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Mord in Barcelona

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Mittwoch, 26. Juli, 23:05 Uhr – Doris Weinhold –
  9. Mittwoch, 02. August, 17:45 Uhr – Ana Guerrero Lopez –
  10. Sonntag, 06. August, 15:25 Uhr – Jamila –
  11. Sonntag, 13. August, 13:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  12. Montag, 14. August, 10:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  13. Montag, 14. August, 11:40 Uhr – Montse Soler Martí –
  14. Montag, 14. August, 14:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  15. Montag, 14. August, 14:00 Uhr – Montse Soler Martí –
  16. Montag, 14. August, 17:40 Uhr – Jaume Soler Martí –
  17. Dienstag, 15. August, 8:00 Uhr – Ana Guerrero Lopez –
  18. Dienstag, 15. August, 8:15 Uhr – Jaume Soler Martí –
  19. Dienstag, 15. August, 16:15 Uhr – Montse Soler Martí –
  20. Dienstag, 15. August, 17:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  21. Dienstag, 15. August, 19:00 Uhr – Montse Soler Martí –
  22. Mittwoch, 16. August, 9:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  23. Mittwoch, 16. August, 11:50 Uhr – Montse Soler Martí –
  24. Mittwoch, 16. August, 15:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  25. Mittwoch, 16. August, 22:30 Uhr – Montse Soler Martí –
  26. Donnerstag, 17. August, 10:00 Uhr – Ignacia Martí Jimenez –
  27. Donnerstag, 17. August, 11:30 Uhr – Montse Soler Martí –
  28. Donnerstag, 17. August, 12:40 Uhr – Jaume Soler Martí –
  29. Donnerstag, 17. August, 15:00 Uhr – Ana Guerrero Lopez –
  30. Donnerstag, 17. August, 17:30 Uhr – Montse Soler Martí –
  31. Freitag, 18. August, 10:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  32. Freitag, 18. August, 11:50 Uhr – Montse Soler Martí –
  33. Freitag, 18. August, 17:30 Uhr – Jaume Soler Martí –
  34. Freitag, 18. August, 18:00 Uhr – Bastian Weinhold –
  35. Freitag, 18. August, 18:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  36. Freitag, 18. August, 18:30 Uhr – Montse Soler Martí –
  37. Freitag, 18. August, 20:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  38. Freitag, 18. August, 20:25 Uhr – Montse Soler Martí –
  39. Samstag, 19. August, 9:30 Uhr – Ana Guerrero Lopez –
  40. Samstag, 19. August, 10:10 Uhr – Jaume Soler Martí –
  41. Samstag, 19. August, 10:30 Uhr – Ana Guerrero Lopez –
  42. Samstag, 19. August, 11:15 Uhr – Jaume Soler Martí –
  43. Samstag, 19. August, 11:45 Uhr – Bastian Weinhold –
  44. Samstag, 19. August, 13:30 Uhr – Jaume Soler Martí –
  45. Samstag, 19. August, 14:30 Uhr – Montse Soler Martí –
  46. Samstag, 19. August, 15:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  47. Samstag, 19. August, 15:35 Uhr – Montse Soler Martí –
  48. Samstag, 19. August, 17:15 Uhr – Jaume Soler Martí –
  49. Sonntag, 20. August, 8:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  50. Sonntag, 20. August, 10:15 Uhr – Montse Soler Martí –
  51. Sonntag, 20. August, 10:30 Uhr – Bastian Weinhold –
  52. Sonntag, 20. August, 15:15 Uhr – Jaume Soler Martí –
  53. Montag, 21. August, 10:15 Uhr – Montse Soler Martí –
  54. Montag, 21. August, 13:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  55. Montag, 21. August, 14:15 Uhr – Bastian Weinhold –
  56. Montag, 21. August, 14:20 Uhr – Jaume Soler Martí –
  57. Montag, 21. August, 14:30 Uhr – Ana Guerrero Lopez –
  58. Montag, 21. August, 17:00 Uhr – Jaume Soler Martí –
  59. Montag, 21. August, 23:50 Uhr – Montse Soler Martí –
  60. Dienstag, 22. August, 10:10 Uhr – Jaume Soler Martí –
  61. Dienstag, 22. August, 12:30 Uhr – Bastian Weinhold –
  62. Dienstag, 22. August, 14:05 Uhr – Jaume Soler Martí –
  63. Dienstag, 22. August, 18:00 Uhr – Montse Soler Martí –
  64. Dienstag, 22. August, 18:15 Uhr – Jaume Soler Martí –
  65. Dienstag, 22. August, 18:45 Uhr – Ignacia Martí Jimenez –
  66. Dienstag, 22. August, 19:05 Uhr – Jaume Soler Martí –
  67. Dienstag, 22. August, 19:25 Uhr – Montse Soler Martí –
  68. Dienstag, 22. August, 19:30 Uhr – Jaume Soler Martí –
  69. Dienstag, 22. August, 19:50 Uhr – Montse Soler Martí –
  70. Dienstag, 22. August, 19:50 Uhr – Jaume Soler Martí –
  71. Dienstag, 22. August, 20:45 Uhr – Montse Soler Martí –
  72. Dienstag, 22. August, 23:30 Uhr – Jaume Soler Martí –
  73. Mittwoch, 23. August, 9:45 Uhr – Montse Soler Martí –
  74. Mittwoch, 23. August, 18:30 Uhr – Jaume Soler Martí –
  75. Epilog
  76. Nachwort der Autorin, Erläuterungen und Dank

Über dieses Buch

Auf dem Friedhof Montjuïc in Barcelona wird eine Tote gefunden, die dort nicht hingehört: Die Frau, eine deutsche Touristin, wurde ermordet und nur stümperhaft versteckt. Comissari Jaume Soler von der Kriminalpolizei übernimmt den Fall, aber für ihn und sein Team gibt es nur wenig Anhaltspunkte. Daher beschließt Jaumes Schwester Montse, die die Tote zufällig kannte, ihrem Bruder bei der Aufklärung zu »helfen.« Zwischen pittoresken Gräbern, engen Gassen und der Brandung am Meer bringt das unfreiwillige Ermittlerduo nach und nach ein tödliches Drama ans Licht, das noch lange nicht zu Ende ist …

Über die Autorin

Isabella Esteban ist das Pseudonym der Autorin Brigitte Pons (Jahrgang 1967). Sie lebt in der Nähe von Frankfurt/Main, schreibt Romane und Kurzgeschichten und ist dabei immer auf der Suche nach dem perfekten Text. Neben dem Schreiben liebt sie das Reisen und ganz besonders Barcelona.

ISABELLA ESTEBAN

MORD IN
BARCELONA

Comissari Soler ermittelt

Dedicat a Barcelona i Nicol – gràcies per tot

Prolog

Mit der Handkante fegte sie Weißbrotkrümel von der Theke und seinen Einwand gleich mit.

»Was steht draußen am Haus über der Tür?«

Die Frage seiner Mutter machte Jaume nervös. Beim Eintreten war ihm an dem graubraunen Putz nichts Besonderes aufgefallen. Doch zum Glück erwartete sie keine Reaktion und antwortete an seiner Stelle.

»La Pausa«, sagte sie und wiederholte es mit Nachdruck. »La Pausa. Hier hält das Leben an.«

Jaume wusste, dass Ignacia nicht den offensichtlichen Stillstand meinte. Das Mobiliar, die Farbe an den Wänden, die Besucher. Der Zahn der Zeit nagte gierig an ihnen, grub unaufhaltsam Spuren in Gesichter und Oberflächen, Jahr für Jahr immer schneller, und führte so den Gedanken an Stillstand zugleich ad absurdum. Eine trügerische Vorstellung, dass alles bliebe, wie es ist, wenn man sich gegen Neues sperrte. Die Kontinuität vorgaukelte, wo man dem Schwinden und Vergehen zusehen konnte. Jaume schwieg wohlweislich.

