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Mord hat keine Tränen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

KAPITEL 1

Monty Bickerstaffe schlurfte in seinem charakteristischen Gang wankend und mit schwingenden Armen durch die Straßen. Die Bewegung gefährdete die flaschenförmige Beule in der durchhängenden Plastiktüte in seiner rechten Hand.

Seine vorherige Anwesenheit in der Spirituosenabteilung des Supermarktes hatte jegliche andere Kundschaft aus den Gängen vertrieben. Ein sehr junger Juniormanager hatte schließlich seinen Mut zusammengerafft und war an ihn herangetreten. »Kann ich Ihnen helfen, Sir?«, hatte er seine Rede begonnen und anschließend unmissverständlich klargestellt, dass Montys Anwesenheit im Laden unerwünscht war.

»Rotznäsige halbe Portion!«, hatte Monty leise in sich hinein gebrummt. »Ich bin ein Kunde genau wie jeder andere auch!«

Und genau das hatte er dem jungen Mann auch zu verstehen gegeben. Auch dem älteren Burschen, der hinzugekommen war, um seinen jungen Kollegen zu unterstützen. Und dem Sicherheitsmann des Ladens. Dem hatte er darüber hinaus noch mehr erzählt.

»Ich werde Sie belangen, wegen Freiheitsberaubung!«, hatte er gedroht. »Sie können doch gar nicht wissen, ob ich nicht bezahlen will! Ich habe den Laden noch nicht verlassen! Bevor ich den Laden nicht verlassen habe, müssen Sie davon ausgehen, dass ich vorhabe zu bezahlen, was rein zufällig auch der Fall ist. Außerdem, junger Mann - Sie dürfen mich nicht durchsuchen, nicht einmal dann! Sie sind kein Constable. Sie müssen zuerst einen richtigen Constable rufen.«

»Ich kenne das Gesetz«, hatte der Sicherheitsmann des Supermarktes erwidert.

»Nicht so gut wie ich, mein Junge«, hatte Monty ihm entgegengehalten.

»Ja, sicher. Ich weiß, Monty. Warum verschonen Sie uns nicht?«

Sie hatten um ihn herumgestanden, während er bezahlt hatte. Das Mädchen an der Kasse war vor ihm zurückgewichen, als er ihr das Geld gereicht hatte, als ekelte sie sich, es anzufassen. Als wäre es durch den bloßen Kontakt mit Montys Hand kontaminiert.

»Badet er eigentlich niemals?«, hatte Monty im Weggehen ihre Kollegin an der benachbarten Kasse fragen gehört.

»Hey, schon gut! Nicht schubsen!«, hatte er den Sicherheitsmann angeraunzt. »Ich brauche eine Plastiktüte. Ich habe ein Recht auf eine Plastiktüte, und ich werde nicht dafür bezahlen! Ich habe genug für meinen Whisky bezahlt!«

»Unser Geschäftsgrundsatz …«, hatte der Juniormanager unklugerweise eingeworfen, »… unser Geschäftsgrundsatz lautet, dass die Kundschaft für Tüten bezahlen muss. Es ist nicht viel, nur fünf Cent. Und es hilft der Umwelt.«

»Wie denn das?«

»Es verringert die Anzahl von Tüten draußen auf der Straße.« Der Juniormanager, in Montys Augen kaum mehr als ein rotznäsiger Schuljunge, hatte in Richtung des Bürgersteigs jenseits des Fensters gewinkt. »Die Leute werfen sie sonst einfach überall weg.«

»Woher wollen Sie wissen, dass ich meine auch wegwerfe? Ich sollte vielleicht auch darauf hinweisen, dass, sollte diese Flasche meiner Hand entgleiten - weil Sie mir keine Plastiktüte gegeben haben -, sie zerbrechen wird, und die Glasscherben eine Menge mehr Probleme für die Umwelt hinterlassen.« Er hatte die Zähne zu einem Grinsen entblößt, vor dem alle zurückgeschreckt waren. »Außerdem, wenn ich die Scherben der zerbrochenen Flasche aufsammle, weil ich die Umwelt schützen will, könnte ich mich dabei ganz übel schneiden …«

»Schon gut, schon gut«, hatte der Seniormanager resigniert gesagt und sich an die Kassiererin gewandt. »Geben Sie ihm seine Tragetasche, Janette, Himmelherrgott noch mal!«

Sie hatten ihn nach draußen eskortiert und in einer Reihe dagestanden und zugesehen, wie er sich auf den Nachhauseweg gemacht hatte.

Monty hatte den Geschäftsbezirk hinter sich gelassen, dann eine Ansammlung kleinerer Läden, eine der weniger gepflegten Wohngegenden der Stadt, schließlich eine etwas bessere, neuere Gegend mit Häusern im Cottage-Stil (»Kaninchenlöcher!«, pflegte er zu schimpfen) und war schließlich durch ein Loch in der Hecke neben einer Tankstelle an der Ringstraße angelangt.

Er trottete in seinem charakteristischen Passgang über den Außenbereich, ignorierte das freundliche Winken eines Mannes an einer der Zapfsäulen und überquerte die Straße, ohne das wütende Hupen und Schimpfen erschrockener Autofahrer zu beachten. Er hatte die Stadt hinter sich gelassen und war auf dem Weg hinaus aufs Land, und wie immer fühlte er sich mit jedem Schritt besser. Er wanderte an der Bankette entlang bis zum Abzweig und bog in das letzte Stück Weges ein, das Sträßchen hinunter, das unter dem Namen Toby's Gutter Lane bekannt war.

Heutzutage wusste längst niemand mehr, wer dieser Toby gewesen war, doch das Sträßchen hieß seit Menschengedenken so; der Name fand sich sogar auf einer alten Karte aus dem achtzehnten Jahrhundert. Es führte den Berg hinunter zur nächsten Hauptstraße, und bis zum heutigen Tag sammelte sich auf diesem Sträßchen nach starken Regenfällen das Wasser und floss hinunter wie in einer Gosse. Wo das Sträßchen in die Hauptstraße mündete, bildete sich in nassen Monaten regelmäßig ein großer Tümpel über die gesamte Fahrbahn hinweg. Jeden Winter schrieben überrumpelte Autofahrer Beschwerdebriefe an die Verwaltung.

Monty passierte das Straßenschild mit dem Namen darauf. Es stand wie betrunken nach rechts geneigt, seit Pete Sneddon es mit seinem Traktor vor zwei oder drei Jahren gerammt hatte. Seit damals war es immer mehr erdwärts gesunken und würde irgendwann ohne jeden Zweifel ganz umkippen.

»Ich schreibe selbst einen Brief an die Verwaltung!«, rief Monty einem Pferd auf einer Weide am Straßenrand zu. Die Weide gehörte ihm, genau wie die nächste, doch er nutzte das Land nicht. Es war Teil seines Puffers gegen die Welt da draußen.

Das Pferd gehörte nicht ihm, sondern Gary Colley. Pete Sneddon trieb hin und wieder ein paar Schafe auf die andere Weide. Wie Monty das sah, war das voll und ganz ausreichend für das Land, ermöglichte es ihm doch zugleich, jeden möglichen Interessenten schroff abzuweisen.

Das Pferd wieherte freundliche Zustimmung, oder vielleicht lachte es ihn auch einfach nur aus, weil selbst der dumme Gaul wusste, dass die Verwaltung wichtigere Dinge im Kopf hatte als Toby's Gutter Lane (und Montys Beschwerde).

Auf diese Weise benötigte Monty beinahe eine ganze Stunde bis zu seinem Heim. Früher einmal, sinnierte er, hätte er die Strecke in der Hälfte der Zeit zurücklegen können. Er glaubte zu bemerken, dass die Arthritis in seinen Knien schlimmer wurde. Selbst der Whisky reichte nicht mehr, um den Schmerz zu betäuben - doch als er das letzte Mal beim Arzt gewesen war, hatte sich die Helferin am Empfang noch schlimmer angestellt als das Jüngelchen vorhin im Supermarkt. Schlimmer noch, so ein schmächtiges junges Ding in Jeans mit nackter Taille und einer Tätowierung um den Bauchnabel hatte ihn beschuldigt, Krankheiten in die Praxis einzuschleppen.

»Das hier ist das Wartezimmer einer Arztpraxis, Fräulein«, hatte Monty sie informiert. »Das ist nun mal der Ort, an den man kommt, um sich Krankheiten einzufangen.«

Bei diesen Worten hatten sämtliche anderen Patienten sich gerührt und versucht, auf möglichst große Distanz zu ihren kranken Nachbarn zu gehen - und alle zusammen waren vor Monty weggerückt.

