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Mord am Polarkreis

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. 1
  5. 2
  6. 3
  7. 4
  8. 5
  9. 6
  10. 7
  11. 8
  12. 9
  13. 10
  14. 11
  15. 12
  16. 13
  17. 14
  18. 15
  19. 16
  20. 17
  21. 18
  22. 19
  23. 20
  24. 21
  25. 22
  26. 23
  27. 24
  28. 25
  29. 26
  30. 27
  31. 28
  32. 29
  33. 30
  34. 31
  35. 32
  36. 33
  37. 34
  38. 35
  39. Unsere Empfehlungen

Lars Pettersson

MORD AM
POLARKREIS

Ein Lappland-Krimi

Übersetzung aus dem Schwedischen von
Thorsten Alms

1

Ein Kamel, ja, eigentlich war es eher ein Dromedar, erhob sich langsam auf seine Beine und schaute auf das Quad hinunter, das den steilen Berghang hinaufzufahren versuchte. Aslak Isak beugte sich über den Lenker und gab Gas. Er warf einen kurzen Blick nach hinten zum Schützen, Aron, der sich an der Ladefläche des Dreiachsers festklammerte. Die Antriebsräder drehten in dem losen Kies durch, und die Maschine rutschte auf der Kante des Steinhaufens entlang, bis die Räder wieder griffen und er auf die Hochfläche hinaufsteuern konnte.

Das Dromedar käute wieder und beobachtete ausdruckslos, wie sie von ihrem Quad hinunterkletterten. Es wollte ein paar Schritte zur Seite machen, wurde aber von dem Seil aufgehalten, mit dem eines seiner Hinterbeine an eine rostige Metallöse gekettet war, die jemand in den verwitterten Fels geschlagen hatte. Aron nahm seinen Helm ab und zog die Handschuhe aus, klopfte Sand und Staub von der Uniform. Er trat näher an das Dromedar heran, das an seinem Seil zerrte, den Hals beugte und den unbekannten Eindringling anschnaubte.

»So eins hatten wir in der Schule. Also, ein Bild davon. Eine Schautafel, die im Kartenschrank hing.«

Aslak Isak legte seinen Helm auf die Ladefläche, nahm den Feldstecher und näherte sich geduckt dem Steilhang. Vorsichtig schaute er ins Tal hinunter.

»Das war in der ersten Klasse der Grundschule. Der Lehrer hatte die Schautafel mitgebracht. Mann, was haben wir gelacht! Dass es solche Tiere gab, davon hatten wir ja keine Ahnung.«

Aron streckte dem misstrauischen Dromedar seine Snusdose hin und öffnete den Deckel mit einer routinierten Daumendrehung. Das Tier wandte sich ab und zerrte erneut an dem Seil, klimperte mit den langen Wimpern.

»Oben in der Finnmark habt ihr Blagen bestimmt immer nur Rentiere gesehen, was?«

Aron steckte sich eine Portion Snus unter die Lippe und spuckte in den Kies, der unter seinen klobigen Wüstenstiefeln knirschte.

Das Tal erstreckte sich mehrere Kilometer weit bis zum Pass hinauf, den man weit entfernt im Osten nur erahnen konnte. Eine braune, sterile Landschaft. Die Sonne hatte den eiskalten Morgennebel noch nicht durchdrungen und zeigte sich lediglich als heller Fleck vor dem bleichen Himmel.

Ein schmaler Bach schlängelte sich durchs Gelände. Der Wind trug sein Plätschern in kurzen Böen bis nach oben auf den Bergkamm, auf dem sie mit ihrem Quad stehen geblieben waren.

Das Dorf mit seinen Häusern aus getrockneten Lehmziegeln drückte sich auf der gegenüberliegenden Seite des Tals an den Berghang. Die grauen Häuser verschmolzen mit dem Fels. In der verzerrten Perspektive des Feldstechers war unmöglich auszumachen, wo sie aufhörten und die Bergwand begann.

Wo der Bach einen weiten Bogen schlug, wurde er breiter und flacher. Man konnte Spiegelungen des Himmels im Wasser aufblitzen sehen, das über die Steine strömte.

Ein paar Frauen in schwarzen Gewändern standen im Bach und wuschen Wäsche. Auf den Steinen am Ufer hatten sie Kleidung zum Trocknen ausgebreitet.

Eine der Frauen versuchte, ein langes, hellblaues Stück Stoff zusammenzulegen. Anscheinend war mit der einzig klaren Farbe dieses Tals nicht leicht umzugehen. Der Wind fuhr hinein, und es flatterte rebellisch gegen die Ufersteine, bis ein kleines Mädchen, das nicht weit davon entfernt spielte, herbeigelaufen kam und beim Zusammenlegen half.

Trotz der Entfernung konnten Aslak Isak und Aron das Rufen der Kinder auf der Kiesfläche oberhalb des Baches hören. Es sah aus, als würden sie dort mit einem selbstgemachten Ball Fußball spielen. Etwas näher an den Häusern standen ein paar schwarze Schafe und grasten. Was auch immer sie in dieser verbrannten Landschaft zu fressen finden mochten.

»So könnte es auch vor hundert Jahren ausgesehen haben.«

Aron übernahm den Feldstecher.

»Hier hat es schon immer so ausgesehen.«

»Auf ein paar Häusern stehen Satellitenschüsseln.«

»Und bestimmt gibt es wie überall jemanden, der eine Kalaschnikow hinter dem Scheißhaus vergraben hat, um sich gegen die Taliban verteidigen zu können.«

»Oder gegen die ISAF?«

»Wir sind doch hier, um sie zu schützen, ihnen die Demokratie beizubringen und dafür zu sorgen, dass die Mädchen in die Schule gehen.«

»Warum so ironisch?«

Aron lächelte schief, gab den Feldstecher zurück und kroch im Schutz der rotbraunen Steinblöcke zum Quad zurück, um das Gewehr zu holen.

Wo der Weg den Bach kreuzte, lagen die Überreste eines Schuppens oder größeren Lagergebäudes, das zu einem Haufen von Steinen und Lehmziegeln zusammengefallen war. Aslak Isak studierte die Ruine gründlich durch den Feldstecher. Das konnte eine Falle sein, ein Hinterhalt für den Transport, der bald über den Pass kommen und in das Tal hinunterfahren würde.

Es gab nicht das geringste Anzeichen, dass sich dort Menschen befanden, lediglich eine Herde Ziegen kletterte zwischen den Steinen herum. Die Brücke über den Bach wäre ansonsten eine typische Stelle für die Platzierung eines improvised explosive device gewesen, das man mit einer Druckplatte oder einem Fernauslöser zur Detonation bringen konnte. Ein altes Nokia-Handy reichte aus, um so eine Straßenbombe oder Mine explodieren zu lassen.

Es sah auch nicht aus, als hätte vor Kurzem jemand in der Nähe gegraben oder einen der Steine in der alten Brücke bewegt.

Das Funkgerät knisterte.

»Bravo Alpha … Bravo Alpha.«

»Hier Polaris Acht. Wir können keine gegnerischen Truppenbewegungen erkennen. Aber die Brücke über den Bach ist ein klarer IED-Gefahrenbereich.«

Aron kehrte mit dem Gewehr vom Fahrzeug zurück, nahm die Schutzkappe vom Zielfernrohr und schaute zum Dorf hinunter. Das Funkgerät krächzte.

»Habt ihr den Bergkamm über dem Dorf kontrolliert?«

»Wir können nichts sehen.«

»Okay, wir sind gleich auf dem Pass.«

Aslak Isak beendete das Gespräch, hob den Feldstecher und suchte gewissenhaft den Horizont ab. Aron beobachtete die Kinder, die unten im Kies Fußball spielten. Mit Hilfe des Zielfernrohrs maß er den Abstand zu dem unbeholfen hopsenden Ball. Es schien ein zusammengebundenes Schaffell zu sein.

»Sechshundertvierzig Meter.«

»Was?«

»Sechshundertvierzig Meter. Kann das stimmen?«

Aslak ließ den Feldstecher sinken und versuchte den Abstand zu schätzen.

»Kommt hin, er arbeitet normalerweise ja sehr exakt.«

Sie entdeckten die Staubwolke hinter dem Kamm, bevor sie die einzelnen Fahrzeuge unterscheiden konnten. Grauer Staub wehte von der Bergflanke hinüber und wurde vom Wind zerstreut. Aron nahm das Magazin aus der Waffe und schlug es mit der Rückseite leicht gegen seine Hand, damit die Patronen in die richtige Lage fielen.

»Wie viele sind es?«

»Zwei Iveco mit der Minenräumgruppe, und dann haben sie noch ein paar von den neuen Quads dabei, Polaris 800.«

»Hast du die mal Probe gefahren?«

»Die sind wohl nur zur Evaluierung hier. Aber zu Hause habe ich mal einen ausprobiert, ein Typ hatte einen bei der Elchjagd dabei.«

Aron steckte das Magazin in das Gewehr zurück und betrachtete die Staubwolke durch das Zielfernrohr.

Die gepanzerten Fahrzeuge erschienen auf der Passhöhe und blieben für ein paar Sekunden stehen, bevor sie langsam ins Tal hinunterrollten.

Die Frauen, die unten am Bach wuschen, schauten zu den Militärfahrzeugen auf. Jemand zeigte und rief den Kindern etwas zu. Die Fußballspieler hielten inne, und ein paar der älteren Kinder liefen zu den Ziegen hinüber, die in den Ruinen herumkletterten, und begannen, sie vor sich her zum Dorf zu treiben.

