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Mord beginnt im Herzen

MORD BEGINNT IM HERZEN

von Horst Bieber

Krimi

Jens Träger, ein achtjähriges Kind ruft die Eltern seiner gleichaltrigen Schulfreundin an.

Alle sind weg“ flüstert er. „ Es ist dunkel und mir ist kalt. Ich möchte bei euch schlafen“.

Und als man den verstörten Jungen abholt, wird der schlimmste Albtraum, den man erleben kann, bittere Realität.

In der Diele des Träger-Hauses finden sie die Leiche der erschossenen Mutter, wenig später den ermordeten Vater. Was ist dort nur Entsetzliches geschehen – und hat der Junge die grausamen Bluttaten mit ansehen müssen?

Hauptkommissarin Nele Kayser und eine Kinderpsychologin versuchen den traumatisierten Jungen zum Sprechen zu bringen.

Doch nicht jeder in der Abteilung bringt die Geduld dafür auf. Schließlich führen alle anderen verwertbaren Spuren in eine Sackgasse! Der Junge bleibt der wohl einzige Zeuge und die Polizei gerät unter Erfolgsdruck. Mit katastrophalen Konsequenzen für das Kind…

Horst Biebers bislang unveröffentlichte Novelle, zeigt den „Deutschen Krimi-Preisträger“ in seiner besten Form.

© dieser Digitalausgabe 2014 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

www.editionbaerenklau.de

MORD BEGINNT IM HERZEN, Krimi von Horst Bieber, 2014

Cover & Layout/Text: Steve Mayer, 2014

1.

Natürlich hatte gerade die Tagesschau angefangen, als das Telefon klingelte. Ewald Witte schnaubte gereizt und langte nach der Fernbedienung, doch seine Frau war wieder einmal schneller gewesen und hatte ihm das Gerät weggeschnappt. Einem klingelnden Telefon konnte Karla Witte nur selten widerstehen. Sie schaltete den Ton des Fernsehers auf leise und nahm den Hörer auf.

"Witte." Während sie zuhörte, wurde ihre Miene immer besorgter.

"Ja, Jens, wir kommen gleich und holen dich."

"Das war Jens", sagte sie zu ihrem Mann und legte auf. "Seine Eltern sind weg, ihm ist kalt und er will bei uns schlafen."

"Was heißt: Seine Eltern sind weg? Der Junge spinnt doch wieder."

Darauf antwortete sie nicht, sondern baute sich vor ihrem Mann auf und stemmte wortlos beide Hände in die Seiten. Diese Geste kannte er nur zu gut. Stöhnend und ächzend nahm er ihr die Fernbedienung ab, schaltete den Fernseher aus und quälte sich auf die Füße.


Bis zum Haus der Färbers fuhr man drei, vier Minuten. Als sie vor der Einfahrt hielten, war das Haus dunkel, bis auf ein kleines vergittertes Fenster neben der Haustür. Die Garage war verschlossen, neben der Einfahrt stand auf der Straße ein großer dunkelblauer BMW ohne Licht. Als das Scheinwerferlicht des Witteschen Autos über die Hausfront strich, öffnete sich die Haustür. Ein kleiner Junge stand dort, starrte ängstlich auf die Scheinwerfer, die ihn blendeten und legte einen Arm vor die Augen. Er presste einen Teddybär an die Brust, das helle Shirt wies große dunkle Flecken auf. Unter dem anderen Arm hielt er einen Schlafanzug. Als Karla Witte ausstieg, erkannte er sie und lief auf das Auto zu. Karla Witte ging ihm schnell entgegen, der Junge nahm ihre Hand und sagte: "Hallo, Tante Karla. Darf ich bei euch schlafen?"

"Ja, Jens, setz dich schon mal ins Auto!" Eberhard Witte war auf die Haustür zugegangen, die Jens nicht ins Schloss gezogen hatte, öffnete sie weit und warf nur einen Blick in die Diele. Dann machte er in panischer Eile kehrt und marschierte auf seine Frau zu. "Frag' jetzt nichts, Karla!", zischte er. " Fahr' mit dem Jungen nach Hause, ich muss noch bleiben, und komm so schnell wie möglich zurück."

