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Mord ist aller Laster Anfang

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Epilog

Über dieses Buch

Der verkrümmte Leichnam einer Siam-Katze und die des dazugehörigen Besitzers: Das ist Meredith Mitchells erster Eindruck von dem kleinen Städtchen Westerfield, wo sie eigentlich nur an der Hochzeit ihrer Nichte teilnehmen wollte. Nun aber wird sie in einen komplizierten Mordfall verwickelt und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln - sehr zum Missfallen von Inspektor Markby, der sich nicht nur beruflich für Meredith interessiert. Mord ist aller Laster Anfang ist der Auftakt einer Reihe von Kriminalromanen im klassisch englischen Stil um das liebenswerte Detektivpaar Meredith Mitchell und Alan Markby.

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Kriminalromanen »Wer sich in Gefahr begibt« und »Neugier ist ein schneller Tod« knüpft sie mit «Stadt,Land, Mord«, dem ersten Band der Reihe um Inspector Jessica Campbell, wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

Ann Granger

Mord ist aller
Laster Anfang

Ein Mitchell & Markby Roman

Aus dem Englischen von
Edith Walter

KAPITEL 1

Der Lift ging schon wieder nicht. Meredith Mitchell starrte ihn wütend an – sie war müde nach einem anstrengenden Tag, zerknittert von der Heimfahrt in einer überfüllten Straßenbahn und staubig von dem Gang durch die sonnigen Straßen. Daß der Lift nicht funktionierte, war weder neu noch überraschend. Er war ein Museumsstück mit reich verzierten Gitterstäben und sah aus wie ein Affenhaus im Privatzoo eines viktorianischen Sammlers. Die Gitterstäbe liefen an der Spitze in metallene Laubverzierungen aus, die stolz zur Schau gestellte Fördervorrichtung mit Tragseil, Steuerseil und Führungsschiene glich einem der technischen Geräte aus dem »Jahrbuch für Jungen«. An einem der metallenen Akanthusstiele war eine Metalltafel befestigt, auf der eine Inschrift auf deutsch verkündete, daß dieser Lift in der Blütezeit der österreichisch-ungarischen Monarchie eingebaut worden war. Irgendein Witzbold hatte, vermutlich von einer Reise nach Wien, eine Ansichtskarte mit dem Porträt von Kaiser Franz Josef mitgebracht und in die Liftkabine geklebt. Dort blieb sie hängen und wurde von dem betagten ungarischen Hausmeister mit jener Ehrfurcht behandelt, die normalerweise Heiligenbildern vorbehalten bleibt. Meredith schnitt dem schnurrbärtigen alten Kaiser in dem blauen Militärmantel mit Messingknöpfen eine Grimasse. Heute hatten Seine Kaiserliche Hoheit den Lift ganz für sich allein.

Sie nahm ihre Aktenmappe auf und begann die sanft geschwungene steinerne Treppe zu erklimmen, wobei sie sich müde am Treppengeländer abstützte. Obwohl überall die Farbe abblätterte, unter der Decke Spinnweben hingen und man den Eindruck hatte, daß das ganze Gemäuer allmählich zu Staub zerfiel, besaß der Wohnblock noch etwas von der Eleganz des Fin de siècle: Die Treppe, über die Meredith sich jetzt zur dritten Etage hochschleppte, war breit genug für Krinolinen. Aber die Heizung arbeitete nur selten richtig, die Installationen waren abenteuerlich, im Keller gab es Ratten, und manchmal nahm eine von ihnen die falsche Abzweigung und verirrte sich in eines der oberen Stockwerke. Meredith hatte einmal spät abends die Wohnung verlassen und auf der Türschwelle eine Ratte gefunden, die sich den Bart putzte. Dennoch liebte sie das Haus und beneidete die anderen Konsulatsangestellten nicht um ihre moderneren Wohnungen in den seelenlosen Betonbauten draußen in der Wildnis der neuen Vorstädte. Es rückte die Dinge in die richtige Perspektive; es blinzelte dem Besucher verschwörerisch und ein bißchen durchtrieben zu wie ein welker alter Beau, der noch nicht allen Schneid verloren hat. Die Zeit sorgt schließlich immer auf die eine oder andere Weise dafür, daß unsere Ambitionen nicht in den Himmel wachsen.

Endlich stand sie vor ihrer Tür – ein wenig außer Atem und ins Schwitzen geraten in dem stickigen Treppenhaus. Marija, die Putzfrau, war heute hiergewesen und hatte den Messingbriefkasten, auf dem noch in verblaßter gotischer Schrift das deutsche Wort »Briefe« stand, auf Hochglanz poliert. Natürlich machte sich heute kein Postbote mehr die Mühe, seine Tasche mit den Briefen hier heraufzuschleppen. Er warf die Post in die numerierten Metallkästen, die unten in der Vorhalle an der Wand hingen. Das heißt, die Post der anderen Leute. Merediths private Post, sofern sie welche erhielt, kam in einem Leinensack zusammen mit der Diplomatenpost, die regelmäßig vom Kurierdienst zugestellt wurde. Tatsächlich aber kam es nur selten vor, daß sie überhaupt private Briefe erhielt.

Die Leute daheim vergessen einen zwar nicht, wenn man mehrere Jahre im Ausland gearbeitet hat, aber die Verbindung aufrechtzuerhalten wird immer schwieriger. Das zumindest sagte sich Meredith. Die Lebenswege verlaufen in unterschiedlichen Richtungen, und wenn man immer weniger gemeinsam hat, verliert man sich schließlich aus den Augen. Merediths Eltern lebten nicht mehr, und sie hatte weder Bruder noch Schwester. Sie korrespondierte, mit zeitweiligen Unterbrechungen, mit zwei alten Schulfreundinnen – eine von ihnen hatte letzte Weihnachten keinen Brief geschrieben, nur eine Karte geschickt, und zum nächsten Weihnachtsfest würde wahrscheinlich auch die ausbleiben –, aber beide waren verheiratet, hatten sich um eine immer größer werdende Kinderschar zu kümmern und nahmen ganz richtig an, daß Meredith an einer minutiösen Schilderung ihres Familienalltags nicht interessiert sein würde. Ihre einzige nahe Verwandte, eine Cousine, war zugleich die einzige, die nicht unter diese Kategorie fiel. Eve Owens führte ein abwechslungsreiches Leben, in dem die häuslichen Dinge stets eine geringere Rolle spielten als die Ereignisse in dem Bereich, den sie »das Busineß« nannte. Sie beide schafften es, in Verbindung zu bleiben. Gerade noch. Ob es gut war, war eine andere Sache.

