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Mord in der Dämmerung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Erster Teil
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
  7. Zweiter Teil
    1. Kapitel 11
    2. Kapitel 12
    3. Kapitel 13
    4. Kapitel 14
    5. Kapitel 15
    6. Kapitel 16
    7. Kapitel 17
    8. Kapitel 18
    9. Kapitel 19
    10. Kapitel 20
  8. Dritter Teil
    1. Kapitel 21
    2. Kapitel 22
    3. Kapitel 23
    4. Kapitel 24
    5. Kapitel 25

Über dieses Buch

Der 7. Fall von Kommissar Ehlers und dem unbekannten Journalisten.

Während eines Kopenhagener Jazzfestivals im heißesten Sommer seit Jahren fällt ein Gitarrist tot von der Bühne. Die Diagnose: Vergiftetes Morphium. Inspektor Ehlers ermittelt in der Drogenszene. Dort führt ein angehender Bandenkrieg zu vermehrten Unruhen, sodass ihm die Hilfe des namenlosen Journalisten wie gerufen kommt. Zusammen machen sie sich auf die Suche und lassen die Swinging Sixties zu neuem Leben erwachen. Ist der Mord die Rache für einen längst vergessenen Konflikt oder ist es doch der moderne, eiskalte Drogenkrieg, der wahllos neue Opfer fordert?

Weitere Krimis aus der Reihe um den unbekannten Journalisten:

Mord im Dunkeln

Mord in Rodby.

Mord auf Malta.

Mord am Rondell.

Mord im März.

Mord im Herbst.

Mord in Vesterbro.

Mord im Straßengraben.

Mord in San Francisco.

Mord im Waschsalon.

Mord auf Bornholm.

Über den Autor

Dan Turèll war Schriftsteller und Journalist. Er hat sich in Dänemark zur Kultfigur entwickelt. »Onkel Danny« hat ein riesiges OEuvre aufzuweisen. Die Krimi-Serie über den namenlosen Journalisten brachte ihm den Durchbruch. Mit viel Ironie, schwarzem Humor und Gespür für die dänische Seele hat er dem Land seinen ersten klassischen »Privatschnüffler« geschenkt und die amerikanische Tradition des Genres kongenial ins Dänische verpflanzt.

1

Sommer war es, wie ein verblichener dänischer Dichter sich einmal ausdrückte. Sommer war es in Kopenhagen. Die Sonne legte sich ins Zeug wie eine eitle Primadonna, die sich nach langen Jahren mieser Kritiken und Klatsch hinter den Kulissen nun endlich zusammengerissen hatte und entschlossen war zu zeigen, was sie wirklich konnte, und die Kopenhagener reagierten, wie sie es immer taten, wenn in diese regnerische Stadt ausnahmsweise einmal der Sommer einzog: Mit dem animalischen Instinkt aller wahren Dänen trieb es sie an die Wasserlöcher, sprich: in die Straßencafés, die – wie amphetamingedopte Pflanzen – überall in der Stadt hervorzusprießen und sich in immer größerer Zahl auszubreiten schienen, als hätte der liebe Gott noch einmal von vorne angefangen und die goldene Grundregel aufgestellt, dass auf jeden Bürgersteig unbedingt ein Café gehöre.

Wie immer, wenn dieser Zustand eintrat, erwiesen die Kopenhagener dem Sommer ihre Ehrerbietung, indem sie auf eine andere Art durch die Straßen gingen. Betrachten Sie einmal den Normalkopenhagener während der übrigen zehn Monate des Jahres: Sie werden eine ganz eigene, eilige Gangart beobachten, irgendwo zwischen Laufen und leichtem Trab, eine Gangart, die der Kopenhagener eigens zu dem Zweck entwickelt hat, den Zug, den Bus oder das Auto so wenig durchnässt wie möglich zu erreichen. Nun aber betrachten Sie dasselbe Naturphänomen während des Sommers: Plötzlich schlendert der Kopenhagener wie ein unbekümmerter Südländer, mit den Händen in den Hosentaschen pfeift er eine idiotische Melodie. Einige Exemplare sehen sich unterwegs dann sogar die Stadt und ihre Gebäude an. Einige.