Ignacia beschrieb mit ihrer Hand einen Kreis über ihrem Kopf, schloss in die Bewegung den ganzen Raum ein. »Du bist und bleibst mein Sohn, wenn du über diese Schwelle trittst. Mein Sohn und weiter nichts. Weil über dem Eingang schon der Schriftzug La Pausa aufgemalt war, als du noch in die Windeln gemacht hast. Auf diesem Boden bist du barfuß deine ersten Schritte gegangen, und ich stand an der gleichen Stelle wie jetzt. Und was habe ich gemacht, als du hingefallen bist? Ich habe dich aufgehoben, deine Knie gepustet und dann deinen Hintern sauber gemacht. Ich habe mich gekümmert. Das war so, das bleibt so und wird sich nie ändern.«

Er hasste diese Art Gespräche, dankte nur im Stillen für den gnädigen Umstand, dass es dieses Mal kein Publikum gab. Wenn sie in Fahrt geriet, nahm Ignacia Martí Jiménez wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer.

»Mama, ich bin einundvierzig Jahre alt und …«

»Du bist größer geworden«, stimmte seine Mutter zu. »Hast deine pummeligen Beinchen gegen einen Bauch eingetauscht.«

»Ich bin leitender Kommissar der Kriminalpolizei und …« Es war zwecklos, sie unterbrechen zu wollen. Ignacia war immer die entscheidende Silbe schneller.

»Und du rasierst dich, hast eine Frau und selbst Nachwuchs gezeugt, der schon aus den Windeln raus ist. Das weiß ich alles, und darauf kannst du stolz sein.«

Sie packte die beiden Hälften des Entrepà auf einen Teller und schob es Jaume zu. Der Duft des würzigen getrockneten Schinkens und der frischen Tomate, die sie auf dem Brot verrieben hatte, stieg ihm in die Nase, und das Wasser lief ihm im Mund zusammen.

»Du bist Kommissar der Mossos d’Esquadra. Aber das zählt nur dort draußen. Solange ich an meinem Platz stehe, bleibst du mein Caganer, mein Scheißerchen. Und das gilt, bis ich meine Augen zum letzten Mal schließe. Also komm mir nicht schon wieder mit Vorschriften. Sag mir einfach, was ich von dir wissen will!« Sie rieb die Hände an ihrer Schürze ab und deutete zum Tisch in der Ecke. »Setz dich. Ich bring den Kaffee.«

Comissari Jaume Soler Martí stellte den Teller auf den kleinen Tisch, setzte sich und biss in sein Entrepà. Die frische Brotkruste knackte, drückte sich in seinen Gaumen, während der Schinken die Geschmacksknospen seiner Zunge streichelte. Gute Qualität. Nicht die allerbeste, bei der man die Eichelfütterung am nussigen Aroma erkannte, aber dennoch hochwertig. Und ganz sicher das Beste, was Ignacia anzubieten hatte. Er schmeckte Kräuter, Salz und Holz. Ein vergängliches Geschenk, das ihm Bilder vom Landleben auf die Netzhaut zauberte, von Schweinen, die unter Baumwurzeln mit ihren Rüsseln den Boden aufwühlten und ein wildes, freies Leben führten. Er brummte wohlig. Gutes Essen stimmte ihn nachsichtig. Erst als seine Mutter sich mit den Kaffeetassen neben ihn gesetzt hatte, öffnete er die Augen.

»Es heißt, ihr habt eine Leiche gefunden«, sagte sie und verpasste dem Zuckerstreuer einen harten Schlag auf den Boden, ehe sie ihn weiterreichte. »Eine Frauenleiche.«

Jaume verrührte Zuckerklümpchen in seinem cafè amb llet, gründlich und langsam, spülte den Bissen damit herunter. Die Bitterstoffe verstärkten die Intensität der Komponenten. Er spürte der Mischung zwischen warm und kalt, süß und herzhaft noch eine Sekunde nach, bis sich der Genuss verflüchtigte.

Seine Mutter rüttelte ihn am Arm. »Jaume, stimmt das?«

Er nickte, schlürfte wieder an seinem Milchkaffee, statt etwas zu sagen. Viel mehr preisgeben durfte er nicht, wann würde sie das nur endlich begreifen?

Durch das Fenster mit den Blumentöpfen nahm er draußen eine Bewegung wahr, einen Schatten und gleich darauf eine Person in der offenen Tür. Er seufzte. Auch das noch. Heute blieb ihm nichts erspart. Der Mord, den er aufzuklären hatte, schien ihm in diesem Augenblick fast das kleinste Übel zu sein.

Mittwoch, 26. Juli, 23:05 Uhr
– Doris Weinhold –

Die Lichter irritierten sie. Dort drüben auf der anderen Straßenseite war es ansonsten stockfinster. Doris Weinhold erkannte eine Mauer, dahinter Umrisse scheinbar fensterloser Gebäude. Und mittendrin diese Leuchtpunkte, nah beieinander. Drei oder vielleicht fünf? Zu klein für Taschenlampen, zu groß für Zigarettenglut und noch dazu bewegungslos.

Doris drückte den Hebel nach oben und dann das Schiebefenster zur Seite. Hinter ihr erstarb sofort das Summen der Klimaanlage. Warme Luft schlug ihr entgegen. Die Nacht brachte kaum Erfrischung. Es fiel ihr schwer, ihre Beobachtung einzuordnen. Bisher hatte sie sich nicht für die Aussicht interessiert, jedenfalls nicht für die direkte Umgebung des Hotels. Ihr Blick war an der feinen Linie zwischen Meer und Himmel hängen geblieben. Kaum auszumachen der Übergang von einem Blau zum anderen. Horizont. Das Wort hatte etwas Verheißungsvolles an sich, klang nach Aufbruch, Zukunft, und zugleich nach Ewigkeit. Horizont. Dorthin richtete sich ihre Sehnsucht. Häuser und Straßen gab es überall. Sie suchte das Wasser und die Weite, den endlosen Ozean, der weder Zeit noch Reue kannte, weder fragte noch antwortete. Der einfach da war und existierte, jeden Tag gleich und doch anders. Wie der Wind …

Schöne Worte, die sich ihr eingeprägt hatten und doch nur fürs Poesiealbum taugten.

Auf der Uferstraße ertönte ein Signalhorn. Melodisch und ganz anders als zu Hause. Sie war nicht sicher, ob das Geräusch von einem Polizeiwagen kam oder von einer Ambulanz. Letztlich war die Antwort unwichtig. Was kümmerten sie irgendwelche Fahrzeuge, die durchs nächtliche Barcelona rasten? Jeder hatte seine eigenen Angelegenheiten zu regeln. Bösewichte fangen, Leben retten – oder ein umfangreiches Besichtigungsprogramm absolvieren. Besser, sie konzentrierte sich aufs Wesentliche. Schlafen wäre eine gute Idee. Eine zweite Sirene heulte auf, diesmal leicht quäkend. Doris konnte nur die ungefähre Richtung ausmachen. Del mar. Der Ton trug weit über die Dächer, zurückgeworfen von den Fassaden. Ja, das kam eindeutig wieder von der Meerseite, vom Strand. Früher hatte sie gedacht, so etwas gäbe es nur in Rio oder in den USA. Sandstrand vor einer Millionenstadt. Doch jetzt gab es das auch hier. Sie schüttelte den Kopf. Irrelevant. Irrelevant, wie die ins Dunkel getupften Lichter. Dennoch wandte sie diesen wieder ihre Aufmerksamkeit zu. Fühlte sich angezogen. Hatten sich die Irrlichter inzwischen doch bewegt? Aus dem zweiten Stock schaute sie von oben auf das gegenüberliegende Areal. Alles unverändert. Rechterhand schloss sich ein eiserner Zaun an, speerspitzenbewehrt, mit verzierten Steinpfeilern, der eine Art Parkanlage einfasste. Jenseits des geschwungenen Tores beleuchteten Laternen leere Wege, an deren Rand Platanen ihre knorrigen Arme emporreckten und Lebensbäume gen Himmel strebten. Lebensbäume.

