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Mord im März

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Hinweis
  7. ERSTER TEIL: Erster Tag
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
    12. Kapitel 12
    13. Kapitel 13
    14. Kapitel 14
    15. Kapitel 15
  8. ZWEITER TEIL: Zweiter Tag
    1. Kapitel 16
    2. Kapitel 17
    3. Kapitel 18
    4. Kapitel 19
    5. Kapitel 20
    6. Kapitel 21
    7. Kapitel 22
    8. Kapitel 23
    9. Kapitel 24
    10. Kapitel 25
    11. Kapitel 26
    12. Kapitel 27
    13. Kapitel 28
    14. Kapitel 29
    15. Kapitel 30
  9. DRITTER TEIL: Coda
    1. Kapitel 31
    2. Kapitel 32
    3. Kapitel 33

Über dieses Buch

Der 5. Band aus der Reihe um Inspektor Ehlers und den unbekannten Journalisten aus der Feder von Dan Turèll.

Der Kunsthändler und Mäzen Eric Liljencrone wird in seiner Wohnung im dänischen Frederiksberg ermordet aufgefunden. Schnell ist klar, dass ihn mehr als nur väterliche Gefühle mit seinem letzten Protegé, dem »hitzigen« Maler Willy Fontana, verbunden hat. Als der plötzlich verschwindet, ohne sein riesiges Erbe abzuholen, haben der namenlose Privatschnüffler und Kommissar Ehlers genügend Stoff für Spekulationen. Doch die Ermittlungen schleppen sich nur zäh voran- und währenddessen folgt ein mysteriöser Todesfall auf den anderen...

Weitere Krimis aus der Reihe um den unbekannten Journalisten:

Mord im Dunkeln.

Mord in Rodby.

Mord auf Malta.

Mord am Rondell.

Mord im Herbst.

Mord in der Dämmerung.

Mord in Vesterbro.

Mord im Straßengraben.

Mord in San Francisco.

Mord im Waschsalon.

Mord auf Bornholm.

Über den Autor

Dan Turèll war Schriftsteller und Journalist. Er hat sich in Dänemark zur Kultfigur entwickelt. »Onkel Danny« hat ein riesiges OEuvre aufzuweisen. Die Krimi-Serie über den namenlosen Journalisten brachte ihm den Durchbruch. Mit viel Ironie, schwarzem Humor und Gespür für die dänische Seele hat er dem Land seinen ersten klassischen »Privatschnüffler« geschenkt und die amerikanische Tradition des Genres kongenial ins Dänische verpflanzt.

Dan Turèll

Mord im
März

Krimi

Aus dem Dänischen von
Bernd Kretschmer

Hinweis

Besucher werden in Frederiksberg nach dem Drachmannsvej und dem Herman-Bangs-Vej vergebens Ausschau halten (wie ungerecht dies auch erscheinen mag), ebenso nach dem Café Christopher oder dem Nachtclub Havanna (wie unattraktiv dies auch sein mag). Mit anderen Worten: Die Ähnlichkeit mit Personen und Örtlichkeiten ist rein zufällig und nicht beabsichtigt, etc. etc ...

D. T.

ERSTER TEIL:

ERSTER TAG

1

Es war ein Tag im März, jedenfalls nach dem so genannten gregorianischen Kalender, aber es war mehr: Es war ein guter Tag, genau so einer, wie ich ihn mag. In einem stinknormalen Leben kommt so ein Tag selten genug vor, deshalb ist er es auch wert, dass man sich ihn merkt.

Das Wetter war klar, und die Luft schien still zu stehen, weder warm noch kalt, weder trocken noch nass – als ob sich das Wetter ganz einfach einen Tag frei genommen, die Werkstatt verlassen und alle Requisiten und Tricks in die Schränke mit versiegelten Sicherheitsschlössern weggeschlossen hätte. Es war einer dieser Tage, an denen man meinte, von einem Ende der Stadt bis zum anderen sehen zu können, oder von einem Ende seines Lebens bis zum anderen, je nachdem, ob man das äußere oder das innere Fernglas benutzte.

Vielleicht war es nur dieses bleiche, leicht kühle März-Wetter, vielleicht war es die vorige Nacht, die mir immer noch im Körper steckte, eine glückliche Nacht zusammen mit Gitte, ein wahres Wunder an Nacht, eine dieser Nächte, die einen wirklich fast glauben lassen, viele Aggressionen und Erbsünden würden verschwinden, wenn nur alle Menschen ein gutes Sexualleben hätten und dieses auch regelmäßig ausleben könnten. Es war eine dieser Nächte, die wie die göttliche Auferstehung selbst sind, nach denen man greift wie ein Baby nach seiner Rassel oder ein Rauschgiftsüchtiger nach seiner Spritze – dankbar, aber trotzdem ein bisschen verwundert darüber, dass jemand glaubt, man verdiene es, wieder aufzuerstehen.

Und dann hatte Gitte sich sogar – im letzten Moment, im vierten Monat, endlich entschlossen, dass sie unser Kind zur Welt bringen wollte. Nach monatelangem Hin und Her – nach genau drei Monaten – hatte sie endlich ihre Entscheidung getroffen. Wenn man in dieser Angelegenheit lange genug wartet, entscheiden andere für einen: Dann überschreitet man die Frist, innerhalb der die Abtreibung noch legal ist – vielleicht war es nur das. Sie konnte sich auch immer noch dazu entschließen, das Kind nach der Geburt zur Adoption freizugeben, natürlich. Es gab immer noch Hintertürchen.

Aber trotzdem war ich ganz schön aufgekratzt. Wenn wir noch mehr Nächte wie diese hätten, würde sie das kaum tun. Wenn wir noch mehr Nächte wie diese hätten, könnte es sogar sein, dass ich das Kind adoptieren würde. Als eine Art Souvenir.