Ich war einer von ihnen, einer, der sich relativ unbekümmert mit den Händen in den Hosentaschen durch die Straßen treiben ließ. Wir befanden uns in den ersten Junitagen, die Hitze war schwer und drückend, und alle, die man kannte, waren verreist. Alle waren in der Provinz oder im Ausland – alle außer mir. Beim Bladet stand die Hälfte aller Büros leer, und jeden Tag hingen neue, farbenfrohe Ansichtskarten von sadistisch veranlagten Kollegen, die es für zweckdienlich hielten, Bilder von Badeschönheiten und Swimmingpools aus Florida oder Cannes zu verschicken, an der Pinnwand der Redaktion. Sogar Chefredakteur Otzen war in den Urlaub gefahren – das erste Mal seit fünf Jahren. Das heißt, es war natürlich kein Urlaub, mit so etwas Primitivem würde Otzen sich niemals abgeben. Es war eine »Studienreise« – was auch immer er in Bangkok studieren wollte.

Als einer der wenigen arbeitenden Schreiberlinge in der Stadt, einer der wenigen, die nicht genug gesunden Menschenverstand aufgebracht hatten, um entweder Urlaub, Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe zu bekommen, trieb ich also mitten in der Hitzewelle mein Unwesen. Diese hatte auch vor Christiania nicht Halt gemacht, wo sie – neben anderen, kleineren Meinungsverschiedenheiten – eine Messerstecherei mit sich gebracht hatte. Ein Finne und ein Grönländer, beide kräftig betankt, waren sich wegen irgendetwas in die Haare geraten, möglicherweise wegen eines Haschischgeschäfts, und hatten unmittelbar nach ihren Messern gegriffen. Der Finne war tot. Der Grönländer dagegen war außergewöhnlich lebendig und hatte – bevor er festgenommen wurde – schnell noch einen Versuch unternommen, dem interessierten Publikum am toten Finnen zu demonstrieren, wie man in seiner Heimat nach alter grönländischer Tradition einen Seehund zerlegt.

All das war ja durchaus vergnüglich, wenn man es denn so betrachten wollte. Jedenfalls sah ich es mir an, fuhr zum Bladet, lieferte die Story ab – nichts für die Titelseite, dafür hätte zumindest einer der beiden ein Däne sein müssen, am besten noch eine Frau – und verdrückte mich möglichst schnell wieder, um ja nicht dem amtierenden Chefredakteur Schnoor zu begegnen, der Otzen während seiner Abwesenheit vertrat. Redakteur Schnoor ist zweifelsohne ein netter und anständiger Mensch, ein braver Familienvater und ehrenhafter Ehemann, eine Zierde für seinen Stand wie auch für sein Land, aber er besaß die unglückselige Angewohnheit, ständig Anekdoten aus seiner Jugend erzählen zu müssen – eine Krankheit, die, soweit ich verstanden hatte, des Öfteren Menschen befiel, die sich ihren Sechzigern näherten oder sie bereits erreicht hatten. In Schnoors Fall äußerte sich dieses Syndrom darin, dass ihn, ganz gleich, welchen Artikel man bei ihm ablieferte, diese arglosen Papierstapel unausweichlich an einen anderen Artikel, einen anderen Papierstapel erinnerten, den er vor einer astronomischen Anzahl von Jahren, eine ganz andere Situation betreffend, bei einer ganz anderen Zeitung bearbeitet hatte. Bei dieser Gelegenheit hätte er gewisse Erfahrungen gewonnen, pflegte er zu betonen, und in diese würde er einen, ohne zu zögern, einweihen, sodass man daraus etwas lernen könne. Ein liebenswerter und edler Gedanke natürlich – wenn es denn jemals irgendeinen Menschen gegeben hätte, der aus den Erfahrungen anderer etwas gelernt hätte.

Zurück auf der Straße arbeitete ich mich durch die Strøget, was während derartiger Sommertage – und dann auch noch zum Feierabend am späten Nachmittag – eine wirkliche sportliche Leistung darstellt. Nicht so sehr wegen der Länge der Strøget oder des verdammten Gedränges, sondern eher, weil diese Fußgängerzone noch dazu von Händlern überschwemmt ist, die alles von Perlenhalsbändern über Plakate bis hin zu politischen Parolen feilbieten. Im Verlaufe von zwanzig Metern schaffte ich es, ein Volksbegehren für größere öffentliche Transparenz in der Kommunalverwaltung zu unterschreiben, die puerto-ricanische Befreiungsarmee mit einem Zehner zu unterstützen, mich eines aufdringlichen Angebots zur Teilnahme an einem Grundkurs in Scientology zu erwehren und drei kleine Broschüren entgegenzunehmen, welche die dringende Notwendigkeit von Zusammenarbeit und Solidarität in der Arbeiterklasse zum Thema hatten. Nicht ohne ein gewisses flüchtiges Gefühl der Erleichterung bog ich daher an der Helligaandskirche schräg von der Strøget ab und ging durch den Kringlegangen weiter zum Gråbrødretorvet.