Heute war ein Brief eingetroffen, der Meredith mit Freude, aber auch mit Unbehagen erfüllte. Neuigkeiten von Eve zu erfahren brachte sie immer etwas durcheinander. Sie rührten alte, halb versunkene Erinnerungen wieder auf, die man am besten ruhen lassen sollte. Toby Smythe, der Vizekonsul, der die private Post immer als erster durchsah, hatte ihn mit einem bedeutsamen »Hier, der ist offenbar für Sie!« zu Meredith hineingebracht, was daran lag, daß Eve unbedacht ihren Namen und ihre Adresse auf die Rückseite des Couverts geschrieben und Toby beides gelesen hatte. Neugierige Fragen brannten ihm auf den Lippen, doch der stählerne Blick aus Merediths Augen hinderte ihn daran, sie zu stellen – vorläufig. Sie hatte den Brief mit einem knappen »danke« entgegengenommen und ihn auch nicht geöffnet, nachdem Toby sich widerwillig verzogen hatte. Sie legte ihn auf ihren Schreibtisch und betrachtete ihn eine Weile, bevor sie ihn, noch immer ungeöffnet, hastig in die Tasche stopfte. Als sie jetzt nach ihrem Schlüssel suchte, brachte sich der Brief, als ihre Finger ein knisterndes, steifes Etwas streiften, wieder in Erinnerung.

»Du wartest noch ein bißchen«, sagte Meredith lautlos zu dem Brief. Sie schloß auf und betrat die Wohnung. Marija war selbst nicht mehr da, hatte aber den Geruch von Bohnerwachs zurückgelassen. Meredith ließ die Tasche fallen, hängte den Mantel auf und ging in die Küche, um den Kessel aufzusetzen. Wie für Wohnungen aus dieser Epoche typisch, war jeder der Wohnräume riesig, die Küche hingegen eine winzige Kombüse mit Marmorfußboden, wo die Köchin, kaum imstande, sich umzudrehen, geschwitzt hatte, während die Familie in dem weiträumigen Salon saß und sich von einem Ende zum anderen nur schreiend verständigen konnte. Meredith ließ sich Zeit, trödelte herum und strich sich ein Erdnußbuttersandwich, das sie gar nicht wollte. Endlich trug sie Brief, Tee und Sandwich in das geräumige Wohnzimmer und stellte das Tablett auf ein modernes, protziges hölzernes Möbelstück, das den offiziellen Stellen wohl als angemessene Investition erschienen war. Der Augenblick, den sie so lange hinausgeschoben hatte, war da. Sie setzte sich in den letzten Glanz der Abendsonne, musterte den glatten elfenbeinfarbenen Umschlag mit einem mißtrauischen Blick und machte ihn auf.

Kein Wunder, daß er so steif war. Er enthielt einen Brief und eine Karte. Die Karte war, wie sich bald herausstellte, eine geschmackvoll gravierte Hochzeitseinladung. Einen Moment dachte Meredith, Eve wolle sich kopfüber in die vierte Ehe stürzen, doch bei einem schnellen Überfliegen der Karte sah sie, daß Sara, Eves Tochter und Merediths Patenkind, die Braut war.

Von neuem rief ihr aufwallendes schlechtes Gewissen die ferne Erinnerung an eine kalte Kirche und ein wimmerndes Baby in ihr wach. Vor ihrem inneren Auge erschien Eve, jung, hübsch und auf eine bezaubernde Weise mütterlich. Neben ihr stand Mike, der stolze Vater – er war ja so stolz auf seine winzige Tochter gewesen. Es hatte, außer Meredith, noch zwei weitere Paten gegeben, doch ihre Namen hatte sie vergessen. Sie war eine sehr junge Patin gewesen, und das Ereignis hatte schwer auf ihren Schultern gelastet. Sie hatte eine furchtbare Verantwortung gespürt. Und das Gefühl einer Schuld hatte an ihr gezehrt – einer Schuld, die sie dazu trieb, Eve, die sie in Wirklichkeit doch sehr liebte, hassen zu wollen. Sie war in jenem ganz besonderen Fegefeuer der Jugend gefangen, in Gefühle verstrickt, die sie erschreckten, die sie nicht verstand, die sie gleichzeitig himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt machten. Sie hatten ein bezauberndes, nach außen hin harmonisches Trio abgegeben, die hübsche Ehefrau und Mutter, ein schönes Baby und der stolze junge Vater und Ehemann. Meredith hatte ihnen direkt gegenübergestanden, an eine Säule gedrückt, sich hinter dem hohen gemeißelten Taufbecken aus Stein verbergend, sie hatte sterben, in die holprigen Steinplatten versinken wollen, die den Fußboden der uralten Kirche bildeten, sie wäre am liebsten direkt hinabgesunken in die darunterliegende Krypta, um sich dort den Toten zuzugesellen, die aller fleischlichen Pein entronnen waren. Damals hatte sie geglaubt, der schlechteste Mensch auf Erden zu sein.

Der Vikar stellte den Paten die übliche Frage: »Wollt ihr, im Namen dieses Kindes, dem Teufel und all seinen Werken widersagen, dem eitlen Pomp und falschen Glanz dieser Welt mit all ihren Begierden und den Begierden des Fleisches, auf daß ihr ihnen weder folgen noch euch von ihnen leiten lassen werdet?« Obwohl sie sich noch so sehr anstrengte, es zu verhindern, war ihr Blick in die Höhe gezogen worden, sie war, über das Taufbecken hinweg, Mikes Augen begegnet und hatte das Gefühl gehabt, daß alles, was in ihrem Herzen war, ihr jetzt wie ein Brandzeichen auf der Stirn stehen mußte, so daß alle es lesen konnten.

»Antworte!« hatte sie der Vikar unwirsch aufgefordert.

Undeutlich hatte sie gemurmelt: »Ich widersage« und konnte bis zum heutigen Tag nicht verstehen, warum nicht sofort ein Blitzstrahl sie getroffen und getötet hatte, dort, auf den abgetretenen Steinplatten. Sogar jetzt, mit Eves Brief und Karte in der Hand, war ihr, als könne sie das Kerzenwachs riechen und die erdige Feuchte, die in alten Steinen sitzt, und den Staub in den Betkissen. Sie hörte im Geist das Wasser spritzen, das weitärmelige Chorhemd des Priesters rascheln und das überraschte, leise Piepsen des Kindes in seiner Armbeuge.

Zuweilen, sagte Meredith sich später, wächst man aus der jugendlichen Verwirrung heraus, manchmal aber reift sie zu einer Verwirrung heran, die noch im Erwachsensein Bestand hat, und man kann sich ihr nur entziehen, indem man flieht. Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Zu gegebener Zeit nahm Meredith ihr Wanderleben auf. Von Posten zu Posten, von Land zu Land. Jetzt war sie hier, britische Konsulin, fünfunddreißig Jahre alt und sehr gut in ihrem Job. Meredith, so sagten alle, ist eine Karrierefrau. Aber sie war auch ein Flüchtling.

Das Schicksal hat jedoch die häßliche Unart, sich an unsere Rockschöße zu hängen. Jetzt war der wimmernde Säugling zur Frau herangewachsen und wollte heiraten. Das boshafte Schicksal mußte auf diesen Tag gewartet haben und führte jetzt, während es Meredith mit einem höhnischen Grinsen beim Lesen der Karte zusah, in der Ecke des Wohnzimmers einen gespenstischen kleinen triumphalen Tanz auf. Und es war, unleugbar, ein ziemlicher Schock, so plötzlich festzustellen, wie schnell die Jahre verflogen waren.

