm gewordenen Füßen. Die 8c galt als eine besonders unruhige und schwierige Klasse. Es war Ulf Nielsens Klasse. Eigentlich kein Wunder, dass der Mann hin und wieder krankfeierte.

Dina Löbich mochte ihn trotzdem nicht besonders. Als sie ihn vor ein paar Wochen mal danach gefragt hatte, wo denn die Musikräume zu finden seien, hatte er ihr einen Vortrag über richtige Vorbereitung gehalten. Dabei war sie keine Musiklehrerin. Sie hatte nur jemanden gesucht. Und wenn man sich nicht vorsah, verpasste Nielsen einem auch noch eine Sonderlektion in Sachen Heimatkunde. »Die Spuren der Steinzeitjäger im Stellmoorer Tunneltal« oder so ähnlich.

Aber sonderbar war es schon, dass er seit vier Tagen nicht in der Schule aufgetaucht war, ohne sich abzumelden. Sie hatte vorhin extra noch mal im Sekretariat nachgefragt, ob Nielsen sich inzwischen gemeldet habe. Dann hatte sie sich erkundigt, ob er allein lebe. Es konnte doch sein, dass Ulf Nielsen in seiner Wohnung umgekippt war. Vielleicht lag er da jetzt tot oder sterbend herum, und keiner merkte es. Wie alt mochte Nielsen sein? Für Dina Löbich, frisch von der Uni, schien er kurz vor der Pensionierung zu stehen.

Sie hatte seine Adresse im Telefonbuch gefunden. Er wohnte in Bad Schwartau. Es würde nicht lange dauern, auf dem Rückweg bei ihm vorbeizuschauen, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Mehr, als sich lächerlich machen, konnte sie nicht. Ihre »soziale Ader«, wie ihre Freundinnen es nannten, hatte sie schon manches Mal in Schwierigkeiten gebracht. Doch damit kam sie klar. Ihre Eltern waren Pastoren. Es lag ihr ja vielleicht in den Genen. Wenn man heutzutage Lehrerin werden wollte, musste man sowieso masochistisch veranlagt sein … Sie bog also auf dem Heimweg von ihrer gewohnten Route ab und ließ sich von ihrem Navigationsgerät zu Nielsens Adresse leiten.

Vor einem der Mehrfamilienhäuser steuerte sie in eine freie Parkbucht und schaltete den Motor aus. Jetzt kamen ihr erste Zweifel. Was wollte sie hier? Sie war nur seine Kollegin, noch dazu eine neue. Aber außer ihr schien sich ja niemand darum zu kümmern, was mit Nielsen los war. Dina Löbich wusste, dass man ihr ihr Verhalten auch ganz anders auslegen konnte: Neugier, der Wunsch, einen Krankfeiernden bloßzustellen. Im schlimmsten Fall hielten das einige für eine billige Anmache … Bei Ulf Nielsen? Sie verdrehte die Augen und stieg aus. Was getan werden musste, musste eben getan werden, egal, was die Leute dachten. Sie hörte sich in Gedanken schon genauso an wie ihre Mutter.

Dina ging die Haustüren ab, bis sie vor der richtigen stand, und drückte auf die Klingel neben dem Namensschild Nielsen. Es war als Einziges mit einer dieser altmodischen Etikett-Prägemaschinen hergestellt worden.

Nichts passierte. Was nun?

Sie war kurz davor, unverrichteter Dinge zu gehen, als eine ältere Frau mit einem Einkaufstrolley an die Tür kam.

»Entschuldigen Sie bitte! Wohnen Sie hier? Ich bin auf der Suche nach Herrn Nielsen«, sagte Dina Löbich.

»Dem Lehrer? Den hab ich aber schon länger nicht mehr gesehen. Vielleicht ist er im Urlaub.«

»Ich bin eine Kollegin von ihm. Die Sache ist die: Eigentlich hätte er diese Woche unterrichten müssen, doch er ist seit ein paar Tagen nicht in der Schule erschienen. Er hat sich aber auch nicht krankgemeldet.«

Dina sah direkt, wie es hinter der Stirn der Frau zu arbeiten begann. Und sie schien zu dem gleichen Schluss zu kommen wie Dina. »Oje«, sagte sie. »Er wohnt direkt über mir. Und ich hab nichts mehr von ihm gehört seit … Samstag? Was machen wir denn nun?«

»Die Polizei verständigen?«, schlug Dina vor.

»Also, ich weiß nicht. Wenn er nun nur verreist ist?«

»Es sind aber keine Ferien. Hat vielleicht jemand einen Schlüssel zu seiner Wohnung und kann mal nachsehen?«

»Ich nicht.« Sie schüttelte abwehrend den Kopf. »Und ich würde da auch nicht reingehen.« Wieder Kopfschütteln.

»Gibt es einen Hausmeister?«

»Ach, der!« Sie winkte ab.

Es wunderte Dina überhaupt nicht, dass sie wieder mal diejenige war, die ihr Telefon hervorzog, um bei der Polizei anzurufen.

Das Wirtshaus hieß Lindenhof. Acht imposante Baumstümpfe, aufgereiht vor der Längsseite des Hauses, die der Straße zugewandt war, zeigten, dass das durchaus einmal ein passender Name gewesen war. Das Haus war margarinegelb, die Fensterrahmen schokoladenbraun gestrichen. Hinter jedem Fenster stand ein Topf mit einer orangeroten Geranie.

»Brav. So soll es sein«, murmelte Broders und stieg die drei Stufen hinauf.

Sie passierten einen imposanten Zigarettenautomaten und einen Heizkörper mit einem Seidenblumengesteck darauf. Irgendwo musste ein Raucherraum sein, denn es roch nach kaltem Zigarettenqualm, untermalt mit einer Note von frischem Fett. Zu beiden Seiten ging es in eine Gaststube, wie man durch die braun getönten Butzenscheiben in den Türen erkennen konnte, doch der linke Gastraum hatte einen Bartresen. Auf den steuerte Pia zu.

Es war noch nichts los, und so dauerte es auch ein paar Sekunden, bis jemand aus der Küche hinter den Tresen trat.

Pia stellte ihren Kollegen und sich vor und fragte, ob sie schon was zu essen bekommen könnten.

Der Wirt kniff die Augen zusammen. »Schon?« Er sah auf die Uhr. »Ich frag mal meine Madame, ob sie noch was für euch hat.« Es war kurz nach zwei.

»Die Küche ist wohl schon wieder kalt«, vermutete Broders und schwang sich auf einen der Barhocker. »Aber sieben Bier ersetzen ja bekanntlich eine Mahlzeit. Was gibt’s denn frisch vom Fass?«

»Ich trag dich hier nicht raus, Broders«, sagte Pia. Das waren ja ganz neue Marotten.

»Das nennt sich Frustsaufen«, antwortete er. »Warum immer nur die anderen, warum nicht mal ich? Ich hab gerade ganz schön was auszustehen.«

Der Wirt steckte den Kopf durch die Tür: »Labskaus oder Matjes mit Bratkartoffeln. Ansonsten Holsteiner Katenschinken auf Brot …«

»Wir nehmen zweimal den Matjes«, rief Broders, bevor Pia auch nur reagieren konnte.

Sie bestellten Apfelschorle und Wasser dazu.

»Warmes Essen nur am Tisch«, ordnete der Wirt an.

Broders ließ sich das nicht zweimal sagen und ging zu den Tischen hinüber, wo er sich auf einen der gepolsterten Stühle sinken ließ. Er verzog das Gesicht.

»Was ist los?«

»Autsch. Nur mal wieder mein Rücken.«

»Fall du uns nicht auch noch aus!« Pia warf ihm einen besorgten Blick zu.

Broders schüttelte abwehrend den Kopf.

»Ihr zwei seid auf dem Röperhof zugange, nich’ wahr?«, erkundigte sich der Wirt. »Hab schon gehört. Ein Toter im Teich … tz, tz. Da kommt ja gleich das ganze Dorf unter die Räder.«

»Von wem haben Sie das gehört?«

»Von unserem Postboten. Der Bredow brauchte akut was Stärkendes, nachdem ihr mit ihm durch wart.«

Pia fragte sich, ob sie zu hart vorgegangen war, fand aber in ihrer Erinnerung nichts, das diese These stützte. »Braucht der öfter was ›Stärkendes‹?«

»Nein, nur ausnahmsweise. Und wer braucht das nicht hin und wieder?«

»Wie wahr!«, sagte Broders zu Pia.

»Und was hast du gerade auszustehen?«, fragte sie ihn, als der Wirt wieder verschwunden war.

»Ich sag nur WG.«

»Du wohnst doch allein.«

»Aber nicht am Wochenende. Und inzwischen bin ich auch unter der Woche mal bei Ralph. Der hat zwar die größere Wohnung, doch nur ein Badezimmer. Und wenn sein siebzehnjähriger Sohn noch da ist – nebst Freundin! –, dann brauchen wir einen ›Badplan‹, um morgens fertig zu werden.«

»Klingt doch vernünftig.«

»Pah! Mir haben sie die Zeit zwischen fünf Uhr fünfzig und sechs Uhr zwanzig zugeteilt.«

»Ja, und?«

»Da bin ich aber noch lange nicht fertig!«

Pia musste grinsen. »So ist das mit Kindern. Man muss zurückstecken.«

»Die neue Freundin von Elias braucht fast eine Stunde im Badezimmer. Und der Knabe noch länger.«

»Da bin ich aber froh, dass das bei Felix noch ein bisschen hin ist. Warum wohnt Ralph nicht mit bei dir? Da habt ihr eure Ruhe.«

»Ach.« Er winkte ab. »Meine Mutter lebt doch im selben Haus wie ich.«

»Ja und?«

»Sie … Also theoretisch weiß sie das mit mir und Ralph. Aber ich bin nicht sicher, ob sie ihn auch kennenlernen möchte.«

»Broders. Du solltest deiner Mutter wenigstens die Chance geben, deinen Lebenspartner kennenzulernen.«

Er schnaubte durch die Nase.

Pia fragte sich, wie fundiert das Wissen seiner Mutter tatsächlich war. Immerhin hatte das gesamte Kommissariat Kenntnis davon, dass Broders sie einmal in der Woche mit einem Papptablett voller Kuchenstücke besuchte. Der Mittwochabend war ihm heilig. Worüber sprachen sie dann immer? Wusste die Frau am Ende noch nicht einmal, dass ihr Sohn schwul war?

Nach dem Verzehr der Matjesfilets in Sahnesoße und der Berge knuspriger Bratkartoffeln fühlte Pia sich satt und müde. Es kostete sie Überwindung, den Wirt zu bitten, sich für den abschließenden Kaffee einen Moment zu ihnen zu setzen. Sie konnten die Gelegenheit, die wohl erste Informationsquelle des Ortes anzuzapfen, nicht außer Acht lassen.

Der Wirt kratzte sich den beinahe kahlen Schädel, sah kurz zur Küchentür und nickte dann. »Okay. Aber einen kleinen Moment dauert’s noch. Soll meine Frau, also meine Lebensgefährtin, auch dazukommen?«

»Wir befragen Sie lieber einzeln«, sagte Pia. Die Arbeitsteilung im Gasthof ließ vermuten, dass er mehr mitbekam als sie. Später wüssten sie mehr.

»Was sind die Fuhrmanns für Leute?«, fragte Broders, nachdem sie erfahren hatten, dass der Wirt, Herbert Kleber, den Gasthof schon seit Jahrzehnten führte. Er hatte ihn von seinem Vater geerbt.

»Nichts Besonderes eigentlich. Friedliche Zeitgenossen, die zusehen, dass sie auf ihrem Hof ihr Auskommen haben. Was immer schwieriger wird – schlechte Zeiten für die kleineren Landwirte, Sie wissen schon.«

»Für den einen mehr, für den anderen weniger«, ermunterte Pia ihn mit einem Allgemeinplatz zum Weiterreden.

»Nun, die Fuhrmanns haben es bestimmt nicht leicht. Finanziell und überhaupt. Heute muss man ja mit den Verordnungen der EU auf Du und Du stehen, um zurechtzukommen. Und jedes Jahr ändert sich da was. Mit Flächenstilllegungen oder Mais für Biogas verdient ein Bauer heutzutage ja mehr, als wenn er sein Land ordentlich bewirtschaftet.«

»Denken Sie, dass die Fuhrmanns nicht mehr zurechtkommen? Eventuell Schulden haben?«

»Wer hat denn heute keine Schulden, bei den Preisen? Wissen Sie, was ein neuer Traktor kostet? Also, wer zahlt das denn mal eben aus der Portokasse?«

»Das sind doch Investitionen in die Zukunft.«

»Alles nicht so einfach. Ich meine, der Thilo wird den Hof ja wohl kaum übernehmen.«

»Warum nicht? Hat er kein Interesse?«

»Ach, Sie wissen es noch nicht!« Er verzog unbehaglich das Gesicht. »Der Thilo ist nicht so richtig helle, verstehen Sie? Kein Idiot, aber einfach gestrickt. Also, ohne seine Eltern könnte der nicht existieren …«

»Ist er geistig behindert?«

»Nichts Genaues weiß man nicht. Er ist auf die Förderschule gegangen. Und seitdem ist Sense: keine Ausbildung, kein Job, nichts. Armin, sein Vater, will ihn nicht in eine Einrichtung schicken. Behält ihn lieber bei sich und lässt ihn den Hof harken.«

»Und was sagt die Mutter dazu?«, fragte Pia.

»Niemand weiß, was Elsa denkt.«

»Wieso nicht?«

»Ach, man sieht sie eigentlich nicht. Sie verlässt ihren Hof nur, um Lebensmittel einzukaufen. Sie hat keine Freundinnen, kommt nie zu irgendwelchen Festen. Das war schon so, als Meike noch lebte, aber seit die tot ist, ist es noch schlimmer geworden mit Elsa.«

»Wer zum Teufel ist Meike?«, fragte Broders.

6. Kapitel

»Tja, richten Sie sich schon mal darauf ein, dass der Tote durch Fremdeinwirkung ums Leben gekommen ist!«, sagte der Rechtsmediziner, als er vom Feuerlöschteich zurück auf den Hofplatz stapfte.

Wilfried Kürschner, der inzwischen erfahren hatte, dass der Leiter des K1 nicht da war, weil er im Krankenhaus lag, trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. »Sind Sie sich sicher? Es ist ganz schön matschig da am Tümpel. Könnte sich bei der Obduktion nicht noch herausstellen, dass der Tote ausgerutscht und unglücklich mit dem Kopf aufgeschlagen ist?«

»Normalerweise würde ich ja sagen: Warten Sie meinen Obduktionsbericht ab! Aber in diesem Fall solltet ihr euch ruhig schon mal an die Arbeit machen. Unser Opfer ist mit hoher Wahrscheinlichkeit an einem Schädel-Hirn-Trauma infolge einer massiven Schädelverletzung gestorben. Die Gewalteinwirkung erfolgte im Bereich der Kalotte, was darauf schließen lässt, dass das Opfer niedergeschlagen wurde.«

»Ja, ja, die alte Hutkrempenregel«, sagte Kürschner. »Schädelverletzung oberhalb einer gedachten Hutkrempe sind von einem Schlag verursacht worden. Die unterhalb durch einen Sturz.«

»Geht mal von einem Verbrechen aus. Oder habt ihr in der Nähe des Kopfes einen Gegenstand gesehen, auf den der Mann hätte aufschlagen können? Einen großen Stein zum Beispiel?«

»Die Kriminaltechniker sind noch nicht ganz fertig.«

»Schon klar. Ich vermute sogar, dass unser Opfer nach Eintritt des Todes noch bewegt worden ist.«

»Der Feuerlöschteich ist gar nicht der Tatort?« Kürschner verzog das Gesicht.

»Übel, das Ganze«, sagte Kinneberg mitfühlend. »Aber auch interessant. Ich gebe euch noch eine Vorabinformation. Aber nagelt mich nicht darauf fest: Meiner inoffiziellen Schätzung nach ist der Mann seit vier bis fünf Tagen tot. Der Todeszeitpunkt liegt entsprechend irgendwann zwischen Samstag- und Sonntagmorgen.«

Der Staatsanwalt ließ sich von Enno Kinneberg noch mal bestätigen, dass sie es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit einem Kapitalverbrechen zu tun hatten. So kam er zu dem Schluss, dass die Ermittler so schnell wie möglich mit der Familie, die auf dem Hof wohnte, in Kontakt treten sollten. Und die erste zielführende Maßnahme dazu war eine Durchsuchung ihres Wohnhauses. Dass die Dringlichkeit dieser Angelegenheit nicht unbedingt auf seinem Mist gewachsen war, war Jantzen gar nicht bewusst. Er begründete sein Ersuchen mit Paragraf 103, Durchsuchung zur Verfolgung einer Straftat, und überzeugte den zuständigen Richter, unverzüglich einen Durchsuchungsbeschluss zu erlassen. Olaf Jantzen war mit sich zufrieden. Er würde das erste Mal als verantwortlicher Staatsanwalt bei einer Durchsuchung dabei sein.

Der Wirt warf einen prüfenden Blick in Richtung Küche, dann zündete er sich eine Zigarette an und inhalierte tief.

»Thilo und Meike Fuhrmann sind Zwillinge«, berichtete er. Er lehnte sich in Richtung Fenster und versuchte, den Rauch durch die Öffnung abziehen zu lassen. »Aber ich muss weiter ausholen, damit Sie es verstehen können. Elsa ist das einzige Kind auf dem Röperhof gewesen. Es ging die Diskussion, ob ein weit entfernter Cousin des Bauern den Hof erben sollte oder sie. Doch der Cousin lehnte dankend ab, was Elsa in die Pole-Position brachte.« Er blies langsam ein paar Rauchkringel aus. »Aber Elsa brauchte nach Ansicht des alten Röper, dem es gesundheitlich schon nicht mehr gut ging, dringend einen Ehemann, der den Hof übernehmen konnte. Was soll ich sagen? Sie war schon Anfang dreißig, und die Bewerber standen nicht gerade Schlange. Ihr Vater hat sie quasi hier am Skattisch verschachert. An Armin Fuhrmann, der damals als Lohnarbeiter sein Geld verdient hat. Armin ist fünfzehn Jahre älter als Elsa, ein grober Klotz, aber er kann arbeiten. Und er wollte unbedingt was Eigenes. Da kam ihm der Röperhof wohl gerade recht, auch mit Elsa als Dreingabe.«

»Und was hat Elsa dazu gesagt?«, fragte Pia. Von welchem Jahrhundert sprachen sie hier?

»Nicht viel. Vielleicht war sie ja froh, auf diese Weise ihr Heim und ihre vertraute Umgebung zu behalten. Ich meine, sie hat ja vorher nicht gerade irgendwelche Anstrengungen unternommen, ihr Leben selbst in den Griff zu bekommen. Bald nach der Hochzeit sind ihre Eltern gestorben. Es war ein bisschen so, als hätten sie beruhigt gehen können, jetzt, da sie ihre Pflicht, für einen Nachfolger zu sorgen, erfüllt hatten.«

»Was ist das für eine Ehe?«, fragte Pia.