Das Verhalten der Frauen schien abwartender zu werden, alle verstummten, ganz plötzlich bewegten sie sich steifer und wichen den in Tarnfarben gestrichenen Fahrzeugen mit den Blicken aus.

Langsam fuhren die Wagen an die Brücke heran. Zwanzig Meter vor dem Bachlauf blieben sie stehen und ließen ein paar Soldaten aussteigen, die hinter der Wegböschung in Stellung gingen. Zwei in Schutzwesten gekleidete Kampfmittelbeseitiger holten ihre Ausrüstung aus dem hinteren Fahrzeug.

Die Sprengstoffexperten kletterten die Uferböschung hinunter und untersuchten den Raum unter dem niedrigen Brückenbogen. Einige der bewaffneten Soldaten gingen zur Ruine und schreckten eine einsame Ziege auf, die zwischen den Steinen zurückgeblieben war. Sie rannte zum Dorf, der Klang ihrer Halsglocke war noch oben bei Aslak Isak und Aron zu hören.

Die Kampfmittelbeseitiger führten ihre Detektoren unter die Brücke, schienen aber nichts zu finden. Nach einer Weile richteten sie sich auf, setzten die Helme ab und kehrten zu den Fahrzeugen zurück. Die Soldaten stiegen wieder ein, und der erste Iveco fuhr über die Brücke.

Nichts passierte. Einer der Kampfmittelbeseitiger ging vor dem Wagen her, suchte die Straße vor sich in ruhigen, schweifenden Bewegungen mit dem Detektor ab.

Die Frauen sammelten die Wäsche ein. Zwei Kinder trugen einen Korb zwischen sich den steinigen Weg zu den Häusern des Dorfs hinunter. Ein etwa fünfjähriger Junge trieb die Schafherde zu der Stelle am Bach, die die Frauen gerade verlassen hatten.

Einige Tiere gingen ins Wasser, rutschten auf den Steinen aus, schissen ins Wasser und tranken. Langsam bewegte die kleine Militärkolonne sich die Straße entlang.

Die Frauen mit den Wäschekörben schauten nicht zu den Soldaten hinüber. Es waren zwei Welten in ein und demselben Tal, und sie bewegten sich nebeneinanderher, ohne dass es Berührungspunkte gab. Sie hatten nichts Gemeinsames. Nicht die Sprache. Nicht die Erfahrungen. Nicht einmal in dem Erlebnis ihrer eigenen menschlichen Existenz ließen sich Gemeinsamkeiten finden.

Hier die hochtechnisierte Militäreinheit, die sich ängstlich auf der staubigen Straße vorantastete, und in einem anderen Jahrhundert die Frauen in ihren schwarzen, alles bedeckenden Gewändern, die ihre selbstgemachten Körbe trugen.

Die Explosionen erfolgten beinahe gleichzeitig.

Oben vom Bergkamm, wo Aron und Aslak Isak lagen, konnten sie nur die gelbe Flamme sehen, die vor dem ersten Fahrzeug in die Höhe schlug. Die unerhörte Kraft, von der die Front des schweren gepanzerten Wagens zerfetzt wurde und die ihn von der Straße warf.

Die zweite Explosion schleuderte den nachfolgenden Iveco auf die Seite, er rutschte in den Graben, wo er sich langsam überschlug. Mit einigen Sekunden Verspätung rollte der Schall die Bergflanke hinauf.

Die Frauen mit ihren Wäschekörben waren verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Die Schafe, die im Bach standen, schauten auf das brennende Fahrzeug.

Aslak Isak reagierte als Erster. Er rief den Gefechtsstand an und erstattete Bericht. Während er sprach, hörte er die ersten Schüsse von den Bergen auf der anderen Seite der Straße. Ein paar Soldaten hatten die zerstörten Fahrzeuge verlassen und brachten sich am Straßenrand in Gefechtsposition.

Das gegnerische Feuer kam vom Bergkamm über dem Dorf. Aber es war zu weit entfernt. Es war kaum mehr als Rauch und das, was die ISAF-Soldaten scherzhaft »Paffpaff« nannten.

Die Soldaten schossen zurück, auf die Steinblöcke, hinter denen sie den Rauch der gegnerischen Waffen aufsteigen sahen.

Dann zischte plötzlich eine Rakete über das Dorf und schlug in einem Feuerball nicht weit entfernt von den gesprengten Lastwagen ein.

Einer der Befehlshaber übernahm die Kommunikation mit dem Gefechtsstand und bat um Unterstützung aus der Luft. Aslak Isak startete das Quad, während Aron auf gut Glück ein paar Schüsse auf den Berg abfeuerte, von dem die Rakete abgeschossen wurde, doch der Abstand war zu groß, und er machte sich keine Hoffnungen, dass er irgendetwas treffen würde.

Der Abhang zur Talsohle war steil und steinig, Aslak Isak versuchte den kürzestmöglichen Weg zu fahren. Das sechsrädrige Fahrzeug glitt durch den losen Kies, und Aron lag bäuchlings auf der Ladefläche und hielt sich fest.

Als sie durch den Bach fuhren, stob die Schafherde unter ängstlichem Geblöke über die Kiesebene auseinander, auf der die Kinder eben noch Fußball gespielt hatten. Ein Hütejunge in schwarzer Schaffellweste warf mit Steinen nach den Soldaten und rief ihnen etwas nach, das sie nicht verstanden.

Als Aslak die Tür zur Fahrerkabine aufriss, fiel der tote Fahrer in den Kies. Seine Beine waren gebrochen, und die rechte Seite seines Kopfes war eine einzige blutige Masse. Sein Beifahrer wimmerte, und sie brauchten vier Mann, um die Blechplatte zur Seite zu biegen und ihn zu befreien. Auch ihm waren beide Beine in einem seltsamen Winkel gebrochen, und er hatte Splitterverletzungen an der Brust, atmete allerdings relativ gleichmäßig. Der Unteroffizier beendete das Gespräch mit der Zentrale, robbte an den Verletzten heran und winkte einen Sanitäter herbei, der gebückt vom Fahrzeug an der Brücke herbeilief. Aron zog die Trage aus dem brennenden Auto und machte den Verletzten mit Unterstützung des Sanitätssoldaten darauf fest.

»Wann kommt die Luftunterstützung?«, fragte er.

Der Unteroffizier schaute zu den Bergen hinter dem Dorf hinauf.

»Das konnten sie nicht genau sagen, sie meinten aber, es könnte etwas dauern.«

Er drehte sich um und rief zu den Soldaten in der Feuerstellung hinüber.

»Achtet auf den Sektor zwischen der Ruine und dem Berg über dem Dorf. Schießt auf alles, was sich bewegt. Wir müssen sie auf Distanz halten, bis die Flieger kommen.«

Aron wandte sich an den Unteroffizier.

»Wir bringen ihn mit dem Quad raus.«

»Seid ihr verrückt? Oben am Pass haben sie bestimmt einen Hinterhalt aufgebaut!«

Aron und der Sanitäter hievten den Verletzten auf die Ladefläche des Polaris. Aslak Isak gelang es, irgendwo im Gepäck eine Plane zu finden, und er band sie mit den dünnen Nylonseilen, die er am Lenker hängen hatte, über dem Soldaten fest.

»Ihr könnt nicht den Berg hinauffahren, er fällt doch runter!«, rief der Unteroffizier.

»Wir nehmen die Straße über den Pass!«

Während der Unteroffizier noch zögerte, sprang Aron auf das Quad, übergab Aslak Isak das Gewehr und startete.

»Verdammt, jetzt warte doch! Die Magazine.«

Aron kramte die Magazine heraus und warf sie Aslak Isak zu, der auf die Ladefläche krabbelte und sich neben den Verwundeten legte.

Aron wendete in einer Staubwolke und beschleunigte. Dann bog er plötzlich von der Straße zum Dorf ab und schnappte sich den Jungen mit der Schaffellweste, der davonzulaufen versuchte. Aslak Isak protestierte.

»Nein, verfluchter Mist! Lass ihn laufen!«

Doch Aron hob den Jungen hoch und setzte ihn vor sich auf den Benzintank.

Der Unteroffizier versuchte sie aufzuhalten. Der Junge wand sich hin und her, um loszukommen, aber Aron hielt ihn fest wie ein Schraubstock.

Als sie wieder über die Brücke fuhren, lichtete sich plötzlich der Nebel, und die Sonne kam heraus. Mit einem Mal färbte der Staub sich gelb, und die Farben der Landschaft leuchteten auf, als hätte jemand einen Zauberstab über das öde Tal geschwungen.

Aus dem Dorf hörten sie lautes, schrilles Rufen. Die Schüsse von den Stellungen oben auf dem Berg hallten dumpf und kraftlos von der Bergwand vor ihnen wider.

2

Ann Berit Bongo tapezierte. Im Zimmer war es unglaublich warm, und sie setzte sich auf ihren einzigen Stuhl und zog den Wollpullover aus.

Wärme und Feuchtigkeit ließen das Wasser an den Fensterscheiben hinunterlaufen.

Sie betrachtete die abblätternde Farbe an den Fensterrahmen, den rostigen Kaminofen und die kaputte Steckdose. Die rotbraunen Fliesen des Filzteppichbodens hatten sich an den Ecken gelöst und wellten sich überall auf dem Boden. Vermutlich musste sie den ganzen Dreck herausreißen, oder aber versuchen, ihn wieder festzukleben. Sie stupste eine der Fliesen mit der Fußspitze an, aber sie schienen sich nur schwer zu lösen. Im Baumarkt wussten sie bestimmt, welchen Kleber man dafür nehmen konnte.