Nicht weil ich dort etwas Bestimmtes vorhatte, aber wenn man lange genug in einer Stadt gewohnt hat, scheinen sich die eigenen Beine an die üblichen Wege gewöhnt zu haben und folgen ihnen wie Pferde dem Stallgeruch. Man geht einfach umher und betrachtet die Häuser, begrüßt hier und da einen zufällig entgegenkommenden Bekannten, und plötzlich befindet man sich dort, wohin die Beine es ohnehin gewohnt sind zu wandern.

Alle zehn Straßencafés – jedes Jahr eines mehr als im vorhergehenden, und so ging das schon seit Jahren – waren rappelvoll mit leicht bekleideten Frauen und Männern in aufgeknöpften Jacken und Hemden, die kühlen Weißwein oder frisch gezapftes Bier in ihren Händen hielten. Drum herum hatten sich kleine Grüppchen gebildet, die gut gelaunt auf dem Asphalt saßen und mitgebrachtes Flaschenbier tranken. Kleine Kinder planschten im Skulpturenbrunnen, und auf der Ladefläche eines Lastwagens stand eine New-Orleans-Jazzband und tutete munter den Tiger Rag. Festlich, volksnah und zweifellos fantastisch vergnüglich. Aber es gab nicht viel Platz, und da niemand Miene machte, mir aus eigenem Antrieb einen Tisch zu überlassen, ging ich einfach weiter am Posthof entlang zur Købmagergade.

Hier prallte ich gegen eine neue Wand aus Musik, was mich daran erinnerte, dass in der Stadt gerade das Jazzfestival stattfand. Natürlich, irgendein Festival musste ja sein – in diesen Zeiten ist Kopenhagen während des Sommers nichts als eine lange Reihe von Festivals. Es gibt ein Tanzfestival, ein Theaterfestival, ein Revuefestival, ein Ballettfestival – und selbstverständlich auch ein Jazzfestival.

Die Klänge von der anderen Seite der Købmagergade ähnelten ganz und gar nicht jenen, die ich gerade hinter mir ließ. Mit dem etwas hüftsteifen Tiger Rag im Rücken näherte ich mich Schritt für Schritt einer Musik, die mindestens ihre fünfzig Jahre jünger war – ein dichter, rhythmischer Afrojazz in einer schrägen Taktart, die dafür sorgte, dass sich die Füße automatisch etwas schneller bewegten. Eine Gitarre hob sich ab, die sich mit einem veritablen Wasserfall schneller, perlender Töne um das Thema schlängelte, bevor sie plötzlich andere Themen in kurzen, spannungsvollen Sequenzen hineinzog.

Es gibt nicht viele Gitarristen dieses Formats in der Stadt, sagte ich mir im Stillen. Dann erkannte ich den Stil wieder. Es klang nach Carsten.

Je näher ich der Musik kam, desto sicherer wurde ich mir.

Einst, in meiner wilden Jugend, war ich selbst ein Musiker gewesen, und in jener Zeit spielte ich zusammen mit Carsten in einem Quintett. Er war, in krassem Gegensatz zu mir, im Laufe der Jahre immer besser geworden. Sein Können umfasste mittlerweile eine viel größere Spannbreite, die Zeit und die Routine hatten ihm eine neue Autorität verliehen. Aber er spielte noch genauso wie damals, seine Ideen hatten sich nicht geändert – er war einfach nur sehr viel besser darin geworden, sie zu vermitteln.

Es war Carsten. Er stand auf einer Holzbühne gegenüber der Zentralbibliothek auf dem Kultorvet und malträtierte seine Saiten, dass Segovia im Namen des Instruments um Gnade gebettelt hätte. Er hatte die Augen geschlossen, wie er es bei Soloeinlagen zu tun pflegte. Er war weit entrückt. Wie er dort stand, lang, dünn, schlaksig und rothaarig, mit Spitzbart und Sonnenbrille, ähnelte er zum Verwechseln sich selbst vor fünfzehn Jahren, und plötzlich fragte ich mich, warum wir uns eigentlich die letzten fünfzehn Jahre nicht gesehen hatten – wo wir doch eine Zeit lang so nah beieinander gewohnt und gelebt hatten. Tja, so ist das eben. Sich treffen und sich trennen, wie ein verständiger Vetter es einst ausdrückte.