"Was ist denn passiert?"

"Später, eine Tragödie."

Während sie sich hinter das Steuer setzte, hörte sie gerade noch, wie er ins Handy sagte: "Ich möchte einen Leichenfund melden. Bei Färber, Nussweg 18. Mein Name ist Witte, Eberhard Witte. Ja, ich warte vor dem Haus."

Die Erste Kriminalhauptkommissarin Nele Kaiser hatte in zwanzig Dienstjahren schon viel gesehen, aber dieser Anblick verschlug ihr doch die Sprache. Die Haustür öffnete sich auf eine geflieste Diele. Vom Eingang aus gesehen, befand sich rechts hinten eine Treppe zum Obergeschoss, gleich links gab es eine Gästetoilette und daneben eine Garderobe. Geradeaus führten Türen in die Zimmer des Erdgeschosses; die Tür links hinten schien in die Garage zu führen. Neben der ersten Stufe der Treppe nach oben stand ein großer, runder Treppenstock. Die tote Frau saß auf dem Boden, mit dem Oberkörper an den Treppenstock gelehnt. sie trug einen bunten, weiten Sommerrock, der sich nach oben verschoben hatte und ein paar schlanke, braune Beine enthüllt. Ihre weiße, bestickte Bluse war auf der Vorderseite blutgetränkt. Blut hatte sich auch neben ihren Oberschenkeln auf den Fliesen ausgebreitet und war zum Teil schon getrocknet. Jemand war achtlos durch die Lache gestapft, hatte auf dem Weg zur Haustür rote Sohlenabdrücke hinterlassen, die von Schritt zu Schritt farbloser wurden. Die Frau hatte Sandalen mit halbhohen Absätzen getragen und beide Sandalen vor ihrem Tod in der Diele verloren. Auf der ersten Stufe der Treppe lag eine offenstehende Handtasche. Ein Schlüsselbund, ein Lippenstift und ein kleiner Parfümflakon waren herausgefallen. Die Frisur der Frau war zerwühlt, als habe sie jemand an den Haaren gepackt und irgendwohin zerren wollen. Sie war eine hübsche Frau gewesen, was auch jetzt noch, nachdem die Muskelspannung aufgehört hatte, gut zu erkennen war.

Nele Kaiser beobachtete den Arzt, der neben der Leiche kniete und den Kopf schüttelte. Dann drehte sie sich zu Eberhard Witte um, der an der Haustür stehen geblieben war und sich offenkundig nicht getraut hatte, die Diele zu betreten und mit entsetzter Furcht regungslos auf die Leiche starrte.

"Sie kennen die Frau, Herr Witte?"

"Ja, das ist Karin Träger."

"Gibt es eine Familie Träger?"

"Ja, sie ist verheiratet, mit Martin Träger. Das Paar hat einen Sohn, Jens, den wir vor ein paar Minuten abgeholt haben."

"Und wo ist Jens jetzt?"

"Bei uns, bei meiner Frau, sie hat ihn mitgenommen, nachdem ich die Leiche gefunden hatte."

"Wissen Sie, wo der Vater ist?"

"Nein. Ich habe Martin Träger seit Wochen nicht mehr gesehen."

"Haben Sie noch etwas Zeit?"

"Aber ja."

"Dann warten Sie bitte hier, ich möchte mir kurz das Haus ansehen." Als der Arzt aufstand, sich die Handschuhe auszog und gehen wollte, hielt sie ihn an. "Lieber Doc, wann ungefähr?"

"Unter dem üblichen Vorbehalt - zwischen 14 und 16 Uhr."

"Und wie?"

"Ein Schuss, entweder in eine Herzkammer oder in die Aorta."

"Deswegen das viele Blut?"

"Genau."

"Irgendwelche Anzeichen für einen sexuellen Hintergrund?"

"Nein. So nicht erkennbar. Allerdings hat sie Hämatome an den Unterarmen."

"Sie hat also mit ihrem Mörder gekämpft?"