Die abgewetzten Möbel hatte sie zur Seite geräumt, um Platz zum Tapezieren zu haben. Sie hatte eine Spanplatte auf den Küchentisch gelegt, auf dem sie die Bahnen zuschnitt und den Kleister auftrug. Beim Anrühren hatte sie einen wohlbekannten Geruch wahrgenommen, aber es dauerte, bis sie darauf kam, dass er ihr vom Pappmachébasteln im Kindergarten vertraut sein musste.

Du lieber Gott, das war mehr als fünfundzwanzig Jahre her, und noch immer konnte sie sich an den Geruch erinnern! Damals hatten sie Zeitungspapier auf Luftballons gekleistert, es war trocken und warm gewesen, und genau wie jetzt war die Feuchtigkeit die Fensterscheiben heruntergelaufen.

Ann Berit ging in die Küche, wo sich die Umzugskartons stapelten. Nachdem sie ein paar von ihnen durchsucht hatte, fand sie eine Schnur, eine kleine Rolle Webgarn. Sie nahm an der Wand Maß, schnitt ab und band die Schere an einem Ende fest. Dann schob sie den Stuhl näher an das Fenster, stellte sich darauf und markierte mit dem Lot eine gerade Linie, an der sie mit der ersten Tapetenbahn beginnen konnte. Als sie ein paar Schritte zurücktrat und die lotrechte Linie an der Wand betrachtete, stellte sie fest, dass das Haus in sich schief sein musste.

Eine ehemalige Schulkameradin hatte ihr die Wohnung besorgt, die einmal zur Militäranlage gehört hatte. Als die Überwachungsstation in Kautokeino geschlossen wurde, waren die Häuser versteigert worden. Der Besitzer ihres Hauses war mit dem Militär nach Vardø weitergezogen, einer der wichtigsten Radarstationen der Nato.

Es bestand aus drei kleinen Wohnungen. Vermutlich neigten sich alle in dieselbe Richtung. Zur Tankstelle hinunter.

Ann Berit holte die erste Tapetenbahn, die vorgekleistert auf der Spanplatte lag. Wie war das noch mal? Sollte die Überlappungskante zum Fenster zeigen? Sie legte die Tapete auf die Platte zurück und setzte sich auf den Stuhl. Es war irgendwas mit der Sonne. Wenn die Kante zum Fenster zeigte, würde der Lichteinfall dafür sorgen, dass man die Überlappung nicht sah.

Sie schaute ins Licht, das draußen langsam verschwand, und erblickte ihr eigenes Spiegelbild. Die Feuchtigkeit auf der Fensterscheibe durchzog es mit senkrechten Linien.

Wenn die Überlappung in die andere Richtung wies, würde es einen Schattenrand geben, sobald die Sonne hereinschien. Aber was spielte das für eine Rolle? In einem Monat würde die Polarnacht einsetzen, und dann würde man die Sonne ohnehin erst im Januar wieder sehen.

Vielleicht würde sie nicht einmal lange genug hier wohnen, um Schattenränder an den Nähten zu entdecken. Sie trank einen Mundvoll von dem kalten Pulverkaffee und holte die Tapetenbahn, kleisterte sie an die Wand und strich mit dem Besen nach. Eigentlich hätte sie dazu einen Schwamm nehmen müssen.

Die gelbe Farbe ließ die düstere Wand gleich freundlicher erscheinen. Es würde hübsch aussehen, hell und sauber, was spielte es da für eine Rolle, in welche Richtung die Überlappungen zeigten? Ihr Vater war immer so pingelig gewesen. Das hatte sie von ihm geerbt.

Vom Fluss her kam Südwind auf. Das letzte Laub wirbelte durch die Luft, die Böen waren immer stärker geworden, während er vom Fjell herunterfuhr. Er war mehrere Tage oben gewesen, um das Scheidegehege zu reparieren.

Als er in die Siedlung hineinfuhr, hatte die Dämmerung bereits eingesetzt. Wenn sich dieser Wind über Nacht hielt, wäre der Birkenwald morgen kahl. Die Landschaft zog sich zusammen und bereitete sich auf den ersten Schnee vor. Vielleicht sollten sie mit dem Auftrieb noch so lange warten? Sie hatten zwar schon Bescheid bekommen, zu welcher Zeit die Amphibienfahrzeuge der Armee kommen würden, um die Rentiere über den Fjord zu bringen, aber oft spielte das Wetter nicht mit. Dann mussten sie warten und sie später doch noch mit dem LKW transportieren. Letztes Jahr waren die Herbststürme so stark gewesen, dass die Boote zum Beladen nicht am Kai anlegen konnten.

In der Wohnung, von der sie gesagt hatte, dass sie dort einziehen würde, leuchtete ein Fenster. Aslak Isak parkte neben einem verbeulten Toyota mit Osloer Kennzeichen. Er blieb eine Weile sitzen und zögerte, denn er hatte noch keine Idee, wie er diese Begegnung angehen sollte. Er versuchte auszurechnen, wie lange sie sich nicht gesehen hatten.

Beinahe vier Jahre. Er hatte sie zum Flughafen in Alta gefahren. Ihr mit dem Gepäck und beim Einchecken geholfen. Während der ganzen 130 Kilometer hatten sie kaum ein Wort gewechselt. Alles, was gesagt werden musste, war bereits am Abend vorher und in der Nacht gesagt worden.

Es war Anfang Mai gewesen, und als sie in die Kløfta fuhren, die Schlucht, in der die Finnmarksvidda in die Küstenlandschaft überging, hatte sie ihn gebeten, anzuhalten. Sie stieg aus und grub ein paar kleine Pflanzen aus, die bereits rosa Blüten bekommen hatten. Während er weiterfuhr, legte sie sie vorsichtig zusammen, umwickelte sie mit feuchtem Küchenpapier und steckte sie in eine Plastiktüte, die sie in der Jackentasche mitgebracht hatte.

Sie musste es geplant haben.

»Ich hätte nicht gedacht, dass es so kommen würde«, hatte sie gesagt und ihn pflichtschuldig umarmt, bevor sie durch die Sicherheitsschleuse gegangen war.

Er hatte ihr nicht hinterhergeschaut, hatte sich damit entschuldigt, dass er keinen Strafzettel bekommen wollte, und war gegangen. Und tatsächlich hatte die Politesse schon dagestanden und auf die Uhr geschaut, als er wiederkam. Beim Anblick von Aslak Isaks Tränen hatte sie den Strafzettel jedoch wieder zerrissen.

Seit diesem Tag hatte er jeglichen Gedanken an sie verdrängt. Jemand hatte ihm erzählt, dass sie die Polizeiausbildung abgeschlossen hatte und als Anwärterin in Kongsberg arbeitete. Es hatte ihn eigentlich nicht interessiert, dennoch tat es weh, das zu hören.

Er hatte sie kurz gesehen, als er aus Afghanistan wiederkam. Als sie die Auszeichnung bekamen. Sie war auf der Pressekonferenz dabei gewesen, in Uniform, als Teil der Fahnenparade, aber er war ihr ausgewichen. Sie hatten kein Wort miteinander gewechselt.

Die Polizeiuniform hing in einer durchsichtigen Tüte in der Diele, die Schirmmütze auf einer altmodischen Garnrolle aus Holz, die jemand an die Wand genagelt hatte. Er setzte sie auf und klopfte an die Tür. Sie stand auf einem Stuhl und versuchte, eine Tapetenbahn an die Wand zu kleben.

Auf einem Hocker in der Ecke stand eine Halogenlampe. Das Zimmer war in Licht gebadet, sie hatte einen Bleistift hinter das Ohr gesteckt, und eine ihrer Wollsocken hatte ein Loch.

»Ah, fasst du mal mit an?«

Er ging zu ihr, faltete die Tapetenbahn auseinander und versuchte sie an die andere Tapete anzupassen. Der Kleister wurde durch die Naht herausgedrückt, und er versuchte ihn mit der Hand wegzuwischen.

»Hast du keinen Schwamm?«

Sie warf ihm ein verkleistertes Handtuch zu, und er wischte die Naht und seine Hände ab, während sie versuchte, die Tapete mit dem Besen glatt zu streichen. Als sie vom Holzstuhl heruntersprang, schauten sie einander das erste Mal an. Sie lächelte breit und amüsierte sich über die Schirmmütze.

»Du hast dich verändert«, sagte sie, nahm ihm die Mütze ab und ging einmal um ihn herum.

Sie hatte sich auch verändert, vielleicht das Alter, sie wirkte erwachsener, aber er sagte nichts, sondern stand einfach da, während sie ihn gründlich musterte.

»Wird hübsch«, versuchte er mit einem Nicken in Richtung Tapete.

»Das will ich hoffen. Hilfst du mir mit der nächsten? Ich habe den Kleister schon aufgetragen.«

Sie ging zum Küchentisch, klappte die Tapete zusammen, drehte sich um und schaute Aslak Isak an, der sich auf den Stuhl gesetzt hatte und sich die Stiefel auszog.

Als er sich zu ihr umdrehte, entdeckte er ein schiefes Lächeln in ihrem Gesicht, als wäre sie sich nicht sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, ihn hierherzubestellen.