Ich lachte ein bisschen darüber, so ganz still in mich hinein, als ich – immer noch mit ihr und den Erinnerungen an die Nacht in meinem Körper, oder besser um den Körper, wie eine Art Hülle, ein warmer, schützender Panzer – die Vesterbrogade überquerte und zum Hauptbahnhof ging.

Es war mitten am Tag. Die Rathausglocken hatten gerade zwölf geschlagen, mit dem üblichen dumpfen Laut beim letzten Schlag, wie ein Schlagzeuger, der sein Solo mit Nachdruck abschließt, wie um deutlich zu machen, dass es das war, weiter kam man nicht. Auch der Verkehr klang so, als ob es ein guter Tag wäre. Es gab nicht einen einzigen Busfahrer, der mit geballter Faust einem Autofahrer drohte, nicht einmal gereiztes Gehupe, als ich die Vesterbrogade überquerte. Jeder Kopenhagener weiß, wie selten das ist.

Ich war beim bladet gewesen, nur um ›mal eben nachzufragen‹. Wir freien Mitarbeiter sind dazu verdammt, auf jeden Fall ab und zu mal nachzufragen, ›ob es etwas gäbe‹. Besonders diejenigen von uns, die sich gerade darauf einstellen – auf die eine oder andere Art – Vater zu werden.

»Vater«?! Das klang nach einem langen Vollbart, einem leidigen Komplex und einer meterlangen Krummpfeife, irgendwo zwischen Siegmund Freud und Thorvald Stauning.

Es gab wirklich was, zumindest halbwegs was. Michelsen, Chef vom Dienst, hatte mir einen anonymen Brief gegeben, den das bladet am selben Morgen erhalten hatte.

Nicht, dass das etwas Neues gewesen wäre. Nachdem das bladet einige Monate zuvor alle Busse, Bahnstationen und Plakatsäulen mit dem einfallsreichen Slogan zugepflastert hatte: »Erzählen Sie es dem bladet« (»Wollen Sie eine Kritik anbringen, ein Erlebnis, das Sie hatten, eine Freude, die Sie mit anderen teilen wollen – dann Erzählen Sie es dem bladet!«), hatten wir unsere wohlverdiente Strafe bekommen. Wir waren von anonymen Briefen und apokryphen Telefonanrufen geradezu überschwemmt worden, die meisten davon bar jeglichen Interesses für jedes menschliche Wesen mit einem IQ über 15. Wir – oder glücklicherweise richtiger sie, die Festangestellten, die nicht einfach schreiend aus ihren Büros laufen konnten, hatten mit einer variantenreichen Auswahl der verbissensten und verbohrtesten Querulanten und Irren der Nation sprechen müssen. Die hart arbeitenden Kollegen hatten sich Krankheitsgeschichten, nachbarliches Getratsche, Streitereien über Grundstückszäune, Klagen über verspätete Postzustellungen und Verspätungen im Bahnverkehr, Beschwerden über Steuern, Nörgeleien über das ungepflegte Äußere und die Unverschämtheit der Jugend anhören und ansehen müssen. Nach und nach hatten sie den Eindruck bekommen, in ganz Dänemark würden nur Leute leben, die sich Tag für Tag über eine überreife Banane in der Plastiktüte des Obst- und Gemüsehändlers aufregen. Mehr als einmal hatten sie dem Chefredakteur gegenüber diskret angedeutet, dass sie seinerzeit als Journalisten angestellt worden wären, und nicht als Psychiater, Sozialberater oder Krankenpfleger.

»Das bindet uns enger an die Leser!«, lautete dann die ständig wiederholte orakelhafte Antwort von Chefredakteur Otzen.

Das Einzige, was man dazu sagen konnte, war, dass es höchst zweifelhaft war, ob irgendjemand von denen, die sich an uns wandten, überhaupt lesen konnte oder es überhaupt jemals können würde.

Na ja, der Absender des anonymen Briefes, den ich in der Jackentasche hatte, konnte vermutlich lesen, da der Betreffende schreiben konnte. Diese beiden Eigenschaften hängen ja oft miteinander zusammen.

In dem Brief gab es auch kein Anzeichen für Querulantentum. Es war ein kurzer, konzentrierter, sachlicher Brief ohne oberflächliches Gewäsch und Blödsinn. Es war ein Brief, der gleich zur Sache kam. Auf einem Stück din A5-Papier, nachlässig ab- und runtergerissen von der Art von Blöcken, die man an jedem Kiosk kaufen kann, geschrieben mit blauem Kugelschreiber in Blockbuchstaben, standen nur vier kleine Wörter:

Wo ist Eric Liljencrone?

Überprüf den mal eben, hatte ein viel beschäftigter Michelsen gesagt. Und bevor ich überhaupt das bereits offene Kuvert öffnen konnte, war er schon wieder weg. Der älteste Trick in der dänischen Presse, wenn man eine unliebsame Aufgabe verteilt.

Aber ich hatte ja nichts Besonderes vor – jedenfalls nicht vor dem Abend, wenn Gitte aus ihrem Anwaltsbüro nach Hause kam. In der Zwischenzeit konnte ich genauso gut über Eric Liljencrone nachdenken wie Tauben auf dem Rathausplatz füttern. Ich war jedenfalls froh über den Namen. Hätte da Peter Larsen oder Poul Jensen gestanden, ich hätte den Brief gleich in den Papierkorb geworfen.