»Leben und leben lassen!«, sagte Monty laut zu sich selbst. Seine Stimmung besserte sich schlagartig, jetzt, wo er zu Hause war. Er schob sich durch den schmalen Spalt des rostigen Eisentors. Die Angeln waren längst festgerostet, und die Flügel bewegten sich nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Der Spalt war gerade breit genug, ein einzelnes menschliches Wesen hindurchzulassen. Winden rankten über den Gitterstäben und verbargen den Blick nicht nur auf ein hübsches Beispiel schmiedeeiserner Handwerkskunst des neunzehnten Jahrhunderts, sondern auch auf die unkrautübersäte Auffahrt zum Haupteingang von Balaclava House, einem ehemals ausgesprochen ansehnlichen Bauwerk in viktorianischer Spätgotik. Längst hatten die Ziegel angefangen zu verwittern. Über der Eingangsveranda zog sich ein wie ein Blitz geformter gezackter Riss bis hinauf in den ersten Stock und spaltete ein Wappenschild, das Montys Urgroßvater entworfen hatte in dem Versuch, eine durch und durch imaginäre Verbindung zum Adel anzudeuten.

Monty war seit Jahren nicht mehr die breiten Stufen zu den oberen Stockwerken hinaufgestiegen. Seine Knie spielten nicht mit, und er verspürte darüber hinaus keinerlei Begierde zu sehen, wie weit der Zustand des Zerfalls in den oberen Zimmern fortgeschritten war. Er lebte ausschließlich im Erdgeschoss. Raum gab es mehr als genug hier unten. Neben der geräumigen Eingangshalle gab es eine große Garderobe, ein wohlproportioniertes Wohnzimmer, ein Esszimmer, einen Anrichteraum und eine riesige Küche, zusammen mit einem rückwärtigen Flur und einem kleinen Raum, den Monty nur das »Waffenzimmer« nannte, obwohl es längst keine Jagdwaffen mehr enthielt. Die Polizei hatte die Waffen vor einigen Jahren einkassiert und mitgenommen, weil Monty keine Lizenz besaß. Es waren die Waffen seines Vaters, und Monty war äußerst erbost darüber gewesen, dass man ihn seines Familieneigentums beraubt hatte. Heutzutage sammelte er im Waffenzimmer seine leeren Whiskyflaschen, und angesichts der Tatsache, dass er kein Transportmittel zur Verfügung hatte, um sie zum Altglascontainer zu bringen, hatte er das Zimmer im Lauf der Jahre ziemlich gefüllt.

Seine Familie hatte dieses Haus gebaut, in den 1850er Jahren, und seitdem lebte sie hier. Der allmähliche Niedergang hatte bereits in den 1950er Jahren eingesetzt, lange bevor Monty Balaclava House geerbt hatte, zu einer Zeit, als Haushaltshilfen kostspielig geworden waren und schwer zu finden. Etwa um die gleiche Zeit war das Familienunternehmen immer weniger profitabel geworden. Monty erinnerte sich, wie sein Vater und seine Mutter zu illegalen kleinen »Sparmaßnahmen« gegriffen hatten, um die Situation zu meistern. Im Falle seines Vaters hatte das beispielsweise beinhaltet, billige Weinsorten umzufüllen in Flaschen mit besseren Etiketten. Gelegentlich hatte er auch einen Schluck Port hinzugefügt, um den Geschmack zu verbessern. Seine Mutter hatte ihre eigene Methode zu sparen. Mahlzeiten aus Resten dominierten Montys Erinnerungen an Ferien zu Hause. Mahlzeiten aus Resten waren auch während des Schuljahres eine der wichtigsten Nahrungsquellen für ihn gewesen. Als Erwachsener hatte er gelegentlich sinniert, dass er mehr oder weniger vollständig mit aufgewärmtem oder wiederverwendetem Zeug aufgezogen worden war. Selbst die baumwollenen Bettlaken waren, wenn sie dünn wurden, von den Seiten auf die Mitte gewendet worden, was in einer langen, unangenehm scheuernden Naht in der Mitte des Lakens resultiert hatte. Das Haus war stets kalt gewesen. Nach Montys Meinung jedoch hatte ihm das alles nicht geschadet - es hatte ihn im Gegenteil hart gemacht.

Er humpelte durch den leeren, hallenden Flur, blind für den Staub, der dick auf sämtlichen Möbeln lag, stieß die Tür zum Wohnzimmer auf und ging zu dem Sideboard, in dem er seine Gläser aufbewahrte. Monty öffnete eine Schranktür, stellte fest, dass kein sauberes Glas mehr darin war, und probierte die nächste. Immer noch kein Glück. Offensichtlich musste er schon wieder abwaschen, und er hatte erst vor drei oder vier Tagen die letzte Ladung gespült. Wenn man bedachte, dass er der einzige Bewohner war, hätte man meinen sollen, einmal in der Woche reichte aus.

Monty stellte die neu erworbene Flasche behutsam ab, stieß einen Seufzer aus und machte sich auf den Weg zurück zur Küche auf der anderen Seite des Flurs. In diesem Augenblick bemerkte er, dass er nicht mehr die einzige Person in seinem Haus war.

Monty hatte Besuch. Fremden Besuch.

Zuerst glaubte er, seine Phantasie spielte ihm einen Streich. Kaum jemand war hier gewesen seit Jahresanfang, als eine Frau aufgetaucht war, die sich als Sozialarbeiterin ausgegeben hatte. Wie es schien, hatte ein übereifriger Wichtigtuer auf dem Amt gemeldet, dass »ein älterer Gentleman, offensichtlich nicht mehr ganz richtig im Kopf, in einem völlig heruntergekommenen und verwahrlosten Haus« lebte.

Um bei der Wahrheit zu bleiben, die Frauensperson hatte nicht die Worte »nicht mehr ganz richtig im Kopf« benutzt. Stattdessen hatte sie gesagt: »Vielleicht sind wir hin und wieder ein wenig verwirrt?«

»Ich wusste gar nicht, dass Ihre Majestät mir einen Besuch abstattet«, hatte Monty entgegnet. »Ich nehme doch an, Sie benutzen den Pluralis Majestatis und meinen sich selbst, wenn Sie von Verwirrung reden? Gut möglich wäre das nämlich. Es sieht jedenfalls ganz danach aus, wenn Sie glauben, Sie wären die Queen. Ich für meinen Teil bin bei vollkommen klarem Verstand.«

»Aber Sie wohnen ganz allein, mein Lieber«, hatte die Sozialarbeiterin gesagt. »Ganz allein in diesem großen, kalten Haus, und Sie haben offensichtlich keinerlei Zentralheizung.«

»Ich wohne gerne allein!«, hatte Monty der elenden Frau entgegengeschleudert. »Die Tatsache, dass ich allein wohne, ist mehr oder weniger das Einzige, worin Sie richtigliegen, Ma'am! Mein Verstand ist, wie ich bereits sagte, vollkommen klar. Der Zustand meines Haushaltes geht Sie im Übrigen überhaupt nichts an. Mein Haus sieht für mich völlig in Ordnung aus. Ich habe eine Heizung. Ich habe Feuer im Wohnzimmer. Ich habe mehr als genug Holz im Garten und alte Schuppen, um das Feuer zu unterhalten. Es kostet mich nichts und bedeutet, dass ich weniger Geld für Strom ausgeben muss. Ich bin auch nicht mehr ans Gas angeschlossen. Die Leitung wurde vor ein paar Jahren ersetzt, und sie wollten meinen Garten umgraben, um einen neuen Anschluss in mein Haus zu legen. Ich habe mich geweigert, und so wurde die neue Leitung gleich vor meiner Haustür verlegt …«, er hatte über die Schulter der Frau nach draußen gezeigt, »… ohne dass ich einen Anschluss erhielt. Ich bezahle eine geradezu atemberaubende Summe an Gemeindesteuern und erhalte im Gegenzug dafür so gut wie keinerlei Dienstleistung von Seiten der Gemeinde. Also gehen Sie. Gehen Sie einfach.«

Sie war tatsächlich gegangen, nicht ohne ihm eine Auswahl an Flugblättern in die Hand zu drücken über Hilfe, die älteren Bürgern zustand. Monty hatte sie ins Feuer geworfen, wo sie sich den knisternden Überresten seines Gartenschuppens angeschlossen hatten.

Fünf Personen hatten seither bei ihm vorbeigeschaut.

Doch das hier war etwas anderes. Das hier war definitiv ein unwillkommener Eindringling.

Monty war außer sich. Hatte man denn heutzutage überhaupt keine Privatsphäre mehr? Zumindest hatte es sich der Eindringling nicht auf Montys Chaiselongue bequem gemacht - ein schwacher Trost. Das Möbel diente Monty nämlich als Bett. Der Fremde hatte es sich auf dem mit Rosshaar ausgestopften viktorianischen Sofa bequem gemacht, richtig bequem, um nicht zu sagen, er hatte sich auf den modernden Kissen und Polstern hingeflegelt. Er schien fest zu schlafen. Monty zermarterte sich das Gehirn, ob er ihn nicht vielleicht doch kannte. Nein, er hatte nicht die geringste Ahnung, wer der Kerl war. Der Fremde war wohlgenährt und trug eine braune Kordhose, ein blau kariertes Hemd mit offenem Kragen und eine Wildlederjacke. Er war nicht mehr jung, aber auch noch nicht sonderlich alt. Nach Montys Dafürhalten sah er aus wie ein feiner Pinkel.

»Wer in drei Teufels Namen sind Sie?«, schnappte Monty. »Das hier ist ein privates Wohnhaus, Sir!«

Der Bursche antwortete nicht. Monty schob sich ein wenig näher, ohne einen gewissen Sicherheitsabstand zu unterschreiten, und musterte den Fremden eingehender.

