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Mord in Norddeich

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Mord in Norddeich

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

Mord in Norddeich

In dem großen Verwaltungsgebäude der Baugesellschaft Feeke Bantz OHG auf der Badestraße 47 bis 49 in Norddeich herrschte an diesen Tagen eine gespenstische Atmosphäre, während sich das Wetter von der schönsten Seite zeigte und der Monat Mai Norddeutschland mit viel Sonne verwöhnte. Die Blumen sprossen in den Gärten und auf den Deichwiesen wuchs saftiges Gras heran. Die Fischer fuhren hinaus, um Krabben und die jungen Plattfische zu fangen.

Diese erfreulichen Umstände konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Angestellten der Baugesellschaft eine tiefe Trauer bewegte. Sie wagten es nicht, sich laut zu unterhalten, und zuckten zusammen, wenn das Klingeln der Telefone die Ruhe durchbrach. Dabei wusste jeder, vom Lehrling bis zum Mitarbeiter in der Direktion, dass diesbezügliche Rücksichtnahme nicht nur überflüssig war, sondern auch beim Firmenchef auf Ablehnung gestoßen wäre.

Der schwerkranke Feeke Bantz war nach erfolgloser Operation im Krankenhaus nach Hause zurückgekehrt. Er lag im Schlafzimmer seiner luxuriösen Villa, nicht einmal ein paar Hundert Meter entfernt von seiner Firma, bleich in seinen Kissen. Er hatte die Augen geschlossen und röchelte gelegentlich. Seiner Frau Elvira flossen Tränen über die Wangen, während sie den feuchten Umschlag erneuerte, der dem Sterbenden Linderung verschaffen sollte.

Neben ihr saß ängstlich und eingeschüchtert ihr Sohn Renke. Er weinte, schluchzte und rieb sich die Augen. Schon seit Stunden bangten er und seine Mutter um sein Leben. Der Hausarzt hatte seinen Patienten wiederholt besucht und konnte ihm nicht mehr helfen. Um vierzehn Uhr kam er zurück, um Frau Bantz nicht das Gefühl zu geben, alleine zu sein. Der Patient wurde zusehends unruhiger. Ein leichtes Fieber befiel ihn.

Der Doktor betrachtete den schwerkranken Patienten.

»Gnädige Frau, mehr können wir nicht für Ihren Mann tun«, sagte der Arzt.

Um 14 Uhr 14 starb Feeke Bantz. Er schlief in den Armen seiner Frau ein. Sein Sohn Renke stand bleich neben seiner Mutter und schluchzte. Dann verließ er weinend das Zimmer, betete inbrünstig zu Gott und bat ihn, seinen Vater in den Himmel aufzunehmen. Auch Elvira Bantz erstickte fast im Gebet.

Die Nachricht vom Tode des Chefs und Firmeninhabers kam nicht unerwartet. Dennoch rief sie tiefe Trauer bei der Belegschaft hervor. Feeke Bantz war an einem heimtückischen Tumor erkrankt, der zu seinem Tode geführt hatte. Der Chef war nicht nur bei seinen Mitarbeitern, sondern auch bei seinen Kunden beliebt. In der Tat hatte die Krankheit ihn mitten aus dem Leben gerissen. Dabei war er der Motor seiner Firma gewesen.

Der unvorhergesehene Tod des geschätzten Chefs zeigte seine Auswirkungen. Es waren die Sorgen um ihre Arbeitsplätze, die die Beschäftigten quälten. Doch die gehegten Befürchtungen entpuppten sich als überflüssig, denn es war stets das Bestreben von Feeke Bantz gewesen, ein strammes Auftragspolster vor sich her zu schieben. Wenn auch allgemein eine leichte Flaute spürbar war, so betraf sie nicht die Feeke-Bantz-Baugesellschaft.

Nach einer Reihe von Schwierigkeiten zog die Normalität wieder ein. Das anfängliche Chaos wich der Vernunft. Eine weitere Folge des frühen Todes von Feeke Bantz zeigte sich in der Personalpolitik des Unternehmens. Der Firmengründer und Inhaber war noch zu jung zum Sterben gewesen. Das Schicksal hatte ihm keine Zeit gelassen, über seine Nachfolge nachzudenken. Renke, sein Sohn, ging noch zur Schule. Seine Frau Elvira hatte sich bis dato nicht um die Geschäfte gekümmert, und es bedurfte – offen gesagt – einiger Anstrengungen, bis sich die gelernte Schneiderin in die Geheimnisse der doppelten Buchführung eingearbeitet hatte.

Elvira Bantz tat das einzig Richtige, sie setzte auf die vertrauten Mitarbeiter. Damit vermied sie aufkommende Unruhen und schaffte Vertrauen. Mithilfe der älteren, führenden Angestellten kamen die Vorgänge wieder ins Lot. Das galt vor allem für die Bauhandwerker, um deren Einsatz sich Feeke Bantz persönlich gekümmert hatte. Immerhin beschäftigte die Gesellschaft rund 300 Mitarbeiter in der Fertigung und 40 in der Verwaltung. Die Baugesellschaft galt mit Abstand als der größte Arbeitgeber in Norddeich und Norden.

Noch vor einem halben Jahr hatte der Chef von seinem bewährten Mitarbeiter Menke Eschhoff erfahren, dass er in den wohlverdienten Ruhestand gehen wollte. Der Diplom-Ingenieur hatte Feeke Bantz wertvolle Dienste während der Aufbauphase geleistet und die Firma mit Geschick durch die Baukrise gesteuert. All die Jahre war er seine zweite Hand und maßgeblich an der Expansion der Firma beteiligt gewesen. Im Nachhinein hatte es sich als Fehler erwiesen, dass der Firmeninhaber nicht bereits für den Führungsnachwuchs Sorge getragen hatte, denn sein Sohn Renke hatte noch etliche Schuljahre vor sich, ehe er seinem Vater zur Hand gehen konnte.

Auch Frerik Salzer, der zweite Vertraute und Mitstreiter, näherte sich dem Pensionsalter. Auf den Schultern dieser älteren Herren ruhte plötzlich und unerwartet die Last der Firmenleitung.

Auf Wunsch von Elvira Bantz setzte der rüstige Menke Eschhoff seine Ruhestandspläne auf unbestimmte Zeit aus. Auch Frerik Salzer erklärte sich bereit, seinen Vertrag über das 62. Lebensjahr hinaus zu verlängern. Er war ein hervorragender Verwaltungsfachmann. Für die Feeke Bantz OHG bildete das Team weiterhin eine zuverlässige Truppe, die vorerst in der Lage war, das Ruder zu übernehmen. Aufgrund der längeren Betriebszugehörigkeit galt der ältere Eschhoff für Elvira Bantz als der eigentliche Ansprechpartner. Auch besaß er das Vertrauen der Belegschaft.

Auch wenn sich Elvira Bantz geschäftlich nie besonders hervorgetan hatte, so besaß sie doch die Sympathie der Mitarbeiter und war sich der Verantwortung bewusst, denn vom Wohl und Wehe der Firma hing das Schicksal vieler Familien ab.

Bereits einen Monat später, also kurz vor den Sommerferien, atmeten alle hörbar auf, als die Feeke Bantz OHG einen weiteren bemerkenswerten Auftrag erhielt, der mithalf, den Fortbestand der Firma vorerst zu sichern. Die internationale »Quiet«-Gruppe mit Sitz in Zürich gab ein Hotel der Superlative in Auftrag. Der internationale Hotelkonzern hatte sich dicht an der Kaiserstraße im Herzen der Insel Norderney ein Grundstück mit Meeresblick gesichert. Doch das war nicht alles. Die Feeke-Bantz-Bau hatte noch einen weiteren Erfolg mit ihrer Ausschreibungspolitik zu verbuchen. Im benachbarten Lingen erhielt sie den Zuschlag zum Bau des neuen Emsgymnasiums.

So durch die Festaufträge gestärkt, war die finanzielle Struktur des Unternehmens für Jahre hinaus gesichert. Das Familienunternehmen schritt auch weiterhin auf Erfolgskurs einer gesunden Zukunft entgegen. Das entsprach auch dem Versprechen, welches Elvira Bantz ihrem Mann auf dem Sterbebett gegeben hatte, nämlich für ihren Sohn Renke die Existenz zu erhalten.