Doris trat einen Schritt zurück. Auf ihren Handflächen hatte die Kante des Fensterrahmens eine tiefe Rille hinterlassen. Ihr Herz pochte ungleichmäßig. Sie richtete den Blick wieder in die Ferne. Dort draußen mussten Sterne sein, eine Spur von Blau, ein Schimmer. Doch egal wie sehr sie sich anstrengte, alles, was sie fand, war Finsternis.

Mittwoch, 02. August, 17:45 Uhr
– Ana Guerrero Lopez –

Ana Guerrero Lopez eilte die wenigen Meter von der Bushaltestelle zur Metrostation Paral-lel. Ihre kinnlangen Haare schwangen bei jedem Schritt hin und her, machten ihr bewusst, dass sie sich viel zu schnell bewegte. Für gewöhnlich achtete sie darauf, nicht außer Atem zu geraten oder allzu sehr ins Schwitzen zu kommen, und hielt sich immer im Schatten. Jetzt wollte es ihr kaum gelingen, sich zu zügeln. Schon auf der Treppe schlug ihr der warme Windstoß einer abfahrenden Bahn entgegen. Sie entwertete die Fahrkarte, schlüpfte zwischen den Plexiglastüren hindurch, kaum dass diese zur Seite glitten, und blieb erst stehen, als sie die Mitte des Bahnsteigs erreicht hatte. Vier Minuten bis zur Ankunft der Linie 3, die sie gerade verpasst hatte. Vier Minuten schier unerträglicher Hitze, die sie stoisch ertrug. Gewohnheit auch das. Die Sonnenbrille versetzte sie in einen Zustand der Dämmerung, den sie dankbar beibehielt. Als Letzte stieg sie in die Bahn, die sie mit Kälte empfing und einen Schauer über ihre erhitzte Haut schickte. Mit eng geschlossenen Knien setzte sie sich und strich die Bügelfalte ihrer Stoffhose glatt. Dreimal, bis das Beben in ihrer Brust nachließ. Aus der Handtasche nahm sie ein Smartphone, das eine schlichte schwarze Hülle schützte, und entfernte vorsichtig mit einem Blusenzipfel den Staub vom Display. Keine äußerlichen Schäden. Etwa ein Dutzend bunter Bildchen poppten auf, die sie minutenlang betrachtete, um deren Funktion zu ergründen.

An der Plaça de Catalunya stieg sie um, und dann noch ein weiteres Mal, nachdem sie entschieden hatte, was zu tun war. Ihr freier Nachmittag war gänzlich anders verlaufen als geplant. Wenn alles erledigt war, würde sie sich am Hafen eine Zarzuela gönnen und einen Wein. Den ersten seit einer Ewigkeit. Und gleich morgen den überfälligen Friseurtermin ausmachen, um die grauen Strähnen loszuwerden. Dafür sollte der Verkaufserlös reichen. Ana betrachtete ihre Spiegelung in der Scheibe gegenüber und schob alle Zweifel beiseite. Sie hatte es verdient.

Entschlossen wandte sie sich wieder dem Smartphone zu und klickte sich durch die Apps. Stück für Stück löschte sie alle sichtbaren persönlichen Daten. Zum Schluss öffnete sie das E-Mail-Postfach. Erneut erfasste sie ein Schauer. Doch dieses Mal kam er von innen.

Sonntag, 06. August, 15:25 Uhr
– Jamila –

Langsam schob Jamila den Putzwagen über den Hotelflur zum Aufzug. Das Rad vorne links blockierte nach jedem dritten Schritt, dann warf sie ihr ganzes Körpergewicht dagegen, um ihn vorwärts zu bewegen. Sie musste dabei gut aufpassen, damit der Aufbau mit den Rollen aus Toilettenpapier nicht aus dem Gleichgewicht geriet. Gerade eben war es beinahe schiefgegangen. Do not disturb. Das Schild am Türknauf von Zimmer 203 hatte sie ins Grübeln gebracht, und dadurch wäre beinahe das mit den Rollen passiert. Rotes Schild bedeutete draußen bleiben und später wiederkommen. Mit allen anderen Zimmern auf der Etage war sie fertig und mit denen ein Stockwerk höher ebenfalls. Stören wollte sie niemanden. Ganz bestimmt nicht. Dreimal war sie heute wiedergekommen. Genau wie gestern und vorgestern und am Tag davor. Das Schild zeigte immer rot, und sie hatte sich nicht getraut, trotzdem anzuklopfen. Aber irgendwann musste doch wieder saubergemacht werden. Die Touristen schleppten jede Menge Dreck ins Hotel. Besonders die jungen Leute, die zum Strand gingen und nächtelang Partys feierten. Dort knirschte Sand unter den Schuhen, es türmten sich Flaschen und Verpackungen, und neben den Betten fand sie manchmal benutzte Kondome. Angewidert hob sie die Schultern. Die Frau von Zimmer 203 war natürlich nicht mehr jung, aber Sand hatte auch sie angeschleppt. Auf dem Tisch lagen Muscheln und Glasscherben, die sie offensichtlich behalten wollte. Und eine blaue Plastikblume. Komisch waren diese Touristen schon.

Ein Signalton zeigte die Ankunft des Aufzugs an, und sie wuchtete den Wagen hinein. Ob sie Mussa von der Frau erzählen sollte? Vielleicht konnte er nachsehen, ob alles in Ordnung war. Er musste sich sowieso um alles und nichts kümmern, wie er selbst manchmal sagte. Aber dann konnte es passieren, dass er anschließend Señora Ruiz informierte. Die würde Fragen stellen und Jamila für faul halten, weil sie es vorgezogen hatte, drei Tage lang zu schweigen, einen Haken auf der Liste zu machen und dafür ein Zimmer weniger zu putzen.

Ruckend ging es mit dem Aufzug in den Keller. An der hinteren Wand waren Zettel mit der Speisekarte, Restaurantöffnungszeiten und der Wetterprognose angebracht. Die Wände selbst spiegelten. Egal wohin sie schaute, sah sie ihr Gesicht. Jamila richtete das Kopftuch und schob eine Haarsträhne darunter. Blass, so blass. Auch wenn ihre Mutter das für erstrebenswert hielt, sie fand sich langweilig. Sie bohrte die Zähne in die Lippen. Erst oben, dann unten. Das war besser als Lippenstift, denn die Wirkung dauerte nur kurz an und dann verschwand das zarte Rot ganz von selbst. Entschlossen zog sie die widerspenstige Locke wieder hervor. Ein dunkler Kringel auf der weißen Haut, der gut zum Blau des Tuches passte.

Ein kleiner Stoß erschütterte den Boden und unterbrach ihre Gedanken. Die Aufzugtür entließ sie in den Bauch des Hotels. Warm und düster war es hier unten, wo es keine Klimaanlagen gab, stattdessen brummten die Maschinen in der Wäscherei und ab und zu ein Motor aus der Tiefgarage, wenn jemand vergessen hatte, die Zwischentür zu schließen. Ein Lieferant karrte eine Ladung Lebensmittel von der LKW-Rampe ins Gebäude, und ein Mann aus dem Restaurant trieb ihn an. Der LKW-Fahrer hupte. Jamila lief schneller. Vor dem Lager sah sie Mussa stehen und Sula, die wieder früher fertig gewesen war als sie. Die beiden lachten. Ebenso entschlossen wie zuvor stopfte Jamila die Locke zurück unter das Tuch. Sula beobachtete sie.

»War was Besonderes?«, fragte Mussa und ließ die weißen Zähne blitzen.

Seine kräftigen, dunklen Hände lagen neben ihren, berührten sie beinah, als er ihr half, den Wagen über die Schwelle in den Putzraum zu schieben. Eilig bewegte sie den Kopf hin und her, stumm und mit gesenktem Blick.

Sollte das Schild an Zimmer 203 morgen wieder draußen hängen, würde sie Mussa Bescheid geben. Wenn Sula nicht dabei war. Morgen war sie ganz sicher mutig genug, mit ihm zu sprechen.