Zu seinem Abscheu stellte er fest, dass der Bursche gesabbert hatte und der Speichel auf seinem Kinn getrocknet war. Er hatte eine silberne Spur auf der Haut hinterlassen, wie von einer Schnecke. Schlimmer noch, dem Kerl war allem Anschein nach ein übles Missgeschick passiert. Der verräterisch stinkende Fleck zwischen seinen Beinen war schon fast wieder getrocknet.

Monty rümpfte die Nase. »Wohl zu viel getrunken, was, alter Junge? Glauben Sie mir, niemand versteht das besser als ich. Trotzdem, Sie können nicht hierbleiben, wissen Sie?«

Der Fremde antwortete nicht. Monty räusperte sich laut und forderte den Fremden erneut in schroffem Ton auf, endlich aufzuwachen. Der Besucher schlummerte weiter.

Ärger gewann die Oberhand über Vorsicht. Monty packte einen Wildlederärmel und schüttelte ihn unsanft - ohne Ergebnis. Die Gestalt rührte sich nicht. Überhaupt nicht. Der Gestank nach getrocknetem Urin war durch das Schütteln stärker geworden.

Monty stieß einen langgezogenen, leisen Pfiff aus. Er warf einen Blick zur Tür und stellte erleichtert fest, dass sie offen stand und er, sollten seine Knie dies erlauben, die Flucht ergreifen konnte. Im gleichen Moment fiel ihm auch wieder ein, dass die Tür immer offen stand. Er schloss die Zimmertüren nie, weil dies lediglich bedeutete, dass er sie wieder öffnen musste, wenn er in eines der Zimmer wollte. Die Wohnzimmertür jedoch war geschlossen gewesen, definitiv geschlossen, als er nach Hause gekommen war. Er erinnerte sich deutlich, dass er sie geöffnet hatte beim Betreten des Wohnzimmers, keine fünf Minuten zuvor. Der Bursche auf seinem Sofa musste sie geschlossen haben.

Oder vielleicht auch jemand anders, nachdem er den Burschen auf Montys Sofa abgelegt hatte - denn der Kerl erweckte in Monty eine dunkle Befürchtung. Nämlich, dass er tot sein könnte. Das vollgesabberte Hemd hob und senkte sich nicht wie bei jemandem, der im Schlaf atmete. Er schien sich übergeben zu haben, und auch das Erbrochene war getrocknet.

»Hey!«, rief Monty noch einmal, ohne rechte Hoffnung auf eine Antwort.

Seine Stimme hallte ungehört durch das Zimmer.

»Verdammter Mist!«, fluchte er und wich einen Schritt zurück.

Das ließ die gesamte Angelegenheit in einem gänzlich neuen Licht erscheinen. Wäre der Kerl am Leben gewesen, hätte Monty ihn rausgeworfen und ihm gesagt, dass er verschwinden solle.

Doch das ging nicht bei einem Toten, und ignorieren ließ sich so ein Toter ebenfalls nicht.

Vorsichtig schob sich Monty weiter zurück und aus dem Zimmer. Er eilte durch den Flur und in die Küche, packte ein schmutziges Glas, spülte es unter fließendem Wasser ab und kehrte damit - sehr viel langsamer jetzt - zurück ins Wohnzimmer.

Er hatte insgeheim - und ziemlich unlogisch - gehofft, dass sein Besucher auf die gleiche unerklärliche Weise verschwunden sein könnte, auf die er gekommen war. Sich in Luft aufgelöst haben könnte. Doch nein, er war immer noch da. Monty machte einen Bogen um das Sofa und ging zu seiner Whiskyflasche. Schenkte sich einen großzügigen Schluck ein und setzte sich damit auf einen Sessel gegenüber dem Leichnam, um über die Frage nachzudenken, was als Nächstes zu tun war.

Er spielte kurz mit dem Gedanken, den Toten nach draußen zu zerren und in seinem verwilderten Garten zu verscharren. Doch abgesehen von der erforderlichen Arbeit und seinen kranken Knien, die ihn an jeder athletischen Tätigkeit hinderten, wusste Monty, dass er die Behörden informieren musste. Er konnte zu Fuß zurück in die Stadt laufen … doch seine Knie schmerzten bereits beim bloßen Gedanken daran. Oder er konnte versuchen, das verdammte Mobiltelefon zu benutzen, das sich zuzulegen er sich im Frühling hatte überreden lassen. Die junge Tansy war die Übeltäterin gewesen, die ihn bei ihrem letzten Besuch überredet hatte. Sie war eines Tages genauso unerwartet vor seiner Tür aufgetaucht wie dieser Kerl dort auf seinem Sofa. Sie war mit einem alten, klapprigen Wagen hergekommen und hereinspaziert, als wäre das die gewöhnlichste Sache der Welt.

»Meine Güte, Onkel Monty!«, hatte sie gesagt. »Wie kannst du nur so hausen?«

»Überhaupt kein Problem«, hatte Monty gegrollt. »Was willst du?« Er war nicht unerfreut, das junge Ding zu sehen. Im Gegenteil, er mochte Tansy eigentlich sehr. Doch er hatte schon lange vergessen, wie man Besucher ordentlich willkommen hieß.

»Ich war in der Gegend und dachte, es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn ich kurz bei dir reinschneie.« Tansys Gesichtsausdruck ließ vermuten, dass sie den Gedanken von Minute zu Minute mehr bereute. »Mum sagt, sie macht sich immerzu Sorgen, wie es dir wohl geht.«

»Wie geht es denn deiner Mum?«, antwortete Monty mit einer Gegenfrage, obwohl ihn die Antwort einen feuchten Kehricht interessierte. Tansys Mutter Bridget nannte ihn zwar »Onkel«, doch in Wirklichkeit war sie nur eine Cousine zweiten oder dritten Grades - was genau, konnte Monty sich einfach nicht merken. Wie dem auch sei, sie war eine geborene Bickerstaffe, und das, so schien sie zu glauben, verschaffte ihr das Recht, sich in sein Leben einzumischen.

»Deine Mutter war nie imstande, ihr eigenes Leben zu organisieren«, grollte Monty. »Und trotzdem hat sie nie aufgehört mit dem Versuch, meines zu ordnen! Ich habe wirklich alles versucht. Ich war sehr deutlich zu ihr - sie gibt einfach nicht auf.«

Tansy grinste.

»Du scheinst doch ein nettes Mädchen zu sein«, sagte er missmutig zu ihr. »Pass auf, dass du nicht endest wie deine Mutter.«

»Mum heiratet wieder«, sagte sie zur Antwort auf seine vorausgehende Frage.

»Zum wievielten Mal?«, wollte Monty wissen.

»Vierten.«

»Sie sollte mal zum Arzt gehen und ihren Kopf untersuchen lassen!«, brummte Monty. »Verstehst du, was ich meine? Sie muss doch inzwischen gemerkt haben, dass sie nicht für die Ehe taugt.« Er stockte, um nach einer Sekunde schüchtern hinzuzufügen: »Genauso wenig wie ich. Es muss in der Familie liegen.«

Das Ergebnis davon war, dass Tansy angefangen hatte zu jammern, niemand wäre imstande, vernünftig mit Monty zu reden. Er nahm insgeheim an, dass Bridget dahintersteckte und dass ihre neue Taktik darin bestand, ihre Tochter vorzuschicken. Doch um Tansy zu beruhigen und weil ihm der unfreundliche Empfang schon beinahe wieder leidtat, hörte er sich ausnahmsweise an, was sie zu sagen hatte.

Im Endergebnis hatte Tansy ihn mitgenommen in die Stadt in ihrem klapprigen alten Wagen, und sie waren in einen Laden voll von diesen neumodischen winzigen Telefonen gegangen. Tansy hatte sich ausführlich mit einem Verkäufer unterhalten - nein, ihr Onkel wollte keine Photos schießen und auch keine E-Mails mit seinem Telefon verschicken. Er wollte ein Gerät, das möglichst einfach zu bedienen war. Und so hatten sie - Tansy als Verhandlungsführerin, er als zahlender Kunde - schließlich ein Mobiltelefon sowie ein Dingsda namens Charger erstanden. Schließlich hatten Tansy und der Verkäufer Monty noch einmal fünfundzwanzig Pfund aus der Tasche gezogen mit der Erklärung, es handelte sich um ein »Prepaid-Gerät« und er müsse sein Konto zunächst »aufladen«, bevor er telefonieren könne.

Monty hatte das Ding seither kaum je benutzt. Es stand auf der Anrichte in der Küche in seinem Charger. Gelegentlich nahm er es heraus und steckte es in die Tasche, wenn er in die Stadt ging. Nicht jedoch heute.

Er ging in die Küche, schob den Stapel ungeöffneter Post neben dem Mobiltelefon zur Seite und wählte die Notrufnummer. Er bat um eine Verbindung mit der Polizei.