Der Tod des Vaters stellte auch für den Sohn einen sehr schweren Verlust dar. Renke hatte sich großartig mit seinem Papa verstanden. Feeke Bantz war nicht nur kinderlieb gewesen, sondern auch ein Kumpeltyp, der sich immer Zeit genommen hatte, wenn Renke ihn zu sprechen wünschte. Dabei hatte er viel Zeit mit ihm zusammen verbracht. Unvergessen blieben die vielen gemeinsamen Stunden auf See. Denn sein Sohn und er hatten das gleiche Hobby. Sie waren gemeinsam auf ihrer 12-m-Yacht gesegelt. Mitten in diesen paradiesischen Frieden hatte ihn das Schicksal ereilt.

Es war während der Bürostunden geschehen. In einer Besprechung verlor Feeke Bantz den Faden. Er griff sich an den Kopf, reagierte sehr benommen und sprach wirres Zeug. Die Mitarbeiter reagierten sofort und fuhren mit ihm zum Krankenhaus. Die Ärzte diagnostizierten einen Gehirntumor, der einerseits für eine Operation ein hohes Risiko darstellte, andererseits eine starke Lebensbedrohung bedeutete.

Die Krankheit riss den knapp fünfzigjährigen alleinigen Firmeninhaber und Bauingenieur völlig überraschend aus seiner Schaffenswelt. Der hochgewachsene, schlanke Mann hatte gesundheitsbewusst gelebt und den Sport geliebt, wobei das Segeln eine Sonderrolle eingenommen hatte. Der Ingenieur war nie krank gewesen. Er hatte maßvoll gegessen und hatte sich stets zurückgehalten, was den Alkohol betraf.

Seine Frau Elvira war eine geborene Saathoff, aus Marienhafe. Auch ihr war bereits in ihrem Elternhaus die gesunde Lebensweise mit viel Obst und Gemüse mit auf den Weg gegeben worden. Sie war eine ausgebildete Schneiderin, die nur wenige Jahre jünger war als Feeke Bantz, der in Hannover Hochbau studiert hatte und nach dem Studium in das ländliche Baugeschäft seines Vaters eingestiegen war. Er hatte den kleinen »Laden« kontinuierlich erweitert. Er und seine Frau hatten am Dörper Weg, in hervorragender Lage mit dem Blick auf den Deich, ein schönes Haus gebaut.

Elvira Bantz war schlank und sah für ihr Alter noch sehr gut aus. Sie trug ihr dunkelblondes langes Haar zu einem Knoten gebunden. Sie war eine liebevolle Mutter und hatte sich neben Renke noch weitere Kinder gewünscht. Doch das hatte das Schicksal anders gewollt.

Renke war fünfzehn Jahre alt. Er besuchte in Norden das Ulrich-Gymnasium. Er war groß, sportlich und gesund. Er lernte leicht und gerne. Er hatte die Liebe zum Meer von seinem Vater, von dem er das Segeln gelernt hatte, geerbt. Er besaß eine Jolle, die er hervorragend handhabte. Sie diente ihm allerdings nur als Ersatz, wenn sein Papa ihn aus geschäftlichen Gründen während der Sommermonate nicht hatte auf der »Seeschwalbe« begleiten können. Die beiden hatten so manchen Törn zu den Inseln und nach Helgoland unternommen. Ein 12-m-Schiff zu besegeln, dazu gehörte schon seemännisches Geschick und Können. Beides besaßen sowohl sein Vater wie auch zum Teil schon Sohn Renke.

Doch an jenem Nachmittag im Krankenzimmer des Vaters war Renke fast das Herz gebrochen. Er war wie ein Schlafwandler durch das geräumige Haus geschritten, hatte das Schlafzimmer der Eltern betreten. Sein Vater lag dort unruhig im Bett mit flackernden Augen. Die Mutter saß auf einem Stuhl neben dem Bett und hielt seine Hand, die hin und wieder schwach zuckte. Sie weinte unaufhörlich. Der Kopf des Vaters war verbunden. Der weiße Verband bedeckte einen Teil seines welligen Haares und das rechte Ohr. Sein scharf geschnittenes Gesicht war blass. Die Matratze war am Kopfende hochgestellt und bot mit einem fülligen Daunenkissen eine weiche Unterlage.

Der Kranke hatte die Augen kurz bewegt, als Renke das Zimmer betreten hatte. Er schaute nicht auf, als er den Platz neben der Mutter einnahm. Ihre Hand umschloss die des Vaters. Mehrere Stunden hatte sie am Bett des Kranken gewacht und in sein ausgemergeltes Gesicht geschaut.

Genau zwei Wochen war es nun her, dass die Ärzte in Oldenburg die letzte Möglichkeit, den Patienten zu retten, wahrgenommen hatten. Der Erfolg war ausgeblieben. Der Professor und sein Team hatten in mühevoller Kleinarbeit versucht, den Tumor ganz zu entfernen, was ihnen nicht gelungen war. Feeke Bantz hatte nach einem weiteren Eingriff das Krankenhaus verlassen und sich damit weiteren chirurgischen Maßnahmen entzogen. Es war für alle Beteiligten eine lange Zeit zwischen Bangen und Hoffen.

Renke blickte durch das Fenster auf den grünen Deich. Draußen schien die Frühlingssonne. Der Wind war am Nachmittag aufgebrist und wehte mit Stärke 7 aus westlicher Richtung.

Renke verbrachte jede freie Minute im Bootsschuppen. Auch heute hatte er kleine Reparatur- und Überholungsarbeiten erledigt. Sein Vater und er hatten geplant, das Schiff pünktlich zu Wasser zu lassen. Renke hatte fest daran geglaubt, mit seinem Vater zum Ansegeln einen Törn nach Helgoland unternehmen zu können. Doch nun überwältigten ihn die Sorgen um seinen Vater.

Renke sah, wie die Finger seines Vaters stark zuckten, doch im Gesicht zeigte sich keine Regung. Sein Atem wurde flach.

Die Mutter beugte sich über ihren Mann.

»Feeke, willst du mich verlassen?«, fragte sie mit tränenerstickter Stimme. Sie legte ihr Gesicht an seine bleichen Wangen und weinte.

Es war 14 Uhr 14 Uhr. Der Vater war gestorben.

Renke ließ die Mutter allein. Er ging tief betrübt durch das Haus, betrat sein Zimmer, setzte sich für Sekunden auf seine Couch, suchte dann das Arbeitszimmer seines Vaters auf und ging zum Telefon. Er wählte die Nummer von Onkel Frerik Salzer, Papas langjährigem Prokuristen. Er war oft mit ihnen nach Helgoland gesegelt. Er war mehr als nur ein tüchtiger Angestellter, er war all die Jahre Papas Freund gewesen. Renke mochte ihn.

Der Angestellte meldete sich.

»Onkel Frerik, Papa ist soeben gestorben«, sagte er nur und legte auf. Er blickte auf den bereitliegenden Zettel und rief im Norder Krankenhaus an. Er teilte Professor Schrobsdorf mit, dass sein Vater verstorben war, und bat um seinen Besuch. Dann ging er zurück ins Schlafzimmer, kniete sich neben seine Mutter an Vaters Bett und betete für den Toten.

Frerik Salzer kam zurück von einer der Baustellen in Emden. Das gute Wetter stimmte ihn optimistisch, denn eine Schlechtwetterperiode hatte ihre Terminpläne etwas durcheinandergebracht. Zudem stimmte ihr Kotrollplan wegen der Erkrankung ihres Chefs nicht mehr. Er hängte seine Jacke über den Bügel und legte seine Unterlagen auf den Arbeitstisch.

Als das Telefon klingelte, nahm er den Hörer ab. Es war nicht seine Sekretärin. Überrascht vernahm er die Stimme von Renke Bantz. Er horchte auf, denn er ahnte, dass es etwas mit dem schwer erkrankten Chef zu tun haben musste.

»Onkel Frerik, Papa ist soeben gestorben«, vernahm er.

»Das ist furchtbar«, sagte der ältere Prokurist, doch er erhielt keine Antwort mehr. Renke hatte schon aufgelegt.

Die Nachricht vom Tode des Chefs und Freundes traf Frerik Salzer nicht unvorbereitet. Er und die Mitarbeiter hatten mit seinem Ableben gerechnet. Dennoch empfand er einen tiefen Schmerz.

Er nahm den Hörer ab und bat seine Sekretärin zu sich. Sie betrat sein Büro und schaute ihn fragend an.

»Ja«, sagte er nur. Der sechzigjährige Prokurist kämpfte mit den Tränen.