Es gab nur drei Liljencrones im Kopenhagener Telefonbuch. Und es gab nur einen Eric. Außer ihm wurden auf dem Markt für Liljencrones nur eine Astrid und eine Irene angeboten. Das klang altmodisch. Das klang ein bisschen nach Lavendel, Riechsalz und gestickten Taschentüchern in Kommodenschubladen. Sie wohnten auch alle in der noblen Nachbargemeinde Frederiksberg.

Ich folgte meinem so genannten journalistischen Instinkt und setzte voller Initiative meine Recherche fort, wobei ich vom Telefonbuch zum »Blauen Buch«, dem dänischen Who is Who wechselte. Hier belegte Eric Liljencrone ein solides Dutzend Zeilen mit Beschlag.

Er hatte sein Jura-Staatsexamen, war Direktor, Sohn von Direktor Thomas Liljencrone und dessen Gattin Astrid, geborene Rützfeldt, war 1920 geboren und demnach in den Sechzigern. Er hatte eine Vielzahl von Posten im Außenministerium bekleidet, war Beauftragter und Beigeordneter in dem einen oder anderen Ausschuss und war mit dem L. 1. 2, Sp. C. F. und N.St.O2 ausgezeichnet worden, Dinger, die sich auf dem Revers seines Jacketts bestimmt gut ausnahmen. Beim Tod seines Vaters war er von einem diplomatischen Posten in Paris zurückgetreten. Jetzt war er Direktor von Liljencrone Invest. Er war nicht verheiratet, eine Frau war nämlich nicht erwähnt, und wohnte im Drachmannsvej 5, Frederiksberg.

Ich rief ihn an – was ihn nicht weiter kümmerte.

Dann fand ich die Nummer von Liljencrone Invest in der Bredgade. Auch da hatte niemand Lust, den Telefonhörer abzuheben. Wäre ich ein solider Investor gewesen, hätten sie dadurch Millionen verlieren können.

Aber andererseits, wäre ich wirklich ein solider Investor gewesen, hätte ich nicht meine Zeit vergeudet, dazustehen und einen mir unbekannten älteren Herrn anzurufen, nur weil ein hektischer Chef vom Dienst mir einen anonymen Brief in die Hand gedrückt hatte.

Während ich so in meine eigenen – vom bladet bezahlten – Gedanken vertieft durch den Hauptbahnhof ging, stieß mich jemand an. Dieser Jemand erwies sich als ein älterer Herr, wohl kaum Eric Liljencrone. Dieser Jemand wollte gerne eine Spende für eine Bahnfahrkarte nach Roskilde.

Ich erkannte die Visage sofort. Dieser Mann sammelte für seine Fahrkarte nach Roskilde, seit ich dort in dem Viertel wohnte. Ich fragte ihn, ob er nicht lieber mal woanders hin wolle, nur der Abwechslung halber. Ich betonte, die Welt habe andere Herausforderungen zu bieten als Roskilde. Ich erzählte ihm, ich hätte gehört, in Ringsted sei es so schön.

Er vertraute mir mit zutiefst professionellem Ernst an, dass eine Fahrkarte nach Roskilde der passendste Einsatz sei, denn der Preis dafür entspreche genau dem Betrag, den er meistens bekam, wenn er etwas bekam. Ringsted würde sich nach zu viel anhören, meinte er. Die Leute würden Bedenken kriegen.

Das hörte sich irgendwie richtig an, und ich wurde einen Zehner an Extra-Steuer los, und er sagte, ich wäre ein guter Mensch. Es war lange her, dass mir jemand wegen eines so bescheidenen Betrages so was gesagt hatte. Es war tatsächlich ein guter Tag.

Die Istedgade wirkte nahezu frühlingshaft. Das plötzliche Fehlen dieser Mischung aus Schnee und Regen, die die Stadt in den letzten Monaten heimgesucht hatte, hatte alle Tiere aus ihren Winterschlaf-Löchern gelockt. Auf den Haustürstufen entlang der Bürgersteige saßen die typischen Vollzeit-Schluckspechte der Straße, das dritte oder vierte Starkbier zwischen ihre Knie gepresst, und die Nutten hatten mit ihrer Wachparade vor den kleinen Hotels begonnen; langsam und wohl überlegt, in ihrer Kleidung offenherziger, als sie es noch vor einem Tag gewagt hätten, gingen sie ihre dreißig, vierzig Meter auf und ab, begegneten sich, wechselten ein paar Worte und schritten dann ihre Route weiter ab mit plötzlich aufmerksamen Blicken nach möglichen Kunden, Blicke, die sich wie Suchscheinwerfer über ein Menschenmeer hinwegbewegten.

Auch ein einzelner Zeuge Jehovas war auf den Beinen und verteilte großzügig nach allen Seiten seine Pamphlete und Blätter über die Erlösung und das Ewige Leben. Sie wurden mit gleichgültiger Gutmütigkeit entgegengenommen, wahrscheinlich, um ihm eine Freude zu machen.

Ein Rauschgiftsüchtiger lag auf dem Rücken, platt ausgestreckt auf dem Bürgersteig vor dem Kirchplatz am Anfang der Istedgade mit einer schmuddeligen Bar auf jeder Seite. Vielleicht wartete er auf jemanden. Vielleicht war er bewusstlos. Vielleicht war er tot. Niemand schien sich darum zu kümmern.

Er war auch nicht mein Sohn, also ging ich einfach um ihn herum. Einen Moment lang kam mir an ihm etwas merkwürdig vor, und dann wusste ich auch, warum: Es war das erste Mal, dass ich ihn draußen im Freien sah. Er hatte nur ganz einfach ein Untergestell und Beine bekommen, anstatt dass der Bauch wie sonst von einer grünen Bartheke verlängert war. Höchst verwirrend, so was.