»Mann«, murmelte Meredith, »wie alt ist sie eigentlich?« Sie zählte schnell mit den Fingern nach. Neunzehn. »Verdammt, ich hab ihr zum Achtzehnten kein Geburtstagsgeschenk geschickt. Wann feiert man jetzt seine Großjährigkeit? Mit achtzehn oder einundzwanzig? Ich werde ihr etwas unglaublich Tolles zur Hochzeit schenken müssen. Wen um alles in der Welt heiratet sie überhaupt?«

Eine genauere Inspektion der Karte enthüllte, daß es sich um einen gewissen Jonathan Lazenby handelte. Wegen des Hochzeitsgeschenks würde sie sich von Eve beraten lassen müssen. Das letzte, was sie ihrer Erinnerung nach ihrem Patenkind geschickt hatte, war ein Kinderbuch gewesen. Sie begann den Brief zu lesen.

Du wirst doch versuchen zu kommen, nicht wahr, Merry? Eves ausladende Handschrift schwankte, mal nach links, mal nach rechts kippend, über die Seite, fiel hin und wieder sogar über den Rand und ließ dann Worte auf eine kuriose Weise unvollendet. Wir sind eine so kleine Familie. Wir haben überhaupt keine richtigen Verwandten, und die Lazenbys werden vermutlich in Armeestärke auftreten. Es wird eine ganz bescheidene Hochzeit, nur Familie, weißt du, und es wäre Sara peinlich, wenn unsere Seite der Kirche leer bliebe. Sie heiratet in unserer kleinen Dorfkirche, die praktisch nicht mehr benutzt wird und eigens geöffnet werden muß. Ich hoffe sehr, es riecht nicht muffig nach feuchten Kniekissen. Die Kirche hat hübsche bunte Glasfenster und wird sich auf den Hochzeitsfotos bestimmt gut machen. Zu Mikes Familie habe ich den Kontakt völlig verloren. Ich hätte ihn wohl aufrechterhalten sollen, nehme ich an, um Saras willen, aber so, wie die Dinge endeten, habe ich es nicht getan. BITTE KOMM AUF JEDEN FALL!

»So, wie die Dinge endeten«, wiederholte Meredith. Den Brief in der Hand, blieb sie ein paar Minuten in einer still gewordenen Welt sitzen. Eine Schmeißfliege, die gegen die Fensterscheibe stieß, holte sie in die Gegenwart zurück. Die Fliege lag auf dem Rücken und surrte völlig sinnlos mit den Flügeln. Meredith stand auf, schaufelte sie auf Eves Brief und beförderte sie aus dem Fenster. Ein Schwall warmer Spätnachmittagsluft wehte herein und brachte das Geräusch der Straßenbahnen mit, die einen Block entfernt vorüberklirrten. Plötzlich überkam sie eine überwältigende Sehnsucht nach England und nach einem Heim, das sie nicht auf dem Rücken mit sich trug wie eine Schnecke: die unbestimmte, verlockende Ahnung einer Welt mit Doppeldeckerbussen, Chintzbezügen, Sommerregen, der gegen Fensterscheiben prasselte, und getoasteten Teekuchen.

Warum sollte sie die Einladung nicht annehmen? Ihr stand noch jede Menge Urlaub zu, und sie brauchte eine Ruhepause. Es wäre schön, mit dabeizusein, wenn Mikes Tochter heiratete. Mike hätte es auch gefallen. Allerdings – wie würde es möglich sein für sie, in der Kirche zu stehen und nicht an jenen anderen Gottesdienst zu denken, an die Fragen und Anworten? Wie sollte sie dann nicht an Mike denken? Denn sie tat es noch immer, öfter, als gut für sie war, und ganz gewiß auch öfter, als es Sinn hatte. Sie schob die Einladung in das Couvert zurück. Die Entscheidung konnte warten. Nicht sehr lange zwar, denn der Hochzeitstermin war nicht mehr allzu weit entfernt, aber gewiß noch eine Woche, bis sie ihre Antwort dem nächsten für England bestimmten Postsack anvertrauen konnte. Es war ein langer Tag gewesen heute, sie fühlte sich unbehaglich und staubig, und ihre eigene Unentschlossenheit lastete zusammen mit einer Vielfalt anderer unbewältigter Gefühle auf ihr. Sie ging ins Bad und drehte die Hähne auf, um alles gründlich von sich abzuwaschen.

»Ich mag keine Hochzeiten«, sagte Alan Markby energisch. Er spähte zu einem Hängekorb hinauf. »Die Hitze schadet diesem Ding. Ich nehme es lieber weg.«

»Bißchen spät«, sagte sein Schwager Paul und wendete die Steaks auf dem Grill. »Ich fürchte, die Lobelie ist inzwischen gut geräuchert. Bleibt weg von hier, Kinder.«

Markbys Schwester Laura stand aus einem Liegestuhl auf, dehnte und streckte sich und dirigierte ihre Brut in eine Ecke, wo sie sich mit Coladosen niederließ und zudem, wie Markby resigniert feststellte, mit scheußlichen roten Eislutschern, die schneller zu tropfen begannen, als die kleinen Münder sie verspeisen konnten, und die Steinplatten seines Patios mit häßlichen scharlachroten Flecken sprenkelten. Er fragte sich, warum er sie eigentlich eingeladen hatte, damit sie ihm nun seinen Sonntagnachmittag verdarben. Schlechtes Gewissen, dachte er.

Laura, hinter einer riesengroßen Sonnenbrille versteckt, wandte ihr Gesicht der Sonne zu. Sie hatte einen hellen Teint, und ihr blondes Haar verwandelte sich, je weiter der englische Sommer fortschritt, in skandinavisches Weißblond. Sie war mittlerweile gut gebräunt und stellte lange, wohlgeformte Beine zur Schau. Markby dachte in einem Anflug von Humor: Ich habe noch nie jemanden gesehen, der weniger nach einer erfolgreichen Anwältin aus einer hochangesehenen, alteingesessenen Anwaltskanzlei ausgesehen hätte.

»Es ist soweit!« verkündete Paul. »Steaks für uns, Hamburger für die Kinder, Würstchen für alle, die welche haben wollen.«

Während sie aßen, kamen sie wieder auf die Hochzeitseinladung zu sprechen, die in Markbys Küche mit Reißzwecken an die Tür der Speisekammer geheftet war.

»Es ist doch schmeichelhaft, wenn man gebeten wird, den Brautführer zu machen«, bot Laura ihre ganze Überredungskunst auf. »Besonders wenn es sich bei der Brautmutter um die berühmte Eve Owens handelt.«

»Es ist nur schmeichelhaft, wenn man ein alter Freund der Familie ist. Ich kannte Robert Freeman eher flüchtig. Ich habe mit ihm Golf gespielt und einige Male ein Glas mit ihm getrunken. Aber er war gar nicht Saras Vater, nur Stiefvater Nummer zwei, und er ist vor anderthalb Jahren gestorben. Sara selbst habe ich zwei- oder vielleicht dreimal gesehen. Sie kleidet sich wie eine Außerirdische, hüpft herum wie ein ungezogenes Hündchen und rettet Wale. Eve Owens bin ich auch nicht viel öfter begegnet, und ich bin wahrlich kein Fan ihrer Filme. Das letzte Mal, daß ich sie gesehen habe, war bei der Beerdigung des armen alten Bob Freeman. Sie sah in Schwarz einfach umwerfend aus und war von Fotografen umringt. Ich will nicht behaupten, sie habe nicht richtig getrauert, aber als sie eine einzelne rote Rose ins Grab warf, ging ein wahres Blitzlichtgewitter los. Die ganze Sache war einfach grotesk, und bei dieser Hochzeit wird es nicht anders sein. Paparazzi werden sich um die besten Plätze streiten, um die berühmte Brautmutter zu knipsen, und euer Ergebener wird im Zylinder dabeistehen und sich alle Mühe geben, so auszusehen, als wisse er, was er dort soll.« Markby blickte mit gequälter Miene von seinem Steak auf. »Lieber Gott, sie werden mich womöglich noch als ›Eve Owens neuesten ständigen Begleiter‹ titulieren.«