"Gekämpft, ich weiß nicht, Frau Kaiser. An ihren Händen kann ich jedenfalls keine Abwehrspuren erkennen. Gut möglich, dass der Täter sie an beiden Armen festgehalten hat."

"Vor dem Treffer?"

"Ja. Wenigstens ein paar Minuten vorher, so dass sich überhaupt Hämatome ausbilden konnten."

"Ein Einbrecher, den sie überrascht hat?"

Der Arzt zuckte die Schultern; der Fotograf, der bis jetzt Bild auf Bild geschossen hatte, war fertig. Eine Frau und zwei Männer der Spurensicherung, alle in weißen Plastik-Monteuranzügen, begannen, die Nummernschilder einzusammeln. Eine Kollege vermaß die Diele und trug die Ergebnisse in eine Skizze ein, dann die Position der Leiche, bevor ein zweiter die Umrisse des Körpers mit weißer Sprühfarbe markierte. Andere suchten die einzelnen Treppenstufen und die Rückseite des Treppenstocks ab; Nele Kaiser betrachtet die übliche und routinierte Geschäftigkeit und rieb sich gedankenverloren über den linken Nacken, als habe sie dort Schmerzen.

Dann sah sich Nele nach ihrem Kollegen Jan Riedel um: "Auf, auf, zur Hausbesichtigung."

Die Spusi hatte sich schon alle Fenster und Türen angeschaut und keinen Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen gefunden.


Das Wohnzimmer des Träger-Hauses war ein großer, langgestreckter Raum, an einer Längsseite mit einer Glastür auf eine Veranda; dahinter lag der Garten. Gegenüber der Wohnzimmertür in die Diele befand sich eine weitere, jetzt geschlossene Tür. Riedel knurrte ungehalten.

Das Wohnzimmer war mit wuchtigen, schweren Sesseln und "altdeutschen" Möbeln eingerichtet. Doch alle Sessel, Tische, Couchen, Schränkchen waren so an die Wände geschoben, dass in der Mitte ein freier Platz entstanden ist. Ein deutlich helleres Rechteck auf dem Teppichboden verriet, dass hier ein großer Teppich gelegen hatte. Wohin war der verschwunden?


Nele Kaiser und Jan Riedel blieben verdutzt in der Tür stehen und zogen sich Plastik-Fingerhandschuhe über:

"Was soll denn das?"

Sie zuckt die Achseln.

Riedel, der ebenfalls Handschuhe trug, kontrollierte die Fenster, sie waren alle unbeschädigt und fest geschlossen.

"Hier ist er auch nicht rein."

Nele knurrt etwas Zustimmendes, sah sich um. Auch die zur Seite gerückten Möbel zeigten keine Zerstörung oder Beschädigung, alle Schubladen und Fächer waren geschlossen. Nach Wertsachen hatte der Unbekannte hier nicht gesucht.


Nele ging zur zweiten Tür und drückte die Klinke herunter. Die Tür war abgeschlossen, der Schlüssel fehlte. Sie bückte sich und schaute extra durch das Schlüsselloch, um sich zu vergewissern.


Nele und Riedel sahen sich ratlos an und zuckten die Achseln. Nele verließ eilig das Zimmer und rief draußen: "Werner? Rudi? Kommt ihr mal?“


Die beiden Gerufenen ließen nicht auf sich warten. Einer hatte eine Kamera mit Blitzlichtgerät in der Hand.

Die Hauptkommissarin deutete auf die Tür. "Tür und Schloss, Werner. Und dann öffnen, aber vorsichtig."

Der Photograph machte einige Aufnahmen; gleichzeitig suchte der andere den passenden Haken für das simple Türschloss aus seiner Schlüssel- und Werkzeugsammlung.

Der Photograph trat zur Seite, der zweite Mann machte sich an die Arbeit. Schon beim ersten Versuch fasste der Haken, der Mann klinkte mühelos die Tür auf. "Danke, Rudi. Komm, Jan!"

