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Mord In Der 3. Etage

ANDREAS PANICKE

***

MORD IN DER 3. ETAGE

Ein Retro-Krimi

Umschlaggestaltung: Andreas Panicke

Umschlagfotos: Andreas Panicke, Olaf Baldszun

Inhalt

I. Die Tote

II. Die Spur

III. Der Kommissar

IV. Die Kneipe

V. Der Überfall

VI. Der Schlachtplan

VII. Die Lösung

VIII. Der Mörder

IX. Der zweite Überfall

X. Die Botschaft

XI. Die Story

XII. Die Jagd

XIII. Das Ende

XIV. Das Schwert

I. Die Tote

Ziellos trottete ich durch die flirrende Hitze der fast menschenleeren Straßen.

Ein Blick zur Sonne sagte mir, dass die Stunde Gary Coopers schon länger verstrichen war. Die Miller-Bande war von der Straße geräumt und wurde vom örtlichen Leichenbestatter vermessen; Gary fuhr, meilenweit von Hadleyville entfernt, einer ungewissen Zukunft als Pantoffelheld entgegen. Vielleicht saß er aber auch schon wieder im Saloon, er konnte sich ja so schlecht von dem Städtchen trennen.

Ich wusste es nicht, denn hier war nicht Hadleyville, hier gab es keine finsteren Schurken und keine Leichen - dachte ich.

Das heißt, eigentlich dachte ich gar nichts, es war einfach zu heiß. Die Vision eines größeren Glases Bier, richtig temperiert und ordentlich gezapft, erschien mir ganz von selbst. Ebenso automatisch befand ich mich plötzlich auf dem Weg zu meiner Stammkneipe. Meine Füße fanden den Weg auch allein, wie ein Pferd, das man laufen lässt, immer den heimatlichen Stall findet.

Ungefähr 20 Meter vor mir bog sie um die Ecke und kam geradewegs auf mich zu.

Ich dachte immer noch an nichts.

Es war eines dieser Mädchen mit dem traurigen Gesicht, eines bei dem man befürchtet, dass es in Tränen ausbricht, wenn es sich eine Bahnfahrkarte kauft. Beim Anblick dieser Wesen muss man mit dem Schlimmsten rechnen: Mord und Totschlag, Weltuntergang oder der Verkündung einer neuen Prohibition. Meist wollen sie dann nur eine Zigarette oder wissen wo der Bahnhof ist.

So ein Katastrophen-Girl steuerte also auf mich zu und ließ mir, wie ein gut trainierter Torwart, keine Chance rechts oder links vorbeizukommen.

Ich hielt an und wollte ihr gerade sagen, wo der Bahnhof ist, als sie mit fast verendender Stimme fragte: "Kannst du mir einen Gefallen tun?"

Sie war ungefähr 18 Jahre alt, hatte langes, mittelblondes, leicht strähniges Haar und blaue, verzweifelt dreinblickende Augen. Ein kariertes Männerhemd flatterte lose über den hautengen Jeans. Alles in allem machte sie einen einigermaßen gepflegten Eindruck und sah eigentlich gar nicht so übel aus.

In diesem Moment hielt neben uns ein Taxi, eine Tür ging auf, und heraus purzelte ein haariges Etwas, einem Wollknäuel nicht ganz unähnlich. Das kleine Geschöpf sortierte sich, kam irgendwie auf seinen vier Pfoten zu stehen und strebte eiligst dem nächsten Laternenpfahl entgegen.

Frauchen, eine gewichtige Dame mittleren Alters im schreiend bunten Sommerkleid, entlöhnte den Fahrer und wuchtete dann ihre Pfunde hinaus in den hellen Sonnenschein.

Das war ein Wink des Schicksals, doch ich verstand ihn leider nicht: Ich hätte mich in das Taxi werfen und 100, besser 500 Kilometer, geradeaus fahren müssen.

So aber blieb ich einfach stehen, wendete den Blick wieder meiner überraschend aufgetauchten Gesprächspartnerin zu und meinte: "Ich rauche leider nicht."

Einen Augenblick war sie verwirrt, dann kam: "Nein, nein, ich will keine Zigarette. Es ist etwas anderes…" Ihre Stimme erstarb.

"Na, nun mal raus mit der Sprache", forderte ich sie auf. "Wenn ich allerdings einen Tresor knacken oder jemanden umbringen soll, brauche ich erst einen Schluck Bier; am frühen Morgen bin ich immer etwas wackelig auf den Beinen."

