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Mord in Honeychurch Hall

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Über das Buch

Über die Autorin

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Danksagung

Über das Buch

Kurz bevor sich ihr Lebenstraum erfüllt – die Eröffnung eines Antiquitätengeschäfts in London –, erhält Katherine Stanford einen überraschenden Anruf ihrer frisch verwitweten Mutter Iris: Sie hat das Erbe durchgebracht und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das ehemalige Kutschenhaus von Honeychurch Hall gekauft. In Devon. Weit, weit weg von London. Wütend macht sich Kat auf den Weg in die Provinz, um ihre Mutter vielleicht noch umzustimmen. In Honeychurch Hall angekommen, ist alles jedoch noch viel schlimmer als befürchtet: Hinter der bröckelnden Fassade leben eine Menge skurriler Gestalten, von denen manche eine amtliche Leiche im Keller haben. Als dann das russische Au-Pair-Mädchen vermisst und die Hausdame tot aufgefunden wird, scheint jeder ein Motiv zu besitzen. Zu allem Überfluss fällt auch noch der Verdacht auf Iris – und plötzlich hat Kat weitaus größere Probleme …

Über die Autorin

Autorenfoto

Autorenfoto: © Pourio Lee

Hannah Dennison arbeitete als Zeitungsreporterin in Devon, England, bevor sie nach Los Angeles umzog und mit dem Schreiben von Drehbüchern begann. Inzwischen hat sie sich vor allem als Krimiautorin einen Namen gemacht. Dennison lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Portland, Oregon.

HANNAH DENNISON

Mord in Honeychurch Hall

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Corinna Wieja

1

»Mum!«, rief ich. »Gott sei Dank, dass du anrufst. Ich hab mir solche Sorgen gemacht.«

»Du bist doch hoffentlich nicht gerade im Auto unterwegs, Kat«, sagte meine Mutter am anderen Ende in leicht vorwurfsvollem Ton.

»Doch«, bestätigte ich, während ich meinen VW Golf im Schneckentempo durch den dichten Londoner Verkehr auf der Old Brompton Road steuerte. »Aber lenk jetzt nicht vom Thema ab.«

»Du wirst noch ein Knöllchen bekommen, wenn man dich beim Telefonieren ohne Freisprechanlage erwischt …«

»Deshalb suche ich ja schon nach einer Stelle, wo ich anhalten kann«, entgegnete ich. »Leg bloß nicht auf.«

Mum seufzte abgrundtief. »Aber beeil dich. Dieser Anruf kostet ein Vermögen.«

Ich bog in den Bolton Place, eine ruhige Anwohnerstraße, die durch zwei sichelförmig angelegte öffentliche Parkanlagen geteilt wurde. Vor der Kirche St. Mary’s entdeckte ich einen freien Parkplatz.

»Wo bist du gestern Abend gewesen?«, fragte ich, nachdem ich den Motor abgeschaltet hatte. »Ich hätte schon fast die Kavallerie losgeschickt.«

»Du klingst gestresst«, sagte meine Mutter. »Ist mit Dylan alles in Ordnung?«

»Du weißt ganz genau, dass mein Freund David heißt«, erwiderte ich leicht gereizt, weil sie wieder einmal zielsicher meinen wunden Punkt getroffen hatte. »Himmel, ist das heiß hier!« Ich kurbelte das Fenster herunter; die Hitze des glühenden Augusttages und der Geruch nach frisch gemähtem Gras strömten ins Wageninnere.

»Du bist zu alt für einen Freund …«

»Dann ist er eben ein Lebensgefährte – und übrigens bin ich überhaupt nicht gestresst«, erwiderte ich. »Ich habe mir Sorgen gemacht, weil du gestern nicht zu meiner Abschiedsparty gekommen bist. Hattest du wieder einen Migräneanfall?«

»Nein, ich hatte einen Verleugnungsanfall«, sagte Mum tonlos. »Ich hatte gehofft, du würdest deine Meinung noch ändern und doch nicht mit Kopien & Kostbarkeiten aufhören.«

»Ich will mein Leben wiederhaben, Mum. Hast du eigentlich eine Ahnung, was es bedeutet, ständig in der Öffentlichkeit zu stehen?«

»Es ist so schade«, fuhr sie fort. »Ich hab mir deine Sendung wirklich gern angeschaut. Im Fernsehen hast du immer so nett ausgesehen. Bist du sicher, dass du keinen Fehler machst?«

»Du klingst schon wie David …«

»Ach herrje«, sagte Mum. »In dem Fall bin ich ganz aus dem Häuschen vor Freude, dass du diese Sache durchziehst, und es tut mir sehr leid, dass ich nicht gekommen bin.«

Ich ignorierte die Spitze. »Das ist gut, denn ich bin vor Freude ganz aus dem Häuschen, dass wir gemeinsam ein Antiquitätengeschäft eröffnen werden. Apropos, ich dachte, wir könnten uns an diesem Wochenende vielleicht schon mal ein paar freie Läden anschauen.«

»Das könnte schwierig werden …«

»Du solltest sehen, was ich heute bei Bonhams zu einem Schnäppchenpreis gekauft habe«, fuhr ich fort. »Zwei Kisten viktorianisches Spielzeug und altmodische Teddybären. Unsere erste Ware. Ich kann es kaum erwarten, sie dir zu zeigen.«

Totenstille am anderen Ende.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe, Mutter?«

Das Schweigen zog sich hin. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte sie schließlich: »Ich habe mir die rechte Hand gebrochen.«

»Oh Mum«, rief ich. »Geht es dir gut?«

»Jetzt ja.«

»Warum hast du mir das nicht gesagt?«

»Ich sage es dir doch gerade.«

»Wie schlimm ist es?«, fragte ich. »Kannst du kochen? Dich anziehen?«

»Mit einer Hand?«

»Na ja, du hast doch noch eine.«

»Sehr lustig.«

»Ich fahr gleich zu dir rüber«, sagte ich.

»Und was ist mit Dylan? Macht ihm das nichts aus?«

»David ist übers Wochenende verreist.«

»Dein Vater wäre nie auf die Idee gekommen, ohne mich zu verreisen. Und es hätte ihm auch nicht gefallen, wenn ich ohne ihn durch die Welt gegondelt wäre«, verkündete Mum. »Wusstest du, dass wir in den fünfzig Jahren unserer Ehe niemals auch nur eine einzige Nacht getrennt voneinander verbracht haben?«

»Ja, das wusste ich, allerdings waren es neunundvierzig Jahre, nicht fünfzig«, korrigierte ich. »Und wenn du mit den Sticheleien über David nicht aufhörst, komme ich ganz bestimmt nicht.«

»Wann lässt er sich noch mal von dieser Trudy scheiden? Das vergess ich immer wieder.«

»Es ist kompliziert«, murmelte ich.