Hinter ihm standen beziehungsweise saßen der Bassist und der Schlagzeuger, beide lächelten entspannt, während sie mit der augenscheinlich größten Leichtigkeit den Rhythmus vorgaben. Ein Altsaxophonist stand am Bühnenrand und wartete darauf, dass er an die Reihe kam – ohne Ungeduld, er schien zum einen genug Zeit zu haben, zum anderen eigentlich auch gerne hören zu wollen, was Carsten dieses Mal zu bieten hatte. Auf der anderen Seite stand ein blondes, zierliches Mädchen – vielleicht eine Sängerin.

Als ich die Bühne erreicht hatte, konnte ich darüber hinaus erkennen, dass der Bassist – bei all den vielen Möglichkeiten, die dieses Land bot – Frank war, ein anderer alter Freund aus Carstens und meiner gemeinsamen Band. Frank, der Rhythmusmotor, in seiner leicht wiederzuerkennenden schrägen Haltung über den Bass gebeugt, mit demselben drive – aber zwei Veränderungen: einem deutlich längeren Bart und einem stark angewachsenen Bauch.

Carsten beendete sein Solo und zog sich von der Bühne zurück, und Frank und der Schlagzeuger legten ein kleines Zwischenspiel ein, bevor das Altsaxophon übernahm. Ich bahnte mir einen Weg zum Bierausschank, ergatterte ein Glas und platzierte mich mit einem Ellenbogen auf der Theke dort, wo die Aussicht am besten war.

Auch das Saxophon war erstklassig. Überhaupt schien sich die Welt heute in Topform zu befinden. Die Jungs da oben, die wussten, wie man solche Sachen anpackt. Kinder und Jugendliche tanzten vor ihnen auf der Straße, Angeheiterte schrien: »Jo!«, und: »Haut rein!«, und klatschten den Rhythmus mit den Händen oder den Biergläsern mit, die Menge schien mitten im Feierabendtrubel innezuhalten, und Mutter Sonne strahlte milde, wenn auch nicht ohne Strenge auf jedermann hinab. Alles passte perfekt. Sommer war es, Sommer in Kopenhagen. Keine dräuenden Gewitterwolken, kein einziges böses Vorzeichen.

Jedenfalls nicht, bevor sich die gesamte Band – das Mädchen am Rande war auch noch dabei – ein letztes Mal um das Thema versammelte. Gerade als sie sich unter tosendem Beifall zur Coda aufschwangen, begann Carsten, unsicher hin und her zu schwanken, wie ein Betrunkener mit Krämpfen in allen Gliedern gleichzeitig. Einen Augenblick später fiel ihm die Gitarre aus den Fingern – und noch einen Augenblick später fiel er selbst zu Boden und lag lang gestreckt und regungslos auf den Holzplanken, während die Band – ganz wie ein Titanic-Orchester – die Coda planmäßig zu Ende spielte, bevor alle ihre Instrumente ablegten, um sich gegenseitig fragend anzusehen und sich in einem Wirrwarr aus Beifall, Händeklatschen, pfeifenden Lautsprechern und verwunderter Neugier – sowohl auf der Bühne als auch davor – über Carsten zu beugen.

2

Frank richtete sich als Erster wieder zu voller Länge auf, nachdem er Carsten inspiziert hatte. Er raufte sich unentschlossen die Haare, fuhr sich mit der Hand über den Bart und schaute fragend zur Sonne hinauf, als ob dort eine Antwort zu finden wäre, während er sich zum nächsten Mikrofon begab.

»Ist jemand von Ihnen Arzt?«, fragte er.

Eine Revue-Replik. Ein stehender Witz. Ein Satz, von dem ich nie geglaubt hatte, dass ich ihn einmal allen Ernstes von einer Bühne hören würde.

Aber es war ernst.

Ich bahnte mir geduldig einen Weg durch die plötzlich wie festgefrorene Menge und bemerkte, wie ein langer, dünner Herr mit goldgerahmter Brille und einer schweren Tasche dasselbe tat.

