Logo weiterlesen.de
Mord im Dunkeln

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Anmerkung des Verfassers
  7. Erster Teil
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
    12. Kapitel 12
    13. Kapitel 13
    14. Kapitel 14
    15. Kapitel 15
    16. Kapitel 16
    17. Kapitel 17
    18. Kapitel 18
  8. Zweiter Teil
    1. Kapitel 19
    2. Kapitel 20
    3. Kapitel 21
    4. Kapitel 22
    5. Kapitel 23
    6. Kapitel 24
    7. Kapitel 25
    8. Kapitel 26
    9. Kapitel 27
    10. Kapitel 28
    11. Kapitel 29
    12. Kapitel 30
    13. Kapitel 31
    14. Kapitel 32
    15. Kapitel 33
    16. Kapitel 34
    17. Kapitel 35
  9. Dritter Teil
    1. Kapitel 36
    2. Kapitel 37
    3. Kapitel 38
    4. Kapitel 39
    5. Kapitel 40
    6. Kapitel 41
    7. Kapitel 42
    8. Kapitel 43
    9. Kapitel 44
    10. Kapitel 45
    11. Kapitel 46
    12. Kapitel 47
    13. Kapitel 48
    14. Kapitel 49
    15. Kapitel 50
    16. Kapitel 51
    17. Kapitel 52
    18. Kapitel 53
    19. Kapitel 54

Über dieses Buch

Der 1. Fall von Kommissar Ehlers und dem unbekannten Journalisten.

Im Kopenhagener Rotlichtviertel Vesterbro, geht es immer etwas rauer und lebhafter zu als im übrigen Kopenhagen. Aber zwei Morde in zwei Tagen sind dennoch hart an der Grenze des Annehmbaren, findet Kommissar Ehlers. Bei seinen Nachforschungen stolpert er über den wendig-windigen Kriminalreporter eines Boulevardblattes, der mehr zu wissen scheint, als er zugibt...

Weitere Krimis aus der Reihe um den unbekannten Journalisten:

Mord in Rodby.

Mord auf Malta.

Mord am Rondell.

Mord im März.

Mord im Herbst.

Mord in der Dämmerung.

Mord in Vesterbro.

Mord im Straßengraben.

Mord in San Francisco.

Mord im Waschsalon.

Mord auf Bornholm.

Über den Autor

Dan Turèll war Schriftsteller und Journalist. Er hat sich in Dänemark zur Kultfigur entwickelt. »Onkel Danny« hat ein riesiges OEuvre aufzuweisen. Die Krimi-Serie über den namenlosen Journalisten brachte ihm den Durchbruch. Mit viel Ironie, schwarzem Humor und Gespür für die dänische Seele hat er dem Land seinen ersten klassischen »Privatschnüffler« geschenkt und die amerikanische Tradition des Genres kongenial ins Dänische verpflanzt.

Dan Turèll

Mord im
Dunkeln

Krimi

Aus dem Dänischen von
Bernd Kretschmer

Anmerkung des Verfassers:

Der Autor möchte betonen, dass es sich im vorliegenden Fall nicht um einen Schlüsselroman über den Kopenhagener Stadtteil Vesterbro handelt. Straßen, Gassen und andere Örtlichkeiten sind frei beschrieben (die Saxogade und die Absalonsgade stoßen – im Gegensatz zu der hier gegebenen Beschreibung – in Wirklichkeit nicht aufeinander). In gleicher Weise ist keine der Personen bewusst der Realität nachgezeichnet. Das Buch kann also nicht als Reiseführer benutzt werden – und verfolgt im Übrigen auch nicht diese Absicht.

D. T.

Erster Teil

1

Es begann damit, dass ich vom Klingeln des Telefons aufwachte.

Aber so nahm ich es nicht wahr.

Ich war in wilder, panischer Flucht. Ich hatte jemanden ermordet. Wen, wusste ich nicht, aber mir war klar, dass es geschehen war, es war passiert, es gab für mich kein Zurück mehr, keine friedlichen Abende mehr mit den Freunden, keine entspannenden Pokerspiele bei Nick, nichts mehr mit abends in meinem hässlichen, verschlissenen alten Stuhl sitzen und Country & Western hören, während der Lärm über den Straßen in rhythmischen Wellenschlägen auf und ab klang.

Es war geschehen, ich hatte die Grenze überschritten, ich war für immer auf der falschen Seite.

Ich floh, von der Polizei verfolgt, durch scharfe, schmale, abwechselnd steigende und fallende kleine Felsabgründe – wie auf der Flucht durch die Kasbah einer arabischen Stadt. Sie waren hinter mir, waren mir dicht auf den Fersen. Ich verlor in einer scharfen Kurve die Kontrolle über das Auto, und weiterhin konnte ich überall das Heulen von Sirenen hören, über den quietschenden Reifen des Autos und über dem Gestank von verbranntem Gummi, meine blutbefleckten Finger am Lenkrad sah ich wie das letzte Bild eines Films.

Dann langte mein rechter Arm nach dem Telefonhörer neben der Matratze. Mein Arm ist ein kluger Arm. Der hatte längst durchschaut, dass es sich bei der Sirene um ein gutes, altmodisches Telefon handelte.

»Hallo?«, sagte ich.

Nicht gerade genial, auch nicht besonders erfindungsreich, aber 3.30 Uhr ist keine Zeit für geistreiche Bemerkungen, und im Übrigen ist »Hallo« kein gering zu schätzendes Wort. Edison selbst soll es erfunden haben, sodass ich jedenfalls in bester Gesellschaft war.

»Hallo?«, wiederholte ich lockend.

Irgendetwas rührte sich.

Der Laut am anderen Ende der Leitung war schwer definierbar, nicht allein aufgrund des unterbrochenen Albtraums und meiner Schläfrigkeit. Eine männliche Stimme, die röchelte, nicht nur wie ein Betrunkener, sondern wie ein völlig sinnlos besoffener Mann auf einer sechstägigen Sauftour, einer, der plötzlich sein ganzes Leben und das der restlichen Welt um der einen Sache willen in einem vorbeifliegenden Rinnstein sieht und will, dass alle sie sehen, einer, der staunende Leute zu ihr hinschleppt, damit auch sie das unabwendbare Schicksal alles Vergänglichen erkennen sollen. Ein betrunkener Mann am Rande des absoluten Zusammenbruchs, so klang es.

»Komm ...«, sagte die Stimme belegt. »Komm ... Du bist es oder? ... Komm sofort ...«

Ich war inzwischen ein wenig zu mir gekommen. Ich fragte, mit wem ich spräche und um was es sich handelte.

»Ich bin’s, alter Freund ... Du kennst doch die Stimme? Komm schnell rüber in die Saxogade ... Nummer 28 B, alter Junge ... Zweiter Hinterhof ... 28 B, zweiter Hinterhof ... Verstehst du ...«

Plötzlich ging die Stimme in ein quäkendes, knackendes Lispeln über und verschwand.

Ich drückte auf die Telefongabel und schrie »Hallo ... Hallo ... Hallo!«

Edison wäre stolz auf mich gewesen.