Zwei Grönländer waren in einer wilden Schlägerei zugange und rollten sich vor dem Spielplatz auf der Erde herum, während Mütter und Kinder sie aus der Entfernung betrachteten. Zwei Türken standen dabei und wetteten anscheinend einen Fünfer auf den Ausgang des Kampfes.

Von der Telefonzelle am Spielplatz aus rief ich erneut Liljencrone an. Ich rief auch Liljencrone Invest ein weiteres Mal an. Meine Anrufe stießen immer noch auf das gleiche große Interesse.

Einen Moment lang dachte ich daran, ob ich versuchen sollte, Astrid oder Irene anzurufen – angesichts des bescheidenen Beitrags der Liljencrones zur Überbevölkerung war es ziemlich wahrscheinlich, dass sie miteinander verwandt waren. Ich überlegte, ob ich in die Gegend vom Drachmannsvej runterlatschen und dort im Viertel das anstellen sollte, was Privatdetektive als ›diskrete Nachforschungen‹ bezeichnen (eines der sehr wenigen Dinge, die man heutzutage anstellt).

Dann zuckte ich mit den Achseln. Wozu gibt es die Polizei?

Ich umging geistesgegenwärtig einen rollenden Grönländer, kreuzte die Istedgade mit einer resoluten Plötzlichkeit, die den Straßenecken-Nutten eine schnell enttäuschte Hoffnung auf neuen Umsatz vermittelte, und ging hinunter zur Polizeiwache am Halmtorvet, um das Problem an meinen Freund, Inspektor Ehlers, weiterzureichen. Wahrscheinlich langweilte er sich an diesem schönen Tag. Eric Liljencrone musste da genau das Richtige für ihn sein.

2

Wenn du wüsstest, wie viele wir von dieser Art bekommen!«, sagte Ehlers, als er sich den Brief ansah.

»Das glaub ich gerne«, antwortete ich. »Dein hoher Chef, der Justizminister, pflegt in seinen Reden zu sagen, dass die Polizei nicht ohne die Zusammenarbeit mit den Bürgern funktionieren kann.«

Ehlers runzelte die Stirn. Ehlers gehörte nicht gerade zum Fanclub des Justizministers.

»Untersucht ihr die denn alle?«, fragte ich. »Alle Briefe dieser Art?«

»Wenn es nicht gerade totaler Schwachsinn ist. Das müssen wir ... Eine gute Übung für neue Leute. Na, lass uns mal sehen ...«

Er studierte den Umschlag.

»Hm. Gestern abgeschickt in Kopenhagen.«

»Ein Lob der Post. Schon einen Tag später zugestellt.«

»Das ist ein ungewöhnlicher Name.«

»Ich habe ihn schon gecheckt. Er steht sogar im ›Blauen Buch‹!«

»Wohnsitz?«

»Drachmannsvej 5.«

»Das ist doch eine der kleinen Nebenstraßen zur Frederiksberg Allee, nicht?«

»Eine sehr kleine Nebenstraße.«

»Was weißt du über ihn?«

»Nicht mehr als das aus dem ›Blauen Buch‹!«

Ich gab ihm eine kurze Zusammenfassung.

»Ein wichtiger Mann, was?«

»Jedenfalls kein Gemeinde-Straßenkehrer.«

»Ja, ja doch. Ich schicke einen Mann raus. Ich wollte übrigens gerade in die Mittagspause gehen. Kommst du mit? Wir haben danach sicher schon ein Ergebnis.«

»Okay.«

»Nicht, dass ich glaube, es bringt was. Er ist sicher nur für acht Tage nach Mallorca.«

»Ich glaub nicht, dass er ein Mallorca-Typ ist.«

»Na dann eben Paris. Warte einen Moment, dann veranlasse ich das.«

Ich lehnte mich in Ehlers Besucherstuhl zurück und steckte mir eine Zigarette an. Es war ein harter, unbequemer Stuhl, auf dem ich schon einmal als Verdächtiger gesessen hatte. Aber trotz allem war er diesmal lange nicht so unbequem wie damals beim Verhör.

Ich glotzte aus dem Fenster auf den Fleisch-Großmarkt gegenüber, wo erwachsene Männer gerade dabei waren, tote Schweine aus den Kühlwagen in die Baracken zu schleppen. Das halbgefrorene Fett hinterließ seine Spuren auf ihren Kitteln. Es war nicht gerade ein Anblick, bei dem man weiteren Appetit auf Mittagessen bekommt. Hätte ich täglich diese Aussicht, ich wäre Vegetarier geworden. Diejenigen, die Aussicht auf den Gemüse-Großmarkt haben, sind vermutlich Fleischfresser.

Ehlers Schreibtisch quoll – wie immer – über vor Stapeln von Berichten und Dokumenten, die er durchsehen musste. Das Regal dahinter war voll gestopft mit Aktenordnern, alle in schwarz, mit Berichten und Dokumenten, die er bereits durchgesehen hatte. Papier, Papier. Und jedes einzelne verdammte Stück Papier handelte von einem größeren oder kleineren Verbrechen. Jeder einzelne Bogen enthielt ein Schicksal, ein sorgfältig durchkontrolliertes Schicksal, über das Buch geführt wurde.

Es hat schon was für sich, wenn man kein Bulle ist. Vielleicht hat man im Alltag nicht gerade viel zu lachen, aber zumindest ist man kein Bulle. Und auch nicht Schweineschlepper. Darüber sollte man wirklich froh sein.

Ehlers kam zurück.