Sie hörte wohl gar nicht richtig hin, sondern setzte zu einem neuen Versuch an: "Meine Freundin, sie ist…"

"… tot", ergänzte ich fröhlich. So schlimm konnte es ja nun schließlich nicht sein.

Ihrer Reaktion nach zu urteilen war es noch schlimmer. Sie riss die Augen entsetzt auf, und ich fürchtete, sie würde mir gleich hintenüber aufs Pflaster schlagen. Es ging aber gerade noch mal gut, sie gab sich einen Ruck und folgende Geschichte zum Besten: "Nein. Meine Freundin, wir waren zusammen im Riverboat, heute Morgen, und da hat sie getrunken, wegen Klaus, und dann ist sie vom Stuhl gefallen und hat sich den Kopf aufgeschlagen, und jetzt ist sie im Krankenhaus, und man will mir nicht sagen, was los ist…"

"… es hat ziemlich geblutet!", schloss sie ihren reichlich wirren Bericht.

Ich meinte folgendes daraus entnehmen zu können: Zwei junge Damen hatten sich am heiligen Sonntagmorgen in ein Lokal begeben, um ein paar Drinks zu schlürfen. Das Riverboat ist eine Kneipe mit vorwiegend jüngerem Publikum und dröhnend lauter Discomusik. Sonntagmorgen war ich allerdings noch nie dort gewesen. Die eine junge Dame schien also Probleme mit einem Vertreter des männlichen Geschlechts gehabt zu haben und hatte versucht, diese in ein paar Drinks mehr zu ersäufen. Mangels Übung oder Selbsteinschätzung war sie dann vom Hocker gekippt, worauf man sie aus dem Verkehr gezogen hatte - wegen Alkoholvergiftung oder Gehirnerschütterung. Schön und gut, oder auch nicht, aber welche Rolle ich in dem Drama spielen sollte, war mir noch reichlich unklar.

Das Mädchen hatte sich inzwischen etwas gefasst und murmelte: "Entschuldige, ich bin ein bisschen durcheinander." Dann etwas lauter: "Könntest du nicht im Krankenhaus anrufen und fragen, wie es ihr geht, als Vater oder so?"

Obwohl sich meiner inzwischen ein ziemlicher Durst bemächtigt hatte, wollte ich der Kleinen doch irgendwie helfen, und so ein Telefonanruf war ja auch nicht die Welt.

Also willigte ich ein und stellte auf dem Weg zur Telefonzelle noch ein paar Fragen:

"Wie heißt denn deine Freundin?"

"Irene, Irene Stein."

"Und ihr Vater?"

"Auch Stein."

"Vorname?"

"Rudolf, glaube ich."

Wir betraten die Zelle, und ich suchte mir die Nummer des örtlichen Krankenhauses aus dem zerfledderten Telefonbuch. Sie nachTelefonkarte oder Kleingeld zu fragen, erschien mir wenig aussichtsreich, ich versuchte es trotzdem. Ein Kopfschütteln bekam ich zur Antwort, und so musste ich noch 20 Pfennig in ein Ortsgespräch investieren.

Beim Wählen fiel mir auf, dass ich noch nicht mal wusste, wie sie hieß. Eigentlich auch egal dachte ich, du führst ein kurzes Telefonat, sagst einem Mädchen, dass ihre Freundin im Delirium liegt oder eine Gehirnerschütterung hat oder beides, und dann geht jeder seiner Wege, wobei mich meiner direkt vor einem großen Krug frisch gezapftes Pils führen würde.

Es sollte nicht mein letzter Irrtum sein.

Eine ältere, weibliche Stimme meldete sich:

"St. Marienkrankenhaus, guten Tag!”

"Guten Tag, mein Name ist Rudolf Stein. Eben rief mich eine junge Dame an, die behauptete, meine Tochter befände sich jetzt in ihrem Krankenhaus."

"Moment, ich gebe ihnen die Aufnahme.”

Eine Stimme wie der Albtraum eines Gewächshausgärtners: "Aufnahme, Schwester Margarete."

Ich leierte meinen Satz, unter den bewundernden Blicken des unbekannten Mädchens, ein zweites Mal herunter und kam mir ziemlich albern vor.