»Keine Ahnung. Elsa beklagt sich nie. Anfangs war sie wohl traurig darüber, dass keine Kinder kamen. Sie hatte auch ein paar Fehlversuche, bis sie mit sechsunddreißig dann mit einem Mal schwanger war. Da hat schon keiner mehr so richtig damit gerechnet. Am allerwenigsten Armin. Und dann auch noch Zwillinge. Wie das auf dem Lande so üblich ist, wurde Elsa mit einem ganzen Haufen von Ratschlägen und Warnungen bedacht. Für drei essen oder bloß nicht für drei essen! Sich viel bewegen oder sich schonen! Und so Aberglauben-Zeugs: Sie sollte zum Beispiel nicht mehr die Wäsche auf die Leine hängen. Kennen Sie den Unsinn? Sie tat das natürlich trotzdem. Ich meine, wer hätte es sonst tun sollen?«

»Wäsche aufhängen?«

»Kommt noch.« Der Wirt winkte auf Broders’ Nachfrage hin ab. »Es gab Komplikationen: Die Zwillinge kamen zu früh. Es hieß auch, Elsa sei zu spät ins Krankenhaus gefahren. Als das Fruchtwasser abging, wollte Armin nicht gleich losfahren, weil er noch vorher zu Ende drillen musste. Jedenfalls erlitten beide Babys irgendeinen Schaden bei der Geburt. Zu wenig Sauerstoff und irgendwas mit der Nabelschnur … Das Mädchen, Meike, wurde so schwer geschädigt, dass die Ärzte zuerst nicht glaubten, dass sie überhaupt überleben würde. Den Jungen hielten sie dafür zunächst noch für gesund. Neben dem Mitleid wegen der kranken Tochter kamen dann schnell auch die Gerüchte auf: Der Armin sei schuld, er habe Elsa nicht rechtzeitig in die Klinik gebracht. Vielleicht habe er sie sogar geschlagen, als sie schwanger war. Und so weiter … Und er rächte sich, indem er im Suff einmal sagte, sein dämliches Weib sei schuld an allem. Sie sei ja doch immer wieder unter der Wäscheleine durchgelaufen, und deshalb habe sich seine Tochter im Mutterleib mit der Nabelschnur erhängt. Es wisse doch jedes Kind, dass das passieren kann. Und er habe die Nabelschnur um ihren Hals gesehen und das blau angelaufene Gesicht.«

»Hat er das wirklich so gesagt?«

»Mehrmals. Ich stehe jeden Abend hinter dem Tresen, und ich war dabei. Elsa wollte Meike unbedingt nach Hause holen, doch die Ärzte haben ihr davon abgeraten, und ihr Mann wollte es auch nicht. Das Mädchen hing an irgendwelchen Geräten und war dann von Anfang an in einem Heim untergebracht. Elsa musste erst mal den Führerschein machen, damit sie Meike überhaupt besuchen konnte.«

»Und was war mit dem Jungen?«

»Thilo? Er war ein bisschen langsam, immer hinter der normalen Entwicklung zurück, wissen Sie. Aber er war ein so ruhiges, nettes Kind, dass das gar nicht weiter auffiel. Die Leute haben allerdings getuschelt, weil er so hübsch aussah. Wenig Familienähnlichkeit, weder zu Elsa noch zu Armin. Erst hieß es, er sei wohl ein Spätzünder. Selbst der Kinderarzt hat das gedacht. Und Elsa und Armin sind ja auch nicht gerade Leuchten. Doch mit der Zeit wurde allen außer seinem Vater klar, dass Thilo geistig zurückgeblieben ist. Es wurden ein paar Tests mit ihm gemacht, als er schon in der Schule war. Das Ergebnis war niederschmetternd. Er würde nie ein eigenständiges Leben führen können. Die Fuhrmanns haben das geschluckt, doch damit war das Thema für sie erledigt. Aber im Dorf wurde natürlich geredet. Ob es wohl ebenfalls ein Geburtsschaden sei? Wer daran schuld sei?« Der Wirt schüttelte resigniert den Kopf. »Das muss man sich mal vorstellen: zwei geschädigte Kinder auf einmal, und eines davon so schwer.«

»Was ist mit der Tochter passiert?«

»Es wurde jedenfalls nicht besser mit ihr. Irgendwann mag man ja nicht mehr fragen. Meikes erste prognostizierte Lebenserwartung lag bei vier Jahren, aber es sind dann wohl vierzehn, fünfzehn Jahre geworden. Ich weiß es nicht mehr so genau. Irgendwann war sie tot. Armin wollte sie nicht mal auf der Familiengrabstelle beerdigen. Er hat sie nie richtig als sein Kind annehmen können. Aber da hat Elsa sich ausnahmsweise einmal durchgesetzt.«

Sie schwiegen einen Moment, jeder in seine eigenen, ungemütlichen Gedanken verstrickt.

Pia räusperte sich. »Vielen Dank für die ausführliche Auskunft, Herr Kleber. Wie lange wohnen Sie eigentlich schon in Groß Tensin?«

»Schon immer. Ich war bis auf meine Bundeswehrzeit nie weg.«

»Dann kennen Sie bestimmt die meisten Einwohner gut?«

»Das möchte ich meinen.«

»Da können Sie uns sicherlich bei der Identifizierung des Toten helfen.«

Als Pia und Broders aus dem Gasthof auf die Dorfstraße traten, kontrollierte Pia wieder ihr Mobiltelefon. Sie beobachtete, wie Broders sich möglichst unauffällig streckte und beugte, um seine Rückenmuskeln zu dehnen. Er hatte wohl immer noch Schmerzen. Sie verkniff sich jeden Kommentar zu diesem Thema. Er wusste ja selbst, dass er sich zu wenig bewegte. In den hohen Baumwipfeln krächzten ein paar Krähen, sonst war im Dorf alles ruhig. Die tragische Familiengeschichte der Fuhrmanns war Pia in die Knochen gefahren wie der Anflug einer Grippe. Was für ein Glück sie hatte, ein gesundes Kind zu haben. Und doch konnte sich das von einer Sekunde auf die nächste ändern. Wie nah sie alle und jederzeit am Abgrund standen.

Broders verzog bei ihrem »Kinder-Kontrollfimmel« ausnahmsweise mal nicht das Gesicht. »Rückt die Perspektive zurecht«, sagte er mit belegter Stimme, als Pia das Handy wieder wegsteckte. »Dagegen nehmen sich meine WG-Probleme lächerlich aus.«

»Dagegen nehmen sich die meisten Probleme, mit denen wir uns täglich rumschlagen, lächerlich aus.«

»Ich habe ein ungutes Gefühl«, sagte Broders und schaute mit hochgezogenen Schultern hinauf zu den Krähen.

»In Bezug auf was? Die Ermittlung?«

»Die Fuhrmanns.«

»Vielleicht sind sie ja nur für ein paar Tage verreist?«

Dämmerte es schon, oder ließ nur die nächste dunkelgraue Wolke alles noch düsterer aussehen? Pia leuchtete dem Mitarbeiter vom Schlüsseldienst mit ihrer Taschenlampe, während er das Schloss der Fuhrmann’schen Haustür aufbohrte. Es ließe sich auch eleganter öffnen, aber dieses war die übliche Vorgehensweise.

Als er die Tür aufstieß und ihnen einladend mit einer Geste bedeutete einzutreten, ertappte sich Pia dabei, wie sie als Allererstes prüfend die Luft einsog. Sie roch jedoch nur den typischen Geruch nach altem Haus, unterlegt mit einer Prise »Nutztier«, so schwach, dass Pia nicht sagen konnte, ob es hier mal Rinder, Schweine oder Geflügel gegeben hatte. Von der Haustür gelangten sie in einen beinahe quadratischen Raum. Pia fand einen Lichtschalter neben der Tür. Die Deckenlampe spendete nur einen fahlen Schein und trug wenig zur Erhellung der Szenerie bei. Rechts führte eine Treppe nach oben. Sie endete in vollkommener Dunkelheit. Insgesamt gingen vier braun gestrichene Kassettentüren von der Diele ab, die allesamt geschlossen waren. Manfred Rist, der ihr vorausgegangen war, stoppte in der Vorwärtsbewegung, als er mitten in der Diele stand. Der Staatsanwalt folgte ihnen scheinbar gelangweilt, doch Pia spürte, dass auch ihn das Jagdfieber gepackt hatte. Gernot Wiese war als neutraler Zeuge dabei und hielt sich mit ausdrucksloser Miene im Hintergrund.

Manfred Rist rief laut: »Polizei! Ist jemand zu Hause?« Sie lauschten. Nichts.

»Na, dann mal los!« Sie suchten einen Hinweis auf den Verbleib der Fuhrmanns. Sollten sie dabei auf die Spuren eines Verbrechens stoßen, wäre allerdings unverzüglich die Spurensicherung an der Reihe.

Rist stieß nacheinander die Türen auf. Ein kleines Büro, ein Wohn- und Esszimmer, die Küche. Die letzte Tür rechts vor der Treppe führte in einen schmalen Flur, über den man zu einem Bad, dem Hauswirtschaftsraum und in die angrenzenden Ställe gelangte. Oben lagen demnach die Schlafräume der Familie.

Pia durchsuchte als Erstes das Büro, Rist die Küche. Pia hatte es sich angewöhnt, bei solchen Operationen kurze Erinnerungsstützen auf ihr Handy zu sprechen. Zunächst ließ sie den Raum insgesamt auf sich wirken: Die Möbel in dunkler Eiche stammten wohl von Elsas Eltern oder Großeltern. Oder vom Sperrmüll, so zerkratzt und ramponiert, wie sie aussahen. Die sonst allgegenwärtigen Ergänzungsteile mit den schwedischen Vornamen fehlten. Sie sah auch keine Bücher, keine Fotos, nur ein Lexikon und Unmengen an Aktenordnern in verschiedensten Farben und Breiten, oft mehrfach beschriftet und ebenfalls ramponiert. In einem Regal stapelten sich Zeitschriften, die meisten zum Thema Landwirtschaft. Ein betagter Computer und ein noch älteres Telefon auf dem Schreibtisch vervollständigten das Heimbüro. Es gab keinen Anrufbeantworter, auf dem antiquierten Telefon keine Anzeige der verpassten Anrufe … Pia zog sich Handschuhe über und überprüfte mit der Wahlwiederholung, welche Nummer zuletzt angerufen worden war. Sie bekam eine Ansage des Büros des Bürgermeisters von Groß Tensin, Karsten Sander, zu hören und sprach sich hinterher den Namen und die Nummer, die auf dem Anrufbeantworter genannt worden waren, auf ihr Handy. Herrn Sander würden sie später noch befragen müssen.

Der Inhalt der Schubladen und der recht übersichtliche Kram auf dem Schreibtisch halfen ihr nicht weiter. Interessant war eigentlich nur das, was fehlte: ein Terminkalender, persönliche Notizen, vielleicht ein Ordner mit Kontoauszügen … Die Schreibtischunterlage bestand aus einem Din-A2-Block mit der Werbung eines Düngemittel-Lieferanten am Rand. Er war so gut wie jungfräulich, bis auf ein paar Kritzeleien und eine mit Kugelschreiber verfasste Notiz am Rand:

03.00 B3/4 396

Pia runzelte die Stirn. Hatte das etwas mit dem Verschwinden der Fuhrmanns zu tun? Sie fotografierte die Notiz. Der nächste Schritt, wenn die Fuhrmanns nicht auftauchten, wäre es, den Computer untersuchen zu lassen.

»Irgendwas, mit dem wir arbeiten können?« Rist stand in der Tür, die Hände in den Türrahmen gestützt. Er trug ebenfalls Handschuhe.

Pia zeigte ihm die Notiz auf der Schreibtischunterlage. »Und der letzte Anruf von diesem Apparat ging an den Bürgermeister. Vielleicht weiß der, wo die Fuhrmanns sind?«

»Der läuft uns ja nicht weg«, sagte Rist. »Die Küche ist sauber. Meines Erachtens zu sauber. Nur ein Brettchen mit Krümeln und ein schmutziges Messer in der Spüle …«

»Ist der Kühlschrank voll oder leer?«

»Halbwegs voll. Ich würde nicht verreisen und frische Milch und Tomaten in meinem Kühlschrank stehen lassen. Es passt nicht zu der Ordnung und Sauberkeit, die sonst in der Küche vorherrschen.«

»Entweder sie hatten vor, nicht lange wegzubleiben …«

»Oder sie sind überstürzt abgehauen.«

»Das eine Brettchen kann bedeuten, dass jemand vor der Abfahrt Brote geschmiert hat.«

Rist nickte. »Weiter im Text! Ich nehm das Wohnzimmer und den Seitenflur, du gehst nach oben!«

Der Staatsanwalt stand mitten in der Eingangshalle und sah auf seinen klobigen Chronografen. »Schon was Interessantes gefunden?«

»Bisher nur, dass jemand von hier aus mit dem Bürgermeister telefoniert hat. Das war der letzte Anruf, der rausgegangen ist. Wenn wir mehr wissen wollen, werden wir den Telefonanbieter kontaktieren müssen.«

»Das Wohnzimmer sieht unbenutzt aus. Erinnert an eine Möbelausstellung aus den Sechzigern.«

»Dann werde ich jetzt unter den Betten nachschauen«, sagte Pia sarkastisch. Sie stieg, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, nach oben. Hier roch es muffig, und es war dunkel. Die alten Holzdielen unter einem ausgetretenen Läufer knarrten. Sie schaltete das Licht an. Tapeten wie zu Großmutters Zeiten, Stockflecken an der Decke … Man sah eine Wohnung oder ein Haus und fällte ein Urteil über die Bewohner: arm oder gut situiert, jung oder alt, mit Geschmack, ordentlich oder unordentlich … Und sie fragte sich, was man über sie denken würde, wenn man ihre Dachwohnung betrachtete. Seit feststand, dass sie, dem Himmel sei Dank, bald in eine größere Wohnung umziehen würde, gab Pia sich zu Hause nicht mehr besonders viel Mühe. Gut, es war einigermaßen sauber, aber es war definitiv zu klein für Felix und sie. Eine Dusche in der Küche, kein separates Kinderzimmer, und überall standen Sachen herum. Es war bunt und chaotisch. Trotzdem liebte sie ihre Dachwohnung, schon wegen der Lage in der Lübecker Altstadt im Gängeviertel, wegen der netten Nachbarn und weil sie mit wenigen Schritten am Wasser oder in der Innenstadt war.

Der erste Raum, den Pia betrat, war das elterliche Schlafzimmer. Sie atmete gegen die Enge an, die sich bei dem Anblick in ihrer Brust aufbaute. Ein Albtraumzimmer: angefangen bei dem Kruzifix mit leidender Jesusfigur über dem Bett, über braun gestrichene nackte Dielen bis hin zu der Frisierkommode mit dem angelaufenen Spiegel. Sie hätte schwören mögen, dass sich die schweren Daunendecken unter der hellblauen Überdecke klamm anfühlten. Das Bett war hochbeinig, mit wuchtigem Kopf- und Fußteil, darunter war, sie beugte sich pflichtschuldig hinunter, nichts, nicht mal ein paar Hausschuhe oder Wollmäuse.

Pia riss die Schranktüren auf. Der Schrank war halb leer. Entweder besaßen die Fuhrmanns nicht viele Sachen, oder sie hatten ihre Koffer gepackt und einiges mitgenommen. Koffer … Sie würden prüfen müssen, ob es irgendwo leere Koffer gab.

Pia nahm sich das nächste Zimmer vor. Das Jungenzimmer, wie sie aufgrund der Poster an den Dachschrägen und ihrer Information über Thilo Fuhrmann vermutete. Trecker und Monstertrucks, keine Popstars … In einem Vitrinenschrank standen Modelle von Traktoren in Plastik- oder Metallausführung, ebenso auf dem Regal über dem Bett, unter dem Bett und auf dem Schülerschreibtisch. Der Schreibtisch in »Buche hell« war das einzige neue Möbelstück im Raum. Thilos Reich. Auf dem Nachttisch leuchtete ein elektronischer Radiowecker. Keine Musikanlage, kein Computer. In den Schubladen von Schreibtisch und Nachttisch nur Krempel, kein Handy und keine Notizen.

Pia richtete sich auf und seufzte. Ihr Blick fiel aus dem Dachflächenfenster, unter dem der Schreibtisch stand. Draußen erhellten jetzt Scheinwerfer den Fundort. Die Leiche war abtransportiert worden, aber die Arbeit der Spurensicherung noch lange nicht abgeschlossen. Auf dem Schreibtisch stand ein Schuhkarton. Darin befanden sich Papierschnipsel, grob aus Zeitschriften ausgeschnittene Bilder. Thilos Hobby, neben seiner Treckersammlung? Auch hier wieder Fahrzeuge aller Art: Landwirtschafts-, Militär- und Zivilfahrzeuge gaben sich ein Stelldichein. Thilo schien nicht sehr wählerisch zu sein. Weiter unten änderten sich die Motive: Frauen und Mädchen. Er hatte sie aber nicht aus Modemagazinen, Sexblättchen oder Jugendzeitschriften ausgeschnitten. Eher hatte die Fernsehzeitung dran glauben müssen …

Es fehlte noch der letzte Raum. Pia drückte die Türklinke herunter, doch es war abgeschlossen. »Herr Jantzen?«, rief sie nach unten.

Der Staatsanwalt kam eilig die Treppe herauf. »Was gefunden?«

»Eine abgeschlossene Zimmertür. Möchten Sie wissen, was dahinter ist?«

»Äh … ja.«

»Dann haben wir jetzt drei Möglichkeiten.«

7. Kapitel

Pia und Jantzen entschieden sich für die materialschonende Variante, indem sie suchten. Der Schlüssel lag in einer Vase auf einer Kommode neben der Tür. Pia schloss auf. Die Luft roch abgestanden. Draußen war es inzwischen so dunkel, dass kaum noch Tageslicht durch das kleine Fenster fiel.

Sie schaltete die Deckenlampe ein. Das Licht einer Glühlampe unter einem gerafften Stoffschirm fiel auf einen beigefarbenen Teppich und ein helles Holzkinderbett. Es war mit einer hellblauen Bettwäsche mit Marienkäfern darauf bezogen. Ein Enten-Mobile drehte sich im Windzug der offenen Tür.

»Das Kinderzimmer«, sagte der Staatsanwalt ungerührt.

»Ja. Nur, für welches Kind?«, fragte Pia ein wenig ratlos. Sie berichtete ihm, was Broders und sie über die Familienzusammensetzung der Hausbewohner erfahren hatten. »Das Zimmer von Thilo scheint ja das nebenan zu sein. Und die Tochter Meike hat angeblich nie hier gewohnt. Sie war so krank, dass sie immer in einem Pflegeheim untergebracht werden musste.«

Olaf Jantzen trat ein paar Schritte in den Raum. Die Dielen unter dem Teppich knarrten. »Sieht aber so aus, als wäre das Mädchen mal hier gewesen.«

»Sie ist vor Kurzem gestorben. Sie und Thilo waren Zwillinge. Sie muss schon ein Teenager gewesen sein.«

Auf einem Wickeltisch lagen eine weiche Babybürste und ein zusammengefaltetes Kapuzenbadetuch. Pia spürte, wie sich ihre Arme mit einer Gänsehaut überzogen, so vertraut und gleichzeitig befremdlich war der Anblick. Es gab einen kleinen Tisch, auf dem ein Becher frisch angespitzter Buntstifte stand. Da saßen Puppen im Regal, eindeutig aus dem Bestand der vorigen Kinder-Generation, es gab einen selbst gebauten Kaufmannsladen in der Ecke, der liebevoll dekoriert war. Kein nennenswerter Staub auf den Oberflächen. Alles sah benutzt aus. So, als wäre das Kind gerade im Kindergarten … und sie hätten soeben eine Zeitreise in die Vergangenheit unternommen. Das war alles höchst seltsam. Wo zum Teufel waren die Fuhrmanns?