»Die Sache ist in Arbeit«, sagte er kurz. »Gehen wir?«

»Wohin?«

»Ich kriege in einer Stunde Bescheid drüben bei Ho.«

»Also zu Ho.«

Auf dem Weg von der Polizeiwache am Halmtorvet rüber zu Ho Ling Fungs chinesischem Restaurant in der Vesterbrogade sprach keiner von uns ein Wort. Wir benutzten nicht den Mund, wir strengten stattdessen unsere Augen an. Wir bewegten uns in einem Bezirk, den wir kannten, einer Gegend, die wir, jeder auf seine Art, nicht aufhören konnten zu mögen, einer Gegend, in der es für jeden von uns gute Gründe gab, sie aufmerksam zu betrachten. Wir hatten schon früher darüber gesprochen: Wenn es schon nichts anderes gibt, was ein Bulle und ein Journalist gemeinsam haben, so doch die Art zu sehen. Sehen kann Arbeit sein. Für uns war es das.

»Habt ihr ansonsten viel zu tun?«, fragte ich, als wir uns in Hos stets in matten Glanz getauchtem Lokal niedergelassen hatten, zwischen dem schwarzen Krapplack und den dicken roten Teppichen, an dem Tisch direkt unter dem Tadsch Mahal, wo wir schon viele Male vorher gesessen hatten.

»Tjaaah ...«

Ehlers dehnte das Wort.

»Es ist Routine-Zeit«, sagte er dann. »Es gibt nicht wirklich was, nichts, was dich oder deine Leser interessieren würde.«

»Zum Teufel mit denen. Beim bladet spekulieren sie auf nichts anderes als auf das, was die Leser interessiert, und trotzdem ist sich niemand ganz sicher, was das sein könnte. Was macht ihr?«

»Das, was wir immer machen. Alltagskram. Rauschgift, Schmuggel, Kuppelei, Diebstahl ... das ganze Programm. Auf jeden Vorgang, der aufgeblasen wird und über den gelabert wird, kommen fünfundzwanzig, die ganz ruhig und friedlich abgeschlossen werden.«

»Und in einem Aktenordner enden.«

»Und wo enden deine Storys?«

»In einem anderen Aktenordner, ich weiß. Die ganze Welt besteht so lange aus Aktenordnern, bis sie ein anderes System finden. Was willst du essen?«

»Ein Omelett. Du siehst ganz so aus, als ob es dir heute gut geht.«

»Das musste ja früher oder später kommen.«

»Die Stadt ist schön bei diesem Wetter.«

»Die Stadt ist immer verdammt schön. Man sollte gar nicht glauben, dass so eine stinkende Krebsgeschwulst so schön sein kann.«

»Ja, sehr schönes Wetter«, sagte Ho, als er die Teller hinstellte.

Die ewige, ununterbrochene, vogelgezwitscherähnliche chinesische Musik, diese Art von Musik, die weder Anfang noch Ende hat, sondern nur so dahinplätschert, lullte uns fast in den Schlaf. Wir saßen ganz friedlich da. Es war durchaus möglich, sogar fast sicher, dass draußen vor Hos Restaurant Leute sich ermordeten und peinigten und belästigten und vergewaltigten und beklauten, aber wir saßen friedlich in unserer kleinen Oase. Eine Stunde Frieden für einen Hundertkronen-Schein – nicht schlecht im Zwanzigsten Jahrhundert.

Die nächste halbe Stunde sprachen wir über die neue Stadtplanung, die – falls sie verwirklicht würde – ein für alle Mal jede Spur von dem Viertel Vesterbro, so wie wir es kannten, auslöschen würde.

Würde es nach der Stadtverwaltung gehen, sollten all die wurmstichigen Wohnblocks abgerissen werden, all die kleinen Bars, all die engen Gassen mit den beschissenen Hotels, die Zimmer stundenweise vermieten, all die grauen Hinterhöfe mit den Resten kleiner Werkstätten, all die merkwürdigen Gebrauchtwarenläden mit ihren fettigen Second hand-Gaskochern, alles sollte verschwinden, um Platz zu schaffen für einen großen hyperhygienischen Betonkomplex, der nach dem Bürgermeister benannt würde.

»Ich weiß, es ist ein Scheiß-Slum, aber ich würde ihn trotzdem vermissen«, sagte Ehlers.

»Es ist Mord«, sagte ich. »Schlicht und einfach Mord.«

»Das ist nicht sicher«, sagte eine Stimme rechts von mir, als Kaspersens langer, magerer Körper sich auf den leeren Stuhl neben mir pflanzte. »Aber er ist wohl weg.«

Kaspersen war Ehlers’ Entdeckung, ein junger und viel zu intelligenter Bulle, den er vom ersten Tag an sozusagen adoptiert hatte.

»Hast du nicht Schmidt geschickt?«, fragte Ehlers.

»Doch«, sagte Kaspersen.

»Doch nicht etwa Steffen Schmidt?«, fragte ich interessiert. »Steffen Schmidt aus Thisted?«

Kaspersen grinste.

»Woher kennst du ihn denn?«

»Er hat mich einmal einen ganzen Abend lang bewacht. Das war damals, als ich zum ersten Mal Ehlers begegnet bin. Ehlers glaubte damals, ich hätte ein paar Menschen erschossen.«

»Das war die Affäre mit ›dem Dünnen‹, du musst davon gehört haben«, sagte Ehlers zu Kaspersen. »Aber natürlich hab ich das nicht von unserem Freund hier wirklich geglaubt, ich wollte ihn bloß aus dem Weg haben, es war viel zu mühsam, ihn frei rumlaufen zu haben.«

»Ich erinnere mich an neulich«, sagte Kaspersen. »Der Typ, der immer rumläuft und über Leichen stolpert.«