»Nils Mattis meinte, ich sollte mal bei dir vorbeischauen«, sagte er und stieg auf den Stuhl.

Sie reichte ihm die Tapete, und er versuchte, die Oberkante an die Deckenleiste anzupassen.

»Das muss nicht so genau sein, man kann es an der Leiste zurechtschneiden, wenn es getrocknet ist.«

Er glättete die Tapete und wischte den Kleister mit dem Handtuch ab. Trat einen Schritt zurück und betrachtete das Ergebnis.

»Mit dem Tapezieren ist es ähnlich wie mit dem Sex. Man macht es so selten, dass man zwischendurch vergisst, wie es richtig geht.«

Er kletterte vom Stuhl und warf einen kritischen Blick auf die Wand. Nahm den Besen und strich ein paar Blasen glatt.

»Vielleicht sollte man …«

»Ach, scheißegal, das verschwindet schon, wenn es trocknet. Möchtest du was trinken?«

Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern ging in den Windfang und holte zwei Dosen Bier.

»Weißt du, unten in Oslo habe ich das Mack-Bier wirklich vermisst. Vielleicht hätte man es irgendwo besorgen können, aber da wo ich war, war es einfach nicht zu bekommen. Ich habe immer von Mack-Bier und Möweneiern erzählt, aber sie haben mich nur angeguckt, als wäre ich nicht ganz dicht. Von gepökelten Robbenflossen und gekochten Rentierhufen zu reden habe ich mich gar nicht erst getraut. Möchtest du vielleicht ein Glas?«

Aslak Isak schüttelte den Kopf, trank aus der Dose und zog sich die Jacke aus. Ann Berit ging in die Küche und wühlte in einem der Umzugskartons. Kam mit einem Glas in der Hand zurück.

»Ich habe keine Ahnung, wo welche Sachen sind, wolltest du jetzt ein Glas?«

»Nein. Was wolltest du denn von mir? Nils Mattis hat gesagt, dass ich dir bei irgendwas helfen sollte. Da ging es doch nicht ums Tapezieren, oder?«

Ann Berit betrachtete das Glas, das sie in der Hand hielt, ging wieder in die Küche und stellte es in die Spüle.

»Es gibt da etwas, was ich dir zeigen möchte. Ich kenne hier sonst niemanden, dem ich trauen könnte. Aber als du reingekommen bist, hat sich plötzlich alles geändert. Ich war nicht darauf vorbereitet, was ich fühlen oder empfinden würde, und jetzt stehe ich hier und quassele und rede irgendwelches bedeutungsloses Zeug. Verdammt, Aslak Isak, so habe ich mir das nicht vorgestellt! Vielleicht war es doch keine so gute Idee, dich hier zu treffen. Vielleicht war es überhaupt nicht so schlau, ausgerechnet hierher zurückzukommen. Ich weiß es nicht, verdammt noch mal!«

Sie trank aus der Dose, hustete und kleckerte Bier auf ihr T-Shirt. Als sie sich mit dem Handtuch abwischte, beschmierte sie sich mit Tapetenkleister.

Aslak Isak setzte sich auf den Stuhl und spiegelte sich in dem dunklen Fenster, während Ann Berit sich in der Küche den Kleber abwusch. Er trank und spürte vorsichtig dem Gefühl der Leere nach, diese Unsicherheit, die ihm vertraut war, die er aber nicht mehr erlebt hatte, seit er aus Afghanistan zurückgekehrt war. Im Spiegelbild sah er sich selbst, in Jeans und Wollpullover gekleidet. Das schwarze Haar stand in alle Richtungen ab, und wenn er den Kopf nach links drehte, war die Narbe auf der Wange nicht zu sehen.

Ann Berit kam mit einem Teller zurück, auf dem eine geräucherte Forelle lag, in das Finnmark Dagblad vom Vortag gewickelt. Sie setzte sich auf den Boden, zog dem Fisch die Haut ab und zupfte das Fleisch von den Gräten.

»Wie war es in Afghanistan?«

»Ging so.«

»Hast du etwas Aufregendes erlebt?«

»Einiges.«

»Du hast einen Orden bekommen.«

Er antwortete nicht, sondern setzte sich auf den Boden. Probierte den Fisch. Sie zerlegte die ganze Forelle, leckte sich die Finger ab und wischte sie an der Zeitung trocken.

»Was hast du gemacht?«

»Quad gefahren.«

»Dieselben wie hier zu Hause?«

»Ja, außer dass sie sechs Räder hatten und ein bisschen moderner waren.«

Sie reichte ihm den Teller mit dem Fisch, und er aß mit den Fingern. Dann holte sie die Salzpackung, setzte sich neben ihn und schüttete etwas Salz auf den Teller. Die Bierdose fiel um, und sie hob sie wieder auf und legte die fettige Zeitung über die nasse Stelle auf dem abgewetzten Teppichboden.

»Ich wollte den Teppich rausnehmen. Glaubst du, das wird schwierig?«

Er tauchte ein Stück Fisch in das Salz und kaute nachdenklich. Dann packte er eine der Teppichfliesen an der Ecke und zog sie mit einem schnellen Ruck ab. Sie lachte, und er legte die Fliese zurück an ihren Platz. Stellte den Fischteller darauf ab.

»Hast du afghanische Mädchen kennengelernt?«

»Die waren alle gut verpackt. Man hat nicht mehr von ihnen gesehen als die Augen.«

»Haben sie kein Bordell im Feldlager? Von Soldatenpuffs hört man doch immer wieder.«

»Sag das nicht. Vielleicht hatten die Offiziere solche Privilegien?«

Sie tranken aus ihren Dosen und schauten sich verlegen in dem kahlen Zimmer um. Ann Berit stand auf und holte mehr Bier.

»Du wirst heiraten, hat Nils Mattis gesagt.«

»Nach der Herbstschlachtung.«

»Marit?«

»Richtig. Und du?«

Sie ging zum Fenster und versuchte hinauszuschauen. Ließ die Jalousien herunter, die auf halbem Weg stecken blieben. Sie versuchte sie wieder nach oben zu ziehen, aber es gelang nicht. Am anderen Fenster hing die Jalousie ebenfalls wie ein schlaffer Fächer herunter. Ann Berit gab auf und drehte sich wieder zu Aslak Isak um.

»Ist dir aufgefallen, dass ich aufgehört habe zu rauchen?«

»Ich bin gerade erst gekommen, und wir haben uns seit vier Jahren nicht gesehen.«

»Ich sage das nur, weil das genau so eine Situation ist, in der ich mir am liebsten eine Zigarette anzünden würde.«

Aslak Isak stand auf und stellte den Teller in die Küche. An der Spanplatte blieb er stehen und rollte ein Stück von der Tapete ab.

»Willst du heute noch mehr tapezieren?«

»Scheiß auf die Tapeten, ich versuche mit dir zu reden.«

Er holte noch ein Bier und setzte sich auf den Fußboden. Sie verließ das Fenster, kniete sich vor ihm hin, nahm ihm die Bierdose aus der Hand und trank. Er hatte es immer als Intimität erlebt, wenn man aus demselben Glas trank, von demselben Teller aß, oder auch aus derselben Bierdose trank. Sie legte ihre Hände an seine Wangen und beugte sich zu ihm. Legte den Kopf an seine Schulter.

»Tut mir leid, Issat. Ich bin nur so durcheinander. Kannst du das verstehen? Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob es richtig war, wieder hierherzukommen. Sie haben angerufen und gefragt, ob ich einen Job bei der Rentierpolizei haben will. Und gerade in dem Moment, als sie anriefen, wollte ich einfach nur weg, und da habe ich ja gesagt, ohne mir Gedanken darüber zu machen, was es für Konsequenzen haben würde. Und jetzt bin ich hier mit meinen blöden Tapeten und der chemisch gereinigten Polizeiuniform … und mit dir. Es hätte etwas werden können, mit uns beiden. Einmal waren es doch wir zwei.«

Sie fing an zu weinen, und er spürte, wie die Tränen seinen Hals hinunterliefen. Sie küsste ihn auf das Ohr, und sie roch nach Bier, Tapetenkleister und geräuchertem Fisch. Vorsichtig biss sie in den Ring in seinem Ohrläppchen.

»Seit wann hast du diesen … Ring?«

Sie drehte seinen Kopf in ihre Richtung.

»Dort drüben … jemand hat erzählt, die Seeleute hätten früher einen Goldring im Ohr getragen. Er sollte ihre Bestattung bezahlen, wenn sie ins Meer fielen und ertranken.«

»Wenn du also erschossen worden wärst …«

»Dann hätte ihn wohl jemand geklaut. Die Taliban begraben keine christlichen Seelen.«

Er lächelte ironisch.

»War es schlimm?«

»Eigentlich nicht. Irgendwie war es, als wären wir gar nicht richtig dort. Wir hatten ja unser eigenes Leben mit dabei, und das lebten wir parallel zu den Leuten, die wir schützen oder unterstützen sollten – oder warum auch immer wir dort waren.«

Ann Berit stand auf und ging zu der frisch tapezierten Wand.

»Es gibt, wie gesagt, etwas, was ich dir zeigen wollte. Hier, in der Ecke. Ich werde einen Schreibtisch davorstellen. Einen alten Schreibtisch mit einer Art aufgemaltem Rosenmotiv an der Tür, den ich von meiner Großmutter geerbt habe. Falls mir etwas zustoßen sollte. Irgendetwas, was dir seltsam vorkommt.«

Sie fuhr mit den Fingern über die Tapete, nahm den Bleistift hinter dem Ohr hervor und zeichnete ein kleines Kreuz. Dann stand sie auf und ging noch mehr Bier holen. Schloss die Tür und schaltete die Arbeitslampe aus. Ging zu Aslak Isak zurück, der auf dem Boden saß und sich mit dem Rücken an die Wand lehnte.