»Das ist für uns alle ein schwerer Verlust«, sagte sie.

»Frau Kröger, machen Sie eine Durchsage und bitten Sie die Abteilungsleiter zu mir«, sagte Salzer entschlossen.

Sie nickte und verließ das Zimmer.

Frerik Salzer erhob sich, holte aus dem gegenüberliegenden Zimmer des Verstorbenen Besucherstühle und stellte sie zu den übrigen an den langen Tisch in seinem Büro. Er rollte die ausgelegten Zeichnungen zusammen.

Es wurde unruhig im Hause. Die Abteilungsleiter näherten sich angemessenen Schrittes und zeigten ihre Trauer. Frerik Salzer bat sie, Platz zu nehmen. Es waren zwölf Mitarbeiter, die alle das Vertrauen des Chefs besessen hatten. Er hatte sie gut bezahlt, und sie hatten sich in der Firma bewährt.

Frerik Salzer verschlug es fast die Stimme. Er schluckte erregt.

»Liebe Kollegen, ich muss Ihnen mitteilen, dass soeben unser sehr verehrter Chef Feeke Bantz an seiner heimtückischen Krankheit im Beisein seiner Frau und seines Sohnes verstorben ist«, sagte er mit belegter Stimme. »Ihm verdanken wir den Erhalt unserer Arbeitsplätze über seinen Tod hinaus. Ich bitte Sie, sich von den Plätzen zu erheben und in einer Schweigeminute seiner zu gedenken.«

Die Abteilungsleiter folgten der Aufforderung. Sie senkten die Köpfe und nahmen danach wieder Platz.

»Danke«, sagte Frerik Salzer.

Es war ruhig im Zimmer. Nur die alte Wanduhr bewegte ihren Perpendikel im Sekundentakt, als wolle sie die Anwesenden daran erinnern, dass es auch für die Baufirma weitergehen musste. Und es ging weiter.

Die Stimme des Prokuristen klang gefasst. »Im Sinne des Verstorbenen werden wir das Werk fortsetzen. Unser Chef ist von seinem schweren Leiden erlöst worden. Er wird uns sehr fehlen. Während seiner Krankheit hat bereits ein ängstlicher Mitarbeiter gekündigt. Er wechselte zur Konkurrenz. Das war voreilig und verständlich, aber nicht notwendig. Die Zukunft unserer Firma bereitet uns keinerlei Sorgen. Wir haben eine gute Auslastung. Mit dem Kollegen Menke Eschhoff und Ihrer Unterstützung wird es bei uns keine Führungskrise geben.«

Die Anwesenden sparten nicht mit Beifallsbekundungen.

»Herr Eschhoff befindet sich nicht im Haus. Wir werden mit Frau Bantz Rücksprache nehmen«, sagte Salzer.

»Wir vom Betriebsrat sind der gleichen Meinung«, sagte der Betriebsratsvorsitzende. »Fürs Erste ist es notwendig, den Zusammenhalt zu wahren. Später kann Frau Elvira Bantz weitersehen.« Er sprach aus, was auch die Meinung der übrigen Abteilungsleiter war. »Es gibt Äußerungen der gnädigen Frau, die darauf schließen lassen, dass sie nicht daran denkt, die Firma aufzugeben. Finanziell kommt sie sicherlich mit ihrem Privatvermögen über die Runden. Zudem hat sie Anspruch auf eine lukrative Lebensversicherung ihres Mannes. Es ist auch die einhellige Meinung der Belegschaft, zu verhindern, dass unsere Firma wegen einer Führungskrise in Schwierigkeiten kommt.«

Als Frerik Salzer die Herren Abteilungsleiter aus der Besprechung entließ, war er durch sie autorisiert, mit Optimismus vor die Belegschaft zu treten und der Baugesellschaft eine gute Zukunft zu prophezeien.

Feeke Bantz hatte auch die Hochachtung seiner Mitbürger besessen. Sein Tod kam für viele überraschend. Aus diesem Grunde bereitete Elvira ihrem Mann ein großes Begräbnis. Der Abschied von ihm tat ihr sehr weh. Vor allem musste ihr Sohn lernen, mit dem Schmerz umzugehen.

Bei frühlingshaften Temperaturen waren nicht nur die Honoratioren der Gemeinde, sondern auch viele Norddeicher Bürger zu Beerdigung erschienen. Sehr viele Geschäftsfreunde erwiesen Feeke Bantz die letzte Ehre. Der Leiter der Industrie- und Handelskammer und der Vorsitzende der Bauinnung sprachen von einem Mann, der sich um seine Heimat verdient gemacht hat. Selbst der Shantychor sang ein Lied und nahm Abschied am Grab von einem beliebten Segelfreund. Selbst vor der Friedhofskapelle auf dem Norder Friedhof hatte sich eine Traube von Trauergästen gebildet, die keinen Platz gefunden hatten.

Für Elvira Bantz und ihren Sohn begann eine triste Zeit. Der Tod hatte, so schien es, das Band zwischen ihnen noch enger geknüpft, als es vorher schon gewesen war. Nur langsam und schweren Herzens kümmerte sich Frau Bantz als neue Eigentümerin der Firma um die Belange des Geschäfts. Sie vertraute ganz den beiden bewährten Prokuristen ihres Mannes, wohl wissend, dass sie sich in Kürze zumindest um eine weitere Führungskraft umzusehen hatte. Soweit sie von den Herren Eschhoff und Salzer in Erfahrung gebracht hatte, hatte ihr Mann in dieser Richtung nicht vorgesorgt.

Elvira Bantz hatte nie daran gedacht, sich von ihrem Mann im betrieblichen Rechnungswesen unterweisen zu lassen. Dennoch lehnte sie es nicht ab, weitere Entscheidungen zu treffen. Doch auch darin wollte sie ihren Prokuristen möglichst viel Spielraum lassen.

Dabei dachte sie auch an die Zukunft ihres Sohnes Renke. Mit Genugtuung stellte sie fest, dass er das Leben jetzt ernster zu nehmen schien. Er verlor mehr und mehr das Spielerische, wurde interessierter und verlässlicher. Seine schulischen Leistungen stiegen an. Er galt als aufgeweckter und intelligenter Schüler, der auch willens war, Leistungen zu bringen. Er äußerte spontan, studieren zu wollen, um seines Vaters Erbe antreten zu können.

Natürlich, das Sagen hatte Elvira Bantz. Sie war die Erbin des florierenden Unternehmens und damit die Chefin der beiden langjährigen Prokuristen. Den beiden war es recht, dass Elvira Bantz ihnen Zeit ließ, ihr einen Überblick über das Vermögen und die Gewinnaussichten zu verschaffen. Natürlich war es in der Tat an der Zeit, das Gespräch zu führen, denn mit dem Tod des Gemahls hatte ein neues Kapitel in der Firmengeschichte begonnen. Auf Wunsch beteiligte sich auch der Steuerberater an solchen Sitzungen.

Erste Spekulationen liefen darauf hinaus, Elvira Bantz beabsichtige, die Firma zu verkaufen. Dem war nicht so. Sie dementierte diese Nachricht, denn ihr lag an der erfolgreichen Fortführung, weil sie wünschte, das Geschäft für ihren Sohn zu erhalten. Dabei setzte Elvira Bantz ihre ganze Zuversicht auf die bewährten Mitarbeiter ihres Mannes. Sie hatte feste Vorstellungen, die jedoch noch von den äußeren Umständen abhingen. Die Gehälter von Eschhoff und Salzer blieben unverändert. Die durchgeführte kurzfristige Erfolgsrechnung, unter der sich Elvira Bantz so etwas wie einen Kassensturz vorstellte, fiel über Erwarten gut aus.

Nach einer gewissen Zeit des Abstandes hielt sie es für nötig, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Elvira Bantz fühlte sich in den Büroräumen der Firma verunsichert. Deshalb entschloss sie sich, die Herren zu sich nach Hause einzuladen. Während draußen der Regen für einen schmuddeligen Nachmittag sorgte, hatte die Hausgehilfin de Vries mit Tee und Gebäck für eine freundliche und nette Atmosphäre gesorgt. Die tatkräftige Hausangestellte war eine unverzichtbare Stütze für Elvira Bantz, die über den frühen Tod ihres Mannes nicht so schnell hinwegkam. Es war für sie keine Frage, Herrn Eschhoff die Rolle des Firmensprechers auch weiterhin bedingungslos zu überlassen, wobei Herr Salzer eine Kontrollfunktion wahrnahm.