»Wie der Justizminister schon sagt, die Öffentlichkeit muss ...«

»Lasst uns einen Kaffee bestellen.«

»Was war denn mit dem Liljencrone?«

»Schmidt ist zu ihm rausgefahren. Er wohnt im dritten Stock eines der vornehmen alten Häuser – ein Palais, hat Schmidt gesagt. Er hat geschellt, ohne dass etwas geschah. Dann hat er mit einem Hausmeister gesprochen, der sagte, er hätte ihn seit ein paar Tagen nicht gesehen, aber das wäre nichts Ungewöhnliches, und was denn überhaupt los sei. Schmidt hat gesagt, er solle nur nachfragen. Das einzig Praktische, was er aus dem Hausmeister herausbekam, war, dass der ›Direktor‹ – so nannte er ihn die ganze Zeit – eine Putzfrau habe, die jeden Tag käme, eine Frau Henriksen, und dass er ihre Telefonnummer habe. Also hat Schmidt bei ihr angerufen und von ihrem Mann erfahren, dass sie im Krankenhaus in Hvidovre liege, weil sie ›was mit den Nieren‹ habe, und sie liege da seit drei Tagen, und das wüsste Liljencrone genau, denn er selbst hätte zu ihr gesagt, sie sollte das nun endlich in Ordnung bringen und überhaupt nicht an ihn denken, er würde schon zurechtkommen.«

»Sehr liebenswürdig.«

»Sie putzt schon seit Jahren für ihn.«

»Typischer Junggeselle, was?«

»Sieht so aus. Der Hausmeister hat auch gesagt, dass Liljencrone oft verreisen würde, und dann hätte die Frau einen Schlüssel für die Wohnung. Er meinte, er wäre nur für ein paar Tage verreist.«

»Und weiter?«

»Dann ist Schmidt zurückgekommen und hat die Sache mir wieder aufgehalst, und ich habe dann die beiden anderen Liljencrones angerufen, die im Telefonbuch stehen.«

»Astrid und Irene«, sagte ich.

»Genau. Astrid war zu Hause. Sie ist seine Mutter. Sie muss über achtzig sein. Sie hat eine Stimme wie ein versoffener Papagei. Irene ist ihre Tochter. Sie war nicht da. Sie gäbe Unterricht, hat die Mutter gesagt. Ich habe nicht gefragt, was sie unterrichten würde.«

»Was hast du ihr gesagt?«

»Ich habe ihr geradeheraus gesagt, dass wir einen anonymen Brief erhalten hätten und die Sache untersuchen müssten.«

»Und was hat sie darauf gesagt?«

»Das ist das Merkwürdige«, sagte Kaspersen. »Sie hatte Angst, dass etwas passiert sein könnte. Sie hätte gerne, dass nach ihm gesucht wird. Es gibt gar keinen Zweifel: Sie hatte Angst. Ihre Stimme hat gezittert.«

»Hast du sie gefragt, ob er verreist sein könnte?«

»Ja, und sie hat gesagt, das könnte er nicht, weil sein Pass immer noch bei ihr zu Hause liege, seit sie letzten Monat zusammen eine Woche in Paris gewesen wären.«

»Er könnte nach Schweden gereist sein.«

»Oder nach Odense, von mir aus. Es ist nur, hat sie gesagt, dass er sie sonst jeden Tag anrief – anruft –, wirklich jeden Tag, und das habe er als guter Sohn seit dem Tod des Vaters getan – auch wenn er auf Reisen war. Und jetzt habe er seit drei Tagen nicht angerufen.«

»Und die Putzfrau liegt seit drei Tagen im Krankenhaus.«

»Ich vermute beinahe, da stehen drei volle, ungeöffnete Milchtüten vor der Küchentür.«

»Es gibt keinen Grund, Gespenster zu sehen. Er kann auch bloß auf ein kleines Abenteuer unterwegs sein.«

»In dem Alter?«

»Das passiert durchaus«, sagte Ehlers trocken, »in jedem Alter, Söhnchen. Meine Mutter hat sich nach dem Tod meines Vater noch als Sechzigjährige Hals über Kopf verliebt.«

»Aber die Anrufe?«

»Ja, wenn die so regelmäßig waren ...«

»Jeden Abend gegen acht.«

»Okay«, sagte Ehlers und winkte Ho wegen der Rechnung.

»Wenn sie auf dieser Grundlage nach ihm suchen lassen will, können wir uns genauso gut der Sache annehmen, nachdem wir schon mal angefangen haben. Gut, dass du in Zivil bist. Bestell einen der diskreten Wagen, dann machen wir eine kleine Tour zum Drachmannsvej und schauen uns die herrschaftlichen Domizile mal an.«

Kaspersen ging ruhig pfeifend zum Telefon.

»Was seid ihr doch neugierig«, sagte ich.

»Ja«, antwortete Ehlers. »Neugierig wie Journalisten. Du willst natürlich nicht mit, oder?«

Ein paar Minuten später saßen wir alle drei in dem diskreten Wagen, einem grauen Sedan, auf dem Weg zur Frederiksberg Allee.

3

Ich war diese Tour wohl schon zehntausend Mal gefahren, trotzdem stierte ich durch die Fensterscheibe des Wagens wie ein Schuljunge aus der Provinz bei seinem ersten Besuch in der Hauptstadt oder wie ein zum Tode Verurteilter auf seinem kurzen Weg durch die Stadt vor seiner Exekution. Obduziert mein Bewusstsein, seziert mein entzündetes Gehirn, und was herausströmt, werden die Bilder eines Lebens von Kopenhagen und seinen Straßen sein, die Stadt am frühen Morgen und spät in der Nacht, die Stadt in Sonne, Regen und Schnee.

Aus dem beschissenen, vielleicht bald geschlachteten Vesterbro mit seinen Pflastersteinen fuhren wir nach Frederiksberg und überschritten so eine der inoffiziellen Grenzen der Stadt, die Grenze zwischen zwei Gebieten, jedes auf seine Art ein Ghetto. Die Straße wurde allmählich breiter, je weiter wir fuhren, und es gab sogar Raum für Bäume am Straßenrand. Die Häuser wurden größer und nicht zuletzt auch gepflegter. Auch auf den Treppenaufgängen saß niemand mehr.