»Dann findet sich eine Erklärung dort hinter der Tapete. Es sind nur ein paar Blätter in einer Klarsichthülle. Wenn du gesehen hast, was es ist, dann entscheidest du, was du damit machst.«

Sie zog die Jogginghosen aus und stellte sich vor ihm auf die Knie. Zog ihm den Pullover und das T-Shirt aus und knöpfte ihr Flanellhemd auf. Die rechte Brustwarze war mit einem blanken Metallstab gepierct. Sie hielt ihm die Brust entgegen.

»Ja, das hat verdammt wehgetan. Alle fragen danach. Und ja, es ist Titan. Das hat zumindest derjenige gesagt, der es dort befestigt hat. Man kann es ja nicht kontrollieren. Vielleicht ist es auch nur Nickel.«

Er küsste ihre Brust. Biss vorsichtig in das Titanstäbchen, das vielleicht nur aus Nickel war. Vor dem Fenster hatte der Wind erneut zugenommen. Der Birkenwald würde sich in schwarze, sich spreizende Zweige verwandeln, Krähenbeeren und Flechten ihre Farbe verlieren. Die Natur bereitete sich auf Frost und Schnee vor.

»Mir kommt es eher wie Titan vor.«

Sie lachte leise, während sie ihm die Jeans abstreifte und sich auf dem nassen Filzteppichboden auf ihn legte.

»Das ist so typisch für dich, Issat. Ich frage dich, ob es schwierig ist, den Teppich abzubekommen, und du bückst dich einfach und reißt ein Stück herunter. Genau so habe ich dich in Erinnerung.«

3

»Ja, was sagst du?«

Oberstaatsanwalt Yngve Ylitalo schaltete den Computer aus und klappte ihn zusammen. Er sah Anna Magnusson an, die sich noch einen Kaffee einschenkte und nach den selbstgebackenen Zimtschnecken griff.

Yngve sah noch genauso aus wie damals, als sie ihr erstes Praktikum beim Amtsgericht in Gällivare angetreten hatte. Er trug sogar immer noch dieselbe Kleidung: einen dunkelgrauen Anzug mit aufgeschlagenen Hosen und einen handgewebten Schlips aus pflanzenfarbenem Garn. Haare in den Ohren und die Brille in die Stirn geschoben. Vielleicht sah er ein bisschen abgearbeiteter aus. Ein bisschen magerer. Aber das kam vermutlich davon, dass er wieder für einen dieser Marathonläufe trainierte. Er hatte ihr Bilder vom Londoner, aber auch vom New York Marathon gezeigt.

»Tja, was soll ich sagen? Es ist so tragisch, dass mir fast die Tränen kommen.«

»Du stehst ja mittlerweile vollkommen auf der Seite der Lappen. Ich habe gehört, dass du in Norwegen sogar schon ein eigenes Brandzeichen hast.«

»Ich habe die Weiderechte meiner Mutter übernommen und das Zeichen meines Großvaters geerbt.«

»Heute sollte man wohl nicht mehr ›Lappen‹ sagen. Aber ich bin damit aufgewachsen. Zu Hause im Dorf gab es uns und die Lappen. Ich weiß nicht, ob wir dadurch schon Rassisten waren, aber wir hatten bestimmte Vorstellungen darüber, wie sie waren und was von ihnen zu erwarten war.«

Er erhob sich aus seinem Bürostuhl, klopfte mit dem Zeigefinger auf den Computer und ging zu der abgewetzten Sitzgruppe hinüber, wo er sich Anna gegenübersetzte.

»Hättest du Anklage erhoben?«

»Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt? Nötigung? Sie sind von einer Gruppe Polizisten weggetragen worden, die sich so sehr dafür schämten, dass sie gar nicht wussten, wohin mit sich. Unter dem Befehl eines Einsatzleiters, der aussah, als wäre er am liebsten ganz woanders.«

»Sie haben die Straße mit Brettern und Baumstämmen verbarrikadiert, Feuer auf der Fahrbahn entzündet und sich geweigert, den Platz zu räumen, als die Polizei sie dazu aufgefordert hat.«

»Was würde man mit einer Anklage erreichen? Ein paar Tagessätze, mehr nicht. Diese Jugendlichen haben doch gar kein eigenes Einkommen.«

»Die Leute unten in Jokkmokk sind sauer. Sie finden, dass sie sich dem Fortschritt und neuen Arbeitsplätzen in den Weg stellen.«

»Das sind doch nur ein paar Jugendliche.«

»Ein zusätzlicher Grund, weshalb sich die Leute aufregen. Da kommen ein paar verwöhnte Schnösel aus Südschweden, die keinen blassen Schimmer haben, wie es hier aussieht, und sabotieren den Ausbau von Arbeitsplätzen. Mischen sich in Dinge ein, von denen sie nichts verstehen.«

»Ich habe gehört, dass der Regierungspräsident hier vorbeigeschaut hat. Vielleicht, um dir gute Ratschläge zu erteilen?«

»Ich glaube nicht, dass er da ganz im Bilde ist. Er ist ja ziemlich neu im Amt. Wurde wohl aus parteipolitischen Gründen nach Norrbotten geschickt. Bestimmt ist er in irgendein Fettnäpfchen getreten, als sie Juholt absetzen und einen neuen Parteivorsitzenden wählen wollten.«

»Was hat er denn gesagt?«

»Money talks lautete in etwa die Botschaft. Vielleicht hat er gewisse Schwierigkeiten mit der Sprache. Kommst du noch mit zu uns zum Abendessen? Elsie wollte Frikadellen machen.«

Anna ließ ihr Auto auf dem Parkplatz des Amtsgerichts stehen, und im leichten Nieselregen wanderten sie durch das Zentrum von Gällivare, während sich die Straßenbeleuchtung einschaltete. Etliche Autos, die auf der Straße vorbeifuhren, hatten bereits Spikereifen aufgezogen, und Anna fragte sich, ob am nächsten Tag vielleicht schon Eis auf der Strecke nach Kautokeino liegen würde. Ihre Winterreifen lagen im Holzschuppen ihrer Großeltern. Vielleicht sollte sie aus ihrem jährlich wiederkehrenden Vorsatz endlich Ernst machen und selbst einmal die Reifen wechseln. Um nicht hilflos dazustehen, wenn sie auf irgendeiner abgelegenen Fjellpiste einen Platten bekam. Oder einfach nur als eine Art Beweis dafür, dass sie dazu in der Lage war.

Als sie an der Tankstelle vorbeikamen, ging Yngve hinein, um sich die Abendzeitung zu kaufen. Anna wartete draußen.

Ein alter Mann, der aus dem Kiosk kam, grüßte sie, aber sie erkannte ihn nicht. Sie versuchte sich auszurechnen, wie viel Zeit vergangen war, seit sie als Referendarin hierhergekommen war. Es mussten mehr als zehn Jahre sein. Beinahe fünfzehn. Als ihre Mutter noch lebte.

Yngve wohnte noch im selben Haus, und Elsie freute sich aufrichtig, dass Anna zu Besuch kam. In den Jahren, die sie hier oben gearbeitet hatte, war sie etliche Male zum Abendessen bei ihnen gewesen. Alles war sich gleich geblieben. Beinahe.

Die Kücheneinrichtung war ausgetauscht worden. Elsie war skeptisch gewesen, als Yngve vorgeschlagen hatte, die Küche zu renovieren.

»Das weiß doch jeder, dass so etwas nur der Anfang ist. Erst baut man die Küche um, dann kauft man sich ein neues Sofa, danach einen Hund, und dann kommt die Scheidung. Woraufhin sich die Frau die Haare abschneiden und Strähnchen machen lässt, in Hotels geht und mit anderen Männern flirtet, während der Mann sich teureren Whisky kauft und einen neuen, größeren Schneescooter zulegt.«

»Bislang sind wir nur bis Punkt eins gekommen«, sagte Yngve, der mit einer Flasche Wein die Kellertreppe hinaufkam.

Elsie, die als Wirtschaftsprüferin arbeitete, war eine ausgezeichnete Köchin. Gemütlich aßen sie am Küchentisch zu Abend, und Anna erzählte ein wenig von ihrem neuen Leben. Wie es war, als teilzeitbeschäftigte Staatsanwältin in Härnösand zu arbeiten und gleichzeitig als Rentiersamin auf der norwegischen Seite der Grenze. Wie sie allmählich die Rolle ihrer Mutter in der Familie und dem Weidedistrikt übernommen hatte.