Aber es kam keine Antwort. Nur ein infames Tüt-Tüt, ein infam nichts sagendes Tüt-Tüt.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Der gesunde Menschenverstand – eine herrliche Eigenschaft – riet mir, das Ganze als Quatsch oder halluzinatorischen Wahnwitz, Blödsinn oder Delirium aufzufassen. Ein Mann mit einem Umgang wie ich ist so gut wie alle Arten von Telefongesprächen gewöhnt.

Und nicht nur von Telefongesprächen.

Ich war zu müde, um die Saxogade 28 B, zweiter Hinterhof, aufzusuchen. Es klang nicht gerade überwältigend attraktiv. Ich hatte bereits zwei oder drei lange Tage hinter mir. Ich ließ mich auf mein Bett zurückfallen – im Dunkeln war es hübscher, als es je bei Tageslicht sein würde – und vergaß das Telefon, versank in meinen Traum und ließ widerstandslos die Bullen die Verfolgung wieder aufnehmen, wohl wissend, dass es böse enden würde.

Und so war’s. Sie kriegten mich.

Ich selbst meinte, völlig zu Unrecht.

2

Als ich dann richtig aufwachte, hatte der Verkehrslärm draußen merklich zugenommen, der Vormittag war näher gerückt, und als ich die Augen aufschlug und anfing, die üblichen Überlegungen anzustellen, wer ich war, wie ich hieß und wo ich wohnte, vereinfachte ich das Ganze, indem ich die Post vom Boden des Flurs aufhob und nachsah, ob nicht das eine oder andere mich an etwas erinnerte.

Die Methode funktionierte. Der erste Brief, den ich aufhob, war vom Finanzamt, Gemeinde Kopenhagen, und erinnerte mich an meinen Namen und die Personalkennziffer sowie daran, dass ich genau da wohnte, wo ein Blick aus dem Fenster es mir bestätigte – in Vesterbro.

So in meiner Identität gefestigt, begab ich mich ins Bad. Als das Bad überstanden war, stieg ich in Unterhose, Hemd, Socken, Hose, Jacke und Hut – in der angegebenen natürlichen Reihenfolge. Ich steckte die Post und die Zeitungen in die Jackentasche und ging hinaus, um meinen morgendlichen Kaffee zu trinken. Ich ziehe es vor, meinen Frühstückskaffee auswärts zu mir zu nehmen. Überhaupt halte ich mich lieber außer Haus auf, es sei denn, ich habe einen überwältigenden Grad von Berauschtheit erreicht.

Ich ging runter zum Café Freden, dreimal um die Ecke zum Gasværksvej, hinunter in den gewöhnlichen Ganztags-Radiolärm. Ronnie, Wirt und Personal in einer Person, hustete energisch mit seiner ewigen Filterzigarette zwischen den Lippen. Ich habe ihn nie ohne gesehen – Ronnie und seine Tampax gehören zusammen wie Nazis und Gas. Er atmet mit der gleichen Selbstverständlichkeit durch sie hindurch, mit der die alten Bluessänger aus den Südstaaten durch eine Mundharmonika atmen: Es gibt nie eine entscheidende Bewegung oder ein dezidiertes Inhalieren. Sie sitzt da nur, die Zigarette.

Außer Ronnie, der dabei war, den Fußboden zu fegen, die Bar abzuwischen und die Flaschen aufzufüllen, war da ein Elektriker, der eine anscheinend lebensgefährliche Arbeit zu verrichten schien: ein paar schlecht isolierte Kabel verbinden, schwitzend und fluchend, ein Bier neben sich.

Dann noch ein einzelner Saufbold, der mit leerem Blick vor sich hin stierte, ohne den Mund zu öffnen oder zu reagieren. Er war total steif. So einen wie den akzeptiert man, weil er in Ronnies Laden bekannt ist. Man geht diskret davon aus, dass er über etwas nachdenkt. Das tut er sicherlich auch, aber man hat nicht den Hauch einer Chance zu wissen, über was.

Aber wie man über Leute seiner Art im Bezirk sagt: »Er belästigt niemanden. Er ist selbst übel genug dran.«

Menschlich und schön.

Ich bestellte Kaffee und Eier und schnitt die Briefe mit dem Schinken-Messer auf. Es gab nichts Besonderes. Mahnungen von Leuten, von denen ich wohl wusste, dass ich ihnen Geld schuldete, Einladungen von Leuten, die ich höchstens für Geld sehen wollte, uninteressante fachliche Rundschreiben und Briefe von Menschen, die ich enttäuscht hatte – eine meiner Spezialitäten. Ich trank noch mehr Kaffee und blätterte ruhelos in der Morgenzeitung, in der üblichen infantilen Hoffnung, dass die interessanter sein würde als die Post – eine Hoffnung, die ich wider jeglichen gesunden Menschenverstand seit meinem 14. Lebensjahr gehegt habe.

Nachdem ich die einleitende Rede des Ministerpräsidenten in der Vollversammlung des Parlaments über die unumgängliche Notwendigkeit einer strammeren Wirtschaftspolitik überflogen hatte, die Top-Ten der Woche, die jüngste Schauspieler-Scheidung und die neuesten Rezepte für gastronomischen Ziegenkäse mit frischem Himbeer-Mousse, blieb mein Blick an einer zweispaltigen Notiz auf der letzten Seite hängen:

mord in der saxogade

Der 67jährige Rentner Emil Christensen wurde letzte Nacht in seiner Wohnung in der Saxogade 28 B, 2. Hinterhof, ermordet. Emil Christensen lebte still und zurückgezogen. Keiner der Nachbarn hatte im Verlauf der Nacht Lärm gehört, und so war es für alle eine schockierende Überraschung, als seine Haushilfe Eva Jørgensen am Morgen aufschloss – weil Christensen einen tiefen Schlaf hatte, besaß sie einen Extraschlüssel – und ihren Klienten tot auf dem Bett liegend fand, ein blutiges Loch in der Brust, anscheinend durch einen Revolver verursacht.

In großer Aufregung rief Frau Jørgensen die Polizei, und diese wie auch der Krankenrettungswagen beeilten sich, zum Tatort zu kommen. Bei Redaktionsschluss begann die Polizei mit einer minutiösen Untersuchung des Tatorts.

Die Polizei hat zurzeit noch keine Spur und ist für jeden Hinweis von Personen dankbar, die den Toten kannten, oder anderer, die dazu beitragen können, Licht in diese düstere und tragische Sache zu bringen. -vig

Als ich den nichts sagenden Artikel las, erstarrte ich, und mein nächtliches Telefongespräch kam mir in den Sinn.

»Komm jetzt ... Komm sofort rüber in die Saxogade ... Nummer 28 B ... Komm ... Zweiter Hinterhof ...«

Die Stimme ertönte im Café Freden, und ich wunderte mich, dass die anderen sie nicht hören konnten.

Und mit der Stimme kehrte der ganze Albtraum der Nacht zurück.