Abends um kurz vor halb sieben machte sich Pia auf den Weg, um Felix abzuholen. Sie hatte Hinnerk angerufen, bevor sie in Groß Tensin losgefahren war, und ihm gesagt, dass sie jetzt auf dem Heimweg sei. Da könne sie Felix gleich einsammeln und mitnehmen. Er hatte erst herumgedruckst, wollte ihr Felix lieber vorbeibringen, sah dann aber ein, dass es so praktischer war. Sie programmierte seine neue Adresse in Lübeck in ihr Navigationsgerät ein. Das WG-Zimmer, in dem er gewohnt hatte, bevor er zum Studieren nach Ungarn gegangen war, und das sie blind gefunden hätte, bewohnte er ja nun nicht mehr. Sein neuer Wohnort lag in St. Hubertus im Hirschgrund, eine Gegend, in der sich Pia nicht gut auskannte. Auf ihrer ganz eigenen Landkarte der Verbrechen war dieser Ort ein weißer Fleck. Sie fuhr die Ratzeburger Allee hinunter, dann rechts in die Blankenseer Straße. Pia war einigermaßen erstaunt, als sie nach ein paar Minuten vor einem Reihenhaus stand. Vorher hatte Hinnerk mitten in der Stadt gewohnt. Ein ziemliches Gegurke, wenn sie Felix immer hin- und herfahren mussten.

Pia riss sich zusammen. Sie war müde und kaputt nach diesem Tag. Das Mädchenzimmer auf dem Hof der Fuhrmanns und die Geschichte dazu waren ihr an die Nieren gegangen. Mehr noch als der namenlose Tote selbst. Sie betrachtete das gepflegte Haus, hinter dessen Plisseestores einladend warmes Licht leuchtete. Besser, Felix’ Vater lebte hier als in Ungarn. Sie hatte keinen Grund zu meckern, wenn Felix sich hin und wieder in dieser Umgebung aufhielt. Bestimmt gab es hier viele Kinder, die natürlich um diese Uhrzeit alle längst am Abendbrottisch oder vor dem Fernseher saßen.

Sie stieg aus und ging den Plattenweg hinauf zur Eingangstür. Ein Türkranz aus Buchsbaum mit roten Beeren und passender rot karierter Schleife hing an der Tür. Willkommen war auf einem Holzschildchen zu lesen. Ein Windlicht mit brennender Kerze stand auf dem Treppenpodest. Auf dem Holz-Türschild in Form einer Eisenbahn standen die Namen Mascha Steiner und Hinnerk Joost auf der Lokomotive. Auf dem ersten Anhänger prangte der Name Felix. Pia schluckte. Die Lok zog noch drei weitere Anhänger, alle unbeschrieben. Akutes Nestbau-Syndrom, diagnostizierte sie, um den Kloß im Hals loszuwerden. Sie beschloss, nicht irritiert zu sein, sondern einfach zu klingeln.

Eine Frau in rosafarbenem Flauschpullover öffnete ihr. Sie hatte schwarzes kurzes Haar, modisch geschnitten und schwungvoll aus dem Gesicht geföhnt.

»Hi, ich bin Pia, Felix’ Mutter.« Sie reichte der Frau die Hand, die diese nur zögernd ergriff. »Ich wollte Felix abholen.«

Mascha nahm sich die Zeit, Pia von Kopf bis Fuß zu mustern, bevor sie zur Seite trat und nach Hinnerk rief.

Der kam in Jogginghose und Hausschuhen aus dem Wohnzimmer. »Da bist du ja, Pia! Felix isst gerade. Komm doch rein!«

Mascha runzelte leicht die Stirn, aber sie lächelte höflich. »Möchtest du vielleicht auch was essen? Ich weiß, wie es ist, wenn man direkt von der Arbeit kommt. Und auf einen mehr oder weniger am Tisch kommt es ja nicht an, oder?«

»Oh, danke nein! Ich hatte vorhin schon Matjes mit Bratkartoffeln, die esse ich immer noch.« Sie folgte den beiden in ein typisches, lang gestrecktes Reihenhaus-Wohnzimmer. Der helle Holzfußboden glänzte, die Möbel sahen aus wie frisch aus dem Versandhauskatalog bestellt. Felix saß in einem Kinderstuhl am Esstisch. Als er sie erblickte, juchzte er und riss die Arme hoch. Pia nahm ihn hoch und drückte ihn. Sie hatte die atavistische Anwandlung, ihn vor was auch immer retten zu müssen.

»Lass ihn doch in Ruhe zu Ende essen!«, sagte Hinnerk hinter ihrem Rücken.

»Natürlich lasse ich ihn aufessen. Aber eine kurze Begrüßung muss sein.«

Sie küsste ihren Sohn auf das weiche Haar. Er roch fremd. Felix wollte nun allerdings nicht mehr im Kinderstuhl sitzen, sondern setzte durch, dass er den Rest der Mahlzeit auf ihrem Schoß verbleiben durfte. Mascha entschuldigte sich und verschwand in der Küche.

»Sie hat ihm den Stuhl heute erst gekauft«, erklärte Hinnerk mit gesenkter Stimme.

»Sie?«

»Wir sind jetzt zusammen, Mascha und ich.«

»Ich weiß. Das ging alles recht schnell, oder?« Pia sah sich in dem perfekt scheinenden neuen Heim um.

»Findest du?« Er starrte sie an.

»Hübsch habt ihr es hier«, sagte Pia nun pflichtschuldig. Sie wollte leichtes Geplauder in Gang halten, schon weil Felix zuhörte, aber auch weil sie spürte, dass sie heute Abend nicht mehr in bester nervlicher Verfassung war.

»Maschas Eltern haben ihr vor ein paar Monaten dieses Haus überlassen. Sie sind nach Neuseeland ausgewandert. Da mussten wir uns entscheiden, was wir wollen.«

Pia fragte sich, ob er das hier wirklich wollte. Hinnerk war jünger als sie. Er studierte noch.

Es war Freitagmorgen. Groß Tensin lag noch im Dunst, doch als Herbert Kleber über den ersten Hügel fuhr, brach die Sonne durch. Der über Nacht gefrorene Raureif ließ die Landschaft links und rechts der Landstraße wie eine Szenerie aus Holiday on Ice aussehen. Er war ja nicht so wild auf solchen Kitsch, aber seine Madame liebte so etwas. Herbert hatte ihr mal Karten dafür zum Geburtstag geschenkt. Damals, als er noch in der Werbungsphase gewesen war.

Heute war es ihm sehr recht, dass er einen Vorwand hatte, seiner Madame mal einen Vormittag lang zu entkommen. Ansonsten hätte er ihr in der Küche bei den Essensvorbereitungen helfen müssen. Das war Weiberkram. Doch seine Frau konnte ziemlich ungemütlich werden, wenn er das laut zu sagen wagte. Sie verstand nicht, dass er morgens auch mal Zeit für sich brauchte, wenn er Tag für Tag bis spät abends hinter dem Tresen stand. Meistens war es leichter, sich grummelnd zu fügen und es ihr dann irgendwie heimzuzahlen. Heimlich einen zweiten Lottoschein auszufüllen und auf das Beste zu hoffen beispielsweise. Morgen war wieder eine Ziehung. Irgendwann musste auch er mal Glück haben. Reich wurde er mit seiner Kneipe ganz gewiss nicht, und eine brauchbare Altersvorsorge hatte er auch nicht. Sollte er etwa mit siebzig noch hinter dem Zapfhahn stehen?

»Die Insassen dieser Zelle haben heute Ausgang«, murmelte er. Als die ansonsten kurvige Landstraße ein Stück schnurgerade durch die Felder führte, trat er kräftig auf das Gaspedal seines geliebten alten Benz’. Hinter ihm stieg eine schwarze Rauchwolke auf. Jetzt ging es erst mal nach Lübeck, einen Toten begutachten. Er hoffte, dass es niemand war, den er kannte. Lieber wollte er einen unbekannten Toten anschauen. Nicht toll, aber das war immer noch besser, als einen ganzen Vormittag lang unter Aufsicht Kartoffeln zu schälen.

Pia war erleichtert, dass Fiona am Freitagmorgen wieder im Einsatz war. Felix freute sich mittlerweile darauf, zu seiner Tagesmutter zu gehen und mit den anderen Kindern zu spielen.

Sie beeilte sich, rechtzeitig zur Frühbesprechung ins Kommissariat zu kommen. Die anderen saßen schon auf ihren Plätzen, als Pia mit gerötetem Gesicht hereinstürmte. Manfred Rist schob gerade das Whiteboard in Position. Pia sah zu Wilfried Kürschner, der am Kopfende des Besprechungstischs saß und eine düstere Miene zog. Gar nicht gut.

Sie ließ sich auf den freien Platz neben Broders fallen.

»Du glühst«, stellte er mitleidlos fest.

Pia hielt ihren kühlen Handrücken gegen ihre Wange. »Stimmt. Gibt es was Neues über Gabler?«

»Die Buschtrommeln waren schon aktiv«, raunte er ihr zu.

»Und was trommeln sie?«

»Nicht jetzt …«

Kürschner stand auf und räusperte sich. »Moin, zusammen! Ein paar von euch haben es wohl schon gehört. Es gibt schlechte Neuigkeiten: Horst-Egon Gabler hatte gestern einen Herzanfall und ist in die Uniklinik eingeliefert worden. Sie haben ihn wohl sofort operiert. Ich habe eben mit seiner Frau telefoniert. Er befindet sich noch auf der Intensivstation, es geht ihm jedoch angeblich den Umständen entsprechend. Nun ja … was immer das heißen mag. Mehr ist dazu wohl nicht zu sagen. Wir hoffen natürlich alle, dass er schnell wieder ganz gesund wird. Aber das kann leider dauern …« Er sah mit ernster Miene in die Gesichter seiner Leute. Sein sonst rundes und freundliches Gesicht wirkte schlaff, und er hatte bläuliche Ringe unter den Augen. Er und Horst-Egon Gabler waren schon sehr lange zusammen beim K1, dachte Pia. Schon vor ihrer Zeit hier jedenfalls. Sie waren ein gutes Team, eben weil sie so unterschiedlich arbeiteten und ihre Persönlichkeiten sich ergänzten. Kürschner funktionierte als Gablers Stellvertreter und rechte Hand. Allein schien er auf verlorenem Posten zu stehen. Das hatte sich bei den gestrigen Ermittlungen bereits angedeutet. Und erst recht bei einem neuen Fall wie dem in Groß Tensin, der schon gestern erste Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen hatte.

Pias Blick wanderte weiter zu Manfred Rist. Sein Gesicht war starr, gab nichts von seinen Gefühlen preis. Doch als Kürschner nichts weiter sagte und sich wieder auf seinen Stuhl fallen ließ, stellte Rist sich neben ihn und machte damit unmissverständlich klar, dass sie nun mit ihm zu rechnen hatten. Er war zum K1 gekommen, um seine Karriere weiter voranzutreiben. Das war sein gutes Recht. Die Mittel und Wege jedoch, die er dafür vielleicht einzusetzen gedachte, bereiteten Pia Sorgen.

Rist sagte noch ein paar aufmunternde, gönnerhaft klingende Worte über Horst-Egon Gabler und dessen Zustand. Wenn Gabler sie gehört hätte, hätte er davon wahrscheinlich zusätzlich einen akuten Schub von Nesselfieber bekommen. Dann schwor Manfred Rist das Team auf den neuen Fall ein. Ein »Tschakka!« und die gereckte Faust fehlten gerade noch. Danach überließ Rist Kürschner noch mal das Feld. Der fasste die bisherigen Ergebnisse auf seine gewohnt ruhige, gründliche Art zusammen, während Rist die wichtigen Stichpunkte mit quietschendem Filzstift auf dem Whiteboard festhielt.

»Euer Wirt, Herbert Kleber, konnte unseren Toten übrigens nicht identifizieren«, sagte Rist in Pias Richtung.

»Es ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand aus der Dorfgemeinschaft. Ein Fremder.«

»Oder der Wirt hat ihn nicht erkannt. Eine Wasserleiche in dem Stadium, in dem sich unsere Leiche befand, ist schwer zu identifizieren. Viele Leute schauen da auch lieber nicht so genau hin«, merkte Pia an. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass der Tote ein Fremder sein sollte. Die Bilder aus dem Haus der Fuhrmanns gingen ihr nicht aus dem Kopf. Verlassene Räume, halb leere Schränke, keine Koffer weit und breit. Die Post im Briefkasten hatte sich seit Montag dort angesammelt. Wenn die Fuhrmanns nicht im Urlaub waren, dann waren sie auf der Flucht. Es sah nach einem Familiendrama aus.

»Herbert Kleber war sich aber sicher«, kam es von Michael Gerlach, der bei der versuchten Identifizierung dabei gewesen war. »Und er hat auch genau hingesehen.«

»Okay.«

Juliane Timmermann richtete sich auf ihrem Platz auf. »Dann sollten wir uns auf die anderen Möglichkeiten konzentrieren. Ich hatte ja gestern das Vergnügen, Innendienst zu schieben, und bin die Vermisstenanzeigen der letzten Zeit durchgegangen …« Sie klang ein bisschen gereizt. Lag es daran, dass sie nicht mit vor Ort gewesen war?

»Ich dachte, da war nichts dabei?«, fuhr Rist dazwischen.

»Auf den ersten Blick nicht. Ich hatte es hauptsächlich mit Jugendlichen zu tun, die von zu Hause abgehauen sind, oder alten, dementen Leuten, die sich verlaufen haben.« Sie machte eine Kunstpause und sah triumphierend in die Runde. »Aber vorhin, kurz vor der Besprechung, hab ich einen Anruf aus Bad Schwartau bekommen. Eine frisch eingetroffene Vermisstenanzeige. Es handelt sich um einen Lehrer, der seit beinahe einer Woche nicht in der Schule war. Gestern hat sich eine seiner Kolleginnen bequemt, bei ihm zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Als ihr keiner aufmachte, ließ sie mithilfe der Polizei die Tür öffnen. Er ist nicht da. Die Wohnung war leer.«

»Schon wieder jemand, der weggefahren ist, ohne sich abzumelden?«, fragte Rist. Auch ihn nervte offenbar der Umstand, dass die Fuhrmanns in dieser Situation nicht auffindbar waren.

»In dem Fall sind die Umstände wohl anders.«

»Weshalb?«

»Ein Vogel, ein Nymphensittich, lag tot in seinem Käfig. Er könnte verhungert oder verdurstet sein.«

Während einer kurzen Kaffeepause kontaktierte Wilfried Kürschner die Kollegen in Bad Schwartau, um weitere Details über den vermissten Lehrer zu erfahren.

»Sie schicken uns jemanden, der den Vermissten kennt und der sich unseren Toten ansieht«, sagte er, als sie fortfuhren. »Es ist die Direktorin der Schule, an der dieser Lehrer arbeitet.« Die neue Entwicklung schien ihn ein wenig aus seiner Lethargie geholt zu haben.

»Und wann kommt sie?«, fragte Rist. »Nur damit wir planen können.«

»Sie heißt Frau Osterhoff, und sie macht sich nach ihrem Unterricht gleich auf den Weg.«

»Also gut. Gerlach kann wieder mitgehen. Vielleicht hat Herr Jantzen auch Interesse daran, an einer Identifizierung in der Rechtsmedizin teilzunehmen?«

Der Staatsanwalt, der während der Besprechung in den Raum gekommen war, sah von seinem Blackberry hoch und schüttelte den Kopf. Er deutete auf seine Uhr.

Manfred Rist warf einen zufriedenen Blick auf das vollgeschriebene Whiteboard. Er übernahm es, jedem Mitarbeiter seine neuen Aufgaben zuzuteilen. Pia musste ihm allerdings mitteilen, dass sie an diesem Nachmittag freihabe und erst am Samstagvormittag wieder im Dienst sei. Dafür habe sie aber dann das Wochenende rund um die Uhr Zeit, wenn es nötig sein sollte. Gabler achtete im Anfangsstadium einer Ermittlung immer darauf, zu jeder Uhrzeit Mitarbeiter zur Verfügung zu haben, was manchmal eben auch Schichtdienst erforderte. Doch der Vorschlag brachte ihr einen im besten Fall verständnislosen Blick ein. Rist enthielt sich eines Kommentars, aber sie wusste ohnehin, wie er darüber dachte.

»Sind die Fuhrmanns schon zur Fahndung ausgeschrieben?«, fragte sie, bevor sich die Besprechung auflöste.

»Bisher stehen sie nicht unter Tatverdacht.«

»Dann zur Ermittlung von Zeugen und Auskunftspersonen?« Pia sah den Staatsanwalt an.

»Mir erscheint aus Gründen der Verhältnismäßigkeit eine Ausschreibung in INPOL für das gesamte Bundesgebiet nicht geboten«, sagte der Staatsanwalt mit Blick auf Rist.

»Einer von ihnen, Thilo Fuhrmann, ist noch minderjährig. Es könnte Gefahr für Leib und Leben bestehen«, argumentierte Pia.

»Hast du diesbezüglich einen begründeten Verdacht?« Rist klang ungeduldig.

»Auf dem Grundstück der Fuhrmanns ist ein Mensch tot aufgefunden worden. Die ganze Familie ist daraufhin verschwunden.«

»Wir wissen nicht, ob sie wirklich als vermisst gelten. Sie könnten im Urlaub sein. Soweit ich mich erinnere, gab es keine Anzeichen für eine überstürzte Abreise oder gar eine Flucht.«

Der Staatsanwalt räusperte sich. »Ich denke, alle im Raum haben jetzt genug zu tun. Ich erwarte Ihre Ergebnisse.« Und zu Pia und Manfred Rist gewandt: »Das mit der Fahndung können wir gleich noch unter uns besprechen.«

»Ich muss heute Mittag pünktlich weg«, sagte Pia. Es war wie verhext. Sie hatte Fiona versprochen, Felix heute rechtzeitig abzuholen.

»Also gut. Schieß los!« Rist stützte die Hände in die Hüften, als sie, Jantzen und er die Letzten im Raum waren.

»Ich würde sogar in Betracht ziehen, schengenmäßig nach den Fuhrmanns zu fahnden«, sagte Pia. »Für eine Ring- oder Grenzfahndung dürfte es schon zu spät sein.«

»Das liegt ganz beim Richter«, sagte Rist.

»Hast du den Beschluss denn schon angefordert?«

»Nein.«

»Wann soll das passieren?«

»Das steht noch nicht fest.«

»Ach so.« Mehr war dazu nicht zu sagen. Pia verließ den Raum.

»So gewinnst du nicht den allgemeinen Polizei-Beliebtheits-Award«, sagte Broders, als Pia wütend aus dem Besprechungsraum stürmte.

»Bei Manfred Rist will ich gar nicht beliebt sein.«

»Tja. Das wird auch so nichts mit dem Foto als ›Mitarbeiter des Monats‹ an der Wand.«

8. Kapitel

Um halb drei am Nachmittag stand fest, dass es sich bei dem Toten um Ulf Nielsen handelte. Er war Lehrer an einer Gemeinschaftsschule gewesen. Die Schuldirektorin Regine Osterhoff war nach Unterrichtsschluss ins Institut für Rechtsmedizin gekommen und hatte den Toten nach anfänglichem Zögern als ein Mitglied ihres Lehrkörpers identifiziert. Eine gewisse Unsicherheit blieb, denn die Frau hatte ihn eher anhand seiner Kleidungsstücke als an seinem Gesicht erkannt, was dem Zustand der Leiche nach der langen Lagerdauer im Wasser und in freier Natur zuzuschreiben war. Sein Zahnschema oder ein DNA-Test mithilfe von Spurenmaterial aus seiner Wohnung würden letzte Sicherheit bringen. Aber das konnte dauern.

