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Mord im Straßengraben

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Vorbemerkung
  7. Zitat
  8. Erster Teil
  9. 1
  10. 2
  11. 3
  12. 4
  13. 5
  14. 6
  15. 7
  16. 8
  17. 9
  1. Zweiter Teil
  2. 10
  3. 11
  4. 12
  5. 13
  6. 14
  7. 15
  8. 16
  9. 17
  10. 18
  1. Dritter Teil
  2. 19
  3. 20
  4. 21
  5. 22
  6. 23
  7. 24
  8. 25
  9. 26
  10. 27
  1. Coda
  2. 28
  3. 29
  4. 30
  5. 31
  6. 32
  7. 33

Über das Buch

Der 9. Band aus Dan Turèlls Krimi-Universum um Kommissar Ehlers und den unbekannten Journalisten.

An einem kalten Winterabend wird eine Frau angeschossen - auf offener Straße, mitten in Kopenhagen. Während sie im Krankenhaus um ihr Leben kämpft, fällt in derselben Straße ein weiterer Schuss. Das Opfer ist wieder ein unschuldiger Passant. Er stirbt und kann der Polizei keine Anhaltspunkte mehr geben. Als kurze Zeit später ein dritter Schuss im gleichen Stadtteil fällt, bricht endgültig Panik aus: Der Mörder scheint wahllos zu töten und der Polizei fehlt jede Spur …

Weitere Krimis aus der Reihe um den unbekannten Journalisten:

Mord im Dunkeln.

Mord in Rodby.

Mord auf Malta.

Mord am Rondell.

Mord im März.

Mord im Herbst.

Mord in der Dämmerung.

Mord in Vesterbro.

Mord in San Francisco.

Mord im Waschsalon.

Mord auf Bornholm.

Über den Autor

Dan Turèll, geboren 1946, war Schriftsteller und Journalist. Er hat sich in Dänemark zur Kultfigur entwickelt. »Onkel Danny« hat ein riesiges Œuvre aufzuweisen. Die Krimi-Serie über den namenlosen Journalisten brachte ihm den Durchbruch. Mit viel Ironie, schwarzem Humor und Gespür für die dänische Seele hat er dem Land seinen ersten klassischen »Privatschnüffler« geschenkt und die amerikanische Tradition des Genres kongenial ins Dänische verpflanzt.

Vorbemerkung

Personen, Schauplätze und Orte werden in diesem unglaubwürdigen Roman ausschließlich nach der erbärmlichen, schwer zu bändigen Phantasie des Autors verwendet. Einfacher gesagt: Nichts vom Inhalt dieses Buches besitzt eine Grundlage in der Wirklichkeit. Nichts!

D. T.

– I will tell you about it. The sky is as thin as paper. The whole place could go up in ten minutes. That’s the charm of Los Angeles.

William S. Burroughs, Gespräch 1981

1

Es war Februar. Ein noch ziemlich neues Jahr, das vierzigste, das ich persönlich in Augenschein nahm, hatte begonnen, sich durch die Speisenfolge des Kalenders zu arbeiten. Heute Abend stand Schnee auf der Karte, und es war großzügig aufgetischt. Der Schnee türmte sich entlang der Gehsteige, die sofort wieder zuschneiten, sobald sie geräumt waren. Dichte Flocken stoben über Straßen und Menschen, und ein Wind sorgte mit kräftigen Lungen dafür, dass sie etwas zu sehen bekamen, bevor sie sich niederlassen durften. Die Leute gingen langsam, Schritt für Schritt, und blieben immer wieder stehen, um ihre Brillen zu putzen oder den Schnee von Mänteln und Mützen zu schütteln.

Nicht dass viele auf der Straße waren. Es war einer dieser Abende, an denen jeder vernünftige Mensch zu Hause blieb, bei Kaffee oder Tee den Fernseher einschaltete, ein Buch las oder Schallplatten auflegte. Die Straßen waren fast leer. Nur hier und da bot ein einzelner Idiot trotzig wankend dem Wetter die Stirn.

Einer von denen war ich. Aber ich hatte einen guten Grund: Das Wetter entsprach vollständig meiner Stimmung. Ab und zu versetzte ich – wie ein Kind – dem Schnee einen Fußtritt, nur damit der wusste, was Sache war.

Sache war – wie es in den Frauenzeitschriften hieß –, dass es in meiner Beziehung kriselte. Einfacher gesagt: Gitte hatte mich rausgeschmissen.

Nicht für immer, Gott bewahre. Aber sie hatte »das Bedürfnis nachzudenken«. Jedenfalls für ein paar Tage.

Was sagt man in so einem Fall? Man sagt gar nichts. Man nimmt Hut und Mantel und geht – raus in den Schnee. Man knallt nicht einmal die Tür. Meistens kann die Tür nichts dafür, wenn so etwas passiert.