Ich dachte an mein nächtliches Gespräch. Es hatte um 3.30 Uhr stattgefunden. Jetzt war es 12.30 Uhr. Die Zeitung war eine zweite Ausgabe, und die Story war in aller Eile zusammengeschustert. Ihr zufolge hatte sich der Mord »letzte Nacht« ereignet.

Mehr oder weniger musste er also zu der Zeit geschehen sein, als ich von einer Stimme angerufen wurde, die ich plötzlich wiederzuerkennen glaubte – ohne jedoch zu wissen, wessen Stimme es war.

Ich fühlte mich dadurch nicht gerade wohl. Das tue ich morgens selten, aber eine Sache wie diese verdirbt einem den Morgen noch mehr.

Ich überlegte hin und her.

Vielleicht hatte mein Anruf etwas mit dem Mord an dem verstorbenen Herrn Christensen zu tun. Vielleicht auch nicht. Vielleicht sollte ich ein braver Junge sein und der Polizei von dem Gespräch erzählen. Vielleicht auch nicht. Es könnte Zeitverschwendung sein. Es könnte sein, dass mich ein Betrunkener angerufen hatte, während gleichzeitig ein Mörder am Werk war – es gibt immer jemanden, der frei hat und auf Späße aus ist. Es konnte auch bedeuten, dass jemand am gleichen Abend vom gleichen Haus aus angerufen hatte. Was wusste ich.

Ich rief von Ronnies Telefonzelle aus das nächste Polizeirevier an – 24 14 48 – und sagte, ich hätte einen mysteriösen Telefonanruf erhalten, heute Nacht, aus der Saxogade 28 B, 2. Hinterhof.

Sie schienen mich für einen dieser Verrückten zu halten, die sich jedes Mal melden, wenn ein einigermaßen klarer Mordfall vorliegt. (Es gibt mehr von diesen Typen, als die meisten glauben, und viele von ihnen sind ehrbare und solide Stützen der Gesellschaft mit Kindern und eigenem Auto. Sie haben bloß eine Schwäche: Sie können der Versuchung nicht widerstehen, wichtige Zeugen in einer Mordsache zu sein).

Ich musste zweimal meinen Namen sagen – und einmal meine Personalkennziffer –, bevor sie mich ernst nahmen.

Das taten sie dann auch richtig. In einem herrischen Tonfall kam aus dem Münzfernsprecher im Café Freden der Befehl, so schnell wie möglich Polizeiinspektor Ehlers am Halmtorvet aufzusuchen.

Ich sagte, ich würde in einer Viertelstunde da sein.

Zwölf Minuten dieser Viertelstunde brauchte ich, um zwei Magenbitter und zwei Tassen noch brühend heißen, schwarzen Kaffee zu trinken. Die letzten drei Minuten, um so langsam wie ich konnte die zwanzig Meter zur Polizeiwache am Halmtorvet zu gehen. Ich konnte es noch nie vertragen, meine Freizeit auf Polizeiwachen zu verbringen.

3

Es war schön, zu Fuß zu gehen. Ich habe das immer gut gefunden – in aller Unschuld ist es seit meiner Kindheit eine der größten Freuden meines Lebens gewesen. Mir geht es mit dem gewöhnlichen Fußweg wie anderen z. B. mit dem Fliegen oder Schwimmen. Ich habe gehört, wie Menschen, vertrauenswürdige Menschen, mir erzählten, wie gut es ihnen ginge, wie sie alle Sorgen loswürden beim Rückenschwimmen oder Schachspiel oder wenn sie in weißem Trikot auf Leichtathletikbahnen herumliefen. Ich gehe davon aus, dass ich stets das Gleiche erreicht habe, wenn ich zu Fuß gegangen bin. Es gibt immer etwas zu sehen, es ist, als ob die ganze Welt anwesend ist, weil man selbst dort ist, und es ist nicht mal ein unmoralisches Vergnügen, zu Fuß zu gehen.

An diesem Morgen aber war es nicht das übliche Vergnügen. Ich fühlte mich merkwürdig mitschuldig an etwas und wusste nicht, was es war.

Die Polizeiwache am Halmtorvet war ein niedliches gelbes Haus. Im Erdgeschoss gab es einen Schalter, wo ich mich zu meiner Verabredung mit Inspektor Ehlers meldete, während ich versuchte, den Anschein eines ehrbaren Steuerzahlers zu erwecken.

Ein älterer Herr mit Brille, der einem Krankenkassen-Sekretär glich, bat mich, einen Augenblick zu warten, und deutete auf eine harte Holzbank hinüber, die – was Geschmack und Eleganz betraf – den Stühlen im Café Freden zum Verwechseln ähnlich sah. Ich setzte mich und zündete mir eine Zigarette an, während der Herr mit Brille durch eine Hintertür verschwand.

Eine Minute später kam er wieder und gab mir zu verstehen, dass Rauchen verboten sei.

Ich fragte ihn, ob es ihn stören würde. Das nicht, sagte er, darum ginge es nicht, aber es wäre Vorschrift, und Vorschriften müsste man respektieren.

Ich wollte ihn gerade fragen, ob er das auch geglaubt hätte, wenn er in den 30er Jahren in Deutschland Bulle gewesen wäre, aber dann wurde mir klar, dass das die Art von Dialog gewesen wäre, den ich mit Ordnungshütern und netten Menschen seit meinem 14. Lebensjahr geführt habe, und dass man nun mal nicht immer so weitermachen kann, jedenfalls nicht ohne Folketingsmandat. Ich seufzte und schluckte.

Nach wenigen Minuten erschien Polizeiinspektor Ehlers in der Tür. Er war ein untersetzter, vierschrötiger, breiter Mann mit wildem Kraushaar und einem zerzausten anarchistischen Bart, der so aussah, als habe er das, was vom Tag übrig geblieben war, vom Kehrblech eines Friseurs aufgekauft und sie dann selbst zusammengeklebt. Er war in Zivil; sein Anzug sah so billig aus wie meiner.

Er gab mir die Hand – die, zugegeben, gut gewaschen wirkte – und bat mich, ihm zu folgen. Wir gingen über einen langen Gang und traten durch die vierte Tür.

Das Büro war dem zum Verwechseln ähnlich, in dem ich einmal verhört worden war, als ich als 14-Jähriger ein Fahrrad gestohlen hatte. Es gab einen vergilbten Schreibtisch, eine grüne Lampe, ein Regal, das von Papieren überfloss – viele mit diversen Stempeln, »Vertraulich« und »Intern« –, einen Aschenbecher, drei Telefone und zwei Stühle, vor und einer hinter dem Schreibtisch. Ehlers setzte sich und bot mir eine Zigarette an. Dann zog er eine Grimasse und schaute müde durch das Fenster auf den Halmtorvet, als ob er von einem Mitverschwörer ein besonderes Zeichen mit einer Signalflagge erwartete, bevor er anfangen konnte. Er seufzte tief und bat mich, von meinem Gespräch mit dem Anrufer aus dem Mordhaus zu erzählen.

Ich berichtete ihm so gut ich konnte. Viel war es nicht.