Sonntag, 13. August, 13:00 Uhr
– Jaume Soler Martí –

Im Unterschied zum Blau der uniformierten Kollegen trug Comissari Jaume Soler Martí im Dienst stets weiße Oberhemden und bestand auch im Sommer auf langen Ärmeln. Eine Eigenart, die viele als Marotte belächelten. Auch seine Mitarbeiter Domenech und Calderon. Seit sie sich jedoch das Büro mit ihm teilten, hatten sie die langen Ärmel stillschweigend übernommen. Die Klimaanlage kannte nur den Zustand on oder off. Und an aus wagte im August in Barcelona niemand zu denken.

Vor kaum mehr als einer halben Stunde hatte Jaume noch im Wohnzimmer auf der Couch gelegen und Zeitung gelesen. Eine sanfte Brise war durch die geöffneten Flügeltüren vom Balkon hereingeweht. Gefiltert durch die Lamellen der altmodischen honigbraunen Holzjalousie, die ausgerollt bis weit über das Geländer hing. Paloma saß an seiner Seite auf dem Parkett, telefonierte mit ihrer Mutter in Madrid und lackierte sich die Zehennägel. Er sah ihr gern dabei zu. Im Nebenzimmer spielten die Kinder, die Hunde dösten. Er liebte diese Momente, das Ritual der Sonntagsruhe bis in den Nachmittag hinein, das heute vom Vibrationsalarm seines Handys jäh beendet worden war. Leichenfund auf dem Cementiri de Montjuïc. Auf den ersten Blick hatte der Einsatzgrund »Leiche auf dem Friedhof« eine gewisse Komik. Auf den zweiten jedoch nicht.

Paloma hatte ihn mit einem Kuss und demonstrativem Augenrollen verabschiedet. Doch sie hatte vor ihrer Ehe gewusst, worauf sie sich einließ, und beschwerte sich nicht. Der Bereitschaftsdienst erwischte turnusmäßig jeden und in der Ferienzeit etwas häufiger die, die keine schulpflichtigen Kinder hatten.

Von zu Hause hatte er über zwanzig Minuten bis zur Abzweigung an der Litoral gebraucht, die die Stadt mit dem Flughafen verband. Die Kollegen von der Dienststelle hatten es vermutlich in der Hälfte der Zeit geschafft.

An der Zufahrt neben der Verwaltung war er in den Streifenwagen eines Beamten der Guardia Urbana umgestiegen, der ihm auf dem weitläufigen Gelände des Hauptfriedhofs am Berg den Weg zeigte. Einige Kurven weiter stellte dieser den Wagen an einem Rondell ab, wo bereits drei weitere Fahrzeuge parkten. Das letzte Stück musste Jaume zu Fuß zurücklegen. Tatorte im Freien stellten besondere Ansprüche. Das galt nicht nur für die Spurensicherung. Seufzend betrachtete er die steile Treppe, deren abgetretene Stufen in voller Sonne hinauf zur nächsten Terrasse führten. Aus dem Dunkel eines niedrigen Gebüschs leuchteten ihm Katzenaugen entgegen. Ein Paar, zwei, drei. Ein weiteres Tier kreuzte vor ihm im Sprint von links nach rechts. Unter dem Busch fauchte und raschelte es, Blätter stoben.

Sein Team der Divisió d’Investigació Criminal war bereits vor Ort, kümmerte sich um die Teilnehmer der Friedhofstour, die unerwartet mit einer Leiche konfrontiert worden waren, und hatte bei seinem Eintreffen die Lage im Griff. Bislang gab es keinen Hinweis auf die Identität der Toten. Die Hände auf dem Rücken verschränkt wippte Jaume leicht auf den Zehen und nahm den ersten Bericht schweigend zur Kenntnis, dann schritt er das Areal um den Leichenfundort ab. Bis er sich einen eigenen Eindruck verschafft hatte, durfte ihn niemand ansprechen.

Auf dem Plateau befanden sich in einer Reihe fünf alte Familiengräber, etwa hüfthoch, die jeweils eine massive Platte abdeckte. Vier der sarkophagähnlichen Grabstellen waren belegt und in recht gutem Zustand, wenn auch die Inschriften langsam verwitterten. Ein Grab klaffte auf. Die Verschlussplatte war vor nicht allzu langer Zeit mit wenig Geschick bewegt worden und hatte Kratzspuren auf dem benachbarten Stein hinterlassen.

Jaume begrüßte die Kriminaltechniker mit einem Nicken und reckte den Hals, um an ihnen vorbei einen Blick durch den Spalt ins Innere zu werfen. Dort lag ein Mensch. Ohne Zweifel. In verdrehter Körperhaltung, Gesicht nach unten. Am Rande registrierte er einen hellen Fleck neben der Leiche, ein buntes Band, das Muster auf dem Kleid, die Schuhe, dann musste er sich abwenden. Der Geruch hinterließ eine nachhaltige Erinnerung. Er schnäuzte sich ausgiebig, was natürlich nichts nützte. Pure Einbildung, dass die Duftnote auf den Schleimhäuten haftete, und Wunschdenken, sie so loszuwerden. Doch dieses Wissen brachte ihn nicht weiter. Er schnäuzte sich erneut.

Auf einer in die Terrassenmauer eingelassenen Bank saß eine Katze und beobachtete ihn. Tiefschwarz schimmerte ihr Fell. Ihre rosa Zunge blitzte auf, als sie sich die Lefzen leckte, die Schwanzspitze klopfte. Sie zwinkerte.

»Comissari Soler?«

Erst bei der zweiten Ansprache drehte Jaume sich zu der weiblichen Stimme um. Unter einem Kopftuch mit Totenkopfmuster quollen dunkle Locken hervor. Ein Headset hing um den Nacken der Frau, durch ein Kabel mit dem Sender an ihrem Gürtel verbunden. Auf Brusthöhe gab ein Ansteckschild Auskunft über ihren Namen, Maria Colavida, und ihre Funktion als Friedhofsguide. Im normalen Leben studierte sie höchstwahrscheinlich und verdiente sich am Wochenende etwas dazu. Auf ihrer Oberlippe glitzerten Schweißtropfen. In Anbetracht der sich ausbreitenden Feuchtigkeit unter seinen Achseln empfand Jaume das als kleinen Trost. Auch Jugend und Schönheit schützten nicht vor diesen Temperaturen. High Noon. Sonnenhöchststand. Kein vernünftiger Mensch hielt sich freiwillig zu dieser Stunde im Freien auf. Erst recht nicht an einem Sonntag im Hochsommer. Nur Touristen kamen auf eine derart absurde Idee. Und Menschen, die vom Tourismusamt bezahlt wurden.

»Mir scheint, wir haben ein ganzes Rudel potenzieller Zeugen.« Jaume bedeutete Maria Colavida, ihm zu einem kleinen Pantheon zu folgen. Das Mausoleum mit aufwendig gestalteten Säulen und reichhaltigen Verzierungen spendete dank eines Dachvorsprungs einen schmalen Streifen Schatten.

»Rudel?« Maria Colavida wirkte irritiert.

»Was denken Sie, wie viele Katzen zwischen den Gräbern leben?« Jaume fand immer mehr von ihnen. Es kam ihm vor wie bei einem Wimmelbild. Sobald man eine entdeckt hatte, versagte die Tarnung bei allen. Braun getigerte im dürren Gras, dunkel gefleckte unter herabhängenden Ästen, eine weiße aalte sich zu Füßen einer Engelsstatue.

»Ach, die meinen Sie.« Maria Colavida lächelte. »Genau weiß das wohl niemand. Mindestens fünfzig, würde ich sagen.«

Die scheuen Tiere hielten normalerweise Abstand zu den Menschen. Sicher war ihnen nicht jeder Besucher wohlgesonnen. Aber andere sorgten für Futter. Eine dekorative Plage.