Heinz Broders und Juliane Timmermann machten sich daraufhin auf den Weg nach Bad Schwartau zu Ulf Nielsens Wohnung. Sie trafen beinahe gleichzeitig mit ihren Kollegen von der Spurensicherung dort ein. Die Schutzpolizei hatte am gestrigen Tag das Schloss zu Nielsens Wohnung aufbrechen und später durch ein neues ersetzen lassen, sodass einer der Beamten dieses Mal nur einen Schlüssel hervorgezogen und aufgeschlossen hatte.

»Sie haben die Wohnung gestern nicht versiegelt?«, fragte Broders den Kollegen von der Schutzpolizei, der noch anwesend war.

»Dafür bestand kein Anlass. Wir sollten uns nur davon überzeugen, dass der Bewohner nicht hilflos oder tot auf dem Fußboden liegt. Und das war nicht der Fall.«

Drinnen begannen zwei Kollegen vom K6 sofort mit der Arbeit. Nachdem Juliane und Broders ebenfalls Schutzkleidung angelegt hatten – er hatte Schwierigkeiten, seinen Fuß so hoch zu heben, dass er in den Overall steigen konnte, so sehr piesackte ihn sein Rücken –, traten sie in einen engen Flur.

»Was riecht hier denn so?«, fragte Broders den ersten Kollegen, der ihm entgegenkam.

»Wird der Vogel in der Küche sein. Ist von der Stange gefallen.«

Broders stieß die Küchentür auf. Auf der Fensterbank über der Heizung stand ein Vogelkäfig. Am Boden im weißen Sand lag ein grauer papageienartiger Vogel. Sein Futter- und sein Wasserspender waren leer. Das Tier war steif und mausetot. Ein trauriger Anblick. Broders schloss die Küchentür, um den Geruch weitestgehend dort zu belassen.

»Können wir dann loslegen?«, fragte Juliane ungeduldig. Sie trug heute Jeans und Stiefel wie sonst Pia, nicht ihre üblichen Stoffhosen und Pumps. Hatte sie Angst gehabt, sie würde sich im Außendienst ihr Outfit ruinieren? Broders hätte lieber Pia dabeigehabt. Sie waren ein eingespieltes Team, während er Juliane mit ihrer Profilneurose einfach nur anstrengend fand.

»Wir sind gleich mit den ersten beiden Räumen durch. Wenn ihr wollt, könnt ihr hier schon rein«, sagte einer der Kriminaltechniker nach einer kleinen Weile.

Juliane sah Broders erwartungsvoll an.

»Nimm du das Schlafzimmer! Die Tür hier. Ich schau mir zuerst das Wohnzimmer an«, sagte er.

»Woher willst du wissen, dass das das Schlafzimmer ist?«

»Ist es immer. Ich kenne diese Grundrisse«, meinte er.

»Und wer nimmt die Küche?«

»So weit sind wir noch nicht. Wir suchen alles, was einen Hinweis darauf geben kann, dass der Mann, der hier gewohnt hat, wirklich unser Opfer ist. Was er auf dem Gelände der Fuhrmanns wollte. Wie er vielleicht mit den Besitzern des Hofes in Kontakt stand. Warum er ermordet wurde. Im Grunde suchen wir alles! Wir müssen diesen Ulf Nielsen anhand seiner Wohnung kennenlernen.«

»Schon gut. Ich bin kein Anfänger.«

»Dann zieh langsam mal deine Kapuze über!«

Nachdem Heinz Broders sich einen Gesamteindruck verschafft hatte, ging er systematisch die Einrichtung des Wohnzimmers durch. Es war eine typische Single-Wohnung, eher praktisch als schön, das Mobiliar lieblos zusammengestellt, mit Erinnerungsstücken aus Nielsens Studentenzeit, wie es aussah. Ein uralter Ficus, mit Wachs vollgetropfte, zu Kerzenständern umfunktionierte Weinflaschen. Ein brauner Cordschaukelsessel und ein Flokati aus den frühen Achtzigern … Die schwarze Schrankwand zog Staub wie magnetisch an und besaß eine Glasvitrine mit ein paar Gläsern und Nippes. Die Regale waren vollgestellt mit Büchern, hauptsächlich Sachbüchern über Heimatkunde oder zu geschichtlichen Themen.

Broders arbeitete sich durch die Schubladen, vor die er sich kniete, weil es ihm heute unmöglich war, sich hinunterzubeugen. Er fand aber nichts, das seinen Herzschlag erhöht hätte. Nach einer Weile kratzten ihm der Staub und das großzügig auf die Oberflächen verteilte Fingerabdruckpulver im Hals. Broders öffnete die Balkontür und ging hinaus.

Ein Werkzeugkasten stand mitten auf dem Balkon. Broders, der stets auf Ordnung und Werterhalt bedacht war, schüttelte unwillkürlich den Kopf. In der Ecke stand ein einzelnes Rad mit einer Acht darin. Ein paar Schräubchen und Unterlegscheiben lagen am Boden. Es sah so aus, als hätte Nielsen sein Fahrrad auf dem Balkon repariert. Und wo war dieses Fahrrad jetzt? In einem Kellerraum? Oder gab es irgendwo eine Garage? Es wurde zu frisch draußen. Broders spürte, wie sich seine Rückenmuskeln verkrampften, und ging wieder rein.

Als er die Durchsuchung des Wohnzimmers abgeschlossen hatte, stand das Fahrrad auf seiner Merkliste. Außerdem wusste er nun, dass Nielsen sich für Heimatkunde und Geschichte interessierte und selbst ein paar kleine Bände zum Thema »Frühgeschichte in Schleswig-Holstein« verfasst hatte. Die Verlage waren Broders unbekannt, aber er war auch kein großer Kenner der Szene. Er fotografierte die Bücher einzeln zwecks weiterer Recherche.

Im Flur kam ihm Juliane entgegen. »Ich werde in Zukunft noch mehr darauf achten, wie ich meine Wohnung morgens zurücklasse. Wenn man bedenkt, dass man vielleicht nie mehr zurückkommt und fremde Leute bei einem herumwühlen …«

»Hast du irgendwas Nettes gefunden? Die Pornosammlung, etwas über Sex mit Haustieren oder die Zeitung, aus denen er die Wörter für den Erpresserbrief ausgeschnitten hat?«

»Nichts.« Juliane verzog keine Miene. »Ich übernehme sein Arbeitskabuff, du darfst dir in Ruhe die Küche anschauen«, sagte sie mit einem hinterhältigen Lächeln.

Broders brachte das Küchenfenster in Kippstellung und stellte die Heizung ab. Wegen des Vogels sollten sie dem Hausmeister Bescheid sagen, bevor es zu eklig wurde. Wann war das Tier wohl zuletzt gefüttert worden? Wie lange hielt so ein Futterspender? Nielsens Kühlschrank und die Vorratsschränke waren gut gefüllt. Der Lehrer schien kein großer Koch gewesen zu sein, eher ein Aufwärmer, klassisch im Topf, denn er besaß keine Mikrowelle. Vielleicht erklärte das seine Vorliebe für Eintöpfe wie Erbsen- und Linsensuppe sowie für Ravioli. Die Marmeladen dagegen waren selbst eingekocht. Erdbeere und Pflaume. Entweder war deren Zubereitung die Abweichung von der Regel, oder aber Ulf Nielsen hatte jemanden, der ihn diesbezüglich versorgte … Die Mutter, eine Freundin, Schülerin, wohlmeinende Nachbarin? Warum dachte man bei Marmeladenzubereitung immer an Frauen? Sogar er, der es doch besser wissen sollte?

Ein Aufschrei aus dem Nebenzimmer riss ihn aus diesem Gedanken. Juliane Timmermann stand vor dem Schreibtisch, die Hände in die Hüften gestützt. »Da brat mir doch einer ’nen Storch!«, sagte sie. »Ich wühl hier in den Unterlagen, und da hängt es direkt vor meiner Nase.«

»Was?«

»Eine Landkarte, Maßstab 1:10 000, auf der auch der Röperhof der Fuhrmanns mit drauf ist. Hier, das ist er doch. Das ist der Ort, wo seine Leiche gefunden wurde. Und er hatte sich die Karte dazu an die Wand gepinnt!«

Sie verstauten Ulf Nielsens Aktenordner, den Inhalt seiner Schreibtischschubladen, die Karte sowie seinen Laptop in Kartons, um sie mit ins Kommissariat zu nehmen. Anschließend klingelten Broders und Timmermann bei den Nachbarn im Haus. An einem späten Freitagnachmittag trafen sie sie alle an. Die Frage nach Nielsens Fortbewegungsmitteln war schnell beantwortet. Ein Auto hatte der Lehrer nicht besessen. Aus Prinzip, wie er wohl immer betont hatte. Dafür hatte er ein teures Fahrrad gehabt. Alle im Haus wussten das. Nielsens Mountainbike war nämlich ein Stein des Anstoßes gewesen. Da er es wohl nicht ständig in den Keller hatte schleppen wollen, sich aber auch geweigert hatte, sein Rad über Nacht draußen am Fahrradständer anzuschließen, hatte Nielsen es stattdessen oft im Hausflur stehen lassen. Wenn der Protest der anderen Mietparteien mal wieder zu groß geworden war, hatte der Lehrer sein Rad mit in seine Wohnung genommen und offensichtlich auch auf seinem Balkon geparkt und repariert. So weit, so gut. Doch nun war das Fahrrad verschwunden.

»Frau Löbich?« Michael Gerlach betrat das Lehrerzimmer. Eine junge Frau mit lockigen Haaren und großer Brille saß verloren inmitten von Unterlagen an einem langen Tisch.

Regine Osterhoff, die Direktorin der Schule, hatte ihm nach der Identifizierung im Institut für Rechtsmedizin gesagt, dass Dina Löbich vielleicht noch im Lehrerzimmer arbeiten würde. Sie war Referendarin, hatte Herrn Nielsen ab und zu in Erdkunde vertreten und nach ihm gesucht, nachdem er ein paar Tage nicht zum Unterricht erschienen war. Im Nachhinein war es der Schuldirektorin sichtbar unangenehm gewesen, dass ausgerechnet eine Referendarin sich dazu bemüßigt gefühlt hatte, bei ihm zu Hause vorbeizuschauen und nach dem Rechten zu sehen.

»Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte«, hatte Frau Osterhoff Gerlach versichert. »Er war doch noch gar nicht so alt. Und er strotzte vor Gesundheit. Aß dauernd Müsli, fuhr immer mit dem Fahrrad, bei Wind und Wetter … Ich dachte wirklich, er hätte nur die übliche Winter-Grippe.«

»Ist es bei Ihnen denn gang und gäbe, dass Lehrer dem Unterricht fernbleiben, ohne das Sekretariat davon in Kenntnis zu setzen?«

»Natürlich nicht!« Frau Osterhoffs schlaffes Kinn bebte vor Entrüstung. »Wir erwarten eine sofortige Krankmeldung, und spätestens am dritten Tag ein Attest. Im Fall Nielsen dachte ich, es wäre nur irgendwie untergegangen, weil er ein überaus zuverlässiger Kollege ist. Unsere Schulsekretärin war nämlich auch kurze Zeit krank. Und ich selbst hatte einfach zu viel um die Ohren, um mich gleich persönlich darum zu kümmern.«

Da saß sie also, die junge Lehrerin, die bei Ulf Nielsen nach dem Rechten gesehen hatte, und sah ihn beinahe ängstlich an. Gerlach stellte sich ihr vor. »Es geht um Ihren Kollegen Nielsen. Können wir uns einen Moment unterhalten?«

»Ich habe noch schrecklich viel zu tun. Aber … na klar. Es nützt ja nichts«, sagte sie schicksalsergeben. Sie machte ein Gesicht, als wäre sie es gewohnt, dass andere über ihre knapp bemessene Zeit verfügten.

Er setzte sich neben sie. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Kaffeebecher mit dem Aufdruck Born to be wild.

»Haben Sie im Lehrerzimmer alle Ihren festen Platz?«, fragte er, um das Eis zu brechen. Er fühlte sich wie ein Eindringling. Ein Lehrerzimmer hatte immer noch einen gewissen Nimbus. Als Schüler hatte man dort nur in Ausnahmefällen Zutritt, und später … Er war Jahrzehnte nicht mehr an einer Schule gewesen. Doch egal, ob Lübeck oder Bad Schwartau, der Geruch und die Atmosphäre waren irgendwie überall gleich.

»Die altgedienten Kollegen schon. Wir Referendare werden auch schon mal hin und her geschubst. Es sind ein paar Plätze zu wenig da.«

»Und Herr Nielsen. Wo saß der?«

»Mir schräg gegenüber. Dort, wo der Stapel Bücher liegt.«

»Wie haben Sie sich mit ihm verstanden?«

»Na ja. Wir haben beide Erdkunde unterrichtet. Aber das war es auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Im Grunde hatte ich nichts mit ihm zu tun.«

»Frau Löbich, Sie sind nach dem Unterricht in Ihrer Freizeit zu seiner Wohnung gefahren und haben veranlasst, dass diese aufgebrochen wird, als er Ihnen nicht aufgemacht hat.«

Ihre Wangen röteten sich. »Bei Ihnen hört es sich ja so an, als hätte ich Herrn Nielsen nachgestellt!«

»War keine Absicht. Aber irgendein Motiv werden Sie doch gehabt haben?«

»Ist es jetzt ein Verbrechen, wenn man Zivilcourage zeigt und sich um seine Mitmenschen sorgt? Es war absolut untypisch für einen Mann wie Nielsen, für den eiserne Pflichterfüllung quasi Gesetz war, unentschuldigt fernzubleiben. Außerdem …«

»Ja?«

»Außerdem hat es mir gestunken, andauernd seine Klassen in Erdkunde zu übernehmen. Besonders die Klasse 8c. Ich dachte, wenn ich bei ihm aufkreuze, ist ihm das so unangenehm, dass bestimmt eine Art Spontanheilung von was auch immer bei ihm einsetzt und er sich wieder in die Schule schleppt.«

Gerlach musste beinahe widerwillig grinsen. »Das hätte sicher auch geklappt, wenn Sie ihn angetroffen hätten. Bei Ihrer Energie.« Und wenn nicht vorher jemand Ulf Nielsen den Schädel eingeschlagen hätte, dachte er.

»Aber er war da schon längst tot«, sagte Dina Löbich. »Mist, verdammter! Entschuldigung.«

»Keine Ursache. Bei Mord oder Totschlag verstehen wir auch keinen Spaß.«

»Er war gar nicht der Typ dafür.« Die Referendarin rückte ihre Brille zurecht. »Er war so … unauffällig. Ein bisschen nervig. Selbstgerecht und pedantisch, aber deswegen bringt man ja niemanden um.«

»Wie ist er mit den anderen Lehrern ausgekommen?«

»Er hatte, glaube ich, keine Freunde unter den Kollegen. Einige sind ja richtig dicke miteinander, es gibt Cliquen und Einzelgänger. Es ist wie überall.«

»Ulf Nielsen war ein Einzelgänger?«

»Ich hatte jedenfalls den Eindruck. Aber ich bin erst seit vier Monaten hier. Ich weiß nicht, ob ich da die richtige Auskunftsperson bin.«

»Sie interessieren sich für Ihre Mitmenschen. Das ist schon viel wert.« Gerlach hoffte, jetzt nicht zu dick aufgetragen zu haben, doch sie schluckte es. »Hatte er Feinde?«, fragte er.

»So würde ich das nicht formulieren.«

»Unsere Standardfrage.« Gerlach sah ihr in die Augen. Sie waren oliv mit gelben Sprenkeln. Ungeschminkt. »Anders formuliert: Hatte er mit jemandem Streit? Konnte ihn jemand erklärtermaßen nicht ausstehen?«

»Ich«, sagte sie zu seiner Überraschung. »Ich konnte ihn nicht besonders gut leiden. Das wollten Sie doch wissen, oder? Er war den jungen Kolleginnen gegenüber überheblich und hat sie gern dumm dastehen lassen. Als ich mal sagte, dass ich mit einem bestimmten Schüler Probleme habe, hat er von oben herab geantwortet, dass er nie mit diesem Jungen Schwierigkeiten hätte. Entweder besitze man natürliche Autorität oder eben nicht. Ich war ziemlich geknickt. Später habe ich von einem anderen Kollegen gehört, dass Nielsen von diesem Schüler sogar mal getreten worden sein soll.«

»Getreten?« Gerlach merkte auf.

»Na ja. Ich war nicht dabei. Es hieß, Nielsen habe ihn grob am Arm gepackt, und der Schüler habe sich losgemacht und ihn dabei ›versehentlich‹ vors Schienbein getreten. Er ist aber schon nicht mehr an dieser Schule.«

»Wie hieß der Schüler?«

»Das fragen Sie besser Frau Osterhoff.« Es war Dina Löbich anzusehen, dass sie glaubte, schon viel zu viel gesagt zu haben.

»Gab es noch mehr Gründe, Ulf Nielsen nicht zu mögen?«

»Er hat alle ständig mit seinen langweiligen Büchern genervt.«

»Bücher?«

»Er hat ein paar Sachbücher geschrieben, zum Thema ›Geschichte in Schleswig-Holstein‹. Bildbände … Die Energie, die er darauf verwandt hat, hätte er lieber in seinen Unterricht stecken sollen.«

»Wie sah es aus mit einer Beziehung innerhalb des Kollegiums? Oder vielleicht einer mit einer älteren Schülerin?«

Dina Löbich blickte einen Moment sinnierend aus dem Fenster. Eine Haarsträhne war ihr ins Gesicht gefallen. Als sie sie zurückstrich, sah er, dass ihre Hand zitterte. »Oh … nicht Nielsen. Der war so knochentrocken und spießig! Ich kann mir weder Schülerinnen noch Kolleginnen vorstellen, die an ihm interessiert gewesen sein könnten. Außerdem hatte er schlimmen Mundgeruch.«

Beinahe tat der tote Lehrer Gerlach leid. Gleichzeitig wusste er nicht, ob er Dina Löbich glauben konnte. »Hat er vielleicht mal in einem anderen Zusammenhang eine Frau erwähnt, mit der er zu tun hatte?«

Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. Dann sah sie ihm mit entwaffnender Offenheit in die Augen. »Ich hatte eher den Eindruck, dass er irgendwie asexuell ist. Die Frauen hier hat er jedenfalls behandelt wie Holzstücke.«

9. Kapitel

Nachdem Pia ihre Einkäufe aus dem Supermarkt zu Hause verstaut und schnell noch eine Ladung Wäsche in die Maschine gestopft hatte, setzte sie Felix in seinen Buggy. Sie wollte noch mal zu Fuß in die Stadt gehen und ein paar Besorgungen machen. Vor allem brauchte sie frischen Wind um die Ohren. Die Luft war kalt und klar, über den Giebeln der Altstadthäuser spannte sich ein leicht bewölkter Himmel. Sie nahm ihren Lieblingsweg An der Obertrave, der direkt am Wasser entlangführte, dann im Zickzack an der Petrikirche und am Puppenmuseum vorbei. Als sie auf dem Kohlmarkt ankam, wurde ihr klar, warum so viele Menschen unterwegs waren: Der Lübecker Weihnachtsmarkt hatte begonnen. Er startete immer schon im November. Pia mochte keine großen Menschenansammlungen. Seit sie einmal mit einem Mord zu tun gehabt hatte, der mitten im Gewühl des Lübecker Altstadtfestes verübt worden war, fand sie, dass sie sich dieses Gedränge nicht mehr antun musste. Und für Felix im Buggy wäre es aus einer Perspektive von nicht einmal einem Meter Höhe bestimmt auch nicht so lustig.