"Tja, Herr Stein, ihre Tochter war hier und ist ambulant behandelt worden, Platzwunde am Kopf. Wir haben sie mit einem Taxi nach Hause geschickt."

"Na, dann ist ja alles in Ordnung", rief ich gut gelaunt.

"Herr Stein!!"

Ihr Telefon musste mit einer besonderen Membrane ausgestattet sein. Eine normale Membrane hätte sich diese Stimme verbeten und wäre einfach geplatzt.

"Ja?"

"Sie sollten sich etwas mehr um ihre Tochter kümmern!"

"Werde ich tun", versprach ich etwas erschrocken.

Ein Scheppern und Poltern ließ mich vermuten, dass sie den Hörer vor Wut neben das Telefon geschmissen hatte.

Ich beeilte mich aufzulegen und wandte mich an das Mädchen: "Deine Freundin ist unterwegs in die Obhut der Familie, sie hat lediglich eine Platzwunde."

Irgendwie schien sie das überhaupt nicht zu trösten. Da ging es auch schon weiter: "Sie wohnt allein. Hoffentlich ist sie auch zu Hause, ich meine wegen Klaus…"

Sie sah mich ängstlich an.

"Sehen wir doch einfach nach!", schlug ich vor und hätte mir im nächsten Moment am liebsten die Zunge abgebissen.

Über ihr Gesicht ging ein Leuchten, als seien ihr die himmlischen Heerscharen begegnet und hätten sie zum Abendessen ins Paradies eingeladen.

“Das ist aber schrecklich nett von dir", strahlte sie mich an. "Irene wohnt auch gar nicht weit von hier."

Schrecklich fand ich die Geschichte inzwischen auch, aber mir blieb nun nichts weiter übrig als nachzusehen, ob die Schnapsdrossel wohlbehalten in ihren vier Wänden angekommen war.

"Ich heiße übrigens Sibylle", ließ sie mich wissen.

"Ich bin der Thomas und falle gleich um vor Durst!", verkündete ich, wobei ich mir demonstrativ den Schweiß von der Stirn wischte.

"Irene hat bestimmt was zu trinken da", tröstete sie mich und setzte hinzu: "Hoffentlich ist sie zu Hause."

Das hoffte ich allerdings auch. Bis jetzt bildete ich mir immer noch ein, dass ich einem Mädchen, dass ein bisschen durcheinander geraten war, einen kleinen Gefallen tat. Wenn ich gewusst hätte, was ich mir da einbrockte, wäre ich laut schreiend weggerannt.

Auch diese Chance vergab ich.

Wir gingen schweigend weiter. Eigentlich hätte ich nun fragen müssen, wie das alles gekommen war, was Klaus der armen Irene angetan hatte usw., aber es interessierte mich absolut nicht, und für höfliche Konversation konnte ich mich bei der Hitze auch nicht begeistern.

So gelangten wir nach kurzer Zeit in eine kleine Straße, die von zwei Reihen bunter, dreistöckiger Mietshäuser gesäumt war.

Vor einem davon blieb Sibylle stehen und betätigte eine Klingel, neben der ein kleines Schild klebte. Darauf stand vermutlich Irene Stein, aber ich sah überhaupt nicht hin; ich wollte die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter mich bringen. Die Haustür stand sowieso offen. Also gingen wir hinein.

Irene wohnte natürlich im dritten Stock, und als wir oben ankamen, war ich schon bereit, einige Monate meines Lebens für einen Schluck Bier zu opfern. Die Hitze war von Etage zu Etage schlimmer geworden, und hier oben kam ich mir vor, als hätte man mich in einen Topf mit kochender Erbsensuppe geworfen.

Während ich noch nach Luft japste, bearbeitete Sibylle einen Klingelknopf. Hinter der Tür schepperte ein Gong los.

Als er sich wieder beruhigt hatte, senkte sich erneut Totenstille über uns und diesen Brutkasten von Haus.

Ich hatte keinerlei Bewegung wahrgenommen, aber plötzlich hielt dieses Wunderkind neben mir einen einzelnen BKS-Schlüssel in der Hand und begann seelenruhig die Tür aufzuschließen.

"Du hast einen Schlüssel?", brachte ich krächzend hervor.

"Ich schlafe manchmal hier."