»Hast du ihre neue Sendung gesehen?«, fragte Mum und traf damit einen weiteren empfindlichen Nerv. »Sehr amüsant. Walk of Shame – die peinlichen Familiengeheimnisse der Stars

»Mum, ich warne dich. Ich möchte nicht über Trudy Wynne reden«, sagte ich. »Soll ich jetzt kommen oder nicht?«

»Ja, ja.« Sie klang erschöpft. »Ich hätte gern, dass du etwas für mich fertig tippst.«

»Ich wusste gar nicht, dass du mit einer Schreibmaschine umgehen kannst.«

»Natürlich kann ich das!«, rief Mum. »Ich schreibe auf Daddys alter Olivetti.«

»Das ist doch ein Sammlerstück. Ein Wunder, dass man dafür überhaupt noch Farbbänder bekommt. Ich hol kurz ein paar Dinge aus der Wohnung und bin dann in weniger als einer Stunde bei dir.«

»Das glaube ich kaum«, erwiderte sie. »Ich bin nämlich umgezogen, und jetzt werde nicht gleich sauer.«

»Du bist umgezogen? Wohin denn? Wann? Und was ist mit unseren Geschäftsplänen?«

»Ich habe meine Meinung geändert. Wozu brauchst du mich überhaupt?«

»Der eigentliche Gedanke war, dass du mir mit Kat’s Collectibles hilfst«, erklärte ich gereizt. »Wir hatten doch ausgemacht, dass wir einen Laden suchen, mit einer hübschen Wohnung obendrüber für dich …«

»Damit du zu David ziehen kannst«, sagte Mum. »Dein Vater hätte es nie gebilligt, dass du in Sünde lebst.«

»Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, Mutter«, entgegnete ich. »Und übrigens wollte Dad, dass ich mich um dich kümmere, damit du dich nicht einsam fühlst.«

»Ich fühle mich nicht einsam.«

»Wann hast du diese überstürzte Entscheidung überhaupt getroffen?«

»Lass mich überlegen … vor etwa einem Monat.«

»Vor einem Monat?! Aber …« Mir schwirrte der Kopf. »Wir telefonieren jeden Tag miteinander. Manchmal sogar mehrmals.« Dann fiel mir auf, dass es in letzter Zeit immer Mum gewesen war, die mich angerufen hatte. »Deshalb kam mir die Telefonnummer nicht bekannt vor. Von wo aus rufst du an?«

»Vom Handy.«

»Du hast ein Handy? Im Ernst?«, fragte ich. »Und wann hast du das Haus zum Verkauf ausgeschrieben?«

»So viele Fragen«, sagte Mum. »Der nette Mann aus dem Waschsalon hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte.«

»Mr Winkleigh?« Ich war völlig fassungslos. »Dad hätte niemals an Mr Winkleigh verkauft. Er konnte ihn nicht ausstehen.«

»Tja, dein Vater ist aber nicht mehr da, also wird er es auch nicht herausfinden, oder?«

Ich versuchte, auch diesen weiteren beunruhigenden Informationshappen zu verdauen. Selbst die Vorstellung, einkaufen zu gehen, löste bei meiner Mutter gewöhnlich einen ihrer »Anfälle« aus, und doch war es ihr irgendwie gelungen, ganz allein einen Umzug zu meistern. »Aber du kannst das nie und nimmer ganz allein bewältigt haben.«

»Wieso denn nicht? Ich bin schließlich nicht krank und gebrechlich.«

Und das kam ausgerechnet von jemandem, der während meiner Schulferien ständig in einem abgedunkelten Raum mit Migräne flachgelegen hatte.

»Außerdem hat mir Alfred geholfen«, fügte sie hinzu.

»Welcher Alfred? Dein neuer spanischer Hausfreund?« Inzwischen konnte mich nichts mehr überraschen.

»Alfred klingt ja wohl kaum Spanisch, Liebes. Juan oder Pablo, das sind spanische Namen«, klärte Mum mich in sanftem Ton auf. »Alfred ist mein Bruder.«

Ich schwöre, mein Herz setzte einen Schlag lang aus. »Ich wusste … nicht, dass du einen Bruder hast.«

»Tja, den habe ich aber«, sagte Mum. »Eigentlich sogar zwei, aber Billy ist sehr jung gestorben und schon lange tot. Ein Aneurysma am Blackpool Pier. Traurige Geschichte.«

»Dann habe ich doch bestimmt auch Cousins. Ich hätte gern Cousins.«

»Die würdest du nicht mögen.«

»Doch, würde ich.« Ein Funken Wut glomm in mir auf, als ich mich daran erinnerte, wie ich meine Freunde immer um ihre großen Familien beneidet hatte, besonders zu Weihnachten. Ich hatte es gehasst, ein Einzelkind zu sein. »Kannte Dad deine Brüder?«

»Natürlich. Er hat sie allerdings nicht gemocht, deshalb haben wir sie auch nie besucht«, sagte Mum. »Ist das so wichtig?«

»Ja, allerdings. Ich dachte immer, du und Dad, ihr wäret Waisen ohne Geschwister.«

»Wirklich? Warum?«

»Weil ihr mir das erzählt habt!«, brüllte ich.

»Na ja, das ist Schnee von gestern«, erwiderte Mum fröhlich. Du solltest besser in die Gänge kommen, wenn du rechtzeitig zum Tee hier sein willst.«

»Moment mal. Was hast du mit meinen Sachen gemacht?«

»Oxfam«, antwortete sie. »Und bevor du jetzt einen hysterischen Anfall bekommst – keine Sorge, ich hab alle deine pelzigen Freunde in einen Koffer gepackt. Der steht hier bei mir.«

»Und meine Kostümkiste?«, hakte ich nach, in Erinnerung an die Eisentruhe, in der sich Dutzende wunderschöner handgeschneiderter Kostüme befanden. Mum war immer sehr geschickt im Umgang mit Nadel und Faden gewesen. »Ich wollte sie meinen Kindern schenken.«

»Was das betrifft, solltest du besser einen Zahn zulegen, bevor deine biologische Uhr abgelaufen ist.«

»Danke, dass du mich daran erinnerst, Mum.«

»Das war nur ein Witz.«

Aber ich wusste, dass es keineswegs einer war.

»Hast du einen Stift?«, fuhr Mum auch schon fort. »Ich gebe dir die Adresse durch.«

»Moment, ich hol mir schnell was zum Schreiben.« Ich zog irgendeinen Prospekt aus meiner Einkaufstasche und fand auch einen Stift. »So, fertig.«

»Also, das Haus ist eine ehemalige Remise. Die Anschrift lautet Carriage House bei Honeychurch Hall …«

»Honeychurch – Honigkirche«, prustete ich. »Klingt ja wie bei Winnie Puh.«

»Du sollst nicht prusten. Das ist so unattraktiv«, tadelte Mum. »Honeychurch in einem Wort.« Dann kam eine lange Pause. »Little Dipperton.«

»Little was?«, fragte ich.

»Dipperton, wie der Dip, bloß mit doppeltem p und dann e-r-t-o-n am Ende.«

»Wo zum Teufel liegt Little Dipperton?«

»In Devon.«

»In Devon?«, stammelte ich.

»In der Nähe von Dartmouth. Hier gibt es einen hübschen kleinen Fischerhafen. Es wird dir gefallen. Ich werde dich auf einen Tee dorthin einladen.«

»In Devon?!«, rief ich erneut. »Das sind über zweihundert Meilen Fahrt.«

»Ja, ich weiß. Ich bin ja gerade erst hergezogen.«

»Dir gefällt es auf dem Land doch gar nicht.«

»Deinem Vater gefiel das Landleben nicht, mir schon«, entgegnete sie munter. »Ich mag die Landschaft. Mir ist das Stadtleben schon immer verhasst gewesen. Jetzt wache ich mit Vogelgezwitscher auf, es duftet nach frischer Luft …«

»Aber … Devon …« Diese weitere unerwartete Enthüllung ließ ein Schwindelgefühl in mir aufsteigen. »Was ist mit Dads Asche? Ich dachte, wir wären uns einig, das Krematorium von Tooting zu nehmen. Wenn du so weit weg wohnst, kannst du ihn gar nicht besuchen.«

»Ich habe meine Meinung über das Krematorium in Tooting auch geändert. Er hat immer unter Platzangst gelitten, weißt du.«

»Mum, im Augenblick befindet er sich in einem orangefarbenen Tupperware-Behälter«, stellte ich fest. »Wo liegt da der Unterschied?«