»Würden Sie bitte ein paar von Ihren Leuten vorbeischicken?«, fragte er höflich. »Ich habe hier einen Toten auf meinem Sofa.«

Sie erkundigten sich nach seinem Namen und seiner Anschrift, und nach einem kurzen Moment, während Monty im Hintergrund leise Stimmen hörte, meldete sich die Frau wieder und wollte wissen, ob er ganz sicher wäre.

»Ziemlich sicher«, antwortete Monty, so höflich er konnte angesichts der Tatsache, dass es eine verdammt dämliche Frage war. »Er atmet nicht mehr.«

»Hat jemand bei Ihnen einen Herzanfall erlitten? Sollten Sie nicht vielleicht einen Krankenwagen …?«, begann die Frau von Neuem.

»Nein, ich möchte keinen Krankenwagen!« Monty riss allmählich der Geduldsfaden. Diese Bürokraten waren doch überall gleich! Sie hörten nie auf das, was man ihnen sagte. »Schicken Sie ein paar von Ihren Leuten vorbei oder schicken Sie meinetwegen einen Beerdigungsunternehmer, der ihn abholt. Aber tun Sie was!«

Die Frau gab Monty zu verstehen, dass sie jemanden vorbeischicken würde, sobald es sich einrichten ließe, aber er müsse sich in Geduld üben - es wäre ein geschäftiger Tag.

»Ich hatte einen geschäftigen Tag!«, schnappte Monty böse. »Und einen verdammt unangenehmen obendrein! Hören Sie, ich mag diesen Kerl nicht in meinem Haus haben, also beeilen Sie sich gefälligst ein wenig, wenn es sich einrichten lässt.«

Er ließ das Mobiltelefon in die Tasche fallen und nahm - nach einem Moment des Zögerns - einen Schluck aus dem Glas Whisky, das er die ganze Zeit über in der anderen Hand gehalten hatte. Dann kehrte er in sein Wohnzimmer zurück, um nach dem ungebetenen Besucher zu sehen.

»Sie kommen bald und holen dich ab«, informierte er den unbekannten Mann.

Natürlich erwartete er keine Antwort - er wollte lediglich eine menschliche Stimme hören, und sei es nur die eigene. Doch genau das geschah, denn in diesem Augenblick öffnete der Tote die Augen und gähnte laut.

KAPITEL 2

Monty bekam einen solchen Schreck, dass er sein Whiskyglas fallen ließ. Die Luft füllte sich rasch mit einem erdigen Geruch, während der Inhalt des Glases in den fleckigen Teppich sickerte. Das Gähnen des Fremden war begleitet von einem klickenden Geräusch seiner Kiefer, und als sie ganz weit offen waren, erstarrte er wieder. Die Augen traten hervor, stumpf und blind - die Augen eines Toten.

»Was mache ich jetzt bloß?«, murmelte Monty leise zu sich selbst. »Der Bursche wird steif - die Totenstarre setzt wohl ein. Wo bleiben nur diese verdammten Constables?«

Er schien die Frau am Telefon überzeugt zu haben, dass er es ernst meinte, denn kurze Zeit später vernahm er das Geräusch eines Wagens, der draußen vor dem Tor anhielt. Schritte näherten sich knirschend über den unkrautübersäten Kies der Einfahrt.

»Die Haustür steht offen!«, bemerkte eine Männerstimme im Flur, wahrscheinlich zu einem Begleiter. »Hallo? Jemand zu Hause?«, rief die Stimme.

»Hier drin«, rief Monty zurück.

Sie stapften herein - zwei Constables in Uniform.

»Sind Sie der Gentleman, der angerufen hat?«, fragte einer der beiden.

Der andere war unterdessen zum Sofa getreten und hatte sich zu Montys Besucher hinuntergebeugt. Bevor Monty die Frage des ersten beantworten konnte, rief der zweite aufgeregt: »Kein Witz, Trev! Der Bursche hier ist mausetot!«

Von diesem Augenblick an entwickelten sich die Dinge mit atemberaubender Geschwindigkeit. Monty saß nur da und sah sie kommen und gehen. Ein weiterer Polizeibeamter traf ein, allem Anschein nach ein Vorgesetzter, sowie ein Doktor.

»Ich hab aber gesagt, dass es zu spät ist dafür«, brummte Monty in Erinnerung an seinen Notruf. Vermutlich brauchten sie eine offizielle Bestätigung, dass der Fremde tatsächlich seinen letzten Atemzug getan hatte.

Endlich, nachdem der vorgesetzte Beamte und der Doktor wieder gegangen waren, erinnerte sich einer der verbliebenen Constables an Monty und kam zu ihm. Ob Monty der Hausinhaber wäre, wollte er wissen, und ob er angerufen und den Toten gemeldet hätte. Monty antwortete gereizt auf beide Fragen mit Ja. »Das habe ich Ihnen doch alles schon erzählt!«

»Ich wollte mich nur noch einmal versichern, Sir. Gibt es vielleicht ein weiteres Zimmer, in dem wir uns ungestört unterhalten können?«

»Unterhalten? Worüber zum Teufel wollen Sie sich denn mit mir unterhalten?«

»Ich würde gerne von Ihnen erfahren, was passiert ist, Sir«, sagte der Constable. »Wurde der andere Gentleman überraschend krank? Hat er hier bei Ihnen gewohnt?« Der junge Constable warf einen zweifelnden Blick auf das umgebende Durcheinander von verstaubtem altem Mobiliar und fadenscheiniger Teppiche in Montys Wohnzimmer.

»Was denken Sie! Selbstverständlich nicht!«, entgegnete Monty.

»Dann würden wir gerne seinen Namen und seine Anschrift erfahren, Sir. Wir müssen seine Hinterbliebenen informieren und das Büro des Coroners. Haben Sie sonst noch jemanden außer der Polizei angerufen?«

»Was den Namen und die Anschrift angeht - ich hab nicht die geringste Ahnung. Ich weiß weder, wer der Kerl ist, noch wie er hierhergekommen ist. Ich war in der Stadt, komme nach Hause und finde ihn auf meinem Sofa. Zuerst dachte ich, er wäre eingeschlafen. Unnötig zu erwähnen, dass ich niemanden außer Ihnen angerufen habe. Wen zum Teufel auch?«

Er führte den Uniformierten trotzdem in die Küche, wo sie sich an den Tisch setzten und Monty alles noch einmal langsam wiederholen musste, sodass der Constable es mitschreiben konnte. Typisch für die verdammte Bürokratie, dachte Monty resigniert. Sie stellen einem zwanzig Mal die gleiche Frage, und erst dann schreiben sie es auf.

»Nun, Sir«, fragte der Constable zu guter Letzt. »Haben Sie den Toten angerührt?«

Monty starrte ihn entgeistert an. »Wozu um alles in der Welt denn das?«

»Beispielsweise um seine Identität herauszufinden, Sir. Vielleicht haben Sie nach seinem Führerschein gesucht? Sie sagten, er wäre Ihnen fremd. Sie müssen sich doch gefragt haben, wer dieser Mensch war, als Sie ihn auf Ihrem Sofa vorgefunden haben?«

Monty runzelte die Stirn und dachte lange nach, bevor er antwortete. »Ich habe mich nicht gefragt, wer er war«, sagte er schließlich. »Ich habe mich vielmehr gefragt, wie er in mein Haus gekommen ist und wie ich ihn möglichst schnell wieder loswerden kann. Es war - ist - mir egal, wer er ist. War. Was auch immer. Ich kenne ihn nicht. Wenn ich gewusst hätte, wer der Tote auf meinem Sofa ist, hätte ich selbstverständlich bei ihm zu Hause angerufen und jemandem gesagt, dass er herkommen und ihn abholen soll. Weil ich aber nicht gewusst habe, wer er ist, habe ich bei Ihnen angerufen.«

Der Constable seufzte. In diesem Moment erklang von draußen das Geräusch weiterer Fahrzeuge, die vor dem Tor am Straßenrand hielten. Neue Stimmen ertönten aus dem Wohnzimmer. Dann wurde die Küchentür geöffnet, und zu Montys großem Entsetzen kam seine verstorbene Frau hereinspaziert.

Wenn die Entdeckung des Toten auf seinem Sofa bereits ein Schock für ihn gewesen war, so war das hier um ein Mehrfaches schlimmer. Monty riss die Augen auf, und sein Unterkiefer sank herab wie der des Burschen auf seinem Sofa. Er spürte, wie alles Blut aus seinem Gesicht wich, und vor seinen Augen verschwamm alles. »Ich will verdammt sein!«, murmelte er. Spazierten heute denn überall Tote herum? Zuerst der Fremde in seinem Wohnzimmer und jetzt ein Geist, der in die Küche geschlendert kam …

»Sir?«, fragte der Constable besorgt. Er streckte die Hand aus und berührte Montys Unterarm.