Es war seltsam still in dem großen Haus, in dem doch fast ein Dutzend Männer und Frauen arbeiteten. Nele und Jan betraten ein Arbeitszimmer mit einem großen Schrank, einem Schreibtisch und einem Rollensessel, der aus seiner üblichen Position weit zur Seite geschoben war. Auch hier gab es keine Zeichen von Einbruch oder Zerstörung.

Hinter dem Schreibtisch lag eine auffällig dicke Teppichrolle. Die Kommissarin knurrte: „Zum Teufel, das ist doch ... " und rief dann laut: "Werner!"

Der Photograph kam in das Zimmer. Sie deutete stumm auf die Teppichrolle. Alle Mitarbeiter der Spurensicherung wussten, dass Nele Kaiser am Tatort immer wortkarg war; sie meinte es nicht unfreundlich, aber sie tat manchmal so, als wolle sie die Totenruhe nicht stören. Und dort, wo sie auftauchte, ging es meistens um Mord und Totschlag.

Werner schoss mehrere Aufnahmen von der Teppichrolle, legte seine Kamera zur Seite und half Nele und Riedel, die stöhnend und ächzend die Rolle hinter dem Schreibtisch hervor in die Mitte des Raumes zerrten.

Riedel brummte: "Das reinste Blei! Warum lässt sich das nicht knicken?"

Werner half, ihnen. Schwer atmend schoben sie zu dritt die Rolle so weit vor, dass sie den Teppich auseinanderrollen können. Riedel erkannte es als erster: "Um Gottes Willen ..."

Schon nach zwei Drehungen wurde die Leiche eines Mannes sichtbar.

Nele fasste sich rasch: "Du, ich fürchte - hol' doch mal den Witte."

Riedel sauste aus dem Zimmer.

Der Photograph nahm seine Kamera und machte Aufnahmen.

Mit viel Mühe schlug sie noch eine Lage zurück, das Gesicht von Martin Träger wurde freigelegt. Dann traten Riedel und Witte ein. Nele stellte sich rasch vor die Teppichrolle: "Herr Witte, wir haben noch eine ...“

Nach einem Blick drehte sich Ewald Witte rasch weg, ihm wurde schlecht, Riedel hielt ihn fest, damit er nicht stürzte.

"Sie kennen den Mann?", fragte Nele betont ruhig.

Witte schluckte krampfhaft gegen en Brechreiz an. "Ja ... ja ...das ist Träger. Martin Träger. Der Vater von Jens."

Riedel erkundigte sich besorgt: "Geht's wieder?"

Witte keuchte: "Ja ... danke ... aber das kann ...die Mutter ... und der Vater ..."

"Kommen Sie, Herr Witte!", forderte Nele ihn auf und sagte leise zu Riedel: "Mach du hier weiter. Ich muss zu den Wittes und mit dem Jungen reden."

Sie nahm Witte am Arm und führte ihn Richtung Zimmertür.


Im Haus der Wittes brannte noch überall Licht. Das Ehepaar wollte Nele mit Fragen bombardieren, aber sie winkte ab und bat, mit Jens sprechen zu können. Karla Witte brachte sie in den ersten Stock: "Muss das sein, Frau Kommissarin? Der Junge ist völlig durcheinander, spricht kein Wort und sieht aus wie der Tod auf zwei Beinen."

"Ja, es muss sein, leider."

In dem kleinen Gästezimmer waren die Deckenlampe und die Leselampe neben dem Bett eingeschaltet.

Jens hockte in einem Schlafanzug auf der Bettkante und schaute unbewegt an Nele vorbei, die vor ihm stand, aber Abstand hielt.



Karla Witte wartete an der wieder geschlossenen Zimmertür, eine Hand um die Klinke verkrampft. Sie sah ängstlich und besorgt auf die Frau und den Jungen, schwieg aber.

"Hallo, Jens, ich heiße Nele Kaiser und würde dir gerne ein paar Fragen stellen." Jens reagierte nicht. "Über das, was heute bei euch zu Hause passiert ist."

Der Junge ließ nicht erkennen, dass er sie verstanden hatte.