Früher hatte sie sich so gut wie nie um die Geschäfte gekümmert, hatte in der Erziehung ihres Sohnes Renke ihre Hauptaufgabe gesehen und, was nicht sonderlich verwunderlich war, an der Seite ihres Mannes ein erfülltes Leben mit Tennis, Kunst und Theater bevorzugt. Sorgen waren ihr unbekannt gewesen, selbst gesundheitliche Probleme hatte es in ihrer Familie nie gegeben. Der Sohn war von Liebe umgeben im Wohlstand herangewachsen. Es war darum nachvollziehbar, dass Mutter und Sohn sich gar nicht darüber im Klaren waren, wie schnell das gesamte Vermögen der Firma durch eine fehlerhafte Geschäftspolitik verloren gehen konnte.

Elvira Bantz saß mit ihren Prokuristen Eschhoff und Salzer im Wohnzimmer an dem prächtigen Eichentisch. Frau de Vries hatte den Tisch mit erlesenem Porzellan gedeckt. Der Blick der Besucher durch die großen Fenster fiel in den Garten. Die Haushälterin schob die Tortenstücke auf die Teller und schenkte Tee aus. Sie aßen den Kuchen und tranken Tee.

Die beiden Prokuristen kamen nicht umhin, erneut gegen das Gerücht anzugehen, dass Elvira Bantz die Firma verkaufen wolle.

»Wir haben mit dem hartnäckigen Gerücht zu kämpfen, Sie beabsichtigten, ihre Firma an die Konkurrenz zu verkaufen«, sagte Salzer.

»Das ist doch reiner Unsinn«, sagte Elvira Bantz. »Es entsprach den Vorstellungen meines verstorbenen Mannes, dass mein Sohn Renke in seine Fußstapfen treten würde. Er hat mir die Bürde aufgeladen, für ihn die Firma zu erhalten. Renke hat feste Ziele und weiß, dass seine Zukunft auch von guten Schulleistungen abhängt.«

»Das ist erfreulich zu hören«, meinte Menke Eschhoff. »Auch uns hat er versichert, dass er Bauingenieur werden will, um eines Tages die Firma leiten zu können. Unsere Unterstützung dabei ist ihm gewiss.«

Sowohl für Elvira Bantz als auch für Renke zeichnete sich eine rosige Zukunft ab. Eschhoff wie auch Salzer waren in der Beurteilung der Geschäftslage einhellig der Meinung, dass die momentane Situation mit einem weiteren Trend nach oben verlaufe und auch im folgenden Geschäftsjahr mit einer Steigerung des Gewinnes zu rechnen sei. Dem Gesagten entsprach die erfreuliche Tatsache, dass die Auftragsbücher prall gefüllt waren. Sorge bereitete den Herren die Bereitschaft ihrer Konkurrenten, billigere Arbeitskräfte aus Osteuropa einzustellen. Doch auch hier begann sich ein Weg abzuzeichnen, der Flut Herr zu werden. Wiederholte Kontrollen und verschärfte Strafen begannen ihre Wirkung zu zeigen.

»Wir stehen blendend da«, sagte Frerik Salzer. »Entlassungen sind keine zu befürchten. Was uns fehlt, das ist ein tüchtiger Manager, der uns hilft, die Geschäftspolitik zu koordinieren. Eschhoff ist weiterhin zuständig für die Bereiche Planungen, Beschaffung und Finanzierung. Wir brauchen Hilfe für den gesamten Absatzbereich, gnädige Frau. Meine Bitte, schalten wir eine Anzeige. Mein Kollege und ich wollen bis dahin versuchen, das Schiff durch die Klippen zu steuern. Es wird unsere Aufgabe sein, gemeinsam für die Heranbildung tüchtiger Nachwuchsleute zu sorgen, die uns ablösen können. Schließlich soll Renke in einigen Jahren die Firma übernehmen.«

Er nahm einen tüchtigen Schluck Tee zu sich. Sein asketisches Gesicht zeigte Optimismus.

»Herr Eschhoff und Herr Salzer, Sie waren die Stützen meines Mannes. Ich verlasse mich auf Ihre Beurteilung. Die Firma ruht in Ihren Händen«, sagte Elvira Bantz und griff zur Teetasse.

Sie gab ihren beiden leitenden Angestellten an diesem Nachmittag in harmonischer Umgebung die Vollmachten und Vertretungsrechte, die notwendig waren, das Unternehmen wie ein eigenes zu führen.

Bis auf die kurzen Unterbrechungen für abwechslungsreiche Nebensächlichkeiten wie das Wetter ging es nahtlos weiter mit der Besprechung geschäftlicher Dinge.

Frerik Salzer und Menke Eschhoff erläuterten ihre Geschäftspolitik. Da waren die Rabatte der Einkaufsverbände. Sie fielen umso höher aus, je größer die Umsätze waren, die sie tätigten. Ihr Ehrgeiz lief darauf hinaus, einer der stärksten Anbieter im Nordwesten zu werden. Immerhin hatte ihr Betrieb eine gesunde Struktur und alle Voraussetzungen dazu, eine entsprechende Eigendynamik zu entwickeln. Denn ein Sprichwort lautet: Stillstand bedeutet Rückgang.

Frau de Vries sorgte für Tee.

»Sie sind mit allen Rechten ausgestattet und führen die Firma im bisherigen Sinne weiter«, sagte die Chefin. »Mein Sohn und ich ziehen ein Leben in privater Sphäre vor.«

»Frau Bantz, Sie gelten als Nachfolgerin Ihres Mannes«, erklärte Menke Eschhoff. »Ihnen gehört jetzt die Firma. Mit der Erteilung der Prokura ermächtigen Sie uns zu allen Tätigkeiten und Handlungen, die die Führung eines Geschäftes mit sich bringt. Dagegen ist uns nicht erlaubt, für Sie Bilanzen und die Steuererklärung zu unterschreiben, Kredite aufzunehmen und Handelsregistereintragungen vornehmen zu lassen.«

»Wir werden Sie auf keinen Fall enttäuschen und die Firma auf Erfolgskursus halten«, sagte Salzer. »Dabei mache ich noch einmal darauf aufmerksam, dass es an der Zeit ist, für die Zukunft nach einem tüchtigen Geschäftsführer Ausschau zu halten, der uns vertritt.«

»Veranlassen Sie alles in Sachen Einstellung einer Führungskraft«, sagte Frau Bantz.

Renke Bantz betrat das Zimmer. Sein Haar war ungeordnet. Er war durchgeschwitzt. Er trug Jeans und Sandalen, lachte die Besucher freundlich an und reichte ihnen folgsam die Hand.

»Ich hoffe, ich störe nicht«, sagte er und nahm am Tisch Platz.

»Unser Renke war mal wieder in der Bootshalle«, sagte Elvira Bantz vorwurfsvoll.

Frau de Vries erschien, stellte ihm ein Gedeck hin und schob ihm ein Stück Torte auf den Teller.

Renke schaute sich in der Runde um. Es machte Spaß, ihm zuzusehen. Sein Teint zeigte eine gesunde Bräune. »Onkel Frerik, jetzt benötige ich deine Hilfe«, sagte er und aß mit Heißhunger von der Rumflockentorte. »Unser Boot muss dringend zu Wasser. Ich habe die Überholung fertig gestellt.«

»Das ist eine Angelegenheit, zu der ich nicht gerne meine Einwilligung gebe«, seufzte Frau Bantz.

»Das können Sie ohne Bedenken«, sagte Eschhoff. »Renke versteht mit dem Schiff umzugehen. Dennoch darf er mit dem Schiff nur segeln, wenn Herr Salzer dabei ist.«

»Nimm das zur Kenntnis«, sagte Frau Bantz ernst zu ihrem Sohn.

»Wir sind spät dran in diesem Jahr, aber noch nicht die Letzten. Ich werde es veranlassen«, sagte Salzer.

»Sein Vater hat ihm das Segeln beigebracht«, sagte Frau Bantz.

»Er verstand sein Handwerk«, sagte Salzer und sah Renke lächelnd an. »Wenn deine Mama nichts dagegen hat, werden wir beide den Sommer nutzen.«

»Onkel Frerik, ich freue mich auf den ersten Törn mit dir nach Helgoland«, sagte der Junge und trank Tee.

»Für dich habe ich immer Zeit. Mein Enkel wird in Nürnberg groß«, warf Salzer ein.