»Habt ihr in Norwegen dieselben Probleme mit der Ausbeutung der Bodenschätze?«

»Ja, es ist wohl ungefähr dasselbe. Ausländische Konzerne, die ihre Ansprüche auf Vorkommen anmelden, ohne Rücksicht auf die Natur oder die Rentierwirtschaft zu nehmen. In Kautokeino haben wir eine schwedische Firma, die das stillgelegte Goldbergwerk wiedereröffnen möchte. Aber die Gemeinde weigert sich noch.«

»Ich habe schon versucht, es Yngve zu erklären«, sagte Elsie, während sie den Kaffeekäse in dem neuen Heißluftherd aufwärmte. »Das sind doch alles Halsabschneider. Vor ein paar Jahren erst sind sie durch alle Landgemeinden gefahren und wollten Telefonmarketingfirmen gründen. Dadurch sollten angeblich mehrere hundert neue Arbeitsplätze entstehen, wenn sie nur kostenlose Immobilien und Subventionen vom Staat bekamen. Sobald die Mittel ausgezahlt waren, meldete das Unternehmen jedoch Konkurs an und wurde dicht gemacht. Und das Geld verschwand zusammen mit den Arbeitsplätzen.«

»Ja, aber wenn es um den Bergbau geht, ist es ja noch ein bisschen anders«, versuchte Yngve einzuwenden. Aber er wurde kurzerhand in den Keller geschickt, um Moltebeeren aus der Gefriertruhe zu holen.

»Diese ausländischen Bergbaukonzerne sind doch ganz genauso. Sie gründen ein Prospektionsunternehmen, bestellen sich die Rohstoffkarten vom Staatlichen Geologischen Institut und kaufen sich einen Journalisten bei irgendeinem Wirtschaftsblatt, der einen großartigen Artikel über sie verfasst. Dann machen sie ein paar Probebohrungen. Das Lokalfernsehen fährt hin und dreht eine Reportage, filmt den Bohrturm, das Lokalradio interviewt den Bürgermeister und den Chef der Arbeitsagentur. Das Unternehmen erstellt einen Wertpapierprospekt und verkauft Aktien an Kleinanleger und lokale Banken. Risikokapitalisten und Pensionsfonds fassen so etwas nicht mit der Kneifzange an. Wenn das Ganze dann zusammenbricht, bleiben die Gemeinden auf der Umweltzerstörung, dem Gift und den Schwermetallen aus dem Anreicherungswerk sitzen. Und diese Gangster beschützt du mit deinen Gesetzen und deiner Polizei.«

Yngve, der die Moltebeeren in der Mikrowelle aufgetaut und auf den Kaffeekäse gelegt hatte, warf Anna einen schelmischen Blick zu.

»Da hörst du, was ich ertragen muss, und das nicht nur auf der Arbeit, zu Hause ist es noch schlimmer. Sollen wir den Kaffee im Wohnzimmer trinken?«

»Vielleicht möchte Anna ja das neue Sofa ausprobieren?«, konterte Elsie und bedachte Yngve mit einem ironischen Lächeln.

Aber es gab kein neues Sofa, sondern immer noch die alten, abgesessenen Carl-Malmsten-Möbel, denselben alten Bauernschrank, den Yngve schon zu seiner Studienzeit geerbt und anschließend durch seine gesamte Juristenlaufbahn mitgeschleppt hatte. Er führte stets diesen Schrank als Grund an, wenn man ihn fragte, warum er sich nie für höhere Weihen beworben hatte. Niemals würde er eine Umzugsfirma finden, die bereit wäre, diesen aus dem Haus zu tragen.

Der Kaffeekäse knirschte herrlich zwischen den Zähnen, und die Beeren waren nicht zu sehr gesüßt. Anna fühlte sich warm und glücklich. In gewisser Hinsicht waren Yngves und Elsies Humor und ihre Freundlichkeit für Anna zu einem Modell dafür geworden, wie eine Ehe sowohl gemeinsam als auch individuell geführt werden konnte. Eine Lebensform, die sie selbst nie erlebt hatte.

Vielleicht hatte es das in ihrer Kindheit ja auch einmal gegeben? Aber ihre Mutter war in der Stadtlandschaft so verloren und unsicher gewesen, dass sie sich mit dem zerstreuten Humor und dem freundlichen Desinteresse des Vaters nie richtig abfinden konnte.

Ihre Mutter, die nie darüber hinweggekommen war, dass sie ihre Familie verlassen hatte. Dass sie von ihrem vorbestimmten Platz in der Sippengemeinschaft aufgebrochen war, als Protest gegen all das, was sie als Unfreiheit und Unterdrückung empfunden hatte.

»Das Samenparlament wird seine Herbstsitzung in Jokkmokk durchführen. Als Manifest gegen den Ausbau der Erzgruben«, sagte Anna.

»Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber im Grunde kann es doch nur gut sein, wenn sie eine Forderung haben, hinter der sie sich versammeln können, und wo sie sich einig sind, statt sich wie sonst immer gegenseitig mit Dreck zu bewerfen«, überlegte Yngve.

»Du hast aber doch nichts mit dem schwedischen Samenparlament zu tun?«, fragte Elsie.

»Überhaupt nicht, aber sie sind doch im Grunde genauso machtlos wie ihr norwegisches Gegenstück. Außer dass sie in Norwegen mehr Geld zur Verfügung haben, in einem schickeren Gebäude sitzen und eine größere Bürokratie aufbauen konnten. Aber wenn es um das Bergbaugesetz und den Grubenausbau geht, haben sie ebenfalls keinen wirklichen Einfluss«, erwiderte Anna.

»In Norwegen habt ihr den Vorteil, dass der Staat die ILO-Konvention unterzeichnet hat. Sie haben sich zwar nicht daran gehalten, aber sie haben damit den Begriff der indigenen Bevölkerung in ihr Rechtssystem eingeführt. Dir wird aufgefallen sein, dass in Schweden weder die Presse noch die Politiker oder die Gerichte einen solchen Ausdruck verwenden. Die Samen existieren in der schwedischen Debatte nicht als indigene Bevölkerung«, sagte Elsie.

Yngve ging zum Bücherregal und holte eine Mappe, die er auf dem Tisch aufschlug.

»Ich bin zu alt für solche Sachen. Aber es ist immerhin etwas, womit man sich am Abend noch ein bisschen beschäftigen kann. Ich habe versucht, Material zu sammeln, was die Rechtspraxis im Hinblick auf das Gewohnheitsrecht betrifft.«

»Er sollte es als Doktorarbeit vorlegen, aber er will nicht.«

Elsie schenkte mehr Kaffee ein.

»Vielleicht, wenn ich pensioniert bin. Aber ich habe eine kleine Zusammenfassung geschrieben, die ich dir geben wollte, Anna, wenn du mir versprichst, bald wiederzukommen und mir deine Kommentare dazu zu zeigen.«

»Vor allem geht es uns darum, dass du wiederkommst und mit uns zu Abend isst. Möchte jemand einen Cognac zum Kaffee?«

Elsie öffnete den Bauernschrank und suchte eine Flasche aus der ansehnlichen Sammlung heraus.

»Den hier habe ich zum sechzigsten Geburtstag bekommen. Oder sollen wir lieber den nehmen, den ich zum fünfzigsten bekommen habe?«

Als Anna auf dem Weg zum Hotel durch die Siedlung wanderte, hatte sich der Nieselregen in weiche Schneeflocken verwandelt. Ein einzelnes Auto voller Teenager kreuzte ihren Weg, das Bassgewummer des Radios vibrierte zwischen den Hauswänden, verschwand aber bald im stillen Schneefall.

Zwei einsame Wagen auf dem Taxenstand vor dem Bahnhof. Ein weinendes Mädchen und ihre tröstende Freundin vor einem Lokal.

Anna ging in ihr Zimmer hinauf und suchte den historischen Untersuchungsbericht zu dem Prozess heraus, der in einer Woche vor dem Amtsgericht in Tana verhandelt werden sollte. Sie nahm den Ordner und ging damit in die Hotelbar hinunter.

Nach einem Calvados verlor sie die Lust auf die Prozessakten und klappte den Ordner zu. Die Bar war beinahe leer. Ein paar junge Männer, die aussahen, als kämen sie vom Eishockeytraining, saßen an der Theke und tranken Bier. Ihre großen Taschen hatten sie an der Garderobe auf den Boden geworfen. Ein Vertreter trank einen Irish Coffee und ging die Bestellliste des Tages durch. Und an dem Couchtisch in der Ecke saß ein älteres Paar, vertieft in ein ruhiges Gespräch.

Vielleicht waren der freundliche Humor und der heitere Umgangston, den sie bei Yngve und Elsie erlebt hatte, der Grund dafür, dass sie sich jetzt einsam fühlte. Früher hatte sie nie darüber nachgedacht. Lag es daran, dass sie älter wurde? Erlebte sie die Einsamkeit, die früher eine Voraussetzung für die Freiheit war, mittlerweile auf ganz andere Weise?

War es die berufliche Verantwortung, die sie dazu brachte, ihr Leben mit einem größeren Ernst zu betrachten? Manchmal kam es ihr vor, als lebte sie gleichzeitig in zwei verschiedenen Welten. Das ständige Pendeln zwischen der Alltagskriminalität bei den Amtsgerichtsverhandlungen in Härnösand und der ständigen Sorge über Wind und Wetter auf dem Fjell oben in der Finnmark. In mancher Verhandlungspause eilte sie hinaus und schaute sich den norwegischen Wetterbericht an, um zu sehen, wie kalt oder regnerisch es auf der Finnmarksvidda war.

Eines Tages würde sie sich entscheiden müssen. Aber so weit war sie noch nicht. Im Augenblick brauchte sie beide Welten, um ihre Bewegungsfreiheit zu bewahren. Oder vielleicht brauchte sie sie auch nur, um überhaupt eine Art von Freiheit zu empfinden? Um zu spüren, dass sie nicht fest in ein System eingebunden war, wo alles seine selbstverständlichen Voraussetzungen und Konsequenzen hatte.