»Jedenfalls haben Sie Recht, Comissari Soler. Die Katzen haben uns aufmerksam gemacht. Sie sind regelrecht vor dem Grab patrouilliert. Das hat einer aus meiner Gruppe gesehen.« Sie deutete zur darüberliegenden Ebene. »Normalerweise wären wir oberhalb vorbeigegangen. Dieser Bereich liegt nicht auf der offiziellen Route mit historisch und architektonisch interessanten Grabmalen. Obwohl ich schon gelegentlich davon abweiche, muss ich gestehen. Es gibt so wahnsinnig viel zu erzählen. Mir fällt es immer schwer, mich an die Vorgabe zu halten. Zwei Stunden und siebenunddreißig Stationen, das ist eigentlich noch zu wenig.«

Jaume nickte und ließ sie weiterreden, während er darauf wartete, dass endlich das Schwitzen nachließ. Sein Privileg als leitender Ermittler war es, sich an den Rand des Geschehens und aus der prallen Sonne zurückziehen zu können.

Geduldig und gestenarm führte Domenech unterdessen die Befragungen durch, wobei seine Mimik mit den Statuen in puncto Undurchdringlichkeit konkurrierte. Calderon verlor eher mal die Nerven. Er hasste es, Englisch sprechen zu müssen, und pendelte sinnloserweise im Minutentakt hinüber zur Spurensicherung.

Unter den Zeugen zeigte sich die übliche Bandbreite an Reaktionen. Aufregung, Panik, Neugier und demonstrative Gelassenheit. Nur mit den Fächern des Friedhofsamtes, die als Souvenir zu Beginn der Veranstaltung verteilt worden waren, wedelten ausnahmslos alle herum. Wie ein Schwarm aufgeregter Falter mit grünen Flügeln. Eine Frau lag mit angewinkelten Beinen auf dem Boden. Offenbar kämpfte sie mit Kreislaufproblemen, während ihr eine jüngere Frau, die Jaume aufgrund der ähnlichen Gesichtszüge für ihre Tochter hielt, Wasser einflößte.

Die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Anwesenden eine wirklich relevante Beobachtung gemacht hatte, erschien gering. Auch ohne gerichtsmedizinisches Gutachten sah Jaume sich in der Lage, die Tat einem sehr viel früheren Zeitpunkt zuzuordnen. Da konnte er sich getrost auf seine Nase verlassen. Die Katzen hätten ihm sicher zugestimmt, auch wenn sie seine Meinung zum Geruch nicht teilten.

»… im März 1883 eingeweiht und mehrfach erweitert …«

Maria Colavida verlor sich in geschichtlichen Details, und Jaume hörte daran vorbei. Ihn interessierte die Gegenwart.

Die meisten Besucher trugen Kopfbedeckungen, was teils unschön, aber in jedem Fall sinnvoll war, um einem Sonnenstich vorzubeugen. Er zählte mindestens sieben Hüte aus unterschiedlichem Material, außerdem drei Basecaps, zwei verbrannte Halbglatzen und ein an den Ecken verknotetes Stofftaschentuch auf dem Kopf eines Asiaten, der mit einem Selfiestick hantierte und in diesem Moment versuchte, sich neben einem auf der Grabplatte knienden Kriminaltechniker abzulichten.

Maria Colavida redete immer noch. »… wenn ich irgendwas tun kann. Die Namen der Teilnehmer habe ich natürlich auf dem Anmeldebogen und …«

Jaume seufzte, als Calderon den Mann mit dem Stick energisch an seinem Vorhaben hinderte.

»Hola, Señora Colavida! Könnten Sie diesen Leuten bitte erklären, dass sie das lassen sollen?«, keifte er. »Wir befinden uns an einem Tatort, nicht auf dem Rummelplatz!«

Maria Colavida zuckte zusammen und fand ausnahmsweise spontan keine Worte.

»Schon gut. Das ist nicht Ihr Fehler.« Beschwichtigend berührte Jaume ihren Arm und stieß dann einen scharfen Pfiff zwischen den Zähnen aus. Eine alte, aber nützliche Angewohnheit aus seiner Zeit bei der Hundestaffel, die selten ihre Wirkung verfehlte. Schlagartig genoss er ungeteilte Aufmerksamkeit. Ein Fingerzeig genügte, um den Selfie-Sünder umzuleiten, der hastig rückwärts ging.

»No photos, please. And no videos«, bat er ohne die Stimme zu heben und wiederholte es, obwohl er ahnte, dass er nichts mehr bewirken konnte. »And don’t share anything on the internet.«

Unruhe breitete sich aus, die ersten der Angesprochenen tippten und wischten unauffällig. Was er in ihren Gesichtern lesen konnte, missfiel ihm.

»Comissari Soler? Ich schwöre, ich hatte es ihnen gesagt! Nur bei all der Aufregung ist mir entgangen, dass einer wohl doch …« Maria Colavida zupfte ihn am Ärmel und reichte ihr Smartphone an ihn weiter. Eine wackelige Aufnahme aus dem Innern des Grabes flimmerte über das Display, auf dem Boden erkannte man die wimmelnde Bewegung von Ungeziefer, unterlegt mit aufgeregtem Keuchen und Flüstern. Hochgeladen vor gerade mal zehn Minuten. Unter dem Video schnellte die Anzeige der Likes und der Weiterverbreitung in Sekundenschnelle in die Höhe. Der Film schwenkte über das Friedhofsgelände und nahm einen Neuankömmling auf der Treppe ins Visier.

»Tut mir leid, wirklich, total leid. Ich musste doch telefonieren … die Polizei anrufen … und die Zentrale, aber dort war keiner und …«

Wie befürchtet wusste die vernetzte Welt längst Bescheid. Und sie schaute Comissari Jaume Soler Martí direkt ins Gesicht und ab sofort über die Schulter.

Jaume überließ Calderon und Domenech auch den Rest der Befragung. Er bemühte sich, Haltung zu bewahren, und dazu brauchte er Abstand, räumliche Distanz. Diese Unachtsamkeit hätte nicht passieren sollen. Nicht passieren dürfen! Dabei gab es niemanden, dem er einen konkreten Vorwurf machen konnte. Selbst wenn jeder einzelne Beamte jeden einzelnen Tourteilnehmer auf die zu wahrende Diskretion hingewiesen und jedes einzelne Handy überprüft hätte, wäre die Verbreitung des Videos nicht aufzuhalten gewesen. Nichts übertraf die Dummheit und Sensationslust der Menschen.

Er nutzte seine Aggression als Antrieb und stürmte den Hügel hinunter. Eine Stippvisite am Haupteingang konnte nicht schaden. Bei seiner Ankunft war er in den Streifenwagen gestiegen, ohne sich groß umzusehen, hatte nur am Rande eine Baustelle bemerkt und einen einsamen Wachmann, der auf dem Parkplatz patrouillierte. Jetzt erkannte er das Ausmaß der umfangreichen Sanierungsmaßnahmen. Ein Container diente als Informationszentrum. Womöglich gab es dort Erfrischungen. Gekühlte Getränke. Jaume widerstand der Versuchung, direkt dorthin zu gehen.

Aus der Deckung einer Zypresse löste sich der Wachmann und schlurfte auf ihn zu. Schwerfällig und arthritisch. Seinen siebzigsten Geburtstag hatte er sicher hinter sich.

»Comissari, oi?«, nuschelte er. »Chef, von denen da oben.« Sein knorriger Finger wies vage in die Richtung, aus der Jaume gekommen war. In seinem Mundwinkel klebte ein Zigarettenstummel, den er auch beim Reden nicht herausnahm.

»Verdammte Hitze«, entgegnete Jaume. »Wie lange müssen Sie noch?«

»Bis ich tot umfalle.« Der Alte lachte scheppernd. »Aber heute nur bis um sechs.« Er pulte eine neue Zigarette aus der Hemdtasche und zündete sie an der alten an. Den winzigen Stummel steckte er in eine Blechdose an seinem Gürtel. »Mir macht das Wetter nichts aus. Alle Tage sind gleich gut und gleich schlecht. In meinem Alter spürt man nicht mehr, ob es heiß ist oder kalt.«

Die säuerlichen Ausdünstungen seines Körpers erzählten eine andere Geschichte. Jaume ließ ihm seinen Stolz. Die Rente reichte nicht. Nicht zum Leben und schon gar nicht, um seinen Tabakkonsum zu finanzieren.