Sie mied die Breite Straße, wo der Weihnachtsmarkt schon in vollem Gange war, und schob den Buggy stattdessen die parallel verlaufende Königstraße hinauf. Sie erledigte einige Besorgungen, die noch auf ihrem Zettel standen. Dabei kam sie an ein paar Restaurants vorbei. Wenn Felix übers Wochenende bei Hinnerk und Mascha war, könnte sie eigentlich mal wieder essen gehen. Bei dem Stichwort »essen« musste sie an das gestrige Abendbrot bei Hinnerk denken: an den neuen Kinderstuhl für Felix und an die Lokomotive mit den Namensschildchen. Unwillkürlich ging sie etwas schneller.

Sie wollte noch in die Stadtbücherei in der Hundestraße. Es handelte sich bei diesem Vorhaben um eine kleine Recherche, zu der Broders sie angestiftet hatte. Doch als sie an der Dr.-Julius-Leber-Straße vorbeikam, wurde es Felix langweilig, und sie änderte ihren Plan. Sie bog nach links in Richtung Marienkirche. An der Breite Straße und auf dem Markt reihten sich die Buden mit den Süßigkeiten, dem Gebäck, dem Glühwein und den Weihnachtsdekorationen. Schon jetzt schoben sich die Besucher durch die Gänge. Ob es den weihnachtlichen Märchenwald hinter dem Kanzleigebäude noch gab? Es war Ewigkeiten her, seit sie zum letzten Mal dort gewesen war.

Pia umrundete die Arkaden und musste unwillkürlich lächeln: Da war er, vorn das nostalgische Kinderkarussell mit den weißen Pferden und Kutschen, dahinter die Märchenbuden, geschmückt mit Tannengrün, wie geduckt am Fuße der hoch aufragenden Marienkirche. Tatsächlich sahen die Märchenhäuschen noch so aus, wie Pia sie aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte. Schneewittchen, Der gestiefelte Kater, Dornröschen, Der Fischer und seine Frau … Vor allem roch es noch so wie früher: nach Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, Lebkuchen und Glühwein in jeglicher Machart. Spätestens gegen acht Uhr würden etliche Weihnachtsmarktbesucher zu viel getrunken haben, und der Ärger würde beginnen. Dann mussten die Kollegen von der Schutzpolizei wieder mal einschreiten. Die Weihnachtszeit brachte nicht nur das Gute in den Menschen zum Vorschein. Viele wurden sich durch die rührselige Beschallung und den Alkohol ihrer Einsamkeit und ihrer Probleme erst so richtig bewusst. Am späten Nachmittag bestand das Publikum aber noch hauptsächlich aus Familien.

Pia hob Felix aus dem Buggy, und er lief in seinem Schneeanzug wie aufgezogen von Märchenbude zu Märchenbude. Sie hatte Mühe, schnell genug hinter ihm herzuschieben, weil es so eng war. Begeistert klatschte er in die Hände und klammerte sich dann an einem der Zäunchen fest. König Drosselbart auf dem steigenden Pferd machte ihm ein wenig Angst, aber beim Fischer und seiner Frau mit dem großen Fisch blieb er besonders lange stehen. Felix deutete begeistert auf die Figuren und rief bei allen, die einen Rock trugen: »Milla!« Inzwischen wusste Pia, dass er damit seine Freundin Camilla meinte, mit der er neuerdings immer bei Fiona spielte. Pia hatte das etwas ältere Mädchen bisher nur einmal kurz gesehen, aber mit den hölzernen Märchenfiguren hatte es zum Glück wenig Ähnlichkeit.

Die regungslosen Gesichter der Holzfiguren mit den starren Augen waren Pia immer schon ein bisschen unheimlich gewesen. Sie ging neben ihrem Sohn in die Hocke und erzählte ihm, was in den jeweiligen Märchenszenen zu sehen war. Felix schien fasziniert zu sein. Die Märchenszene mit dem Goldesel spielte in einem nachgestellten Fachwerkhaus aus rotem Backstein. Wie bei einem Puppenhaus fehlte die vordere Wand, sodass man in den Innenraum hineinsehen konnte. Die biedere Einrichtung mit einem Ofen in der Ecke erinnerte Pia an die beklemmende Atmosphäre gestern auf dem Röperhof. An das verwaiste Mädchenzimmer …

Sie lockte Felix weiter und kaufte ihm eine Tüte Mutzenmandeln und sich selbst einen Liebesapfel. So weit ist es also schon, dachte sie ironisch, während sie in die knackige rote Zuckerglasur biss. Süßes statt Liebe. Verlangte es sie nach Liebe? Doch die Schwierigkeiten, die eine feste Beziehung mit sich bringen würde, konnte sie gerade gar nicht gebrauchen. Warum musste es so kompliziert sein? Sie sah zu Felix. Er war von dem Puderzucker der Mutzenmandeln so berieselt, als schneite es, während sie nach dem Liebesapfel aussehen würde, als hätte sie heimlich Muttis Lippenstift ausgetestet. Aber Felix hatte heute eh Badetag, da war so ein bisschen Zucker kein Problem. Doch danach, wenn Felix schlief und es draußen dunkel war, lag ein langer, ereignisloser Abend vor ihr.

Pia beschloss, dass es ratsam war, sich dafür noch mit Arbeit einzudecken … Nachdem Felix genug vom Märchenwald hatte, ging sie doch noch mit ihm in die Stadtbücherei und suchte nach den Werken von Ulf Nielsen. Sie hatte das Glück, dass offenbar alles da war, was er je verfasst und veröffentlicht hatte. Ein Foto des Autors in einem der Bände zeigte einen ernst dreinblickenden Mann mit dünnrandiger Brille, hellem Haar und mit einem Anorak bekleidet. Immerhin, besser als als Wasserleiche hatte er in natura schon ausgesehen. Sie entlieh sich seine vier Sachbücher, verstaute sie in dem Korb unter dem Buggy und machte sich auf den Heimweg. Pia nahm jedoch nicht den direkten Weg. Da Felix über der langweiligen Beschäftigung zwischen den Bücherregalen eingeschlafen war, mummelte sie ihn stattdessen warm in eine weitere Decke ein und ging über den Koberg mit seinem Riesenrad und an der Warteschlange vor dem Heiligen-Geist-Hospital vorbei die Engelsgrube hinunter. Auf der anderen Seite der Trave an den Mediadocks hatte Lars sein Büro.

Sie stellte sich vor, wie er am Schreibtisch saß und arbeitete. Wie er seine langen Glieder streckte und dann aufstand und sich frischen Kaffee aus der Teeküche holte …

Ob er die verschlissenen Jeans trug, wie beim letzten Mal? Ob die Muskeln seiner Oberarme unter den kurzen Ärmeln eines T-Shirts zu sehen sein würden? Lars betrieb ihres Wissens keinen Kraftsport, die Arbeitseinsätze auf seinen Baustellen reichten aus, die Schreibtischarbeit in der Agentur auszugleichen. Die Renovierungsprojekte, die er als sein Hobby betrachtete, fraßen allerdings auch einen großen Teil seiner Freizeit.

Die Vorstellung von ihm war so real, dass Pia ein leichtes Ziehen im Bauch spürte. Monatsmitte, ganz klar … Sie war eine Idiotin! Entschlossen ging sie auf die Drehbrücke zu. Sie würde bei ihm vorbeischauen und Hallo sagen. Einen Vorwand hatte sie nicht, das würde er sowieso durchschauen. Sie würde ja merken, ob er sich freute, sie zu sehen, oder nicht. Lars war ein Mensch, der sich selten die Mühe machte, seine Gefühle vor jemandem zu verbergen. Als sie hinter der Drehbrücke in die Willy-Brandt-Allee einbog und an den alten Speichern vorbeiging, wurde ihr mulmig zumute. Was tat sie hier? Sie sollte nach Hause gehen und sich einen ruhigen Abend machen, wenn sie das ganze Wochenende arbeiten wollte. Da entdeckte sie weiter hinten seinen alten Land Rover … Sogar den vermisste sie irgendwie ein bisschen. Sie würde sich gleich lächerlich machen. Lars Kuhn hatte sie längst abgeschrieben, so wie sie ihn behandelt hatte. Es konnte gar nicht anders sein. Pia blickte auf Felix hinunter und seufzte. Sie hatte ihn schützen wollen. Schützen vor der Erfahrung, dass Mama einen Freund hatte. Vor der Eifersucht, verbunden mit Unsicherheit und Angst, kalt und beißend, an die sie selbst sich immer noch erinnern konnte … Aber wie lange würde sie diese Abstinenz durchhalten? Und tat sie Felix wirklich einen Gefallen damit? Am Ende würde sie ihm ihren Verzicht auf eine Beziehung vielleicht eines Tages übel nehmen. »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es«, murmelte Pia und schob den Buggy entschlossen über das unebene Pflaster. Der Wind heulte kalt durch die breite Häuserschlucht, und inzwischen war es beinahe dunkel. Drüben auf der Altstadtinsel warf die Beleuchtung des Weihnachtsmarktes bunte Lichtfinger an den grauen Abendhimmel. Sie musste es tun. Wenn es danebenging, wusste sie wenigstens, woran sie war.

Die letzten Töne des Oboen-Solos aus Bizets Carmen schwebten durch die Räume der Musikschule. Einige entkamen durch einen Spalt in den Fenstern auf den Parkplatz vor dem Haus, ansonsten sanken sie auf den staubigen Fußboden, wo sie erstarben. Olivia Vollert setzte das Musikinstrument von den Lippen und lockerte die Schultern. Ihr erster Blick ging wie immer zu Ivana Stjevo, ihrer Lehrerin. An deren Gesichtsausdruck sah man sofort, ob ein Musikvortrag Gnade vor ihren Ohren gefunden hatte. Ansonsten würde Olivia gleich runtergeputzt werden, und nichts, aber auch gar nichts würde Ivana dann noch ein Lächeln oder ein freundliches Wort entlocken können. Schlechtes Spielen ihrer Schüler betrachtete sie als Beleidigung des Komponisten, der klassischen Musik allgemein und ihrer Person und ihren Fähigkeiten als Musiklehrerin im Speziellen.

Sie hatte an der Ino-Mirkovic-Musikhochschule in Kroatien studiert und später im Staatsopernorchester Rijeka gespielt, doch nun fristete sie ihr Dasein mit gelegentlichen Auftritten bei kleineren Konzerten und dem Unterrichten nahezu talentloser Schüler und Schülerinnen, wie Olivia wohl eine war. Ivana war sicherlich die strengste Lehrerin der Welt, aber sie galt auch als eine der besten, die in Lübeck zu bekommen waren. Und Olivias Eltern konnten sich, wenn auch unter Klagen, den Unterricht bei ihr leisten.

»Das war gar nicht so schlecht, Olivia. Aber du musst noch viel mehr ieben!«, sagte sie. Auch nach Jahren in Deutschland kam Ivana das Ü nicht über die Lippen, wenn sie sich über irgendetwas ärgerte oder aufregte.

Es hatte keinen Zweck, ihr zu erklären, dass Olivia außer zur Schule zu gehen, die Hausaufgaben zu erledigen und ihre kleineren Geschwister zu beaufsichtigen, nichts anderes tat, als auf ihrer Oboe zu üben. Wenn sie die Tür zu ihrem Zimmerchen unter dem Dach schloss und auf der Oboe spielte, dann ließ man sie wenigstens in Ruhe. Sie hatte sogar schon ihr Spiel aufgenommen und wieder abgespielt, um etwas Zeit für sich zu haben. Aber Olivia wusste auch, dass sie trotz allen Übens nie eine wirklich große Musikerin werden würde.

Wenn sie Ivana so anschaute, wusste sie nicht einmal, ob das wirklich so erstrebenswert war. Die magere Ivana mit dem festen grauen Dutt und den scharfen Linien im Gesicht sah nicht so aus, als führte sie ein erfülltes Leben. Olivia konnte sie sich beim besten Willen nicht mit einem Mann zusammen vorstellen. Und sie, Olivia, wünschte sich einen Mann und vielleicht auch eine Familie. Sie war noch jung und wollte Liebe und Leidenschaft erleben, Geld verdienen, Erfolg haben. Wenn die Musik ihr dabei half, war es okay. Doch sie lebte nicht für ihre Oboe, die, nebenbei bemerkt, auch nur ausgeliehen war und trotz der Versicherung ein ständiger Quell der Sorge und Panik.

Es ging ihren Eltern nicht darum, ob Olivia ein Unglück zustieß. Hauptsache, der Oboe passierte nichts. Nein, das war unfair. Olivias Unversehrtheit besaß eine ebenso hohe Priorität. Und das war das nächste Problem.

»Ich weiß, Olivia, du brauchst deine Zeit für die Schule und zum Leben«, sagte Ivana. »Aber manchmal muss man auch Geld verdienen, nicht wahr? Deshalb ich dir sagen, dass ein Mann hat bei mir angerufen.«

Olivia merkte auf. Wenn sie so schlecht sprach, regte Ivana sich wirklich über irgendetwas auf. »Was für ein Mann?«, fragte sie gespannt.

»Ein Agent. Für Werbung. Sie suchen eine junge Frau, die Oboe spielen kann. Für eine Werbespot.«

»Soll ich ein Musikstück einspielen?«

»Ach, dann könnte ich ja spielen selber. Sie wollen eine kleine Film drehen. Der Mann kennt dich von irgendwo, aber er hat nicht deine Nummer.«

»Oh.« Olivia merkte, wie sie errötete. Sonst fragten nie Männer nach ihr. Es war sozusagen eine Premiere.

»Keine Grund für Eitelkeit!«, sagte Ivana barsch. »Aber der Job bringt vielleicht etwas Geld für dich. Das kannst du gut gebrauchen.«

So, wie sie das sagte, klang es wie eine Beleidigung. »Wie heißt er denn? Wie ist der Name der Agentur? Für was machen sie Werbung?«, fragte Olivia aufgeregt.

»Er heißt Alexander Kastner. Name der Agentur weiß ich nicht. Hier ist Nummer.« Sie hielt ihr einen Zettel hin, als würde er stinken. »Doch sprich vorher mit deine Eltern darüber, Olivia! Unbedingt! Sonst werde ich es tun.«

Das entspannte kleine Badefest, das Pia für Felix in der Duschwanne veranstaltet hatte, hatte sie abgelenkt, doch jetzt, da er in seinem Bett lag und schlief, fühlte sie wieder die Demütigung und Enttäuschung von vorhin.

Sie war ungefähr fünfzehn Meter vor Lars’ Büro stehen geblieben und hatte sich zurechtgelegt, was sie sagen wollte. Pia hatte sich eingeredet, dass er sich unter Umständen sogar freuen würde, sie zu sehen … Sie jedenfalls hatte sich auf ihn gefreut! Da war die Tür der Agentur aufgegangen, und Stella war herausgekommen. Sie war Lars’ Assistentin, eine Männerfalle hoch drei, heute in einem sehr kurzen Rock, hautfarbenen Strümpfen und weißen Overknees. Pia hatte sich mit dem Buggy gerade noch rechtzeitig hinter einem Kastenwagen, der am Straßenrand parkte, außer Sichtweite bringen können, denn kurz darauf war Lars auf die Ladebühne vor der Tür getreten. Ihr Herz hatte schneller geschlagen, als sie ihn gesehen hatte. Sein Haar war etwas kürzer als sonst. Er trug Jeans und ein schwarzes Hemd und schwarze Schuhe. Ungewohnt formell, wahrscheinlich hatte er einen Kundentermin gehabt.

Es war demütigend, dort zu stehen und Zeugin zu werden, wie er Stella etwas nachrief, die daraufhin noch mal die Stufen zu ihm hinauflief. Er gab ihr einen Umschlag, sie umarmte und küsste ihn und ging dann beschwingt zu ihrem Wagen. Gutes Geschäftsklima hin oder her, so verabschiedete man sich nicht von seinem Chef beziehungsweise seiner Mitarbeiterin. Pias Wangen brannten, als hätte man sie geschlagen. Ein knallroter Mini mit Ralleystreifen brauste kurz darauf an ihr vorbei. Immerhin, die Frau am Steuer hatte sie nicht bemerkt … Ein schwacher Trost.

Pia war erst wieder hinter dem Kastenwagen hervorgetreten, als Lars in seinem Büro verschwunden war.

Um sich von der Erinnerung an ihre Blamage abzulenken, holte Pia nun die Bücher hervor, die sie in der Stadtbücherei ausgeliehen hatte. Sie legte ihren Notizblock bereit, setzte sich aufs Sofa, zog die Beine hoch und begann zu blättern. Ein Sachbuchautor als Opfer eines Kapitalverbrechens. Das war zumindest mal etwas Neues.

Unter seinem Porträtfoto, das sie schon betrachtet hatte, stand ein kurzer Lebenslauf. Ulf Nielsen war Ende der Fünfzigerjahre in Kiel geboren und hatte Schleswig-Holstein auch nie für längere Zeit verlassen. Er arbeitete als Lehrer für Erdkunde und Geschichte und hatte zahlreiche Bücher zur Geschichte Schleswig-Holsteins verfasst. Pia blätterte sich durch die Bildbände. Hünengräber, Langbetten, Thingstätten, Spuren von alten Ackerflächen und Brunnen im Wattenmeer … Ein ganzer Band nur über Haithabu. Pia war noch nie dort gewesen. Das Wikingermuseum war vielleicht mal einen Ausflug mit Felix wert, wenn er etwas älter war. Nur brachte sie das jetzt nicht weiter.

In dem letzten Bildband, den sie aufschlug, war eine Karte mit den wichtigsten Spuren der Geschichte des Hohen Mittelalters im östlichen Schleswig-Holstein abgedruckt. Turmhügelburgen, auch Motten genannt, nach dem französischen Chateau de la motte. Nun waren die nördlichsten Bundesländer nicht gerade für ihre beeindruckenden Burgen bekannt. Pia erinnerte sich, dass sie, wenn sie als Kind mit ihren Eltern verreist war, immer sämtliche Burgen hatte besichtigen wollen, an denen sie vorbeigekommen waren. Wohl, weil es hier kaum welche gab. Oder hatte sie sich getäuscht?

Das Dorf Groß Tensin war auf der Karte im Buch nicht verzeichnet, doch aus der Lage der Seen und der Ostseeküste konnte Pia sich in etwa erschließen, wo der Röperhof lag. In seiner Nähe war eine Turmhügelburg oder auch Motte namens »Ravensvelde« verzeichnet. Sollte Nielsen deshalb … Pia blätterte in dem Buch, fand jedoch keine Erwähnung von Ravensvelde. Den Bildern der anderen Motten nach zu urteilen, die Nielsen immer wieder aus verschiedenen Perspektiven fotografiert hatte, waren es nur noch sichtbare Bodenerhebungen, teilweise mit einem Graben drumherum. Früher sollte es dort Wohntürme aus Holz, seltener Stein, mit Erde verfüllte hölzerne Wehranlagen und Zugbrücken gegeben haben. Viel war nicht davon übrig geblieben. Man musste wohl wissen, wonach man suchte. Heute waren manche dieser Anlagen nur sichtbar, weil Nielsen sie bei leichtem Schnee oder schräg einfallendem Licht fotografiert hatte, damit die Bodenerhebung gut zur Geltung kam. Hatte er das auch auf dem Land der Fuhrmanns versucht? Das wäre eine Erklärung dafür, was er auf ihrem Privatgelände gesucht hatte. Nur erklärte es nicht, wie und warum er tot im Feuerlöschteich gelandet war. Diese Turmhügelburg Ravensvelde war sicherlich keine so weltbewegende historische Entdeckung, als dass man einen Menschen deswegen umbrachte … Und Schätze waren dort bestimmt auch nicht zu finden.