»Du hast aber auch ein Glück!«

»Gibst du mir ein bißchen Zeitungspapier, das ich den Kindern unterlegen kann, Alan?« fragte Paul freundlich. »Sie machen hier eine ziemliche Schweinerei in deinem Patio.«

»Um Himmels willen, das sieht ja tatsächlich so aus, als hätten sie ein Schwein geschlachtet. Der Dingsda hat seinen Hamburger fallen lassen – da bleibt bestimmt ein Fettfleck zurück.«

»Er heißt Matthew! Du solltest wirklich den Namen deines Neffen kennen, Alan.«

Man kam für eine Weile vom Thema ab, während die Kinder regelrecht in Zeitungspapier gewickelt wurden, freilich zu spät, um den Schaden noch zu verhindern.

»Du kannst dich nicht weigern, den Brautführer zu machen, Alan. Es wäre mehr als unhöflich.«

»Ich mag keine Hochzeiten, habe Hochzeiten noch nie gemocht. Mir hat schon meine eigene nicht gefallen, und das war ein böses Omen – wenn es je eins gegeben hat, dann dieses.«

»Du solltest wieder heiraten. Du bist jetzt zweiundvierzig. Du solltest eine Familie haben.«

»Nein, danke«, sagte Markby und betrachtete mürrisch das in seine Steinfliesen einsickernde Fett. »Was die Ehe anbelangt, hat mir einmal gereicht. Matthew, hör auf, die Fuchsienblüten platzen zu lassen, sei so lieb.«

»Sie gehen dadurch auf.«

»Sie gehen von selbst auf, vielen Dank. Kann ich dieses Hochzeitsdingsbums wirklich nicht ablehnen? Warum hat sie nur mich darum gebeten? Sie rief mich an und behauptete, Robert hätte es gern gesehen. Absoluter Quatsch. Er hätte nicht einmal daran gedacht.«

»Wenn er noch lebte, hätte er nicht daran denken müssen. Er wäre selbst der Brautführer seiner Stieftochter gewesen.«

Markby kapitulierte. »Nun gut, ich tu’s. Aber es ist ein Fehler, ich spür’s in allen Knochen.«

»Mum, Vicky hat alle roten und lilafarbenen Blumen gepflückt …«

KAPITEL 2

Meredith hatte sich ihre Cousine nie als Landpomeranze vorgestellt. Es paßte einfach nicht zu ihr, sich fern von ihren Freunden und Berufskollegen zu vergraben. Als Meredith vor der alten Pfarrei, Eves derzeitigem Zuhause, vorfuhr und den Motor abstellte, fragte sie sich, ob es wohl die Idee von Robert Freeman, Eves letztem Ehemann, gewesen war, dieses reizvolle, wenn auch schon ein bißchen heruntergekommene gelbe Backsteingebäude inmitten einer ländlichen Kulisse an der Grenze von Oxfordshire und Northamptonshire zu erstehen.

Das Dorf hieß Westerfield, das zumindest verkündete ein teilweise schon in den Boden eingesunkenes, hinter hohem Gras halb verborgenes Schild dem sich nähernden Reisenden. Es lag etwa sechs Meilen von dem Marktstädtchen Bamford entfernt, und um es auf der Generalstabskarte zu finden, mußte man mit zusammengekniffenen Augen schon sehr genau die winzige Druckschrift studieren, ehe man den Namen entdeckte. Dicht daneben stand ein Symbol und die lakonische Anmerkung »Ausgrabungen«. Was es mit diesen Ausgrabungen auf sich hatte, wußte nur der liebe Gott; nirgends gab es, soweit sie bis jetzt gesehen hatte, handfeste Hinweise darauf, wo diese historischen Raritäten zu finden waren. Vermutlich handelte es sich lediglich um einige Buckel im Feld irgendeines Bauern, die auf Befestigungen aus der Bronzezeit schließen ließen. In Westerfield war der Boden schon lange von menschlicher Hand bearbeitet worden.

Der Urmensch hatte vermutlich seinen Schamanen oder Druidenpriester gehabt, aber im 18. Jahrhundert hatte in Westerfield ein christlicher Pastor über die Seelen gewacht, seinen Zehnten kassiert und die Autorität verkörpert. Und hier hatte der Geistliche gewohnt. Eves Haus stand am Ende eines von Bäumen beschatteten Kieswegs. Gegenüber erhob sich, inmitten eines vernachlässigten Friedhofs gelegen, die Kirche, zu der es einst gehört hatte. Sie war halb verborgen von den Bäumen, und Meredith konnte nur erkennen, daß sie aus der Spätgotik stammte und verlassen und zugesperrt zu sein schien. Das Pfarrhaus, soweit sie es hinter einer hohen Backsteinmauer und einem geschlossenen schmiedeeisernen Tor zu sehen bekam, war georgianisch mit einigen spätviktorianischen Beifügungen. Einige unansehnliche Rohre, die außen an der Fassade emporkletterten, legten Zeugnis von den Bemühungen vermutlich aus der Zeit Edward VII. ab, das Haus zu modernisieren. Eine Fernsehantenne auf dem Dachfirst zeigte, welche Prioritäten eine spätere Generation setzte.

Meredith stieg aus dem Wagen und fröstelte in der feuchten Kühle. Sie rieb sich die bloßen Unterarme, während sie zu den Fenstern im ersten Stock hinaufschaute. Hinter ihr säuselte der Wind elegisch in den Friedhofsbäumen, und ohne Vorwarnung flog aus den nahen Ästen etwas Großes auf und machte sich flügelschlagend davon. Meredith zuckte erschrocken zusammen, aber es war nur eine Ringeltaube, die auf der Fernsehantenne landete und sie angurrte. Meredith schnitt eine Grimasse und rüttelte an den Stäben des Einfahrtstores. Es war abgeschlossen, und jetzt sah sie, daß an einem Torpfosten eine durchlöcherte Metallscheibe sowie ein Knopf angebracht waren.

Und da war noch etwas anderes. An einem der Gitterstäbe hing eine braune Papiertüte an einem pinkfarbenen Satinband, das zu einer Schleife gebunden war, daran geheftet war eine kleine Karte von der Art, wie Blumenhändler sie den Blumensträußen beigeben, die sie auf Bestellung ausliefern. Merkwürdig und geradezu abstoßend war, daß die Karte einen schwarzen Rand hatte wie die Beileidskarten, die man an Kränzen oder letzten Blumengrüßen am Grab findet.