Ihre Mutter hatte mit einem Leben gebrochen, das von dem Tag ihrer Geburt an in festgelegten Bahnen verlief. Sie war weggegangen, hatte studiert und wurde für den Rest ihres Lebens von einem schlechten Gewissen geplagt.

Anna winkte dem Mann hinter dem Tresen zu und zeigte auf ihr Glas. Er nahm die Calvadosflasche, kam zu ihr herüber und schenkte nach. Dann setzte er sich auf den Stuhl gegenüber.

»Sind Sie auf dem Weg nach oben oder nach unten?«

»Nach oben.«

»Auf den Straßen hinter der finnischen Grenze sollen gerade viele Rentiere unterwegs sein. Sie sollten es ruhig angehen lassen.«

»Deshalb fahre ich erst morgen, wenn es hell ist.«

»Haben Sie mit dem Verfahren gegen die Demonstranten in Jokkmokk zu tun?«

Er klopfte auf den Ordner, den Anna auf dem Tisch abgelegt hatte. Einer der Eishockeyspieler rief nach ihm und wollte ein neues Glas.

»Nein, gar nichts. Das hier ist ein ganz anderer Fall.«

Er ließ die Flasche auf dem Tisch stehen und ging zum Tresen zurück, um mehr Bier zu zapfen. Dann kam er mit einem Glas in der Hand zurück und schenkte sich selbst ein.

»Skål. Wissen Sie, als diese Jugendlichen angefangen haben zu demonstrieren, da bin ich richtig sauer geworden. Was zum Teufel bilden sich diese Oberklassenschnösel eigentlich ein? Sollen sie mit ihren Plakaten doch unten in Stockholm bleiben. Sich mit diesen reichen Schnepfen aus Östermalm zusammentun, die die Wölfe ja so unheimlich liiieb haben. Verstehen Sie, was ich meine?«

Anna nickte und hob ihr Glas. Sie tranken, und er schaute sich im Lokal um. Der Vertreter mit seiner klebrigen Irish-Coffee-Tasse rief nach ihm, und er ging und machte ihm die Rechnung.

Als er wiederkam, hatte er das Kartenlesegerät dabei.

»Wollen Sie, dass ich jetzt gleich bezahle?«

»Nein, nein. Wissen Sie, mein alter Herr, der kommt aus dem Samendorf Tourpo. Das sind alles so verdammte Starrköpfe dort. Mein alter Herr ist genauso. Ich habe darüber nachgedacht. Bei sich zu Hause haben sie eine große Klappe, aber wenn irgendein hohes Tier vorbeikommt und Fragen stellt, dann rinnt es förmlich von ihnen ab. Das wars dann mit der Starrköpfigkeit.«

Er schenkte nach. Die Eishockeyspieler verabschiedeten sich, nahmen ihre Taschen und verschwanden.

»Das kann aber auch wirklich schwierig sein, wenn man nicht gewohnt ist, mit jemandem zu sprechen, der Profi in solchen Dingen ist. Da fühlt man sich plötzlich unterlegen und glaubt, dass man nicht die Ausbildung dafür hat oder die Sprachfertigkeit. Dass man sich nicht ausdrücken kann.«

»Aber dann mein Vater. Nachdem die Polizei kam und diese Jugendlichen ein bisschen durch die Gegend zerrte, also diese knallharten Polizisten mit den tief in die Stirn gezogenen Schiffchen, Pistolen, Messern, Spraydosen an den Gürteln und schweren Stiefeln. Irgendwie verlieren sie da den Faden, ihr Rollenmuster sind die Polizisten, die man aus den Fernsehserien kennt. Und dann müssen sie draußen in der Mückenhölle Leute wegschleppen, die laut vor sich hin joiken. Als mein Vater das in den Nachrichten gesehen hat, sagte er: ›Nee, was ist das denn für ein Mist. Sie haben doch recht, diese jungen Leute haben recht. Jetzt ist es verdammt noch mal genug.‹ Und Sie können sich ja vorstellen, wenn dieser alte Knabe so etwas sagt, dann ist es wirklich zu weit gegangen.«

Ein Mädchen mit Schnee auf der Mütze und auf der Jacke kam herein. Sie schüttelte die Handschuhe aus und rief nach dem Barkeeper, der die Flasche, das Glas und das Kartenlesegerät von Annas Tisch nahm.

»Das ist meine Freundin. Sie sorgt dafür, dass ich nach Hause komme, ohne mich im Schnee zu verlaufen.«

Anna hielt dem älteren Paar, das in der Ecke gesessen hatte, die Tür auf. Der Mann half seiner Frau in den Mantel, und lachend gingen sie hinaus.

Der junge Barkeeper machte die Kasse, während seine Freundin auf einem Barhocker saß und auf ihn wartete.

Anna hielt auf der Treppe kurz inne und schaute aus dem Fenster. Aus diesem Schnee würde nichts werden. Die Schneeflocken, die gegen die Scheibe wehten, hatten schon zu schmelzen begonnen. Die Straßen würden morgen frei sein. Sie fühlte sich ein bisschen einsam, als sie in das kahle Hotelzimmer kam. Jemand hatte einen Bonbon auf die Bettdecke gelegt. Vermutlich gehörte das zum Aufgabenspektrum des Reinigungspersonals.

4

Das neue Gewerbegebiet war für die Gemeinde Kautokeino ein Schlag ins Wasser gewesen. Nachdem sämtliche Anschlüsse für Abwasser, Wasser und Strom sowie Glasfaserkabel verlegt worden waren, man Straßen gebaut und Grundstücke für zukünftige Investoren zugeschnitten hatte, waren die Arbeiten zum Erliegen gekommen. Es gab einfach keine Investoren.

Stromleitungen und Glasfaserkabel lagen aufgerollt an den Grundstücksgrenzen. Der Schneepflug hatte die Kanaldeckel kaputtgefahren. Nachdem die Feuerwehr Einsatzübungen für Autobrände und Verkehrsunfälle durchgeführt hatte, waren die ausgedienten Fahrzeuge im Gebüsch abgestellt worden: ein ausrangiertes Militärfahrzeug, ein alter Bus und ein verschrotteter LKW. Ein Saab ohne Dach lag neben einer zerbrochenen Toilette im Graben.

Die einzigen richtigen Neuansiedlungen waren die Müllkippe und ein Sendemast für die lokale Radiostation. Das Unternehmen, das für die Entsorgung verantwortlich war, hatte ein provisorisches Lokal und eine Rampe für die Müllsortierung gebaut.

Und genau an dieser Rampe stand jetzt der stellvertretende Bürgermeister, Ole Mahte, mit seinem Anhänger. Seit mehreren Wochen schon hatte seine Frau ihm damit in den Ohren gelegen, dass der alte Teppichboden und die beiden kaputten Sessel, die seit zwei Jahren im Schuppen standen, endlich entsorgt werden mussten. Weil es Donnerstagnachmittag war und die Abfallverwertung für den Publikumsverkehr geöffnet hatte, hatte er den Anhänger beladen und war zur Kippe hinausgefahren.

Er setzte bis an den Container zurück und stieg aus.

Von dem, was anschließend geschah, gab es unterschiedliche Versionen. Wenn man sie miteinander abglich, konnte man folgenden Ereignisverlauf daraus ableiten:

Nils Mattis, der in dem kleinen beheizten Bürocontainer des Entsorgungsunternehmens saß und ein Bier trank, sah, wie Ole Mahte mit den ausgedienten Sesseln auf dem Anhänger vorbeifuhr.

Einigen Aussagen zufolge war Nils Mattis, der schon ziemlich betrunken war, auf die Müllsortierrampe hinausgeeilt, auf den Anhänger geklettert und hatte Ole Mahte als »verdammten Judas« beschimpft. Sie hatten einander angebrüllt, und der stellvertretende Bürgermeister hatte versucht, Nils Mattis vom Anhänger zu stoßen, was wiederum dazu geführt hatte, dass er selbst in den Container für Pappe und Kartons geflogen war.

Dort war er auch geblieben, weil es sich als unmöglich herausstellte, die glatten Wände des Containers hinaufzuklettern. Nils Mattis war daraufhin mit seinem Hund auf dem Quad davongefahren. Ole Mahte konnte nur hören, wie sich das Motorengeräusch über den Waldweg nach Ginálvarre hinauf entfernte.

Auf dem steinigen Waldweg hätte Nils Mattis beinahe Oberlehrer Mathisen von der Sekundarschule überfahren, der einen Schrittzähler dabeihatte, weil er an einem europäischen Projekt teilnahm, bei dem man im Laufe des ersten Schulhalbjahrs so viele Schritte wie möglich tun sollte.

Derselbe Lehrer hörte wenig später Hilferufe von der Müllkippe und wuchtete einen ausrangierten Fahrradständer vom Metall- in den Pappcontainer, sodass Ole Mahte herausklettern konnte.

Der Scootercross-Champion Leiv Roger, der eigentlich für den Betrieb der Anlage zuständig war, war damit beschäftigt gewesen, die Kolbenringe an seinem Wettkampfscooter auszutauschen, und hatte Ole Mahte nicht gehört.

Und just an diesem Punkt gingen die Aussagen auseinander. Als Aslak Isak sich die Ereignisse am Freitagabend im Maras, dem Pub unterhalb von Alfreds Café, erzählen ließ, war sein Gewährsmann vollkommen überzeugt, dass Leiv Roger die Rufe zwar gehört, aber auch ein gewisses Verständnis für Nils Mattis’ Einschätzung des stellvertretenden Bürgermeisters aufgebracht hatte.