»Sie erkannten die Stimme nicht wieder?«, fragte er ein weiteres Mal.

»Ich erkannte sie wieder, und auch wiederum nicht«, sagte ich. Ich meinte, sie schon einmal gehört zu haben, aber ich konnte sie nicht mit Namen und Adresse verbinden. Es könnte jemand sein, den ich vor langer Zeit getroffen habe. Ich treffe jeden Tag viele Menschen, wie sie in der Deodorant-Werbung sagen.

»Ach ja«, sagte er. »Sie sind ja Journalist.«

Ich gab keine Antwort.

»Wo schreiben Sie jetzt?«

»Nirgendwo. Ich bin freischaffend.«

»Sie haben also keinen festen Arbeitsplatz?«, fragte er gut gelaunt. Als ob er neuen Mut schöpfte.

»Lassen Sie uns sagen, ich bin freischaffend.«

»Ist das nicht dasselbe?«

»Es hört sich besser an. Wenn Sie sagen ›ohne festen Arbeitsplatz‹ klingt das wie Zuhälter. Ich habe lediglich eine Phobie gegenüber Chefs, das ist alles.«

Er sah mich an, als ob ich ein Zwischending zwischen einem Drogensüchtigen und einer Nutte wäre.

»Hm«, sagte er. Er sah auf ein Stück Papier auf dem Tisch, mit leicht zusammengekniffenen Augen, als ob er kurzsichtig wäre. »Hm. Sie sind 35, Personalkennziffer 190845-1823, geschieden, Wohnsitz Istedgade 20?«

Ich nickte zustimmend. Er hatte offenbar Zeit gehabt, hier und da nachzuforschen, bevor ich auftauchte.

»Zum Militärdienst für untauglich erklärt«, fuhr er fort. »Warum?«

Ich erlaubte mir zu fragen, ob diese persönlichen Fragen in der vorliegenden Sache von großer Wichtigkeit wären.

Er erklärte, dass dies im Ermessen der Polizei läge, und stellte dieselbe Frage noch einmal.

»Ich bin nicht besonders kräftig«, antwortete ich. »Schwache Nerven. Ich hatte beantragt, in ein Kriegsdienstverweigerer-Lager zu kommen, und wurde für untauglich erklärt. Es ist schon was dran, dass die Musterungsbehörden lieber einen Krücken-Husaren als einen Landesverräter haben wollen.«

Er lächelte geradezu. Das stand ihm gut. Plötzlich sah er aus wie ein Kerl, mit dem man nachmittags einen trinken und Billard spielen konnte, wenn für unschuldige Vergnügen dieser Art Zeit war.

»Habt Ihr eine ganze Kartei von mir?«, fragte ich. Ich fügte bescheiden hinzu, dass ich eine solch überwältigende Aufmerksamkeit überhaupt nicht gewohnt war. Nur meine engsten Freunde wüssten anscheinend so viel über mich wie er.

Polizeiinspektor Ehlers fuhr sich über den Bart über der Lippe, wie um eine Schicht unsichtbaren Schaums von einem Bier zu entfernen, von dem ich mir wünschte, ich hätte es gehabt. Dann lächelte er verschmitzt und meinte:

»Ich habe ihre Affären vor einigen Jahren untersucht. Nur auf Verdacht. Wir hatten einen anonymen Tip bekommen, dass Sie wahrscheinlich in Drogenhandel verwickelt waren. Es war notwendig, sich ihre Fälle noch einmal anzusehen, dafür bekommen wir unser Geld. Anfangs waren wir zuversichtlich, aufgrund ihrer Verbindungen und der Lokale, wo Sie verkehren, aber da es nicht so aussah, als ob Sie mehr Geld ausgeben würden als Sie verdienen, kamen Sie nicht mehr in Frage.«

Ich war leicht schockiert. Zwar ist es viele Jahre her, dass ich von der Sonntagsschule ohne Auszeichnung abging, und mein Vorrat an Illusionen ist im Laufe der Jahre einer radikalen Abmagerungskur unterzogen worden, aber dass man meinen Spuren so eingehend gefolgt war, hätte ich mir doch nicht träumen lassen.

In erster Linie aber wollte ich nicht auf das Problem mit dem Stoff eingehen. Meiner Meinung nach ist das eine Privatsache, die die Polizei nichts angeht. Und was »die Lokale, wo Sie verkehren« anging, wusste ich, was Ehlers meinte. Café Amigo, Bobby’s Bodega, das Sterncafé – er wusste genauso gut wie ich, was dort los war.

»Ich bin schon ziemlich lange in diesem Viertel«, sagte er dann. Mit einem Schulterzucken, fast als ob er es bedauerte.

Der Mann war auch noch Gedankenleser. Ich bekam erneut Respekt vor Polizeiinspektor Ehlers.

»Was haben Sie sonst noch über mich?«, fragte ich.

Angriff ist die beste Verteidigung. Das hatte ich in meiner Fußballzeit gelernt.

Er warf erneut einen Blick auf das Papier.

»Nichts«, sagte er. »Gemischter Bekanntenkreis – nicht ungesetzlich, aber interessant. Eine Geldbuße für falsches Parken 1973, eine Steuerbuße 1977. Ganz normal.«

»Verdammt normal!«, fügte er nach näherem Überlegen hinzu und warf seine Papiere verächtlich von sich.

Es war deutlich, dass nur ein einziger ehrlicher Raubmord ihn gefreut und stimuliert hätte.

Einen Augenblick lang starrten wir beide ins Leere, quer über den Schreibtisch, der physisch und psychisch zwischen uns stand. Ich bedauerte, gekommen zu sein, andererseits war es praktisch, so nachdrücklich gewarnt zu werden.

Nichts bringt einen so dazu, sich wie eine Sache vorzukommen, wie ein Polizeiverhör. Plötzlich versteht man, wie man von außen angesehen wird. Auch wenn man in seinem Job selber zehn Jahre lang tagein-tagaus andere Menschen von außen gesehen hat.

Ich sah viel sagend auf meine Uhr, wobei ich eine Bewegung andeutete aufzustehen.

Er reagierte nicht, und so führte ich die Bewegung aus, mit einer respektvollen Bemerkung über meine Arbeit, die auf mich warten würde.

Er saß unbeweglich da. Einen Moment lang glaubte ich, er schliefe. Dann wandte er das Gesicht ab, sah noch einmal durch das Fenster und starrte mich mit einem harten und konzentrierten Blick direkt an, den ich bei ihm vorher nicht bemerkt hatte.

»Das ist eine verdammte Sache«, sagte er. Müde, aber nicht geschlagen, wie ein Revisor, der eine unangenehme Buchführung prüft.

»Wir haben nichts, dem wir nachgehen könnten, nichts. Wir wissen nichts. Wir haben nichts als Ihr Telefongespräch.«

Nach seinen Worten herrschte große Stille. Es war, als ob die Tonart des Gesprächs in ein melancholisches Moll umgeschlagen war.

Ich hatte mich wieder gesetzt, und sah ihn an.

Ich sagte nichts. Er sagte nichts.