»Sind Sie auch Arzt?«, fragte er, als wir die Rückseite der Bühne erreichten.

»Nur ein Freund«, antwortete ich. »Vielleicht kann ich behilflich sein.«

Er nickte wortlos.

Wir stiegen eine bescheidene Holztreppe hinauf und betraten die Bühne, ohne vom Publikum mit besonderem Beifall bedacht zu werden. Auf der anderen Seite konnten wir uns nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen. Jedes Augenpaar auf dem Kultorvet starrte ununterbrochen zur Bühne hinauf – wie rechtgläubige Katholiken vor einem Madonnenbild oder gebannte Fußballanhänger während eines Länderspiels. Musik kann Menschen in ihren Bann ziehen, aber Krankheit – insbesondere wenn sie plötzlich auftritt – reizt die Neugierde noch um einiges mehr.

Irgendjemand murmelte: »Sonnenstich?«, direkt hinter mir. Es war der Schlagzeuger, der mit den Armen in der Luft herumruderte, entweder, um sie nach dem Schwingen der Trommelstäbe ein wenig zu entspannen, oder einfach nur, um irgendetwas zu tun. Er war ein kleiner, dicker Kerl – meine verstorbene Mutter hätte ihn »einen richtigen Kugelblitz« genannt – mit hellblauen Augen, die so aussahen, als könnten sie unter anderen Umständen Lust und Freude im Überfluss versprühen. Er war mindestens zehn Jahre jünger als Carsten und Frank. Oder ich.

Über Carsten gebeugt, mitten auf der Bühne, standen immer noch der Altsaxophonist und das Mädchen. Frank war ein wenig nach vorne getreten, um einen eventuell erscheinenden Arzt empfangen zu können. Jedem, der irgendwann auch nur einen kleinen Ausschnitt des menschlichen Balletts hatte betrachten können, war vollkommen klar, dass Frank jetzt der Chef war.

»Dr. Moritzen«, sagte der Arzt kurz und gab Frank die Hand. »Kam gerade vorbei.«

Er stellte seine Tasche ab, schob das Saxophon zur Seite und entfernte Carstens Gitarre, damit er sich ganz dicht über ihn beugen konnte. Von dort gesehen, wo ich stand, verdeckte er ihn vollständig.

Ich ergriff Franks Arm.

Er drehte sich um und sah mich an, als ob ich nichts als Luft wäre. Wenn ein Nashorn wutschnaubend durch die Købmagergade auf ihn zugerannt wäre, hätte er wahrscheinlich auf die gleiche Art reagiert.

Dann kehrte er in die Wirklichkeit zurück. Er erkannte mich wieder, und wir grüßten uns wortlos, so wie Leute es tun, wenn sie eine gemeinsame Vergangenheit haben – nicht vergessen, aber auch nicht gerade brandaktuell.

Dr. Moritzen kam zu uns herüber.

»Er ist bewusstlos«, sagte er schnörkellos. »Tief bewusstlos. Wir müssen sofort einen Krankenwagen rufen.«

»Flemming!«, rief Frank dem armschwingenden Schlagzeuger zu.

Flemming begriff, was von ihm erwartet wurde, sprang in scharfem Trab die Bühne hinunter und zum nächstgelegenen Café, um zu telefonieren. Dr. Moritzen ging wieder zu Carsten hinüber und beugte sich ein weiteres Mal über ihn. Die Leute auf dem Platz standen nach wie vor bemerkenswert ruhig da, im Großen und Ganzen. Ein paar vereinzelte Nachwuchssäufer forderten lautstark: »Mehr Spaß!«, schwiegen aber wieder, nachdem die Mehrheit sie mit Blicken betrachtet hatte, die sicherlich nicht töten, aber auch nicht missverstanden werden konnten.

»Was machst du denn hier?«, fragte Frank. »Wie geht es dir?«

Er sagte es, als ob er gar nicht wahrnahm, was er da von sich gab.

»Bin einfach vorbeigekommen«, antwortete ich. »Zufall. Habe euch gehört. Grandios! Großartig!«

Kein Musiker ist ganz und gar unempfänglich für Komplimente. Einfach nur menschlich, wie man so sagt. Frank sah jetzt ein wenig aufmerksamer aus.

»Ja, so langsam hat es angefangen, nach etwas zu klingen«, sagte er bescheiden.

Schlagzeuger Flemming kehrte zurück.