Meredith trat näher heran und musterte die Karte genauer. In Druckbuchstaben stand da: »Willkommen zu Hause, Sara«. Keine Unterschrift. Meredith runzelte die Stirn. Zweifellos hatte der Absender des anonymen Grußes beste Absichten gehabt, es war allerdings ein dummer Mißgriff, eine schwarz umrandete Karte zu nehmen. Erst jetzt merkte sie, daß der Boden der Tüte naß war. Was immer es ist, es tropft, dachte sie, streckte die Hand aus und berührte das durchweichte Papier.

Als sie die Finger zurückzog, waren sie klebrig und voll roter Flecken. Sie hielt vor Schreck die Luft an, zerrte an der Satinschleife und riß sie auf. Die Papiertüte fiel zu Boden und zerplatzte. Zum Vorschein kam eine scheußliche blutige Masse. Meredith ging in die Hocke und zog das Papier vorsichtig auseinander. Es war das Herz eines Ochsen.

»Was für ein absolut widerlicher Streich«, sagte sie leise und war froh, daß sie diese ekelhafte Gabe entdeckt hatte, bevor jemand anderes sie finden konnte. Sie hob Tüte, Ochsenherz, Band und Karte auf und trug es, alles auf Armeslänge von sich fernhaltend, zur anderen Seite des Weges, wo ein dicht mit Brennesseln bewachsener Graben verlief. Sie ließ das ganze Zeug mitten in die Nesseln fallen, so daß es nicht mehr zu sehen war. Vielleicht fand ein Hund oder ein nächtlich umherstreifendes Raubtier das Fleisch und würde es bis zum Morgen beseitigen. Meredith wischte sich sorgfältig die Finger ab und gab sich einen Ruck, um das ekelhafte Bild loszuwerden. In diesem Augenblick hörte sie hinter sich auf dem Kies ein leises Knirschen und wirbelte herum.

Vier oder fünf Meter hinter ihr stand ein Mann, der sie beobachtete. In der Stille dieses ländlichen Weges einer Gestalt wie der seinen zu begegnen, hatte sie nun wirklich nicht erwartet. Er war mittelgroß, schlank und blaß, und er konnte ebenso dreißig wie fünfzig sein, doch vermutlich lag sein Alter irgendwo dazwischen. Er trug einen dunklen Anzug und sah beinahe übertrieben sauber und ordentlich aus, so daß sie ihn eine verrückte Sekunde lang für einen Beerdigungsunternehmer hielt, der den Friedhof im Hinblick auf eine spätere berufliche Visite inspizieren kam.

»Ziemlich scheußlich«, sagte er. Sein Tonfall klang amerikanisch, sein Akzent war jedoch sehr gepflegt, er artikulierte die Worte deutlich und auf eine leicht altmodische, gekünstelte Art. Er schien nicht schockiert; was er sagte, klang nur mißbilligend.

Meredith erwiderte hitzig: »Ja – haben Sie etwa gewußt, daß das da hing?«

Er verzog die Mundwinkel nach oben, doch die hellgrauen Augen blieben wachsam. »Ich hatte es gerade gesehen, als ich hier lang kam, aber Sie waren schneller.« Er ging auf sie zu und streckte die Hand aus. »Sie dürften die Konsulin sein. Mein Name ist Elliott – Albie Elliott. Ich bin ein Freund von Evie. Ich wohne auch dort.« Bei den letzten Worten wies er mit einer ruckartigen Kopfbewegung auf das Pfarrhaus.

Etwas zögerlich umschloß Meredith die weichen weißen Finger mit ihrer Hand. Automatisch nannte sie ihren Namen, obwohl ihr Gegenüber ihn offensichtlich schon kannte. »War es noch nicht da, als Sie fortgingen?«

Elliott blinzelte. »Dann hätte ich es doch bemerkt, nicht wahr? Aber ich bin schon frühmorgens aus dem Haus gegangen. War in der kleinen Stadt hier in der Nähe – Bamford heißt sie. Ein Pferdeort. Ich bin mit dem Bus reingefahren. Es war ganz interessant, aber noch mal würde ich es nicht tun. Als ich ging, hing nichts am Tor, doch das war, wie ich schon sagte, um neun Uhr morgens.«

Meredith schossen mehrere Fragen durch den Kopf, aber sie stellte nur eine: »Sind Sie zur Hochzeit gekommen?«

»O ja – die Hochzeit.« Elliott rieb die weichen Handflächen gegeneinander. »Evie möchte, daß ich noch bleibe. Von Ihrer Familie kommen ja nicht allzu viele Leute. Aber ich weiß nicht, ob ich mich hier noch so lange aufhalten kann. Zu Hause wartet Arbeit auf mich.« Am Finger trug er einen großen, ungewöhnlich häßlichen dunkelroten Stein in einer plumpen Fassung. »Ich bin nämlich beruflich hier«, fügte er hinzu.

»Film oder Fernsehen?« fragte sie prompt. Eine andere Möglichkeit kam nicht in Frage, es sei denn, Eve hatte beschlossen, ihre Memoiren zu schreiben. Doch Mr. Elliott war schwer zu durchschauen, obwohl klar war, daß er zumindest in einer Beziehung unter falscher Flagge segelte. Hinter dem »Preppy«-Akzent, der an den Elite-Universitäten im Osten der USA gepflegt wurde, dem erstklassigen Haarschnitt und dem dunklen »Ivy League«-Anzug einer Privatschule, ganz zu schweigen von dem monströsen Ring einer Studentenverbindung, lag unverfälschte Bronx. Dessen war sich Meredith ganz sicher. Es war an ihm alles einen Tick zu bewußt auf den WASP getrimmt, den zur privilegierten Schicht gehörenden »White Anglo-Saxon Protestant«.

Elliott zog wieder die Mundwinkel nach oben. »Ich bin Produzent und Regisseur von ›Das Erbe‹.« Er hielt inne, merkte, daß sie ihn verständnislos ansah, und fügte mit einem leicht verdrießlichen Unterton, der seine Stimme noch näselnder klingen ließ, hinzu: »Das ist eine zur Zeit laufende Saga dreier Generationen einer Bankerfamilie aus New Jersey.«

»Oh, eine Seifenoper«, sagte Meredith, der endlich ein Licht aufgegangen war.

»Das ist richtig. Bin überrascht, daß Sie noch nie von ihr gehört haben. Aber sagen Sie doch, Sie waren in …« Er machte eine Pause.

»In Ungarn. ›Das‹, hm, ›Erbe‹ ist wohl noch nicht bis dahin vorgedrungen, fürchte ich.«

»Das kommt schon noch.«

»Ich glaube nicht, daß die Leute dort wüßten, was sie damit anfangen sollten.« Das klang ziemlich grob, und es tat ihr schon leid, doch Elliott schien nicht gekränkt zu sein.

»Es hat für alle etwas. Es ist mein Baby. Meine Idee. Ich habe sie entwickelt. Und ich sorge dafür, daß wir uns an den ursprünglichen Entwurf halten. Doch im Moment braucht es ein bißchen mehr …« Sein Blick schweifte wieder zum Pfarrhaus hinüber.

»Sie wollen, daß Eve eine Rolle übernimmt?« fragte Meredith überrascht.