"Kannst du dich noch daran erinnern? Oder möchtest du darüber nicht reden? Du musst vor mir keine Angst haben. Frau Witte ist ja auch da. Gut, wenn du jetzt nicht darüber reden willst, muss es auch nicht sein. Ich komm' dann ein andermal wieder. Dann geh' ich jetzt. Gute Nacht, Jens."


Nele Kaiser, Karla und Ewald Witte trafen sich im Wohnzimmer. Ewald Witte hat sich am Sideboard einen Cognac eingeschüttet, drehte sich um und hielt Nele die Flasche hin. Sie schüttelte den Kopf. "Nein, vielen Dank, Herr Witte. Könnten Sie mir bitte erzählen, was Sie heute Abend mit Jens erlebt haben?"

Sie setzte sich in einen Sessel und rieb sich die Augen, als Karla Witte endete: "Gut, dann bleibt Jens die Nacht über hier. Wenn es Ihnen keine Mühe macht ..."

"Nein, überhaupt nicht", beteuerte Karla Witte.

"Warum hat Jens gerade bei Ihnen angerufen?"

"Er ist oft bei uns. Wissen Sie, er ist mit Johanna - das ist meine Tochter - befreundet.“

"Schon lange?"

"Seit drei Jahren. Sie gehen zusammen in eine Klasse."

"Ach so. Wann war Jens das letzte Mal hier bei Ihnen?"

"Heute Mittag."

"Heute Mittag?

"Ja, er ist mit Johanna nach der Schule zu uns gekommen und hat hier …“

Ewald Witte mischte sich ein: "Du musst erklären, dass Karin ...“

Seine Frau unterbrach ihn: "Jens' Mutter arbeitet zweieinhalb Tage in der Woche. In der Städtischen Bücherei am Kortmannplatz. Montags und dienstags ganztags, am Mittwoch vormittags. An den drei Tagen kommt Jens nach der Schule zu uns und isst bei uns, macht mit Johanna zusammen seine Schularbeiten."

"Ach ja. Und wann ist Jens heute von hier weggegangen?"

"Wann? - Ich würde denken, gegen 14 Uhr. Nein, kurz nach zwei."

"Er ist nach Hause gegangen?"

"Ja. Er hat einen Schlüssel."

"Wie lange läuft man von hier zum Haus der Trägers?"

"Zehn Minuten höchstens, wenn er nicht trödelt."

"Zehn Minuten ... Frau Witte, gibt es Verwandte der Trägers, die wir benachrichtigen müssen?“

Ewald Witte mischte sich wieder ein: "Mensch, Karla, das haben wir ja glatt vergessen."

"Ja, richtig. Andreas Träger. Jens' Onkel."

"Wohnt der hier in der Nähe?"

"Ja, auch im Dorf. Hellmersweg 13 oder 15."

"Ist das weit von hier?"

"Nein, zu Fuß nur eine Viertelstunde."

Nele erkundigt sich: "Ist es denkbar, dass Jens von Ihnen aus nicht nach Hause, sondern zu seinem Onkel gegangen ist?"

"Das ist sogar gut möglich. Jens liebt seinen Onkel sehr ...“

"Abgöttisch", verbesserte ihr Mann energisch. "Die beiden sind ein Herz und eine Seele."

"Hellmersweg 13 oder 15."

"Ein alter Bau. Mit einem großen Schuppen", erklärte Witte.

Nele stand auf: „Gut, dann fahren wir jetzt mal zu dem Onkel. Wegen des Jungen melde ich mich morgen früh. Gute Nacht."

Nele ging eilig zur Tür. Karla Witte zögerte, schaute ihren Mann an, der sich abwandte. Dann rief sie der Kommissarin nach: "Frau Kaiser."

Nele drehte sich um und schaute fragend auf Karla Witte, die die Hände rang: "Ja, Frau Witte?"

"Da ist - da ist noch was."

"Ja?"

"Die Kleidung. Jens' Sachen."

"Ja? Was ist damit?"

Es fiel Karla sichtlich schwer zu sprechen.