»Es ist zu endgültig.«

Ich versuchte es mit einer anderen Taktik. »Was ist mit deinen Freunden?«

»Dein Vater hat für das Finanzamt gearbeitet«, sagte Mum. »Wir hatten keine Freunde.«

»Du kannst ja noch nicht mal Auto fahren.«

»Ich kann sehr wohl Auto fahren, schon immer. Mir gefiel es nur besser, mich von deinem Vater chauffieren zu lassen.« Mum lachte. »Und tatsächlich, ich habe mir erst vor kurzer Zeit einen süßen kleinen Mini Cooper in Chilirot gekauft.«

»Wie kannst du dir ein neues Auto leisten? Ganz zu schweigen von einem Haus auf dem Land, das alles andere als klein klingt?« In meinem Kopf schrillten die Alarmglocken. »Wie hast du überhaupt von diesem Carriage House erfahren?«

»Über Kontakte.«

»Du hast es dir doch bestimmt vorher angesehen? Oder? Und wann?«

»Ich muss deine Fragen nicht beantworten. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig«, sagte Mum mit Nachdruck. »Ich kann tun und lassen, was ich will.«

Ein weiterer schrecklicher Gedanke schoss mir durch den Kopf. »Du hast Dads Geld komplett ausgegeben, stimmt’s?« Ominöses Schweigen am anderen Ende der Leitung. »Er hat damit gerechnet, dass das passiert.«

»Katherine, ich muss dir etwas sagen …«

»Du hast alles ausgegeben!«, rief ich. »Du nennst mich nur Katherine, wenn du schlechte Nachrichten hast.«

»Sagt dir der Name Krystalle Storm etwas?«

Verwirrt antwortete ich: »Nein, wieso? Wer ist das?«

»Kritiker sagen ihr eine noch erfolgreichere Zukunft als Barbara Cartland voraus.«

»Wer soll das sein?«

»Na, die Autorin der Liebesromane. Barbara Cartland.«

»Und was hat das mit Dads Geld zu tun?«

»Ihre Bücher gibt es überall. Über eine halbe Million hat sie weltweit schon verkauft«, begeisterte sich Mum. »Ich bin überrascht …«

»Du weißt, dass ich solchen Schund nicht lese, Mum. Wie hat Dad das genannt? ›Groschenromane für rührselige alte Damen‹«, sagte ich. »Und lenk nicht schon wieder vom Thema ab.«

»Na schön.« Mum klang beleidigt. »Weißt du was, ich glaube, ich brauche deine Hilfe doch nicht. Ich komme auch allein zurecht.«

»Jetzt sei nicht albern. Ich komme gern. Wirklich, ich freu mich auch schon auf den Tee.«

»Nein«, erwiderte Mum frostig. »Ich will dich hier nicht sehen. Ich habe schon jemanden, der mir unheimlich gerne zur Hand geht. Er ist nett. Sehr nett sogar.« Und bevor ich noch etwas darauf antworten konnte, hatte meine Mutter aufgelegt.

Ich war vollkommen überrascht. Es war offensichtlich, dass Mums Trauer sie zu überstürzten und impulsiven Entscheidungen verleitet hatte. Warum in aller Welt war sie nur so weit von London weggezogen? Außerdem war die Tatsache, dass sie sich irgendwie Zugang zu dem sorgfältig abgesicherten Pensionsfonds meines Vaters verschafft hatte, extrem beunruhigend. Wir hatten oft Witze darüber gemacht, wie schlecht meine Mutter mit Geld umgehen konnte. Was das betraf, war sie ein hoffnungsloser Fall. Deshalb hatten Dad und ich auch dafür gesorgt, dass sie nach seinem Tod monatlich nur einen festgelegten Betrag aus dem Pensionsfonds erhielt, damit sie nicht gleich alles auf einmal ausgab. Jetzt hatte ich das Gefühl, ihn im Stich gelassen und enttäuscht zu haben, dabei war er erst vor vier Monaten gestorben.

Es gab nichts daran zu rütteln. Ich musste nach Little Dipperton fahren, wo immer das auch liegen mochte, und meine Mutter zur Vernunft bringen.

2

Ich hielt kurz an, um in meiner Souterrainwohnung in der Nähe der Putney Bridge ein paar Sachen zu packen. In den Koffer warf ich auch einige Immobilienbroschüren, die ich Mum unbedingt zeigen wollte. Außerdem beschloss ich, die beiden Kisten mit den alten Teddybären und den viktorianischen Spielzeugen mitzunehmen, die ich heute Morgen gekauft hatte.

»Bereit, Jazzbo Jenkins?«, sagte ich zu meinem Maskottchen, einer fünfzehn Zentimeter großen Stoffmaus aus den Vierzigern, die auf dem Armaturenbrett meines Autos saß. Meine Mutter hatte sie als Kind geschenkt bekommen und später an mich weitergegeben. »Dann bringen wir also Mum zur Vernunft.«

Es war ein herrlich sonniger Tag im August; das Thermometer in meinem Wagen zeigte erdrückende dreißig Grad an. Ganz England schien für solche Hitzewellen wie immer schlecht gerüstet zu sein, und mein kleines Auto bildete da keine Ausnahme. Die Lüftung saugte lediglich die heiße Luft von außen ein, und obwohl ich alle Fenster geöffnet hatte, lief mir der Schweiß den Rücken herunter. Die Fahrt würde lang und klebrig werden.

Der Verkehr war dicht, denn viele Urlauber waren auf dem Weg zur Westküste, um die letzte offizielle Schulferienwoche zu genießen. Ich zuckelte hinter den endlos langen Wohnwagenkarawanen her; auf dem Seitenstreifen sah ich gelegentlich Autos mit überhitztem Motor.

Irgendwann entdeckte ich am Straßenrand ein Schild: »Erdbeeren eine halbe Meile«. Unwillkürlich brannten mir Tränen in den Augen, als ich mich an die Familienausflüge erinnerte, bei denen ich meinen Dad angebettelt hatte, für ein Schälchen anzuhalten, was wir allerdings nie taten, denn ich bekleckerte mich ständig mit Essen oder Getränken – na ja, mit so ziemlich allem.

Ich fuhr langsamer, um Ausschau nach dem Stand zu halten, und als der Tisch mit den Erdbeerschälchen unter einem riesigen Sonnenschirm schließlich in Sicht kam, beschloss ich anzuhalten.

Mit dem Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, kaufte ich zwei Schälchen – eines für Mum und eines für mich, das ich in kaum fünf Minuten verschlang. Die Erdbeeren waren süß und prall, weshalb beim Reinbeißen dummerweise auch etwas Saft auf meine weiße Caprihose spritzte. Dad hatte also recht gehabt.

Als ich Stonehenge auf der A 303 passierte, war die Sonne verschwunden, und am Himmel zogen dunkle Gewitterwolken über die Salisbury Plain. Mit einem lauten Donnergrollen setzte der Regen ein, und bald goss es Bindfäden. Der Verkehr wurde immer langsamer und kam schließlich ganz zum Erliegen. Dann, so schnell, wie es begonnen hatte, endete das Gewitter und ein herrlicher Regenbogen spannte sich über die Hügel in der Ferne.

Ich hielt an einer Tankstelle, um Blumen und eine Flasche Weißwein für Mum zu kaufen.

