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Mord am Rondell

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Anmerkung
  7. Erster Teil
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
  8. Zweiter Teil
    1. Kapitel 9
    2. Kapitel 10
    3. Kapitel 11
    4. Kapitel 12
    5. Kapitel 13
    6. Kapitel 14
    7. Kapitel 15
    8. Kapitel 16
  9. Dritter Teil
    1. Kapitel 17
    2. Kapitel 18
    3. Kapitel 19
    4. Kapitel 20
    5. Kapitel 21
    6. Kapitel 22
    7. Kapitel 23
    8. Kapitel 24
  10. Vierter Teil
    1. Kapitel 25
    2. Kapitel 26
    3. Kapitel 27
    4. Kapitel 28
    5. Kapitel 29
    6. Kapitel 30
    7. Kapitel 31
    8. Kapitel 32
    9. Kapitel 33

Über dieses Buch

Der 4. Band der hochspannenden Kopenhagen-Krimis vom dänischen Kultautor Dan Turèll.

An einem winterkalten Montagabend wird der Journalist und Privatschnüffler Zeuge eines Mordes an einer jungen Frau. Der Täter entkommt spurlos. Exakt eine Woche später geschieht ein weiterer Mord- wieder an einer jungen Frau. Die Polizei ist verzweifelt und auch innerhalb der Bevölkerung spitzt sich die Lage dramatisch zu... Wird es dem jungen Journalisten und Kommissar Ehlers gelingen, die Situation rechtzeitig zu entschärfen?

Weitere Krimis aus der Reihe um den unbekannten Journalisten:

Mord auf Dunkeln.

Mord in Rodby.

Mord auf Malta.

Mord im März.

Mord im Herbst.

Mord in der Dämmerung.

Mord in Vesterbro.

Mord im Straßengraben.

Mord in San Francisco.

Mord im Waschsalon.

Mord auf Bornholm.

Über den Autor

Dan Turèll war Schriftsteller und Journalist. Er hat sich in Dänemark zur Kultfigur entwickelt. »Onkel Danny« hat ein riesiges OEuvre aufzuweisen. Die Krimi-Serie über den namenlosen Journalisten brachte ihm den Durchbruch. Mit viel Ironie, schwarzem Humor und Gespür für die dänische Seele hat er dem Land seinen ersten klassischen »Privatschnüffler« geschenkt und die amerikanische Tradition des Genres kongenial ins Dänische verpflanzt.

Dan Turèll

Mord am
Rondell

Krimi

Aus dem Dänischen von
Christel Hildebrandt

Anmerkung

Der Autor dieser zweifelhaften Geschichte war schamlos genug, das Rondell aus dem wirklichen Stadtteil Nørrebro zu stehlen und es (ähnlich wie bei früheren Gelegenheiten) sorgfältig in ein Gewebe raffinierter Lügen einzuweben. Autoren sind nämlich notorische Schwindler (bitte, glauben Sie mir), und Kriminalautoren ganz besonders: Sie sind paranoid wie die Bullen und sehen immer überall das Schlimmste, selbst in den friedlichsten und sympathischsten Gegenden. Nicht einmal ein normales Rondell können sie sich ansehen, ohne ...

Erster Teil

1

Es war ein verfluchter Abend, einer dieser Abende, an denen man unwillkürlich erwartet, dass die schlimmsten und verkehrtesten Dinge geschehen. Dabei weiß natürlich jeder, dass sie sowieso zu jeder Zeit überall auf der Welt (und vermutlich auch auf möglichen anderen bewohnten Planeten) geschehen können, aber es gibt gewisse Tage, an denen ist die Stimmung, der Ton einfach so, als wären sie (genau wie bestimmte Menschen, denen man begegnet) von Anfang an verloren, hätten nie eine wirklich faire Chance gehabt, würden unwiderruflich auf einen Abgrund zutreiben.

Es war ein kalter, windiger, regnerischer Abend. Es war ein Montag, und es war Anfang Januar. Die Menschen auf den Kopenhagener Straßen versteckten sich hinter ihren Regenschirmen, oder sie gingen vornüber gebeugt, die Köpfe wie wütende Stiere vorgereckt, während sie sich ihren Weg durch den Regen bahnten. Die meisten sahen aus, als dächten sie an ihre Steuererklärung oder daran, wie sie die nächste Miete bezahlen sollten. In den Straßen stand das Wasser, und das jetzt schon am dritten Abend hintereinander.

Es war ein Abend, an dem jeder, der noch einen Funken Verstand besaß, sich in den gemütlichsten Sessel setzen würde, den er auftreiben konnte, um ein gutes Buch zu lesen, mit seinem Lieblingsdrink in Reichweite.

Und natürlich war es der Abend, ausgerechnet dieser Abend, an dem ich eines dieser fünfundzwanzig bis dreißig verrückten Individuen war, die sich auf den Straßen der Stadt herumtrieben.

Ich lief nachdenklich herum. Ich hatte so einiges, worüber ich nachdenken musste. Ich hatte Probleme genug, um mindestens drei Spalten im Zeitungskummerkasten zu füllen.

Ich hatte eine Frau geschwängert. Eine alte Geschichte, und glaubt bloß nicht, dass ich stolz darauf bin: Das hätte jeder erstbeste Fahrradbote fertig bringen können, und vielleicht besser als ich. Aber nun war ich es. Hatte es nun einmal fertig gebracht, und damit war es auch mein Problem.