Die Tür öffnete sich. Da mir die Luft drinnen etwas kühler schien, machte ich einen langen Schritt und stand in einem kleinen Flur. Links neben mir befand sich die Küche, und ich konnte mich nur mühsam beherrschen, nicht die angelehnte Tür aufzustoßen, um nach dem Kühlschrank zu suchen.

Ich bemerkte drei weitere Türen: Neben der Küche eine verschlossene, gegenüber eine halboffene, das Wohnzimmer, wie ich richtig vermutete und rechts vorne die des Badezimmers.

Während ich mich noch orientierte, klickte hinter mir die Wohnungstür ins Schloss und Sibylle glitt lautlos an mir vorbei in Richtung der verschlossenen Tür.

Ich machte mich währenddessen auf den Weg ins Wohnzimmer. Der dunkelbraune Veloursteppichboden des Flurs setzte sich hier fort und bot einen guten Kontrast zu den skandinavischen Kiefermöbeln. Ein niedriger, rechteckiger Glastisch stand vor einer, aus drei Sitzelementen zusammengestellten, braun-beige bezogenen Couch. Auf dem Tisch ein ziemlich voller Aschenbecher, zwei Gläser und eine kleine Blumenvase mit drei, nicht mehr ganz taufrischen, Rosen; hinter und neben ihm zwei weitere Sitzelemente. Eine Schrankwand und ein Tischchen mit einem tragbaren Fernseher vervollständigen die Einrichtung. Vor den verschlossenen Fenstern hingen, halb heruntergezogene, beigefarbene Rollos.

Ich erwischte Sibylle gerade noch am Arm, als sie sich mit einem Aufschrei, an mir vorbei, auf das am Boden liegende Mädchen stürzen wollte.

Mangels Erfahrung mit Verblichenen, kann ich mich nicht direkt als Fachmann bezeichnen, aber dieses Mädchen hatte die Reise in ein besseres Jenseits angetreten, daran bestand absolut kein Zweifel. Und auch nicht daran, dass ihr jemand auf den Weg geholfen hatte. Davon zeugte nämlich eine fürchterliche Kopfwunde, die kaum noch blutete. Ein Pflaster, das jetzt von Blut bedeckt war, zeugte von ihrer ambulanten Behandlung früher am Tag.

Der Mensch, der dies getan hatte, musste Irene sehr gehasst haben, denn der Hinterkopf der Toten war praktisch zu Brei geschlagen.

"Es ist Irene", wimmerte Sybille neben mir.

"Das hatte ich mir schon gedacht", knurrte ich.

"Ist sie…, ist sie völlig tot?"

"Ich habe noch nie von einer Leiche gehört, die nur ein bisschen tot ist."

Ich versuchte das flaue Gefühl im Magen mit Schnoddrigkeit zu bekämpfen. Aber schließlich musste etwas geschehen, und so sagte ich vorsichtig:

"Wir müssten die Polizei rufen."

Sibylle nickte: "Aber Irene, ich meine, hier ist kein Telefon."

"Vielleicht hat irgendjemand im Haus…"

"Im Erdgeschoss, ich kenne die Leute", unterbrach sie mich. "Soll ich…?"

Ich verkniff mir eine weitere Bemerkung und sagte einfach: "Ja."

Sibylle schwankte hinaus und murmelte dabei Unverständliches vor sich hin. Ich glaubte den Namen Klaus herausgegehört zu haben.

Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, ging ich etwas näher an das tote Mädchen heran.

Mittelbraune, halblange Haare umrahmten ein hübsches Gesicht, das mit einem kleinen Leberfleck auf der linken Wange etwas Spitzbübisches bekam. Die blauen Augen dazu waren eine eher seltene Kombination.

Abgesehen von der Frisur, sahen sich die beiden Mädchen ein bisschen ähnlich, soweit ich das anhand der linken Gesichtshälfte beurteilen konnte.

Das heißt, soweit ich das überhaupt beurteilen konnte. Ich kann mir nämlich absolut keine Gesichter merken und hoffte, Sybille bei ihrer Rückkehr noch wiederzuerkennen

Ich trat noch etwas näher an die Tote heran heran. In ihrem Gesicht war keine Angst zu erkennen, sie schien eher überrascht zu sein, erstaunt, dass ein Mensch so brutal sein konnte, ihr den Schädel einzuschlagen.

Ich versuchte mir jemanden vorzustellen, der zu so etwas fähig wäre: Mir fiel keiner ein.