»Ja, Ma’am. Wir haben Action, Dramatik, Pathos, Leidenschaft, und wir fürchten uns nicht davor, umstritten zu sein, obwohl wir niemanden wirklich verärgern wollen, Sie verstehen?« Elliott unterbrach sich und runzelte die Stirn, als sei er mit diesem weitgespannten Szenarium nicht ganz zufrieden. »Aber wir brauchen einen Hauch von Klasse«, sagte er widerstrebend, und mit neu erwachtem Optimismus setzte er hinzu: »Dafür kann Evie sorgen.« Er wandte ihr die ausdruckslosen grauen Augen zu. »Wollen wir ins Haus gehen?«

»Nein, warten Sie noch einen Moment.« Meredith streckte die Hand aus, um ihn zurückzuhalten. »Was unternehmen wir wegen dieser – dieser Sache?« Sie zeigte auf die Brennesseln, die den widerwärtigen Fund verbargen.

»Müssen wir etwas tun?«

Verblüfft sah Meredith ihn an. »Aber ja«, sagte sie, als sie die Stimme endlich wiederfand.

Erneut drückte sein Gesicht Mißbilligung aus. »Was haben Sie vor, Lady? Wollen Sie es hier rausholen und triumphierend ins Haus tragen?«

»Seien Sie nicht albern«, entgegnete sie verärgert. »Natürlich nicht.«

»Fein. Also lassen Sie es hier. Ich werde mich darum kümmern, in Ordnung?«

In seiner Stimme war eine Schärfe, die vorher nicht dagewesen war. Unwillkürlich musterte Meredith ihn ein zweites Mal. Die hellgrauen Augen ähnelten bei weitem nicht mehr den starren Augen eines Fischs. Sie hatten nun einen harten Glanz, der jedoch erlosch, während sie ihn ansah. Elliott lächelte besänftigend. »Sie brauchen sich jetzt nicht den Kopf darüber zu zerbrechen. Sie sind doch eben erst angekommen. Warum gehen Sie nicht hinein und sagen erst mal hallo? Evie wartet auf Sie. Warum das Wiedersehen verderben? Seit gestern redet Evie nur noch davon, daß Sie kommen. Ich sage Ihnen, ich war schon richtig neugierig darauf, Sie kennenzulernen.«

Meredith unterdrückte das Verlangen, schnippisch zu fragen: »Und was denken Sie jetzt, nachdem Sie mich kennengelernt haben?« Statt dessen gab sie sich förmlich: »Nun gut. Aber wir sprechen später darüber.«

»Selbstverständlich«, sagte Elliott sanft und vermittelte ihr den unangenehmen Eindruck, daß er so geschickt mit ihr verfahren war wie mit einer seiner launenhaften Aktricen auf den Sets. Mit leichten, energischen Schritten ging er zum Tor und drückte auf den Klingelknopf. Eine körperlose, krächzende Stimme, undeutlich als die von Eve zu erkennen, fragte, wer da sei.

»Albie, mein Schatz«, sagte Elliott. »Und deine Cousine bringe ich dir auch gleich mit.«

Ein elektronisches Schnarren, das plötzlich ertönte, ließ Meredith beinahe aus der Haut fahren. Das Tor ging auf. Vor sich sah Meredith jetzt an der Hauswand den auffälligen, blau lackierten Kasten einer Alarmanlage. Mit dem Sicherheitstor, der hohen Mauer und der Alarmanlage hatte sich Eve ziemlich gut geschützt und abgeschirmt. Offenbar durfte man heutzutage auf dem Land keine Risiken eingehen. Besonders dann nicht, wenn es in der Umgebung Leute gab, die einem so widerliche Streiche spielten.

Wie ein Echo auf ihre Gedanken kam Elliotts gemurmelte Ermahnung: »Wir erwähnen das kleine Päckchen da draußen nicht, in Ordnung? Es hat keinen Sinn, Evie aufzuregen.«

Meredith nickte zustimmend, wenn es sie auch einige Überwindung kostete. In ihrer Kindheit war es auf dem Land üblich gewesen, daß die Menschen ihre Türen den ganzen Tag offenließen, sogar dann, wenn sie in den Dorfladen zum Einkaufen gingen. Beides war verschwunden, sowohl das Vertrauen als auch die Dorfläden. Und dazu hatten die Grundstückspreise angezogen. Was mag wohl heute ein Haus wie dieses kosten, fragte sie sich, als sie die Stufen zum Portal hinaufstieg. Mit einer Aufteilung, wie sie typisch für die damalige Zeit war: bestimmt fünf oder sechs Schlafzimmer, ein paar Mädchenzimmer in der Mansarde, wahrscheinlich zwei Badezimmer und vielleicht eine separate Toilette im Flur des Erdgeschosses, mehrere schöne Empfangsräume und eine riesige Küche (mit Steinfliesen, nahm sie an, und jetzt zweifellos mit Geschirrspülmaschine und anderen modernen Gerätschaften bestens ausgestattet), dazu ein weiter Komplex von Nebengebäuden und ein großer, von einer Mauer umfriedeter Garten … Wenn ich mich einmal aus dem Berufsleben zurückziehe, dachte sie, werde ich schon froh sein müssen, wenn ich mir ein Einzimmerapartment leisten kann. Gerade als ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, wurde die Haustür aufgerissen.

»Liebling!« rief Eve und streckte beide Hände aus. »Wie wunderbar! Endlich bist du da!« Meredith wurde mit einer herzlichen Umarmung in Empfang genommen, und der schwache Duft eines sehr teuren Parfums hüllte sie ein. »Komm nur rein!«

»Mein Wagen steht noch draußen.«

»Ach, fahr ihn später rein. Diese Straße benutzt sowieso niemand. Hier ist es sehr ruhig. Halt, ich weiß, gib Albie den Schlüssel. Er holt das Auto.«

Elliott schnitt eine Grimasse und streckte die Hand aus. Ein wenig verlegen reichte Meredith ihm den Schlüssel. »Das ist nett von Ihnen.«

»Warum auch nicht?« erwiderte er rätselhaft.

Meredith wurde eilig durch die Halle in einen Salon geführt. Dann nahm Eve sie bei den Schultern. »So«, sagte sie vergnügt. »Und jetzt laß dich ansehen.«

Der Salon war elegant möbliert. Nur wenig erinnerte an die Zeit seiner ursprünglichen klerikalen Nutzung. Jetzt waren die Wände pfirsichfarben gestrichen, vor den Fenstern hingen Tüllgardinen im Stil alter Wiener Kaffeehäuser, das einzige Bild war ein ziemlich mittelmäßiges Porträt von Eve, und nirgends war ein Buch zu sehen. Statt dessen lagen Hochglanzzeitschriften auf dem Couchtisch. Sogar der brüskierte Geist des Pfarrers war geflüchtet.

»Ich freu mich so, dich zu sehen, Merry«, sagte Eve. Ihre Stimme, eben noch laut vor Begeisterung, wurde plötzlich fast unhörbar. »Verdammt, jetzt fange ich auch noch an zu heulen.«

»Aber nicht doch!« rief Meredith. »Sei nicht albern, Eve. Ich bin nicht hier, um dir einen Oscar zu überreichen.«

»Ach, ich brauch dich einfach«, sagte Eve leidenschaftlich. »Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Diese Hochzeit – und alles andere. Du hast immer soviel Kraft gehabt, Merry, und mir Halt gegeben.«

»Also bitte, Eve, jetzt übertreibst du aber.«

Sie hörten, wie vor der Haustür ein Wagen abgestellt wurde. Etwas weiter entfernt fiel klirrend das Tor zu. Merediths Schlüssel in der Hand, tauchte Elliott wieder auf.