Während ich in der Schlange vor der Kasse anstand, bemerkte ich in einem Drehständer mit Taschenbüchern ein Buch von der Autorin, die Mum erwähnt hatte – Krystalle Storm. Es hieß Verführerische Vagabundin. Das Cover zeigte eine Kirche und davor ein leicht bekleidetes Mädchen mit rabenschwarzem Haar und einer Menge Armbändern, das sich gegen eine riesige Eiche lehnte und in seinem tief ausgeschnittenen Kleid tatsächlich äußerst verführerisch aussah. Ich fischte das Buch aus dem Ständer und las den Klappentext. »Er war ein Mann Gottes, sie von ihrer Familie verstoßen. Kann die Liebe …«

»Das ist gut«, sagte eine Frau Ende zwanzig hinter mir. »Das ist der erste Band der Liebende unter einem Unglücksstern-Reihe. Oh! Entschuldigen Sie, sind Sie Kat Stanford von Kopien & Kostbarkeiten

Ich lächelte höflich. »Ja.«

»Ich liebe Ihre Sendung!«, sagte sie. »Wegen Ihrer Haare.«

Leider werden Promis gern in Schubladen gesteckt und auf gewisse Charakterzüge reduziert. Bei Fernsehkoch Gordon Ramsay ist es sein berühmt-berüchtigtes Temperament, Charlie Dimmock, die Moderatorin der Gartensendung Ground Force, ist dafür bekannt, keinen BH zu tragen, und mich nennt man wegen meiner langen Haarmähne Rapunzel.

»Danke«, sagte ich. »Vielleicht kauf ich das Buch für meine Mutter.«

»Passen Sie bloß auf, dass Sie sich damit nicht die Finger verbrennen«, sagte sie lachend und deutete auf die Warnung am Buchrand. »Sehen Sie? Es wird als ›heiß‹ eingestuft. Da geht’s zur Sache.«

»Tja, so sicher bin ich nicht, ob meine Mutter mit heißer Lektüre zurande käme.« Ich stellte den Roman zurück. Doch dann griff ich spontan wieder danach. Immerhin wäre es so was wie ein Friedensangebot. Vielleicht sollte ich mal reinlesen.

Meine Laune hob sich, als ich auf der M5 das Gaspedal durchtreten konnte. Wiltshire wurde zu Somerset, und dann sah ich – endlich – ein Straßenschild mit der einladenden Aufschrift »Willkommen in Devon«. Auch die Sonne zeigte sich wieder.

Die Landschaft war atemberaubend vielseitig. Riesige, mit Schafen und Rindern gesprenkelte Wiesen, rauschende Bäche, die von dichten Bäumen in Schatten getaucht wurden, und uralte, niedrige Steinmauern, Wassergräben und Klippen erstreckten sich inmitten der sattroten Erde, für die Devon berühmt war. Und mitten in all dieser Schönheit lag eine weitere, noch atemberaubendere Landschaft. Vor dem Horizont hoben sich dunkel die düsteren Hügel von Dartmoor ab, das von umherziehenden Nebelschleiern und trügerischen Sümpfen beherrscht wurde.

Nach einem letzten Blick auf die ausführlichen Wegangaben, die ich mir dank Google Maps notiert hatte, verließ ich die vierspurige Schnellstraße und bog auf eine ruhige zweispurige Landstraße ab. Sie wurde von dichten Pinienwäldern auf der einen und von einer niedrigen Steinmauer auf der anderen Seite gesäumt, hinter der ein Fluss plätscherte. Laut Wegweiser waren es noch zwölf Meilen bis Dartmouth, aber nur noch zwei bis Little Dipperton.

Ich sah auf die Uhr. Es war beinahe vier. Ich war gut vorangekommen und sehr zufrieden mit mir.

Zwei Stunden später hatte ich mich hoffnungslos verfranzt und war unglaublich genervt.

Offensichtlich kannte sich Google Maps in dem Labyrinth der zahllosen schmalen, gewundenen Straßen von Devon nicht besonders gut aus. Neunzig Prozent davon waren nicht mal beschildert – und falls doch, dann endeten sie in Sackgassen. Nur mit Glück bekam man überhaupt Handyempfang, und als ich endlich dieses Glück hatte und meine Mutter anrief, nahm sie nicht ab.

Um sechs Uhr hatte sich meine gute Laune komplett in Luft aufgelöst. Endlich kam ein Kirchturm in Sicht. Daran orientierte ich mich.

Ich lenkte den Wagen durch eine Reihe gefährlicher Haarnadelkurven und entging dabei nur knapp dem Schicksal eines anderen Wagens, der in einen Entwässerungsgraben gebrettert war. Aber dann, wie aus dem Nichts, tauchte ein kleines Dorf mit weiß getünchten, schieferbedeckten Cottages vor mir auf, in dem es auch eine Handvoll Läden und ein Pub namens Hare & Hounds gab. Ich kam an einer Kirche vorbei, einer verlassenen Schmiede, einem Gemüsehändler, einem Teeladen und einem Gemischtwarenladen, in dem sich auch die Post befand. Vor Letzterem stand ein schmutziger blauer Ford Focus.

Zuerst dachte ich, der Laden sei geschlossen, dann aber fiel mir auf, dass die Tür nur angelehnt war. Ich parkte hinter dem Ford Focus und ging hinein.

»Hallo?«, rief ich. »Ist jemand da?«

Keine Antwort. Ich schob die Sonnenbrille ins Haar und wagte mich tiefer in den dämmrigen Laden vor. Als ich von der Stufe hinuntertrat, kam ich mir vor, als stiege ich in ein dunkles Verließ hinab.

Der Laden war bis zur Decke mit Krimskrams vollgestopft, von kleinen Nähsets bis zu Fliegenspray. In den Regalen reihten sich ohne erkennbares System Zangen, Lebensmittel in Dosen, Puzzles und Hämorridencreme aneinander. Ein Drehständer bot bebilderte Postkarten an – drei für zwei Pfund.

In der hintersten Ecke hatte man ein kleines Kabuff mit Plexiglas abgetrennt, das als Poststelle ausgeschildert war. Daneben hing eine Pinnwand mit bunten Flyern und handgeschriebenen Zetteln wie »Babysitter gesucht!« und »Suchen Sie jemanden, der Ihren Wagen wäscht?«, oder »Marmeladenwettbewerb des Landfrauenvereins«.

Die ganze Wand hinter der Theke wurde von einem Regal mit großen Glaskrügen eingenommen, in denen sich Süßigkeiten befanden, die ich schon seit Urzeiten in keinem Laden mehr gesehen hatte: Sherbet-Pips-Brausebonbons, Kaubonbons, Black-Jack-Lakritz und die Art von Karamellbonbons, die eine ganze Zahnfüllung beim ersten Bissen rausziehen können.

Ich schlenderte zur Theke, auf der eine altmodische Registrierkasse und eine Messingklingel standen. Auf der niedrigen Bank davor lagen ein paar Klatschmagazine und Zeitungen. Zu meinem Entsetzen befand sich ganz zuoberst eine Ausgabe von Star Stalker. Mein Foto prangte in der rechten unteren Ecke der Titelseite. Man hatte es bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung aufgenommen. Die Autorin des Artikels war meine Nemesis, Trudy Wynne. Die Überschrift lautete: »Auf Wiedersehen, Rapunzel, hallo, Lady Godiva! Was passiert ist, lesen Sie auf Seite 5.«

Natürlich wusste ich, was passiert war. Die Ereignisse hatten maßgeblich zu meiner Entscheidung beigetragen, Kopien & Kostbarkeiten zu verlassen, um dem öffentlichen Aufsehen zu entkommen.

Rasch legte ich die örtliche Zeitung mit dem Namen Dipperton Deal über das Magazin. Dann steckte ich mir das Haar zu einem Knoten auf und fragte mich zum trillionsten Mal, ob ich es mir abschneiden sollte.