Klaus? Soweit ich es verstanden hatte, war sie aus irgendeinem Grund sauer auf ihn gewesen. Also hätte höchstens er hier liegen müssen. Sie hatte sich bestimmt nicht volllaufen lassen, damit die Schläge auf den Kopf nicht so weh tun würden.

Aber da standen noch die beiden Gläser auf dem Tisch. In dem einen befanden sich zwei cm einer gelben Flüssigkeit. Ich roch daran: Gin; also Gin mit Orangensaft.

Während ich weiter versuchte Schlüsse zu ziehen, mich dabei ärgerte, dass ich nicht neugieriger gewesen war, klingelte das Telefon.

Ich muss ein unheimlich dummes Gesicht gemacht haben, wahrscheinlich das dümmste Gesicht, dass je ein Mensch beim Läuten eines Telefons gemacht hat.

Nach dem dritten Klingeln gab ich es auf an Halluzinationen zu glauben, dafür verspürte ich große Lust, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.

Aber damit konnte ich nun auch nichts mehr retten, und da mir die Bimmelei auf die Nerven ging, zog ich den Apparat unter einem Sofakissen hervor und hob den Hörer ab.

"Hallo?"

Kneipengeräusche und Discomusik bekam ich zur Antwort.

Ich wartete.

Der Anrufer wartete auch.

Ich war wohl nicht derjenige, den er zu sprechen wünschte.

Schließlich begriff er, dass ihn unser beiderseitiges Schweigen nicht weiterbrachte, und er bellte mich an:

"Wer ist da?"

"Ein Freund von Irene", antwortete ich.

"Wo ist Irene?"

"Hier, direkt neben mir."

“Dann gib sie mir mal, du Komiker!"

"Geht nicht."

"Warum nicht?"

"Die Leitung ist zu kurz."

Er atmete tief ein: "Hör mal zu, du Affenarsch, entweder holst du mir sofort Irene ans Telefon oder ich breche dir die Füße!"

"Pass auf, Supermann, ich mache dir einen Vorschlag: Du breitest deine Schwingen aus und kommst mal eben vorbeigeflogen. Dann kannst du dir Irenes zermatschten Kopf begucken; reden wird sie allerdings nicht mehr viel, genau genommen gar nichts mehr."

Ich knallte den Hörer hin.

Was war hier los? Sybille hatte einen Schlüssel, also wusste sie auch, dass es hier ein Telefon gab. Dieses Geheimnis hatte sie aber für sich behalten - um einen guten Grund zu haben, die Wohnung zu verlassen? Ansonsten musste sie damit rechnen, dass ich sie aufhalten würde, was ich zweifelsohne auch getan hätte.

Mir kam der böse Verdacht, dass Sybille schon vorher von ihrer toten Freundin gewusst und nur einen Trottel gesucht hatte, den sie neben das Opfer stellen konnte… Aber warum? Hatte sie Irene selbst das Lebenslicht ausgeblasen, wollte sie von jemandem ablenken und glaubte sie ernsthaft, man würde mich des Mordes verdächtigen?

Ich beendete diese unerfreulichen Gedanken und besichtigte vorsichtshalber die anderen Räume; ich wollte ja schließlich wissen, ob ich mich möglicherweise gegen den Vorwurf des Massenmordes verteidigen musste.

Zum Glück waren Schlafzimmer, Küche und Bad nicht bevölkert, weder von Lebenden, noch von Toten.

Zurück im Wohnzimmer, sah ich mir die Schrankwand, bzw. die dort aufgestellten, großformatigen Fotos, an. Auf einem waren drei Mädchen abgebildet, die sich irgendwie ähnelten. In der Mitte Irene, die ich ich an ihrem Leberfleck und den halblangen, braunen Haaren erkannte. Die beiden anderen Mädchen hatten lange, blonde Haare. Das eine hätte Sybille sein können, aber ich fragte mich, ob ich das Trio mit anderen Frisuren würde auseinanderhalten können. Blaue Augen hatten alle drei. Auf jeden Fall war es ein schönes Foto, dass wohl von einem Profi aufgenommen worden war.

Dann schepperte der Gong wieder los.

Ich ging in den Flur und suchte den Knopf zum Öffnen der Haustür, als mir einfiel, dass diese offenstand.

Also riss ich die Tür auf und blickte in die Gesichter zweier Uniformierter aus dem Kreise unserer Freunde und Helfer.