Ganz sicher konnte auch der Schnee nichts dafür, aber an irgendwem oder -was musste man sich ja abreagieren. Man kann auch zu viele Skrupel haben.

Ich stapfte durch den Schnee. Die Istedgade rauf, die Istedgade runter und wieder die Istedgade rauf. Unterwegs kam ich dreimal an meinem Haus vorbei und schickte einen höhnischen Blick hinauf, um meiner Wohnung kurz mitzuteilen, dass sie sich nicht zu früh freuen sollte. Der Abend war noch nicht zu Ende.

Zweimal war ich fast so weit, zu Gitte zurückzugehen. Zweimal riss ich mich zusammen.

Beim dritten Mal ging ich ins Stjernecafé.

Wie oft ich schon die schwere Tür dieser heruntergekommenen Spelunke geöffnet habe, weiß Gott allein – aber der hat wahrscheinlich zu viel mit den Spatzen zu tun, die vom Himmel fallen, und ähnlichen Problemen. Oft jedenfalls. Sicher öfter als Er für gut befände, wenn es denn stimmte, was man über Ihn und Seine Ansichten sagt.

Stimmen, Flaschenklirren und Würfelspiel sorgten gemeinschaftlich für Lärm, der von der Ragtime-Musik eines Tonbandgerätes verstärkt wurde. Im Team mit dem gelblichen Licht und den aufsteigenden Tabakschwaden machten die Geräusche aus der simplen, wohlbekannten Kneipe einen surrealen Film. Zweifelsohne gab es in diesem Film noch eine Gastrolle für einen weiteren Schauspieler.

So war das Stjernecafé jetzt schon seit fast einem Monat. Der Barkeeper Bob hatte sich plötzlich für Ragtime begeistert und seitdem pausenlos Ragtime gespielt, wann immer er Dienst hatte. Also liefen diese verschlissenen alten Rags fast rund um die Uhr und niemand schien Notiz davon zu nehmen – bis auf Bob, der allem Anschein nach angefangen hatte, im Rhythmus der Musik zu arbeiten, und dadurch doppelt so schnell servierte.

»Gibt’s ein Problem?«, fragte er, sobald ich die Theke erreicht hatte.

Ein guter Barkeeper ist immer ein guter Psychologe.

»Ach – nur etwas viel los.«

»Bei der Zeitung? Oder geht es um deinen lieben kleinen Nymphen-Sittich?«

»Der Vogel mag nicht mehr im Käfig sitzen.«

»Dann brauchst du ein Porter.«

»Wie Recht du hast, ölt im Winter die Kehle.«

Ich verzog mich an einen Tisch am Fenster, sodass ich nach draußen auf den Schnee starren konnte. Es gab nicht viel anderes zu sehen.

Auch der Schnee schien sich jetzt im Ragtime-Rhythmus zu bewegen.

Merkwürdige Musik, dachte ich. Sie ist schnell, forsch, ein munteres Geklimper – und trotzdem stimmt sie einen in erster Linie melancholisch, und man kann gar nichts dagegen machen, wie in einem Dick-und-Doof-Film, wo man am Ende noch eine Träne vergießt, weil die Welt so schlecht ist.

Es war jetzt um Mitternacht herum. Gerade die Zeit, wo ich meistens nach Hause zu Gitte ging.

Draußen in der Nacht leuchteten die Schneeflocken auf.

Irgendwie war es albern und hundsgemein, aber ich fühlte mich plötzlich ganz allein auf der Welt. Als ob ich nicht die meiste Zeit meines Lebens allein gewesen wäre. Als ob ich es nicht gewohnt wäre. Als ob ich nicht jahrelang behauptet hätte, dass es mir sogar besser gefiele. Als ob ich nicht über eine eigene Wohnung verfügte. Als …

Mein Hirn lief weiter auf Hochtouren, so sehr ich mich auch bemühte, es abzuwürgen. Manchmal kann ein Hirn, so praktisch es ansonsten ist, verdammt irritierend sein.

Nach einigen Runden wurde es etwas besser. Nur etwas.

Dann bekam ich Gesellschaft am Tisch. »Schneeflöckchen, Weißröckchen …«, summte eine muntere Stimme vor mir.

Es war mein Freund, der Volksliedsänger, der Hübsche Jørgen aus der Saxogade. Der Hübsche war nicht allein. Er hatte ein Mädchen dabei.

Anne.