Pia schob die Bildbände beiseite und ging unruhig hin und her. Die Wände ihrer kleinen Wohnung schienen auf sie zuzukommen. Sie stellte sich an das Atelierfenster und öffnete es. Leichter Schneefall wirbelte in der Luft. Mitten in der Stadt wurde es nie ganz dunkel, und heute war es besonders hell. Die Lichter der Straßenlaternen und Häuser wurden von einer niedrig hängenden Wolkendecke reflektiert.

Um sich abzulenken, stellte Pia sich den Röperhof um diese Uhrzeit vor. Die Gebäude und das Gelände lagen jetzt bestimmt in absoluter Dunkelheit. Die Bewohner waren verschwunden, der Tote abtransportiert … Was war dort passiert? Es musste noch einen anderen Zusammenhang geben. Ulf Nielsen war nicht nur Sachbuchautor gewesen, sondern vor allem Lehrer. Lehrer hatten Kollegen, sie unterrichteten viele verschiedene Schüler, entschieden über deren Schicksal. Und diese Schüler hatten Eltern.

Lag hier die gesuchte Verbindung?

»Hat Felix auch genug zum Anziehen dabei?« Hinnerk wog die Reisetasche, die Pia ihrem Sohn gepackt hatte, misstrauisch in der Hand.

»Alles in doppelt und dreifacher Ausstattung. Dazu Kuschelkissen, Schlafhase, Hausschuhe, Pyjama, Zahnbürste. Ich denke, es fehlt nichts.«

»Mascha nimmt es, glaube ich, etwas genauer als du.«

Pia zog überrascht eine Augenbraue hoch. »Entscheidend ist doch, wie du das siehst. Du bist sein Vater.«

Felix spielte noch in seinem Zimmer beziehungsweise Pias Schlafzimmer. Einer von Hinnerks Kritikpunkten war, dass Felix immer noch kein eigenes Zimmer hatte. Die Wohnung war eben zu klein. Das war ja auch der Grund dafür, weshalb Pia demnächst umziehen würde. Doch bevor ihr Bruder Tom mit seiner Familie nicht aus seiner Wohnung rauskonnte, konnte sie nicht hinein. Sein Hausbau verzögerte sich, und sie konnten von Glück sagen, dass Susanne mit der Kündigung ihrer Wohnung so flexibel war.

»In ihrer Gegenwart solltest du vielleicht lieber nicht so auf der Masche ›leibliche Mutter – leiblicher Vater‹ herumreiten«, sagte Hinnerk nun zu Pias Überraschung.

»Ich reite auf nichts dergleichen herum«, konterte sie. »Du warst derjenige, der Klarheit haben wollte. Du hast es testen lassen, ohne es vorher mit mir abzusprechen.«

»Das war ja wohl auch nötig. Dich hat es ja offenbar gar nicht so interessiert …«

»Zu dem Zeitpunkt gab es erst mal wichtigere Dinge: Felix zum Beispiel.«

»Vielleicht wolltest du ja gar nicht, dass ich sein Vater bin?«, fragte Hinnerk. »Vielleicht wolltest du lieber, dass es dein ehemaliger Kollege ist.«

»Nein, bestimmt nicht«, sagte Pia erschrocken. »Und außerdem geht es dich nichts an.« Sie bewegte sich emotional auf sehr dünnem Eis. Für Felix konnte sie sich keinen besseren Vater als Hinnerk wünschen. Wenn nur diese Mascha nicht wäre. Eine unbekannte und leicht bedrohliche Größe in dieser Gleichung.

»Hat der Typ sich überhaupt je noch mal bei dir gemeldet?«, fragte Hinnerk.

»Es geht dich nichts an«, wiederholte Pia. Dieses Wochenende begann ja wunderbar.

»Wusste er von deiner Schwangerschaft?«

Pia schluckte. »Denkt Mascha daran, schwanger zu werden? Versucht sie es schon länger?«

»Das ist ja wohl unsere Privatangelegenheit«, brauste Hinnerk auf.

»Das sehe ich genauso. Und ich will es auch gar nicht wissen. Zum Glück haben wir beide unser Privatleben, in das sich der jeweils andere nicht einmischen sollte. Ich hole jetzt Felix.«

Der Abschied von ihrem Sohn und auch der unschöne und unbeabsichtigte Schlagabtausch mit Hinnerk hatten Pia die Laune verdorben. Vielleicht hatte sie einen Sieg nach Punkten errungen, aber so wollte sie es nicht. Nicht für sich und vor allem nicht für Felix. Hinnerk und sie würden einen Weg finden müssen, freundschaftlich miteinander umzugehen. Felix sollte nicht zwischen die Fronten geraten.

Sie fuhr zum Polizeihochhaus, parkte auf dem Parkdeck und ging zum Hauptgebäude hinüber. Der Fahrstuhl brachte sie in den siebten Stock.

Wichtigster Tagesordnungspunkt der Fallbesprechung am Samstagmorgen war der soeben eingetroffene Obduktionsbericht. Conrad Wohlert, der zusammen mit Staatsanwalt Jantzen am Freitag bis spät in den Abend hinein im Institut für Rechtsmedizin dabei gewesen war, fasste die ermittlungsrelevanten Fakten zusammen: Bei dem Toten handelte es sich um Ulf Nielsen, fünfundfünfzig Jahre alt und Lehrer von Beruf. Bevor er an einer Kopfverletzung gestorben war, war er im Großen und Ganzen bei guter Gesundheit gewesen. Den Todeszeitraum schätzte der Rechtsmediziner auf die Nacht von Samstag auf Sonntag der letzten Woche, plus/minus zwölf Stunden. Genauer wollte er sich nicht festlegen. Es war ein nicht natürlicher Tod, verursacht durch ein Schädel-Hirn-Trauma, vermutlich durch einen Schlag auf den Kopf. Als Waffe wurde ein scharfkantiger Stein vermutet. Vielleicht ein Flintstein? Die Tatwaffe hatte sich noch nicht gefunden, der Rechtsmediziner würde jedoch mithilfe des bloßen Schädels einen Abdruck der Waffe erstellen können. In der Wunde und auch in der Mundhöhle des Toten hatten sich Spuren von Sand und Pflanzenteilen befunden, die ins Labor weitergegeben worden waren.

»Hatte der Tote Wasser in der Lunge?«, fragte Rist.

»Nein. Es hat sich insgesamt bestätigt, dass der Fundort nicht der Ort ist, an dem der Mann starb«, antwortete Wohlert. »Unser Opfer wurde nach seinem Tod bewegt.«

»Wir müssen den Tatort finden, bevor die ganze Spurenlage dort zum Teufel ist«, sagte Broders. »In Nielsens Büro hing eine detaillierte Landkarte, auf der auch der Röperhof verzeichnet ist. Wir haben sie mitgenommen. Vielleicht hilft die uns weiter«, schlug er vor.

»Er hat aber bedauerlicherweise darauf keine Kreuzchen mit den Hinweisen Tatort oder Hier werde ich sterben hinterlassen«, spottete Rist. Er hat die Karte schon gesehen, vermutete Pia. Broders war vor der Besprechung bei ihm gewesen.

»Sind denn sonst irgendwelche Notizen oder Markierungen darauf?«, fragte Gerlach. »Nielsen muss doch einen Grund gehabt haben, sich die Karte an die Wand zu hängen. So schön ist sie ja nun auch wieder nicht.«

»Da ist nichts drauf«, sagte Broders. »Was uns bei der Suche nach dem Tatort vielleicht hilft, ist die Tatsache, dass Ulf Nielsens Fahrrad verschwunden ist.«

Es trat eine kurze Stille ein.

»Ich glaube, ich weiß, was Nielsen auf dem Gelände des Röperhofes wollte«, sagte Pia.

»Ach ja?« Rist sah sie an, als könnte er sich nicht recht erinnern, dass sie zu seinem Team gehörte. Ihr gestriges Fehlen war ihm wohl noch immer ein Dorn im Auge.

Pia stand auf. »Ich habe gestern Nachmittag noch in der Stadtbücherei recherchiert.« Sie vermutete, dass ihn das ärgern würde. »Broders hatte mir gesagt, dass Nielsen Autor diverser Sachbücher war. Ich hab mir seine Werke daraufhin ausgeliehen und zu Hause angesehen. Sein Thema war die Geschichte Schleswig-Holsteins. Hauptsächlich Frühgeschichte und Mittelalter. Und auf dem Land der Fuhrmanns befinden sich die Reste einer Turmhügelburg, auch Motte genannt. ›Ravensvelde‹ heißt sie. Wenn wir die finden, haben wir mit einiger Wahrscheinlichkeit den Ort, an dem Nielsen sich vor seinem Tod aufgehalten hat.«

»Eine Burg?« Rists Stimme klang ungläubig.

»Das, was davon nach circa siebenhundert Jahren noch übrig ist.«

Während einer Besprechungspause suchten Pia und Broders die Turmhügelburg im Internet und wurden fündig. Es gab sogar Geokoordinaten dazu, allerdings mit dem Hinweis, dass die Anlage sich auf Privatgelände befinde und der Besitzer ein Betreten seines Grundstücks nicht wünsche und Zuwiderhandlungen zur Anzeige bringen werde.

»Vielleicht wurde die Zuwiderhandlung einmal nicht mit der versprochenen Anzeige, sondern mit einem Stein auf den Kopf geahndet«, sagte Gerlach, als sie ihre Ergebnisse mit den Kollegen teilten.

»Oder Nielsen wurde zufällig angetroffen, und der Angriff hatte ein anderes Motiv. Es kann noch eine weitere Verbindung wischen den Fuhrmanns und unserem Opfer geben. Ulf Nielsen war Lehrer. Vielleicht hat er den Jungen, diesen Thilo, mal unterrichtet, und es gab deswegen Unstimmigkeiten.«

»Ich denke, der Junge ist auf einer Förderschule gewesen? Ulf Nielsen hat an einer Gemeinschaftsschule unterrichtet.«

»Die früher mal eine Grund-, Haupt- und Realschule war.«

So ging es noch eine Weile weiter. Sie waren sich jedoch einig, dass sie dringend den Ort finden mussten, an dem Ulf Nielsen ermordet worden war. Und der befand sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf dem Land der Fuhrmanns. Vielleicht in der Nähe dieser Turmhügelburg?

Rist besprach sich, der Form halber, wie es Pia schien, noch mit Kürschner. Dann planten sie eine Suchaktion, wie sie die Bezirkskriminalinspektion schon lange nicht mehr erlebt hatte. Die Wetterbedingungen waren günstig: Kalt, aber trocken, und die Sonne schien blass durch einen Wolkenschleier. Die Stimmung der Polizisten in Bezug auf das Vorhaben hätte besser nicht sein können. Noch ahnte niemand, welches Grauen sie auf dem Land der Fuhrmanns erwartete.

10. Kapitel

»Was wolltest du da draußen?«, fragte Anneke, die mit den Lübecker Nachrichten am Küchentresen saß.

»Ich war endlich mal wieder joggen. Bin völlig außer Form. Das hat vielleicht gutgetan!« Gernot Wiese dehnte sich demonstrativ, indem er sich an der Arbeitsplatte abstützte und das linke Bein nach hinten streckte. Es zog so sehr in seinem Wadenmuskel, dass er es wieder sein ließ. Stattdessen bereitete er sich einen Kaffee zu. Von wegen gutgetan! In Wahrheit fühlte er sich wie durch den Gartenhäcksler geschoben. Seine Lungen brannten, die Beine zitterten, und ihm war schlecht. »Außer Form« war die Untertreibung des Jahrhunderts. Aber als er vorhin durch das Badezimmerfenster im ersten Stock die vielen Polizeifahrzeuge auf dem Weg zum Röperhof gesehen hatte, war er neugierig geworden. Nur dass er das Anneke gegenüber, die in Sachen Mord in der Nachbarschaft eine aufreizende Gleichgültigkeit an den Tag legte, nicht zugeben konnte. Es wäre das ultimative Eingeständnis, dass ihr Leben gerade spannender und anspruchsvoller war als seines, sodass sie derartige voyeuristische Neigungen, wie sie ihn plagten, gar nicht verspürte …

»Und?«, fragte sie. »Machst du das jetzt jeden Morgen?«

»Jeden zweiten. Einen Tag Pause zwischen zwei Trainingseinheiten soll man ja einlegen.« Er wusste, dass er sich, solange es so kalt und ungemütlich war, bestimmt nicht wieder aus dem Haus begeben würde, um zu laufen. Aber dieses Mal hatte die Übung ihren Zweck erfüllt. Er wusste jetzt, was heute auf dem Röperhof stattfinden sollte. Gernot überlegte, ob er Anneke einweihen musste. Wenn sie hinterher erfuhr, was an diesem Tag bei ihren Nachbarn los gewesen war, wäre es komisch, wenn er es nicht gleich erwähnt hatte.

»Schade, dass du neuerdings lieber laufen willst und nicht mehr mit zum Reiten kommst!«, sagte sie, ohne ihn anzusehen. Seit er im Sommer vom Pferd gefallen war und sich übel die Schulter geprellt hatte, stieg er nicht mal mehr ihr zuliebe auf einen Gaul. Sie besaßen zwei Islandpferde, die den Großteil des Jahres mit ein paar anderen Pferden auf dem Fuhrmann-Land auf einer Weide standen. Eigene Pferde, das war Annekes Bedingung gewesen, als sie mit ihm aufs Land gezogen war. Frauen und ihre blöden Gäule! So ganz hatte er es nie verstanden.

»Drengur wird mich schon nicht zu arg vermissen«, sagte Gernot und trug seinen Kaffeebecher zum Tresen. Es hatte sowieso immer etwas komisch ausgesehen. Er, der relativ hochgewachsene Mann, auf dem gedrungenen Pferd. Gernot rührte in seinem Becher und versuchte, beiläufig zu klingen. »Bei Elsa und Armin ist vielleicht was los heute! Ich kam da zufällig vorbei. Der ganze Hofplatz war voll mit Polizei.«

»Sind die Fuhrmanns denn noch nicht wieder da?« Anneke klang besorgt.

»Nein. Sie sind nach wie vor verschwunden. Alle drei. Die Polizisten wollen heute wohl noch das ganze Land durchsuchen, mit Spürhunden, Megafon und allem.«

»Oh Gott! Glauben die etwa, dass Elsa, Armin und der Junge …« Anneke brachte den Satz nicht zu Ende.

»Tot sind? Die Polizei weiß das wohl genauso wenig wie wir. Aber irgendwo müssen sie ja sein. Sie waren noch nie im Urlaub, niemals länger als vierundzwanzig Stunden von ihrem Hof weg.«

»Hast du mit der Polizei gesprochen?«

»Ich hab mich natürlich erkundigt, was sie alle dort wollen. Eine Frau hat mir erzählt, dass sie heute das gesamte Land durchkämmen werden. Ach ja, und sie hat mich gefragt, ob ich wüsste, wo die Turmhügelburg sei.«

»Eine Burg? Stimmt, da war was! Hast du mir nicht mal von irgendwelchen geschichtlichen Spuren auf dem Land deiner Cousine erzählt?«

»Mein Onkel, Elsas Vater, hat mich dort mit hingenommen, als ich als Junge meine Ferien auf dem Hof verbracht habe. Ich hab mir eine Ritterburg vorgestellt, mit Zinnen, Zugbrücke und Turm. Und dann war es nur ein Hügel in der Landschaft. Ich glaube nicht, dass ich ihn wiederfinden würde.«

»Und wer war die Frau?«

»Eine Polizistin in Zivil. Blond, sportlich … Ich hab sie neulich schon zusammen mit dem Kommissar gesehen, der uns befragt hat.«

»Deswegen warst du also joggen!« Sie klang belustigt, doch er sah am Ausdruck ihrer Augen, dass sie es nicht so lustig fand.

»Klar, schon bevor ich aufgestanden bin, wusste ich, wer dort aufkreuzen würde.«

»Man darf ja noch hoffen. So, wie du gern im Café arbeitest, ohne vorher zu wissen, wer da so aufkreuzen wird. Hauptsächlich ältere Schülerinnen und junge Mütter, hab ich recht?«

»Du spinnst, Anneke.« Sie war eifersüchtiger als zu der Zeit, als er aufgrund seines Jobs hundert Mal mehr Chancen zu einem Seitensprung gehabt hatte. Als gäben ihm seine derzeitigen Probleme mehr und nicht weniger Gelegenheit dazu. Vielleicht hatte sie ja einen konkreten Grund dafür? »Du schaust dir die Waden unseres Briefträgers ja auch ganz gern an.«

»Ansonsten gibt es hier ja nichts zu gucken. In diesem Dorf passiert doch nichts.« Sie errötete und sah weg.

»Das würde ich so nicht sagen: Neulich hab ich eine sehr attraktive junge Frau bei unserem Briefträger im Garten gesehen«, sagte Gernot mit einer gewissen Genugtuung. »Sehr hübsches Mädchen. Hier ist mehr los, als man vermuten sollte.«

»Ich leg dann mal los«, sagte Anneke und erhob sich. »Die Arbeit wartet.« Sie ließ ihr Frühstücksgeschirr, die Marmeladen und den Brotkorb auf dem Tresen stehen. Und heute sollte Nicola nicht zum Putzen kommen.

Die Suche nach ermittlungsrelevanten Spuren barg das Risiko der Vernichtung derselben. Wenn sie die eventuell noch vorhandenen Spuren nicht rechtzeitig fanden, würden die Witterungseinflüsse diese aber ebenso zerstören. Der Mord an Ulf Nielsen lag jetzt schon beinahe eine Woche zurück. Manfred Rist sah sich in einer Zwickmühle: der punktuelle Einsatz von Mitarbeitern der Spurensicherung an der Turmhügelburg, die ein nicht gerade kleines Areal umfasste, oder ein systematisches Vorgehen mit allen Einsatzkräften, die das gesamte Fuhrmann’sche Land durchkämmten? Er konnte es sich nicht leisten, noch mehr Zeit zu verlieren. Wilfried Kürschner war kein großer Entscheider, von ihm erhoffte Rist sich keine Hilfe. Aber was hätte Gabler getan? Er wollte keinesfalls gleich zu Beginn dieser Ermittlung, seiner großen Chance, einen Fehler begehen. Da sie nun schon so viele Einsatzkräfte hatten mobilisieren können, entschied er sich für eine Zwischenlösung: Mitarbeiter des K6, der Kriminaltechnik, würden das Gelände um die Turmhügelburg absuchen. Gleichzeitig würden alle übrigen Polizeibeamten einschließlich seiner Leute vom K1, halbkreisförmig vom Hof ausgehend, systematisch das Land durchkämmen. Die winterlichen Temperaturen und der aufgeweichte Boden würden das Ganze in eine Schlammschlacht ausarten lassen. Besonders wenn gegen Nachmittag, wie angekündigt, wieder Schneeregen einsetzte. Und nicht alle trugen Wathosen oder auch nur Gummistiefel. Doch eine besondere Lage erforderte eben besondere Vorgehensweisen.