»Mein Sohn macht sich nichts aus dem Wassersport. Er besucht lieber die Disco«, sagte Eschhoff.

»Gott sei Dank sind die Menschen verschieden«, sagte Frau Bantz.

»Wir fahren gleich mit dir zum Hafen«, meinte Salzer und erhob sich. »Wir wollen die ‹Seeschwalbe‹ noch einmal unter die Lupe nehmen, bevor wir sie zu Wasser lassen. Gnädige Frau, ich denke, wir haben vorerst das Wesentliche besprochen.«

»Der Kranführer ist noch da«, sagte Renke und grinste. »Er hat heute Zeit.«

»Du bist ein Schlitzohr«, sagte Eschhoff zu dem Jungen.

Elvira Bantz lächelte. »Typisch Renke«, sagte sie spöttisch und reichte den Besuchern die Hand.

»Wir bringen Renke wieder nach Hause«, sagte Eschhoff.

Sie verließen das Haus.

»In unserer Kluft fällt es uns schwer, mit anzufassen«, meinte Salzer.

Sie stiegen in den Mercedes. Eschhoff hatte seinen Wagen zu Hause stehen gelassen. Er war mit seinem Kollegen gekommen. Salzer steuerte den Wagen vom Parkplatz und lenkte ihn auf den Dörper Weg. An der Kreuzung bog er auf die Norddeicher Straße, die er vor der Mole verließ, um im Fischereihafen zur Bootshalle zu gelangen.

»Dein Papa hat mit dir das Schiff auf Vordermann gebracht, bevor er an dieser schrecklichen Krankheit starb«, sagte Salzer.

»Bis auf Kleinigkeiten. Ich hoffe wir finden Hilfe«, meinte Renke, als sie ausstiegen.

»Das steht fest. Auf mich kannst du zählen«, sagte Salzer und lächelte. Er mochte den Jungen. Seine Töchter waren außerhalb verheiratet und seine Frau war bereits verstorben.

»Onkel Frerik, du musst mir beistehen und Mama daran hindern, die ‹Seeschwalbe‹ zu verkaufen«, sagte Renke.

Salzer drückte seine Hand. Es war in der Tat seine Absicht, Renke im Sommer auf seinen Törns zu begleiten. Der Junge brauchte ihn jetzt, wo sein Vater verstorben war.

Sie näherten sich der Halle.

»Bald darfst du ein Auto fahren, dann kannst du auch ein Boot führen«, meinte Eschhoff.

Es nieselte leicht. Der Wind war aufgebrist. Sie betraten die Halle. Die Boote standen hintereinander und ließen zu beiden Seiten genügend Raum für die Durchführung der Arbeiten. Schleifmaschinen hinterließen ein helles Surren. Es wurde gehämmert. In der Luft lag der Geruch nach Farbe. Die meisten, die den Samstagnachmittag hier verbrachten, um ihre Schiffe für das Ansegeln herzurichten, waren Kollegen vom Yachtclub.

»Unsere ‹Seeschwalbe‹ befindet sich in der dritten Reihe von oben am Ende der Halle«, sagte Renke.

Sie suchten sich ihren Weg an den Booten vorbei zur aufgebockten Yacht. Der Junge steckte den Stecker in die Fassung. Das Licht spiegelte sich im frischen Lack. Renke schlug mit der Hand gegen den Rumpf.

»Trocken«, sagt er stolz. »Viele Schiffe sind schon zu Wasser.«

Eschhoff sah die Zugmaschine, die zu einem Boot fuhr, das auf einem Tender für den Abtransport bereit lag.

Renke kletterte über die Leiter an Bord. Onkel Frerik folgte ihm, währen Eschhoff mit dem Fahrer der Zugmaschine ins Gespräch kam. In einer halben Stunde wollte er das Schiff zum Kran bringen. Natürlich hatte er noch Helfer.

»Sind hundertfünfzig Euro genug?«, fragte Eschhoff.

Der Fahrer nickte.

Eschhoff kletterte an Bord. Sein Kollege und Renke standen in der Plicht. Der Schiffsboden wirkte wie neu. Die Hölzer glänzten im Licht der Arbeitslampe.

»Wir haben auch den Motor überholt«, sagte Renke.

»Glaubst du, dass er anspringt, wenn wir die ‹Seeschwalbe‹ zu Wasser lassen?«, fragte Eschhoff den Jungen.

Renke sah ihn überrascht an. »Onkel Menke, hast du …?«, fragte er.

»Ja, in einer halben Stunde wird dein Schiff abgeholt«, antwortete er.

Frerik Salzer zog die Schuhe aus. »Das Geld bekommst du von mir wieder«, sagte er. »Ich werfe noch einen Blick unter Deck.« Er betrat die Treppe und öffnete die Tür.

»Da war dein Papa eigen«, sagte Eschhoff. »Nur mit Segelschuhen betrat er das Schiff.« Er folgte Renke unter Deck.

Salzer betrat die Kajüte. »Du hast recht. Legen wir die ‹Seeschwalbe‹ an den Steg«, sagte er.

Die »Seeschwalbe« gehörte schon der höheren Preisklasse an. Sie war für eine Crew von zwei bis vier Seglern konzipiert. Die Aufteilung unter Deck bot mit einer Doppelkoje im Vorschiff zwei Schlafgelegenheiten. Es gab einen Kleiderschrank und ein WC mit großzügiger Bewegungsfreiheit, bezogen auf die Verhältnisse auf Segelschiffen. Daran schloss sich der Salon mit zwei Längskojen an. Das Schiff hatte Platz für eine Navigationsecke mit Radar und Seefunk. Besonders großzügig war die Pantry. Unter dem Niedergang befand sich ein eingebauter Dieselmotor mit Verstellpropeller. Das Segelzubehör fand Platz in drei Backkisten im Cockpit, die den gesamten hinteren Teil des Schiffes einnahmen. Die »Seeschwalbe« war mit einem leicht zu bedienenden Patentdrehreff ausgerüstet und für Renke und den alten Salzer problemlos zu segeln. Das Schiff machte einen äußerst gepflegten Eindruck.

Renke verließ mit seinen älteren Gönnern das Schiff. Sie lockerten die Stützbalken, kontrollierten die Räder, die Bremsen und die Schleppvorrichtung des Trailers. Eschhoff machte einen Kontrollgang und prüfte noch mal die Lage des Schiffes.

Die Zugmaschine fuhr durch das geöffnete große Tor. Drei kräftige junge Männer standen seitlich neben dem Fahrer. Sie waren Mitglieder des Yachtclubs. Die Männer sprangen von dem wuchtigen Gefährt und kuppelten den Trailer an die Zugmaschine. Im Schritttempo fuhr die Zugmaschine in den Schwenkbereich des fahrbaren Krans. Die Helfer legten Haltegurte unter das Schiff, die mit dem Haken des Krans verbunden wurden. Der Kran hievte die Yacht problemlos über den Rand des Kais und ließ die »Seeschwalbe« langsam zu Wasser.

Renke strahlte. Er hielt die Führungsleine in der Hand. Dann war es geschafft. Die Haltegurte wurden entfernt. Renke zog das Schiff an die Sprossenleiter des Hafenbeckens. Eschhoff und Salzer stiegen ein. Renke sprang an Bord. Salzer zündete den Motor und steuerte das Schiff zum Steg.

Es dunkelte schon, als sie den Hafen verließen und zum Wagen gingen. Sie stiegen ein. Onkel Frerik fuhr Renke nach Hause. Der Regen hatte nachgelassen.

»Renke, halt die Ohren steif«, sagte Salzer. »Hau rein in der Schule. Wenn du Fragen hast, ruf mich an.«

»Das werde ich tun«, antwortete der Junge.

»Der Bengel ist schon in Ordnung«, sagte Eschhoff, als sie den Wagen vom Dörper Weg zur Norddeicher Straße lenkten.