»Ihren Koffer habe ich in die Halle gestellt. Soll ich noch etwas für dich tun, Evie?«

»Gott segne dich, Liebling. Komm rein, damit ich dich mit meiner Cousine Meredith richtig bekannt machen kann.« Sie wandte sich wieder Meredith zu. »Du siehst so gut aus«, sagte sie mit Nachdruck. »Hab ich nicht recht, Elliott?«

Elliott stand mit gefalteten Händen ein bißchen abseits und ließ sich zu einer spontanen Antwort hinreißen. »Woher, zum Teufel, soll ich das wissen, mein Schatz? Ich habe sie erst vor zehn Minuten kennengelernt. Klar, sie sieht großartig aus.«

»Und du phantastisch, Eve«, sagte Meredith aufrichtig.

Eve strahlte aus jeder Pore gepflegten Charme aus. Ihr schönes Gesicht schien nur wenig verändert, seit Meredith sie vor etwa sechs Jahren zum letztenmal gesehen hatte. Elliott nickte. Sein Blick, der auf Eve ruhte, hatte jetzt etwas Besitzergreifendes, er betrachtete sie wie ein stolzer Vater.

»Du mußt nach einer Tasse Tee lechzen«, sagte Eve, plötzlich die praktische Gastgeberin. »Diese lange Fahrt. Lucia – sie kocht noch immer für mich – ist beim Zahnarzt. Ich hoffe nur, daß es ihr bis heute abend wieder gutgeht. Jonathan kommt mit Sara aus London, und ich habe eine kleine Dinnerparty arrangiert. Sara kann’s gar nicht erwarten, dich wiederzusehen, und ich möchte, daß sie ein paar Tage bleibt, damit wir die letzten Hochzeitsvorbereitungen besprechen können. Es gibt so viel zu tun – du hast ja keine Ahnung. Ich hole den Tee, setz du dich nur hin und entspann dich.«

»Für mich keinen Tee«, sagte Elliott hastig. »Ich muß noch arbeiten. Außerdem werdet ihr Mädchen euch eine Menge zu erzählen haben. Wir sehen uns dann später.« Mit seinem leichten, elastischen Gang verließ er das Zimmer.

»Wer ist das?« fragte Meredith leise mit belegter Stimme. »Er sagt, du sollst seiner entsetzlichen Seifenoper ein bißchen Klasse geben.«

»Das erzähl ich dir später …« Eve warf einen verstohlenen Blick zur Tür. »Albie ist ein Schatz. Ich kenne ihn seit Jahren. Und ich würde wahnsinnig gern wieder mit ihm arbeiten. Nein, du brauchst mir nicht zu helfen, Merry, das schaffe ich schon allein.« Mit klappernden Absätzen ging sie über den Parkettfußboden zur Tür, um den Tee aus der Küche zu holen.

Allein gelassen, wanderte Meredith zum anderen Ende des Zimmers und sah sich das Porträt an. Das Datum in einer Ecke, direkt unter der Signatur des Malers und über einem kleinen Fehler im Rahmen – ein Splitter war aus dem Holz herausgebrochen –, sagte ihr, daß es zu der Zeit gemalt worden war, als Eve zum drittenmal geheiratet hatte. Ein Hochzeitsgeschenk für oder von der Braut? Der Name des Künstlers war Meredith nicht bekannt und schwer zu entziffern, der Pinselstrich plump, die Ausführung schludrig, aber der Mann hatte einen Blick für Farben, und er hatte etwas von Eve eingefangen. Während sie das Bild betrachtete, merkte sie, daß Eve sich doch verändert hatte, wenig nur, aber dennoch unübersehbar. Das dunkel lohfarbene Haar sah noch genauso aus wie auf dem Bild. Die schönen veilchenblauen Augen blickten noch so selbstsicher wie damals, doch in der Realität begann die Haut darunter ein ganz klein wenig schlaff zu werden. Die Kinnlinie auf diesem Bild war fester. Entweder wollte der Künstler ihr schmeicheln, oder Haut und Muskeln hatten im Laufe des letzten Jahres ein wenig von ihrer Straffheit verloren. Das Netz feiner und feinster Fältchen, das Eves Haut von ihrem dreißigsten Lebensjahr an durchzog, hatte der Künstler völlig ignoriert – es war eine Hinterlassenschaft greller und heißer Scheinwerferlampen, staubiger, sturmgepeitschter und sonnendurchglühter Drehorte, war die nicht mehr zu tilgende Spur von starkem Bühnen-Make-up und dem berühmten schönen, großen Lächeln, das allmählich zu Krähenfüßen in den Augenwinkeln und den kleinen steilen Linien zu beiden Seiten des Mundes geführt hatte.

Auf dem Porträt trug Eve ein Kleid von der Farbe ihrer Augen. Ihrer äußeren Erscheinung hatte sie immer sorgfältigste Pflege angedeihen lassen. Heute hatte sie eine schwarze Hose und einen weiten weißen Seidenkasack mit einem breiten schwarzen Gürtel an. Darin wirkte ihr Körper schlank, geschmeidig und voll jugendlicher Elastizität. Eve war neun Jahre älter als Meredith, doch sie akzeptierte neidlos, daß jeder Mann, der mit ihnen zusammentraf, nur Augen für Eve haben würde. Sie dachte an Elliott und an den beinahe väterlichen Blick, mit dem er Eve angesehen hatte, und runzelte einen Moment lang die Stirn. Dann setzte sie sich in die Ecke eines sehr bequemen Sofas mit einem exotisch aussehenden Überzug mit Vogel- und Blattmotiven und wartete darauf, daß Eve wieder auftauchte.

Bald darauf kam sie, beladen mit einem großen Tablett, auf dem sich ein ganzes Sammelsurium verschiedenen Porzellans stapelte. Eve und Häuslichkeit hatten nie ein gutes Gespann abgegeben. Meredith unterdrückte ein Lächeln, nahm ihr die Last ab und stellte sie, die Hochglanzzeitschriften beiseite schiebend, auf den Couchtisch.

»Was habe ich vergessen?« Eve musterte das Sortiment auf dem Tablett. »Das sind ein paar von Lucias Biskuits. Dazu brauchen wir keine Kuchengabeln, nicht wahr? Ich habe nämlich keine mitgebracht. Die Zitrone ist für mich, es sei denn, du magst auch welche.«

Sie ließ sich neben Meredith auf dem Sofa nieder und goß aus einer sehr hübschen viktorianischen Kanne achtlos den Tee in die Tassen, so daß er überschwappte. Dann schwatzten sie eine Zeitlang miteinander, tauschten ein bißchen Klatsch aus, und schließlich brachte Meredith, von echter Neugierde getrieben, die Sprache wieder auf Elliotts Seifenoper.