»Ist jemand da?«, rief ich erneut, als von hinter dem rot-weißen Plastikvorhang, hinter dem sich vermutlich das Lager befand, Stimmen zu mir herüberdrangen.

»Sie war ein Flittchen und eine Diebin, Muriel«, rief eine Frau. »Ich wusste gleich bei ihrer Ankunft, dass sie nur Ärger machen würde.«

»Das kann ich kaum glauben«, kam die Antwort. »Gayla schien so ein nettes Mädchen zu sein.«

»Tja, das war sie aber nicht.«

»Ich dachte, Gayla wäre durch eine dieser schicken Londoner Agenturen vermittelt worden«, sagte Muriel. »Prüfen die ihre Leute denn nicht?«

»Warum sprichst du es nicht einfach aus?« Eine Pause entstand, und dann: »Du glaubst, das hat was mit meinem Eric zu tun, nicht wahr?«

»Vera, Liebes, was euch beide betrifft, weiß ich allmählich nicht mehr, was ich denken soll.« Ich hörte ein tiefes Seufzen. »Komm, ich möchte endlich abschließen und …«

Ich hustete laut. »Hallo? Hallo?«

Die beiden Frauen traten durch den Vorhang. Die eine war Ende sechzig und trug eine graue Dauerwelle und ein ärmelloses Kleid mit Blümchenmuster. Die andere war Mitte dreißig und hatte das blonde Haar, das dringend hätte nachgefärbt werden müssen, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie hatte sich in eine enge Lederhose und ein rotes T-Shirt mit V-Ausschnitt gezwängt und dazu farblich passend angemalte Nägel, die sich um eine prall gefüllte Plastiktasche krallten.

»Na, hat das Lauschen Spaß gemacht?«, fragte die jüngere und kam leicht schwankend auf ihren extrem hohen Stöckelschuhen auf mich zu. Louboutins, wie ich an den roten Sohlen erkannte.

»Vera, sei nicht so unhöflich.«

Verlegenheit stieg in mir auf. »Ich bin eben erst gekommen und habe Ihre Stimmen gehört.«

Vera musterte mich von oben bis unten. Ihr Blick blieb auf meiner verfleckten weißen Caprihose haften. »Sie hatten wohl einen Unfall?«

»Na ja, ich mag Erdbeeren, und das beruht offensichtlich auf Gegenseitigkeit«, antwortete ich mit entschuldigendem Lächeln.

»Tut mir leid, wir haben schon geschlossen«, sagte Muriel.

»Ich möchte nichts kaufen«, erwiderte ich. »Ich habe mich verfahren. Es scheint hier keine Straßenschilder zu geben.«

»Im Krieg hat man sie alle abgenommen und nie wieder angebracht, meine Liebe«, erklärte Muriel.

»Aber das ist über sechzig Jahre her«, rief ich.

»Das hier ist wie ein vergessener Flecken Erde, und uns gefällt das so.« Vera rümpfte die Nase. »Wir mögen keine Fremden.«

Muriel hielt die Verführerische Vagabundin in der Hand. »Ich liebe Krystalle Storm«, log ich in meiner Verzweiflung.

»Vera hat es mir empfohlen«, sagte Muriel. »Sie meinte, es könne meine Ehe beleben, obwohl ich ehrlich gesagt nicht weiß, ob mein Mann überhaupt noch wüsste, was er zu tun hat.«

»Sie sollten es lesen.« Ich lächelte. »Obwohl es ein wenig … heiß ist, nicht wahr, Vera?« Ich spürte, wie Vera ein bisschen auftaute, und fügte hinzu: »Ich glaube, es kommt bald ein neues Buch von Krystalle in der …« Ich kramte in meinem Hirn, »… Liebende unter einem Unglücksstern-Reihe raus.«

»Das stimmt«, bestätigte Vera. »Haben Sie am Wettbewerb teilgenommen?«

»Gab es einen?«

»Und Sie wollen ein Fan sein?«, rief Vera. »Es stand doch groß und breit auf ihrer Website. Ich werde gewinnen. Ich hab’s schon fast in die Endausscheidung geschafft.«

»Was kann man gewinnen?«, fragte ich.

»Ein langes Wochenende zu zweit in Italien und ein Abendessen mit Krystalle Storm höchstpersönlich. Alle Ausgaben werden bezahlt – Flug, Hotel, rundum alles. Ich werde meinen Eric mitnehmen.« Vera sprudelte förmlich über vor Begeisterung.

»Und ich bin sicher, ihr zwei werdet eine schöne Zeit haben«, sagte Muriel matt und wandte sich an mich: »Wohin wollen Sie denn, meine Liebe?«

»Nach Little Dipperton.«

»Sie sind in Little Dipperton«, erwiderte Muriel.

»Dem Himmel sei Dank!«, rief ich. »Ich suche ein Anwesen namens Honeychurch Hall.«

»Honeychurch Hall?« Veras Gesicht rötete sich, und sie tauschte einen schnellen Blick mit Muriel. »Sie sind aber nicht das neue Kindermädchen, oder?«

»Nein«, antwortete ich. »Warum?«

»Vera ist dort Haushälterin, deshalb«, erklärte Muriel. »Und sie stellt die Kindermädchen ein.«

Das überraschte mich angesichts Veras jugendlichen Aussehens und ihres Lederoutfits. Zwischen ihr und den Haushälterinnen in trister schwarzer Tracht, wie Mrs Hughes in Downton Abbey, lagen Welten.

»Meine Mutter hat Carriage House gekauft«, erklärte ich.

»Aha, Ihre Mutter ist das also.« Veras Blick verfinsterte sich. »Es wird ihr sicherlich nicht leichtfallen, hier Anschluss zu finden und sich einzugewöhnen. Wir alle sind in Honeychurch groß geworden und mögen es nicht besonders, wenn sich Fremde bei uns breitmachen – besonders nicht, wenn sie meinen Mann ausbooten. Seine Lordschaft hatte Carriage House nämlich ihm versprochen.«

Beschwichtigend legte Muriel die Hand auf Veras Arm. »Vera …«

»Na, es ist doch wahr. Es ist so ungerecht, dass ihr Londoner hier antanzt, mit all eurem Geld wedelt und uns die Grundstücke vor der Nase wegschnappt.«

»Also, davon weiß ich ehrlich gesagt nichts«, erwiderte ich rasch.

»Ich mache jetzt zu, wenn es recht ist.« Muriel deutete auf die Plastiktasche. »Richte deiner Mutter schöne Grüße aus, Vera. Ich hoffe, sie freut sich über ihr Geschenkpaket. Sie muss die Magazine auch nicht zurückgeben.«

Vera ging nicht auf die Bemerkung ein. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, mich anzustarren. »Kennen wir uns von irgendwoher?«

»Ich glaube nicht«, antwortete ich.

»Jetzt weiß ich, wer Sie sind!« Veras Augen wurden groß. »Sie sind diese Antiquitätenfrau aus dem Fernsehen. Von Kopien & Kostbarkeiten

»Eigentlich nicht.« Die Lüge war raus, ehe ich es verhindern konnte. Vera schien mir genau die Art von Mensch zu sein, die Trudys Star-Stalkers-Hotline anrufen und die hundert Pfund »Finderlohn« anfordern würde.

»Sie sehen aber genauso aus wie Kat Stanford«, beharrte Vera. »Machen Sie doch mal die Haare auf …«

»Oh, um Himmels willen!«, fiel ihr Muriel ins Wort. »Lass jetzt die arme Frau in Ruhe und sag ihr lieber, wie sie zum Herrenhaus kommt, damit wir alle nach Hause gehen können.«

Vera murmelte etwas Abfälliges, gehorchte aber widerwillig. »Fahren Sie zurück auf die Hauptstraße. Wenn Sie an der Ruggles Farm vorbeikommen …«

»Ist die ausgeschildert?«, fragte ich.