»Wissen Sie was«, sagte er dann, wie mit einem Ruck: »Gehen Sie mit mir rüber. Ich muss mit den Nachbarn sprechen und mir die Wohnungen bei Christensen ansehen ...«

(Ich wollte ihn fast fragen, wer Christensen wäre, als mir einfiel, dass das ja die Leiche war. Ich hielt wieder meinen Schnabel. Es schien, als ob ich das inzwischen gut beherrschen würde.)

»Und«, fuhr er fort, »vielleicht können Sie eine der Stimmen wiedererkennen. Es ist einen Versuch wert. Vielleicht war es ein anderer, der angerufen hat. Vielleicht hatte es nichts mit dem Mord zu tun, vielleicht aber doch. Aber wenn es einer aus dem Haus war, dessen Stimme Sie wiedererkennen – oder vielleicht die Person, an die die Stimme Sie erinnert – dann wissen wir das jedenfalls.«

Und als ob er sich lange genug hinter dem Schreibtisch aufgehalten und sich auf einmal von einem Bürokraten in einen Mann der Tat verwandelt hätte, griff er nach seinem Hut und Mantel, und sagte: »Kommen Sie?«

Es klang wie eine höfliche Frage, aber es war natürlich ein Befehl. Ich kam mit.

Wir marschierten schweigend durch die Büros hinaus und bekamen gleich einen prüfenden, neugierigen Blick des Alten im Vorzimmer mit auf den Weg – er sagte nichts dazu, dass wir beide eine Zigarette im Mund hatten – und traten hinaus auf den Bürgersteig. Durch die Luft wurde mein Kopf so klar, dass ich mich sofort umdrehen musste, um zu sehen, ob mir wirklich ein Bulle folgte. Es war tatsächlich der Fall. Nur gut, dass er nicht in Uniform war.

Als wir vom Halmtorvet in die Viktoriagade einbogen, zeigte die Uhr der Bank bereits 14.00 Uhr; die ersten Nutten waren draußen und streiften in der leicht kühlen Luft herum. Wir gingen am Café Lanternen mit dem leuchtenden Neonschild vorbei. Café Lanternen ... Einer dieser Orte, die stets halb leer sind und wo immer Männer in Gruppen herumstehen oder -sitzen, die sich sofort zu einem umdrehen, wenn man reinkommt, um zu sehen, ob man »auf etwas aus ist«. Wahrscheinlich checken sie nur den Horizont ab, wie alte Großwildjäger, auf Ausguck nach interessanten Neuigkeiten oder in gewohnheitsmäßiger Hoffnung auf einen Freund, der einen ausgibt, aber Leute mit einem empfindlichen Magen mögen die Art, wie sie grüßen, nur selten. Na ja, Leute mit empfindlichem Magen würden wahrscheinlich überhaupt nicht weiter als bis zur Eingangstür des Café Lanternen kommen. Die würden einen weiten Bogen darum machen, über den seit fünf Jahren leeren Bauplatz, der in direkter Nachbarschaft zu dieser ausgesuchten Schankstätte lag. Allein der Geruch von Urin, Erbrochenem und abgestandenem Bier würde sie gewarnt haben.

Mir persönlich sind Pinten wie das Lanternen vertrauter als gesellige Spaziergänge mit Polizeiinspektoren.

Ehlers folgte meinem Blick über die Straße zum Lanternen und dessen Eingang. Dort hingen ein paar junge Typen herum, ein paar junge Typen in Jeans und Lederjacken. Sie hängen überall im Viertel herum. Man sieht sie an jeder Straßenecke und in jeder zweiten Türöffnung. Sie rauchen Zigaretten und sprechen nicht gerade viel miteinander.

Was sie dort tun, ist mir stets ein Rätsel gewesen. Sie gehören so sehr zum festen Inventar des Straßenbildes, dass man sie mit den Straßenlaternen oder den Leuchtreklamen verwechseln könnte – ausgenommen selbstverständlich, wenn sie sich plötzlich von diesen ihren Artgenossen trennen und auf einen losgehen.

In dem Fall kann man nur auf Gott, das Glück oder die Polizei vertrauen, in dieser Reihenfolge. Die Chancen sind in allen drei Fällen gleich gering.

Ehlers sah zu ihnen hinüber, und sie blickten zurück. Offenbar kannten sie ihn.

Wir gingen die Istedgade hinauf und kamen an meinem bescheidenen Wohnsitz vorüber. Einen Moment lang durchzuckte mich ein Paranoia-Blitz bei dem Gedanken an den Klumpen Hasch, den ich noch von gestern Abend mitten auf dem Tisch liegen hatte. Was, wenn Ehlers Lust auf eine kleine Hausdurchsuchung bekommen sollte?

Als ob er meine Gedanken lesen würde, drehte er sich plötzlich zu mir um.

»Es gibt niemanden, der einem Bullen vertraut«, sagte er. »Jedenfalls nicht hier im Bezirk.«

Er jammerte nicht. Er sagte das als klare Tatsache.

Und er hatte Recht.

4

In diesem Augenblick bekam ich einen meiner seltenen Anfälle von Inspiration. Das an sich konnte schon schlimm genug sein. Aber was schlimmer war, er verdichtete sich zu einer Idee.

Noch unsicher nach dieser tastend, zog ich Ehlers am Ärmel.

»Das ist richtig«, sagte ich. »Niemand traut einem Bullen. Und wenn ich jetzt so mit einem Bullen daherkomme, glauben Sie, ich würde was rauskriegen?«

Ehlers sah etwas verblüfft aus.

»Kommen Sie mal eben mit«, sagte ich. »Kommen Sie mit hier auf den Spielplatz.«

Wir waren zu einem Spielplatz in einem kleinen Einschnitt zwischen den Häusern gekommen, wo Kinder sich auf Schaukeln, Karussells und Klettergerüsten vergnügten. Die Kindermädchen und Mütter saßen wie große Vögel darum herum, auf den kommunalen Bänken, gut eingepackt, häkelnd, strickend oder Illustrierte lesend.

Ehlers folgte mir. Ich hatte ihn am Wickel. Ich hatte einen Polizeiinspektor dazu verführt, in der Erregung eines Augenblicks vom hohen Pfad der Pflicht abzuweichen.

Ich nutzte die Chance, um zwei Dosen Bier beim Kaufmann an der Ecke des Spielplatzes zu besorgen, bevor ich uns auf einer leeren Bank platzierte, von der aus man direkte Aussicht auf eine Wippe hatte, wo ein unfairer Kampf zwischen einem dicken Jungen und einem kleinen, dünnen Mädchen stattfand. Es zappelte oben in der Luft, und es sah so aus, als ob es das so lange tun müsste, bis seine Mutter es zum Mittagessen nach Hause holen würde. Nun gut, so hatte sie schon mal diese Erfahrung im Leben gemacht.

Im nächsten Augenblick waren es Ehlers und ich, die auf der Wippe saßen. Aber vielleicht waren wir trotzdem gleich schwer.

