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Mord auf der Insel Sordou

Über Mary L. Longworth

Mary L. Longworth lebt seit 1997 in Aix-en-Provence. Sie hat für die »Washington Post«, die britische »Times«, den »Independent« und das Magazin »Bon Appétit« über die Region geschrieben. Außerdem ist sie die Verfasserin des zweisprachigen Essay-Bandes »Une américaine en provence«, die der Verlag La Martinière 2004 herausgebracht hat. Sie teilt ihre Zeit zwischen Aix, wo sie schreibt, und Paris, wo sie an der New York University das Schreiben lehrt.

Im Aufbau Taschenbuch liegen bisher ihre Romane »Tod auf Schloss Bremont«, »Tod in der Rue Dumas« und »Tod auf dem Weingut Beauclaire« vor.

Informationen zum Buch

Mord im Luxus-Hotel

Untersuchungsrichter Antoine Verlaque und seine Freundin, die Juraprofessorin Marine Bonnet, gönnen sich einen Urlaub auf der Insel Sordou unweit von Marseille, wo kürzlich ein Hotel für die Reichen und Schönen eröffnet wurde. Dort findet eine junge Kellnerin bei einem Spaziergang die Leiche eines einst berühmten Schauspielers. In der Nacht, in der er erschossen wurde, tobte ein heftiger Sturm. Also kommen wohl nur Hotelgäste und das Personal als Täter in Frage. Antoine Verlaque und Marine Bonnet müssen nun leider ermitteln, statt ihre Zeit am Strand zu verbringen.

»Die US-Autorin, die seit langem in der Provence lebt, begeistert vor allem durch die anheimelnde französische Atmosphäre, die mit vielen Restaurantbesuchen aufgepeppt wird.« Berliner Morgenpost

»Genau die richtige Sommerlektüre.« Berliner Morgenpost

Mary L. Longworth

Mord auf der Insel Sordou

Ein Provence-Krimi

Aus dem Amerikanischen von Helmut Ettinger

Meinen Cousins und Cousinen gewidmet

Vorbemerkung der Autorin

Der Küste von Marseille sind zahlreiche Inseln vorgelagert. Einige sind nicht zugänglich, aber Frioul und die Île d’If können besucht werden. Die Schiffe starten im alten Hafen von Marseille. Sordou indessen ist eine Erfindung der Autorin.

1. Kapitel
Lacydon

Vom Boot aus hatte man einen schönen Blick auf die Canebière, die schnurgerade von der Höhe bis zum alten Hafen verläuft und dabei die Innenstadt in zwei gleich große Teile trennt, als habe man mit einem Stock einen Strich durch den Sand gezogen. Es hat durchaus seine Logik, dass Marseilles Hauptstraße am Wasser endet, denn sie war einst das Bett des Flusses Lacydon. Eric Monnier presste die Hüfte an die Reling des Bootes, um seinen Zigarrenstummel wieder anzuzünden. Dabei fiel ihm auf, dass die Berge hinter der Stadt förmlich in die Höhe wuchsen, je weiter man aufs Meer hinausfuhr, als ob sie Marseille ins Wasser drängen, ja, stoßen wollten. Merkwürdig, ging es ihm durch den Sinn, wenn man in der Stadt war, fielen einem die schneeweißen Kalkberge gar nicht auf. Dort hörte man Autos hupen, Möwen schreien, roch das Meer, sah Staub und Schmutz. Er wusste, dass Marseille gar nicht versuchte, sich für die Touristen schick zu machen. Jedes Mal, wenn er in seine Geburtsstadt zurückkehrte, brauchte er einige Tage, um sie wieder lieben zu lernen.

Lacydon hieß sein erster und einziger Gedichtband, den er Anfang der sechziger Jahre geschrieben und den ein Freund in Arles in einer winzigen Auflage herausgegeben hatte. Damals war er zweiundzwanzig gewesen. Es sollte eine Ode an Marseille, seine Geschichte, sein strahlendes Licht und seine redefreudigen Bewohner sein. Er hatte ein Dutzend Exemplare auf Flohmärkten verkauft und den Rest unter Freunden und Verwandten verteilt. Ein Karton mit dem Manuskript, das die ältere Schwester eines Freundes getippt hatte, stand immer noch unter seinem Bett, dazu fünf der schmalen, eleganten Bändchen.

Da es mit dem Dichten zunächst nichts wurde, nahm Monnier eine Anstellung als Lehrer für französische Literatur an einem Gymnasium in Aix-en-Provence an, bis sich erste literarische Erfolge einstellen würden. Eine betagte Großtante väterlicherseits vererbte ihm nach ihrem Tod die Wohnung im Quartier Mazarin der Stadt. Dort lebte er nach wie vor, umgeben von Reichtum: Unter ihm wohnten ein Graf und eine Gräfin, über ihm ein Architekt aus Paris. Hier stand er nun, pensioniert nach Jahrzehnten in diesem Job und an dieser Schule, ohne seine Gedichte noch einmal in Buchform gebracht zu haben. Er schrieb sie bis heute mit der Hand in gebundene Notizbücher, die er bei Michel auf dem Cours Mirabeau kaufte. Er wusste, dass die Verkäufer ihn hinter seinem Rücken le poète nannten, und es war ihm nicht unangenehm.

Als Monnier die Stadt mit einem Blick umfing, bekam er feuchte Augen. Den Hafen hatte er immer geliebt – die mittelalterlichen Festungen aus goldfarbenem Stein und die Abtei Saint-Victor, die ihm in ihrer wuchtigen Schlichtheit besser gefiel als die elegante Notre Dame de la Garde aus dem 19. Jahrhundert. Als er sich nach rechts wandte, sah er die Bunker, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg auf dem Hügel unterhalb des Pharo-Palais gebaut hatten. Als Jungen hatten sie dort gespielt, bis die Palastwachen sie vertrieben.

Mit der Entfernung des Bootes von der Küste weitete sich der Blick: Der private Schwimmklub unterhalb der Bunker kam in Sicht, wo man heute erst nach jahrelanger Wartezeit mit zahlreichen Empfehlungen Mitglied werden konnte, und in dessen Nähe das Dreisternerestaurant Passédat.

Jetzt wandte er sich von Marseille ab, nicht weil er die Stadt nicht mehr mochte, sondern um den Wind im Rücken zu haben. Beim dritten Versuch gelang es ihm tatsächlich, die Zigarre zum Glimmen zu bringen, wenn es auch nur ein paar kaum sichtbare rötliche Pünktchen an der Spitze waren. Er paffte heftig, damit sie nicht wieder ausging. Nun sah er, wie nahe sie bereits den Frioul-Inseln waren. Zu dieser Gruppe gehörte auch das jetzt verlassene Gefängnis-Eiland Île d’If, dem Alexandre Dumas mit dem Graf von Monte Christo ein Denkmal setzte. Zwei größere Inseln des Archipels waren durch einen Damm verbunden, wodurch ein großer, Marseille zugewandter Hafen entstand. Auch dort überall weiße Klippen und schroffe Kalkberge, auf denen hier und da grünes Gebüsch wuchs – in der Julisonne ein herrlicher Kontrast zur blaugrünen See. In seiner Jugend hatte ein Onkel (seine Mutter, Tochter italienischer Einwanderer, hatte elf Geschwister, sein Vater dagegen war ein Einzelkind) auf Frioul ein Strandhäuschen besessen, wo Eric und seine Cousins die Ferienwochen mit Schwimmen und Angeln verbrachten, oder mit Schreiben, wenn er allein war.

Weiter draußen wurden die Wellen größer. Mit einem dumpfen Schlag fiel das Boot in ein Wellental. Der Dichter hörte, wie ein älteres Paar, das vor ihm eingestiegen war, etwas rief, das wie »Hooray!« klang. Die Frau hatte den Schrei ausgestoßen. Sie stand mit dem Rücken zur Stadt und hielt sich mit weit ausgebreiteten Armen an der Reling fest, während ihr Mann komisch hin und her schwankte und nach einem festen Halt suchte, um ein Foto von ihr zu machen. Er trug weiße Tennisschuhe, die ihm zu groß zu sein schienen, und einen dieser seltsamen Mützenschirme gegen die Sonne – für Monnier ein ziemlich sinnloses Ding. Er wusste nicht, wie man diese Kopfbedeckung nannte, aber Leute, die so etwas trugen und »Hooray!« kreischten, konnten nur Amerikaner sein. Als die Frau bemerkte, dass Monnier sie musterte, lächelte sie ihm zu und rief: »Schwere See!« Monnier winkte mit seinem Panamahut zurück; sie hatte wohl etwas über die Wellen gesagt.

Er wollte nicht mehr so aufdringlich hinschauen; aber die Freude und die gemeinsame Begeisterung dieser Amerikaner hatten etwas Ansteckendes. Monnier hatte zwar Liebesaffären gehabt, war aber nie verheiratet gewesen. Die Frau, mit der er sein Leben hätte verbringen wollen, war vor fast fünfzig Jahren gestorben, und seitdem hatte ihn keine andere mehr interessiert. Das Dichten diente ihm als Vorwand, um für sich zu bleiben. Man glaubte ihm, denn etwas so Abstraktes konnten seine wenigen Freunde kaum verstehen.

Mit einer Woche auf der Insel wollte er sich für die vierzig Jahre belohnen, in denen er undankbaren (mit wenigen Ausnahmen) Siebzehnjährigen die Schönheit der Lyrik Flauberts hatte beibringen wollen. Als Beamter im Ruhestand erhielt er weiter sein volles Gehalt. Die 2000 Euro im Monat waren zwar nicht gerade üppig, aber völlig ausreichend für einen Mann, der mietfrei wohnte, keine Kinder hatte und kaum auf Reisen ging. Als er an seiner Zigarre zog, erblickte er sein Spiegelbild in einem Fenster des Bootes. Er sah wohl wirklich aus wie ein pensionierter Lehrer, der gern aß und trank und dabei nicht aufs Geld schaute. Eine Lesebrille mit halbmondförmigen Gläsern hing ihm ständig um den Hals, er hatte einen Bauch und trug weiße Guayaberahemden, die ihm eine Freundin von einem Besuch aus Kuba mitgebracht hatte (erst jetzt stellte er fest, dass dieses vom Abend zuvor mit Rinderragout bekleckert war). Kritisch betrachtete er seine rote Knollennase, den zottigen weißen Bart und das struppige graue Haar, das sich bereits lichtete.

Die Amerikaner waren damit beschäftigt, bei diesem Wellengang festen Halt zu finden. Monnier freute, dass die Sprachbarriere als Vorwand dienen konnte, sich nicht mit ihnen einlassen zu müssen, wenn sie erst einmal auf der Insel waren. Ohnehin kein besonders geselliger Mensch, suchte er dort Ruhe, Zeit zum Nachdenken und Schreiben. Da hörte er französische Laute.

Ein neues Paar tauchte auf seiner Seite des Bootes auf. Sie mussten bisher woanders gestanden haben und nach ihm und den Amerikanern eingestiegen sein. Sie waren jünger als jene und bestimmt zwanzig Jahre jünger als er selbst. Zumindest die Frau. Als sie an ihm vorübergingen, nickte er ihnen lächelnd zu, und sie taten es ihm gleich. Die Frau war groß und schlank, aber nicht mager; ihre üppigen kastanienbraunen Locken blies der Wind auf, wie es bei Élodie gewesen war. Sie hatte das Gesicht voller Sommersprossen, eine lange, schmale Nase, hohe Wangenknochen und schmale Lippen. Auch ihr Partner war beeindruckend, hatte aber nicht ihr klassisches Ebenmaß. Er war etwa so groß wie sie, eher ein wenig kleiner, hatte breite Schultern und bereits ein hübsches Bäuchlein. Auffallend war die gebrochene Nase – ein Unfall? Oder eine Sportverletzung? Sein dichtes schwarzes Haar war von ersten grauen Fäden durchzogen. Der Blick der Augen, die viel dunkler waren als ihre, wirkte intelligent. Er konnte herzlich lachen, wobei man sah, wie groß sein Mund war.

Monnier paffte seine Zigarre zu Ende und wandte sich wieder Marseille zu. Man konnte kaum noch Einzelheiten erkennen, nur Notre Dame de la Garde ragte auf einer Bergspitze östlich der Innenstadt empor – ein markanter Punkt wie Sacré Cœur in Paris, nur dass sich hier die Seeleute daran orientierten. Das Boot hatte inzwischen die Frioul-Inseln umrundet und hielt in südwestlicher Richtung aufs offene Meer zu. Sein Ziel war ein Eiland von nur 700 Metern Breite und zwei Kilometern Länge.

»Rauchen Sie eine kubanische?«, sagte da eine tiefe Stimme neben ihm. Es war der Mann mit der gebrochenen Nase und der schönen sommersprossigen Begleiterin.

»Was sonst?«, gab Monnier zurück. Er mochte nur ein kleiner Angestellter des öffentlichen Dienstes sein, aber er rauchte ausschließlich kubanische Zigarren. »Eine Upmann. Aber sie ist ausgegangen, und ich habe den Stummel nur noch im Mund, weil ich ihn nicht ins Wasser werfen will.«

»Ich habe auch eine Upmann in der Tasche«, antwortete der Mann und klopfte auf sein Leinenjackett, das selbst für Monniers ungeübtes Auge teuer wirkte. »Eine Magnum 46. Aber die hebe ich mir auf, bis wir auf der Insel sind. Meine Freundin hält es für albern, wenn ich hier auf dem Boot Zigarre rauche. Ich glaube, sie meint, ich soll die frische Luft nicht verpesten.«

Monnier musste lachen. »Das müsste sie den Kubanern sagen.« Was soll’s, dachte er bei sich. Die sprechen Französisch, und wir werden auf einer kleinen Insel zusammenhocken. »Eric Monnier«, stellte er sich vor.

»Antoine Verlaque«, sagte Gebrochene Nase und schüttelte ihm die Hand. Dabei lächelte er Monnier zu. »Ein paar Tage Urlaub vom Alltag?«

»Das hoffe ich doch«, gab Monnier zurück. »Habe gerade vierzig Jahre Lehrerdasein hinter mir gelassen. Und Sie?«

»Einfach nur Urlaub.«

»Haben Sie sich mit Zigarren eingedeckt?«, fragte jetzt Monnier. »Ich bin nicht sicher, ob man im Hotel welche bekommt.«

Verlaque nickte lächelnd. Die Naivität dieses Lehrers amüsierte ihn. In Hotels wie diesem gab es bestimmt sogar Zigarrenbefeuchter. Er hatte seinen eigenen Vorrat bei sich, war aber sicher, dass er sich auch im Hotel versorgen konnte. »Die nehmen meinen halben Koffer ein«, raunte er vertraulich. »Sie hat keine Ahnung davon.« Dabei schauten beide zu Verlaques Begleiterin hinüber, die das Meer fotografierte.

»Sie ist schön«, sagte Monnier, selber überrascht, dass er so unverblümt sein konnte.

»Stimmt, und sie kann damit umgehen. Manchen Frauen bekommt die Schönheit nicht. Aber bei Marine ist es anders.«

Dieser Antoine musste an Komplimente für seine Freundin oder Frau gewöhnt sein, zumindest überraschten ihn die offenen Worte eines Fremden überhaupt nicht. »Marine«, wiederholte Monnier. »Passt zu einer Person, die Wellen fotografiert.«

Verlaque nickte. »Wohl war. Aber ich glaube, das tut sie, weil sie sich eigentlich vor Ihnen fürchtet.«

Monnier lächelte dünn. »Ich habe eine gekannt, die Ihrer Marine sehr ähnlich war. Ein wunderbares Mädchen …«

Das Boot begann wieder heftig zu schwanken, und beide Männer umklammerten die Reling. »Über Frioul bin ich noch nie hinausgekommen«, bemerkte Verlaque. »Es ist herrlich, einmal so aufs offene Meer hinauszufahren und Marseille weit hinter sich zu lassen.«

»Es sind ungefähr acht Kilometer«, erklärte Monnier. »Sordou ist die erste Insel, auf die Schiffe von See her stoßen, daher die Bedeutung des Leuchtturms. Die anderen Inseln der Frioul-Gruppe sind unbewohnt …«

»Ich weiß …«

»Dort trifft man höchstens die Küstenwache, ein paar Forscher, Taucher und Möwen …«

Verlaque wartete, dass Monnier, mit dem jetzt offenbar der Lehrer durchging, einmal Luft holte, aber der gab ihm keine Chance. »Hier haben die Menschen schon im Neolithikum Krustentiere gefangen«, fuhr er fort.

»Hm«, meinte Verlaque. »Bestimmt wird man uns guten Fisch vorsetzen. Ich habe tolle Sachen über den jungen Chefkoch gehört …«

»Natürlich gibt es auf der Insel auch jede Menge Kaninchen und ein paar seltene Vögel, zum Beispiel den Grauen Sturmtaucher …«

»… mit dem hellgelben Schnabel und dem aschgrauen Gefieder …«

»Aber die Sturmtaucher verstecken sich gern in Felsspalten, so dass wir wohl kaum welche zu sehen bekommen werden.«

Das Boot drosselte die Geschwindigkeit, und Marseille war nur noch ein goldener Nebel am Horizont.

»Wir sind da!«, sagte Monnier und hielt seinen Hut gegen die Sonne.

Als sich das Boot langsam dem Anlegeplatz der Insel näherte, spürten die Passagiere unvermittelt, wie heiß die Julisonne brannte. Die Amerikaner liefen in die Kabine, um ihr Gepäck zu holen, wobei die Frau ihren Mann Bill ermahnte, auf seinen Rücken zu achten.

»Ah …, Sordou«, sagte Monnier und umfing die Insel mit einem Blick.

»Sind Sie schon einmal hier gewesen?«, fragte Verlaque. »Wenn ich richtig informiert bin, war Sordou jahrzehntelang unbewohnt.«

»Ja, ich war schon hier, mon ami. Früher bin ich hier gewesen.«

2. Kapitel
Das Willkommen

»Passen Sie auf, wo Sie hintreten«, rief der Kapitän seinen Fahrgästen zu. Er hatte sein Boot, die Sunrise, schon verlassen und war auf die Pier von Sordou gesprungen. Er wollte rasch wieder nach Marseille zurück, denn der Seegang nahm zu, und bis er dort war, hatten seine Freunde in der Bar de la Marine sicher schon den zweiten Pastis hinter sich.

Ein gutaussehender, kräftiger Mann um die dreißig begrüßte die Gäste und nahm ihnen das Gepäck ab. Hugo Sammut war froh, dass er diesen Job bekommen hatte. Im Winter arbeitete er als Skilehrer in den Alpen, aber er brauchte den Zuverdienst in der Sommersaison. Hier hatte man ihn als Gärtner und Bootsführer angestellt. Er besaß das blaue Bootsführerabzeichen und konnte Gäste mit dem kleinen Motorboot des Hotels aufs Meer hinausfahren, wenn die es wünschten. Ihn wunderte nicht, dass man ihn für alles Mögliche einsetzte, so auch zur Begrüßung der Gäste an der Pier, denn bei der ersten Zusammenkunft der Angestellten im Mai hatte er erschrocken festgestellt, dass sie nur zu sechst waren, dazu der Besitzer und seine Frau.

»Bitte, Madame«, sagte Sammut und bot einer Frau in mittlerem Alter beim Aussteigen aus dem Boot seinen Arm an.

»Mit dem größten Vergnügen!«, antwortete die auf Englisch und griff kichernd nach dem sonnengebräunten, muskulösen Arm.

»Shirley!«, rief ihr Ehemann von hinten. »Nimm dich vor diesen Franzosen in Acht!«

Als sie mit beiden Füßen auf festem Grund stand, tätschelte sie Sammut dankbar die Schulter und griff nach dem Koffer ihres Mannes, der beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. »Er hat es mit dem Rücken«, sagte sie laut zu Sammut, wies auf ihren Gatten und dann auf die eigene Kreuzgegend. »Und Parkinson auch«, fügte sie hinzu. Eric Monnier zuckte zusammen, denn es war ihm peinlich, dass diese Frau sich so öffentlich über die Leiden ihres Mannes verbreitete.

»Wenn das so ist, Madame, dann erlauben Sie mir, Ihnen die Koffer zum Hotel zu tragen«, sagte Sammut in perfektem, wenn auch nicht akzentfreiem Englisch. Damit hatte er als Skilehrer besonders bei angelsächsischen Frauen immer Erfolg.

»Oh, danke …«

»Hugo«, ergänzte er.

»Mein lieber Hugo. Ich bin Shirley Hobbs, und das ist mein Mann Bill.«

»Nett, Sie kennenzulernen, mein Sohn«, warf Bill Hobbs ein und drückte Sammut die Hand. Monnier sah die Freundlichkeit der Amerikaner mit Erstaunen. Dabei fiel ihm auf, wie sehr die Hand des Mannes zitterte, als er sie dem Franzosen reichte. Monnier war niemals in den »Staaten« gewesen, wie einige seiner Exkollegen dieses Land zu seinem Ärger nannten.

»Sind Sie sicher, Hugo, dass Sie mit beiden Koffern zurechtkommen?«, fragte nun Bill Hobbs. »Ich fürchte, ich kann Ihnen dabei keine große Hilfe sein.«

»Natürlich, Sir. Kein Problem«, antwortete Sammut, der zu seiner Erleichterung sah, dass Serge Canzano, der Barmann des Hotels, schnellen Schrittes zum Anlegeplatz gelaufen kam.

»Geben Sie mir bitte Ihr Gepäck«, sagte er zu Monnier, während Sammut ihm einen Blick zuwarf, als wollte er sagen: Wo bleibst du denn die ganze Zeit? Canzano konnte Sammut nicht erklären, dass er einer der Urlauberinnen gerade einen zweiten Mojito mixen musste, als das Boot anlegte. Er hatte sich schon beeilt und dann Marie-Thérèse, die gerade im Wäscheraum arbeitete, gebeten, ihn an der Bar zu vertreten.

»Ich bin gleich zurück und hole Ihre Koffer«, rief Sammut Antoine Verlaque und Marine Bonnet zu.

»Nicht nötig«, protestierten beide einstimmig. »Das schaffen wir schon allein.«

»Ich nehme Ihr Gepäck«, erklang da eine kehlige Stimme. Als die Passagiere sich umwandten, lief ihnen eine kleine Frau von Ende zwanzig mit kurzgeschnittenem Haar entgegen und nahm Marine den Koffer ab. »Willkommen auf Sordou«, sagte sie dabei. »Ich bin Niki Darcette, die Geschäftsführerin des Hotels.«

Marine betrachtete Niki Darcettes schlanke, gebräunte Arme und Beine und taxierte sie auf amerikanische Kleidergröße null. Die kleine, resolute Person trug eine kurzärmelige weiße Baumwollbluse und einen roten Minirock, dazu hochhackige Sandaletten. Als Marine bemerkte, dass sich Verlaques Brauen anerkennend hoben, gab sie ihm spielerisch einen Klaps aufs Hinterteil.

»Mme. und M. Le Bon, die Hoteleigner, erwarten Sie in der Lobby«, fuhr Niki Darcette fort. »Einige Gäste sind bereits heute Morgen eingetroffen. Weitere zwei erwarten wir mit dem letzten Boot heute Abend. Dann wird es eine herrliche Woche lang keine Störungen mehr geben.«

Die Worte wirkten auf Marine etwas einstudiert, das »herrlich« war wohl ein wenig übertrieben. Aber die tiefe, raue Stimme gefiel ihr, obwohl sie vielleicht von zu vielen Zigaretten kam.

»M. Verlaque«, sagte die Geschäftsführerin, die neben ihm schritt, »ich hoffe, Sie hatten eine gute Überfahrt.«

»Sehr angenehm, danke«, erwiderte Antoine und blinzelte Marine zu.

Die war erleichtert, dass Mlle. Darcette ihn nicht mit Monsieur le juge angesprochen hatte. Es war ihre Bedingung gewesen, dass Antoines Beruf – er war der Oberste Richter des Bezirkes Aix-en-Provence – während dieser Woche außen vor bleiben sollte. Sie waren im Urlaub und nicht bereit, anderen unentgeltlich juristische Ratschläge zu geben. Für die Juraprofessorin war das Studienjahr im Mai zu Ende gegangen, aber sie war weiterhin mit Recherchen und Schreiben beschäftigt.

»Wow! Wow, wow, wow!«, rief Shirley Hobbs und ließ einen Pfiff hören, als sie sich umsah.

»Shirley, das war viermal ›wow‹«, sagte Bill Hobbs zu seiner Frau. Der Hafen der Insel war von steilen weißen Klippen umgeben, die mit grünem Buschwerk gesprenkelt waren und aus deren Felsspalten hier und da unverdrossen kleine Schirmkiefern wuchsen. Die Klippen fielen steil ins blaugrüne Meer ab wie bei den Calanques, die Shirley und Bill Hobbs in Cassis während ihres letzten Urlaubs in diesem Teil der Provence kennengelernt hatten. Jene Bootsfahrt vor fünf Jahren – drei Calanques für fünfzehn Euro, fiel Bill ein – hatte sie überzeugt, sich diese luxuriöse Woche auf Sordou zu gönnen. »Das ist ein Ort wie in diesen Einrichtungsmagazinen, die du immer liest, nicht wahr, Shirley?«, stellte Bill fest und ergriff den Arm seiner Frau.

»Designer-Magazine, Bill«, korrigierte sie ihn.

Die Gäste nahmen das Hotel in Augenschein. Es war ein Klinkerbau in hellem Rosa auf einer kleinen Anhöhe mit Blick auf das Meer. Es schmiegte sich an den Berg und stieg stufenförmig an, wodurch es sich gut in die Landschaft einfügte und nicht daraus hervorstach. Eine Reihe geschwungener Balkone und Terrassen fügte sich an der Vorderfront aneinander – manche groß und mit überwältigendem Meerblick, andere klein und intim. Das Hotel lag an der Südküste der Insel, und außer den weißen Klippen auf beiden Seiten sah man vor sich nur das weite Meer. Als die Gäste oben auf dem Hügel vor der Tür des Gebäudes angekommen waren, wandten sie sich wie auf Kommando um und genossen die Aussicht.

»Bis hinüber nach Afrika ist vor uns jetzt nur noch Wasser«, erklärte Hugo Sammut den Gästen. Obwohl er schon zwei Monate lang auf der Insel war, faszinierte ihn dieser Blick immer wieder.

»Messieurs-dames!«, ertönte da eine Stimme. Vor dem überdachten Eingang zum Hotel stand Maxime Le Bon und hielt die Glastür auf. »Bienvenu«, fuhr er fort. »Welcome«, sagte er zu den beiden Hobbs, weil Bill Hobbs’ Mützenschirm verriet, dass sie die Amerikaner sein mussten. Le Bon selbst trug, was zu dieser Julihitze passte – eine Leinenhose und ein kurzärmeliges weißes Hemd. Er war schlank und sonnengebräunt (wie alle Angestellten) und über die Ankunft seiner Gäste, so schien es Marine Bonnet, sichtlich erfreut. »Meine Frau Catherine – wir nennen sie alle nur Cat-Cat – ist im Haus. Bitte schön …«

Le Bon und Sammut hielten die riesige gläserne Doppeltür auf, und die Gäste strömten in die Lobby.

»Jetzt bitte keine Wows mehr, Shirley«, raunte Bill Hobbs seiner Frau zu und blickte sich in dem großen Raum um, dessen Decke einer Kathedrale alle Ehre gemacht hätte. Die Wände waren cremefarben gestrichen, Fensterrahmen und Leuchten als Blickfänge in Schwarz gehalten. Rechts von der Eingangstür stand in einer alkovenartigen Nische, die vielleicht einmal eine Kapelle gewesen war, dachte Marine, der aus Holz gefertigte geschwungene Tresen der Rezeption. Von dort trat jetzt rasch eine elegante Dame mittleren Alters hervor und begrüßte die Gäste.

»Bonjour«, sagte sie mit einem Lächeln. »Ich bin Catherine Le Bon. Nennen Sie mich doch bitte Cat-Cat. Ihr Gepäck wird auf die Zimmer gebracht, während Mlle. Darcette und ich Sie einchecken. Für die kleine Weile empfehle ich Ihnen, in der Bar Platz zu nehmen. Wir nennen sie die Jacky-Bar – zur Erinnerung an einen Barmann, der in den fünfziger Jahren hier auf Sordou gearbeitet hat … Dort möchten wir Ihnen zur Begrüßung ein Glas Champagner servieren.«

Eric Monnier nickte Mme. Le Bon zu und nahm schnurstracks Kurs auf die Bar. »Ich checke als Letzter ein«, sagte er dabei.

»Wir sind sehr erschöpft«, erklärte Shirley Hobbs, nachdem Niki Darcette Cat-Cats Willkommensworte ins Englische übersetzt hatte. »Ich möchte nur noch aufs Zimmer und die Beine hochlegen.«

»Natürlich, Mme. Hobbs«, antwortete Maxime Le Bon. Er wies auf die Rezeption. »Bitte schön …«

Verlaque blickte Marine an und sagte: »Ich mache das, geh du ruhig in die Bar, wenn du möchtest.«

»Ich kann auch hier mit dir warten«, gab Marine zurück.

»Möchtest du nicht nach Sylvie schauen?«, fragte Verlaque. Er wollte sie nicht gern dabeihaben, denn er hatte vor, um ein teureres Zimmer zu bitten.

»Du hast ja recht«, kam es nun von Marine. »Und die Bar ist ein guter Startpunkt für unseren Urlaub.«

»Verdammte Scheiße!«, stieß da ein Teenager hervor und drängte sich zwischen Marine und Verlaque durch, die beide einen Schritt zurückwichen.

»Entschuldigung!«, sagte Marine sichtlich aufgebracht.

Der Junge drehte sich um und ließ ein »Sorry« hören, bevor er die Glastür aufstieß und aus dem Hotel rannte.

»Brice!«, rief eine Frau, die in die Lobby gelaufen kam.

»Er ist dort entlang«, sagte Verlaque und wies auf die Tür.

»Merci, Monsieur«, antwortete die Frau. »Teenager!«, sagte sie zu Verlaque, lächelte ihm kurz zu und lief ebenfalls nach draußen.

»M. Verlaque«, sagte Maxime Le Bon, »Sie können jetzt einchecken.«

»Bis gleich«, rief Marine. »Du weißt ja, wo du mich findest.«

War die Hotellobby in elegantem toskanischen Stil gehalten, so präsentierte sich die Bar in zügellosem Capri von etwa 1962. Marine stand in der Tür, die Hände in die Hüften gestützt, und schaute sich lächelnd um. Hugo Sammut trat ihr mit einem Glas Champagner entgegen. »Danke«, sagte Marine. »Eine schöne Bar.«

Sammut blickte um sich, als hätte er das noch gar nicht bemerkt, und zuckte die Schultern, bevor er ging.

»Hallo!«, rief Sylvie Grassi vom Ende des weißen Tresens, der mit dicken schwarzen Tupfen verziert war. »Das wurde ja Zeit!«

Marine lief auf ihre Freundin zu, wechselte Küsschen mit ihr und umarmte sie. »Ich bin so froh, dass wir endlich hier sind!«

Sylvie hob ihren Mojito und stieß mit Marine an. »Auf unseren Sommerurlaub!«, sagte sie.

»Chin-chin«, antwortete Marine und nahm einen Schluck von dem sehr trockenen Champagner.

»Setz dich, damit du nicht umfällst, wenn ich dir sage, wer hier ist«, flüsterte Sylvie mit schon etwas schwerer Zunge.

Marine musste lachen. »Ist das dein erster Mojito?«

Sylvie schüttelte heftig den Kopf. »Mein zweiter, und dann werde ich wohl ein Mittagsschläfchen halten. Das habe ich nicht mehr getan, seit Charlotte auf die Welt gekommen ist.«

»Wie geht es ihr?«, erkundigte sich Marine nach ihrem zehnjährigen Patenkind.

»Wir haben gestern miteinander gesprochen, bevor ich hierhergekommen bin … Hier gibt es übrigens kein Handynetz«, bemerkte Sylvie. »Sie war gerade mit meinen Eltern auf einer zweistündigen Wanderung über die Almen. Danach waren sie noch auf Charlottes Lieblingsbauernhof Sahne kaufen.«

Marine seufzte. »Klingt idyllisch.«

»Genau, wie diese Mojitos und dieses Hotel! Ist die Bar nicht schon fast ein bisschen zu viel des Guten?«

Marine ließ ihren Blick über die Sitzbänke an den Wänden in Aquamarin und Grün, die hellgelben Sessel, die Bronzetischchen mit den Glasplatten und die venezianischen Jalousien aus weißem Holz gleiten, die die Sonne abhielten. Über ihren Köpfen drehten sich gemächlich Deckenventilatoren und gaben der Bar ein tropisches Flair. Sie sah Eric Monnier, laut Verlaque ein pensionierter Lehrer, ganz allein an einem runden Marmortisch unter dem riesigen Foto eines kubanischen Campesinos in massivem schwarz-weißen Rahmen sitzen. Er kritzelte etwas in ein Notizbuch und war mit seinem Champagner offenbar schon fertig, denn neben ihm stand jetzt etwas, das aussah wie ein Glas Whisky.

»Marine«, ließ sich da Sylvie hören.

»Was ist?«

»Ich muss dir noch sagen, welcher Gast hier ist.«

»Richtig. Wer ist es denn?«

»Etwas mehr Neugier wäre schon angebracht!«

Marine lachte und nippte an dem Champagner. »Entschuldigung, so wie du dich aufführst, muss es ein Filmstar sein, und du weißt doch, dass ich davon keine Ahnung habe. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal im Kino war. Stars sind für mich mittelmäßig begabte Leute, die schon bei ihrer Geburt einen Schönheitswettbewerb gewonnen haben und bei denen hier oben nicht viel drin ist …«, sagte sie und tippte sich an die Stirn.

»Du redest von Hollywood-Stars. Den ich meine, konntest du in letzter Zeit in keinem Film sehen, meine Liebe.«

»Einer, dessen Karriere längst vorüber ist?«, fragte Marine.

Sylvie runzelte die Brauen. »Er dreht jetzt Werbespots. Ich habe gehört, er hat am Set Ärger gemacht. Du weißt immer noch nicht, wen ich meine …?«

»Hallo, ihr zwei«, rief da Verlaque, beugte sich zu Sylvie hinab und tauschte Küsschen mit ihr. »Bleib sitzen«, sagte er dabei.

»Ich kann gar nicht aufstehen«, antwortete Sylvie.

Verlaque musste lachen, und Marine strahlte, froh darüber, dass ihre beiden liebsten Menschen in dieser Woche offenbar gut miteinander auskommen würden.

»Ich habe Marine gerade erzählt, dass wir einen französischen Filmstar auf der Insel haben«, sagte Sylvie und schlürfte geräuschvoll ihren Mojito aus.

Verlaque zog eine Augenbraue hoch. »Tatsächlich?«

»Und es gibt Stunk zwischen ihm und seiner Frau, die sich bereits eine Million Mal hat liften lassen, und ihrem halbwüchsigen Sohn.«

»Die haben wir bereits in der Lobby gesehen!«, erklärte Marine, die der verstörte Junge mehr interessierte als die Gattin des Stars.

»M. Verlaque, ein Glas kühlen Champagner können Sie jetzt sicher gebrauchen«, flötete Niki Darcette und reichte Antoine ein Glas.

Sylvie Grassi warf Marine einen Blick zu. Die flüsterte ihrer Freundin ins Ohr: »Alle Frauen hier scheinen mit ihm flirten zu wollen!«

»Pardon?«, sagte Verlaque.

Marine vergewisserte sich, dass Niki bereits außer Hörweite war, und wiederholte dann, was sie gerade zu Sylvie gesagt hatte.

Verlaque musste lachen. »Das ist doch Blödsinn.«

»Nein, es ist Sordou«, konstatierte Sylvie. Verlaque und Marine blickten sie an. Sylvie war selbst eine jünger aussehende Vierzigerin, die sich schlank und fit hielt. Ganz ähnlich wie Mlle. Darcette, ging es Verlaque durch den Kopf. »Mir machen alle Jungs vom Personal schöne Augen«, stellte Sylvie fest. »Ich denke, das liegt an der Schönheit der Insel, der Wärme der Sonne auf der Haut und dem herrlichen Gefühl, dass einen überkommt, wenn man im Salzwasser schwimmt.«

Marine lachte. »Und vielleicht auch daran, dass man von hier nicht wegkann, solange kein Boot kommt«, warf sie ein. »Schaut euch nicht um«, flüsterte Sylvie plötzlich aufgeregt, »hinter euch …«

Instinktiv wandten Marine und Verlaque die Köpfe.

Sylvie stöhnte leise und senkte ihr Gesicht über das leere Mojitoglas.

»Alain Denis!«, flüsterte Verlaque.

»Der einzige Star, den meine Mutter beim Namen kennt«, murmelte Marine. »Sie war hingerissen von ihm, als er in den Sechzigern in Venedig …«

»… Acqua alta drehte«, ergänzte Sylvie.

»Meine Mutter lag ihm auch zu Füßen«, kam es von Verlaque. Er musterte ganz ungeniert den Schauspieler, der am anderen Ende der Bar etwas zu trinken bestellte. »Die rote Nacht war ihr Lieblingsfilm, wenn ich mich recht erinnere.«

»Ich habe Der lange Weg nach Hause geliebt«, schwärmte Sylvie. »Die tolle Szene in Schwarzweiß, wo ein Holzpfosten die Leinwand in zwei Teile trennt, er auf der einen Seite ganz allein steht und man sie im Off weinen hört …«

»Ach ja, Isabella Piccolini«, sagte Verlaque mit einem Lächeln. »Die war nun wieder der Liebling meines Vaters.«

Marine betrachtete den Schauspieler diskret: Er wirkte auf sie wie sein jüngeres Selbst – immer noch mit etwas zu langem Haar, das aber bereits stark ergraut war. Die große, leicht gebogene Nase, die beinahe mädchenhaften vollen Lippen und die hohen Wangenknochen waren nach wie vor bemerkenswert. Aber er hatte eine völlig faltenfreie Haut, was Marine, die wusste, dass er wie ihre Eltern Ende sechzig sein musste, seltsam vorkam. »Was ist mit seiner Karriere passiert?«, fragte sie.

Sylvie beugte sich nach vorn. »Angefangen hat es mit Problemen zwischen Denis und Isabella Piccolini bei den Dreharbeiten«, erklärte sie im Flüsterton und spielte mit ihrem leeren Mojitoglas. Offenbar überlegte sie, ob sie sich noch ein drittes gönnen sollte. Sylvie las Paris Match, wo immer sie die Zeitschrift in die Finger bekam. Sie war zu stolz, um sie zu kaufen, also stürzte sie sich darauf, wenn ein Exemplar im Wartezimmer des Zahnarztes oder bei ihrer Schwester herumlag. »Er ist bequem geworden, außerdem soll er sich keinen Text mehr merken können. Und er hat immer wieder seine Partnerinnen sexuell belästigt, sogar die Piccolini, eine glücklich verheiratete Italienerin mit vier Kindern – Daniella, Dario, Davide … Oh, der letzte Name fällt mir jetzt nicht ein …«

»Sprich weiter«, sagte Verlaque.

»Er hat die Forderungen für seine Rollen immer höhergeschraubt und immer mehr Geld verlangt, von dem das meiste direkt an seinen Kokainhändler geht.«

»Was er wohl hier will?«, fragte Marine.

»Urlaub machen«, antwortete Sylvie.

»Ich denke, Marine meint, warum hier auf Sordou und nicht in Saint-Tropez oder auf Ibiza«, warf Verlaque ein.

»Gute Frage«, meinte Sylvie. »Vielleicht scheut er inzwischen das Scheinwerferlicht?«

»Ich dachte immer, Filmstars lieben es«, gab Marine zu bedenken.

Sylvie lehnte sich auf ihrem Barhocker zurück und schaute Alain Denis von der Seite an. »Er wirkt aber genau wie der Typ, der glücklich ist, wenn möglichst viele Kameras auf ihn gerichtet sind«, sagte sie. »Vor allem wenn er jetzt nur noch für Hundefutter wirbt. Aber wer weiß?«

Marine und Antoine sahen Sylvie überrascht an, weil sie ein Gespräch über Alain Denis in so pseudophilosophischem Ton beendete.

»Noch einen Mojito oder lieber ein Schläfchen?«, fragte Sylvie.

»Ein Schläfchen«, antworteten Marine und Antoine wie aus einem Mund.

3. Kapitel
Der Koch

Kreise waren in den zwei Jahren sorgfältiger Renovierung das wichtigste Gestaltungselement der im Original wiederhergestellten Jacky-Bar gewesen. Émile Villey hatte die Le Bons überzeugt, den ikonoklastischen Stil der 1960er Jahre beizubehalten. Der lange, geschwungene weiße Tresen war mit runden Scheiben aus schwarzgestrichenem Holz dekoriert, die großen Teppiche aus Wolle und Seide trugen diskrete Kreismotive, runde Bronzespiegel und Bilder schmückten die Wände. Villey glaubte, von Kreisen gehe Ruhe aus, genau das, was ein Hotel am Meer brauchte. Kreisförmig waren auch die Fenster von der Küche zur Bar und dem anschließenden Restaurant. In die vier kreisrunden Bullaugen hatte man venezianische verspiegelte Scheiben eingesetzt, durch die der Koch seine Gäste und das Personal betrachten konnte.

Émile Villey, der 25 Jahre junge Koch, hatte Glück gehabt, das wusste er. Sein eigenes Restaurant zu haben, und sei es noch so klein, das war ein Traum. Maxime und Cat-Cat Le Bon verkehrten mit ihm auf Augenhöhe, hatten ihn sogar bei der Renovierung von Küche und Restaurant konsultiert und überließen Émile alles, was mit Menü und Küche zusammenhing. Er hatte sich sofort in die Insel verliebt, als er sie zum ersten Mal sah. Er war im Berry, tief im Binnenland von Zentralfrankreich, geboren und aufgewachsen. Während seiner Ausbildung, die er schon mit 15 begann, war er weit herumgekommen: von der Picardie bis Paris. Als er sich an einem seiner seltenen freien Wochenenden auf der Insel vorstellte – er war damals noch bei Le Meurice in Paris angestellt –, hatte Émile für die Le Bons gekocht und dafür Kräuter von Sordous Felsenklippen – Rosmarin, Thymian, Lavendel und wilden Rucola – verwendet. Den einzigen ständigen Bewohner der Insel, Prosper Buffa, hatte er dazu gebracht, Fisch zum Grillen zu fangen (und ihm viel zu viel dafür bezahlt). Die einfache, aber frische Mahlzeit hatte die Le Bons hellauf begeistert. Sie erklärten Villey, sie erwarteten ihn im zeitigen Frühjahr, um die Küche fertigzustellen und seine Kochkünste an den Mitarbeitern zu erproben, bis im Juli die ersten Gäste eintreffen würden. Den Abend hatten Émile Villey und Maxime Le Bon mit zwanzig Jahre altem Armagnac und Träumen von Michelin-Sternen abgeschlossen.

Erst als er seinen Dreijahresvertrag mit den Le Bons unterschrieben hatte, erreichte ihn über sein ausgedehntes Netzwerk französischer Chefköche die Nachricht, die Le Bons seien deshalb so begeistert gewesen, weil Villey sich als Einziger beworben hatte. Nach weiteren Besuchen auf der Insel wurde Émile der Grund dafür klar: In dieser abgelegenen Gegend war es fast unmöglich, die Speisekarte abwechslungsreich zu gestalten. Hier gab es keine exotischen Zutaten, und selbst Grundnahrungsmittel mussten per Boot aus Marseille angeliefert werden. Und Marseille war immer noch die alte, schmutzige, chaotische Stadt. Auch mit Investitionen wie jenen der Le Bons würde aus ihr nie ein Saint-Tropez, Capri oder auch nur ein Aix-en-Provence werden. Der besorgte junge Koch war schon bereit gewesen, den Vertrag zu brechen und in irgendein Restaurant von New York oder Italien zu verschwinden, bis es im August zu einem weiteren Treffen mit den Le Bons kam, die während der Sanierung der alten Hotelgebäude in einem Zelt kampierten. Nach einem langen Brainstorming ging Villey unterhalb der Klippen schwimmen, ließ sich schwerelos auf dem Rücken treiben und schaute in den blauen Himmel. Um ihn herum war ein großes Schweigen, das nur vom Plätschern seiner Hände und dem fernen Gesang der Zikaden unterbrochen wurde, die auf den wenigen Bäumen der Insel saßen. Er setzte die Taucherbrille auf – ein Geschenk seiner Eltern, die selbst nur ein einziges Mal am Meer gewesen waren –, schwamm an den Felsen entlang und bewunderte das Leben unter Wasser, wo sich all die bunten Fische um ihn herum in einem Schwarm bewegten und zugleich einzelne freie Wesen waren.

Als Villey eine Felsplatte erklommen hatte und sich dort in der Sonne trocknen ließ, kamen ihm seine Lehrjahre in den Sinn: das grobe Wachrütteln um sechs Uhr morgens im eiskalten Berry, wenn es draußen noch dunkel war und Eis und Schnee den Boden und alles andere bedeckten, die harte Arbeit in der Küche eines großen Restaurants bis weit nach Mitternacht, als er seine von Blasen und Schnittwunden bedeckten Hände kaum noch spürte, und das sechs Tage in der Woche. Der einzige Trost der Lehrlinge war der Samstagabend, wenn sie mit den Mädchen der Schwesternschule am anderen Ende der Stadt Bier tranken oder Tischfußball spielten. Später geriet er als stellvertretender Küchenchef bei Lille an einen manisch-depressiven Zweisternekoch, dem es Spaß machte, mitten in der hektischsten Arbeit dem Küchenpersonal Streiche zu spielen. Und schließlich sein großer Coup: die Position des Fischkochs im Le Meurice von Paris, dem Dreisternerestaurant eines berühmten Luxushotels, wo die Arbeitsbedingungen nicht besser waren als bei seiner ersten Lehrstelle in der Auberge des Oiseaux im Berry. Nachts fiel er in einem kleinen Appartement im 20. Arrondissement todmüde in ein schmales Bett. Diese höchst bescheidene Bleibe, wo die Nachbarn nicht zu arbeiten schienen, weil dort Tag und Nacht laute Rapmusik lief, kostete ihn 850 Euro im Monat, die Hälfte seines Gehalts.

Sordou war seine Herausforderung, entschied Émile, als er sich an jenem heißen Tag im August abtrocknete. Gab es denn nicht auch an anderen abgelegenen Orten großartige Restaurants? In Island zum Beispiel? Oder auf fernen Inseln in der Südsee? Zurück zum Hotel rannte er fast, setzte sich an den Tisch und entwarf einen Plan, zu dem ein Küchengarten und große Blumentöpfe für Kräuter gehörten. Wenn er im zeitigen Frühjahr pflanzte, dann hatte er zum Beginn der Sommersaison für sein Menü frisches Gemüse der Provence. Wenn er sich selbst um den Garten kümmerte, sollte er ein kleines Stück Land dafür erhalten. Der Architekt plante sogar eine fast zwei Meter hohe Mauer, die es vor dem Seewind schützen sollte.

Im Zug nach Paris an jenem Abend machte sich Villey weitere Notizen. Er wollte in der Erntesaison Obst kaufen und es nach der Methode seiner Großmutter konservieren. Er konnte mit Thymian und Lavendel Likör herstellen. Fisch musste natürlich ganz oben auf der Karte stehen. Mit den örtlichen Fischern wollte er vereinbaren, dass sie auf ihrer Rückfahrt nach Marseille an der Insel einen Zwischenstopp einlegten. Prosper war nicht zuverlässig genug, und die Anwesenheit der Le Bons auf seiner Insel war ihm gar nicht recht. Émile wusste, dass er zu nachtschlafender Zeit aufstehen musste, um den Fischern ihren Fang abzunehmen, aber zumindest würde er keine Eisblumen von den Fenstern kratzen müssen wie damals im Berry. Gutes Rindfleisch würde schwer zu beschaffen sein, aber er wollte sich provenzalisches Lamm liefern oder von Hugo Sammut abholen lassen. Seine Pasta würde ihn retten – er bereitete sie sehr gern zu, und allen schmeckte sie. Le Bon willigte ein, in eine italienische Fleischschneidemaschine zu investieren, die so viel kostete wie ein kleiner Citroën oder Renault. Aber es war die schönste Maschine, die Villey je gesehen hatte: leuchtend rot und mit viel blitzendem Chrom. Ihre Mechanik war so präzise wie die eines Teleskops. Mit einer sanften Drehung des Rades konnte ein Bellota- oder Pata-Negra-Schinken aus Andalusien bis auf ein Zehntel Millimeter Genauigkeit in feinste Scheiben geschnitten werden. Solche ganzen Schinken konnte man in der Küche und, wenn es nach Villey ging, sogar in der Bar von der Decke hängen lassen.

Er schaute durch eines seiner Bullaugen auf die Gäste in der Bar, die noch bei ihrem Begrüßungs-Champagner waren. Der Anblick gefiel ihm. Für die Hoteleröffnung würde das eine gute Gesellschaft werden, denn laut Ankündigung der Le Bons war alles dabei: ein reicher Filmstar, ein paar Leute aus Paris, ein amerikanisches Ehepaar und einige Gäste aus dem Mittelstand von Aix. Besonders fasziniert war er von der Mojito trinkenden Künstlerin – zumindest wirkte sie wie eine solche – mit ihrem lässigen Outfit und den vielen bunten Reifen an den schlanken, muskulösen Armen. Er mochte ihr Lachen, das gar nicht wieder aufhörte, jetzt, da ihre Freunde, ein Mann und eine Frau, angekommen waren. Der Filmstar war auch schon da. Er wirkte schlecht gelaunt und tat so, als sei er mit seinem iPhone beschäftigt, obwohl es auf der Insel gar keinen Empfang gab. Dann saß da noch ein ungepflegter älterer Mann an einem Tisch in der Ecke und kritzelte eifrig etwas in ein Heft. Ein Tagebuch? Villey betrachtete ihn genau. Das fleckige Kubahemd und der zottige Bart konnten Tarnung sein; vielleicht war es ein Restaurant- oder Hotelkritiker. Aber schon so zeitig? Er musste Serge und Marie-Thérèse bitten, ein Auge auf ihn zu haben.

Émile Villey hatte schon mit zwölf Jahren gewusst, dass er Koch werden wollte. Einmal hatte er seiner Mutter und seiner Tante dabei geholfen, für eine große Feier – die goldene Hochzeit seiner Großeltern – zu kochen. Er hatte den Lärm der fröhlich Tafelnden genossen, während er zusammen mit einem älteren, ziemlich faulen Cousin in der Küche werkelte. Hätte er damals auch nur geahnt, was für schwere Ausbildungsjahre ihn erwarteten, dann wäre seine Entscheidung vielleicht anders ausgefallen. Aber welche Wahl hatte schon ein Bauernsohn in Zentralfrankreich, der sich nichts aus Büchern machte? Der Hof der Familie wurde zwischen seinen beiden älteren Brüdern aufgeteilt. Aus dem faulen Cousin war der schlechteste Elektriker Frankreichs geworden. Doch er, Émile, arbeitete nun auf einer Sonneninsel im Mittelmeer, wohin die Reichen kamen, um sich zu erholen.

Auch dieser Tag war für ihn ein Segen gewesen. Nach dem täglichen Morgenbad war er durch den Südteil der Insel gestreift, über Felsen geklettert und durch ein Kiefernwäldchen gewandert, wo er unerwartet auf einen kleinen wilden Obstgarten stieß. Vor vielen Jahren, als das erste Hotel seine beste Zeit erlebte, hatte jemand hier Obstbäume gepflanzt. Die waren jetzt in einem schlimmen Zustand, das sah der Bauernsohn sofort. Aber zwei bogen sich unter der Last der Aprikosen, obwohl deren Reifezeit schon vorüber war. Émile pflückte eine, brach sie auf und genoss die warme, süße und saftige Frucht. Er legte so viel er konnte in seinen Rucksack und lief zurück, um Maxime Le Bon die gute Nachricht zu überbringen. In dem Garten hatte er auch einen riesigen schirmförmigen Feigenbaum voller kleiner harter Früchte entdeckt, die am Ende des Sommers reiften. Aprikosen- und Feigentarte hatte er bereits als Lehrling gebacken – mit einer Mürbeteigdecke, der er einen Schuss Mandelextrakt zugab, ein in Frankreich unbekanntes Elixier, das er einst bei einem englischen Kollegen kennengelernt hatte. Ein paar der kleinen Fläschchen hatte er, wie auch seine Messer, bei seiner Wanderung von Küche zu Küche stets bei sich. Freunde, die ab und zu nach London fuhren, brachten sie ihm mit, ebenso den scharfen Cheddar-Käse und Haferplätzchen.

Diese Woche hatte ihm ein weiteres Geschenk beschert – Isnard Guyon, einen befreundeten Fischer aus dem Viertel Pointe Rouge in Marseille. Der hatte Émile bereits das ganze Frühjahr nicht nur exzellenten Fisch geliefert, sondern dem Chefkoch kürzlich auch angeboten, Rindfleisch und andere Produkte zu bringen – natürlich von einem Cousin, der eine Fleischerei betrieb und für sein frisches Lamm von den Bergen der Provence, aber auch für seine Milchprodukte bekannt war, die er von einem Bauernhof in den Alpen bezog. Am Morgen zuvor hatte Isnard, wie versprochen, die erste Lieferung gebracht. Schon um fünf Uhr früh hatte er im Hafen von Sordou angelegt. Wieder in seiner Küche, hatte Émile sofort von der Sahne gekostet. Sie war reicher im Geschmack und dicker als jede, die er je probiert hatte.

Émile Villey wandte sich von den Gästen ab, band sein dichtes blondes Kraushaar zu einem Pferdeschwanz zusammen, strich die Schürze glatt und wusch sich die Hände. Es war Zeit, an das Abendmenü zu gehen. Die Gäste hatten die Wahl zwischen einer kalten Zucchinisuppe mit einem Klecks Crème fraîche aus den Alpen oder einer Gemüseterrine, die aus Schichten von Blätterteig bestand und von einem Zweiglein Rosmarin zusammengehalten wurde. Als Hauptgang gab es Isnards frisch gefangene Seebrasse, in Olivenöl gebraten, mit Kirschtomaten, schwarzen Oliven und Artischocken oder über offenem Feuer gegartes Lammkotelett mit Polenta. Zum Dessert reichte er Aprikosentarte mit Vanilleeis, das er bereits am Abend hergestellt hatte, bevor er zu Bett gegangen war. Villey hatte frischen Lavendel gesammelt und für Plätzchen verwendet, die er zusammen mit einem delikaten Süßwein aus Beaumes-de-Venise im Luberon servieren wollte.

Dass er keine Küchenhilfe hatte, machte ihm nichts aus. Die Le Bons hatten keine Kosten gescheut, um die bestmögliche Ausrüstung anzuschaffen, und er hatte gelernt, während des Kochens die Küche zu säubern. Diese Art zu arbeiten mochte er, sie gab ihm die nötige Ruhe, die er regelrecht genoss. In Drucksituationen hatte Serge versprochen zu helfen, genauer gesagt, Maxime hatte versprochen, dass Serge helfen werde, in der Küche Ordnung zu schaffen oder Gemüse zu schneiden. Auch Marie-Thérèse hatte ihm ihre Hilfe angeboten und bislang mangelnde Erfahrung durch Eifer ausgleichen können. Jetzt stand das erste Abendessen mit Gästen bevor. Émile wusste, dass davon der weitere Verlauf der Sommersaison, ja sogar die Zukunft von Sordou abhängen konnte.

4. Kapitel
Dinner für zehn

Marine saß auf der Terrasse vor ihrem Zimmer, die Füße auf das schmiedeeiserne Geländer gelegt. Sie trug ein kurzes, enganliegendes rosafarbenes Baumwollkleid und einen großen, weichen, beigefarbenen, hellblau eingefassten Sonnenhut. Gerade war ein kühler Wind aufgekommen, und die Sonne stand schon tief. Sie genoss diese Momente im Freien, fern von Computer und Recherchen. Sie blickte auf das glitzernde Meer und bewegte ihre Zehen, denen sie gerade eine nicht sehr gelungene Pediküre verpasst hatte. Sie begutachtete die Stellen, wo wegen ihrer Unachtsamkeit ein wenig von dem roten Nagellack auf die Zehen gelangt war.

»Hast du dir die Beine mit Sonnenschutz eingecremt?«, fragte Antoine Verlaque, als er auf die Terrasse trat.

Marine blickte auf ihre Beine und dann zu ihrem Freund. »Noch nicht, das mache ich morgen. Versprochen«, antwortete sie. »Diese weißen sommersprossigen Dinger haben ewig keine Sonne mehr gesehen.« Mit gerunzelter Stirn drehte sie sie hin und her.

Verlaque beugte sich nieder und zupfte an ihrem Hutrand. »Ich liebe deine weißen sommersprossigen Beine«, sagte er dabei. »Sie passen zu den schwarzen Tupfen an der Bar.«

»Na vielen Dank«, gab Marine zurück und verdrehte die Augen.

»Hast du keinen Hunger?«

Marine musste lachen. »Nein, aber du bestimmt. Ist kein Knabberzeug in der Minibar?«

»Da war ein Tütchen Erdnüsse, aber die habe ich schon gegessen.«

»Danke fürs Teilen!«

»Es war wirklich sehr klein«, kam es von Verlaque. »Ungefähr so.« Er hielt Daumen und Zeigefinger einen Zollbreit auseinander.

Marine blickte auf ihre Uhr aus Weißgold mit sehr dezenten Diamanten. Sie war ein Geburtstagsgeschenk Verlaques, und sie wagte gar nicht daran zu denken, was sie wohl gekostet hatte. Wahrscheinlich hätte man bei Barzahlung in Aix dafür eine kleine Wohnung bekommen.

»Lass uns ins Restaurant hinuntergehen«, sagte Verlaque und rieb sich die Hände. »Es ist schon fast halb neun.«

»Gut, gut, aber drängle nicht«,

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