»Was genau ist Ihre Aufgabe?«

»Jedem Wagen einen bestimmten Platz zuzuweisen. Reihe für Reihe. Damit das seine Ordnung hat. Schön übersichtlich. Muss ja aufpassen, dass sich keiner daran zu schaffen macht, wenn die Besitzer bei den Gräbern sind.« Die Selbstgedrehte glühte. Glühte ein zweites Mal. »Wer sich nicht auskennt, dem helfe ich bei der Orientierung – Kappelle, Krematorium, Museum – links, rechts, oben, hinten. Ich kenne hier alle Wege. Auch eine?« Er klopfte auf seinen Kippenvorrat.

Jaume verneinte stumm. »Gab es in letzter Zeit besondere Vorkommnisse? Hat jemand Ärger gemacht, wurde es laut?«

»Na ja, hysterische Angehörige oder welche, die sich streiten. Das ist normal. Einmal ist am Hang ein Sarg aus einem Wagen gerutscht, und der Bestatter hat Prügel bezogen. Aber das ist schon Monate her.« Er hob die Schultern. »Heute war wenig los. Überhaupt im August. Da kommt fast keiner. Nur Touristen.«

»Danke.« Jaume schüttelte ihm die faltige Hand und machte eine Kopfbewegung zum Container. »Ich muss dann …«

»Pinkeln oder ins Büro?«, fragte der Parkplatzwächter nach und feixte. »Die Toiletten sind offen. Ansonsten sparen Sie sich den Weg. Von der Verwaltung ist keiner da. Geschlossen von August bis Ende September.«

Jaume fluchte leise. Darauf hätte er auch selbst kommen können. Am besten bevor er den Hügel heruntergetrabt war, in der Hoffnung auf Abkühlung.

»Natürlich.« Er tippte sich an die Stirn. »Adéu.«

Er zog den Hemdkragen näher zum Haaransatz. Sein Nacken würde am Abend Blasen werfen und Paloma ihm kalte Umschläge machen müssen. Ihr Mitgefühl war ihm ebenso sicher wie ihr Spott. Er kannte den Sommer in Barcelona, er kannte den Sommer in Madrid – und jedes Jahr verlor er in der Hitze den Verstand und achtete nicht darauf, sich rechtzeitig zu schützen. Natürlich konnte er seinen Einsatz genau jetzt beenden und sich in die Dienststelle zurückziehen. Andererseits … Irgendwo am Hauptweg hatte er einen Wasserspender gesehen.

Er kehrte um, wusch sich Hände und Gesicht, benetzte die brennende Haut im Genick und machte sich auf die Suche nach einer schattigen Stelle in einem der versteckten Winkel zwischen den Grabmalen. Dort wartete er, bis die Besuchergruppe mit Maria Colavida gegangen war, der Arzt die Leiche zum Abtransport freigegeben hatte und die Autos der Kollegen abgefahren waren. Sie hatten ihn nicht angerufen, was er sehr zu schätzen wusste.

Langsam stieg Jaume die Treppen nach oben. Dort fand er nur noch einige Kriminaltechniker vor, die akribisch ihre Arbeit verrichteten. Niemand sprach.

Er umrundete die Reihe der Steingräber, verharrte vor dem Liegeort der Leiche, den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen, richtete dann den Blick geradeaus. Die Dächer der Industrieanlagen am Fuß des Berges, flach und bedeutungslos von oben betrachtet, leiteten das Auge weiter wie Trittsteine über einen Fluss bis hin zu den Kränen und Containern in den Hafenanlagen. Und weiter, noch weiter auf das Meer, über schaukelnde Masten winziger Boote und zu der Fähre aus Afrika und den Kreuzfahrtschiffen, von denen er drei zählte. Dem ausufernden Tagestourismus, der die Stadt für jeweils nur wenige Stunden mit Tausenden Menschen überschwemmte, stand er kritisch gegenüber. Dennoch liebte er Schiffe. Großsegler vor allen anderen, deren Tücher sich blähten und knatterten, wenn sie sich schwerfällig und leicht zugleich zur Seite neigten und sich die Natur zunutze machten. Ihrer Faszination konnte er sich nicht entziehen. Dem vagen Traum von Freiheit und Ungebundenheit, dem rauen Wind und den ungezählten Blautönen des Wassers. In dessen Farben sein Vater gesehen hatte, ob ein guter Fang bevorstand, und im Wind geschmeckt, wann der Moment gekommen war umzukehren. Jaume spürte die Gischt auf der Haut, die Leine, die durch seine Handflächen glitt, schlüpfrige Bootsplanken und den feuchten Pullover, der von Stunde zu Stunde schwerer am Körper klebte, hörte die Wellen an den Bug schlagen.

Er drehte sich um. Das klatschende Geräusch kam von einem Stück Plastikfolie, das sich im Absperrband der Spurensicherung verfangen hatte. Hoffnungsvoll schaute er zum Himmel. Kam da etwa Wind auf, ein Wetterumschwung? Wie ein feiner Wollfaden schwebte ein weißer Streifen über ihm. Die Plastikfolie zuckte noch einmal, dann verebbte der winzige Hauch, und der dünne Wolkenstreifen verging im gleißenden Blau. Unspektakulär, schnell und vollständig, als hätte es ihn nie gegeben, eine Sinnestäuschung wie die Erinnerung an die Bootsausflüge mit seinem Vater. Einzig das Gefühl von Feuchtigkeit blieb. Der Schweiß machte sein Hemd durchsichtig. Leise fluchend begab er sich wieder in den Schatten des Pantheons und wählte Calderons Nummer.

»Hola, Jefe. Was gibt es?«

»Mach den Lautsprecher an.« Er wartete eine Sekunde, bis er es knacken hörte. »Wer von euch geht die Vermisstenmeldungen durch?«

»So weit sind wir noch nicht. Wir …«

»Denkt daran, auch die von Mallorca abzufragen, Ibiza, Tanger und so weiter, alle umliegenden Inseln und jedes Land, von dem man Barcelona auf dem Seeweg erreichen kann. Die Frau könnte mit einer Fähre gekommen sein. Oder sie war auf einer gebucht, um zu verreisen. Die Passagierlisten könnten uns weiterhelfen.«

»Welche? Wir haben noch keinen Zeitrahmen.«

Domenechs Einwand war berechtigt. Lediglich die letzten Tage konnten sie in Anbetracht des Verwesungszustandes wohl ausschließen.

»Schiebt die Listen auf morgen, sobald die Obduktion durch ist, und greift das auf, falls wir bis dahin keinen anderen Anhaltspunkt haben.« Hinter sich glaubte er eine Bewegung wahrzunehmen und wandte sich um. »Keinen eindeutigen«, korrigierte er und spähte um die Ecke. Nichts.

»Sonst noch was?«

Das schabende Geräusch aus dem Hörer verriet ihm, dass Calderon mitschrieb. Bleistift auf Papier.

Eine kurze Pause entstand, in der Jaume sich weiter drehte.

»Die Hüte«, sagte er dann einer Eingebung folgend, ohne konkret zu wissen, wohin der Gedanke führte. »Einige der Tourteilnehmer hatten Strohhüte auf, mit einem Dekoband. Da stand irgendwas drauf, genau weiß ich es nicht mehr.«

Wo war das Katzenrudel geblieben?

»I love Barcelona. Mit Herzchen und in verschiedenen Farben. Hab ich auch gesehen«, bestätigte Domenech. »Das war eine Gruppe Engländer, die zusammengehörte.«

»Im Grab bei der Leiche lag ebenfalls ein Hut mit Schleife. Prüft nach, ob es das gleiche Modell ist. Vielleicht lässt sich das zurückverfolgen.« Ein gelbliches, minderwertiges Geflecht, wie er sich zu erinnern meinte. Undenkbar für Einheimische.