Ich gab ihm gastfreundlich das eine Dosenbier, mit einer Handbewegung, als überreichte ich ihm die Schlüssel der Stadt. Und dann legte ich los.

Ich sagte ihm, er müsse doch sehen, dass es unklug wäre. Wenn es jemanden in dem Haus gab, der zu mir in Verbindung stand, war es durchaus denkbar, dass sie vollständig dichtmachen würden, wenn sie mich zusammen mit ihm sehen würden und er sie verhörte. Und ich war nachts um 3.30 Uhr mitten in einem Albtraum angerufen worden und würde schwerlich mit Sicherheit eine vom Suff belegte Stimme identifizieren können. Auf diese Weise könnte man kaum was rauskriegen, was durch Zeugen bestätigt werden könnte.

Wenn dagegen er seine Untersuchung allein vornähme, könnte ich später das Haus aufsuchen. Ich hatte zwei Möglichkeiten der Tarnung. Ich könnte herumgehen und mit den Bewohnern quatschen, und je nach den Umständen könnte ich, wenn ich direkt gefragt würde, ein neugieriger Journalist oder ein verzweifelter Wohnungssuchender sein, der versuchte, die Wohnung des Ermordeten zu kapern, bevor die Leiche kalt war. Nicht besonders geschmackvoll vielleicht, aber gerade gemein genug, um menschlich überzeugend zu sein.

Die erste Geschichte, der Journalist, würde die Klatschtanten interessieren, die, die sich stets drei Stunden lang versammeln und bei einem Autounfall oder einer Polizeirazzia überall im Weg stehen. Man könnte ihnen zutrauen, dass sie all das weitertratschten, was sie sowieso der Dame im Eisgeschäft erzählten, und etwas dazu aus Anlass des Tages. Die andere Geschichte, könnte man sich vorstellen, würde von denen akzeptiert, die einem Journalisten die Tür vor der Nase zuknallen würden. Oder so ähnlich, könnte ich mir jedenfalls vorstellen.

Als ich mit meinen Erläuterungen fertig war – gegenüber Beamten lohnt es sich in der Regel, Dinge ungewöhnlich gründlich zu erklären –, hatte das kleine Mädchen auf der Wippe angefangen zu heulen. Nachdenklich stellte Ehlers seine Bierdose hin, ging zur Wippe und sagte etwas zu dem dicken Jungen. Einen Moment später war das Mädchen unten.

Dann kam er zu mir zurück, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er sah plötzlich viel größer aus.

»Das hört sich nicht völlig idiotisch an«, sagte er. »Nicht völlig, aber ziemlich. Und es ist gegen die Regeln.«

»Das ist Mord auch«, sagte ich überlegen. Ich war zwei Tage vorher im Theater gewesen, sodass mir diese Art Repliken nicht schwer fiel.

Er nickte, als ob er diese kennen würde.

Dann trank er seine Dose Bier aus, trat die Zigarette mit dem Absatz im Kies aus und sagte:

»Okay, wir probieren es. Nichts zu verlieren, nichts zu gewinnen. Ich weiß, wo ich Sie finden kann, Sie wissen, wo Sie mich erreichen können. Wenn ich nichts von Ihnen höre, werde ich Sie finden. Wenn Sie was im bladet schreiben, ohne dass ich vorher davon gehört habe, ist es mit unserer Freundschaft aus. Wenn Sie einem Bullen vertrauen können, dann kann ich wohl genauso gut tun, als ob ich einem Journalisten traue.« Es verletzte mich ein bisschen, dass er sagte »so tun, als ob«, aber ich ließ mir nichts anmerken. Wir Journalisten sind ja ziemlich empfindlich.

»Noch eins«, fügte er hinzu, bereit zu gehen, wobei er mit der Hand in die Jackentasche langte und ein Foto herauszog. »Kennen Sie den?«

Es war ein schmaler, weißhaariger, alter Mann mit mageren und scharfen Zügen. »Markant« würde es in einem Geburtstagsporträt in der Zeitung heißen, aber es gibt viele ältere Männer, die so aussehen.

»Nein«, sagte ich. »Wer ist das?«

»Christensen«, sagte Ehlers. »Es ist das gleiche Bild, das morgen die Zeitungen bekommen, aber das hier ist deutlicher als in der Reproduktion. Es ist das Bild, das wir heute in den Pinten und Geschäften der Nachbarschaft herumzeigen wollen.«

Ich stand auf.

»Gehen Sie nicht vor heute Abend hin«, sagte Ehlers, als wir zum Ausgang gingen. »Wir arbeiten heute den ganzen Tag in dem Haus, und wir haben genug mit Messungen, Verhören und Spezialisten zu tun. Alle diese Spezialisten kommen – die Fingerabdruck-Experten und die Mikroskop-Mediziner, der ganze Haufen, und wir werden tonnenweise Papier voll schreiben.«

Er sah sehr müde aus.

Als wir aus dem Park kamen, trennten wir uns. Ich ging nach links, er nach rechts – zur Saxogade 28 B, 2. Hinterhof.

»Wir sprechen uns noch«, sagte er lakonisch. Dann war er weg.

Das Letzte, was ich von dem Spielplatz sah, war, dass der dicke Junge das dünne Mädchen wieder oben auf der Wippe hatte.

5

Mein erster Gedanke war – als ich nach kurzem Aufenthalt mit einem dreifachen Whisky im Sterncafé nach Hause gekommen war: Was geht mich das an?

Ein Rentner war in der Saxogade ermordet worden, ein freundlicher Typ von einem Rentner, ohne Zweifel, ein netter Bursche, dem man noch ein paar friedliche Jahre hätte wünschen können, in denen er Sonnenuntergänge betrachten, den Enkeln den Kopf tätscheln und in einem bequemen Stuhl hätte schaukeln können, während sanfte Rauchwölkchen aus seiner Pfeife aufstiegen. Jeder, der lange genug überlebt hat, um Rentner zu sein, jeder, der lange genug gearbeitet hat, um seine bescheidenen 1500 Kronen monatliches Ruhestandsgeld zu erhalten, verdient zuletzt ein wenig Frieden und Freude.

Herr Christensen hatte sie nicht bekommen. Herr Christensen war erschossen worden.

Aber es wurden auch farbige Menschen in Rhodesien zusammengeschlagen. Araber wurden in Israel misshandelt. Die Polen lebten unter dem Diktat der Sowjetunion. Überall in der Welt wurden Leute zufällig auf der Straße niedergeschossen. In der Welt wimmelte es jederzeit von möglichen Katastrophen à la Jüngstes Gericht. Das Dröhnen der Bombe konnte jeden Tag zur Realität werden.

Was war Christensen dagegen? Was ging Christensen mich an?

Ich sah mich um. Da gab es nicht viel zu sehen. Ich war »zu Hause«. Es war ein sehr starkes Gefühl der Leere. Ich stellte mir vor, ich sollte meinen »Wohnsitz« beschreiben, wenn ich Ehlers wäre und den Bericht schreiben sollte.