»Unterwegs«, sagte er.

Ich gab Frank einen ebenso überflüssigen wie wohlgemeinten Klaps auf die Schulter und ging zu Carsten hinüber.

Dr. Moritzen kniete neben ihm und nahm seinen Puls. Dr. Moritzen sah besorgt aus. Andererseits wirkte er wie jemand, der immer so aussah – als ob es eine Angewohnheit von ihm wäre.

Kleine Gruppen von Zuschauern auf dem Kultorvet schienen der Ansicht zu sein, dass sie inzwischen lange genug höflich abgewartet hatten. Sie kamen näher heran. Einige riefen Fragen zur Bühne hinauf.

»Was ist passiert?«

»Ist er tot?«

Gleichzeitig pumpte der feierabendliche Menschenstrom von der Strøget und vom Højbro Plads zum Nørreport immer neue Zuschauer heran – neue Zuschauer, die erst einmal auf den neuesten Stand gebracht werden mussten, und die anschließend – abgesehen von den wenigen, die es wirklich eilig hatten, den Geschäftsleuten und den Verliebten – stehen blieben. Eine Truppe betrunkener Schweden glaubte augenscheinlich, dass sie der Aufführung eines Straßentheaters beiwohnte.

Ich ging wieder zu Frank hinüber.

»Du musst etwas sagen«, sagte ich.

»Was denn?«

»Egal, was. Sag, dass ein Unfall passiert ist, dass ihm plötzlich schwindelig geworden ist, bitte die Leute, Platz für den Krankenwagen zu schaffen, sag, dass es dir Leid tut, aber gegen Krankheiten sei nun einmal niemand gefeit und wir sollten dem Patienten alles Gute wünschen. Was dir so einfällt.«

Frank massierte sich die Stirn.

»Kannst du das nicht machen?«, fragte er.

Das konnte ich. Das machte ich. Auf mich kann man ruhig zählen, wenn einer meiner alten Freunde während der Arbeitszeit umfällt und ich ohnehin zufällig in der Nähe bin.

Der Krankenwagen war schnell. Er teilte die Menge und hatte ein paar Sekunden später die Bühne erreicht. Ein paar Zuschauer begannen aufzubrechen. Andere wollten sich die Schlussszene nicht entgehen lassen.

Während Carsten auf die Trage gelegt wurde, fragte ich höflich den Arzt, was er denn glaube. Dr. Moritzen schob seine Goldbrille einen Millimeter weiter die Nase hinauf und erklärte feierlich, dass er der ärztlichen Schweigepflicht unterliege. Er könne sich allein gegenüber der Familie äußern – oder der Polizei.

Die letzten drei Worte hätte er nicht unbedingt sagen müssen.

»Kommen Sie mit, Doktor?«, rief einer der Rettungssanitäter.

»Ja«, sagte der Arzt.

Er griff nach seiner Tasche und verabschiedete sich pauschal mit einem großzügigen Lächeln, fragte dann aber plötzlich, als ob er noch etwas vergessen hätte: »Ist jemand aus seiner Familie anwesend?«

»Seine Freundin«, sagte Frank und deutete auf das blonde, schmächtige Mädchen, das die ganze Zeit am Rande gestanden und kein Wort gesagt hatte, zusammen mit dem ebenso stummen, sonnenbebrillten Saxophonisten, der ungefähr dasselbe Alter zu haben schien wie der Schlagzeuger.

Sie weinte. Sie wirkte sehr klein und aus irgendeinem Grund vernachlässigt und zerzaust. Sie sah aus, als hätte sie niemals einen Teddybär gehabt, sich niemals im Tivoli amüsiert, niemals im Kino gelacht und niemals einen tröstenden Arm um die Schulter gelegt bekommen, wenn sie es gerade gebraucht hatte. Ihre Kleidung sah genauso aus: weiß, grau, verwaschen, zu groß, aus zweiter Hand – als ob es jedermanns Zeug hätte sein können, ein zufälliger Haufen Stoff.

»Wollen Sie mit?«, fragte der Arzt. »Ins Krankenhaus?«

»Ich k-kann nicht«, schniefte sie, so einigermaßen verständlich für ein feines Gehör. Dann begrub sie ihr Gesicht in den Händen und begann, ernsthaft zu schluchzen.