»Es ist ein Bauernhof. Sie wissen doch, was ein Bauernhof ist?«

Ich lächelte höflich. »Natürlich.«

»Danach liegt das Herrenhaus links«, fuhr Vera fort. »An der nächsten Kreuzung beim Cavalierhain …«

»Ist das ausgeschildert?«, fragte ich hoffnungsvoll.

»Nein. Es ist ein Hain. Sie wissen doch sicher, was das ist?« Als sie mein begriffsstutziges Gesicht bemerkte, verdrehte sie die Augen. »Ihr Stadtmenschen. Ein Hain ist ein kleines Wäldchen. Wenn ich es mir recht überlege, nehmen Sie besser die Abkürzung durch die Cavalier Lane. Die führt direkt nach Honeychurch Hall.«

»Und in welche Richtung muss ich jetzt fahren?«, fragte ich.

Vera verdrehte erneut die Augen. »Es gibt nur eine Richtung. Die Cavalier Lane ist zwar schmal und ziemlich zugewuchert, aber ein kleines Auto kommt da locker durch. Den Eingang zur Hall erkennen Sie an den großen Säulen mit den steinernen Habichten. Sie können es gar nicht verfehlen.«

»Danke.«

»Moment!« Muriel zog ein Klemmbrett und einen Stift unter der Theke hervor. »Unterzeichnen Sie unsere Petition?«

»Ich lebe doch gar nicht hier.«

»Wir sind gegen den von der Regierung geplanten Ausbau der Schnellzugbahnstrecke nach Plymouth«, fuhr Muriel ungerührt fort. »Angeblich soll sie fünfzehn Minuten Fahrzeit bis zur Paddington Station in London einsparen.«

»Diese Bastarde«, murmelte Vera.

»Normalerweise unterzeichne ich keine Petitionen.« Die Lektion, dass alles, auf dem mein Name stand, missverständlich ausgelegt werden konnte, hatte ich bitter lernen müssen.

»Die Bahnstrecke wird den Ort durchschneiden«, beharrte Muriel. »Die Landschaft hat sich ihre natürliche Schönheit bewahrt. Und mit dem Bau wird eine Menge Acker- und Weideland zerstört, von den Häusern ganz zu schweigen. Bitte. Es ist nur ein Name, aber jeder Name zählt.«

Ich zögerte. »Ja, natürlich. Das ist schrecklich. Ich unterschreibe gern.« Ich kritzelte J. Jenkins auf das Papier und gab als Adresse nur London an.

Muriel betrachtete mein Werk. »Londoner Adressen helfen uns sehr. Sie geben uns nationale Bedeutung. Wie heißen Sie mit Vornamen?«

»Jazzbo«, schwindelte ich. »Das ist ein Spitzname.«

»Ja, klar!« Vera schnaubte. »Danke, Jazzbo

Einen Augenblick später saß ich wieder in meinem Golf und bog in eine schmale, von hohen Hecken begrenzte Straße ein. Vera hatte nicht übertrieben. Das Gras wuchs bis zur Mitte und dazu streiften haufenweise Fingerhut, Wiesenkerbel und Winden an den Seiten meines Wagens entlang. Ich hoffte, dass mir niemand entgegenkäme.

Die Straße schlängelte sich den Hügel hinauf. Nachdem ich eine weitere Haarnadelkurve hinter mich gebracht hatte, traf ich auf zwei Reiter, die zum Glück in dieselbe Richtung wollten wie ich.

Die beiden boten einen seltsamen Anblick. Die Frau ritt im Damensitz auf einem hübschen Braunen mit weißen Fesseln und trug die komplette Reitmontur inklusive Zylinder. Ihr kleiner Begleiter saß auf einem zierlichen, schwarzen Pony.

Ich verlangsamte das Tempo und zuckelte hinter ihnen her. Nur der Junge schien sich Sorgen zu machen, dass sie den Verkehr – beziehungsweise mich – aufhielten. Er drehte sich um, und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.

Mit seiner alten Fliegerbrille und dem weißen Schal um den Hals sah der Kleine einfach zu goldig aus. Ich wusste sofort, wen er darstellen wollte.

Unter Davids vielen antiquarischen Sammlungen gab es auch einige Erstausgaben des Comics Biggles von W. E. Johns, das die heldenhaften Abenteuer des gleichnamigen Kampffliegers aus dem Ersten Weltkrieg darstellt. Biggles’ Markenzeichen waren die Fliegerbrille und der weiße Seidenschal.

Nachdem ich jedoch ein paar Meilen hinter den beiden hergetuckert war, wurde ich es leid, »Kuckuck« mit Geschwaderführer James Bigglesworth zu spielen – insbesondere als plötzlich ein braun-weißer Jack-Russell-Terrier durch die Hecke geschossen kam und wütend meinen Golf ankläffte.

Die Reiterin auf dem Braunen schenkte dem Hund keine Beachtung, aber Biggles brüllte: »Nein, Mr Chips, aus!« Mr Chips zog seine Kreise, stürmte an den Reitern vorbei und wieder zurück zu meinem Auto.

Schließlich wurde die Straße etwas breiter, und hinter einem schmalen Grasstreifen tauchte ein Tor auf, das den öffentlichen Reitweg »Zum Cavalierhain« markierte. Die Pferde hielten darauf zu, und ich konnte endlich vorbei. Zu meiner Überraschung schien die Frau auf dem braunen Pferd knochendürr und Anfang achtzig zu sein. Ihre Lippen waren feuerrot geschminkt. Ich nickte ihr zum Gruß lächelnd zu und wurde mit einer ungeduldigen Handbewegung von ihr und einem Militärsalut von Biggles vorbeigewinkt.

Nachdem ich die Reiter hinter mir gelassen hatte, wand sich die Straße einen steilen Hügel hinauf, der offensichtlich den Anfang einer langen Hügelkette bildete. Der Anblick war spektakulär. Zu meiner Rechten erkannte ich in der Ferne die Sümpfe von Dartmoor. Zu meiner Linken, weit unter mir, glitzerte der Fluss Dart in der Abendsonne.

Ich entdeckte auch ein riesiges Landhaus, das sich zwischen die Bäume schmiegte, ebenso wie einen ummauerten Garten und mehrere Außengebäude und Scheunen.

Das war es aber auch schon. Von weiteren Zeichen der Zivilisation fehlte – bis auf etwa ein Dutzend Schafe und ein paar Kühe – jede Spur.

Ich malte mir Mum aus, in ihren schicken Marks & Spencer-Kleidern, Pfennigabsätzen und dem perfekt frisierten Haar. Ich konnte nicht glauben, dass sie das Landleben wirklich genoss.

Nach einer weiteren engen Kurve kamen zwei steinerne Habichte mit ausgebreiteten Schwingen in Sicht, die auf hohen Pfeilern eine Einfahrt flankierten. In einen der Pfeiler war »Honeychurch Hall« eingemeißelt. Endlich war ich angekommen.

Rechts und links der Einfahrt standen Wachhäuschen aus dem achtzehnten Jahrhundert. Sie wirkten ziemlich heruntergekommen, die Fensterläden morsch, die Regenrinnen kaputt, und in den Dächern klafften riesige Löcher. Die Türbogen trugen das Familienwappen und den Sinnspruch: Ad perseverare est ad triumphum – Erdulden heißt triumphieren.

Ein großes Schild warnte, unbefugtes Betreten werde strafrechtlich verfolgt und Wilddiebe würden erschossen.