"An seinem T-Shirt sind so - so merkwürdige Flecken. Ich fürchte - ich fürchte, es ist Blut."

Einen Moment verharrten alle schweigend, dann quälte sich Karla Witte hoch: "Ich hole die Sachen."

Nele drehte sich zu Ewald Witte um, der nur hilflos die Schultern hob: "Verdammt, ich brauch' noch einen. Wie halten Sie das in Ihrem Beruf aus?"

Witte goss sich reichlich ein. Nele beobachtete ihn ausdruckslos, Witte fing Neles Blick auf.

"Die beiden - die beiden - ich darf nicht daran denken ..."

"Ich mache mir im Moment mehr Sorgen um das Kind."

"Ja. Ja, natürlich. Wie Karla - sie hängt sehr an dem Jungen."

"Wie alt ist Jens eigentlich?"

"Acht. Wie unsere Johanna."

Als Karla Witte wieder in das Wohnzimmer kam, hielt sie in der Hand eine Plastiktüte mit Jens' Kleidung. Sie drückte Nele wortlos die Tüte in die Hand, setzte sich schnell auf ihren alten Platz und schlug beide Hände vor ihr Gesicht.


Wenig später blieben Nele Kaiser und Jan Riedel vor einem alten Haus stehen, in dem kein Licht mehr brannte.

Weil sie keine Klingel und keinen Klopfer fanden, tappten sie durch einen finsteren Garten auf den großen Schuppen seitlich an dem Haus zu. Dort brannten noch Lampen. Sie blieben vor einem Fenster stehen und schauten in den Schuppen.

Ein Mann saß an einem großen Tisch, auf dem eine alte Holztür mit Intarsien-Arbeiten lag. Er hatte ein Stück in der Hand und feilte die Ränder zurecht, probierte dann aus, ob es passte.

"Fleißig, fleißig, der Mann", spottete Riedel. "Arbeitet bis in die Nacht."

Vor der Tür des Schuppens rief Nele laut: "Herr Träger!"

Fast sofort näherten sich Schritte der Tür, die umgehend geöffnet wurde, Der fleißige Mann sah das Paar neugierig an: "Guten Abend."

Nele antwortete: "Guten Abend. Sind Sie Andreas Träger?"

"Ja. Was gibt's denn um diese ..."

"Mein Name ist Nele Kaiser, Kriminalpolizei. Und das ist mein Kollege Riedel."

Beide zeigten sie kurz ihre Ausweise vor, auf die Träger aber gar nicht schaute.

"Kriminalpolizei? Ist was passiert?"

"Dürfen wir reinkommen?"

"Ja, sicher, natürlich, bitte."

Träger war sichtlich verwirrt und versperrte immer noch die Tür. Riedel schob ihn sanft zur Seite.

"Wir haben leider eine schlimme Nachricht für Sie", sagte Nele möglichst ruhig, als sie zu dritt eintraten.

Der Werkstatt-Schuppen war recht groß und mit mehreren Maschinen für Holzbearbeitung ausgerüstet. Außerdem gab es eine große und eine kleine Töpferscheibe, dazu zwei Brennöfen. In einer Ecke war Holz gestapelt. Das Ganze sah zwar nach Arbeit aus, aber auch nach Unordnung.

Träger setzte sich an einen Tisch und fegte mit der Hand sinnlos hin und her über die Platte. Er hatte Mühe, sich zu fassen und zu verkraften, was er gerade gehört hatte.

Nele und Riedel warteten.

"Martin? Und Karin? Das ist ja - mein Gott, wie entsetzlich."

"Herr Träger, es tut mir sehr leid, aber wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen."

"Ja, ja, natürlich - beide ermordet - wer kann denn bloß ...“

"Herr Träger, wann haben Sie Ihren Bruder und Ihre Schwägerin zuletzt gesehen?

"Gestern. Gestern Abend. Ich war drüben, zum Abendessen."

"Haben Sie sich regelmäßig getroffen?"

"Regelmäßig? Nein, nein. Aber oft, doch, ja, öfter.

"Und wie steht es mit Jens?"

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