»Ähm, Jefe, das grenzt jetzt aber an …« Calderon räusperte sich. »Irrsinn will ich nicht sagen. Aber Strohhüte gibt es in der Stadt an jeder Ecke: im Supermarkt, bei den fliegenden Händlern, am Kiosk.«

Jaume kam nicht umhin, ein weiteres Mal zuzustimmen. Doch galt es auszuschließen, dass ihnen auch nur der kleinste Hinweis entging. Man musste kein Prophet sein oder abergläubisch, um Ärger anrollen zu sehen.

»Eins nach dem andern«, lenkte er ein. »Zuerst muss es eine Übereinstimmung geben, dann sehen wir, was zu tun ist.«

Aus dem Nichts kreuzte die schwarze Katze von links nach rechts, Auge in Auge mit ihm und keineswegs ängstlich. Sie stolzierte.

»Außerdem will ich die Namen und Anschriften sämtlicher Besucher von Friedhofsführungen der vergangenen drei Monate.«

Calderon brummte etwas Unverständliches, das Jaume lieber überhörte. »Und bestellt Señora Colavida für morgen in mein Büro.«

Trekkingsandalen zum Sommerkleid bei einem Friedhofsbesuch und ein schlecht verarbeiteter Hut. Die Kombination hatte er heute in mehrfacher Ausführung gesehen. Diesmal würde er genau zuhören, wenn Maria Colavida dazu etwas zu sagen hatte.

Jaume öffnete die Knöpfe an den Manschetten seines Hemdes und krempelte diese akribisch bis zur Ellenbeuge auf. Die Haare auf seinen Unterarmen sträubten sich leicht, als ihm endgültig klar wurde, womit sie es zu tun hatten: ein Fall, dessen Spuren bereits erkaltet waren. Und bei dem Opfer, das sich auf dem Weg in die Gerichtsmedizin befand, handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Touristin. Letzteres bedeutete erhöhtes Medieninteresse. Auch ohne Internetvideo.

Montag, 14. August, 10:00 Uhr
– Jaume Soler Martí –

Im Büro der Kriminalpolizei an der Travessera de les Corts glühten die Telefone. Der Obduktionsbefund bestätigte, was der erste Augenschein am Grab bereits nahegelegt hatte: Die Frau war in Folge einer schweren Schädelfraktur verstorben. Zusätzlich hatte sie einige Knochenbrüche, vermutlich von einem Sturz aus mehreren Metern Höhe, jedoch keine Verletzungen, die auf einen Kampf hindeuteten, höchstens auf den Versuch, sich abzufangen. Der Tod hatte die Frau überrascht. Anhaftungen von Pflanzen, Sand und Steinchen auf ihrer Haut und der Kleidung sowie diverse Abstriche und Körperflüssigkeiten mussten noch analysiert werden. Dennoch sah alles danach aus, dass sie auf dem Friedhof ums Leben gekommen war. Den genauen Ort auf dem terrassierten Gelände am Berg zu lokalisieren würde ebenfalls noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Die vielen Treppen und Ebenen luden geradezu zum Stolpern ein. Vielfach gab es keine ausreichend hohe Mauer zur Begrenzung, im Gegenteil, knöchelhohe Steinschwellen an den Kanten mancher Plateaus, die man leicht übersehen und daran hängen bleiben konnte. Eigentlich ein Wunder, dass sich auf dem Cementiri de Montjuïc nicht häufiger tödliche Unfälle ereigneten. Wobei Jaume im vorliegenden Fall einen Unfall weitgehend ausschloss.

Er verzog das Gesicht. Wie bezeichnend für ihre Arbeit, dass er selbst in seinen Gedanken so vorsichtig formulierte. Zu Beginn einer Ermittlung bewegten sie sich zwischen Eventualitäten, die nach und nach mit Fakten untermauert werden mussten, und bei allen Äußerungen galt es immer auch, politische Belange und die Wirkung auf die Öffentlichkeit zu berücksichtigen. Es kotzte ihn an.

Nein, er glaubte nicht an einen Unfall. Punkt. Ein aus dem Ruder gelaufener Raubüberfall schien ihm wahrscheinlicher. Schlecht für den Tourismus und das Image der Stadt. Wasser auf die Mühlen all jener, für die Barcelona eine Hochburg der Taschendiebe, Trickbetrüger und Drogenhändler war. So sicher wie die wiederkehrende Abfolge der Jahreszeiten kochten in Kürze die polemischen Debatten über härtere Strafen, Kameraüberwachung und Verstärkung der Polizeipräsenz auf den Straßen hoch. Doch keine der von Politikern vorgeschlagenen Maßnahmen hatte sich je als umsetzbar erwiesen, geschweige denn als finanzierbar. Theaterdonner für die Presse und die potenziellen Wähler, deren Stimmen es einzufangen galt. Irgendwie war ja immer Wahlkampf. Und er würde ihnen unfreiwillig Munition liefern, egal wie schnell und egal mit welchem Ergebnis er den Fall löste.

Diese tote Frau, die der Rechtsmediziner auf Anfang bis Mitte fünfzig schätzte, trug nichts bei sich, wodurch man sie hätte identifizieren können. Keine Papiere, kein Telefon, kein Portemonnaie, keine Handtasche und auch keinen Schmuck. Das legte den Rückschluss auf ein materielles Motiv nahe. Für die endgültige Liegezeitbestimmung sortierten und kategorisierten die Kollegen nun das Ungeziefer, das die Leiche bevölkert hatte, zählten Eier und Maden. Vermutlich fütterten sie die Viecher sogar. Eine wissenschaftliche Disziplin, für die Jaume Hochachtung empfand, zu der er aber einen deutlichen Abstand wahrte, wann immer dies möglich war. Die besonderen klimatischen Verhältnisse am Fundort führten zu einer gewissen Unschärfe, was den Todeszeitpunkt anbelangte. Im Augenblick war dieser Punkt eher ein Fleck, der eine Spanne von zwei Tagen umfasste und anderthalb Wochen zurücklag. Geduld war gefragt. Wenn ihm während seiner Ausbildung jemand prophezeit hätte, dass Langmut zu den wichtigsten Eigenschaften gehörte, um im Dienst nicht durchzudrehen, er hätte ihn ausgelacht. Dieses Lachen war ihm längst vergangen, nicht jedoch sein Humor. Obwohl er den nur selten zeigte. Comissari Jaume Soler Martí neigte nicht zur Selbstdarstellung. Das überließ er gerne anderen. Mit einigen dieser anderen hatte er fast den halben Vormittag am Telefon verbracht. Rechtfertigungen und Phrasen jongliert, statt sinnvolle Arbeit zu leisten. Im Internet kursierte weiter jenes unglückselige Video, das zwar nach seiner Auffassung kein negatives Licht auf die Divisió d’Investigació Criminal warf, ihnen aber ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit und Medieninteresse bescherte. Bei der cholerischen Forderung seines Vorgesetzten, gegen denjenigen vorzugehen, der das Video hochgeladen hatte, und es umgehend aus dem Netz zu entfernen, hätte er gern an einen Scherz geglaubt. Auf seiner Prioritätenliste standen andere Dinge ganz oben. Nur leider war es nicht als Scherz gemeint.

»Bei allem Respekt, Señor Selvanegra«, setzte er zu einer Entgegnung an, und Calderon prustete leise auf der gegenüberliegenden Seite des Büros. Jeder halbwegs intelligente Mensch wusste, dass diese Floskel häufig etwas völlig anderes meinte. Jaume benutzte sie trotzdem. In höflichem Ton und gelassener Langsamkeit. Domenech unterbrach seine Arbeit.