Als ich in die Auffahrt bog, trat plötzlich eine Frau Anfang zwanzig aus dem Dunkel, die einen fuchsiaroten Rollkoffer hinter sich herzog. Sie war in schwarze Jeans und eine weiße, langärmelige Rüschenbluse gekleidet und winkte mir hektisch zu.

Ich hielt an und kurbelte das Fenster runter. »Guten Tag.«

Sie wirkte erfreut. »Sie sind das Taxi, nicht?«

Ihr Akzent klang ausländisch. Selbst ohne Make-up sah sie mit ihren großen blauen Augen und dem schulterlangen blonden Haar, das von einem türkisfarbenen Bandana zurückgehalten wurde, atemberaubend aus.

»Leider nicht«, sagte ich. »Wohin wollen Sie denn?«

»Zum Bahnhof in Plymouth.« Sie blickte über die Schulter, als erwarte sie jemanden. »Ich muss den sieben-Uhr-sieben nach London zur Paddington Station erwischen. Ich muss einfach!«

Ich zögerte kurz. Plymouth lag meilenweit entfernt, und ich war schon ewig gefahren. »Haben Sie das Taxiunternehmen noch mal angerufen?«

»Ja, man hat mir gesagt, der Fahrer sei in einer halben Stunde da.« Sie sah auf die Uhr. »Jetzt ist er schon zehn Minuten zu spät dran, und ich kann nicht anrufen, weil ich keinen Handyempfang habe.«

»Sicher kommt er gleich, aber wenn Sie wollen, kann ich über das Festnetz auch gern noch mal anrufen«, sagte ich. »Haben Sie die Nummer?«

»Bitte.« Sie reichte mir eine Visitenkarte von Bumble Bee Taxis.

»Wer, soll ich sagen, hat angerufen?«

»Gayla Tarasova.«

Ich erinnerte mich an das Gespräch, das ich vorhin zwischen Muriel und Vera mitbekommen hatte. Die Frau musste das in Ungnade gefallene Kindermädchen sein.

»Sie sind sehr nett«, sagte Gayla. »Sind Sie mit Lady Edith bekannt?«

»Noch nicht. Meine Mutter hat vor Kurzem Carriage House gekauft.«

»Dann sind Sie Kat!« Gayla strahlte mich an. »Ihre Mutter ist eine nette Dame. Bitte sagen Sie ihr …« Ihre Miene wurde ernst. »Sie soll unbedingt wieder nach London umziehen. Sie muss einfach. Hier ist sie in großer Gefahr.«

»Gefahr?«, fragte ich scharf. »Was soll das heißen?«

»Hören Sie, Rupert ist ein böser Mann, und er muss aufgehalten werden!«

Tuut! Tuut! Tuut! Das Dröhnen einer Hupe schreckte uns auf. Gaylas Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Oh, da kommt er! Das ist Rupert! Er darf mich nicht sehen. Ich muss weg.«

Gaylas Furcht war ansteckend. »Moment«, rief ich. »Ich blockiere den Eingang. Bleiben Sie.«

Aber Gayla zog ihren Koffer schon in den Schatten zurück, während der schwarze Range Rover unaufhörlich hupend auf mich zuhielt.

»Oh, um Himmels willen!«, murmelte ich und setzte bis an die Tormauer zurück. Der Range Rover verlangsamte kaum und raste auf die Straße.

Ohne auch nur ein Anzeichen des Dankes bog der Fahrer nach links ab, zum Glück in entgegengesetzter Richtung von den Pferden. Er trug eine flache Stoffmütze und einen adretten Schnurrbart; auf dem Beifahrersitz hockte ein weiß-brauner English Setter.

»Vielen Dank auch«, brüllte ich dem Wagen hinterher.

Dann rief ich nach Gayla, aber sie zeigte sich nicht mehr, vermutlich aus Angst, der »böse Rupert« könnte zurückkommen. Das geht dich nichts an, Kat, sagte ich mir. Trotzdem wartete ich noch ein paar Minuten. Als sich jedoch noch immer nichts tat, verkündete ich schließlich: »Ich muss jetzt los. Ich rufe das Taxiunternehmen an«, und fuhr die lange, von Bäumen gesäumte Auffahrt hinauf.

Hinter der nächsten Kurve lichtete sich das Gestrüpp und gab den Blick auf ein verrostetes schmiedeeisernes Tor mit galoppierender Pferdefigur frei. Das Land dahinter fiel sanft ab, und noch einmal erhaschte ich einen Blick auf den Fluss.

Immer wieder blitzten Schornsteine und Querstrebenfenster zwischen den Bäumen auf, und links von mir sah ich eine saftig grüne Weide, auf der Pferde grasten und – heiliger Strohsack – waren das etwa Lamas?

Nur wenige Schritte von der Weide entfernt befand sich ein großer, von Pampasgrasbüscheln gesäumter Zierteich, auf dem Seerosen schwammen. Am Rand des seichten Ufers thronte ein großer weißer Marmorengel, die Arme himmelwärts gestreckt, der von einem Meer roter Rosen umgeben war. Vermutlich ein Familiendenkmal.

Obwohl ich die Augen offen gehalten und kein Hinweisschild zum Carriage House entdeckt hatte, war ich wohl zu weit gefahren. Vor mir teilte sich die Auffahrt; rechter Hand führte sie über eine frisch gepflasterte Straße an eingezäunten Koppeln vorbei den Hügel hinauf. Eine der Koppeln war mit Sand bestreut und offenbar zum Dressurreiten gedacht, in einer anderen hatte man einen Springreitparcours aufgebaut. Links von mir sah ich eine Reihe Backsteingebäude mit adretten weißen Zierleisten und grünen Dächern. Ein beeindruckender Torbogen mit Uhrenturm bildete den Eingang zum Stallhof. Das römische Ziffernblatt zeigte die Zeit an, fünf nach halb sieben. An der Außenmauer parkten ein großer silberner Pferdetransporter mit Schlafkoje über der Fahrerkabine und ein jagdgrüner Land Rover.

Ich nahm den linken Abzweig. Er endete in einem Wendekreis vor Honeychurch Hall, in dessen Mitte ein großer leerer Brunnen mit sich aufbäumenden Bronzepferden thronte. Das Kiesbett, in dem der Brunnen stand, war von Unkraut überwuchert.

Ich hielt unter den überhängenden Ästen einiger Bäume, die an einen Wald grenzten. Das Haus wirkte einschüchternd und ungastlich. Die Architektur konnte man als neo-klassizistisch bezeichnen. Aufgrund der palladianischen Fassade und den vier großen Schornsteinen, die mit dekorativen, achteckigen Rauchfängen versehen waren, schloss ich, dass sich dahinter ein wesentlich älteres Gebäude verbergen musste – vermutlich ein Herrenhaus aus Tudorzeiten. Der Haupteingang war als Portikus mit toskanischen Säulen gestaltet. Verglichen mit dem makellosen Stallhof schien mir das Haus in einem erbärmlichen Zustand.

Die Läden der Fenster im Erdgeschoss und im ersten Stock waren geschlossen. Der Putz bröckelte, und viele der Gesimse lagen zerbrochen im Kies. Ein Wald aus Unkraut und kleinen Holunderbüschen streckte sich durch das Dach auf der Ostseite des Gebäudes, die schwarzen Planen hatten den Kampf gegen die Natur verloren.

Am Westflügel hatte man ein Gerüst aufgestellt, und das Dach wurde teilweise von einer grünen Plane verdeckt. Schindeln stapelten sich an der Vorderseite des Hauses.