Die Fensterscheiben waren dreckig, die Möbel verstaubt. Der Boden war versaut – »schmutzig« oder »schmuddelig«, wie feine Damen sagen würden. Das Ganze hatte nicht nur eine Säuberung im konventionellen Sinn nötig, sondern einen Reinigungsprozess im Stil einer Autowäsche: eine wahre Sintflut von Wasser und Seife, die nichts übrig ließ.

Ich wohne im vierten Stock, in einer Fünf-Zimmer-Wohnung. Zwei Zimmer stehen leer. Eins ist voll von meinen Büchern und Schallplatten aus der Zeit vor meiner Scheidung; sie liegen herum und bedecken den Fußboden. Die sind clever, sie bewegen sich nicht ohne ausdrücklichen Befehl. Das andere Zimmer enthält meinen Schreibtisch und mein »Bett« – eine Matratze auf dem Boden. Das dritte ist »Wohnzimmer«, bisweilen »Sitzungszimmer« genannt. Es wird selten benutzt.

Darüber hinaus sind da noch Toilette, Bad und Küche. In der Küche steht der Kühlschrank gleich an der Tür, am idiotischsten Platz, sodass man beide Türen nicht gleichzeitig öffnen kann, aber so endete es während des Umzugs, »bis auf weiteres«, und ich hab noch im letzten Jahr gedacht, dass dies eines Tages geändert werden müsste.

Kurz gesagt, es ist nichts dafür getan worden, »es gemütlich zu machen«, wie meine Schwiegermutter sagen würde,

Das Merkwürdige war, dass es, auch nachdem ich bereits ein Jahr dort gewohnt hatte, immer noch wie unbewohnt roch. Vielleicht hinterlasse ich nicht so viele Duftmarken.

Es war jedenfalls kein Zuhause, das sich für »Schöner Wohnen« oder andere Zeitschriften eignete. Es war keine dieser Stätten, die bekannte Schauspielerinnen mit Stolz vorzeigen konnten, sodass alle Hausfrauen die Knoblauchranken in der Küche, die Schnäppchen vom Flohmarkt in Paris und den schönen Samowar von der Theaterreise durch Russland zu sehen bekommen.

Nichtsdestoweniger hatte ich hier oft bis zum Aufwachen durchgeschlafen. Nach meinem Verständnis ist es genau das, was man mit »ein Zuhause« meint.

»Nach meinem Verständnis« besagt nun auch wieder nicht allzu viel. Hätte ich mehr verstanden, wäre Helle nie ausgezogen.

Ich wollte nicht an Helle denken. Ich fand eine LP mit Johnny Cash und ließ ihn über meinen Lautsprecher melancholisch-mechanisch über unglückliche Liebe singen. Wenn er sang, was ich dachte, konnte ich jedenfalls an was anderes denken – auf diese Weise ist ein Plattenspieler einzigartig rentabel. Er weint für einen, wenn man selber keine Zeit dazu hat.

Nicht, dass ich keine Zeit hatte. Ich hatte alle Zeit der Welt. Ich hatte nichts anderes.

Ich gönnte mir einen Whisky und starrte hinaus auf den Nachmittag, während der Verkehr zunahm und all die Spinner, die in den Vororten wohnen und in der City arbeiten, von der emsigen Arbeit des Tages im Büro nach Hause rasten, zu den Villen mit Frauen und Kindern, wartenden Abendessen und Carports. Es war mir ziemlich klar, dass ich heute nichts geschafft kriegen würde. Mir war auch klar, dass es allen anderen total scheißegal sein würde, ob ich heute was schaffen würde. Es betraf nur mich. Es war das, was hinter dem Begriff »freischaffend« steckte, und was Ehlers nicht richtig kapiert hatte.

Aber was bedeutete das schon? Es gab nicht so viel, um darüber zu reden oder nachzudenken. Da war ein Glas und eine Flasche, es gab eine Packung Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer, es gab einen Papierkorb, um die Reste zu schlucken. Das war alles. Das war die Aussicht, aus der mein ganzes bisheriges Leben bestanden hatte: ein Glas, ein Aschenbecher, eine Tischplatte.

Und ein Telefon. Ein Telefon, das sofort klingelte und alle weiteren Betrachtungen unterbrach.

6

Ich wartete bereits darauf, hinüber zu einem neuen Hinterhof gerufen zu werden. Und das wurde ich dann auch. Es war einer der beschissensten Hinterhöfe des Bewusstseins. Es war Jens.

Jens ist mein Kollege beim bladet – mehr oder weniger. Jens ist beim bladet fest angestellt und sowohl bei der Redaktion als auch bei den Lesern sehr beliebt, weil er stets so verständnisvoll ist, abwechselnd in Dänemark und im Ausland – mal schreibt er Sozialreportagen, mal Reiseberichte, aber unter allen Umständen dreht es sich bei seinen Artikeln um Verständnis. Jens versteht alle, die vornehmen wie die einfachen Leute. Jens versteht gut, dass einfache Leute in Südfünen es für falsch halten, dass ein Gutsbesitzer aufgrund von Privilegien aus dem siebzehnten Jahrhundert das einzige Walderholungsgebiet der Gegend schließen kann, um es für private Zwecke zu nutzen. Jens versteht den Ärger, den der Schuster und der Busschaffner darüber empfinden. Zugleich versteht Jens aber auch den Gutsbesitzer, dessen Familie sechs Generationen hindurch die Erlaubnis dazu gehabt hatte. Für Jens ist es kein Problem, beide Seiten zu verstehen, und wenn es eine dritte gäbe, würde er auch die verstehen. Indien, Nyhavn, Bangladesch, Vietnam, Jerusalem-Jens versteht. Jens hat nämlich, wie Redakteur Otzen wieder und wieder den neuen Auszubildenden beim bladet klar macht, eine menschliche Einstellung zu den Dingen. Jens mag Menschen. Jens versteht sie ganz einfach. Und nicht nur sie, die Menschen, über die er heute schreibt, sondern auch ihre Kinder, Enkel, Eltern, Großeltern und enttäuschte Liebhaber aus der Schulzeit. Jens versteht stundenlang, wochenlang, monatelang.

Dafür kriegt Jens monatlich 25.000. Wenn er zu Hause in Dänemark ist, ist das aus reiner Menschlichkeit, wenn er reist, dann deswegen, weil er auch die meisten europäischen und asiatischen Nationalhymnen summen kann, sich an alle Flaggen zu erinnern vermag und jederzeit fünf Mini-Sprachführer in seinem Koffer dabeihat.

»Hallo, hej, hej, du, wie geht’s?«, begann er gut gelaunt. »Du bist hoffentlich okay?«

Niemand, der von Jens angerufen wird, kann okay sein, aber ich sah darüber hinweg und fragte ihn nach dem Grund seines Anrufs.

»Hast du die Zeitungen gelesen?«, fragte er.

Ich gab zu, sie gelesen zu haben.