Frerik Salzer bedauerte den frühen Tod des sympathischen Firmeninhabers. Er hatte sich trotz des Altersunterschiedes gut mit ihm verstanden. Dabei hatte Feeke Bantz um seine Eigenheiten gewusst und sie voll respektiert. Es waren nicht nur die Jahre, die sie trennten, sondern auch die berufliche Praxis. Salzer galt in der Küstenregion als hervorragender Fachmann des Hochbauwesens. Sein Rat war gefragt. Er verstand es exzellent, Kunden zu beraten und letztlich zu überzeugen. Die Feeke-Bantz-Baugesellschaft war nicht immer die billigste Anbieterin bei den Bauherren gewesen, aber oft die ehrlichste. Ihre Maxime hatte immer gelautet: »Vor dem Preis sprechen wir über Qualität.«

Doch auch in Menke Eschhoff hatte Feeke Bantz einen hervorragenden Mitarbeiter gehabt, der unter normalen Umständen für ihn unbezahlbar gewesen wäre. Das Schicksal und der Zufall hatten dabei eine große Rolle gespielt. Der Bauingenieur kam in Hamburg als Sohn eines Kapitäns zur Welt. Er besuchte die TH in Aachen und heiratete nach dem Examen Gerdine Kiepmann, die Tochter eines Landwirts aus dem Münsterland. Sie arbeitete als Sprechstundenhilfe bei einem Gynäkologen.

Menke Eschhoff arbeitete zuerst bei kleineren Baufirmen und dann mittleren Betrieben in Bochum, Duisburg und Dortmund, bevor er bei der Baugruppe Hannemann AG Koblenz als Projektleiter Einsatz fand. Das weltweit operierende Unternehmen setzte Menke Eschhoff nicht nur für ein paar Jahre in Singapur ein, wo seine Frau ihm einen Sohn gebar, sondern auch in Malaysia und später in China. Zuletzt leitete er den Aufbau der Stahlwerke in der Nähe von Zhuhai in Südchina.

Glaubte man seiner Frau Gerdine, so war ihr Sohn Maximilian wegen der vielen Umzüge und der rastlosen Reisen des Vaters zu kurz gekommen. Die schulischen Verhältnisse in den Gastländern und die fehlenden Sprachkenntnisse hatten bei Maximilian ein Flickwerk der Bildung hinterlassen. Erst während seiner letzten Schuljahre im Internat in Wien war es ihm gelungen, eine halbwegs vernünftige Vorbereitung auf die Berufswelt zu bekommen.

Maximilian war intelligent, doch ihm hatte es an Förderung gefehlt. Er fühlte sich in Wien nicht wohl, während seine Eltern in China lebten. Es fehlten ihm nicht die Kontakte zu seinen Klassenkameraden, doch er gefiel sich besser als der Internatsclown, der sich vieles herausnahm. Er wurde früh beim Rauchen erwischt. Die Internatsleitung kam nicht an Abmahnungen vorbei, als er dem guten Strohrum zusprach und sogar Drogen ins Heim schmuggelte.

Doch es war Gerdine gewesen, deren Gesundheitszustand für Menke Eschhoff der Anlass gewesen war, seine Karriere im Ausland zu beenden. Nach der Vollendung eines Krankenhausbaues in Macao, an dessen Bau er in leitender Stellung mitgearbeitet hatte, war seine Frau an einem zum Teil schmerzhaften Juckreiz am Rücken erkrankt. Selbst unter Heranziehung internationaler Kapazitäten gelang zwar mitunter eine Linderung, aber keine Heilung. Zu den eingeleiteten Maßnahmen zählte auch ein Aufenthalt in einem Sanatorium bei San Francisco. Doch es gelang den Ärzten nicht, das Leiden in den Griff zu bekommen. Es geschah das Gegenteil. Die schmerzhafte Partie weitete sich aus.

Zu der Enttäuschung kam das Heimweh. Gerdine sehnte sich zurück nach Deutschland und nach ihrem Sohn. Den besten Ruf, bei Erkrankungen der Haut Heilung zu verschaffen, zumindest zu Besserungen zu führen, hatte die Insel Norderney mit seiner jodhaltigen Luft.

Menke Eschhoff kaufte kurz entschlossen eine Eigentumswohnung auf der Nordseeinsel, in die er mit seiner Frau zog. Maximilian verließ das Internat in Wien und kam ebenfalls auf die Insel. Der in Wien erworbene Bildungsabschluss entsprach dem Handelsschulabschluss in Deutschland. Alle weiteren Versuche, den mittlerweile neunzehnjährigen Sohn zum Abitur zu führen, scheiterten kläglich. Dank seiner Beziehungen gelang es Menke Eschhoff schließlich, seinen Sohn Maximilian bei der Stadtsparkasse Norden unterzubringen.

Maximilian hatte ein freundliches und gewinnendes Wesen, das hauptsächlich bei seinem Einsatz im Schalterdienst und in der Kundenbetreuung zur Geltung kam. Gewiss hatte Menke Eschhoff noch weitere Ziele für seinen Sohn ins Auge gefasst. Doch als seine geliebte Frau Gerdine später an Darmkrebs starb, baute er in Norden auf der Baumstraße ein Mehrfamilienhaus, in das er mit seinem Sohn einzog. Er suchte und fand eine lohnende Stelle bei der Baugesellschaft Feeke Bantz OHG. Für Jahre bestimmte er dann mit dem Chef der Firma und Frerik Salzer die Geschicke des mittelständischen Unternehmens.

Menke Eschhoff war eine stattliche Erscheinung. Sein dunkelblondes Haar war angegraut, aber noch voll. Er war hochgewachsen und vollschlank. Sein wettergebräuntes Gesicht wirkte vital. Überhaupt sah er jünger aus, als er war. Zu seinen Hobbys zählte nicht nur das Wandern, sondern er war auch sonst ein großer Naturfreund. In jungen Jahren war er ein guter Sportler gewesen. Er liebte es, sich elegant zu kleiden. Er hatte seine Frau geliebt und lebte seit ihrem Tod zurückgezogen.

Sein Sohn, mittlerweile über zwanzig geworden, wohnte auf der dritten Etage seines Mietshauses mit einer um zwei Jahre jüngeren Lebensgefährtin zusammen. Sie hieß Okka Holm und arbeitete als Therapeutin im Krankenhaus. Sie war nicht die erste Geliebte und gewiss nicht die letzte.

Das gefiel Menke Eschhoff ganz und gar nicht. Gewiss hatten sich die Zeiten geändert. Er fühlte sich auch nicht als Moralist, aber er fand, dass das junge hübsche Mädchen an der Seite seines Sohnes von vornherein die Ernsthaftigkeit der Beziehung vermissen ließ. Zudem hatte er von Maximilian mehr berufliches Engagement erwartet. Sein Vorschlag, nach Feierabend in Leer die Bankakademie zu besuchen und mit dem Abschluss des Bankfachwirtes seine Position bei der Stadtsparkasse aufzubessern, schlug Maximilian in den Wind. Er hatte immer noch nicht eingesehen, dass er in der Hierarchie der Sparkasse ziemlich am unteren Ende manövrierte, wo die Gefahr, die Kündigung zu erhalten, am größten war.

Natürlich hatte Menke Eschhoff für seinen Sohn eine solide Rücklage geschaffen, denn wenn man die sechzig erreicht hat, muss man sich mit dem Gedanken an den Tod schon vertraut machen. Gewiss hatte sein Sohn Maximilian in jungen Jahren unter seiner Karrierebereitschaft, seinen Auslandsaufenthalten und deren Auswirkungen sehr gelitten. Dennoch machte er sich Vorwürfe, dass er es dem Jungen zu leicht machte. Vor allem warf Maximilian viel zu großzügig mit seinem Geld um sich. Er und das Fräulein Holm bezahlten an ihn keine Miete für ihre Vierzimmerwohnung, und Eschhoff vermutete, dass sie von ihren beiden Gehältern kaum etwas zurücklegten. Beide fuhren sie teure Autos. Sie leisteten sich anspruchsvolle Klamotten und gingen häufig aus.

Dennoch äußerte Menke Eschhoff seine Kritik nur schwach hörbar. Seine Frau hatte Maximilian in jeder Weise verwöhnt und seine ausschweifende Lebensweise unterstützt. Gerdine hatte ihren Sohn über alles geliebt und seine Fehler übersehen. Der Bengel war das, was man einen Charmeur nennt. Er hatte eine herzliche, liebenswerte Art im Umgang mit seinen Mitmenschen. Sein gepflegtes Äußeres, gepaart mit seinem makellosen Aussehen und seiner schlanken Figur, verschaffte ihm schnellen Zutritt. Mit seiner freundlichen Stimme und seinem Sinn für Humor fesselte er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Es war darum nicht verwunderlich, dass Menke Eschhoff einerseits vieles an seinem Sohn zu kritisieren fand, andererseits auch stolz auf ihn war.

An einem verregneten Spätnachmittag am Wochenende saß Menke Eschhoff in seiner gemütlichen Wohnstube. Sie enthielt noch die Möbel, die seine Frau so geliebt hatte.

Er erhob sich aus dem breiten Ohrensessel, schritt durch das Esszimmer und betrat die Küche. Er betätigte den Wasserkocher. Gewiss hatte er noch einige Freunde, doch nachdem seine Frau gestorben und er alleine war, luden die ihn nur noch selten ein und kamen mit den dümmsten Ausreden, wenn er sie bat, ihn zu besuchen.

Das Wasser kochte. Er nahm die Teekanne, spülte sie mit dem heißen Wasser aus, gab einen Maßbecher voll Tee in die Kanne und füllte sie mit dem kochenden Wasser. Dann stellte er die Kanne auf das Stövchen und ließ den Tee ziehen. Er sinnierte vor sich hin. Gewiss, Gesundheit vorausgesetzt, konnte er noch einige Jahre mit seinem Kollegen Salzer der Feeke-Bantz-Baugesellschaft vorstehen, vor allem, weil sich die Firma im Aufwind befand. Er erwartete keine Erfolgsbeteiligung und war zufrieden mit dem bisherigen Gehalt.

Er hörte das Auto seines Sohnes. Ein bitterer Zug stieg in sein Gesicht. Maximilian besuchte ihn selten. Warum auch? Er stellte Sahnebecher und Kluntjebecher zurecht, goss die Teeblätter ab, lud Teekanne und Stövchen mit der Teetasse auf ein Tablett und trug es zum Wohnzimmer.

Draußen war es noch hell. Er setzte sich an den runden Kamintisch, leerte das Tablett und bediente sich. Er nippte an der Teetasse und sah, wie Okka Holm ihr VW-Cabrio auf die Einfahrt fuhr, den Wagen abstellte und ausstieg. Sie sah schick aus in dem dunkelblauen Trenchcoat. Natürlich hatte Maximilian Geschmack. Die junge Frau sah aus wie die Models im Fernsehen. Sie trug ihr gefärbtes blondes Haar eng anliegend und schulterlang. Sie hatte wohlgeformte Beine und trug Pumps.

Als sie das Haus betreten hatte, ging Menke Eschhoff zum Schrank und entnahm ihm ein Fotoalbum. Er trug es zum Kamintisch und schlug es auf. Während er Tee trank, tauchte er ein in alte Zeiten. Damals hatte er viel, viel Geld verdient. Er betrachtete seine Frau. Sie saß in Zhuhai vor ihrem Mietshaus in der Sonne. Unter den Palmen des Vorgartens spielte Maximilian. Menke Eschhoff blätterte die Seiten um.

»Mein Gott, wie die Zeit vergeht!«, sagte er zu sich und schenkte Tee nach.

Es machte ihm Spaß, sich hin und wieder an frühere Zeiten zu erinnern. Oft lauschte er, wenn in den Nachrichten Orte und Schauplätze erwähnt wurden, an denen er gewesen war. Er war mehr als zufrieden mit seinem Schicksal.

Er erhob sich, brachte das Album zum Schrank, legte es zu den anderen und schaute auf die Uhr. Frerik Salzer hatte sich angesagt. Er nahm wieder Platz, schenkte sich Tee nach und trank einen Schluck. Eine sinnvolle Arbeit war besser, als Pillen zu schlucken, sagte er sich.

Durch das große Fenster sah er den Mercedes von Frerik Salzer. Sein Kollege parkte den Wagen neben dem Bürgersteig und stieg aus. Er hastete durch den Regen.

Menke Eschhoff erhob sich, ging zur Haustür und öffnete sie. Sein Kollege brachte die Bewerbungsunterlagen mit. Es waren mehr als hundert hoch qualifizierte Akademiker, die sich auf die Führungsposition beworben hatten. In sein Gesicht stieg ein Lächeln.

Frerik Salzer nahm die Prinz-Heinrich-Mütze vom Kopf und reichte ihm die Hand. Er war wie immer elegant gekleidet. Er trug eine graue Tuchhose, einen weißen Rollkragen-Pulli und eine Clubjacke mit dem Emblem des Yachtclubs.

»Tag, Menke. Ich bin gekommen, um mit dir zu besprechen, wen wir von den Bewerbern einstellen sollen«, sagte er und schüttelte Eschhoff die Hand.

»Und wie viele hast du bereits ausgesondert?«, fragte Eschhoff.

»An die fünfzig«, antwortete Salzer.

Sie gingen zum Wohnzimmer.

»Darf ich dir einen Tee anbieten?«, fragte Eschhoff.

»Danke, ich habe schon Tee gehabt«, antwortete Salzer.

Eschhoff trat an die Sitzecke, packte das Stövchen samt Zubehör auf ein Tablett und trug es in die Küche. Er kam zurück, rückte einen Sessel zurecht.

»Nimm hier Platz«, sagte er.

Salzer legte die Mappe mit den Bewerbungen auf den Tisch. Das Zimmer trug noch die Handschrift von Eschhoffs verstorbener Frau. Auf einer Holzanrichte befanden sich chinesische Vasen und asiatische Wildkatzen. Auch ein hoher Vitrinenschrank enthielt chinesisches Porzellan. Die Wände schmückten Bilder asiatischer Künstler. Sie stellten die Orte dar, die für Menke und seine Frau von Bedeutung waren. Mitten im Zimmer befand sich ein wuchtiger Holztisch, dessen Beine in Löwenpranken ausliefen. Der Sitzecke gegenüber stand der Fernseher auf einem verschnörkelten Eisentisch. Durch das breite Fenster reichte der Blick bis zur anderen Straßenecke. Ein weiteres Fenster ging zur Einfahrt und Garage hinaus.

Salzer öffnete die Mappe. »Ich habe eine Liste angelegt. Die untersten zehn Bewerbungen erfüllen meines Erachtens alle Bedingungen, die wir stellen. Dann folgen weitere zehn Unterlagen, da habe ich Abstriche gemacht und so weiter.« Er schob Eschhoff die Mappe zu.

»Mein Beitrag kann nur darin bestehen, die von dir getroffene Auswahl zu bestätigen«, sagte Eschhoff und begann sich in die Unterlagen zu vertiefen. »Ich schaue mir die ersten zehn Bewerbungen etwas genauer an.«

Es wurde sehr spät. Die Kollegen einigten sich in der Reihenfolge der Bewerbungen. Sie beabsichtigten, ihre Auswahl hochkarätiger Bewerber Frau Bantz vorzulegen. Anschließend fanden sie noch etwas Zeit, über die Ergebnisse der Bundesliga zu fachsimpeln. Es war schon spät, als sich Frerik Salzer verabschiedete und zufrieden nach Hause fuhr.

Für Maximilian Eschhoff war die Welt in Ordnung. Er sah das Leben und die sich daraus ergebenden Pflichten nicht so eng. Er genoss das Heitere, Angenehme und Schöne in vollen Zügen und lebte in der Meinung, es sei rechtens, zu nehmen, was ihm großzügig geboten wurde. Es war ihm zur Gewohnheit geworden, dass er Bewunderung fand, wo er auch hinkam. Die Natur hatte ihn großzügig bevorzugt. Sein Aussehen und seine Ausstrahlung brachten ihm die Sympathien der Mitmenschen ein.

Bereits als Baby hatte er die Herzen der Asiaten in Singapur erobert, wenn Gerdine Eschhoff ihn im offenen Kinderwagen über die feine Orchard Road oder Scotts Road spazieren fuhr. Natürlich fühlte die gut aussehende Mutter des Jungen einen Stolz, doch als Europäerin schrieb sie diese Beachtung, die der kleine Maximilian auch später in China fand, seinem deutschen Aussehen zu. Oft war es vorgekommen, dass sie den Jungen in Zhuhai oder in Macao aus dem Wagen nehmen musste. Die anwesenden Frauen nahmen ihn dann auf ihre Arme und fotografierten ihn.

Der kleine Maximilian schien dieses Schauspiel zu genießen. Nie war es vorgekommen, dass er schrie. Im Gegenteil, er strahlte die ihm fremden Frauen erwartungsvoll an.

So blieb es auch, als er älter wurde. Er bildete überall, wo er mit gleichaltrigen Jungen und Mädchen zusammentraf, den Mittelpunkt. Das war in den Kindergärten so und ebenso im Internat. Doch zum Leidwesen seiner Eltern war es ihm fast nie gelungen, seine Beliebtheit für das Weiterkommen zu nutzen. So verhielt es sich auch während seiner Schulzeit in Wien.