»Bei allem Respekt: Das Netz vergisst nicht. Schon gar nicht einfach oder schnell. Mit einem Druck auf die Löschtaste ist es nicht getan. Und ich bin sicher, unsere Spezialisten haben Besseres zu tun, als einem harmlosen Video nachzujagen und dessen Spuren zu tilgen.«

»Hören Sie auf, mich zu belehren, Soler. Zivilisten hampeln am Fundort herum, und die Polizei schaut zu. So sieht es für die da draußen aus! Und Sie, Soler, Sie persönlich sind zu spät zur Stelle. Eindeutig filmisch belegt.« Die letzten drei Worte begleitete jeweils ein harter Schlag, eine Faust auf dem Tisch.

Bei der Bezeichnung Zivilisten seufzte Jaume unterdrückt. Warum Selvanegra keine Karriere beim Militär gemacht hatte, war ihm schleierhaft. Die da draußen stempelte alle Nicht-Polizisten zu potenziellen Gegnern. Eine Sichtweise, der er sich weder anschließen konnte noch wollte.

»Bei allem Respekt«, wiederholte er und behielt seinen schleppenden Tonfall bei. »Eine Eins-zu-eins-Betreuung für Touristen, um Vorfälle wie diesen präventiv auszuschließen, kann bei der gegenwärtigen Personalstärke nicht geleistet werden. Sowohl was die Mossos d’Esquadra als auch was die Guardia Civil betrifft. Eine Aufstockung der Kräfte würde ich jedoch sehr begrüßen. Falls Sie da etwas planen, haben Sie meine volle Unterstützung.« Er entfernte den Hörer vorsorglich um eine Armlänge von seinem Ohr.

»Wollen Sie mich verarschen, Soler?«

Die Frage ließ Jaume unbeantwortet. »Mit Ihrer Erlaubnis verabschiede ich mich jetzt. Ich habe einen Fall aufzuklären, eine Identität und einen Tathergang. Adéu

Calderon hatte sich tomatenrot verfärbt und verbarg sich hinter einem Aktenordner, während Domenech unverhohlen grinste. Dank der Lautstärke war es ein Leichtes für beide gewesen, Selvanegras Ausbruch mitzuverfolgen. Jaume hängte den Hörer ein und wandte sich umgehend den Unterlagen auf seinem Schreibtisch zu. Er hatte vor den Kollegen nichts zu verbergen, aber auch nicht vor, das Telefonat zu kommentieren. »Kann mir jemand etwas zu den Vermisstenanzeigen sagen? Was haben wir bis dato?«

Einen Moment herrschte Stille, bis auf Domenechs Räuspern. Dann gab der offenbar die Hoffnung auf, dass Jaume sich doch noch zu einer Bemerkung hinreißen ließ und antwortete. »Unter den aktuellen Meldungen gab es landesweit keinen Treffer. Abgängige Frauen, ja, aber keine, bei der sowohl Körpermaße als auch die Altersgruppe übereinstimmen. International und inselbezogen fehlen uns noch ein paar Rückläufe zu meiner Anfrage. Bei den älteren Fällen könnten zwei infrage kommen, ist aber weniger wahrscheinlich.«

Jaume brummte zustimmend. Wer über Monate verschwunden blieb, tauchte selten als relativ frische Leiche wieder auf. Nur im Film, wenn ein Entführer noch ein Weilchen mit seinem Opfer spielte wie eine Katze mit der erbeuteten Maus. Unter den Umständen fanden sich am Körper möglicherweise ältere Verletzungen, die auf Misshandlungen hindeuteten.

»Die beiden Akten sind natürlich schon unterwegs in die Gerichtsmedizin zum Check.«

»Hm. Also haben wir nichts?« Dünn, verdammt dünn, wodurch die Passagierlisten der Fähren wieder interessant wurden. Er konnte sich Calderons Begeisterung in Bild und Ton ausmalen.

»Eine Sache ist da noch. Mit einem fetten Vorbehalt. Ich hab dir eine Mail weitergeleitet.« Domenech kam zu ihm und holte die Nachricht auf den Schirm. »Eine private telefonische Suchanfrage. Kam am Freitag vor einer Woche rein, am 04. August. Eine alleinreisende Urlauberin, die mehrere Tage nicht erreichbar war. Weder Mobil noch über ihr Hotel. Auf Nachfrage stellte sich allerdings heraus, dass sie mit der Familie auch keinen regelmäßigen Kontakt vereinbart hatte. Daraufhin hat ihr Sohn eingeräumt, dass die Funkstille von ihr beabsichtigt sein könnte, und aus dem Fall wurde keine offizielle Meldung.«

»Wieso wissen wir dann davon?« Jaume runzelte die Stirn und scrollte die Mail auf und ab.

»Die Kollegin von der Hotline hat sich eine handschriftliche Notiz gemacht. Weil sie ja zu Anfang nicht wissen konnte, dass die Nummer im Sande verläuft, und der Anruf aus dem Ausland kam. Sie wollte sichergehen, dass sie alles richtig versteht.«

»Lass mich raten«, mischte sich Calderon ein. »Das war Martina? Und auf ihrem Zettel steht die komplette Lebensgeschichte der Familie bis in die zweite Generation.«

Jaume schmunzelte. Die Kollegin, auf die Calderon anspielte, hatte ein Talent, jedem jede Information zu entlocken. Eigentlich eine Verschwendung, sie nicht als Verhörspezialistin einzusetzen.

Domenech hob den Daumen. »Doña Martina, ganz richtig. Sie hat sich sofort daran erinnert, als ich eine aktualisierte Liste angefordert habe.«

Zehn Tage waren eine lange Zeit, und die betreffende Urlauberin war mit etwas Glück längst zurück in ihrem normalen Leben.

»Der Anrufer hat sich kein zweites Mal gemeldet?«

»Nein.« Domenech zuckte die Schultern. »Zumindest nicht bei Martina, sonst wäre es dokumentiert.«

Grübelnd überflog Jaume das eingescannte Notizblatt. Fünfundfünfzig. Unter dem Hemdkragen zog sich die Haut seines Nackens zusammen. Das Alter passte.

»Klär das, Domenech. Ob sie wiederaufgetaucht ist, im Hotel ausgecheckt hat, oder …«

»Schon erledigt. Ich war so frei.«

»Streber!«, schnaubte Calderon. Die Geschwindigkeit des jüngeren Kollegen machte ihm gelegentlich zu schaffen, obwohl sie insgesamt gut harmonierten. Domenech war ihm oft einen Schritt voraus, sowohl gedanklich als auch körperlich. Das unschöne Gefühl, nicht mehr mithalten zu können, konkurrierte mit dem angenehmen, es nicht zu müssen, weil Domenech ihm nie arrogant gegenübertrat oder ihn absichtlich sein Alter spüren ließ. So beschränkte Calderon sich auf kleine Sticheleien, die an Domenechs breitem Kreuz abprallten.

»Und mit welchem Ergebnis erledigt?«, hakte Jaume nach.

»Ihre Buchung läuft noch bis übermorgen. Mehr konnte ich telefonisch nicht herausfinden. Datenschutz.«

Insofern war die Sache noch nicht völlig aus der Welt.

Domenech deutete auf die Adresse. »Soll ich hinfahren, Jefe

Drei Häuserblocks vom Hotel entfernt war Jaume Soler Martí aufgewachsen. Sein barri, sein Viertel am Meer. Von dem er sich seither wegbewegt hatte, innerlich und äußerlich, bis hinauf an die Hügel jenseits der Avinguda Diagonal, die die Stadt in gerader Linie durchschnitt. Dort oben hatte er fast die komplette Stadt unter sich, in ihrer ganzen Schönheit mit ihren bunten Dächern und verschnörkelten Fassaden, mit ihrem Schmutz und ihren Verbrechen. An manchen Tagen hüllte sie sich in Dunst oder flimmerte in der Hitze und erzählte ihre Geschichten, von der Enge in den Gassen des Gotischen Viertels, der großen Vergangenheit, dem Modernisme zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, von Weltoffenheit, Toleranz und Eigensinn.

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