Auch Anne wohnt hier im Viertel. Sie und ich, wir waren einmal – was jetzt in grauer Vorzeit zu liegen schien – »miteinander gegangen«, wie man so schön sagt. Einige Monate lang, nicht länger – eines dieser Verhältnisse, die auf allgemeiner Sympathie basieren (was eigentlich gar nicht so wenig ist), auf praktischen Erwägungen und keinen allzu großen Erwartungen. Es war schön, solange es andauerte. Es war sogar schön zu Ende gegangen, ohne Zank und Streit oder von mir aus »Ruhe und Frieden, um nachzudenken«. Die Beziehung geriet nur ins Schlingern, hörte mit einem Schlag auf und endete im Nichts. Und das war’s. Und nichts weiter.

Wie ein Ragtime übrigens.

Sie setzten sich.

»Sing ihm was vor, Hübscher!«, frotzelte Anne, während sie den Schnee aus ihrem roten Haar schüttelte. »Ich weiß, was los ist, wenn er so guckt. Es geht ihm ganz schlecht.«

»Hmmm …«, fing ich an.

»Oje, aber wirklich. Ist sie weg?«

»Wer?«

»Dein schwarzhaariges Anwalts-Püppchen natürlich. Glaubst du, ich weiß das nicht? Glaubst du nicht, jeder im Viertel weiß, wen du dir gerade geangelt hast. Sie ist übrigens ein richtiges Edelmodell.«

»So wie du auch.«

»Danke. Ich liebe deine spontanen Komplimente.«

Der Hübsche sah nicht danach aus, als verstünde er ganz, um was es ging, machte sich aber dafür nützlich und rief Bob an den Tisch. Der Hübsche konnte nicht wissen, dass wir gerade zu unserem alten Ton zurückfanden. Ihm war es anscheinend entgangen, dass wir einmal zusammen waren. Er hatte etwas sehr Weltfremdes an sich, der Hübsche.

Anne – dagegen nicht.

Sie startete sofort – gleich wieder ganz die Alte! – die Operation »Aufmunterung des Patienten«.

Sie erzählte kurze Anekdoten über ihre Mitbewohner in der Abel Cathrines Gade und ihre tägliche Arbeit bei Vesterbro Video. Sie konnte gut erzählen. Und es dauerte nicht lange, und wir lachten alle drei – mehr oder weniger gegen den eigenen Willen. Es dauerte auch nicht lange, und wir hatten wieder ganz zum alten Ton zurückgefunden und neckten uns wie damals.

Der Hübsche, dem es – wie vielen in seiner Branche – schwerfiel, eine Unterhaltung zu führen, wenn das Gespräch sich nicht direkt um ihn drehte, lehnte sich zurück und vertiefte sich in seine Drinks (und vermutlich in seine ewigen Träume von einem grandiosen universellen Comeback), während wir frotzelten. Zwischendurch summte er ein paar Strophen – gleichsam um zu zeigen, dass er auch noch da war.

Weitere Runden wurden ausgeschenkt. Ich bestellte zwar, aber meine Stimme klang, als käme sie von ganz woanders her. Das Merkwürdige war, dass keiner der anderen zu bemerken schien, dass meine Stimmbänder ihre Lage gewechselt hatten.

Leute kamen und gingen im Stjernecafé, der Ragtime lief weiter, und wir blieben sitzen wie auf einer einsamen Insel. Wenn Anne in dieser Drinks- und Quassellaune war, konnte sie die ganze Nacht lang weitermachen. Das fand ich immer gut – damals, als ich es selbst noch konnte.

»Überhaupt nicht deine Welt«, sagte Anne. Nun war auch ihre Stimme höher geworden, mitten in einer psychologischen Darstellung meines Charakters. »Das bist gar nicht du! Eine Rechtsanwältin! Ich hab mir schon die ganze Zeit gesagt, dass das nie gut gehen wird.«

»Du redest zu viel mit dir selbst.«

»Ich rede mit dir, du Trottel. Du bist so ein Träumer.«

»Träume sind schön«, warf der Volksliedsänger ein. »Träume sind das Beste im Leben!«

Da sprach ein Experte. Vielleicht hatte er Recht. Ich weiß es nicht.

Aber der Abend endete damit, dass ich – nach noch ein paar Runden und nachdem Bob die Musik und das Licht ausgeschaltet hatte – nach Hause ging: mit Anne.

Ohne den Hübschen.

2

Das jedenfalls war die Absicht, aber so weit kamen wir nicht. An Kneipen, Bordellen, Hotels, Sex-Kinos und geschlossenen kleinen Läden vorbei waren wir durch die Istedgade gegangen und in die Abel Cathrines Gade eingebogen. Um nicht allzu sehr zu schwanken, stützten wir uns gegenseitig.

Als plötzlich ein scharfer Lichtstrahl aus einem dunklen Hauseingang kam, der Knall einer Pistole durch die stille, menschenleere Straße schallte – und Anne in meinen Armen zusammensank.