Der Drachmannsvej ist eine der letzten Nebenstraßen zur Frederiksberg Allee in Richtung Kirche und Park. Er führt nach rechts, hinter einem der so genannten ›Vergnügungstheater‹ kurz vor dem Frederiksberg-Platz vorbei und biegt dann nach links ab, wo er nach wenigen Metern an die Allégade anschließt. Eine exklusive kleine Straße mit der typischen Frederiksberg’schen Nebenstraßen-Mischung aus vier bis fünf Villen und sechs bis sieben imponierenderen Wohnhäusern, die noch nie was von Toiletten im Hinterhof gehört hatten, geschweige denn von Ratten im Keller.

Der Wagen hielt vor einem großen, breiten Backsteinhaus, versehen mit zahllosen Erkern und Balkonen und mit kleinen Ecktürmen. Die Tür war vier Meter hoch, als wäre sie ursprünglich, wie die antiken Tore in Rom, für eine heute ausgestorbene Rasse von Hünen gedacht gewesen, und ihre Scheiben waren mit kirchenähnlichen Glasmosaiken verziert. Das Haus verströmte einen unverwechselbaren Duft von Bewohnern mit keinesfalls unter 400 000 Jahreseinkommen. Ein Kaufmann würde keinen Augenblick zögern, dem Bewohner eines solchen Hauses den höchstmöglichen Kredit zu gewähren.

Der Hausmeister wohnte, wie es bei Hausmeistern üblich ist, im Erdgeschoss und war für drei Etagen zuständig. Er machte den Eindruck, als wäre das keine geringe Verantwortung, er führte sich geradezu wie ein ernsthafter Küster auf oder wie ein höherer Beamter in einem Ministerium. Er hatte einen langen, dünnen Hals, den er ununterbrochen vor und zurück streckte, wie bei einer seriösen Gymnastik-Übung, wodurch sein Adamsapfel unpassend munter über einem blau gepunkteten Schlips hüpfte und tanzte. Er sah nicht danach aus, als wäre er im Stande, einen tropfenden Wasserhahn oder eine verstopfte Toilette zu reparieren, kaum dass er in der Lage schien, eine Sicherung im Zählerkasten auszutauschen.

Er blieb unschlüssig in seiner Tür stehen, verdrehte den Hals und sah uns dabei an. Er wirkte nicht gerade begeistert, uns den Schlüssel auszuhändigen, den er für Notfälle aufbewahrte. Immer wieder erwähnte er seine Verantwortung. Er sagte Verantwortung etwa auf die gleiche Weise, wie sich ein Prediger auf den gekreuzigten Jesus Christus beruft.

Ehlers und Kaspersen wiesen sich aus, und Ehlers betonte – in voller Übereinstimmung mit dem verhassten Justizminister –, dass auch die Polizei ihre Verantwortung habe und mit Recht von gesetzestreuen Bürgern loyale Zusammenarbeit erwarten könne. Ehlers fügte hinzu, es gäbe tatsächlich ein Gesetz gegen die Behinderung der Polizei bei ihrer Arbeit.

Unter Halsverrenkungen und Händeringen händigte der Hausmeister schließlich den Schlüssel aus.

»Das ist hier im Haus noch nie nötig gewesen ...«, sagte er dumpf, als sähe er den baldigen Weltuntergang kommen. Sicherlich gebe es Häuser, in denen so was passiert, das wisse man schon, man lese ja Zeitungen – aber hier im Haus ...

Wir verschmähten den kleinen, altmodischen, mit Schmiedeeisen eingerahmten Aufzug und nahmen die breite Treppe nach oben. Die Wände waren neu gestrichen, in weiß, mit geschnitzten Paneelen. Ich nahm unwillkürlich den Hut ab, und Ehlers und Kaspersen grinsten. Wir waren wirklich zum Sightseeing gekommen.

Es gab auf jeder Etage nur eine Wohnung, also mussten sie enorm groß sein. Im ersten Stock wohnte ein Arzt. Im zweiten ein bekannter und berühmter Anwalt.

»Gute Steuerzahler«, sagte ich.

»Kaum«, meinte Ehlers. »Eher gute Freibeträge.«

Im dritten Stock, an einer Tür, reich verziert mit geschnitzten Eichenlaub-Ornamenten, stand auf einer Messingplatte ›Eric Liljencrone‹. Mehr nicht.

Wir schellten und hörten, wie die Klingel drei, vier Mal ergebnislos läutete.

Ehlers schloss auf, wobei er in leichtem Konversationston über die Schulter hinweg die Bemerkung fallen ließ, dass das Sicherheitsschloss nicht benutzt worden war.

»Zeiss Ikon?«, fragte Kaspersen.

Ehlers nickte.

»Die haben inzwischen alle.«

»Alle, die etwas haben.«

»Das haben die alle hier. Kommt!«

Wir betraten einen geräumigen Flur mit Konsole, Kleiderschrank, großen Vasen, ein paar Mänteln, Hüten und Regenschirmen, die an einem Garderobenständer hingen, und einem Läufer, der so weich war, dass wir zwanzig Zentimeter kleiner wurden und zwergenhaften Spiegelkabinettfiguren in einem großen Rundspiegel am Ende des Flurs glichen. Wir standen still da, so wie man es instinktiv in solchen Situationen tut, um zu lauschen.

Es war kein Laut zu hören.