»Nein!«, sagte Monty laut und deutlich. »Nein. Das ist nicht möglich. Das habe ich mir alles nur eingebildet.«

»Ich fürchte nein, Sir. Im Nachbarzimmer befindet sich eine Leiche. Sie haben sich nichts eingebildet.«

Monty winkte irritiert ab. Er hoffte, das Winken würde auch die Gestalt vertreiben, die soeben durch die Tür hereinspaziert war. Penny war seit mehr als zehn Jahren aus seinem Leben verschwunden und vor vier Jahren ganz gestorben. Bridget war vorbeigekommen, um ihn über ihren Tod zu informieren und ihn zu fragen, ob er vielleicht die Beerdigung besuchen wollte. Natürlich nicht, hatte seine Antwort gelautet, was Bridget wiederum ungehobelt gefunden hatte. Selbst eine Exfrau verdiente einen letzten Respekt, hatte sie schroff gesagt. Doch Penny war aus seinem Leben verschwunden, weil er zu selbstsüchtig und dumm und halsstarrig gewesen war, um etwas daran zu ändern, und außerdem war es längst zu spät, jetzt noch irgendetwas daran zu ändern. Auf ihren Sarg zu starren hätte lediglich dazu geführt, dass er sich einmal mehr an seine eigenen Unzulänglichkeiten erinnert hätte. Also hatte er Bridget geantwortet, dass es für ihn überhaupt nicht infrage kam, der Beerdigung beizuwohnen. Seine Knie würden es nicht zulassen. Sie hatten sich mürrisch voneinander verabschiedet, nicht zum ersten und sicher nicht zum letzten Mal. Aber so war das bei Bridget - man konnte so direkt sein, wie man wollte -, sie ließ sich einfach nicht abschrecken. Er hatte es mehrfach versucht - vergebens. Irgendwann tauchte sie wieder auf und versuchte sich einzumischen, wenn sie auch nur den Hauch einer Chance witterte.

Sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, dass er es nicht mit einem Gespenst zu tun hatte, sondern mit einer jungen Frau, die seiner verstorbenen Frau bemerkenswert ähnlich sah. Es hatte sogar ein Hochzeitsphoto gegeben, auf dem Penny ausgesehen hatte wie die neue Besucherin jetzt. (Er hatte sämtliche Photographien von ihr weggepackt, nachdem sie ihn verlassen hatte, und nach ihrem Tod hatte er sie verbrannt.) Penny hatte ein Brautkleid getragen auf dem Bild in seiner Erinnerung. Diese Frau hier trug etwas, das Monty bei einem Mann als »Geschäftsanzug« bezeichnet hätte. Nadelstreifenhose und dazu passendes Jackett. Trotzdem, sie war eine Doppelgängerin seiner jüngeren Penny, alles, was recht war. Von mittlerer Größe, zierlich, doch drahtig - ein richtiger Terrier von einem Mädchen mit kurzen, dunkelroten Haaren, einem spitzen Kinn und weit auseinanderstehenden grauen Augen, aus denen eine wache Intelligenz blitzte.

Unter der strengen, maskulinen Jacke trug sie eine extravagante beigefarbene Bluse mit weitem Kragen. Zusammen mit den roten Haaren und der elfenhaften Frisur wirkte sie wie ein personifizierter Herbstgeist. Fast wünschte er sich, er hätte Papier und Bleistift zur Hand, um sie zu zeichnen. Es war Jahre her, dass er gemalt oder gezeichnet hatte. Früher, als sie noch jung gewesen waren, hatte er immer und immer wieder Porträts von Penny angefertigt, unermüdlich. Jetzt blieb ihm nur noch die Erinnerung, die ihn schwach werden ließ.

»Wer sind Sie?«, fragte Monty ergeben.

»Inspector Jessica Campbell«, antwortete die junge Frau sachlich. An den Constable gewandt fuhr sie fort: »In Ordnung, danke sehr. Ich übernehme von hier an.«

Der Constable erhob sich unübersehbar erleichtert und ließ Monty mit der Penny-Doppelgängerin allein.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte sie und beugte sich besorgt über ihn. Hatte sie allen Ernstes soeben gesagt, dass sie Police Inspector war?

»Soll ich Ihnen vielleicht eine Tasse Tee aufgießen?«, fuhr sie fort.

Monty schrak hoch und riss sich mühsam zusammen. »Es geht mir so gut, wie es den Umständen entsprechend nur gehen kann, danke sehr«, sagte er. »Ich möchte keinen Tee. Ich möchte noch einen Whisky.«

»Wie viele hatten Sie denn bereits?«, wollte die junge Inspektorin wissen. (Jetzt sah sie also nicht nur aus wie seine verstorbene Frau, sondern klang auch schon genauso.)

»Nur den einen«, antwortete er genauso, wie er es in der Vergangenheit unzählige Male Penny gegenüber getan hatte. »Und das meiste davon hab ich verschüttet, als dieses verdammte Ding da drüben plötzlich gegähnt und die Augen aufgerissen hat.« Er zeigte auf die Küchentür und das dahinter liegende Sofa mit dem darauf sitzenden Toten.

»Muss ein unangenehmer Schock gewesen sein«, sagte Inspector Campbell. »Trotzdem denke ich, Tee wäre jetzt besser.«

Es war nicht der Schock - es war die Akkumulation unvorhergesehener und unerklärlicher Ereignisse, die dazu führten, dass Monty an dieser Stelle explodierte. »Ich will aber keinen Tee! Herrgott noch mal, mein ganzes Leben lang war ich von Weibsbildern umgeben, die meinten, sie wüssten besser als ich, was ich brauche! Ich brauche einen Whisky, keinen Tee!« Er funkelte die Inspektorin wütend an.

Sie begegnete seinem Blick gutmütig. »Ich denke, Sie halten sich ganz wacker«, sagte sie.

Montys Ärger verflog genauso schnell, wie er gekommen war. »Tut mir leid«, entschuldigte er sich. »Aber ein kleiner Whisky würde sicher nicht schaden, oder?«

»Nein, Mr. Bickerstaffe. Vermutlich nicht.«

Einige Minuten später, nachdem sie ihm einen Whisky eingeschenkt hatte, begann sie Fragen zu stellen. Das war schließlich das, was die Polizei überall auf der Welt machte. Monty bereitete sich innerlich darauf vor, seine Geschichte noch einmal zu erzählen.

»Wohnen Sie ganz allein hier draußen, Mr. Bickerstaffe?«

»Allerdings, und Sie können mich gerne Monty nennen«, sagte er zu ihr. »Jeder nennt mich so.«

Sie lächelte ihn an. »Kennen Sie jemanden, bei dem Sie heute Nacht schlafen können, Monty? Einen in der Nähe lebenden Verwandten vielleicht?«

»Warum kann ich denn nicht hier schlafen, in meinem eigenen Haus?«

»Sie wollen doch wohl nicht ganz allein hierbleiben heute Nacht, nachdem … nach dem da?« Sie nickte in Richtung von Montys Wohnzimmer.

Ihm dämmerte, dass seine Chaiselongue, die ihm zugleich als Bett diente, in diesem Zimmer stand. Sie hatte völlig recht. Er verspürte in der Tat wenig Lust, die Nacht im Wohnzimmer zu verbringen.

»Vielleicht haben Sie Freunde in der Nähe?«, schlug Inspector Campbell vor.

»Nein«, erwiderte Monty missmutig. »Ich hab keine Freunde, weder in der Nähe noch sonst wo.«

»Wir könnten Sie für die Nacht in einem Hotel unterbringen«, sagte sie.

Monty schnaubte. »Wenn Sie ein Hotel finden, das mich aufnimmt?«

Ihre Miene verriet, dass sie seinen Einwand durchaus als berechtigt empfand, doch sie verzichtete auf einen diesbezüglichen Kommentar.

»Stimmt es, dass Sie den Verstorbenen nicht kennen?«, fragte sie stattdessen. »Das haben Sie jedenfalls den Constables erzählt, als sie hergekommen sind.«

»Ich hab ihn noch nie im Leben gesehen«, bestätigte Monty.

»Sie waren nicht zu Hause, als er hierhergekommen ist?«

»Nein. Ich war unterwegs. In der Stadt. Ich gehe jeden Tag in die Stadt, mehr oder weniger.«

»Und wie lange waren Sie außer Haus?«, wollte sie wissen.

Zeit hatte keine Bedeutung mehr für Monty. Er blickte sie unsicher an. »Ich weiß es nicht genau. Drei oder vier Stunden vielleicht? Ich habe im Pub einen Bissen gegessen - Würstchen und Kartoffelpüree - und bin noch eine Weile sitzen geblieben, um die Zeitung zu lesen. Es war das Rose and Crown Pub. Dort gibt es immer die Tageszeitung - keine wichtige Zeitung, keine Times und keinen Telegraph. Eher diese Blätter mit mehr Bildern als Text. Aber besser als nichts, sage ich mir, und es ist gratis. Hinterher war ich einkaufen. Sie können im Supermarkt nachfragen, die kennen mich da. Die können Ihnen bestätigen, dass ich da war. Auch das Rose and Crown.« Er runzelte die Stirn. »Ich war noch nicht lange wieder zu Hause, vielleicht ein paar Minuten, bevor ich ihn auf meinem Sofa fand.«

»Als Sie zum Einkaufen gegangen sind - haben Sie das Haus offen gelassen? Oder wie ist er hereingekommen?«

»Durch die Vordertür vermutlich«, antwortete Monty.