»Ausgezeichnet«, sagte der Arzt – eine bewundernswert konzise und klare Persönlichkeit. »Sie können dann mich oder das Rigshospital anrufen.«

Er überreichte Frank seine Karte und bestieg den Krankenwagen. Die Menge teilte sich erneut, damit er davonfahren konnte.

Frank und ich sahen einander mit denselben leeren Augen an. Der alte Kalauer We can’t keep meeting like this fuhr mir idiotischerweise durch den Kopf.

Das Mädchen weinte. Der Schlagzeuger wärmte sich weiter auf – oder ab –, sein ganzes Leben war offensichtlich eine einzige unendliche Joga- oder Joggingübung. Nur der Saxophonist wirkte vollkommen unberührt. Er nahm sein Instrument auf und begann, ein wenig darauf herumzublasen, langsame, tief Töne, rauf und runter, nur in Moll.

»Hör auf damit!«, sagte Frank.

Der Saxophonist setzte das Instrument ab. »Aber wir sind doch auf der Arbeit, oder?«, sagte er schleppend. »Eine Nummer müssen wir noch bringen, so steht es im Vertrag. Unsere Pause haben wir gerade verbraucht – für das hier.«

Frank sah aus, als könnte er zuschlagen. Was unter diesen Umständen vielleicht verständlich war, wenn man in Betracht zog, wie viele Jahre er und Carsten zusammengehalten hatten, aber sinnlos. Junge Saxophonisten wie dieser denken nur an Saxophone, so einfach ist das. Ungeachtet dessen, was um sie herum geschehen mag, werden sie – allen gnadenlos grassierenden Todesfällen, Mordbränden, dem Schwarzen Tod oder Orkanen zum Trotz – zu ihrem Saxophon greifen. Es ist gesund, einen festen Punkt in seinem Dasein zu haben, und ein Saxophon ist fester als die meisten anderen.

Oder auch ein Bass.

Egal, wie Franks private Meinung dazu aussah, so war er doch ein Profi. Er nickte und schickte Flemming auf seinen Platz. Er sah fragend zum Mädchen hinüber.

»Ich kann nicht«, sagte sie noch einmal.

Dann sah er fragend zu mir herüber.

Ich nickte.

Selbst wenn seitdem schon viele Jahre vergangen sind – wenn sich zwei Menschen einmal so gut gekannt haben wie Frank und ich, verstehen sie einander immer noch in einem gewissen Ausmaß.

Zeichensprache, so nennen es wohl die Gelehrten.

Also fasste ich sie auf eine sanfte, aber doch männlich autoritäre Weise um die Schultern und führte sie behutsam von der Bühne, während sie ihr Gesicht mit einem Taschentuch feudelte. Sie folgte mir so selbstverständlich, als hätte sie die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass jemand sie bei den Schultern nahm.

Ich konnte genauso gut der Tatsache ins Auge blicken, dass ich ein Alter erreicht hatte, in dem mich Mädchen ihres Alters beruhigend und Vertrauen erweckend fanden. Ich fühlte mich bei diesem Gedanken ganz und gar nicht beruhigt. Ich fühlte mich zehn Jahre älter.

Wir suchten uns einen kleinen Tisch rechts neben der Bühne. Von oben startete der Saxophonist sein Solo mit einer Art von kecker Fanfare. Aus irgendeinem Grund gelang sie ihm nicht so ganz; die Keckheit schien irgendwo in der regungslosen, warmen Luft stecken geblieben zu sein – so wenige Minuten nach den Fanfaren der Krankenwagensirene.

3

Der Kultorvet war nur noch halb so voll, als wir uns an dem weißen, wackeligen Tisch in zwei Plastikstühlen niederließen, die ich fürsorglich für uns ausgesucht hatte. Eine dieser magischen, praktischen Zeitbeschränkungen, die das menschliche Leben zu dirigieren scheinen, hatte offenbar dafür gesorgt, dass ein Teil der Menge sich noch vor Toresschluss zum Kaufmann, Schlachter oder Gemüsehändler aufgemacht hatte.

Ich sah mir das Mädchen genauer an und wurde ganz gerührt. Mit ihrer sommersprossigen Haut, ihren geschwollenen Augen und den immer noch tränennassen Wangen ähnelte sie einem Schulmädchen, dem ein netter Onkel unbedingt ein Softeis spendieren sollte, am besten noch mit Sahne und Erdbeersoße.