Mich überraschte schon nichts mehr.

Einer war groß, schwer, um die 40; der harte Bursche, der, ohne mit der Wimper zu zucken, Parksünder jagt und erbarmungslos zur Strecke bringt. Sein breites, großflächiges Gesicht verriet jene Spur von Intelligenz, die man benötigt, um einen Lichtschalter zu betätigen.

Sein Begleiter, ein munteres, mitte 20-jähriges Bürschchen, sah mich aus hellen, blauen Augen erwartungsvoll an.

Vermutlich erwartete er den Spruch des Tages von mir. Während ich noch versuchte, ihn zu finden, öffnete der Ältere den Mund, wahrscheinlich um etwas zu sagen.

Ich winkte ab: "Kommen sie rein!"

Der große Bulle klappte den Mund wieder zu, der kleine schien ein bisschen enttäuscht, aber sie folgten mir wortlos ins Wohnzimmer.

Irgendwie hoffte ich, dass Irene inzwischen ihr Blut vom Teppich gekratzt, ihren kaputten Kopf unter den Arm genommen hatte und verschwunden war.

Aber es hatte sich alles gegen mich verschworen: Sie lag natürlich noch an der gleichen Stelle, mit dem gleichen eingeschlagenen Schädel und der gleichen Menge Blut auf dem Teppichboden.

Ich beobachtete die Gesichter der beiden Polizisten, als sie die Leiche erblickten.

Der Kleine wurde grün, der Große blass.

"Nichts anfassen!", knurrte er und: "So eine Schweinerei!"

Der Junge würgte bloß, und ich wollte ihm gerade den Weg zum Bad zeigen, als endlich mal wieder das Telefon klingelte.

Der Schwergewichtler wandte irritiert den Kopf, erst zum Telefon, dann zu mir.

"Gehen sie ran!", kommandierte er.

Ich ging in die Knie und griff zum Hörer.

"Mit zwei Fingern!", schrie er hinter mir.

Das hätte mir gerade noch gefehlt; meine Fingerabdrücke waren ja sowieso schon auf dem Apparat verewigt. Jetzt hatte ich die Möglichkeit, sie unter Zeugen noch einmal darauf anzubringen und grapschte infolgedessen mit allen, mir zur Verfügung stehenden Fingern nach dem Hörer und hob ihn ab.

Der Ordnungshüter machte ein dämliches, ich ein erschrockenes Gesicht; dann löste ich drei meiner Finger von dem grauen Kunststoff.

"Entschuldigen sie bitte", fuhr mich eine markante Männerstimme an, aber nicht so, als ob es ihr wirklich leid täte. “Ich hätte gern Frau Stein gesprochen."

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der große Bulle schluckte und tief Luft holte.

Dann beugte er sich herunter und riss den Hörer samt meinem halben Arm an sich.

"Polizei, wer spricht und von wo?", bellte er in die Muschel.

Ein todsicheres Mittel, das Gespräch abrupt zu beenden; ich ärgerte mich, dass mir das vorhin nicht selbst eingefallen war.

Ich hörte den Hörer direkt auf die Gabel krachen.

Der Gesichtsausdruck des Dicken wurde noch um eine Idee verständnisloser, dann gab er sich einen Ruck, unterbrach selbst die Verbindung mit einem seiner dicken Daumen und begann zu wählen.

"Polizeiobermeister Wegener, ich habe hier eine Leiche, eindeutig Mord, Alexanderstraße 14, 3. Stock, Stein. Sag dem Chef Bescheid und bringt alles mit!"

Der Kollege am anderen Ende hatte wohl irgendetwas missverstanden, denn Wegener brüllte noch mal los: "Dritte Etage und der Name ist Stein!"

Der Hörer flog zurück - die Telefone hatten heute ganz schön zu leiden - und Meister Wegener richtete sich auf.

Plötzlich fiel ihm etwas ein, er fuhr zu mir herum und geiferte mich an: "Sie bleiben hier!"

Dabei legte er die Hand unauffällig an seine Pistolentasche.

"Warum?", fragte ich so harmlos wie möglich.

"Die Witze können sie sich sparen!", donnerte er mich an.

"Würden sie mir auch in den Rücken schießen?", erkundigte ich mich vorsichtig .

"Wohin sie wollen", grunzte er, wobei sich seine Hand fester um die Pistole schloss.

"U

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