»Und wie hat er sie geöffnet?«

»Sie klemmt«, erklärte Monty. »Das Holz ist aufgequollen. Es ist mühsam, sie zu öffnen oder zu schließen. Ich sperre sie nur nachts zu, bevor ich mich schlafen lege. Während des Tages klemme ich etwas dagegen, aber sie geht auf, wenn man ordentlich drückt.«

»Das ist keine besonders gute Idee, meinen Sie nicht?« Sie schüttelte tadelnd den Kopf. »Das Haus unverschlossen zu lassen?«

»Hier gibt es nichts zu holen«, sagte Monty. »Und Besuch kriege ich auch nie, oder wenigstens fast nie. Wer also sollte schon einfach so hereinspazieren?« Dann wurde ihm die Ironie seiner Worte bewusst, und er schnaubte erneut. »Na ja, dieser Bursche ist reinspaziert, werden Sie jetzt wohl sagen.«

»Es ist ein großes Haus für eine einzige Person«, sagte sie.

»Ich habe immer hier gewohnt, den größten Teil meines Lebens jedenfalls«, erklärte Monty. »Es ist mein Elternhaus; ich wurde hier geboren. Ich nutze nur noch die Räume im Erdgeschoss. Meine Knie mögen keine Treppen mehr. Arthritis.«

»Gibt es ein Bad hier unten?«

Monty empfand die Frage als impertinent - aber vielleicht hatte die Lady ja auch ein dringendes Bedürfnis.

»Neben der Haustür, auf der linken Seite von hier aus gesehen«, erklärte er. »Eine kleine Gästetoilette. Kein Schloss an der Tür. Sie müssen singen oder so was.«

Sie errötete. »Ich muss nicht auf die Toilette. Ich habe mich nur gefragt, wie Sie das machen, wenn Sie sich säubern wollen.«

»Sie meinen, ob ich bade?«, fragte er mit einem plötzlichen Glitzern in den Augen. »Nein, ich bade nicht. Es gibt kein Bad hier unten. Ich wasche mich in der Küche.« Er nickte in Richtung des riesigen alten Steinbeckens.

»Sie hätten jede Menge Platz, um ein Bad oder eine Dusche einbauen zu lassen«, bemerkte sie. »Was ist mit dieser Toilette? Könnte man sie nicht umbauen? Vielleicht könnten Sie einen Modernisierungszuschuss vom Sozialamt erhalten?«

»Frauen!«, schnaubte Monty in Erinnerung an seine letzte Begegnung mit der Sozialarbeiterin. »Immerzu müssen sie sich in alles einmischen! Nein, nein, ich meine nicht Sie, Lady. Ich meine die Leute vom Sozialamt. Lauter Frauen, die sich in alles einmischen. Abgesehen davon könnte ich keine Handwerker in meinem Haus gebrauchen. Sie würden überall herumtrampeln und pfeifen und mir ständig im Weg stehen. Nein, nein, das kann ich nicht haben. Abgesehen davon, es gefällt mir so, wie es ist. Was hat das alles überhaupt mit dem toten Burschen auf meinem Sofa zu tun? Herzlich wenig, wie ich das sehe.«

Er wurde allmählich gereizt. Er hatte den Fremden nicht in sein Haus eingeladen, und er hatte ihn erst recht nicht gebeten, in seinem Wohnzimmer zu sterben, Herrgott noch mal! Jeder dachte, er wäre verantwortlich dafür! Monty war ein Mann, der sein Leben damit verbracht hatte, Verantwortung aus dem Weg zu gehen. Penny, wäre sie noch am Leben und hier gewesen, hätte das unter Eid bestätigt.

»Zugegeben«, sagte die rothaarige Inspektorin. »Nun, Monty, wir wissen nicht, woran Ihr Besucher gestorben ist. Und es ist ein Rätsel, was er hier in Ihrem Haus zu suchen hatte, meinen Sie nicht? Oder wie er hergekommen ist? Kein Wagen vor der Tür mit Ausnahme der Polizeifahrzeuge, und es sieht auch nicht so aus, als wäre er zu Fuß gekommen - dazu sind seine Schuhe zu sauber.«

»Tatsächlich?«, fragte Monty verblüfft.

»Allerdings. Ich habe nachgesehen.«

Bei diesen Worten wurde Monty nachdenklich. »Ich will verdammt sein!«, sagte er schließlich. »Ihnen entgeht aber auch gar nichts, wie? Aber es stimmt. Ich habe keinen Wagen gesehen draußen, als ich heimgekommen bin.«

Sie lächelte erneut. »Ich muss die Augen offen halten. Es ist mein Beruf. Die Kleidung des Toten zeigt auch keine Spuren von Straßenschmutz.« Sie hielt kurz inne und musterte Montys verdreckte Jacke und das Hemd mit den ausgefransten Manschetten. »Er trägt gute Sachen, meinen Sie nicht? Eine echte Wildlederjacke, die er da anhat, und diese Jacken sind kostspielig.«

»Wenn Sie mich fragen - er sieht aus wie die Sorte von Kerlen, die sich bei Pferderennen rumtreibt«, murmelte Monty.

Der Ausdruck in ihren grauen Augen wurde schärfer. »Wie steht es mit Ihnen? Gehen Sie zu Pferderennen?«

»Nein. Es war eine Vermutung von mir, weiter nichts.« Verdammt, dachte er bei sich. Man muss wirklich höllisch aufpassen, was man zur Polizei sagt. Sie stürzten sich auf jedes Wort und verdrehten alles, was man sagte, bis es nicht mehr wiederzuerkennen war. Penny war genauso gewesen. Sie hatte in jedem Satz eine unterschwellige Andeutung gesehen, die er gar nicht beabsichtigt hatte. Reiß dich zusammen, Monty! Beantworte die Fragen der Lady, weiter nichts!

»Die Sache ist die, Mr. Bickerstaffe - Entschuldigung, Monty -, es erscheint einfach unglaublich, dass Sie in Ihr Haus kommen und einen Toten auf Ihrem Sofa finden - noch dazu jemanden, den Sie noch nie zuvor im Leben gesehen haben.«

»Im ersten Moment dachte ich, er schläft«, brummte Monty. »Bis ich gemerkt habe, dass er nicht geatmet hat. Ich habe versucht ihn zu wecken … ich habe an seiner Jacke gezupft«, beeilte er sich zu sagen. »Ich würde nicht sagen, dass ich ihn geschüttelt habe. Ich habe ihn angebrüllt. Ich dachte, er wäre betrunken gewesen und ins Haus gekommen, um seinen Rausch auszuschlafen. Er hatte sich in die Hosen gemacht. Ich konnte es riechen. Ich schätze, Sie haben es ebenfalls bemerkt?«

»Ja, habe ich. Es tut mir leid, wenn ich weiter fragen muss, aber sind Sie absolut sicher, dass Sie ihn noch niemals zuvor gesehen haben?«

»Niemals.«

»Haben Sie irgendwelchen Besuch am heutigen Tag erwartet?«

Monty wollte schon verneinen, als leise blechern klimpernd die Melodie von Mozarts Rondo alla Turca erklang. Die Melodie kam offensichtlich aus Montys Jacke.

Er starrte sie erschrocken an.

»Ich denke, das ist Ihr Mobiltelefon«, sagte die Beamtin.

»Was? Oh … das elende Ding …« Er kramte in seiner Tasche, zog das Telefon hervor und hielt es sich ans Ohr.

»Hallo Onkel Monty!«, rief eine unbekümmerte Frauenstimme. »Ich bin es, Bridget! Ich dachte, ich rufe mal an und frage, wie es dir so geht. Tansy hat mir erzählt, dass du mit ihr in der Stadt warst und ein Handy gekauft hast. Aber du hast uns noch nie angerufen.«

Monty starrte den Apparat bestürzt an und hielt ihn sodann der Inspektorin hin. »Das ist meine … ein Mitglied der Familie. Sie besteht darauf, mich ›Onkel‹ zu nennen, obwohl ich gar nicht ihr verdammter Onkel bin. Sie heißt Bridget und ist die Tochter meines Cousins Harry. Sie machen einen kompetenten Eindruck. Warum reden Sie nicht mit ihr?«

»Wie heißt sie mit Familiennamen?«, flüsterte Inspector Campbell, indem sie die Hand nach dem Mobiltelefon ausstreckte.

»Beim letzten Mal, als wir miteinander geredet haben, hieß sie noch Harwell. Er wechselt ständig. Sie heiratet immer wieder, und wenn ich richtig informiert bin, versucht sie es inzwischen zum vierten Mal. Versuchen Sie Harwell. Das war der letzte Name. Wahrscheinlich heißt sie so.«

Er saß verdrießlich da und beobachtete die junge Inspektorin, während er ihrer Hälfte der Unterhaltung lauschte.

»Ja, Mrs. Harwell, es ist ein Rätsel, da haben Sie ganz recht. Aber es ist, oder war, ein Leichnam auf dem Sofa im Wohnzimmer Ihres Onkels. Wir werden ihn zu gegebener Zeit entfernen, doch Ihr Onkel kann heute Nacht nicht hierbleiben. Ja, er ist in guter Verfassung, nur ziemlich geschockt. Nein …« Die Inspektorin bedachte Monty und das leere Whiskyglas mit einem schnellen Seitenblick. »Nein, ist er nicht.«

»Will sie wissen, ob ich betrunken bin, oder was?«, grollte Monty.