Dachreparaturen konnten an so großen Häusern wie diesem in die Hunderttausende gehen. Oft bedeuteten die immensen Kosten das Aus für diese Landgüter, besonders wenn sie unter Denkmalschutz standen und alle möglichen Auflagen bei der Renovierung erfüllt werden mussten. Ich war bei vielen Grundstücksauktionen dabei gewesen, und es zerbrach mir das Herz, mit ansehen zu müssen, wie so prächtige alte Gebäude wie dieses allmählich verfielen.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder meinem eigenen Verfall zu und beschloss, meine fleckige Hose zu wechseln, ehe ich meiner Mutter unter die Augen kam. Ich hatte mich auch früher schon auf dem Rücksitz des Wagens umgezogen, und da rundum niemand zu sehen war, wiegte ich mich in Sicherheit.

Unglücklicherweise war die Luft aber keineswegs rein. Als ich mich zwischen den Vordersitzen hindurchzwängte, klopfte es ans Fenster, und Biggles, in Pilotenhaube und Fliegerbrille, presste das Gesicht gegen das Glas.

Ich drehte die Scheibe etwas runter. »Hallo.«

»Bitte steigen Sie aus«, sagte er. »Sie sind hier unbefugt eingedrungen, deshalb muss ich Sie leider erschießen.«

3

Der Junge verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Name, Rang und Erkennungsmarkennummer!«, befahl er.

»Ich heiße Kat Stanford. Und du?«

»Harry.«

»Ach ja? Dann muss ich mich geirrt haben«, sagte ich. »Ich hätte schwören können, dass du Geschwaderführer James Bigglesworth bist.«

Ein Strahlen breitete sich auf Harrys Gesicht aus. »Ja, das stimmt. Woher wussten Sie das?«

»Ihr Ruf ist legendär, Sir«, antwortete ich. »Ich glaube, Ihre Freunde nennen Sie Biggles. Darf ich Sie auch so nennen?«

Harry grinste. »Ja, gern.«

»Und meine Freunde nennen mich Kat.«

Harry schlüpfte wieder in seine Rolle und musterte mich frostig. »Sie wissen doch, dass Sie hier in der Schusslinie stehen. Wir haben Krieg.«

»Ich fürchte, ich habe mich verirrt, Sir. Ich suche das Carriage House.«

»Ich kann Ihnen den Weg zeigen, aber zuerst muss ich Ihre Ladung inspizieren.« Er deutete auf den Kofferraum. »Aufmachen, bitte.«

Als er die Kisten voller alter Teddybären und viktorianischer Spielzeuge sah, machte er große Augen. »Wow! Bären!« Er holte einen etwas abgegriffenen zimtfarbenen Steiff-Teddy heraus. »Der Kerl hier sieht verdächtig aus. Ich werde ihn für weitere Befragungen mitnehmen müssen.«

»Er ist ein wenig zu mitgenommen für Befragungen«, erwiderte ich. »Außerdem wurde er bereits befragt. Siehst du nicht, was mit seiner Pfote passiert ist?«

Harry legte ihn zurück. »Wollen Sie eine Armee rekrutieren?«

»Nein, ich sammle sie bloß und verkaufe sie an nette Leute.« Ich schob Harry sanft zur Seite und schloss den Kofferraumdeckel. »Hast du ein Lieblingsspielzeug?«

»Ich darf keine Spielzeuge haben«, erklärte Harry. »Mummy sagt, ich sei zu alt für albernes Spielzeug.«

»Für Bären ist man nie zu alt.«

»Haben Sie ein Lieblingsspielzeug?«

»Ja. Möchtest du es sehen?«

Harry nickte.

Ich ging zur Beifahrertür und holte Jazzbo Jenkins vom Armaturenbrett. »Darf ich vorstellen: Jazzbo Jenkins, mein Maskottchen.«

Harry zog die Stirn kraus. »Warum trägt er eine blaue Strickjacke?«

»Das weiß ich nicht. Die trägt er schon immer.«

»Und wo sind seine Abzeichen?«

»Was für Abzeichen?«

»Na, von den Orten, die er besucht hat. Wie zum Beispiel die Piers an der Küste.«

Neugierig musterte ich Harry. »Besuchen denn Mäuse die Piers an der Küste?«

»Na klar! Ich brauche ein Maskottchen für eine meiner Geheimmissionen«, sagte Harry wieder in der Rolle seines Alter Ego. »Kann ich mir den ausleihen? Er muss da jemanden treffen.«

»Warum zeigst du mir nicht erst mal, wo Carriage House ist, und dann sehen wir weiter.«

»In Ordnung«, stimmte Harry zu. »Aber wir müssen mit dem Auto fahren.«

»Ich kann dich doch nicht so einfach im Auto mitnehmen«, erwiderte ich. »Was würde deine Mutter dazu sagen?«

»Das macht ihr nichts aus. Es dauert nur eine Minute.« Bevor ich ihn aufhalten konnte, hatte Harry die Beifahrertür geöffnet, sich auf den Sitz geschwungen und sich angeschnallt.

»Wo ist eigentlich deine Mutter?«, fragte ich, als ich mich hinters Steuer klemmte. »Vermutlich war das nicht die Frau, mit der du heute ausgeritten bist.«

»Nein!« Harry gab ein schnaubendes Lachen von sich. »Das war Großmutter. Großmutter und William bringen die Pferde ins Bett.«

Ich sah auf meine Uhr und stellte fest, dass es schon fast sieben war. Die Abende waren auf dem Land viel heller als in London. »Musst du nicht auch ins Bett?«

»Es sind doch Ferien, Dummkopf.« Harry drückte Jazzbo leicht. »Außerdem sagt Jazzbo, dass ich mitkommen soll – nur für den Fall, dass wir angegriffen werden.«

»Wie weit ist es denn?«

Harry deutete auf die Auffahrt zum Torhaus. »Wir müssen da lang.«

Ich wendete den Wagen, und wir fuhren in einvernehmlichem Schweigen los.

»Ein herrlicher Ort, um groß zu werden«, sagte ich schließlich. »Wurdest du im Herrenhaus geboren?«

»Ja«, antwortete Harry. »Aber in zwanzig – nein, in neunzehn – Tagen gehe ich ins Internat.«

»Du liebe Güte. Wie alt bist du denn?«

»Ich werde am ersten September sieben.«

»Sieben!« Ich habe noch nie verstanden, warum man sich Kinder anschafft, wenn man sie dann so früh ins Internat schickt. »Das ist ja schrecklich, Harry. Tut mir wirklich leid.«

»Warum?«

»Weil, na ja, du wirst doch sicher deine Familie vermissen, oder nicht?«

Harry antwortete nicht. Ich warf ihm verstohlen einen Blick zu und stellte fest, dass er Jazzbo so fest drückte, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Mein nicht vorhandenes Taktgefühl verfluchend fügte ich hinzu: »Andererseits findest du bestimmt viele neue Freunde. Auf welche Schule wirst du denn gehen?«

»Zuerst nach Blundell’s, dann nach Stowe und dann nach Cambridge«, verkündete er. »So wie mein Vater und mein Großvater und mein Urgroßvater auch. Und auch mein Ururgroßvater und …«

»Und dann kommst du wieder zurück und führst das Anwesen, auch so wie sie?«, fragte ich.

Harry runzelte die Stirn. »Das weiß ich nicht. Mummy meint ja, aber Vater sagt, das Haus sei ein Klotz am Bein. Ich verstehe nicht, wie ein Haus ein Klotz am Bein sein kann. Ich meine, wie will man es sich denn ans Bein binden?«

»Hast du Geschwister?«

Er schüttelte den Kopf. »Mummy sagt, ich bin ein Einzelkind und etwas Besonderes.«

»Ich bin auch ein Einzelkind, und wir sind wirklich was Besonderes.«

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