Die beiden Spürhunde, die Rist angefordert hatte, würden Duftproben von Nielsens Kleidung bekommen, auch wenn der Leichengeruch den natürlichen Körpergeruch wahrscheinlich stark überdeckte. Aber die Hundeführer hatten ihm versichert, dass ihre Tiere die Spur des Toten zum Tatort würden zurückverfolgen können. Wenn es denn eine gab … Dementsprechend sollten sie vor dem eigentlichen Suchtrupp losgeschickt werden.

»Hat ein bisschen was von einem Klassenausflug«, sagte Pia und gesellte sich zu Gerlach und Broders, die am Rand an einem der Wagen standen und Kaffee aus Plastikbechern tranken. Auf dem Autodach stand eine Thermoskanne.

»Willst du auch einen?«, fragte Gerlach.

»Nein danke. Nicht noch mehr Kaffee. Ich möchte nicht mitten im Schlamm vor -zig Kollegen in einem Busch die Hosen runterlassen müssen.«

Er grinste. »Tja, da haben wir es einfacher.«

»Denk daran, dass wir in zwei Metern Abstand nebeneinander herlaufen werden«, warnte Broders. »Und keiner bleibt zurück!« Und an Pia gewandt: »War das nicht der Nachbar der Fuhrmanns, mit dem du da gerade gesprochen hast?«

»Gernot Wiese. Er war joggen. Atmete wie eine Lokomotive und war weiß wie die Wand … Ich dachte zuerst, ich müsste ihm Erste Hilfe leisten.«

»Was wollte er?«

»Wissen, was wir hier treiben. Er kennt die Turmhügelburg von früher, aber er weiß angeblich nicht mehr so genau, wo sie ist.«

»Du solltest nicht zu viel ausplaudern.«

»Ich hab ihn gefragt, ob er die Stelle im Wald kennt. Der Rest dieses Volksfestes hier ist ja selbsterklärend.«

Sie sah zu Rist hinüber, der nun in ein Megafon sprach und mit den Armen fuchtelte. »Ich glaube, es geht los.«

Die Mitarbeiter des Spurensicherungsteams hatten die Turmhügelburg großzügig mit Absperrband eingefasst, um dort ungestört arbeiten zu können. Pia sah das rot-weiße Flatterband durch die tristen grauen Baumstämme leuchten, als sie sich nach einer knappen Stunde Fußmarsch mit dem Suchtrupp durch Wiesen und Wald der Stelle näherten. Sie hielten sich dabei jeweils in Sichtweite der zwei Kollegen, die rechts und links neben ihnen gingen. Anfangs hätten sie sich beinahe noch bei den Händen halten können, doch aufgrund der örtlichen Gegebenheiten zog sich die Reihe nun immer weiter auseinander. Bis auf gelegentliche Zurufe und Kommandos hörte sie nichts als das Knacken der Zweige und raschelndes Laub unter ihren Füßen. Aus der Ferne erklang hin und wieder auch das kurze Kläffen eines Hundes. Die Spürhunde hatten die Fährte am Feuerlöschteich aufgenommen, so viel hatte Pia noch gesehen, bevor sie selbst losgegangen war. Sie hatte erwartet, dass die Tiere schnell fündig werden würden, doch die Zeit verging, und nichts passierte. War die Leiche womöglich mit einem Auto zum Teich geschafft worden? Dann hatten die Hunde natürlich keine Chance.

»Wir umgehen den abgesperrten Bereich und treffen dahinter wieder aufeinander«, gab sie Broders zu ihrer Rechten die Information weiter, die sie von ihrem linken Nebenmann erhalten hatte.

Heinz Broders kämpfte sich gerade durch dichtes Dornengestrüpp. Er fluchte leise und schaute dann verwundert auf den Hügel hinter dem Absperrband. »Ich hab mich eben schon gefühlt wie der Prinz in Dornröschen, aber das da soll doch nicht etwa eine Burg sein?«, fragte er. »Das ist eine Enttäuschung!«

»Tja, es war einmal, mein Prinz! Man braucht schon etwas Fantasie, wenn man die Burg noch erkennen will«, antwortete Pia. Sie ging links am Absperrband entlang, das die Kollegen um ein paar Baumstämme geschlungen hatten. Dahinter sah sie die Kriminaltechniker in ihren Overalls auf dem Boden herumkriechen. Noch hatten sie keine Nummerierungsschildchen für Spuren aufgestellt. Wenn Ulf Nielsen hier gewesen war, hatte er zumindest keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Vielleicht war ihr Tipp mit der Turmhügelburg ja großer Quatsch, und Nielsen hatte die Fuhrmanns aufgesucht, weil er etwas mit ihnen zu besprechen gehabt hatte. Etwas, das den Jungen, diesen Thilo, betraf? Nur dass der gar nicht mehr zur Schule ging. Auch diese Theorie war nicht sehr schlüssig.

Hinter der Absperrung traf sie wieder mit Broders zusammen. Ihr Kollege schnaufte, weil er beim Umrunden der Turmhügelburg schneller hatte gehen müssen, um in der Reihe zu bleiben. Das Gelände nahe der Burg war sumpfig … Pia versuchte, auf Grassoden zu treten, sackte jedoch immer wieder in knöcheltiefes schwarzes Wasser ein.

Schräg vor ihr erhob sich ein lang gestreckter, mit Bäumen und Büschen bewachsener Wall. Als Pia näher kam, sah sie, dass sich in dem Wall eine niedrige Holztür befand, die von Ziegel- und Feldsteinen eingefasst war. Es sah so aus, als befände sich dahinter eine künstlich angelegte Höhle, vielleicht ein Lager? Das Gelass wurde offensichtlich noch genutzt, sonst wäre es dichter zugewachsen gewesen. Die Tür war alt und an der Unterkante schadhaft, doch das Vorhängeschloss, mit dem die Tür gesichert war, sah recht neu aus.

Pia rief: »Stopp!«, und die Kollegen in der Reihe, die nahe genug waren, um es zu hören, blieben stehen.

Broders gab seine Position auf und kam auf Pia zu.

»Riechst du es auch?«, fragte sie. In der frostigen, windstillen Luft hing kaum wahrnehmbar ein leicht süßlicher Geruch.

»Ich bin nicht sicher …«, sagte Broders, zog aber schon mal sein Telefon hervor.

Pia sah, dass der Boden vor der Tür keinerlei Fußspuren aufwies. Im Gegenteil, er schien mit Zweigen oder Ähnlichem geglättet worden zu sein. Verdammt! »Wir brauchen die Spurensicherung hier«, sagte sie. Jetzt war sie sich ganz sicher. »Und Rist sollte besser auch herkommen.«

»Schon informiert.« Broders schnupperte noch einmal. Je länger sie dort standen, desto deutlicher nahm auch er diesen unverwechselbaren Geruch wahr. Auf der anderen Seite des Walls befand sich ein Feldweg, und es dauerte nur wenige Minuten, bis Manfred Rist und ein Hauptmeister der Schutzpolizei, der mit seinen Leuten ebenfalls an der Suchaktion beteiligt war, mit dem Auto angefahren kamen.

Manfred Rist nickte grimmig, als er erfuhr, was sie womöglich gefunden hatten. »Wir machen zehn Minuten Pause«, verkündete er mit seinem Megafon. »Wer seinen Standort verlässt, darf sich nur in die Richtung bewegen, aus der er gekommen ist. Und markiert die Stelle, an der ihr gerade gestanden habt!« Es war ihm anzusehen, wie sehr er genoss, dass endlich etwas passierte. Auch wenn es vermutlich nichts Gutes war. Rist diskutierte einen Moment mit seinem Kollegen von der Schutzpolizei, sie telefonierten beide, und entschieden sich dann, die Tür zu öffnen.

»Schade! Ausgerechnet heute ist unser Dressman nicht dabei«, sagte Broders. »Immer dann, wenn man sie braucht, schlürfen sie gerade irgendwo ihren Latte macchiato.«

»Dressman?«

»Staatsanwalt Olaf Jantzen. Er sieht doch ständig wie aus dem Ei gepellt aus.«

Pia beobachtete, wie der Bügel des Schlosses aufgesägt wurde. Als die alte Brettertür ein Stück offen stand, sah sie dahinter eine dunkle Öffnung. Der Boden der Höhle bestand aus fest gestampfter Erde.

Rist winkte einem Mitarbeiter von der Spurensicherung, mit seiner starken Stablampe hineinzugehen. Pia sah die weiß gekleidete Gestalt reglos im Eingang stehen. Bis auf das Klopfen eines Spechts war es in dem Moment vollkommen ruhig im Wald. Sie fixierte die Innenseite der geöffneten Holztür aus gehobelten, aber ungestrichenen Fichtenbrettern, teils eingedellt und mit rostroten Flecken darauf. Pia sog scharf die Luft ein. Der Mitarbeiter des K6 wich mit einem gurgelnden Geräusch zurück und ließ die Lampe fallen. Er stolperte ein paar Schritte von der Höhle weg, sein Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. Er erbrach sich, wobei er sich an einem dünnen Baum abstützte, der so weit unter seinem Gewicht nachgab, dass der Mann beinahe gestürzt wäre. Rist sagte nichts dazu. Er nahm mit seiner behandschuhten Hand die Lampe auf und ging ein paar Schritte in die Höhle hinein. Als er wieder rauskam, war er ebenfalls sehr blass.

11. Kapitel

»Leichenfund, weiblich«, sagte er. »Und wir brauchen keinen Rettungswagen mehr.«

Später konnte Pia sich nicht erklären, wieso ausgerechnet sie dazu ausersehen worden war, mit Rist zusammen in die Höhle zu gehen. Sie hatte wohl einfach nur zu nahe danebengestanden. Glück oder Pech? Es war ein Bild, das ihr wohl nie wieder aus dem Kopf gehen würde: Die Höhle war ein kleiner Raum mit einem ovalen Grundriss. Pia und Rist konnten nicht aufrecht darin stehen. Die niedrige Decke war kuppelförmig und teils mit Ziegelmauerwerk verschalt, teils von gewaltigen Findlingen gestützt. Der Boden lag niedriger als der Erdboden im Zugangsbereich davor und wies in der Mitte eine Vertiefung auf. Es gab keine Fenster, nur den schmalen Eingang mit der Brettertür, sodass der Leichengeruch im Höhleninnern deutlicher wahrnehmbar war. Pia hatte mit der Schutzkleidung und den Überschuhen auch einen Mundschutz angelegt. Sie war auf alles gefasst, als sie eintrat. Der sich erbrechende Spurensicherungsfachmann hatte sie mental darauf vorbereitet, dass ihr an diesem beengten, dunklen Ort etwas Schlimmes bevorstand. Das half. Doch es reichte noch nicht an die Realität heran. Die Fantasie kann das reale Grauen und die Hoffnungslosigkeit nicht vorwegnehmen und schon gar nicht mildern.

Die Frau, das Mädchen, ihr toter Körper, lag an der rechten Wand der kleinen Höhle, kurz hinter dem Eingang. Zuerst sah Pia nur etwas Helleres schimmern, das sie groteskerweise an Walknochen oder ein Fossil denken ließ. Dann erfasste der Strahl ihrer Taschenlampe das Gesicht der Toten oder das, was davon übrig war. Der Anblick ließ Pia aufkeuchen, obwohl sie fest entschlossen gewesen war, sich vor Rist keine Blöße zu geben. Doch auch er stieß einen unterdrückten Ausruf aus, als Licht auf das Gesicht der Toten fiel. Mit zittriger Hand ließ Pia den Lichtschein weiterwandern.

Die Frau war nackt, jedoch teilweise von einer alten marineblauen Arbeitsjacke bedeckt. Sie lag mehr neben als auf einer grauen Packdecke, die auf dem feuchten Höhlenboden ausgebreitet worden war. Die Haut der Toten war teilweise bläulich verfärbt. Ihr Gesicht und die Hände waren angefressen, wahrscheinlich von Ratten oder anderen Bewohnern des Waldes. An den Fingerkuppen und der Nasenspitze konnte Pia die feinen Knochen sehen. Auch Insekten, Ameisen und Würmer hatten schon ihren Weg in die Höhlungen des Leichnams gefunden. Wo Nase, Augen und Lippen der Toten gewesen waren, klafften entstellende Löcher, sodass eine groteske, vorwurfsvolle Fratze die Eindringlinge anstarrte. Unmöglich zu sagen, wie die Frau ausgesehen hatte, als sie noch am Leben gewesen war. Ein Ohrläppchen war abgefressen, und der kleine goldene Ohrring auf dem Erdboden brach Pia beinahe das Herz.

»Sie war hier eingesperrt. Sie muss versucht haben, die Tür von innen zu öffnen«, sagte Rist und deutete auf die braunen Kratzspuren an der Innenseite. »Ihre Hände haben danach geblutet, deshalb auch der Tierfraß vornehmlich an Händen und Gesicht.«

»Woran ist sie wohl gestorben?«

Der Körper sah entsetzlich dünn aus, doch Pia wollte sich nicht vorstellen müssen, dass sie hier verhungert, verdurstet oder erfroren war. Und doch … auszuschließen war das nicht.

Rist beugte sich ein Stück zu der Leiche hinunter und leuchtete punktuell mit der Lampe auf sie hinab: »Der Schädel scheint intakt zu sein, aber da sind Verfärbungen und Quetschungen im Halsbereich und an den Handgelenken. Sie könnte gefesselt und gewürgt worden sein.« Er richtete sich wieder auf. Pia konnte seine Betroffenheit und sein Entsetzen zwar nicht sehen, doch sehr gut an seiner gepressten Stimme hören. »Das werden unsere Fachleute alles rausfinden.«

»Wie lange ist sie wohl schon tot?«, fragte Pia mehr sich selbst als ihren Kollegen. »Ein paar Tage bestimmt.«

»Ja, aber noch keine Woche, würde ich sagen. Dann wäre noch viel weniger von ihr übrig.«

»Da liegt noch was neben ihr«, sagte Pia und ging langsam in die Hocke. Der Schein der Lampe erfasste leere Konservendosen, in denen sich mal Corned Beef befunden hatte, Verpackungen von Schokoriegeln mit Kokos, eine leere Plastikflasche. Die Dosen waren am Rand stark verformt.

»Sie hat wohl versucht, mit den leeren Konservendosen die Tür zu öffnen«, sagte Pia und hoffte, dass ihre Stimme nicht versagte. »Da sind diese Abschabungen und Dellen an der Innenseite der Tür.« Ein hoffnungsloses Unterfangen, dachte sie, und doch, soweit es ersichtlich war, waren die Dosen die einzigen harten Gegenstände in dieser Höhle und damit die einzige Chance der Frau gewesen. Ihre einzige Chance, nicht allein in ihrem kalten, dunklen Gefängnis zu sterben.

Als Pia aus der Höhle herauskam, war ihr – seit gefühlt hundert Jahren – mal wieder danach, eine Zigarette zu rauchen. Sie lehnte sich gegen einen Baum, der in ausreichender Entfernung zum Eingang der Höhle stand, und verschränkte fest die Arme vor der Brust. Sie sah hoch in die kahlen Baumwipfel. Natürlich hatte sie keine Zigaretten bei sich. Wir sollten so etwas zu medizinischen Zwecken mit uns führen, dachte sie. Was sie auf die Idee brachte, dass etwas Alkoholisches jetzt auch nicht zu verachten wäre. Obwohl sie ihre dicksten wasserdichten Stiefel trug, waren ihre Zehen gefühllos. Sie zitterte, und ihr Magen rumorte.

Rist, der schweren Schrittes auf sie zukam, sah ebenfalls aus wie ausgespuckt. Er stellte sich neben sie und wischte sich mit den Händen über das Gesicht. »Ich hatte ja mit vielem heute gerechnet«, sagte er. »Aber damit nicht.«

»Mit so etwas kann man nicht rechnen«, antwortete Pia. »Dann würden wir morgens nicht mehr aufstehen.« Sie hörte sich komisch an. Ihre Lippen waren gefühllos. Ihre Nase war zu, und in ihren Augen brannten ungeweinte Tränen um das Schicksal dieser jungen Frau.

»Wer sie wohl war?« Eine Frage, auf die ihr Kollege keine ernsthafte Antwort erwartete. Auch Rist schien einfach nur reden zu wollen, um die Fassung zu bewahren. Einen kurzen Moment machte sie das gemeinsame Schreckenserlebnis zu Verbündeten.

Die Durchsuchung des Geländes wurde mit einiger Verzögerung fortgesetzt. Die Nachricht vom Leichenfund verbreitete sich unter den Beamten und schien sie, trotz der Tatsache, dass es eine schreckliche und Furcht einflößende Wendung in dieser Ermittlung bedeutete, zu motivieren. Niemand murrte mehr über die Temperaturen, das unwegsame Gelände oder die nassen Füße. Stattdessen herrschte fieberhafter, beinahe euphorischer Arbeitseifer.

Dafür leben wir bei der Polizei doch alle, dachte Pia, als sie die Veränderung in der Gruppe spürte. Auch wenn Gerechtigkeitssinn und der Dienst an der Gemeinschaft als Motiv gern in den Vordergrund gestellt wurden. Sie alle lebten und arbeiteten unter anderem für den Thrill, die Extremsituation und die Gemeinschaft, in der sie an solchen Ereignissen aktiv teilhaben konnten.

Doch sie selbst fühlte sich in diesem Moment wie gelähmt, bekam die Vorstellung, wie die Frau einsam in der dunklen Höhle gestorben war, nicht aus dem Kopf. »And therefore never send to know for whom the bell tolls …« John Donne. Immer war es auch eine Idee vom eigenen Sterben. Mit jedem Einschlag in unmittelbarer Nähe wurde die Tatsache der eigenen Sterblichkeit realer, greifbarer – und blieb gleichzeitig ein unergründliches Geheimnis.

Rist hatte sie nach dem Leichenfund aus der Gruppe beordert und dazu eingeteilt, mit ihm und den Spurensicherungsleuten am Fundort zu bleiben. Sie zog mit einem Mitarbeiter des K6 Absperrband um den Zugang zu der Höhle und erwartete mit Rist die Ankunft des Rechtsmediziners und des Staatsanwaltes. Die vertraute und anspruchslose Tätigkeit half ihr, ihre Fassung wiederzugewinnen.

Die übrigen Beamten hatten in der Reihenformation nach und nach den Fundort hinter sich gelassen. Bald hörte Pia von ihnen nur noch vereinzelte Stimmen, wenn sie einander kurze Anweisungen zuriefen. Rists Funkgerät knarzte. Einer der Polizisten meldete einen weiteren Fund. Hinter einem Knick lehnte ein Fahrrad an einem offenen Weidegatter. Es war vom Weg aus nicht zu sehen gewesen. Der ungewöhnliche Ort ließ vermuten, dass der Besitzer es absichtlich außer Sichtweite abgestellt hatte. Es hieß, es sei ein modernes, teures Mountainbike mit nur wenig Flugrost an den Felgen.

Wochenenden waren so was von überflüssig! Anneke Wiese gingen die Stille in ihrem Haus, das Ticken der Küchenuhr und das leise Brummen des Kühlschranks auf die Nerven. Sie hatte ihr Büro unter dem Dach verlassen, um sich einen Kaffee zu kochen und ein paar schwedische Zimtröllchen dazu zu holen. Zucker als Tröster in jeder Lebenslage. Aber beim Hinuntergehen hatte sie gedacht, dass sie heute gar nicht wieder zurück nach oben gehen wollte. Zwischen den hochgedämmten Wänden und den dreifach thermopaneverglasten Fenstern schien nicht nur die warme Luft, sondern auch die Zeit gefangen zu sein. Ich befinde mich in einem Zeit-Vakuum, dachte sie und versuchte, der aufkommenden Panik Herr zu werden. Das Haus hatte eine Zwangsbelüftung, man brauchte sich über das Lüften keine Gedanken mehr zu machen. Ja, Lüften war in der Heizperiode sogar kontraproduktiv. Annekes Zwang, morgens die Fenster aufzureißen und durchzuatmen, hatte schon manche Diskussion zwischen ihr und Gernot ausgelöst. Aber er war ja nicht da.