Aber im Hinblick auf die Naturgesetze war es natürlich noch mehr ihr Problem als meines.

Und sie – Gitte Bristol, die schwarz funkelnde Rechtsanwältin, mit der ich »ging«, seit wir uns vor einem halben Jahr im Flugzeug nach Rodby kennen gelernt hatten, ohne ihr eigentlich in dieser ganzen Zeit sehr viel näher gekommen zu sein – sie hatte so ihre Zweifel. Sie wusste nicht, ob sie ein Kind mit mir haben wollte. Sie wusste überhaupt nicht so recht, ob sie mit mir zusammen sein wollte.

Schwierige Aussichten.

Folglich empfand sie ihre Situation als bedrückend und war zeitweise auf dem besten Weg in die Depression, dann wieder war sie wütend und aggressiv, oft auf die ganze Welt, meistens besonders auf mich, da ich ein ziemlich aufdringlicher Teil dieser Welt war. Sicher, ich war nur das zweitaufdringlichste Wesen, aber dabei einfacher anzugreifen als das unbekannte Wesen, das zusammengekauert in ihrem Körper abwartete.

Im Abstand von nur wenigen Tagen wechselte sie immer wieder ihre Meinung, wie eine Art menstrueller Zyklus. Mal wollte sie »ihr« Kind haben, dann wollte sie versuchen »unser« Kind zu bekommen, und dann wollte sie es wieder abtreiben.

Die Wut einer Frau, die Hysterie einer Frau ist in der Regel – wie die Amerikaner sagen – right as rain.

Aber ihre Arbeit verrichtete sie wie immer: zuverlässig, effektiv, genau und mit dieser unmenschlich hohen Arbeitsmoral, die fast nur äußerst selbstbewusste Frauen aufbringen können.

An diesem Abend war sie außergewöhnlich schwachsinnig gewesen, natürlich. Ich konnte ihr das in ihrer Situation nicht vorwerfen. Und als sie »gern allein sein wollte«, wie sich eine Frau mit ihrer Erziehung so selbstverständlich ausdrückt, machte ich mich auf in den Regen, mehr oder weniger automatisch auf den Weg »nach Hause«, zu dem »Zuhause«, das ich noch mein eigen nannte, während ich bereits halbwegs bei ihr wohnte, oder zumindest übernachtete. Ich ging also und »dachte«, wenn das kein zu großes Wort dafür ist.

Ich dachte an den Moment, als ich sie das erste Mal sah, bei meinem chinesischen Freund Ho Ling Fung, in seinem Restaurant, wo sie allein aß und so eine Wirkung auf mich ausübte, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Ich dachte an damals, als ich auf dem Flughafen von Rodby das erste Mal mit ihr sprach, dem beklagenswerten Mangel an Mietwagen auf diesem provinziellen Flugplatz sei Dank. Ich dachte – leicht zitternd vom Regen und den Erinnerungen – an die Nacht, als sie mich im Hotel Rodby »hereinließ«.

Ich dachte an ihr Leben, die französische Schule, ihre Kindheit im Richterhaus, an ihren pompösen Amtsrichter-Vater und den unterdrückten Schatten einer ewig mit den Kaffeetassen klappernden Mutter, um die Chesterfield Garnitur voller Zigarrenrauch herumhuschend. Ich dachte an ihre missglückte erste Ehe, und als ich daran als ihre »erste« dachte, sah ich mich gleichzeitig als Kandidaten für die zweite.

Wirklich, ich liebte sie, mehr als ich jemals jemanden geliebt habe.

Es ist gelogen, was die meisten trivialen Festredner behaupten, dass Liebe blind macht. Die Wahrheit ist genau das Gegenteil: Liebe macht sehend. Leute, die lieben, sehen Dinge, für die sonst niemand Augen hat, und oft handeln sie klarer und konsequenter als die so genannten »coolen Typen«.

Deshalb war ich auch nicht blind gegenüber der einleuchtenden Tatsache, nicht gerade eine gute Partie für sie zu sein. Wenn es stimmt, dass gleich und gleich sich gern gesellt, dann hätten wir nicht einmal zusammen Fangen spielen können.

Und trotzdem hatten wir das, und die Ergebnisse waren jetzt offensichtlich.

Es gab also genug Stoff zum Nachdenken, und die Gedanken liefen in ihren planmäßigen, gewohnten, sinnlosen, vogelpfeifenartigen, bewährten Bahnen, während ich straßauf, straßab in dem strömenden Regen wanderte, der an diesem späten Abend langsam alle Mauern und Häuser der Stadt sauber zu waschen schien und sie mit seinen Tropfen märchenhaft zum Glänzen brachte.

Plötzlich erwachte ich wie aus einem Traum und stellte fest, dass meine dienstwilligen Beine mich die altvertrauten Kopenhagener Straßen entlanggeführt hatten: die Istedgade hinunter, über den Vorplatz des Hauptbahnhofs, über die Strøget und die Købmagergade nach Nørreport und bis auf die Nørrebrogade – eine Route, die meine Beine in den letzten zwanzig Jahren mehrere tausend Mal gegangen oder gefahren waren. Kein Wunder, dass sie sie kannten, wie ein Pferd, das seinen Weg kennt.

Aber sie kommen eigentlich selten so weit in diese Richtung.

An diesem Abend waren sie bis zum Nørrebro Rondell gekommen, dort, wo der Jagtvej und die Nørrebrogade sich kreuzen mit Straßen nach Norden, Süden, Osten und Westen oder besser gesagt: in die Innenstadt, nach Bispebjerg, nach Lyngby oder nach Frederiksberg.

Das war eine Gegend, die ich kannte, oder genauer gesagt: eine, die ich gekannt hatte. Ein Teil meiner Familie lag hinter den grauen Mauern des Assistens Friedhofs zusammen mit Hans Christian Andersen und Søren Kierkegaard, ein Teil von ihnen hatte seit Generationen in den großen Mietskasernen von Nørrebro gelebt.

Ich blieb einen Moment lang direkt am Rondell stehen, um die Atmosphäre in mich aufzusaugen. Einen Augenblick lang war ich ein Fremder, der in ein unbekanntes Land eingedrungen war, aber dann tauchte nach und nach die Erinnerung wieder auf. Rechts stand wie immer die Zigeuner-Halle, der alte, volkstümliche Tanzsaal mit Blasmusik, Witwenball, Ein-Liter-Bier-Humpen und Tanz auf den Bänken zu gemeinsamen Liedern. Links, auf der anderen Seite des Jagtvej, lag immer noch das Colloseum, das Kino für die Jugend, als ich jung war. Allein der Anblick des Reklameschilds ließ die Erinnerung an die Zeiten mit Elvis Presley, James Dean und den inzwischen nicht mehr erhältlichen Marken von Lederjacken und Motorrädern wieder aufleben.

Und mittendrin lag heute wie früher das Central-Café, das Central-Café mit seinen abgewetzten Plüschsesseln und den heruntergekommenen gelblichen Bordelllampenschirmen hinter den alten Goldschildern zur Straße hin.

Das alles war unverändert, und die melancholische steinerne Trostlosigkeit der Friedhofsmauer sah auch aus wie eh und je.

Das war eine Gegend, die man in anderen Gegenden, in solchen, aus denen Gitte Bristol stammte, als »ein hartes Pflaster« bezeichnen würde. Ich glaube zwar nicht besonders an eine spezielle Härte, jede Gegend hat ihre eigene, aber es ist zumindest eine armselige Ecke, und niemand kommt von hier, ohne das erfahren zu haben. Es ist eine Gegend, die ihre Identität aus tausenden gleichförmiger Wohnungen schöpft, die alle gleich eingerichtet sind, weil sie gar nicht anders eingerichtet werden können, wenn ihre Bewohner darin schlafen, essen und scheißen sollen. Das ist eine Gegend, in der Kinder nur selten Stipendien oder Zuschüsse für die so genannte Weiterbildung bekommen. Das ist eine Gegend, in der es schon eine Herausforderung bedeuten kann, lange genug zu überleben, um überhaupt in die Schule zu kommen und gerade mal genug zu lernen, um seine Sozialhilfe quittieren und seinen Lottoschein ohne Hilfe anderer ausfüllen zu können.

Aber das ist auch eine Gegend mit äußerst akkuraten Topfpflanzen auf den Fensterbänken, mit Schifferklaviermusik, mit schwachem Essensduft aus den Hinterhofküchen, mit Gemüse, das im wahrsten Sinne des Wortes auf den Bürgersteig hinausquillt (so wie die Kopenhagener es so gern in den exotischen südeuropäischen Städten sehen), mit vielen Menschen, die alt und faltig geworden sind und trotzdem oft eine Art geheimnisvolles, wissendes Lächeln zeigen, während sie gebückt mit einem Einkaufsnetz in der Hand die gleichen engen Gassen hinuntertrotten, in denen sie ihr ganzes Leben verbracht haben.

Ein Ort, will ich damit sagen. Ein Ort, an dem man ein wenig stehen bleiben und ins Nachdenken kommen kann, sich umschaut, während man sich vielleicht einen Moment lang einbildet, etwas zu begreifen, nur einen Funken von dem Ganzen.

Wenn es einem überhaupt erlaubt sein sollte, an so einem verfluchten Abend irgendwo stehen zu bleiben und nachzudenken.

Das war es mir nicht. Eine Frau begann irgendwo in der Nähe zu schreien, laut zu schreien, durchdringend und wahnsinnig. Voller Angst, wie in einem Horrorfilm.

Ich verlor den Faden. Aber der war sicher auch nichts mehr wert.

2

Die Schreie klangen, als würden sie – vom Wind verstärkt – gegen die Friedhofsmauer geworfen. Also mussten sie von der anderen Seite des Jagtvej kommen, gegenüber dem Colosseum.

Nicht, dass ich darüber nachdachte – wir Kopenhagener kennen die Akustik unserer Straßen. Ich lief einfach hinüber wie ein dressierter Hund, der weiß, wann er loslaufen soll.

Ich lief hin, und das Gleiche taten zwei dunkle Gestalten, die in der Nacht auftauchten. Ich sah einen von ihnen vor einer Neonreklame, er trug eine Lederjacke mit Nieten. Beide Silhouetten liefen genau wie ich dem Schrei nach, der inzwischen bereits verstummt war.

Ein Taxi hupte aus Leibeskräften, und mit dem Instinkt eines Insekts sprang ich zurück und rettete mein so genanntes Leben für ein weiteres Vierteljahr.

Ich folgte den Gestalten auf der anderen Seite. Kam an einem Tätowierer vorbei, einem Zahntechniker, dem ehemaligen Kino, in das ich kurz schaute und dutzende von Videospiel- und Jackpotautomaten mit verschiedenen Früchten und Figuren verlockend in grellem Licht blinken sah. Viele von ihnen waren in Betrieb. Keiner der Spieler – falls man sie so nennen kann – hatte offensichtlich mitten in ihrem mechanischen Elektroniklärm etwas gehört.

Hinter dem Kino bogen die beiden Gestalten nach rechts ab, und ich folgte ihnen. Sie hatten kaum eine halbe Minute Vorsprung.

Eine lange, schmale Passage führte in einen Hinterhof. Auf der linken Seite waren Fahrräder an der Mauer aufgereiht, auf der rechten überfüllte Müllcontainer. Es herrschte ein schwerer, ekliger Geruch. Der Hinterhof sah aus, als führte er in einen weiteren Hinterhof.

Ein gelbliches Licht fiel von einer Hintertreppe, und dort standen die beiden Gestalten über etwas gebeugt.

Ich hatte schon so meine Ahnungen. Entweder man wird in meiner Branche paranoid, oder man entscheidet sich für die Branche, weil man es bereits ist.

Ich war bis auf die Haut durchnässt. Ich muss wie eine Parodie auf Boris Karloff geklungen haben, als ich keuchend mit gepresster, unfreiwillig in der Gasse widerhallender Stimme fragte: »Was ist passiert?«

»Guck doch selbst!«, antwortete einer der Typen und zog sich aus dem Hintertreppenlicht zurück.

Das gab mir Gelegenheit, seine Jacke erneut zu betrachten, das Funkeln der Nieten, aber nicht sein Gesicht, denn genau in dem Augenblick, haargenau in dem Moment, als ich auf die Treppe schaute und dort auf den Treppenstufen eine Frau liegen sah – da ging das Licht aus, und ich bekam einen Tritt, der mich auf die Treppe und direkt über die Frau warf.

Ich hörte, wie schnelle Schritte sich entfernten.

Ich erhob mich von dem Körper, auf den sie mich geworfen hatten – gut für mich, unfreundlich der Dame gegenüber. Sie war mindestens bewusstlos, hatte überhaupt nicht darauf reagiert, meine achtzig Kilo auf sich geworfen zu bekommen.

Ich schaltete die Treppenbeleuchtung wieder ein. Zündete außerdem noch mein Feuerzeug an und hockte mich hin, um die Frau richtig zu betrachten.

Sie war nicht ohnmächtig, sie war schlicht und ergreifend tot. Wenn jemand so tot ist, dann muss man kein Arzt sein, um das festzustellen.

Sie lag so still und friedlich da, mit dem Kopf nach hinten gegen eine Treppenstufe gelehnt, als hätte sie darauf gewartet, dass jemand mit dem Schlüssel käme, und wäre mittlerweile eingeschlafen. Sie lag regungslos da, in einem beigefarbenen Mantel. Sie hatte blonde Haare, blaue Augen und war ziemlich mager. Ihre Augen waren immer noch geöffnet, und gerade als ich sie betrachtete – groß, aufgerissen, voller Angst – ging erneut das Licht aus, und die Augen verfolgten mich, funkelnd in der Dunkelheit, wie in einem Trickfilm.

Die nächste Phase des Treppenlichts zeigte, dass sie keine sichtbaren Wunden aufwies. Sie lag einfach da und war anscheinend ganz friedlich zu Tode gekommen, aber mit einem Ausdruck in den Augen wie der eines Schlachtopfers, das das Messer auf sich zukommen sieht.

Sie sah nicht vermögend aus, aber auch nicht billig, nicht mehr ganz jung, noch nicht völlig durch. Sie konnte nicht viel älter als fünfundzwanzig sein.

Ein verfluchter Abend. Ein Abend dieser Sorte, an dem man sich plötzlich einer Frauenleiche gegenübersieht, auf die man in einem Winkel von Nørrebro aus lauter Hilfsbereitschaft geworfen wird.

Und dann auch noch eine Frauenleiche, die ganz unschuldig aussah. Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: Ich habe schon vorher tote Frauen gesehen, und einige von ihnen sahen aus, als hätten sie nichts anderes erwartet – da gibt es weder Angst noch Überraschung in ihrem Blick.

Aber diese hier, die sah so überrumpelt aus. Jemand war von hinten gekommen. Sie hatte nicht begriffen, warum es passierte, das sagte ihr Gesicht ganz deutlich.

Ich angelte eine Zigarette hervor und ließ das Licht wieder ausgehen.

Ich konnte nichts für sie tun. Ich konnte nur die Polizei anrufen – und zusehen, dass ich wegkam, bevor jemand vorbeilief und auf die prima Idee kam, dass es sich hier um mein gesegnetes Werk handelte.

Vielleicht hatten die beiden, die vor mir weggelaufen waren, exakt das Gleiche gedacht.

Draußen fuhr ein Wagen mit unanständig laut kreischenden Bremsen vorbei.

Niemand kam in die Gasse hinein, niemand ging hinaus. Fahrräder und Container standen ruhig und abwartend da. Das Mädchen lag tot da und erwartete nichts mehr.

Ich ließ sie liegen. Ich schlich mich an den Containern entlang hinaus, trat dabei hier und da nach einer infektiösen Slum-Ratte, mit dem verfluchten Gefühl, jeden Augenblick ein Messer zwischen die Rippen kriegen zu können.

Aber es kam kein Messer. Ich lief den Jagtvej entlang zur Telefonzelle am Rondell. Der Regen prasselte immer noch mit derselben Beharrlichkeit herab, als könnte er nicht mehr aufhören, wo er jetzt schon einmal so weit gegangen war, oder als wollte er einen neuen Guinness-Rekord eher in Ausdauer als in Tempo aufstellen.

Während meiner eiligen Wanderung zur Telefonzelle hin wurde ich an der Schulter gepackt. Ich drehte mich um und schaute auf ein Messer.

Hinter dem Messer standen zwei Rocker in schwarzem Leder mit schwarzen Gürteln und schwarzen Stiefeln. Sie musterten mich von oben bis unten, wie es seit meinem früheren Chef niemand mehr getan hatte.

»Hei. Gefällt dir mein Messer?«, fragte der eine.

»Oder magst du meins lieber?«, fragte der andere und zog auch sein Messer.

Die Messer waren gleich. Und die Typen offensichtlich auch. Ausdruckslos, glatt rasiert. Und nicht älter als zwanzig.

»Hei«, erwiderte ich. »Ich weiß verdammt wenig über Messer, aber da hinten in der Passage am Colosseum, da liegt eine Leiche, und ich will grade die Bullen anrufen, damit sie sie abholen, also lasst uns ein andermal weiterspielen, ja?«

»Eine Leiche?«, fragte der eine.

»Bullen?«, fragte der andere.

»Ja«, nickte ich müde. »Eine tote Lady. Darf ich jetzt also bitte telefonieren?«

Der Zweite war schneller als der Erste. Er sah aus, als wäre ihm eine Idee gekommen.

»Hör mal«, sagte er. »Woher sollen wir denn wissen, dass du sie nicht abgemurkst hast und jetzt einfach abhauen willst?«

»Ach, halt’s Maul. Ihr könnt ja mitkommen«, antwortete ich müde. »Und dann den Bullen das erzählen, was ihr mir sagen wolltet.«

»Wir gehen mit«, erklärte der eine.

Ich gab mir Mühe, nicht erleichtert Luft zu holen. Solche Typen wie diese hier, die bringen zwar niemanden mutwillig um, aber es gefällt ihnen ungemein, in Fleisch zu schneiden, und es ist viel Wahres dran an der Großwildjägerweisheit, dass das Blöken des Kitzes den Tiger reizt. So kaltblütig wie möglich, das ist die empfohlene Methode in so einer Situation.

Dennoch war mein Weg zur Telefonzelle zwischen zwei Rockern mit gezückten Messern bei weitem nicht so entspannt, wie ein erfahrener Musical-Choreograf es empfohlen hätte.

Messer sind widerliche, spitze Instrumente.

Vielleicht war an dem Gerücht von dem »harten Pflaster« doch etwas dran.

Die Telefonzelle funktionierte nicht. Telefonzellen funktionieren nie in Kopenhagen. Jedes Mal, wenn man alle Jubeljahre eine für eine wirklich lebenswichtige Nachricht braucht, hat irgend so ein versoffener Teenager im ersten Vollrausch seines Lebens es als Höhepunkt kosmischer Komik angesehen, das Kabel in der nächstgelegenen Zelle aus dem Apparat zu ziehen.

»Durchgeschnitten«, sagte der eine lakonisch.

»Ärgerlich, was? Oder?«, meinte der andere freundlich verständnisvoll.

Es sah aus, als wollten sie zum Tanz aufspielen, als wollten sie ihre kleine rituelle Late-Night-Gewaltshow zeigen.

Es war keine Menschenseele auf dem ganzen Rondell zu sehen. Nicht einmal ein vorbeifahrendes Taxi, kein einziger Gast, der aus dem Central-Café trottelte, nicht ein einziger spät heimkehrender Bewohner einer der tausenden von Wohnungen, die uns von allen Seiten umgaben.

Ärgerlich, oh ja. Sehr, sehr ärgerlich.

Aber was konnte man von so einem verfluchten Abend auch anderes erwarten.

Der eine, der unbegabtere von beiden, hob langsam sein Messer. Entweder glaubte er, ich wäre ein begnadeter Lügner, oder aber er glaubte, ich wäre der Mörder, und in beiden Fällen war ihm das scheißegal.

Ich bereitete mich darauf vor, die Beine in die Hand zu nehmen – ohne größere Chancen bei meinem Alter und meiner Kondition.

Aber irgendein Gott (vermutlich der Gott, der sich um die kümmert, die keinen Gott verdient haben) kam mir – wie die Kavallerie in einem Western – zu Hilfe. Eine Polizeisirene heulte in der Dunkelheit auf, sie kam näher und näher, Meter um Meter ertönte sie unbeherrschter, mit diesem Jaulen, das die dänische Polizei aus den amerikanischen Fernsehserien übernommen hat.

Und innerhalb einer Sekunde waren die Typen die Nørrebrogade hinunter verschwunden. Die beiden hatten offensichtlich auch zu viele amerikanische Fernsehfilme geguckt.

3

Der Polizeiwagen hatte es gar nicht eilig anzuhalten, er hatte wichtigere Dinge vor, als sich um mich und meine verhältnismäßig lächerlichen Kleinigkeiten zu kümmern. Ich musste auf die Straße springen und wie im Theater herumwedeln, damit ich sie endlich an die Seite des Rondells kriegte.

Drinnen saßen vier Mann mit Helmen auf. Der Fahrer beugte sich hinaus, einer dieser kräftigen, vierschrötigen Männer, deren Körper und Kopfform allein schon sagen: Mach hier keinen Quatsch, Kleiner!

»Was soll denn der Quatsch?«, fragte er.

»Ich mache keinen Quatsch«, antwortete ich, irritiert über sein voraussehbares Verhalten. »Es handelt sich um eine Leiche.«

»Haben Sie eine Leiche bei sich?«

»Nein, und jetzt sind Sie derjenige, der Quatsch redet. Ich habe eine Leiche gefunden, ich habe versucht, die Polizei von der Telefonzelle aus anzurufen, aber die ist kaputt, ich bin von zwei Kerlen mit Messern bedroht worden, die es plötzlich ganz eilig hatten, als sie Ihre Sirene gehört haben, und jetzt kann ich Ihnen endlich mitteilen, dass in der langen Passage neben dem Colosseum eine Leiche liegt. Es wäre mir ein Vergnügen, Sie hinzuführen. Eintritt gratis für Studenten, Pensionäre und Frauen mit Vollbart, und bitte am Eingang nicht drängeln. Wollen Sie sich nun die Leiche angucken oder nicht ...?«

Sicher, ich wurde etwas hitzig. Wie meine Mutter früher schon sagte, ich bin nun einmal ein empfindlicher Typ.

Der Fahrer sah aus, als würde er mir am liebsten eins über den Schädel geben, ärgerte sich aber nur im Stillen, dass er seinen Totschläger vergessen hatte.

Er betrachtete mich ausgiebig. Suchte nach Zeichen, dass ich betrunken, high, blau, manisch oder schwachsinnig wäre.

Er konnte nichts finden. Ich hatte einigermaßen ordentliche Kleidung an, sogar einen Hut, und hatte mich mit doppelt routierenden Klingen rasiert.

Nachdenklich kratzte er sich im Nacken, stellte fest, dass er einen fürs Kratzen unbequemen Helm trug und nahm die Finger wieder herunter.

»Hm«, sagte er. »Verflucht.«

»Da haben Sie Recht«, erwiderte ich. »Das ist ein verfluchter Abend, ich habe vor kurzem gerade das Gleiche gedacht. Wollen wir das Ganze einfach vergessen? Von mir aus gern. Es ich nicht meine Schuld, ich bin nur ein braver Bürger, der den Fund einer Leiche meldet. Ich bin mir sicher, dass es einen Paragrafen gibt, in dem steht, dass ich das muss. Und ich bin mir sicher, dass es auch einen gibt, in dem steht, dass Sie sich darum kümmern müssen. Aber wenn Sie keine Zeit haben, dann verabschiede ich mich, und wenn ich das nächste Mal auf der Straße über eine Leiche stolpere, dann verspreche ich Ihnen, Sie nicht damit zu belästigen.«

»Augenblick«, sagte eine Stimme auf dem Rücksitz. Ein Mann stieg auf der anderen Seite aus und lief hinten um den Wagen herum auf mich zu.

Polizeiinspektor Ehlers von der Wache Halmtorvet.

Genau was der Arzt verschreiben würde: der kluge, ausgewogene, wohl gesonnene und dennoch professionelle Polizist, den ich darüber hinaus auch noch kannte.

Aber kaum wieder erkannte. Ehlers’ Helm war, im Gegensatz zu denen der anderen, gar kein Helm, sondern ein Verband, und seine rechte Wange entlang verlief eine lange, eingetrocknete Schnittwunde.

Er war freundlich genug, mir die Hand zu geben.

»Das hat eine Weile gedauert, bis ich die Stimme wieder erkannt habe«, sagte er. »Johs., ich kenne den Mann.«

Johs., der offenbar der Fahrer war, brummte irgendetwas und wartete einfach ab.

»Was ist da denn passiert?«, fragte ich und zeigte dumm auf seinen Verband und den langen Riss in der Wange.

»Bagatellen«, sagte er kurz. »Hausbesetzungen. Unten in Firkanten. Da gibt es keine Wohnungen für junge Leute, also stürmen die Jungen die Abrisshäuser, der Oberbürgermeister und der Polizeidirektor verlangen, dass die Leute rausgeschmissen werden, wir Bullen sollen das machen, und dabei kriegen wir ab und zu ein paar Ziegelsteine auf den Kopf oder einen Molotowcocktail in den Nacken, während die Leute in den Treppenaufgängen herumhängen und auf die Kameras glotzen, und am nächsten Tag steht in der Zeitung nur was über unsere Gewalt und Brutalität. Dabei waren wir nur auf dem Heimweg von der Arbeit. Also, was ist los mit dir?«

»Eine Leiche«, sagte ich. »Eine Frau.«

Und geduldig wiederholte ich meine Geschichte. Noch einmal – für Ehlers.

»Geh hin«, sagte er. »Wir fahren langsam nebenher.«

Er stieg wieder ins Auto, und während sie fuhren, den Jagtvej mit zwanzig Stundenkilometern hinunter, dachte ich daran, was für ein Schaf ich doch war. Nein, nicht nur ein Schaf, was für ein lallender, analphabetischer, imbeziler Thalodomididiot ich doch war.

Jeder vernünftige Mensch, der eine Leiche findet, würde einfach weitergehen und so tun, als wenn nichts wäre. Wäre ich einfach weitergegangen und hätte so getan, als wenn nichts wäre, hätte ich inzwischen in einem Sessel sitzen und ein gutes Buch lesen können.

Stattdessen musste ich ja unbedingt die Polizei alarmieren, wie so ein verantwortungsvoller Krimiheld.

Wenn das ein Kriminalroman hier wäre, dachte ich, dann wäre die Leiche zweifelsohne verschwunden, wenn wir hinkämen, und keine Spur würde darauf hindeuten, dass sie jemals existiert hätte. So würde es sein. So war es in allen Krimis, die ich bisher gelesen hatte.

Der Albtraum schnürte mir den Hals zusammen, während die Regentropfen in ihrem eintönigen Rhythmus auf die Hutkrempe klopften.

Aber die Wirklichkeit ist eben kein Kriminalroman, noch nicht. Die Leiche lag immer noch da. Sie lag so da, wie ich sie verlassen hatte. Und sie sah genauso aus, wie sie vor einer Viertelstunde ausgesehen hatte.

Vier von dankbaren Steuerzahlern finanzierte Polizeitaschenlampen erweckten den Eindruck einer fast obszönen Filmszene, als befände sich die Frau im Rampenlicht aller Scheinwerfer Hollywoods, wie sie da allein auf der Treppe lag.

Einer der Polizisten fluchte. Ein anderer seufzte.

Menschen sind so unterschiedlich.

»Macht eure Lampen aus«, sagte Ehlers.

Mit seiner eigenen in der Hand ging er zu der Frau. Seine Hände glitten über sie, als wollte er ein Lebenszeichen erspüren. Er knöpfte ihren Mantel auf. Er ließ sein Lampenlicht über den Körper streifen, auf und ab, um schließlich auf dem Gesicht zu verharren, das mit denselben Augen, die ich vorher schon gesehen hatte, uns für ein paar Minuten über seine gebeugte Schulter hinweg anstarrte.

Dann drehte er sich wieder um.

»Erwürgt«, sagte er müde. »Deutliche Spuren am Hals. Einfaches Erwürgen. Das kann noch nicht lange her sein.«

Einen Moment lang sah er aus, als würde er gleich umkippen, in sich zusammenfallen wie einer, der genug aufgebürdet bekommen hatte und jetzt nicht mehr konnte, sodass unser lieber Herrgott für ein paar Stunden bitte schön jemand anderen finden musste, um den Job zu übernehmen.

Dann erhob er sich und gab Befehle, während sein wie immer ungezähmter, surrealistischer Bart in alle Richtungen abstand, als wäre er unter dem Verband hervorgekrochen.

»Johs.: Arzt, Krankenwagen, Spurendienst, Fotografen, Spezialisten, du kennst den Rummel. Und schnell!«

Johs. ging brummend von dannen. Sein letzter Blick war auf mich gerichtet und ließ keinen Zweifel daran, dass das hier alles nur meine Schuld war. Wenn ich mich wie ein ehrenwerter Gewerbetreibender um meine Sachen gekümmert hätte, dann wäre die Leiche erst am nächsten Morgen gefunden worden, und dann hätte er keinen Dienst gehabt!

Ehlers hockte sich auf die Knie und inspizierte erneut die Frau. Sein Gesicht war leer, als er aufstand und uns drei starr wartende Salzsäulen ansah.

»Sie hat eine Busfahrkarte in der Tasche«, sagte er. »Aber das ist auch alles. Sie muss eine Handtasche gehabt haben. Seht mal her, sie trägt Lippenstift, und sie hatte ihn garantiert dabei. Sie muss auch Schlüssel gehabt haben, und auf jeden Fall etwas Kleingeld, einen Kamm, sonst irgendwelchen Kram. Guckt euch schon mal die Container an!«

Die beiden Beamten begannen methodisch mit Hilfe ihrer Taschenlampen in dem zusammengedrückten, rattenzerfressenen Abfall zu wühlen. Der Gestank war nichts für so empfindsame Gestalten wie den Sohn meiner Mutter.

Ich zog mich ein Stück Richtung Straße hin zurück. Ehlers folgte mir, im Laternenschein schwebte sein Verband wie ein matter Glorienschein über seinem Kopf.

»Du observierst zu viele Morde«, sagte er.

»Ich observiere sie nicht«, widersprach ich.

»Dann lass uns sagen, du findest zu viele Leichen.«

»Ganz meine Meinung. Die Leichen verfolgen mich. Sie lieben mich. Ich bin derjenige, den sie haben wollen. Wenn das so weitergeht, dann dauert es nicht mehr lange, und ich gebe den Journalistenberuf auf und eröffne stattdessen ein Beerdigungsinstitut.«

»Hm«, sagte Ehlers. »Hattest du die Journalistik nicht schon vor einer ganzen Weile aufgegeben?«

»Doch, ja«, bestätigte ich. »Aber das hat meinen Hausbesitzer nicht dazu gebracht, seine Mietforderungen aufzugeben.«

Und somit waren wir wieder auf vertrautem Fuße.

»Gleich fängt hier wieder alles von vorne an«, sagte er. Seine Stimmung veränderte sich, wie eine Maschine, die auf eine neue Funktion eingestellt wird. »In zwei Minuten ist der ganze Trupp hier, und die Gesellschaft erwartet, dass jeder Spezialist seine Pflicht tut, um das arme Mädchen da hinten zu rächen. Währenddessen solltest du unter Aufsicht sein, eigentlich solltest du irgendwo in einer kleinen Zelle hocken, während wir fotografieren, messen, mikroskopieren, stenografieren und Berichte verfassen, aber zum einen sind alle Ausnüchterungsräume und Untersuchungszellen heute Abend voll gestopft mit Hausbesetzern, und zum anderen kenne ich dich.« (Er verzog viel sagend sein Gesicht.) »Also, du kriegst all die üblichen Warnungen, du schreibst nichts ...«

»Nichts käme mir mehr entgegen.«

»Quatsch, ich kenne dich doch. Du schreibst nichts, für deine Zeitung, meine ich, bevor wir nicht abgesprochen haben, was geschrieben werden darf. Und ich brauche deine Zustimmung schriftlich.«

»Okay«, sagte ich. »Wie lange bleibst du hier?«

Ehlers schaute auf die Uhr.

Sie zeigte 0.52 Uhr.

»Mindestens drei Stunden«, sagte er kopfschüttelnd, wie aus alter Gewohnheit, bis er bemerkte, wie sehr der Verband die Bewegung veränderte und mittendrin innehielt. Genau wie Johs., als er sich im Nacken gekratzt hatte, während er den Helm auf dem Kopf hatte.

»Ich gehe ins Central-Café«, erklärte ich »Ich schreibe dort meine Erklärung auf, und dann komme ich zurück und schaue mir alles an.«

Ehlers schaute mich mit scharfem Blick an. »Solange wir uns über die Spielregeln einig sind«, sagte er.

»Selbstverständlich«, sagte ich. »Zwei Durchgänge, fünf Würfel im Becher, die Einsen sind die Joker, eine Serie macht sechs, und wenn es nötig ist, gehen wir nach Viborg.«

Ich schlug ihm aufmunternd auf die Schulter und ging zum zweiten Mal an diesem Abend aus der Passage hinaus und den Jagtvej entlang zum Rondell.

4

Es gibt viele Dinge, auf die man sich in diesem Leben nicht verlassen kann. Die Liebe beispielsweise; die Gerechtigkeit, seine Mitmenschen und so weiter.

Und es gibt auch einzelne Dinge, auf die man sich verlassen kann. Auf den Tod beispielsweise.

Und den Regen. Der machte munter weiter, aber ansonsten überfiel mich niemand auf meinem Weg zum Central-Café. So langsam bekam ich das Gefühl, als wäre der Ruf dieses Viertels maßlos übertrieben.

Auch auf das Central-Café konnte man sich verlassen: Es sah immer noch so aus wie beim letzten Mal, als ich dort war, vor knapp zwanzig Jahren. Vielleicht waren die Stuhlsitze noch ein bisschen stärker abgescheuert, die kleinen, kränkelnden Palmen an den Fenstern noch etwas kränklicher geworden, die verrauchten Gardinen um einige Nuancen grauer – ansonsten war alles wie immer.

»Hör mal, du hast ja keine Ahnung, wie das angefangen hat ...«, erzählte jemand einem anderen mit eindringlicher Stimme, als ich eintrat.

Ich fand einen Fenstertisch. Ich setzte mich und sah blicklos auf die Straße hinaus. Ich bestellte Bier und Whisky und sah immer noch blicklos auf die Straße hinaus.

Draußen lag etwas, was die Kopenhagener Kommunalverwaltung zweifellos als »eine Grünanlage« bezeichnen würde, ein kleiner, abgeschlossener Platz, bestehend aus der Telefonzelle, in der ich bereits meinen Auftritt gehabt hatte, zwei grün gestrichenen Bänken, einer geschlossenen Würstchenbude und einem symbolischen Baum mit einem Blumentopf als Staffage. Das sah aus wie ein Witz, vielleicht hatte aber auch ein »begabter und engagierter« Architekt eine Prämie für dieses »Erholungsgebiet« erhalten.

Drinnen gab es roten Plüsch, Spiegel und eine elektrische Orgel, die den altmodischen Klavierspieler abgelöst hatte. Die elektrische Orgel dröhnte laut »Una Paloma Blanca«, und ein Teil der Gäste wiegte sich wohlwollend im Takt. Von mir aus gern. Sollten sie doch schunkeln.

»Halt die Schnauze, verdammt nochmal!«, brüllte eine Männerstimme hinter mir. Und die Aussage wurde unterstrichen durch eine Flasche, die auf dem Tisch zerschmettert wurde.

»Immer mit der Ruhe, John!«, erklärte eine andere Stimme hinter meinem Rücken.

John gehorchte der Aufforderung. Jedenfalls folgten keine weiteren Geräusche von zersplitterndem Glas.

Ich nahm einen großen Schluck und schaute wieder zum Fenster hinaus. Links unten an der Nørrebrogade lag eine Apotheke, eine Apotheke, die meinte, auf ihre Existenz mit Hilfe einer grünen Neonschlange ...

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