»Ich verstehe, Mrs. Harwell. Das klingt nach einer exzellenten Idee. Ich sage es ihm. Ja, ich warte, bis Sie hier sind.«

»Was?«, rief Monty, nachdem die Inspektorin die Verbindung unterbrochen hatte. »Was ist das für eine gute Idee? Kommt Bridget etwa hierher?«

»Mrs. Harwell hat sich freundlicherweise erboten, Sie zu sich nach Hause mitzunehmen und für eine Weile bei sich unterzubringen«, antwortete Inspector Campbell. »Sie sagt, sie ist in zwanzig Minuten hier.«

»Herrgott im Himmel! Meinen Sie nicht, Sie hätten mich vorher fragen können? Ich fahre nicht mit zu Bridget, auf gar keinen Fall. Da können Sie mich genauso gut gleich in eine Zelle sperren und den Schlüssel wegwerfen!« Monty wedelte aufgebracht mit den Armen und stieß das leere Whiskyglas um.

»Dazu hat die Polizei überhaupt keinen Grund, nicht wahr?«, entgegnete sie, während sie zugleich geschickt das Glas auffing, bevor es vom Tisch rollen und auf dem Boden zerspringen konnte. »Es wäre sicher besser, wenn Sie bei Mrs. Harwell bleiben, Monty, und sei es nur für diese Nacht. Ich denke, Sie haben einen heftigen Schock erlitten, und Sie können nicht hierbleiben. Darin sind wir doch bereits übereingekommen.«

Die Küchentür öffnete sich, und ein stämmiger junger Mann warf Campbell einen fragenden Blick zu. Sie entschuldigte sich bei Monty und erhob sich. Die Absätze ihrer spitzen schwarzen Schuhe klapperten wie bei einem Flamenco-Tänzer vor einem donnernden zapateado über die Steinfliesen des Bodens, als sie die Küche verließ.

Sie schloss die Tür, und Monty konnte hören, wie sie sich leise mit dem jungen Mann unterhielt. Der Inhalt ihres Gesprächs interessierte ihn nicht. Bridget kam hierher. Er musste zu ihr nach Hause. Als er den Fremden auf seinem Sofa gefunden und begriffen hatte, dass er tot war, da hatte er geglaubt, die Dinge könnten nicht mehr schlimmer werden - doch genau das war soeben geschehen.

KAPITEL 3

»Das ist wirklich eigenartig«, sagte Sergeant Phil Morton leise zu Jess Campbell. Sie waren in den Flur gegangen, und Monty konnte sie unmöglich hören, doch irgendetwas an dem leeren, hohen Flur veranlasste einen unwillkürlich zum Flüstern. »Ich habe die Taschen des Toten durchsucht, und ich kann nichts finden, was ihn identifizieren würde. Keine Geldbörse, keine Brieftasche, kein Führerschein, nichts. Nur ein wenig Wechselgeld. Ich würde sagen, jemand ist uns zuvorgekommen und hat alles entfernt.«

»Das gefällt mir nicht«, erwiderte Jess Campbell. »Ich wette meine Stiefel, dass wir es nicht mit einer natürlichen Todesursache zu tun haben. Warum sollte jemand versuchen, die Identität des Toten zu verbergen? Ich werde Mr. Bickerstaffe nach draußen bringen. Er kann in einem Einsatzfahrzeug warten, bis seine Nichte Mrs. Harwell da ist und ihn mitnimmt.«

»Keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung an der Leiche - zumindest keine offensichtlichen«, sagte Morton skeptisch. »Keine Anzeichen für einen Kampf. Andererseits ist das ganze Haus so eine Müllhalde, dass es schwerfällt festzustellen, ob etwas nicht an seinem Platz steht oder ob die Unordnung größer ist als gewöhnlich.«

»Also müssen wir uns draußen umsehen und nach Spuren oder Zeichen von Aktivitäten suchen. Vielleicht finden wir irgendwo eine Lache mit Erbrochenem. Ihm muss unwohl gewesen sein. Er ist gewiss nicht hier hereingeschneit wie Mary Poppins, Phil. Er ist mit einem Wagen hergekommen, aber wo ist der Wagen? Er ist mit Sicherheit nicht zu Fuß gegangen - nicht in diesen Schuhen. Und ein Landstreicher auf der Suche nach etwas Essbarem oder einem Almosen ist er auch nicht. Er ist ein gutgekleideter, wohlgenährter Mann Anfang vierzig, höchstens, was meinen Sie?«

Morton nickte. Dann sah er zu der geschlossenen Küchentür mit dem unsichtbaren Monty Bickerstaffe dahinter. »Vielleicht hat der alte Bursche die Taschen des Toten durchwühlt auf der Suche nach Geld, um seinen Whisky zu bezahlen?«

»Er würde nicht die Wagenschlüssel oder die ganze Brieftasche an sich nehmen, sondern nur das Bargeld. Aber ich denke nicht, dass er es war. Ich stimme Ihnen zu - jemand hat versucht, die Identifikation zu verzögern, und aus diesem Grund die Taschen des Toten geleert. Ich halte es für mehr als wahrscheinlich, dass diese Person - oder vielleicht waren es auch mehrere Personen - den Toten mit dem Wagen hierher gebracht und zurückgelassen haben.«

»Aber warum hierher?«, fragte Morton prompt. »Glauben Sie, wer auch immer es war, wusste von diesem Haus?« Er sah sich um. »Er hat jedenfalls die richtige Umgebung ausgewählt, so viel steht fest. Es ist eine einzige Müllkippe und so aufmunternd wie eine Leichenhalle.«

Jess Campbell rammte die Hände in die Hosentaschen und zog die Schultern hoch. Morton hatte recht - es war ungemütlich wie in einem Mausoleum: kühl, feucht, staubig und nach Moder riechend. Das Haus stammte wahrscheinlich aus viktorianischer Zeit. Die Treppe in den ersten Stock hinauf war breit genug, um problemlos mit Reifröcken benutzt zu werden. Oben wurde das düstere Zwielicht überraschend durchbrochen von Licht, das durch ein Bleiglasfenster fiel. Flecken von Rot und Gelb fielen auf die Wandvertäfelungen und die dunkel angelaufenen Ölgemälde. Es verstärkte die Atmosphäre noch; Jess fühlte sich wie in einer Gedächtniskapelle. Lediglich der Geruch nach abgestandenem Blumenwasser und brennendem Kerzenwachs fehlte noch.

Sie riss sich zusammen und sagte forsch: »Ich bringe Mr. Bickerstaffe nach draußen. Anschließend sollten wir uns wohl besser im ersten Stock umsehen …« Sie zeigte nach oben. »Um sicherzugehen, dass dort oben nicht noch mehr Leichen herumliegen.«

Als sie in die Küche zurückkam, fand sie einen in tiefe Depressionen versunkenen Monty Bickerstaffe vor. Sie wusste nicht recht, was sie mit ihm machen sollte. Es war nicht zu übersehen, dass er nicht zu seiner Nichte Bridget wollte, auch wenn die Frau am Telefon sehr vernünftig geklungen hatte. Andererseits konnte er nicht im Haus bleiben, solange sie nicht mit Sicherheit wussten, dass es kein Tatort war, und er brauchte Gesellschaft. Ob es ihm bewusst war oder nicht: Er hatte einen schlimmen Schock erlitten.

»Kommen Sie, Sir«, sagte sie so aufmunternd, wie sie nur konnte. Er erhob sich gehorsam und folgte ihr nach draußen.

Jess atmete dankbar die frische Luft ein. Monty schob die Hände in die Taschen und ließ verdrießlich die Schultern hängen. Draußen vor dem Tor stand einer der beiden Constables, die zuerst gekommen waren, neben einem Streifenwagen und unterhielt sich mit einem Neuankömmling, einem jungen Mann in Jeans und einer abgewetzten Lederjacke.

»Hallo Monty!«, rief der junge Mann Monty Bickerstaffe zu. »Was ist denn los bei dir? Der Constable will nicht mit mir reden!«

Monty öffnete den Mund zu einer Antwort, doch Jess Campbell kam ihm zuvor. »Ich beantworte diese Fragen, Monty, haben Sie verstanden? Sie sagen kein Wort!« Sie schob ihn auf den Rücksitz des Wagens und schloss hinter ihm die Tür. Monty ließ sich in den Sitz sinken und verschränkte die Arme vor der Brust wie ein aufsässiges Kleinkind.

Jess Campbell wandte sich zu dem Officer und dem jungen Neuankömmling um. Sie musterte den Burschen von Kopf bis Fuß und schätzte ihn auf ungefähr zwanzig. Seine sonnenverbrannte Haut ließ darauf schließen, dass er die meiste Zeit im Freien verbrachte. Seine Haare waren lang und lockig über dem fettigen Kragen der Lederjacke. Beides, Haare und Jacke, hatten dringend eine Wäsche nötig. In gewisser Hinsicht sah er recht gut aus, doch das würde nicht so bleiben. Er begegnete ihrem Blick herausfordernd. Ein echter Schaumschläger, dachte sie.