Ich verlor den Halt auf dem glatten Bürgersteig, und wir fielen beide zu Boden. Ein zweiter Schuss jagte über unsere Köpfe hinweg.

Auf allen vieren kriechend gelang es mir, Anne in einen geschützten Hauseingang zu ziehen. Erst dort kam ich allmählich wieder zu Atem in der frostklaren Luft.

»Bist du verletzt?«, fragte ich.

Sie antwortete nicht. Sie glitt mir nur wieder aus den Armen und auf den Boden.

Ich wagte es nicht, das Licht im Eingang einzuschalten. Falls der, der auf uns schoss, immer noch in seinem Türeingang auf der anderen Straßenseite stand, würden wir selbst für einen Anfänger ein sicheres Ziel abgeben.

Ich schob Anne so sanft wie möglich hinter mich, sodass ich vor ihr stand – und vor eventuellen Kugeln. Die Eingangstür hatte ein verantwortungsvoller Mitbürger abgeschlossen.

In dieser Position warteten wir eine Viertelstunde. Es blieb uns kaum etwas anderes übrig.

Nichts passierte.

Ich riskierte es, ein Streichholz anzuzünden, um Anne genauer anzusehen.

Sie rührte sich nicht. Sie war offenkundig bewusstlos. An ihrer Schulter sah ich Blut, das schon durch den Mantel gesickert war.

Wie sie so dalag vor dem Eingang im schmuddeligen Schnee, sah sie unglaublich klein und zart aus.

Als ob es ihr genützt hätte, wenn sie groß und feist gewesen wäre!

Sie brauchte Hilfe – sofort.

Aber losrennen und Hilfe holen ist so eine Sache, wenn womöglich ein völlig nüchterner, sein Handwerk beherrschender Lustmörder mit dem Finger am Abzug nur darauf wartet, dass man auftaucht und Zielscheibe spielt.

Jetzt näherten sich Schritte, und ein großer, schlanker Mann ging auf unserer Seite am Hauseingang vorbei. Ich fasste ihn am Arm und bat ihn, mit anzupacken. Ich zeigte auf Anne.

Der Mann sagte überhaupt nichts. Er war sofort verschwunden. Er jagte die Straße entlang und um die Ecke.

Hier im Viertel mischt man sich nicht ein. Man weiß nie, was noch passiert.

Niemand macht das. Ich wusste auch nicht, was mit Anne passieren würde. Ich bin kein Arzt. Ich konnte nicht wissen, wie gefährlich ihre Verletzung war. Ich konnte auch ihren Blutverlust nicht einschätzen.

Es wäre die reinste Spekulation, und das brachte im Moment gar nichts. Ich richtete sie halb auf, rieb ihr etwas Schnee ins Gesicht, den saubersten, den ich finden konnte, aber es half nichts.

Dann hob ich sie hoch und trug sie über beide Arme ausgestreckt, fast wie ein Brett. Wenn der Pistolenschütze noch da war, käme jetzt seine Chance. Es war ein Geschenk, das reinste Sonderangebot. Er konnte uns beide zum halben Preis ergattern.

Anscheinend war er nicht mehr da.

Unendlich langsam, um nicht auf dem Eis zu stolpern oder auszurutschen, trug ich Anne durch die Abel Cathrines Gade zurück, jeden Augenblick mit einem Schuss in den Rücken rechnend. Einige Hauseingänge lagen noch vor mir.

Ich suchte nach einem rettenden Licht. Ein Licht, das bedeutete, dass noch jemand wach war – was wiederum ein Telefon und einen Krankenwagen bedeutete.

Hundert Meter vor mir kam das Licht. Es war natürlich eine Kneipe. Wenn hier im Viertel ein Licht brennt, kann man getrost davon ausgehen, dass es eine Kneipe ist.

Selbst in einer Kneipe, die durchgehend geöffnet ist, selbst hier im Viertel, ließ es sich nicht vermeiden, dass ein Mann mit einem ausgestreckten Mädchen in den Armen ein gewisses Interesse erweckte.

Ein kleiner, vierschrötiger Barkeeper kam sofort auf uns zu.

»Von so was wollen wir hier gar nichts wissen!«, sagte er.

Er sagte nicht, was er mit »so was« meinte.

Ich erklärte ihm kurz, was passiert war, sagte, dass wir einen Krankenwagen und die Polizei brauchten, und machte ihn sanft, aber deutlich darauf aufmerksam, dass es ganz einfach seine Bürgerpflicht sei, zu helfen. Ich musste noch deutlicher werden und andeuten, dass er seine Lizenz verlieren könne, wenn er es ablehnte.

Was übrigens nicht ganz gelogen war, und das wusste er.

»Ich ruf ja schon an«, sagte er. »Nur einen Augenblick.«

Während ich Anne auf das einzige freie Sofa des Etablissements legte und es ihr mit ein paar Kissen so gemütlich wie möglich zu machen versuchte (absolut nicht meine Stärke), ging der Barkeeper zu einigen Gästen hinüber, zu zwei Männern, die allein an einem kleinen Tisch in einer dunklen Ecke saßen und sich in gedämpftem Ton zu unterhalten schienen.

Sie warfen einen einzigen Blick auf Anne. Dann erhoben sie sich und gingen – ohne zu bezahlen.

Wahrscheinlich wurden sie gesucht.

Ein fürsorglicher und aufmerksamer Barkeeper.

Ich versuchte es immer noch mit künstlicher Beatmung, als der Krankenwagen heranheulte. Auch darin war ich kein Weltmeister. Ich fühlte mich mindestens zehn Kilogramm leichter, nachdem ich Anne in professionelle Hände übergeben hatte. Gehen Sie immer zum Fachmann, wie man beim Bladet sagt.

Man sagt es übrigens auch in den Gangster-Kreisen der Istedgade, also muss es eine weit verbreitete Meinung sein.

Während ich auf die Polizei wartete, trank ich einen Whisky, den der Barkeeper lustlos servierte, als wäre er immer noch gekränkt über mein Betragen, als wäre es unanständig und gegen jede Etikette, halbtote Frauen in anständige Kneipen zu schleppen. Nicht gesund fürs Geschäft.

Ich dachte nach, so gut ich konnte. Ich war mittlerweile ziemlich nüchtern geworden. Nichts ist so gut wie ein kleiner Mordversuch, um seinen Rausch loszuwerden.

Es gab drei Möglichkeiten.

Eine war, dass irgendjemand es auf Anne abgesehen hatte.

Die zweite war, dass irgendjemand es auf mich abgesehen hatte. So nah und schwankend wie wir nebeneinander gingen, hätte jeder ein oder zwei Zentimeter daneben treffen können.

Die dritte Möglichkeit war, dass irgendjemand es nur auf irgendjemand abgesehen hatte. Einfach auf den einen oder anderen.

Und doch, das deckte nicht alle Möglichkeiten. Es gab auf jeden Fall noch eine: dass es ein Irrtum war. Dass der Heckenschütze uns für zwei andere gehalten hatte.

Das führte zu nichts. Zu nichts anderem als noch einem Whisky.

Dann kam die Polizei.

Ich hatte Glück. »Die Polizei« kann wer auch immer sein, auch der unmöglichste Bezirkstrottel, aber »die Polizei« war an diesem Abend, an dieser Stelle, der hochgewachsene, schlanke junge Kaspersen, Polizeiinspektor Ehlers’ rechte Hand und sein Liebling. Kaspersen und ich kennen einander und haben einen gemeinsamen Freund – nämlich Ehlers. Ein großer Vorteil.

Ich lieferte ihm meinen Bericht – so kurz wie er war –, und wir gingen nach draußen, um uns den Tatort anzusehen.

In dem Hauseingang, in dem Anne und ich gestanden hatten, schalteten wir das Licht ein. Es gab Blutspuren im Schnee, wo sie gelegen hatte. Die Spuren mischten sich langsam mit dem Dreck. In wenigen Stunden, wenn die Bewohner des Hauses aufstanden, würden die Spuren nicht mehr zu unterscheiden sein von der ganz gewöhnlichen trostlosen Alltagsschweinerei.

Wir gingen auf die andere Seite zum Hauseingang, in dem der Schütze höchstwahrscheinlich gestanden hatte. Es war nichts zu sehen, nichts anderes als Fußabdrücke im Schnee. Von denen gab es jede Menge.

»Hm«, sagte Kaspersen. »Was hattest du eigentlich hier verloren mitten in der Nacht?«

»Ich wollte sie nach Hause begleiten«, sagte ich würdevoll. »Sie hatte drüben im Stjernecafé ein paar Gläser zu viel getrunken, und ich wollte nur sicher sein, dass sie auch gut nach Haus kommt. Man ist eben ein Gentleman

»Ist man das?«, fragte Kaspersen.

Sein Tonfall gefiel mir nicht.

»Wie gut kanntest – oder kennst – du sie?«

»Nicht besonders gut – nicht mehr. Wir waren einmal näher befreundet – vor einigen Jahren. Ich habe sie zufällig heute Abend getroffen.«

»Zufällig?«

»Das sage ich doch.«

»Hast du Zeugen?«

»Das halbe Stjernecafé – speziell der Hübsche Jørgen.«

»O. k., o. k. Reg dich nicht auf. Du weißt ja genau, warum ich frage, oder?«

»Schon klar, wenn ein fremder Bulle gekommen wäre, hätte er dieselbe Frage gestellt – und noch einige mehr.«

»Genau. Gleichheit vor dem Gesetz.«

»Aber wenn ich sie los sein wollte, hätte ich ja wohl nicht versucht, sie zu retten – wenn ich es also getan hätte – und es gemeldet hätte.«

»Wohl nicht, nein. Na dann, bis bald. Du bekommst Bescheid, wenn es etwas Neues gibt.«

»Danke. Wiedersehen. Und grüß Ehlers!«

Es war ein graubleicher Morgen, als ich nach Hause ging. Der Schnee fiel immer noch, aber weiter oben hing der Smog schwarz und dicht über der Stadt.

Ich ging ins Bett, steif wie ein Brett (oder ein Finne) vom vielen Alkohol und der Kälte. Im Moment passte es mir ganz gut, völlig allein zu sein.

3

Ich schlief nur ein paar Stunden – wenn man es denn schlafen nennen konnte. Im Traum lief immer wieder dieselbe Szene ab: Aus einem Hauseingang wird geschossen, und Anne bricht zusammen – begleitet von Ragtime-Musik.

Es war beinahe eine Erleichterung, als das Telefon mich weckte.

Bis ich hörte, wer dran war: Chefredakteur Otzen vom Bladet.

Otzen ist kein Mann, der in Telefongesprächen mit seinen Mitarbeitern auf Schmusekurs geht und höflich nach deren Befinden fragt – noch beginnt er mit anderem zeitraubenden Geplätscher. Er kam sofort auf den Punkt. Seine Stimme donnerte durch den Telefonhörer:

»Was zum Teufel war das für eine Schießerei heute Nacht.«

»Was?«, lautete meine intelligente Frage, während ich mir alten organischen Schlaf aus den Augen rieb. »Wo zum Teufel hast du das gehört?«

»Ein Informant«, sagte Otzen knapp. »Du weißt ja, dass wir einen fünfhundert Kronen-Lappen für einen guten Tipp springen lassen. Einer der Gäste dieser Nachtspelunke, in die du deine angeschossenen Freundinnen zu schleppen pflegst, meinte, die Geschichte sei etwas für uns. Er kannte dich nicht, sonst hätte er wohl davon Abstand genommen anzurufen.«

»Woher weißt denn du, dass ich es war?«

»Von der Polizei, wenn du es genau wissen willst. Ich habe den Polizeiinspektor angerufen, und er hat es mir selbst erzählt. Vergiss bloß nicht, dass du ein Held bist. ›Unter Lebensgefahr gelang es unserem mutigen Mitarbeiter, die schwer verletzte‹ …«

»Ist sie denn ›schwer verletzt‹?«

»Ich glaube nicht. Aber es ist dein Job, das herauszufinden.«

»Hm-m-m …«

Ich atmete noch schwerer als gewöhnlich.

»Also, ich erwarte dich – mit der vollständigen Story – heute Abend«, sagte Otzen. »Sieh zu, dass du in die Gänge kommst!«

Er legte den Hörer auf.

Ich musterte kritisch meinen eigenen, bevor ich seinem Beispiel folgte. Als wollte ich meinem Hörer an allem die Schuld zuschieben.

Der Hörer bereute nichts. Er blieb so schwarz, wie er war, und glänzte höhnisch.

Ich fluchte, während ich mich anzog. Die Presse hatte große Macht, das wusste ich inzwischen – und hatte es oft ausgenutzt. Aber in diesem Fall passte es mir gar nicht. Es würde schwierig werden, meine eigene Rolle in dieser Geschichte zu verheimlichen. Ich war tatsächlich dort gewesen, war sogar der Mann im Mittelpunkt. Man hatte mich gesehen. Ich hatte zudem noch eine Zeugenaussage abgegeben. Ich könnte nicht einfach so tun, als wäre nichts geschehen.

Aber Gitte las auch Zeitung, und als ein Bindeglied in unserer »Beziehung« – ihr Wort – las sie auch das Bladet, sogar mit besonderer Sorgfalt – um »über meine Arbeit Bescheid zu wissen«.

Sie hätte kaum Verständnis dafür, dass ich eine junge Frau nach Hause begleitete. Und das ausgerechnet an einem Abend, an dem sie mich vor die Tür gesetzt hat.

Natürlich könnte ich – sollte es so weit kommen – den Hübschen breitschlagen, sein Ehrenwort zu geben, dass es ein Freundschaftsdienst war. Das wäre möglich. Blieb nur die Frage, ob ein Typ wie der Hübsche in Gittes braunen Anwalts-Augen vertrauenswürdig wirken würde.

Eine Frage, die man gleich mit Nein beantworten konnte.

Es war ziemlich unglücklich gelaufen, alles in allem. Nicht nur für Anne.

Glück oder Unglück, ein Mann muss sich rasieren. Ein Mann muss Kaffee trinken, bevor er der Welt in die Augen sieht. Auch wenn die Augen so braun, weich und bodenlos sind wie Gittes.

Fluchend ging ich durch die Schneewehen zu Ronnie im Gasværksvej. Ronnie war jetzt schon seit fünf Jahren mein fester Lieferant für den Morgenkaffee.

Heute schmeckte der Kaffee zum ersten Mal nach Seife – wahrscheinlich wollte man zeigen, dass die Tassen zum ersten Mal gründlich abgewaschen waren.

Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, weshalb das Bladet nicht einen ganz gewöhnlichen Chefredakteur haben konnte. Ein ganz gewöhnlicher Chefredakteur hätte sich überhaupt nicht mit so einem Tipp beschäftigt. Er hätte diesen Tipp vor allem schon von einem anderen Mitarbeiter entgegennehmen lassen. Und der hätte ihn dem Mitarbeiter für Kriminalfälle übergeben – also mir.

Aber Otzen hatte sich der Idee verschrieben, dass ein Chefredakteur immer mal wieder seine Nase in die journalistische Routine stecken sollte – um sich nicht allzu weit vom eigentlichen Zeitungsbetrieb zu entfernen.

Fluchen half nichts. Nicht viel jedenfalls.

Nachdem ich meine Seife runtergespült hatte, ging ich zur Polizeiwache am Halmtorvet, um zu hören, ob es etwas Neues gab.

Ehlers saß in seinem Büro, so schwer beschäftigt, wie der normale Bürger es sich kaum von einem kommunalen Beamten vorstellen kann. Er gebrauchte beide Hände auf einmal. Die eine, um seine Pfeife zu halten, die andere, um sich den struppigen Bart zu raufen, der die Gewohnheit hatte, unaufgefordert nach allen Seiten abzustehen.

»Guten Morgen«, sagte er. »Du hast dich wohl gestern gelangweilt?«

»Hätte ich das bloß.«

»Du hättest einfach zu Hause bleiben können.«

»Da hast du wohl Recht. Das hat meine Frau auch immer gesagt,«

»Da hatte sie wohl Recht. Hättest du auf sie gehört, wäre sie sicher bei dir geblieben.«

»Wie geht’s Anne?«

»Schau mal einer an – eine zufällige Bekannte, die du ›nur nach Hause begleitest‹, aber du gebrauchst den Vornamen?«

»Ich habe Kaspersen erzählt, dass wir alte Freunde sind. Ich habe nichts verheimlicht.«

»Nein, und gerade das gibt mir zu denken. Sonst pflegst du das nämlich zu tun.«

»Jetzt hör aber auf. Wie geht es ihr?«

»Sie wird es überleben – reg dich nicht auf. Dein Chefredakteur hat dasselbe gefragt.«

»Mein Chefredakteur ist verflucht neugierig und liebt es, seine Nase mit gröbster Taktlosigkeit in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken.«

»Ist das nicht irgendwo deine eigene Definition eines guten Journalisten? Ich habe dich nie etwas anderes machen sehen.«

Allmählich erinnerte mich das Gespräch an die Schach-Aufgaben der Zeitungen: Setzen Sie Weiß in zwei Zügen matt.

Ehlers lehnte sich zurück.

»Wie gut kennst du sie?«, fragte er und sah mir in die Augen mit einem Blick, der bedeutete, dass es jetzt ernst wurde. Gleichzeitig kultivierte er auf seiner Stirn drei neue Falten, damit ich ja nicht daran zweifeln sollte.

»Nicht sehr lange und nicht richtig – wie soll man das nennen – tief …«, antwortete ich einfältig. »Wir sind meistens zusammen ausgegangen – oder haben uns irgendwo getroffen.«

»Eine Dame für die beschwingten Stunden des Lebens?«

»So kann man es nennen.«

»Was macht sie?«

»Sie arbeitet bei Vesterbro Video – reicht die Videofilme über den Ladentisch. Nebenbei studiert sie – falls sie es denn noch tut.«

»Was studiert sie?«

»Damals war es Architektur, aber sie kann auch gewechselt haben. Das hat sie mehrmals gemacht.«

»Labil, also?«

»Nenne es, wie du willst. Es klingt etwas netter, wenn du z. B. vielseitig interessiert sagst.«

»Auch sexuell?«

»Ich denke schon.«

»Du weißt es nicht?«

»Ich glaube, sie hat sich genommen, was sie bekommen konnte von allem, worauf sie Lust hatte. Aber ich weiß nichts Konkretes.«

»Warum nicht? Ihr wart doch ein Paar, wie du selbst sagtest?«

»Wir haben uns nicht in das Leben des anderen eingemischt – nicht auf diese Art.«

Ehlers massierte die drei zuletzt erschienenen Falten. Falls er sie weiterhin so nett behandelte und pflegte, würden sie schon noch genauso groß und tief werden wie die anderen.

»Kannst du dir irgendein Motiv vorstellen, weshalb man auf sie schießen könnte?«, fragte er.

»Nein«, antwortete ich. »Sie ist nur ein lebenshungriges junges Mädchen.«

»Lebenshungrige junge Mädchen können oft ein ziemliches Durcheinander anrichten – ohne es eigentlich zu wollen.«

»Du denkst an eine Eifersuchtsgeschichte?«

»Was sonst?«

»Es könnte auch jemand gewesen sein, der mich treffen wollte. Es könnte ein Verrückter gewesen sein.«

»Man muss nicht unbedingt ein Verrückter sein, um das zu wollen.«

»Ich hatte an zwei verschiedene Möglichkeiten gedacht. Du klingst immer mehr wie Otzen.«

Ehlers gähnte.

»In einer halben Stunde werde ich in der Klinik mit ihr reden«, sagte er. »Wenn du inzwischen eine Zigarette rauchst und etwas nachdenkst, kann ich einige Berichte durchsehen, und wir können dann zusammen dorthin fahren.«

Ich tat, wie mir gesagt. Worüber ich nachdachte war, wie Recht ich hatte: wie sehr er Otzen ähnelte. Es war nicht die Aufgabe eines Polizeiinspektors, so eine Vernehmung durchzuführen. Zu so etwas schickte man einen Assistenten.

Aber Ehlers ging es genau wie Otzen: Er wollte – wie die Kinder – selbst die Finger in den Matsch stecken.

4

In einem überdimensionierten Krankenhausbett, in einer grotesken, gigantischen Landschaft aus weißen Decken und Laken, sah Anne immer noch genauso aus wie letzte Nacht, als sie im Schnee lag: zart und zerbrechlich. Der Anblick ähnelte der Szene so sehr, dass man denken konnte, das Bettzeug wäre bloß Schnee in festerer Form.

Aber die Blutflecken waren verschwunden. Und sie konnte sprechen – wieder. Sie ergriff sofort meine Hand, als Ehlers und ich ihr Einzelzimmer betraten.

»Sie haben mir erzählt, was passiert ist«, sagte sie. »Wie lieb von dir! Du hättest einfach abhauen können.«

»Du spinnst wohl.«

»Das glaube ich nicht … Neun von zehn hätten es getan.«

So wie sie das sagte, sah sie auf einmal zehn Jahre älter aus. Hier im Viertel altert man schnell.

»Wie geht’s dir?«, lautete meine konventionelle Frage.

»Besser. Die Ärzte sagen, dass ich durch den Schock bewusstlos wurde, – nicht durch die Kugel. Ich habe etwas Blut verloren, aber in ein paar Tagen kann ich entlassen werden – mit einem Verband. Ich habe wirklich Glück gehabt – sagen sie.«

»Sagen sie

»Also, zu überleben – bei dem Abstand.«

»Wenn du das so siehst …«

»Klar doch. Wie sonst? Ich liebe das Leben. Hast du mich wirklich getragen?«

»Ich konnte dich ja nicht rollen, oder? Es ging gar nicht anders.«

»Wie romantisch! Ich habe mir immer gewünscht, getragen zu werden. Am liebsten über eine Türschwelle – so dumm das auch klingt.«

Ihre grünen Augen glänzten. Es brauchte mehr als einen Mordanschlag, um Anne ihren Lebenshunger zu nehmen.

Ich stellte sie Ehlers höflich vor, und er begann mit seiner offiziellen Vernehmung, wie das Gesetz es vorschreibt.

»Würden Sie mir bitte erzählen, was Sie gestern Abend gemacht haben?«

»Sagen Sie ruhig du«, sagte Anne und lächelte ihm ins Gesicht mit ihrem charmanten schiefen Lächeln.

Anne hatte ein paar sehr vorstehende Vorderzähne, nicht unähnlich denen von Chip oder Chap. Es klingt nicht besonders anziehend, ist es aber doch. Selbst auf Ehlers’ Beamtenmaske übte es seine Wirkung aus. Er setzte sich auf einen Stuhl und bemühte sich, ganz normal menschlich auszusehen.

»Was hast du gestern Abend gemacht?«

Anne lächelte wieder.

»Das ist die Art von Frage, die ich sonst nur in Kriminalromanen lese«, sagte sie. »Das ist richtig spannend. Ja, ich war auf der Arbeit – ich arbeite bei Vesterbro Video in der Istedgade – bis acht.«

»Also 20.00 Uhr?«

»Ja, dann wurde ich abgelöst.«

»Und was dann?«

»Ich bin nach Hause gegangen und habe zu Abend gegessen. Danach sah ich fern.

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