Gernot war bald nach seiner seltsamen Joggingrunde und dem gemeinsamen späten Frühstück nach Bad Schwartau aufgebrochen. Er wollte ein wenig im Café arbeiten, »seinem« Café, wie er es immer nannte, und hatte nicht mal gefragt, ob ihr vielleicht ebenfalls die Decke auf den Kopf falle. Mit der ihm eigenen Sensibilität, die nur für seine Stimmungen empfänglich war, war ihm wohl entgangen, dass die Vorfälle bei den Fuhrmanns sie ebenfalls stark verunsicherten. Sie hatte Beklemmungen. Sie brauchte Luft!

Anneke Wiese stellte sich an die Terrassentür und riss sie auf. Von hier aus blickte man in Richtung Südosten zur Straße hin. Zwei Wagen bogen zum Röperhof ab. Die Durchsuchungsaktion war also noch nicht zu Ende. Der zweite Wagen war … ein Leichenwagen. Ein Windstoß fuhr unter ihre Bluse. Anneke wich zurück. Die offene Terrassentür war doch keine gute Idee gewesen. Und die frische, ja eisige Luft half ihr überhaupt nicht.

Dieser verdammte Leichenwagen war ein schlechtes Omen. Sie wollte, sie hätte ihn nicht gesehen. Doch rückgängig machen ließ sich die Beobachtung nicht. Warum hatte sie ausgerechnet jetzt hinausgeschaut? Den lieben langen Tag fuhr niemand diese Straße hinunter, nur gerade in diesem Moment, da sie an der Tür stand. Verdammtes Pech. Das machte die Ereignisse auf dem Nachbargrundstück so erschreckend real. Sie fragte sich, was die Durchsuchung ergeben hatte. Was, nein, wen die Polizisten tot aufgefunden hatten? Waren die Fuhrmanns doch nicht verreist? Wie hatte sie das je glauben können? Also waren sie noch da – nur tot? Dann hatte die Polizei also ihre Leichen gefunden.

Mit dieser Erkenntnis, die ihr wie ein kalter Eisklumpen im Magen saß, schloss Anneke die Tür wieder, um die öde Landschaft, die Gedanken an ihre Nachbarn, an Polizeitrupps und Leichenwagen aus ihrem Haus auszusperren. Es gelang ihr nicht. Sie ließen sich nicht aussperren. Sie waren längst schon mit ihr hier drinnen. Anneke musste sich ablenken. Und da sich ihr Auto, ein italienischer Sportwagen, in der Werkstatt befand, war sie auch ohne fahrbaren Untersatz. Sie zog sich ihre Daunenjacke, Mütze, Schal und Winterstiefel an und verließ das Haus.

Als die Tür ins Schloss fiel, wusste sie gleich, was sie vergessen hatte: den Haustürschlüssel, ihr Handy und ihr Geld. In ihrer Jackentasche befanden sich eine angebrochene Packung Papiertaschentücher und ein leeres Paket Zahnpflegekaugummis. Na super! Wütend hieb sie mit der Faust gegen die Tür, aber sie war einbruchssicher. Beim Bau hatten sie selbstverständlich auf höchsten Sicherheitsstandard geachtet. Und kein Fenster stand offen, natürlich nicht!

Normalerweise würde sie jetzt zu Elsa gehen, um von ihr aus zu telefonieren … mit Gernot, der den zweiten Schlüssel mit sich führte. Er würde kommen, mit der Haltung eines Mannes, der mal wieder für seine Frau den Karren aus dem Dreck ziehen muss. Doch er würde kommen. Im Stillen würde ihm das vielleicht sogar eine gewisse Genugtuung verschaffen. Zur Not könnte sie auch einfach nur den Schlüsseldienst anrufen. Oder aber Armin Fuhrmann würde ihr helfen, der eine Menge martialisch aussehender Werkzeuge sein Eigen nannte. Mit denen könnte er bestimmt auch ihrer Tür zu Leibe rücken. Aber der Röperhof kam ja jetzt nicht mehr infrage.

Anneke rieb sich den unter der Mütze juckenden Haaransatz. Ihre nächste Option war wohl oder übel die Dorfkneipe. Sie seufzte, weil sie eigentlich nie dorthin ging. Nicht freiwillig jedenfalls, und das wussten die Einheimischen. Allen voran natürlich der seltsame Wirt und seine Dauerfreundin. Sie hieß Martina Franke, doch er nannte sie seine »Madame«. Anneke schüttelte sich und stapfte los.

Die Gaststube des Lindenhofs war unerwartet voll, der Geräuschpegel gedämpft, und es roch nach feuchten Jacken, Kaffee, Kuchen und dem Bier vom Vorabend. Beinahe jeder der Tische am Fenster war besetzt, und auch an der Bar saßen und standen die Leute. Mit so viel Trubel hatte Anneke gar nicht gerechnet. Aber vor dem Betreten des Gasthofs war ihr aufgefallen, dass die Scheiben von innen beschlagen waren, das hätte sie vorwarnen müssen.

Anneke zog sich die Mütze aus und öffnete ihre Jacke. Sie stellte sich an die Bar und wartete. Der Wirt stand am anderen Ende des Tresens, in ein Gespräch vertieft, und beachtete sie nicht. Absichtlich? Sei nicht blöd!, ermahnte sie sich. Ein Leichenwagen vor dem Haus, und schon fühlst du dich bedroht. Das ist kein böses Omen. Hier sind keine üblen Mächte am Werk. Ein Mensch ist gestorben, während deine Nachbarn im Urlaub sind. Nicht schön, aber auch nicht der Weltuntergang. Und nun hast du dich ausgesperrt. Na und?

Der Wirt rührte sich immer noch nicht, doch seine »Madame« kam zu Anneke herüber, nachdem sie zwei Tassen Kaffee und eine Cola an einem der Tische serviert hatte. »Heute gibt’s frisch gebackenen Butterkuchen«, sagte Martina Franke statt einer Begrüßung. »›Freud-und-Leid-Kuchen‹ heißt es doch.«

»Sagen Sie, ist was mit den Fuhrmanns?«, fragte Anneke sie halblaut.

»Sind Sie nicht die Nachbarin?« Sie zog die nachgemalten, kohlefarbenen Augenbrauen in die Höhe.

»Ja, Anneke Wiese. Ich wohne in dem grauen Holzhaus an der Straße.« Die Vorstellung war eigentlich längst überfällig, auch wenn die Leute im Prinzip wussten, wer sie war. »Ich muss bei Ihnen telefonieren. Ich bezahle das selbstverständlich«, fügte sie hinzu.

Die Frau reichte ihr einen Apparat. »Geht aufs Haus, meine Liebe. Solange es kein Auslandsgespräch ist.«

Anneke wählte die Mobilnummer ihres Mannes und erklärte ihm, was ihr passiert war. Im Hintergrund hörte sie klapperndes Geschirr, Stimmengewirr und ein Milchaufschäumgerät bei der Arbeit. Ein Kind kreischte, eine Frequenz, die so hervorragend übertragen wurde, dass Anneke sich das Telefon ein Stück vom Ohr weghalten musste. Wie konnte er so arbeiten? Er versprach, in der nächsten halben Stunde in den Lindenhof zu kommen.

Nach dieser Zusage entspannte sich Anneke ein wenig. Sie brachte ihre Sachen zur Garderobe und setzte sich auf einen der Barhocker. Erst als der Mann neben ihr sich umdrehte, erkannte sie, wer er war. Heute in Zivil, Jeans und Fleecejacke, nicht in kurzen Hosen. Statt des Zopfes fielen ihm die Surferlocken auf die Schultern. Ihr Briefträger Benjamin Bredow.

»Moin, Frau Wiese. Jetzt ist ja gleich ganz Groß Tensin hier versammelt«, sagte er und sah sie amüsiert an. »Jeder giert nach Neuigkeiten, keiner weiß was Genaues.«

»Ich weiß auch nichts«, sagte sie abwehrend. »Und ich bin auch nur hier, weil ich mich eben ausgesperrt habe.« Sie war albernerweise froh, ihn zu sehen. Wahrscheinlich nur, weil sie unter all den fremden Gesichtern immerhin seines kannte. Der Wortwechsel mit ihm gab ihr ein Gefühl der Dazugehörigkeit. Weniger Alien auf Erdmission. Wenn Gernot sie allerdings hier zusammen mit Bredow sitzen sah, womöglich in ein Gespräch vertieft, wäre das Wasser auf seine Mühlen. Aber es konnte noch dauern, bis er kam. Anneke kannte ja seine »halben Stunden«. »Ich hätte gern einen Cappuccino«, sagte sie zu der Wirtin. »Mit Milchschaum, bitte.«

»Tut mir leid. Dafür müssen Sie in die Stadt fahren. Hier bei uns gibt es nur Filterkaffee, und wenn’s hoch kommt, Kaffeesahne.«

»Okay, dann nehme ich einen Kaffee. Aber mit normaler Milch, wenn es geht. Die werden Sie doch wohl haben?«

Die Frau seufzte, servierte wenig später eine Tasse Kaffee und knallte einen Tetrapak mit H-Milch daneben. »Wirklich keinen Kuchen?«

»Doch, ich nehme ein Stück«, sagte Anneke. Sie hatte die Zimtröllchen zu Hause ausfallen lassen, und der Fußmarsch hierher hatte ihr Appetit gemacht.

»So voll ist es sonst nicht. Und Kuchen gibt es auch nicht immer. Die sind alle wegen der Durchsuchung auf dem Land Ihrer Nachbarn hier«, informierte Bredow sie, als Herberts »Madame« ihnen wieder den Rücken kehrte. »Die wollen alle genau wissen, was in ihrer Umgebung los ist. Ob sie sich bedroht fühlen müssen.«

Bedroht? So weit hatte Anneke bisher noch gar nicht gedacht. Bestand denn Grund dazu? Würde sie jetzt etwa zusammenzucken, wenn sie allein war und ein Geräusche hörte? Es gab viele unerklärliche Geräusche in ihrem Haus, einfach weil das Holz immer noch arbeitete.

»Hat die Polizei denn schon was gefunden?«, fragte sie, obwohl sie glaubte, es besser zu wissen. Von sich aus würde sie nichts preisgeben. Neugierig war sie natürlich schon. Außerdem empfand sie die Gesellschaft Benjamin Bredows als angenehm. Er hatte ein offenes Gesicht und ein jungenhaftes Glitzern in den Augen. Eine Leichtigkeit, die Gernot vollkommen abhandengekommen war.

»Noch eine Leiche«, sagte der Briefträger ernst. Er senkte die Stimme und sah Anneke in die Augen. »Sie haben sie im alten Eiskeller gefunden. Die Frau war nackt … und sie ist dort drinnen verhungert, heißt es.«

Der Teller mit einem riesigen Stück Butterkuchen landete schwungvoll vor Anneke auf dem Tresen. Er war dick und weich, dabei sehr zuckrig, und die Mandeln glänzten vor Fett. Doch sie konnte ihn nicht anrühren, jetzt, da ihre böse Ahnung bestätigt worden war.

»Eiskeller? Eine tote Frau?«, stieß sie hervor.

»Der Eiskeller stammt noch aus der guten alten Zeit, als es keine Gefriertruhen gab. Es ist im Grunde eine künstlich angelegte Höhle mit einer Tür davor. Und es soll eine Leiche drin gelegen haben. Sah wohl fies aus.«

»Wer sagt das denn?«, fragte Anneke.

»Gut unterrichtete Quellen.« Er kniff die Augen zusammen. »Sie sind gerade dabei, die Tote wegzubringen. Ein Helfer vom Bestattungsinstitut hat den Herbert angerufen.«

»Das kann ich jetzt irgendwie nicht so richtig glauben«, entfuhr es Anneke. Doch sie hatte den Leichenwagen auf dem Weg zum Röperhof ja selbst gesehen.

Benjamin Bredow beugte sich zu ihr, um direkt in ihr Ohr zu sprechen. Sein Atem kitzelte sie am Hals. »Vielleicht müssen wir jetzt langsam mal anfangen, es zu glauben. Es gab ja immer mal wieder diese Gerüchte.«

»Worüber?«

»Über ein Mädchen auf dem Röperhof.«

»Ich verstehe nicht …«

Er sah sie überrascht an. »Noch nie gehört? Es hieß doch des Öfteren, dass die Fuhrmanns dort ein Mädchen gefangen halten. Ich hab das nie geglaubt, sondern die Geschichte für eine typische ›Yuccapalme‹ gehalten.«

Anneke sah ihn verständnislos an.

»Thilo hat ja immer viel erzählt, wenn der Tag lang war. Von Mädchen und so. Ich dachte, es sei nur eine dieser Geschichten wie Die Spinne in der Yuccapalme

»Ich versteh kein Wort.«

»Solche Gruselgeschichten, moderne Sagen. Haben Sie bestimmt auch schon mal gehört. Jeder kennt diese Art von Storys. Und natürlich ist es dem Freund eines Freundes genau so passiert. Zum Beispiel die Geschichte, wo die Frau nach einem One-Night-Stand eine Ratte im Schuhkarton geschickt bekommt. Darin ein Zettel: Willkommen im Aids-Club. Moderne Sagen eben.«

»Doch, die kenne ich. Das ist der Freundin der Nichte meines Chefs passiert. Angeblich«, setzte Anneke hinzu.

»Genau. In Wirklichkeit ist es aber niemandem so ergangen. Es sind Horrorgeschichten, die rumgehen und den Leuten Angst einjagen sollen. Aber das mit der Leiche im Eiskeller, das ist jetzt wirklich unheimlich. Ich meine, wer hätte gedacht, dass da tatsächlich mal ein Mädchen auftaucht?«

12. Kapitel

»Noch mehr Leichenfunde, und wir sehen bald alle aus wie Sumo-Ringer«, kommentierte Broders die leeren Pizzakartons, die sich in einer Ecke des Raumes stapelten. Er strich sich über den Bauch.

»Ich würde eher sagen, die Ehe bekommt dir zu gut«, entgegnete Pia.

»Ehe? Schön wär’s!«

»Lebenspartnerschaft?«

»Sogar mit Patchwork-Anhang oder wie das heißt.«

»Wenn schon, denn schon.«

Im Besprechungsraum der Bezirkskriminalinspektion roch es nach Knoblauch und Fett, doch zum gründlichen Lüften war es allen zu kalt. Sie waren allesamt durchgefroren nach der Durchsuchungsaktion, die sich durch den Leichenfund noch um einiges in die Länge gezogen hatte.

Kürschner stand auf. »Ich hab was über den Fundort der zweiten Leiche herausgefunden«, berichtete er. »Die Höhle ist nicht natürlichen Ursprungs, sondern als Eiskeller angelegt und genutzt worden.«

»Wozu dort ein Eiskeller?«

»Brauereien, Gasthäuser und Güter besaßen früher oft Eiskeller, und dieser hier gehörte zu einem ehemaligen Gut, von dem nur noch der Röperhof übrig geblieben ist. Typisch sind der kleine gemauerte, nach Norden ausgerichtete Eingang, die unterirdische Lage und die Halbkugelform des Innenraumes, die ein gutes Verhältnis von Oberfläche zu Inhalt bietet und dem Erddruck besser standhält.«

Rist strich sich ungeduldig durch das borstige Haar.

»Um den Eisbehälter kühl zu halten, sind die Wände eines Eiskellers massiv angelegt, die Tür ist normalerweise äußerst stabil«, fuhr Kürschner fort, der bei harten Fakten in seinem Element war. »Die Temperatur im Innenraum beträgt im Jahresmittel acht bis zehn Grad. Um diese Jahreszeit dürfte es allerdings noch etwas kühler gewesen sein.«

»Wir wissen noch nicht, wie lange sich das Opfer in dem Eiskeller aufgehalten hat«, mischte sich Rist nun ungeduldig ein. »Es können Stunden oder auch mehrere Tage gewesen sein, bevor die Frau dort dann auch gestorben ist.«

»Was ist nach der ersten Einschätzung des Rechtsmediziners die Todesursache?«, fragte Pia.

»Kinneberg sagt, letzten Endes läuft es auf Herzstillstand hinaus. Aber die Tote war mit hoher Wahrscheinlichkeit unterkühlt, dehydriert, schlecht ernährt, und … sie ist vor ihrem Tod wohl misshandelt worden. Ob sie auch vergewaltigt worden ist, wird die Obduktion ergeben. Es sind sichtbare Fesselungsmale an den Handgelenken und Würgemale am Hals und im Brustbereich zu erkennen. Doch keine dieser Verletzungen war tödlich. Was von all diesen Umständen ihren Tod letztlich verursacht hat, ist mir dabei beinahe egal«, sagte er etwas heftiger. »Wir werden herausfinden, wer dafür verantwortlich ist. Dafür werde ich alle Hebel in Bewegung setzen und jeden Knopf drücken, den ich finden kann!« Das war eine ungewohnt emotionale Ansage für Manfred Rist.

Auch Pia war das Bild, das sich ihr im Eiskeller geboten hatte, außergewöhnlich nahegegangen. Es war unmöglich, danach nach Hause zu gehen und so zu tun, als wäre der Job nur ein Job. Sie würde das Kopfkino, die Vorstellung, was das Mädchen in der Höhle erlebt hatte, nicht abstellen können. Pia wünschte beinahe, sie hätte es nicht gesehen.

»Auch wenn wir noch nicht die genaue Todesursache kennen: Es ist mit Sicherheit Fremdverschulden im Spiel«, stellte Gerlach grimmig fest.

Pia nickte. »Es fällt schwer, sich ein mögliches Szenario auszumalen, bei dem das Ganze auf einen Unfall oder Selbstmord hinausläuft. Die Tür war von außen verschlossen. Außerdem sind da ja auch noch die Spuren von Gewalteinwirkung am Körper der Frau.«

»Wissen wir wenigstens schon, wann das Opfer dort gestorben ist?«, fragte Olaf Jantzen mit neutraler Stimme. Pia konnte nicht anders. Sie hatte den Eindruck, dass er die neue dramatische Wendung seines Falls auch ein ganz klein wenig genoss.

»Laut der ersten Schätzung unseres Rechtsmediziners ist der Tod ungefähr Anfang bis Mitte der Woche eingetreten. Wegen der niedrigen Temperaturen ist es schwierig, den Todeszeitpunkt weiter einzugrenzen.«

»Verdammt!«, entfuhr es Pia.

Rist und auch die anderen sahen sie fragend an.

»Dann lebte sie vielleicht noch, als wir am Donnerstag allesamt auf dem Hof waren.« Die Vorstellung war entsetzlich. Vielleicht hätten sie sie retten können, wenn die Ermittlungen anders verlaufen wären. Wenn sie eher das Gelände abgesucht hätten … Doch dann fielen Pia der starke Tierfraß an der Leiche und der leichte Verwesungsgeruch ein. Nein, am Donnerstag hatte die Frau bestimmt nicht mehr gelebt.

Im weiteren Verlauf der Besprechung kam auch das an einem Weidegatter aufgefundene Fahrrad zur Sprache, das vermutlich Ulf Nielsen gehört hatte und mit dem er zum Land der Fuhrmanns gefahren war. Dies musste allerdings erst noch nachgeprüft werden.

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