»Und Sie sind?«, fragte sie schroff.

»Gary Colley.« Trotz des Glitzerns in seinen dunklen Augen klang seine Stimme misstrauisch, und sein Verhalten verriet Vorsicht.

»Dieser Gentleman hier …«, sagte der Constable mit einiger Ironie und einem Nicken in Richtung von Gary Colley, »… dieser Gentleman wohnt ein paar Hundert Meter weiter diese Straße hinunter. Es gibt dort wohl einen bäuerlichen Kleinbetrieb, der seinem Vater gehört. Der Gentleman wohnt dort zusammen mit seiner Familie.«

Gary funkelte den Constable böse an, doch dann wandte er sich an Jess, während er die Hand aus der Tasche nahm und auf den Constable deutete. »Er will mir nicht verraten, was hier vorgeht!«

»Das ist richtig«, antwortete Jess. »Und ich werde es ebenfalls nicht. Sie werden sich schon noch ein Weilchen gedulden müssen, Sir. Und bis es so weit ist, würde ich Ihnen gerne eine Reihe von Fragen stellen.«

Doch Gary war noch längst nicht fertig mit seinen eigenen Fragen. »Sie sind doch wohl nicht hergekommen, um den alten Monty zu verhaften?«, wollte er wissen.

»Nein, selbstverständlich nicht. Waren Sie heute schon einmal hier?«

»Nein«, erwiderte er prompt.

»Und wo waren Sie den ganzen Tag über?«

»Zu Hause. Ich habe mich um das Vieh gekümmert und verschiedene Arbeiten auf dem Hof erledigt. Es ist ein kleiner Hof, wie der Constable bereits sagte. Hauptsächlich Schweine.« Er grinste.

Offensichtlich gehörte er zu der Sorte, die Polizeibeamte normalerweise als »Schweine« bezeichnete, und offensichtlich hielt er sich für witzig. Jess fragte sich, ob er vielleicht aktenkundig war.

»Was hat Sie jetzt hergeführt?«, wollte sie von ihm wissen.

»Ich war auf dem Weg in die Stadt. Ich dachte, ich genehmige mir ein frühes Pint oder zwei.«

Jess sah auf ihre Armbanduhr. »Ein sehr frühes Pint«, bemerkte sie. »Es ist erst zehn vor fünf.«

»Ich brauche eine halbe Stunde bis zum Pub«, antwortete Gary einfach. Er starrte sie an. Sein Gesicht war ernst, doch seine dunklen Augen lachten belustigt.

»Wer wohnt noch auf dem Hof außer Ihnen und Ihrem Vater?«, fragte sie.

»Meine Mutter«, antwortete er. »Meine Schwester, ihr Kind und meine Großmutter.«

Vier Generationen Colleys unter einem Dach also. Jess kannte die Sorte. Eine Familie wie die Colleys war in der gesamten Umgebung bekannt und wurde von allen mit Misstrauen bedacht. Sie selbst kannten ihrerseits jeden und waren über alles informiert, was vorging. Keine Halsabschneider, aber auch nicht ganz ehrlich. Wilddiebe vielleicht, oder verwickelt in illegale Hundekämpfe, dergleichen Dinge. Vielleicht lagerten sie sogar Diebesgut in ihrer Scheune und besserten ihr Einkommen auf, indem sie größeren, professionelleren Halsabschneidern kleine Gefälligkeiten erwiesen. Gut möglich, dass ein Blick hinter die Kulissen angesagt war - wenn ihnen ein plausibler Grund einfiel für einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss, hieß das.

»Wie alt ist das Kind Ihrer Schwester?«, wollte sie wissen. Der Verdacht der Verwahrlosung Minderjähriger bot vielleicht einen Ansatzpunkt, die Colleys genauer in Augenschein zu nehmen.

Gary dachte kurz nach, bevor er antwortete. »Fast vier.«

»Und der Vater?«

Gary grinste. »Sind Sie ein Detective?«

»In der Tat«, antwortete sie.

»Dann finden Sie doch heraus, wer Katies Vater ist. Von uns weiß es nämlich niemand.«

Jess atmete tief ein. »Haben Sie heute fremde Fahrzeuge auf dieser Straße gesehen?«

»Hier fahren nicht viele Fahrzeuge«, antwortete Gary. »Wenn mal eins kommt, dann ist es meistens auf dem Hin- oder Rückweg von Sneddon's Farm. Die liegt ungefähr einen Kilometer weiter.« Er zeigte die Straße hinunter. »Ich habe keine fremden Wagen gesehen, nein. Wenn je ein Fremder hier langfährt, dann hat er sich mit großer Wahrscheinlichkeit verfahren.«

»Sind Sie sicher?«

Er nickte selbstsicher. »Ich hätte es bemerkt. Normalerweise halten sie an und fragen nach dem Weg. Ich schicke sie zur Hauptstraße zurück. Man kommt über das Land, wenn man auf diesem Weg bleibt, aber es sind lauter schmale Straßen und Pisten. Keine Wegweiser, und die Fahrbahn ist übersät von Schlaglöchern. Zwei Fahrzeuge passen nicht aneinander vorbei - einer muss zurücksetzen bis zu einem Tor oder einem Gatter, um den anderen vorbeizulassen, und es gibt nicht viele davon. Ein Fremder würde hier sofort auffallen.«

»Was ist mit Fußgängern?«

Er schüttelte den Kopf. »Keine. Hier kommen nie Spaziergänger vorbei, nicht auf dieser Straße.« Er drehte sich um und zeigte mit ausgestrecktem Arm am Haus vorbei auf die hügelige Landschaft dahinter. »Es gibt einen Weg über den Scooter's Hill. Dort oben sehen wir bei gutem Wetter häufig Wanderer. Aber ich kann nicht sagen, dass mir heute jemand dort oben aufgefallen wäre, und hier unten sowieso nicht.«

Er sah sie aus zusammengekniffenen Augen an und relativierte seine Aussage sogleich wieder: »Andererseits war ich nicht den ganzen Tag draußen vor dem Haus. Die Schweine stehen meistens hinter dem Haus im Gehege. Sie sind zerstörerische Biester. Sie haben den Zaun eingerissen und sind auf das Feld von Pete Sneddon ausgebrochen, das an unser Gehege angrenzt. Pete hätte ziemlichen Ärger gemacht, wenn er es gesehen hätte. Mein Dad und ich haben sie zusammengetrieben, und anschließend musste ich den Zaun reparieren.«

»Danke sehr«, sagte Jess. »Einer unserer Beamten wird zu Ihnen nach Hause kommen und mit Ihrer Familie sprechen. Bitte versuchen Sie sich zu erinnern, ob Sie etwas Ungewöhnliches bemerkt haben - oder ob Sie jemanden gesehen haben, den Sie nicht kennen, entweder auf der Straße oder auf dem Feld.«

Gary sah an ihr vorbei auf das Haus von Monty. »Sie bleiben wohl länger hier, wie?«

»Gehen Sie jetzt!«, grollte der Constable.

Gary zuckte die Schultern und schlenderte lässig in Richtung Stadt davon.

Jess ließ sich nicht von ihm täuschen. Gary war clever genug, nicht sofort nach Hause zurückzurennen. Dennoch bezweifelte sie, dass er bis in die Stadt und in ein Pub gehen würde, wie er es gesagt hatte. Stattdessen würde er außer Sicht verschwinden und in weitem Bogen über die Felder nach Hause rennen, um seinen Clan zu warnen. Ein Durchsuchungsbefehl würde rein gar nichts mehr nützen - falls es Hehlerware auf dem Hof gab, würden die Colleys jetzt alles ganz schnell in Sicherheit bringen.

»Benachrichtigen Sie mich, sobald Mrs. Harwell eintrifft«, sagte Jess zu dem Constable. »Und hindern Sie sie daran, das Haus zu betreten.«

Jess drehte sich zum Haus um und sah Morton vor der Tür stehen und mit dem zweiten Constable reden. Beide spähten angestrengt auf den Boden. Als sie näher kam, nahm sie einen durchdringenden Geruch nach Stall wahr, der ihr bisher noch nicht aufgefallen war. Vermutlich rührte er von der Schweinezucht auf dem benachbarten Hof her.

»Eigentlich sind Schweine saubere Tiere«, erwiderte der Constable auf ihre diesbezügliche Bemerkung. »Aber wenn man eine Menge von ihnen auf engem Raum zusammenpfercht, dann …«

»Schon gut, Farmer Giles«, unterbrach ihn Morton.

»Sie sehen sich weiter hier unten um«, sagte Jess zu dem Constable. »Und für uns beide wird es Zeit, einen Blick auf die Räume im Obergeschoss zu werfen, Phil. Hoffen wir, dass uns nicht noch weitere unangenehme Überraschungen erwarten.«

Sie betraten das Haus und verharrten kurz in der gewaltigen Eingangshalle, wo Mortons gewohnheitsmäßig düsterer Gesichtsausdruck Staunen und Verwunderung wich, als er ...

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