Maximilian gelang es im Internat ohne großes Zutun, die Herzen der hübschesten Mädchen für sich einzunehmen, verärgerte dabei aber seine Lehrer.

Daran hatte sich in den Jahren nichts geändert. Eine Wahrheit, mit der sich Menke Eschhoff nur schwer abfinden konnte. Natürlich führte er nicht Buch und zählte auch nicht die Damen, wenn sich Maximilian wieder einmal zu einem Wechsel entschieden hatte. Okka Holm, seine momentane Lebensgefährtin, war wohl nicht die letzte. Die Mädchen machten es dem Bengel zu leicht. Maximilian wusste um seine Stärken.

Natürlich war er auch bei der Stadtsparkasse beliebt. Er kam hervorragend mit seiner Kundschaft klar. Auch seine Kollegen mochten und schätzten ihn. Da er keinen Ehrgeiz entwickelte und rundum zufrieden war mit seinem Job, kam er niemandem in die Quere. Ehrgeiz kannte er nur, wenn es um die Erringung der Gunst einer Schönheit ging.

Alle Vorstöße, die Menke Eschhoff gemacht hatte, ihn zur beruflichen Weiterbildung zu überreden, waren umsonst gewesen. Dabei hatte sich der rüstige Alte seine späten Jahre anders vorgestellt. Er hätte gerne Enkelkinder heranwachsen sehen, sie auf das Leben vorbereitet und ihnen geholfen, sich in dieser Welt zurechtzufinden.

Doch das war nicht alles, was er an seinem Sohn auszusetzen hatte. Natürlich war die Erziehung in der Hauptsache die Aufgabe seiner Frau Gerdine gewesen. Sie hatte aus dem Jungen einen Riesenegoisten gemacht. Maximilian kannte als Richtschnur seines Handelns nur seinen eigenen Vorteil. Da kam kein Danke über seine Lippen. Der Sohn zahlte keine Miete und keine Nebenkosten. Vergeblich wartete Menke Eschhoff auf eine diesbezügliche Geste oder ein liebes Wort seiner Zuneigung.

Am Abend, nachdem sein Kollege Frerik Salzer das Haus verlassen hatte, durchbrach der Wunsch, sich mitzuteilen, seine Isolierung und Einsamkeit. Er nahm die Hausschlüssel, verließ die Wohnung und stieg über die Treppe nach oben. Er drückte die Klingel und wartete.

Das Fräulein Holm erschien in der Tür und fragte ihn im unfreundlichen Ton: »Ja, ist was?«

»Ich wollte Maximilian sprechen«, sagte der Alte, bemüht, die Demütigung zu überhören.

»Er duscht«, sagte sie mit spitzem Mund. »Kommen Sie in einer halben Stunde noch einmal. Wenn Sie wünschen, schicke ich ihn zu Ihnen.«

»Das Letztere ist mir lieber«, sagte Menke Eschhoff enttäuscht. Er beherrschte sich, nickte und ging wieder nach unten. Er machte sich in der Küche zu schaffen, bis sein Sohn erschien.

»Hallo Vater«, grüßte Maximilian.

»Setz dich«, antwortete der Alte und zeigte auf den Küchenstuhl. Er selbst nahm auch am Küchentisch Platz. »Ich war an eurer Tür«, sagte er nicht ohne ironischen Unterton.

»Ich weiß. Du kommst ständig zu ungünstigen Zeiten«, antwortete der Sohn.

»Ja, das mag sein«, sagte Menke Eschhoff. »Du hast vielleicht gesehen, dass mein Kollege Salzer bei mir war. Wir haben die Bewerbungsunterlagen studiert, die uns nach einer Anzeige zugegangen sind.«

»Nur um mir das mitzuteilen, wolltest du uns stören?«, fragte Maximilian und lächelte abfällig.

»Nein, ich wollte dir sagen, dass auch du noch die Chance hast, deine Berufssituation zu verbessern«, sagte Eschhoff. »Salzer sagte mir, dass die VHS mit einem neuen Bilanzbuchhalter-Seminar beginnt.«

»Ach, von da weht der Wind«, sagte der Sohn erzürnt. »Vater, ich sehe es gar nicht gern, wenn du mit deinen Kollegen meine Zukunft verplanst.«

»Maximilian, nun nimm doch Vernunft an. Noch arbeite ich und kann großzügig sein«, antwortete der Vater.

»Warum noch arbeiten? Bei deiner Rente?«, meinte der Sohn.

»Es geht dir wohl nicht in den Schädel, dass man gelegentlich auch anderen etwas zum Gefallen tut«, sagte der alte Herr. »Frau Bantz ist eine feine Person.«

»Meinst du, die Gnädige würde einen Finger rühren, wenn wir in Not kämen?«, fragte Maximilian.

»Damit es nicht so weit kommt, mach nicht alles drauf! Ich lebe nicht ewig«, antwortete Menke Eschhoff.

»Rede nicht wie ein Spielverderber«, sagte Maximilian, »noch bin ich jung.«

»Es wird höchste Zeit, dass du erwachsen wirst. Mir ist das Spiel ›Bäumchen, Bäumchen, wechsle dich‹ zuwider. Ich sehe auch nicht ein, dass man mich vor der Haustür meines Sohnes abkanzelt.«

»Warum so empfindlich? Du kamst wirklich zu einer ungünstigen Zeit.«

»Verpass du deine Chancen nicht. Die Stadtsparkasse schreibt für Hage den Posten des Filialleiters aus. Ich nehme an, du hast deine Bewerbung bereits eingeschickt.« Eschhoff sah den Sohn auffordernd an.

»Damit kein falscher Eindruck entsteht, Vater. Merk dir ein für alle Mal, Sir, ich habe was dagegen, wenn du dich in meine Angelegenheiten einmischst. Gute Nacht!« Maximilian warf die Küchentür heftig zu und verließ wütend die Wohnung.

Die Zeit heilt alle Wunden, lautet eine alte Volksweisheit. Dieser Spruch bewahrheitete sich für die Feeke-Bantz-Baugesellschaft bereits nach nur wenigen Monaten. Den Prokuristen Menke Eschhoff und Frerik Salzer gelang es nicht nur, den lukrativen Bauauftrag der Quiet-Gruppe auf Norderney an Land zu ziehen, sondern sie sorgten mit Verträgen für den Neubau des Emsgymnasiums und der Errichtung eines Verbrauchermarktes für die Ausnutzung der Kapazität.

Nicht verheilen wollte dagegen der Schmerz von Elvira Bantz über den Tod ihres Mannes. Nur aus Liebe zu ihrem Sohn Renke schöpfte sie die Kraft, mit ihren Belastungen fertig zu werden. Es mochte an der Jugend gelegen haben, dass Renke nach einer kurzen Zeit, wie es schien, seinen Vater vergessen hatte. Er wusste ihn im Himmel und fand das fast normal.

Renkes schulische Leistungen konnten sich sehen lassen. Seine freie Zeit verbrachte er von April bis September auf dem Wasser. Er und sein Freund segelten mit seiner Jolle im Gewässer von Norddeich herum.

Erst recht war Renke in seinem Element, was fast zur Regel wurde, wenn Frerik Salzer mit ihnen am Wochenende das Revier vor der Küste an Bord der »Seeschwalbe« befuhr, und selbst Törns nach Helgoland waren da keine Seltenheit.

Der alte Herr lebte in Norddeich ohne Anhang. Seine beiden Töchter wohnten im süddeutschen Raum. Er hatte Enkelkinder, die er selten zu Gesicht bekam. Salzer stand nichts im Wege, mit Renke, der oft einen Freund mitbrachte, am Freitagnachmittag an Bord des Schiffes zu gehen, die Segel zu setzen, die Anker zu lichten und am Sonntagnachmittag von einem Inseltörn heimzukehren.

Frerik Salzer war trotz seiner grauen Mähne jung geblieben und schöpfte bei seinen Segeltouren mit den jungen Leuten Kraft, die er für die Firmenlenkung benötigte. Davon profitierte nicht zuletzt auch der Sohn der Witwe, denn der alte Herr beherrschte nicht nur die Kunst des Segelns, sondern besaß auch eine beachtenswerte Allgemeinbildung. Er und sein Kollege Menke Eschhoff beabsichtigten, sich bei der gnädigen Frau für Renke stark zu machen, denn ihre Ängste um den Jungen gingen zu weit.

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