Andererseits war es ziemlich schwer vorstellbar, dass ein Mädchen, das tagein, tagaus mit Carsten zusammenlebte, nicht über das Softeisstadium hinweggekommen sein sollte. Nach reiflicher Überlegung holte ich uns also Bier und Magenbitter.

»Hier«, sagte ich und reichte ihr einen Gammel Dansk. »Trink das!«

Ganz nach dem Buch. Aber wenn Frank schon fragen konnte, ob es hier einen Arzt gab, dann durfte ich wohl auch »Trink das!« sagen. Es war einfach einer dieser Hörspiel-Tage.

Sie trank und holte tief Luft – oder zumindest ein bisschen tiefer. Ich zündete zwei Zigaretten an. Sie betrachtete mich genauer. Entweder hatte sie nichts gegen den Anblick einzuwenden, oder sie konnte ihren Abscheu überspielen.

»Wer bist du?«, fragte sie.

Eine sehr verständliche Frage.

Ich erklärte ihr, dass ich ein alter Freund von Carsten und Frank sei, und stellte mich mit meinem vollen Namen, meinem Beruf und meiner Adresse vor – wenn auch nicht mit meiner Sozialversicherungsnummer. Ich sagte auch, dass viele Jahre vergangen seien, seit ich Carsten das letzte Mal gesehen hätte, und dass ich es so verstanden hätte, dass sie zusammen seien.

»Nein«, sagte sie. »Wir waren es. Aber – jetzt nicht mehr.«

»Ja, aber Frank …«, begann ich.

Er hatte es dem Arzt gesagt. Ich halte viel davon, Fakten und Vermutungen auseinander zu halten. Berufskrankheit schlicht und ergreifend. Die wohlverdiente und gerechte Strafe für so viele Jahre journalistischer Tätigkeit.

»Oh, aber Frank – wusste es noch nicht«, sagte sie, während sie ihre Augen aufmerksam auf eine dicke Thalidomid-Taube gerichtet hielt, die sich einen heroischen Kampf mit einer vereinten Streitmacht von ganzen drei sippensolidarischen Spatzen um das Ende eines vorfabrizierten Hot-dog-Brötchens lieferte.

»Es geht mich ja auch nichts an«, sagte ich abwehrend, beinahe entschuldigend. »Ich wollte mich nicht einmischen.«

Das ist die beste Methode, das Vertrauen eines Menschen zu gewinnen – eine andere Sache, die mich der Journalismus gelehrt hat. Beginnen Sie einfach, indem Sie sagen, dass Sie sich auf keinen Fall in die Angelegenheiten einer anderen Person einmischen wollten, und zehn Minuten später bekommen Sie – mit ein bisschen Geschick und einer Prise Einfühlsamkeit – die Lebensgeschichte des Betreffenden mit einem Hauch von Basilikum auf dem Silbertablett serviert.

Die Methode funktionierte auch in diesem Fall.

Während Frank sein traditionelles Basssolo ablieferte – es gibt auf der Welt höchstens zehn Bassisten, die ein Basssolo spielen können, das anders und mehr ist als eben dieses traditionelle, und Frank ist keiner von ihnen (und wird auch kaum einer werden) –, erzählte sie mir in kurzen, abgehackten Sätzen ihre Geschichte. Nicht dass dabei viel Geschichte zusammenkam. Nicht dass ich das meiste davon nicht hätte erraten oder selber sehr viel besser schreiben können. Aber es war ihre Geschichte, und deswegen bedeutete sie ihr möglicherweise etwas.

Sie hieß Lene und war 23. Sie hatte schon überall in der Provinz gesungen, besonders auf Fünen, woher sie stammte. Sie hatte Carsten in Odense getroffen, wo er mit seinem damaligen Trio gespielt hatte, sie hatte bei ein paar Nummern mitgespielt, hatte einen netten Abend mit ihm und der Musik verbracht, und – ach, den Rest können Sie sich denken.

Sie hatten sofort den unter diesen Umständen ganz speziellen Plan gefasst: nämlich, dass sie »zusammen etwas machen wollten«. Dadurch waren sie zu dem Quintett geworden, das ich – allerdings ohne sie – gehört hatte. Es war ganz selbstverständlich, dass Frank dabei sein würde – Frank war immer dabei, wenn Carsten etwas machte.

Das Letztere sagte sie ganz ohne Ironie.

Gleichwohl fühlte ich mich dadurch sofort um fünfzehn Jahre zurückversetzt.

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