Der Flur führte durch eine kleinere Tür in eine Art Vorzimmer mit einer Flügeltür zu einem Raum, der gut als Ballsaal oder Tanzschule getaugt hätte. Er hatte mindestens 80 Quadratmeter, und entlang der gesamten gegenüberliegenden Wand waren Fenster mit zurückgezogenen Gardinen, die über das Dach eines der Theater auf die Frederiksberg Allee hinausgingen. Bei dem klaren März-Wetter hatten wir freien Blick über den Tivoli und über die ganze Stadt bis hin zum Kongens Nytorv.

In der Mitte des Raums stand ein großer, runder Tisch mit Stühlen, als ob das Zimmer als Konferenzraum benutzt wurde. In den Ecken standen Palmen und antike Möbel. Rund herum an den Wänden, an denen, die keinen Postkarten-Panoramablick boten, hing Kunst.

Und wenn ich Kunst sage, dann meine ich auch Kunst. Unter jedem einzelnen Bild stand mit unsichtbarer Tinte ein ansehnlicher Betrag geschrieben. Ich bin zwar kein Experte, aber immerhin konnte ich einen Léger wiedererkennen – Légers Muskeln sind unverwechselbar, wenn man sie einmal gesehen hat, und das hier war eine Studie eines Maschinenarbeiters mit stählernen Muskeln, der an einer Stempelmaschine arbeitete. Ein verdammt gutes Bild.

Dann war da noch ein Jackson Pollock. Und es gab auch einen Oluf Høst und drei, vier weitere Bilder zeitgenössischer dänischer Maler in der schwereren Gewichtsklasse – jedenfalls in finanzieller Hinsicht.

Ansonst war der Raum ganz weiß, mit einem weichen, hellen Teppich und Stuck an der Decke.

»Da hängt auf jeden Fall eine Million an dieser Wand«, sagte ich.

»Hast du denn davon Ahnung?«, fragte Ehlers. Er stand ganz still in dem Zimmer und schien dessen Atmosphäre einzuatmen.

»Nicht richtig«, sagte ich. »Wenn man wirklich Ahnung davon hat, dann kann man vorhersehen, wer einmal was wert sein wird. Aber ich kenne einige von denen, die etwas wert geworden sind, und das sind die, die da hängen.«

»Der da zum Beispiel«, sagte ich, als ich eine farbenprächtige Lithografie sah, ein Druck, der Zellwesen oder Amöben darzustellen schien, mit Fäden oder Tentakeln, die unter einem Meer tanzender Steine vor und zurück zu langen schienen, »das ist ein Miró. Der würde dich ein halbes Jahresgehalt kosten.«

»Hm«, meinte Ehlers. Er starrte einen Moment lang gedankenvoll auf ein halbes Jahresgehalt. »Einschließlich Urlaubsgeld?«

Der nächste Raum war ein Büro mit einem riesigen Klotz von Mahagoni-Schreibtisch in der Mitte und Regalen an allen Seiten. Etliche Aktenordner, Aktenordner wie die in Ehlers’ Büro, ganze Reihen davon. Aber auch teure, gebundene, altmodische Werke – Werke, nicht einfach Bücher. Tiefe Sessel in Braun und ein kultivierter Geruch nach Leder und Zigarren.

»Hm«, brummte Ehlers wieder.

Wir gingen durch ein großes, helles Schlafzimmer mit Zugang zu einem überdimensionierten Bad, die Wände ganz gekachelt, mit einer Badewanne, die für eine ganze Großfamilie von Nudisten ausgelegt zu sein schien, und kamen hinaus in eine große, saubere Essküche.

Und da fanden wir ihn. Er war das Einzige, was die Ordnung in dieser Küche störte – er und zwei nicht gespülte Gläser. Er lag auf dem Boden, halb unter dem Esstisch, mit dem Rücken nach oben und gespreizten Beinen. Zwischen seinen Schultern steckte ein großes, allem Anschein nach effizientes Brotmesser.

Es hatte viel Blut gegeben, aber das Blut auf dem eleganten graukarierten Anzug war längst geronnen.

Die Leiche sah in dieser glatten, sauber geputzten, auserlesenen Welt sonderbar obszön aus und gehörte, wie es der Hausmeister zweifellos ausgedrückt hätte, nicht hierher in dieses Haus.

Besonders nicht mit dem Messer direkt zwischen den Schultern.

Kaspersen beugte sich als Erster hinunter und sah sich die Leiche näher an.

»Das ist fast glatt durchgegangen«, sagte er. »Geführt von einer kräftigen Hand. Es muss lange her sein.«

»Höchstens drei Tage«, antwortete Ehlers. »Mindestens – das kann Bang sagen ...«

Er zuckte mit den Achseln.

»Wir müssen das ganze Team hier haben«, sagte er. »Rufst du in der Wache an?«

»Arzt, Fotograf, Fingerabdrücke?«

»Wie üblich.«

»Entschuldigung, für mich ist das eben noch nicht ganz so üblich«, sagte Kaspersen. »Vielleicht kommt das noch.«

»Das wird es nie werden«, sagte Ehlers. »Nur die Anrufe in der Wache werden das.«

Er blickte grimmig auf Liljencrones Leiche – wenn es überhaupt Liljencrone war, ich kannte ihn nicht persönlich –, mit einer Miene, als ob dieser absichtlich auf eine so blöde Weise in ein Messer gelaufen wäre. Ehlers’ Bart stand nach allen Seiten ab, so wie immer, wenn etwas passierte. Er schien zu seinen eigenen Barthaaren in telepathischem Kontakt zu stehen.

»Ich hoffe wirklich, Dr. Bang steht zur Verfügung«, sagte er. »Sonst bestelle ihnen, sie sollen versuchen, ihn zu finden.«

Kaspersen stand auf und reckte seinen langen Körper.

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