»Na, überall steht was drin über einen Rentner in der Saxogade, der gestern Nacht ermordet wurde«, sagte er munter. »Ich hab gedacht, ich schreib ’ne Story darüber. Weißt du, ich hab das Gefühl – die Zeitungen sind in ihrer Schilderung ziemlich oberflächlich, es sind bloß nüchterne Fakten aus dem Polizeibericht –, also ich hab das Gefühl, dass wir es vielleicht unter einem mehr menschlichen Gesichtspunkt behandeln sollten; du weißt schon, die Familie des alten Mannes finden und sein Leben vor dem Mord schildern, mit den Nachbarn sprechen und so weiter ... Ich wollte bloß zuerst mit dir sprechen, denn Otzen sagte, es wäre ja genau dein Bezirk, du wohnst gleich da in der Nähe, nicht wahr? Könnte ja sein, dass du für mich ein paar Anhaltspunkte hättest, mit denen ich was anfangen könnte, ein paar Hintergrundinformationen aus dem Viertel ...«

Ich sagte kein Wort. Ich verspürte Brechreiz.

Ich konnte Jens’ Artikel bereits vor mir sehen, Spalte für Spalte, von Anfang bis Ende. »Ohne abzuwarten und ohne Misstrauen öffnete der 67-Jährige am Mittwochabend einem Gast, der ihm den Tod bringen sollte.« »Er war stets munter und fröhlich, und hatte für jeden eine witzige Antwort parat«, sagte Kaufmann Sørensen aus dem Gasværksvej 23, wo Christensen täglich seine bescheidenen Einkäufe tätigte. »Es ist nicht zu begreifen, dass wir ihn nicht mehr sehen werden. Er schätzte sein tägliches Bier so sehr!«

Und so weiter, und so weiter, und so weiter.

Es lief mir kalt den Rücken runter.

»Ich werd dich in einer Stunde anrufen, du, dann kann ich drüber nachdenken«, sagte ich. »Ich bin mitten in einer Sitzung. Bist du in einer Stunde in der Redaktion?«

»Okay«, sagte Jens – mit seiner abscheulichen, honigsüßen Wir-müssen-doch-versuchen-einander-zu-verstehen-Stimme –, und wir legten auf.

Ich ging hinunter ins Café Freden zu meinem Kaffee. Er schmeckte wie Seifenlauge, aber ich brauchte ein paar Schlucke, um entscheiden zu können, ob die Seifenlauge mit oder ohne Sulfat war.

Ich wollte Ronnie gerade meine Meinung über das sinkende Niveau des Etablissements sagen, als er mit einer aufgeschlagenen Zeitung zu mir gelaufen kam.

»Sieh mal«, sagte er. »Der Alte ist tot. Die Polizei ist hier gewesen.«

»Hast du ihn gekannt?«, fragte ich unverfänglich.

»Du nicht?«, sagte Ronnie.

»Nein.«

»Stimmt ja, du kommst immer spät.« Er kam jeden Morgen um acht und trank seinen Kaffee. Er bekam immer zwei Tassen, ein Käsebrötchen und eine Schnitte ...

Er unterbrach sich plötzlich selbst. Vielleicht dachte er zum ersten Mal daran, was das Wort Schnitte bedeutete. Vielleicht sah er Christensens Leben vor sich, abgeschnitten auf dem Tablett.

»Was für ein Typ war er?«, fragte ich. Wir Journalisten sind immer bereit, intelligente Fragen zu stellen.

»Das weiß ich wirklich nicht«, sagte Ronnie. »Hab nie mit ihm gesprochen ... Er kam bloß jeden Morgen um 8, präzise wie ein Uhrwerk – ja, genauer als meine Uhr jedenfalls. Jeden Morgen das Gleiche. Er sprach kein Wort – las nur seine Zeitung. Genau wie du immer ...«

Plötzlich wurde der verstorbene Rentner Emil Christensen für mich zu einem Menschen, plötzlich wurde eine fern liegende Vorstellung von einem alten Mann, der in der Saxogade ermordet worden war, schrecklich lebendig, während ich in meinen Sulfat-Kaffee starrte. Christensen hatte also seinen Kaffee morgens auch hier getrunken, vielleicht am selben Tisch wie ich selbst, jedenfalls den gleichen Kaffee. Er hatte seine Zeitung gelesen, wie ich es zu tun pflegte. Er war nur jeden Tag drei, vier Stunden früher als ich auf den Beinen, und deshalb hatte ich ihn nie gesehen. So ist das Leben.

Wahrscheinlich hatten wir sogar oft aus derselben Tasse getrunken – Ronnie hatte nicht so viele Tassen.

»Ist er lange gekommen?«, fragte ich.

Ronnie starrte aus dem Fenster, als ob dort die Antwort stünde.

»Ein Jahr, glaube ich. Ungefähr ein Jahr lang, vielleicht. Genauso lange wie du.«

Der saß. Ronnie hatte die Dinge wirklich im Griff. Es war genau ein Jahr her, dass ich nach meinem Bruch mit Helle hierher gezogen war. Das beweist, was amerikanische und japanische Forscher auch immer Gegenteiliges behaupten mögen, dass Filterzigaretten das Auffassungsvermögen nicht beeinträchtigen.

Nachdem ich Ronnie verlassen hatte, ging ich direkt zur nächsten Telefonzelle und rief Redakteur Otzen an. Ich erklärte ihm, wenn er Jens hierher schicken würde, wäre ich mit dem bladet endgültig fertig. Ich sagte ihm, dass es in meiner Nachbarschaft geschehen wäre und ich die besten Voraussetzungen hätte, die Story zu bearbeiten – wenn es überhaupt eine gab.

»Wenn es eine gibt...«, wiederholte er mit seinem charakteristischen Knurren. Er klang stets wie eine Bulldogge auf Wache. »Zum Teufel auch, ob es nun eine gibt oder nicht, Jens wird sie finden!«

»Zur Hölle«, sagte ich. »Jens’ Geschichten sind immer die gleichen. Schick ihn nach Vejle und lass ihn dort einen Rentner finden, das kommt auf dasselbe heraus. Wenn ich die Story hier nicht kriege, ist Schluss. Du weißt, ich hab ein Angebot von der Ny Tid. Wenn ich die Sache hier nicht kriege, nehme ich es an!«

»Du wirst es bei der Ny Tid nicht aushalten«, sagte Otzen. Völlig korrekt, aber ich beharrte trotzdem auf meinem Standpunkt.

»Jens kann ich auch nicht aushalten, und das bladet auch nicht; aber lass mich die Sache übernehmen!«

»Kann ich zurückrufen?«, fragte Otzen.

Das Schwein ist so vortrefflich schlitzohrig, dass er es wirklich verdient, Redakteur bei einer Pestbeule wie dem bladet zu sein.

»Nein«, sagte ich. »Ich muss in der Sache recherchieren. Ich habe eine Spur. (Völlig gelogen.) Es gibt ein paar Anhaltspunkte, aber ich will Jens nicht zum Menschlich-sein dabeihaben, der steht mir nur im Weg, während ich sie checke.«

»Könnt ihr sie nicht gemeinsam schreiben?«, fragte Otzen diplomatisch, wie Chefs so sind.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mord im Dunkeln" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen