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Mord auf Bornholm

Über dieses Buch

Die spannendsten Kurzkrimis aus der Feder des Kult-Autors Dan Turèll in einem Sammelband!

In diesem Band der dänischen Kult-Krimiserie sind neun fesselnde Kriminalgeschichten um den namenlosen Journalisten aus Kopenhagen versammelt, der zusammen mit Anwältin Gitte Bristol und Inspektor Ehlers eine ganze Reihe von Mordfällen lösen muss. Neun Kurzkrimis vom Feinsten, die aufs Neue von der Genialität des dänischen Autors zeugen.

Weitere Krimis aus der Reihe um den unbekannten Journalisten:

Mord im Dunkeln.

Mord in Rodby.

Mord auf Malta.

Mord am Rondell.

Mord im März.

Mord im Herbst.

Mord in der Dämmerung.

Mord in Vesterbro.

Mord im Straßengraben.

Mord in San Francisco.

Mord im Waschsalon.

Über den Autor

Dan Turèll, geboren 1946, war Schriftsteller und Journalist. Er hat sich in Dänemark zur Kultfigur entwickelt. »Onkel Danny« hat ein riesiges Oeuvre aufzuweisen. Die Krimi-Serie über den namenlosen Journalisten brachte ihm den Durchbruch. Mit viel Ironie, schwarzem Humor und Gespür für die dänische Seele hat er dem Land seinen ersten klassischen »Privatschnüffler« geschenkt und die amerikanische Tradition des Genres kongenial ins Dänische verpflanzt.

BASTEI ENTERTAINMENT

Ein widerwärtig normaler Tag

Es war ein durch und durch widerwärtiger Tag.

Wenn ich so ausdrücklich hervorhebe, wie widerwärtig er war, liegt es daran, dass mir immer mehr auffällt, wie unzufrieden die Leute mit allen möglichen Personen, Institutionen und Gegebenheiten in ihrer alltäglichen Umgebung sind (die »Gesellschaft«, wie es an Sonntagen so schön heißt, wenn man das Hemd wechselt), weil sie ihnen so leer und halbherzig erscheinen. In unserer Zeit – so drücken es die Leitartikler aus – herrscht eine skeptische Müdigkeit gegenüber jenen stets so bequemen, so ewig wechselnden Standpunkten.

Wie diese Sozialistin, die auf einmal zur Sozialdemokratin wird und – man stelle sich vor – schon im darauffolgenden Monat jenen Redakteursposten angeboten bekommt, für den sie bereits seit zwanzig Jahren qualifiziert war. Wie dieser Fernsehansager, der sich schon bei der ersten telefonischen Kontaktaufnahme durch den örtlichen Wählerverein auf Kandidatensuche wie ein geborener Liberaler fühlt und es gar nicht fassen kann, wie er seit einem dutzend Jahren immer wieder – Tag für Tag – vergessen haben konnte, in die Partei einzutreten. Wie dieser unermüdliche Vorkämpfer für die Interessen der kleinen Einzelhändler, der plötzlich ein Angebot des Zentralverbandes der Supermarktketten annimmt und zu der Einsicht kommt – und wer könnte das wohl besser beurteilen als er –, dass er eigentlich erst dort einen wirklich ernsthaften, wenn vielleicht auch nur indirekten Einsatz für das Wohl aller Einzelhändler leisten könne – denn im Grunde genommen gebe es ja keinen wirklichen Interessenkonflikt zwischen den beiden Gruppen, lediglich eine natürliche Wechselwirkung und ein sich ergänzendes demokratisches Verhältnis auf Gegenseitigkeit.

Die Leute haben sich an so etwas gewöhnt. Zu sehr gewöhnt. Auch ich. Darum ist es mir eine besondere Freude, jetzt auch einmal eine grundehrliche, hundertprozentig echte Herzensüberzeugung hervorheben zu dürfen, denn genau das hatte dieser Tag zu bieten. Er war – wie es der Theaterkritiker so zurückhaltend auszudrücken pflegt – in seiner Art perfekt.

Durch und durch widerwärtig. Oder mit anderen Worten: ziemlich normal.

Er fing damit an, dass Gitte eine Stunde früher aufstand, als ihre Bürozeiten es eigentlich erforderten. Schon das war ein böses Vorzeichen, ein Alarmsignal, das mich instinktiv veranlasste, die Augen zu öffnen.

Natürlich leistete ich – das gestehe ich in schonungsloser Ehrlichkeit – diesen Einsatz nur in der Hoffnung, sie so schnell wie möglich wieder schließen zu können.

Als Gitte aus dem Bad kam, horchte ich, ob sie endlich das Kaffeewasser aufsetzte.

Dieses Geräusch blieb aus. Stattdessen sagte sie die drei kleinen Worte: »Steh jetzt auf!«

Nicht die drei angenehmsten Worte der Welt, meiner Meinung nach. Weit davon entfernt.

»Komm nochmal her«, antwortete ich.

Das funktionierte eigentlich immer.

Aber nicht heute.

»Nein«, sagte sie. »Steh auf!«

Selbstverständlich stand ich auf. Ebenso selbstverständlich hatte sie – bei diesem Ton – ihre Tage bekommen. Und noch selbstverständlicher, wo nun schon alles so schön zusammenpasste wie bei einer Laubsägearbeit oder einem Schnittmuster, hatte sie ausgerechnet an diesem Tag einen wichtigen Prozess für ihre Anwaltskanzlei zu führen.

Während des Morgenkaffees vollzog sich also das, was man in bildungsnahen Kreisen eine Metamorphose nennt: Meine zärtliche, hingebungsvolle Geliebte des vergangenen Abends verwandelte sich in ein ganz anderes – sagen wir mal: kritisch analysierendes – Wesen, das sich mit Feuer und Flamme daranmachte, den Katalog meiner sämtlichen persönlichen, privaten Fehler Punkt für Punkt durchzugehen.

Ich habe mich nie für einen Heiligen gehalten, habe auch nie außerordentlich ernsthafte Ambitionen an den Tag gelegt, einer zu werden, muss allerdings einräumen, dass mich die Anzahl meiner groben, gravierenden und ausnahmslos grundlegenden charakterlichen Mängel und Verhaltensfehler allein in ihrer schieren Monumentalität schockierte. Unwillkürlich musste ich daran denken, wie mein Geschichtsbuch es seinerzeit zu formulieren pflegte, wenn ein übermächtiges Heer eine feindliche Stadt angriff und dem Erdboden gleichmachte: »Kein Stein blieb auf dem anderen.«

Nach einer halben Stunde dieses konzentrierten Meinungsaustausches beschloss ich – obwohl das Thema des Tages nach Gittes Einschätzung noch lange nicht erschöpft war –, unaufschiebbare berufliche Verpflichtungen beim Bladet wahrnehmen zu müssen. Mein Chefredakteur wäre sehr erstaunt gewesen, aber mein Chefredakteur war ja nicht zugegen. Im Übrigen entsprach es ganz und gar nicht meinen Prinzipien, überflüssige Chefredakteure im Auf und Ab meines Privatlebens herumhängen zu haben. Da mir also niemand widersprechen konnte, gab ich Gitte einen Kuss auf die Wange, stiefelte zielbewusst die Treppen hinab und verkrümelte mich in die Istedgade.

Es war ein kalter Morgen, und draußen war nur, wer es absolut nicht vermeiden konnte. Niemand schien es besonders zu genießen – abgesehen vielleicht von einem zahnlosen alten Mann, der mit einer Flasche Obstwein in der Hand an der Bordsteinkante entlangtaumelte, wobei er eine Reihe unverständlicher Laute absang – ungefähr vergleichbar dem, was im Jazz als scat bekannt ist.

Das Stjernecafé wurde gerade geöffnet, als ich bei mir um die Ecke bog. Ich ging hinauf, wechselte die Socken und holte meine Post – die kleinen Unbequemlichkeiten eben, die es stets mit sich bringt, wenn man an zwei Adressen wohnt – und ging hinunter zu Bob, der einsam hinter der Theke stand.

Wir wünschten einander einen guten Morgen und fragten einander, ob es irgendwelche Neuigkeiten gebe. Die gab es nicht, also zuckten wir unisono mit den Schultern und kamen darin überein, dass es ja auch so ginge, und im entgegengesetzten Fall wäre es verdammt nochmal auch egal. Als ich ging, hinterließ ich meine »Post« in Bobs verlässlichen Händen. Die »Post« bestand aus einem Rundschreiben, in dem man aufgefordert wurde, eine bestimmte Zeitschrift gegen das Tabakrauchen zu abonnieren. Vielleicht wollte ja einer der Stammgäste des Stjernecafés diese Zeitschrift abonnieren. Vielleicht.

Ich schlenderte weiter zum Bladet. Es war ein ruhiger, grauer Tag. In der Istedgade gab es nicht eine einzige Schlägerei, kein einziger Scientologe stand in der Vesterbrogade und im Hauptbahnhof kein einziger aktiver Trickbetrüger. Es war einer dieser Tage, an denen man glaubte, in einer Provinzstadt zu wohnen.

Just one of those days …

Im selben Augenblick, als ich den Chef vom Dienst mit einem – den Umständen entsprechend – angemessen freundlichen Nicken passierte, gebot er mir entschlossen Einhalt, rief mich zurück und übermittelte mir den Bescheid, Chefredakteur Otzen wünsche mich so schnell wie möglich zu sehen. Mit vornehmer diplomatischer Zurückhaltung unterließ ich zu erwidern, was ich mir meinerseits »so schnell wie möglich« in Verbindung mit Chefredakteur Otzen vorstellen konnte.

Wie immer, wenn er mit einer seiner überdimensionierten Zigarren beschäftigt war, sah er aus, als wäre er mit sich und der Welt einigermaßen zufrieden.

Jedenfalls mit den Augen eines Außenstehenden gesehen. Wenn man ihn kannte, wusste man es besser: Die scheinbare Zufriedenheit rührte ausschließlich daher, dass die Zeitung von heute fertig war und ihm folglich etwa sechzehn Stunden für die nächste blieben. Im Verlauf dieser verbleibenden Stunden würde sich seine cholerische Reizbarkeit immer weiter steigern, bis er ganz planmäßig cirka eine Stunde vor Redaktionsschluss explodierte. Die so genannten Himmelskörper – Mars, Merkur, Venus und was man von dieser Sorte noch so auf Lager hat – können unmöglich einem regelmäßigeren Kreislauf folgen als Otzen.

»Guten Morgen«, sagte er und ließ die Zigarre im Mundwinkel wippen. »Ein bisschen spät dran, was?«

»Spät?«, rief ich mit echter Empörung aus. »Es ist das erste Mal, dass ich jemals am Vormittag hier erschienen bin!« »Ja«, sagte Otzen und unterstrich einfühlsam die Feierlichkeit des Augenblicks, indem er die Zigarre aus dem Mund nahm. »Ja, ich habe aber auch das erste Mal mit deiner Frau gesprochen und erfahren, dass du auf dem Weg hierher bist – um halb neun Uhr morgens!«

Otzen warf wie zufällig einen Blick auf seine Armbanduhr, bevor er die Zigarre wieder an ihren gewohnten Ort schob.

Ich schluckte den Köder nicht.

»Was ist denn jetzt so wichtig?«, fragte ich.

»Du weißt«, sagte Otzen, »dass der Ministerpräsident heute eine Pressekonferenz hält.«

»Nein, das weiß ich nicht. Wer zum Teufel schert sich denn um so etwas?«

»Du.«

»Ich? Kommt gar nicht in die Tüte! Ich arbeite doch nicht für die Politikredaktion!«

»Was ist denn so schlimm daran, für die Politikredaktion zu arbeiten?«

»Man ist gezwungen, mit Politikern zu sprechen.«

»Na und?«

»Dann verliert alle Rede ihre Bedeutung. Egal, was sie sagen, werden sie anschließend sagen, sie hätten etwas ganz anderes gesagt, und selbst wenn man sie auf Band aufgenommen hat, würden sie behaupten, ihre Worte wären missverstanden und aus dem größeren Zusammenhang gerissen worden, woraus klar hervorginge, dass sie das genaue Gegenteil gemeint hätten.«

»So denkst du über unseren hochverehrten Ministerpräsidenten?«

»Ja, unter anderem auch über ihn.«

»Dann kannst du dich entspannen, mein Junge. Du wirst nämlich über die Leute schreiben, die derselben Ansicht sind wie du.«

»Das sind doch alle.«

»Na ja, dann eben über diejenigen von euch, die es laut und deutlich aussprechen. Jetzt pass mal auf: Es sind Drohungen ausgesprochen worden, die Pressekonferenz zu stören und dem Ministerpräsidenten das Wort zu entziehen – wenn nötig, mit Gewalt. Auch das Wort ›Attentat‹ ist gefallen.«

»Von wem stammen diese Drohungen?«

»Von der Uni-Front – den jungen Revolutionären. Du weißt schon, dieser Zusammenschluss aus Hausbesetzern, Anarchisten, Alternativen – und wie sie noch so alle heißen.«

»Sie haben meine ganze Sympathie.«

»Das weiß ich, mein Junge. Darum sollst du ja diesen Bereich abdecken. Was der Ministerpräsident, die Beamten und die Fragesteller sagen – also das rein Sachliche …«

»Das Sachliche?«

»Na ja, das rein Politische – da sollst du dich nicht einmischen. Dafür ist die Politikredaktion zuständig. Du hältst einfach die Augen auf, falls es Aktionen, Provokationen oder so etwas gibt.«

»Die Augen offen halten? Zu dieser Tageszeit?«

»Die Pressekonferenz findet um 12.00 Uhr auf Schloss Christiansborg statt. Im Pressesaal. Du kannst ruhig ein bisschen früher da sein – wenn du ausnahmsweise schon einmal so zeitig unterwegs bist.«

»Na gut, o. k. Von wem kam der Tipp?«

»Ach, du weißt schon: Die Zeiten ändern sich. Der ›Tipp‹ ist mittlerweile genau so veraltet wie die Setzer. Sie haben es selbst über die Nachrichtenagenturen verbreitet. Besorg dir eine Kopie in der Nachrichtenredaktion.«

Die Agenturmeldung besagte nicht mehr und nichts anderes, als Otzen mir schon erzählt hatte.

Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass ich zielbewusst den Regierungssitz Christiansborg ansteuerte. Kein Ort, den man alltäglich besuchte.

Der Platz vor dem Parlamentsgebäude war voller initiativfreudiger Mitbürger, die ihre Fahnen schwenkten oder Transparente stemmten. Ein Mann brüllte in schlechtem Dänisch in ein versagendes Mikrofon, weshalb mir sofort klar war, dass es sich um einen Gewerkschaftsvertreter handeln musste.

Ich nahm mir einen Augenblick Zeit, die Szenerie zu betrachten. Sie sah aus wie alle anderen dieser Art.

Etwas am Rande entdeckte ich eine große, kräftige beobachtende Gestalt: Kellermann höchstpersönlich, einer von Polizeiinspektor Ehlers’ Männern aus der Polizeiwache am Halmtorvet, der einzige aus seiner Truppe, der noch wie ein altmodischer Wachtmeister aussah. Ich grüßte ihn und fragte höflich, was zum Teufel hier vor sich gehe.

»Wissen Sie das etwa nicht?«, fragte Kellermann. »Dann sind Sie wahrscheinlich der Einzige, der es noch nicht weiß.«

»Worum geht es denn nun?«

»Um die Tarifverhandlungen.«

»Na – schon wieder?«

»Jedes Jahr!«

»Ja, und jedes Jahr: same procedure as last year

»Letztes Jahr war es noch nicht üblich, wegen einer Pressekonferenz mit Attentaten auf den Ministerpräsidenten zu drohen«, sagte Kellermann sanft.

»Sind viele von euch im Einsatz?«

»Praktisch alle«, antwortete Kellermann. »Es sind gerade genug in den nächstgelegenen Wachen geblieben, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.«

»Dann hat man ja gute Chancen am anderen Ende der Stadt.«

»Daran habe ich auch gedacht«, brummelte Kellermann. »Aber dort gibt es keinen Ministerpräsidenten.«

Wir wünschten einander alles Gute, und ich ging zum Pressesaal hinüber, wo ich mir inmitten einer halben Hundertschaft von wahlweise mit Kameras, Schreibblöcken oder Diktiergeräten ausgestatteten Kollegen einen Sitzplatz suchte.

Die Pressekonferenz erwies sich als die übliche, vorhersehbare Farce. Der Ministerpräsident erklärte, dass es »in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation« für »die gesamtgesellschaftliche Entwicklung« notwendig sei, eine »gewisse Zurückhaltung bei den Lohnforderungen« zu zeigen, was, so meinte er, »alle Parteien einsehen« müssten.

Hin und wieder wurde der Ministerpräsident durch lautstarke, zum Teil organisierte Rufchöre von draußen unterbrochen, Rufe, die selbst durch die soliden Mauern hindurch ahnen ließen, dass gewisse Leute dies nicht einsehen wollten.

Die regierungsfreundlichen Blätter stellten höfliche Fragen, die einen willkommenen Anlass für weitschweifige, vertiefende Antworten boten. Die Journalisten der oppositionellen Blätter führten die bedeutenden Lohnsteigerungen der anderen, nicht gewerkschaftlich organisierten Bevölkerungsgruppen ins Feld und fragten, wie so etwas denn sein könne. Der Ministerpräsident antwortete – soweit ich es verstanden habe –, es gehe rein sachlich darum, dass Generäle, Professoren und Chefärzte lange Zeit in ihrer Gehaltsentwicklung so unzumutbar hinterhergehinkt seien, wie es mit einer zivilisierten Gesellschaft, die wir ja alle zu behalten wünschten, kaum zu vereinen sei.

Ein hitziger Vertreter der kommunistischen Zeitung unterstand sich – mit indigniert bebendem Doppelkinn (seltsam, wie ein Doppelkinn objektiv gesehen jede Indignation zu hemmen scheint) –, die 37-prozentige Diätenerhöhung des Parlaments zur Sprache zu bringen.

Der Ministerpräsident antwortete bereitwillig und würdevoll, dass es die freiheitliche Grundordnung, hinter der sich alle demokratischen Kräfte in unserem Land schon immer versammelt hätten, nur stärken könne, wenn man eine angemessene Entschädigung für den Einsatz zum Wohle des Gemeinwesens zu zahlen bereit sei. Im entgegengesetzten Fall wäre man nämlich nicht in der Lage, »die geeigneten Kräfte« für diese Aufgabe zu gewinnen, was ein unverantwortliches Risiko für das Land und seine Bevölkerung darstelle.

Alles war also widerwärtig normal. Der Überdruss breitete sich schnell aus in der verbrauchten Luft, und die ganze quälende Apathie der dänischen Politik machte es sich bequem und wünschte sich, dass das Rauchen im Saal gestattet wäre. Eine Stunde verging. Und es gab nicht einmal den Schatten eines einzigen Mini-Attentats.

Der Ministerpräsident beendete die Séance, indem er die Hoffnung zum Ausdruck brachte, die Haltung der Regierung deutlich gemacht zu haben. Der Mitarbeiter seiner Parteizeitung nickte eifrig und wechselte – als Einziger – ein paar private Worte mit ihm, bevor sich der Steuermann des Staates mit einem Lächeln zurückzog, auf beiden Seiten eskortiert von einem Bullen.

Die politischen Redakteure gähnten, erhoben sich langsam von ihren Plätzen und tauschten mehr oder weniger kritische Bemerkungen aus. Ich war als Erster aus der Tür und ging auf die Straße hinunter.

Die Menge johlte mittlerweile weniger geschlossen. Irgendetwas schien sie entzweit zu haben. Die meisten von ihnen standen in kleinen Gruppen beieinander, und nur einzelne versprengte Haufen fuhren mit ihrem energischen Slogan fort: »Klassenpolitik – Nazipolitik«. Viele waren schon im Aufbruch begriffen. Eine einzelne, schrille Stimme schrie monoton, immer und immer wieder: »Ihr scheißt auf uns!«

Am Rande der Versammlung stieß ich erneut auf Kellermann. Er betrachtete das Ganze mit einem müden, trägen, schlafwandlerischen Blick – was nichts anderes hieß, als dass er hellwach war wie eine Nachtbar-Nutte auf Ausschau nach einem Freier. Dieser Blick hat im Laufe der Zeit schon viele getäuscht.

»Na, ist wohl doch nichts passiert, was?«, sagte er.

»Nein«, antwortete ich. »Weniger als nichts. Entweder haben sie ihre Attentatspläne aufgegeben oder es war nichts als ein Kinderstreich. Was für eine verdammte Zeitverschwendung!«

»Sie haben nichts aufgegeben«, sagte Kellermann sanft. »Und der Teufel soll mich holen, wenn es nicht mehr als ein Kinderstreich war. Sie haben genau dreieinhalb Millionen damit gemacht.«

Ich muss wie ein Fragezeichen geguckt haben, denn Kellermann klärte mich liebenswürdigerweise auf. Zeit genug hatte er, wie er mir erklärte: So oder so hatte er den Befehl hierzubleiben, bis die Versammlung aufgelöst war. Man wusste ja nie …

Während der größte Teil der verfügbaren Polizeikräfte damit beschäftigt war, den Ministerpräsidenten und seine parlamentarische Zitadelle zu beschützen, hatten ein paar professionelle Kriminelle die Gelegenheit genutzt, in aller Bescheidenheit das gesamte Bargeld der nächstgelegenen Bank auszuräumen. Ausgerechnet heute war diese Bank besonders üppig mit dieser Ware ausgestattet, weil – so erklärte Kellermann – die für die eher praktischen Dinge zuständigen Angestellten des Parlaments Zahltag hatten. Er schien die Ironie zu genießen.

Die beiden Bankräuber waren anständig gewandet in Nadelstreifenanzüge, weiße Hemden, Krawatten und leicht in die Stirn gezogene Hüte. Beide trugen üppigen Bartschmuck. Jeder mit einer Pistole in der Hand, hatten sie um die Aushändigung der gesamten Bargeldbestände gebeten. Die Bank war klein, die Filiale existierte eigentlich nur wegen der Nähe zum Regierungssitz. Es waren keine Kunden da und wegen der Mittagspause auch nur drei Angestellte.

Die Herren hatten die Scheine sorgfältig in leeren Aktenkoffern verstaut, die sie mitgebracht hatten. Anschließend waren sie den Gammel Strand hinunter verschwunden, zu diesem Zeitpunkt ein totales Gewimmel von Menschen auf dem Weg zum oder vom Regierungssitz.

»Man ist also der Ansicht«, sagte Kellermann abschließend, »dass sie selbst die Pressemitteilung versandt haben, um in Ruhe arbeiten zu können.«

»Nicht schlecht ausgedacht«, sagte ich.

»Nein«, räumte Kellermann ein. »Es hätte einem selbst einfallen sollen.«

Mit der Hand auf dem Scheckheft, gab ich ihm von ganzem Herzen recht.

Ich schlenderte zu besagter Bankfiliale hinüber und unterhielt mich mit den Angestellten, ohne dabei mehr herauszufinden, als Kellermann mir schon erzählt hatte. Eine der Angestellten – eine nervöse Dame in den Vierzigern mit einer Hochsteckfrisur, wie man sie nur an Bankschaltern sieht – meinte, doch ergänzen zu können, dass derjenige, der nach dem Geld verlangt habe, mit einem unverkennbaren ausländischen Akzent gesprochen habe.

Ich dankte ihr für die Information, als ob sie etwas wert gewesen wäre. Was sie natürlich nicht war. Abgesehen vom Ankleben eines falschen Bartes ist nichts so einfach, wie sich für zwei oder drei Minuten einen ausländischen Akzent zuzulegen. Und wenn sich jemand so viel Mühe gibt, bärtig und ausländisch zu erscheinen, dann kann man – nach meiner gesammelten Erfahrung in Strafsachen – einigermaßen getrost davon ausgehen, dass der Betreffende privat und nach Feierabend glatt rasiert und ziemlich, vielleicht sogar geradezu auffällig dänisch daherkommt.

Das gilt indessen für etwa eine halbe Million Männer in Kopenhagen, was den Fall nicht nennenswert vereinfachte.

Na, immerhin hatte ich eine Story. Ich verfügte mich in die Abstellkammer, die der Architekt des Bladet-Gebäudes ein »Büro« zu nennen die Stirn hatte, und brachte sie zu Papier. Sie war schon gut genug. Unsere Leser lieben – wie die Leser fast aller anderen Zeitungen – Leute, die einen schnellen Coup durchziehen und dabei die Politik wie auch die Polizei an der Nase herumführen. Dann ist es kein Verbrechen mehr, sondern eine sportliche Leistung – auf gleicher Stufe wie Fußball, Suff und Steuerhinterziehung.

Ich lieferte die Story bei Otzen ab, der in der Zwischenzeit bei der siebten Zigarre seines normalen Tagesprogramms angekommen sein musste. Er brummelte. Er hätte wahrscheinlich einem toten – oder lassen Sie uns humanerweise sagen: einem heldenhaft verwundeten – Ministerpräsidenten den Vorzug gegeben, aber auch ein »tolldreister Bankraub« konnte sich als qualifizierter Beitrag zu den täglichen Verhandlungen um den Aufmacher durchaus sehen lassen.

Ich kehrte in meine Abstellkammer zurück und begann mich immer mehr zu fragen, ob es wirklich ein so durch und durch widerwärtiger Tag war, wenn einem solche aufmunternden Zwischenfälle begegneten. Vielleicht war es eher einer jener Tage, an denen ich ein wenig Großzügigkeit zeigen sollte, indem ich Gitte anrief und sie zu einem erlesenen Essen mit eventuell anschließendem Theaterbesuch einlud – genau die Dinge, die sie liebt und die ich so hasse, was die Qualität dieser Einladung nur zusätzlich aufwerten würde.

Während ich teils mit diesem Gedanken und teils mit einem Kugelschreiber spielte, klingelte das Telefon.

Es war Kellermann.

»Hallo!«, brüllte er, als ob er am Nordseestrand stand und gegen den Wind schrie. »Ich wollte nur sagen, dass wir sie haben! Die Bankräuber! Und die ganze Beute!«

»Na, das ist ja …«

»Ich wollte nur kurz Bescheid sagen. Ehlers meinte, das wäre in Ordnung. Wir schicken ohnehin eine Pressemitteilung hinaus – aber selbstverständlich ohne Namen.«

»Nein, aber wie habt ihr sie erwischt?«

»Möchten Sie die ganze Geschichte?«

»Ja, natürlich! Und sag doch du, schließlich kennen wir uns schon so lange.«

»Das wäre nicht vorschriftsmäßig. Die Herren haben also ein Taxi vom Rådhusplads genommen. Und der Chauffeur war ein Polizist – und hatte sein Polizeifunkgerät dabei. Er erkannte sie wieder und gab Alarm. So einfach war das.« »Wie clever von euch. Wie seid ihr darauf gekommen? Oder habt ihr da immer ein Taxi stehen für den Fall, dass ein Bankräuber vorbeikommt?«

»Darauf gekommen? Niemand ist darauf gekommen. Es war nur ein Kollege, der seinen freien Tag hatte und Taxi fuhr, um etwas dazuzuverdienen.«

»Nein!«

»Doch. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, was wir verdienen? Wir haben auch nicht so viel Glück mit unseren Tarifverhandlungen. Ein Bulle bekommt in der Probezeit 11 000 Kronen – um sich notfalls umbringen zu lassen. Nach acht Jahren zufriedenstellender Arbeit kommt er auf sage und schreibe 13 000. Wäre das etwas für Sie?« »Nein«, räumte ich ein.

Mein Besenschrank schien ein wenig zu wachsen.

Nachdem ich der Story dieses i-Tüpfelchen hinzugefügt hatte, rief ich Gitte an und traf meine Verabredung. Wir genossen einen so gütlich vereinigten Abend, dass sie selbst andeutete, am Morgen vielleicht ein bisschen hysterisch gewesen zu sein.

Worauf ich natürlich sofort widersprach. Man ist schließlich ein Gentleman.

Trotzdem ärgerte ich mich. Auf seine Art war es trotzdem ein widerwärtiger Tag gewesen. Das Leben ist und bleibt ungerecht. Die Träume platzen so leicht, und ruck, zuck sitzt man wieder im Dreck. Die beiden Bankräuber hatten sich ihre Beute eigentlich redlich verdient.

Auf der anderen Seite, wie ich Kellermann schon gesagt hatte: Wenn sie dereinst aus dem Knast kommen, werden sie die Ersten sein, die höhere Löhne für die Polizei fordern. Und sei es nur – wie der Ministerpräsident es ausdrücken würde – im Namen der Privatinitiative und des heiligen Geistes der freien Marktwirtschaft.

Ein Techniker im Stjernecafé

Meine Stammkneipe, das Stjernecafé in Vesterbro, wird nur sehr selten von Fremden besucht. Man könnte möglicherweise sogar von uns behaupten, dass wir – wie man so schön sagt – uns selbst genug seien. Wir sind die »Üblichen« – ein paar Freunde und Nachbarn aus dem umgebenden Viertel, dem »Kiez«, wie wir es nennen.

Trotzdem kommt es hin und wieder vor, dass eine bislang unbekannte Physiognomie ihre Nase hereinsteckt, und bei solchen Gelegenheiten kann es unterhaltsam sein, die Reaktion des Betreffenden auf unser Lokal zu beobachten. Das Stjernecafé ist im Grunde eine ziemlich gesunde, normale – böse Zungen würden vielleicht sogar sagen: ordinäre – dänische Kneipe der altmodischen Art. An den Wänden hängen keine Spiegel, nur auf den Toiletten – doch die sind voller Sprünge und seit Generationen konstant und chronisch ungeputzt. Es gibt keine fauchenden Cappuccino-Maschinen, sondern eine Kaffeemaschine der ruhigeren Sorte.

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