»Wirst du da wirklich mitmachen, Eve? Es ist ein bißchen was anderes als ein Film.«

»Ach, einen Kinofilm habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gedreht. Seien wir doch einmal ehrlich«, fügte sie mit einer plötzlichen Offenheit hinzu, »keiner meiner Filme hat je Rekordeinnahmen eingespielt.«

»Mir hat der gut gefallen, den du schon vor etlichen Jahren gemacht hast und in dem du einen Bikini aus Pelz trägst und von radioaktiven Dinosauriern gejagt wirst.«

Eves kräftig getuschte Wimpern flatterten. »Ach, der? Hat er dir wirklich gefallen? Er war nicht gerade einer meiner besten.« Sie begann zu lächeln und drohte ihr mit dem schmalen, sorgfältig manikürten Zeigefinger. »Aber die Spezialeffekte waren erstaunlich fortschrittlich für die damalige Zeit. Natürlich, jetzt reden alle Kinogänger nur von ›Star Wars‹ und ›Indiana Jones‹, und unsere armen alten knarrenden Monster bringen das Publikum nur zum Lachen – von den Kindern mal abgesehen, die lieben sie noch immer.«

»Ich liebe sie auch noch«, sagte Meredith lachend. »›King Kong‹ war einer der besten Filme, die je gedreht wurden, meiner Meinung nach.«

»Hoffentlich willst du damit nicht behaupten, daß ich darin mitgespielt habe«, sagte Eve streng. »Das war lange vor deiner und meiner Zeit. Nun, tatsächlich ist es so, daß Albie und ich uns schon aus meinen Spielfilmzeiten kennen. Aber er arbeitet jetzt bereits seit einiger Zeit fürs Fernsehen. Und es geht ihm recht gut dabei, er hatte mehrere Erfolge, aber ›Das Erbe‹ ist sein größter, und die Chance, darin eine große Rolle zu übernehmen, nun ja …«

Meredith nahm sich vor, sich demnächst eine Episode anzuschauen. Bis dahin konnte sie nicht viel darüber sagen. Also wechselte sie das Thema: »Ich freu mich darauf, Sara wiederzusehen. Gib mir einen Tip, was ich ihr zur Hochzeit schenken soll, und erzähl mir etwas über ihren Freund, entschuldige, Verlobten. Wo hat sie ihn kennengelernt?«

Ein Schatten flog über Eves Gesicht, und in dem feinen Netzwerk unter dem Make-up erschien ein neues Fältchen. Abrupt stellte sie ihre Tasse ab. »Du weißt doch, daß ich mit Sara große Schwierigkeiten hatte, nicht wahr?«

»Du hast es in einem deiner Weihnachtsbriefe erwähnt.«

»Es war viel schlimmer«, sagte Eve. »Viel schlimmer, als ich es dir geschrieben habe.« Sie machte eine Geste der Verzweiflung, die bestimmt echt war, aber trotzdem ein bißchen theatralisch wirkte. Meredith empfand plötzlich tiefes Mitleid mit ihr, und dieses Gefühl durchfuhr sie wie ein Schmerz. »Ich habe alles falsch gemacht, Meredith«, sagte Eve düster. »Als Mutter habe ich alles falsch gemacht.«

»Nun komm schon. Du liebst Sara über alles, das weiß ich.«

»Ja, das tu ich.« Enttäuscht über sich selbst ballte Eve die Fäuste. »Aber trotzdem habe ich bei der Erziehung total versagt. Michael wäre mit mir nicht einverstanden gewesen.«

Ein zweiter, noch schmerzhafterer Stich bohrte sich Meredith ins Herz. »Nein, wahrscheinlich nicht.«

»Mike war so praktisch. Er war der Richtige für mich, Merry.« Eve seufzte. »Wenn wir uns nicht getrennt hätten, als Sara acht Jahre alt war, wenn er weiter dagewesen wäre, wäre alles anders verlaufen. Wir wollten es noch einmal miteinander versuchen, weißt du, als dieser verfluchte Bengel …«

Meredith streckte die Hand aus und legte sie ihrer Cousine auf den Arm. »Reg dich jetzt nicht mehr darüber auf, Eve. Es ist vorbei und längst vergangen.« Die Worte klangen sogar in ihren eigenen Ohren hohl. Sie wußte, daß es nicht so war. Laut sagte sie: »Du hast für Sara dein Bestes getan, Evie.«

»Nein, hab ich nicht. Ich habe alles verdorben. Nie hatte ich Zeit, so war es. Und meine zweite Ehe mit Hughie – nun, ich will nicht wieder alles aufwärmen. Du kennst die schmutzigen Einzelheiten. Aber das alles hat mich noch mehr von der armen Sara abgelenkt. Dann war sie plötzlich kein kleines Mädchen mehr, sondern ein Teenager und trieb sich mit der wildesten Clique herum, die du dir vorstellen kannst.« Eve hielt inne und schob das Teetablett zur Seite. »Wer will überhaupt Tee? Es ist nach fünf. Wie wäre es mit einem richtigen Drink?«

»Nicht für mich, danke. Später.«

»Hast du etwas dagegen, wenn ich mir einen Gin nehme?«

»Natürlich nicht. Es ist dein Haus.«

»Das ist heutzutage ein altmodischer Drink«, sagte Eve, als sie ein paar Minuten später mit ihrem Gin-Tonic zurückkam. »Heutzutage trinken alle unglaubliche Mixturen mit exotischen Namen. Ich werde langsam altmodisch, Merry. Ich bin vierundvierzig und finde es immer schwieriger, mich in das hineinzudenken, was meine Tochter sagt oder tut.«

»Das wird den meisten Eltern so gehen, kann ich mir vorstellen. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Es liegt an der Mutter-Tochter-Beziehung.«

»Sara wird nächsten Monat zwanzig.« Eve schien den Einwurf nicht gehört zu haben. »Es war mein armer, lieber Robert, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, wie tief der Sumpf war, in dem Sara steckte. Natürlich weigerte ich mich anfangs, es zu glauben. Wir wohnten damals in London. Alles lief hervorragend für mich, und ich wollte einfach nicht wahrhaben, daß es im Balkenwerk gefährlich knackte. Dann kam Sara eines Nachts um drei oder vier Uhr morgens von einer Party nach Hause. Sie machte ein bißchen Krach, und ich wurde halb wach und dachte: Verdammter Fratz! Aber ich bin nicht aufgestanden. Gute Mütter stehen auf. Ich war immer eine miserable, also blieb ich liegen, zog mir das Kissen über den Kopf und versuchte wieder einzuschlafen. Sie rumorte noch eine Weile, dann wurde es still. Inzwischen hatte sogar ich begriffen, daß etwas nicht in Ordnung war, ich stand endlich auf und ging nachsehen, was los war. Sie war sternhagelvoll und hatte sich mehrmals übergeben. Eine solche Schweinerei hast du noch nicht gesehen. Dann war sie in ihr Zimmer gegangen und hatte sich in einen Sessel geworfen. Alle Lichter brannten, sie hatte noch ihr Partykleid an, und überall war Erbrochenes. Ich stand da, schaute auf sie hinunter und dachte: Lieber Gott, sie ist erst siebzehn. Was in aller Welt habe ich da geschehen lassen?«

»Hör zu, Eve«, sagte Meredith energisch, »dafür kannst du dir nicht die Schuld geben. Viele Halbwüchsige machen diese Phase durch.«

»Das war aber nicht das Schlimmste«,

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