Das war also die Version, die Aslak Isak serviert bekam, und die er seinerseits seiner Cousine Anna erzählte, als sie am darauffolgenden Tag von ihrem Job in Schweden nach Hause kam.

Anna stellte den Wagen auf dem asphaltierten Parkplatz vor dem neuen Hotel ab. Im Grunde war es gar nicht so neu. Es existierte bereits einige Jahre und hatte schon etliche Chefs kommen und gehen gesehen, die allerdings keine merkbaren Spuren hinterlassen hatten.

Das alte Hotel war abgebrannt. Auch zu diesem Ereignis gab es unterschiedliche Versionen. Die glaubwürdigste ging davon aus, dass ein Gast mit einer brennenden Zigarette in einem Bett im zweiten Stock eingeschlafen war. Die internationale Kette, die zu diesem Zeitpunkt das Hotel besaß, quittierte ihre Versicherungssumme aus und verabschiedete sich schnell Richtung Süden.

Nach einer Weile beschloss einer der Immobilienkönige des Landes, die Ruine abzureißen und ein neues Hotel zu bauen. In einer feierlichen Zeremonie versenkten er und der Präsident des Samenparlaments eine Kiste mit Erinnerungsurkunden und legten den Grundstein für den Neubau.

Zwanzig polnische Bauarbeiter und ein finnischer Polier bauten in Rekordzeit ein neues Hotel aus Beton über die Kiste. Einer der Einschaler hatte die Bauzeichnung vermutlich verkehrt herum gehalten. Das Restaurant, das vorher Panoramafenster zum Ort und zum Fluss besessen hatte, hatte im Neubau eine Aussicht auf die Tankstelle und einen Teil des Sporthallendachs erhalten.

Als der Immobilienkönig im Herbst über die Zeitungen hatte verkünden lassen, dass er bei der kommenden Wahl die Fortschrittspartei unterstützen würde, hatten ein paar Stammgäste, die üblicherweise in der Bar herumhingen, damit gedroht, das Etablissement zu boykottieren. Zumindest montags, dienstags und donnerstags. Vielleicht aber sogar auch sonntags?

Das neue Hotel hatte versucht, sich als Luxusunterkunft zu etablieren, mit allem, was dazugehörte. Hohe Preise, schlechter Service, und das Personal lief in einer hausgemachten Pseudotracht herum.

Eine dieser in ein seltsames Gewand gehüllten Angestellten führte Anna in den Speisesaal, der menschenleer war, abgesehen von Ole Mahte, der mit zwei anderen Herren an einem Tisch mit Aussicht auf die Tankstelle saß.

»Gut, dass du kommen konntest.«

Ole Mahte stand auf und bot ihr einen Stuhl an.

»Möchtest du etwas essen oder trinken?«

Anna wollte nur einen Kaffee und ein Glas Wasser, und Ole Mahte ging in die Küche, um die Getränke zu besorgen. Einer der Männer streckte die Hand über den Tisch, um Anna zu begrüßen.

»Bures, bures, so sagt man hier ja wohl, oder? Ich habe gehört, dass Sie Schwedin sind. Wohnen Sie hier oben?

Er hatte kurz geschorene Haare und trug einen ziemlich eleganten Anzug. Aber eben nur ziemlich. Keine Krawatte. Er hatte ein massiges Gesicht und war gut fünfzig Jahre alt. Der andere Anzugträger machte keine Anstalten, sie zu begrüßen, sondern nickte nur und blätterte weiter in einer Mappe voller farbiger Diagramme.

»Das hier ist unser Aufsichtsratsvorsitzender Gustaf Palmér, ich selbst heiße Bengt Åke Carlsson und bin der VD des Unternehmens, also der CEO, der »verkställande direktör« auf Schwedisch. Aber Sie sind ja Schwedin und wissen das. Manchmal ist das ein bisschen problematisch mit den Titeln in den verschiedenen Sprachen. Auf Englisch heißt VD ja etwas ganz anderes.«

Er lachte ein bisschen in sich hinein. Gustaf Palmér blickte von seinen Diagrammen auf und lächelte Anna entschuldigend zu.

»Sie sind also Anna Magnusson, nicht wahr? Soweit ich verstanden habe, sind Sie die Leiterin eines der Weidedistrikte, die von unserem Projekt betroffen sind.«

»Ja, das stimmt. Unsere Tiere paaren sich dort oben, und die Kälber werden dort geboren. Wir ziehen im Herbst und im Frühjahr durch das Gebiet.«

Ole Mahte kam mit Kaffee und Wasser auf einem Tablett aus der Küche. Gustaf Palmér sah von seinen Papieren auf, nahm die Brille ab und verstaute sie sorgfältig in einem Futteral, das aus Horn geschnitzt zu sein schien und ein zierliches, eingebranntes Muster besaß.

»Als Leiterin eines Rentierweidedistrikts, welche Ausbildung muss man da eigentlich haben? Diplom-Landwirtin?«

Anna goss Milch in den Kaffee und rührte um. Es bildeten sich kleine gelbe Klumpen, als die saure Milch gerann.

»Juristin. Ich bin Volljuristin in Schweden, habe aber die Genehmigung, in Norwegen als Nebenklagevertreterin zu arbeiten. Im Augenblick arbeite ich in Teilzeit als Staatsanwältin am Amtsgericht in Härnösand.«

Gustaf Palmér schaute seinen Direktor an. Anscheinend hatte er ihn nicht über Anna informiert.

»Ungewöhnliche Kombination. Staatsanwältin und Rentierzüchterin in einer Person. Wie sind Sie hier oben gelandet?«

»Durch meine Mutter. Ich versuche ihren Platz in der Familie einzunehmen.«

»Genau. Lassen Sie uns doch gleich bei der Familie bleiben …«

Der Direktor fühlte sich ein bisschen übergangen und wollte das Gespräch wieder an sich reißen. Er griff nach der Kaffeekanne und schenkte sich ebenfalls ein. Als er Milch nehmen wollte, zeigte ihm Anna ihre Tasse. Er nahm die Milchkanne und ging wieder in die Küche.

Gustaf Palmér fuhr dort fort, wo ihn der Direktor unterbrochen hatte.

»Soweit ich verstanden habe, hat eines Ihrer Familienmitglieder unseren Ole Mahte hier misshandelt. Am Donnerstagnachmittag, oben bei der Abfallverwertung.«

»Ich weiß nur das, was man mir erzählt hat. Als ich mit der Polizei gesprochen habe, sagte sie, dass niemand Anzeige erstattet habe. Und ohne Anzeige wird nicht ermittelt.«

Der Direktor kam mit frischer Milch und einer sauberen Tasse zurück. Er schenkte ihr ein, bevor er sich setzte.

»Was hat er als Grund für seinen Übergriff angegeben? Er heißt doch Nils Mattis, oder, ist er nicht Ihr Cousin oder so etwas?«

»Er ist mein Cousin, und ich habe ihn noch nicht wieder gesehen, seit ich zurück bin. Ich habe die ganze letzte Woche in Schweden gearbeitet.«

»Sie wissen also nicht, warum er Ole Mahte misshandelt hat?«

Anna schaute zum stellvertretenden Bürgermeister hinüber, der verlegen den Blick senkte, sich auf dem Stuhl wand und zur Tankstelle hinausschaute, wo gerade jemand sein Altglas in den grünen Sammelcontainer warf.

»Das war doch gar nicht so …«

»Nein, aber wenn es so gewesen wäre, dann könnte ich mir den Grund dafür schon denken. Nils Mattis ist dagegen, dass Sie die Grube oben in Bidjovagge wieder in Betrieb nehmen, und in der Lokalzeitung hat Ole Mahte gesagt, dass er Ihr Unternehmen unterstützt. Dass er im Gemeinderat für Ihr Vorhaben stimmen wird. Und dass die neue blau-blaue Regierungskoalition zwischen Konservativen und Fortschrittspartei Ihnen versprochen hat, dass die Gemeinde das Bergbauvorhaben nicht mehr stoppen kann, weil der Zugang zu Rohstoffen als nationales Interesse gewertet wird.«

»Nun geht es bei der Abstimmung im Gemeinderat ja zunächst lediglich darum, ob ein Gutachten in Auftrag gegeben wird, das die Auswirkungen einer Wiederaufnahme des Bergbaubetriebs auf die Gemeinde und die Umwelt untersucht«, wandte Bengt Åke Carlsson ein.

»Wenn man so ein Gutachten erst einmal hat, dann braucht man nur noch ein paar Formalitäten zu erledigen, bevor man loslegen kann, das weiß hier doch jeder.«

»Die Experten könnten von einem Bergbaubetrieb auch abraten.«

»Die Experten werden zu dem Ergebnis kommen, für das sie bezahlt worden sind.«

Ein kurzer kräftiger Mann in einer dicken Daunenjacke kam in den Speisesaal, nahm die Fellmütze ab und legte sie neben die Tür. Verschwitzt und mit rotem Gesicht kam er an den Tisch, öffnete die Jacke und legte seine Kamera auf den Tisch. Er klopfte Anna auf die Schulter und setzte sich neben sie, nahm die Kaffeetasse mit der sauren Milch und stürzte sie hinunter, bevor ihn jemand warnen konnte.

»Ich bin heute oben gewesen. Wenn Sie neue Bilder für diesen Prospekt brauchen, von dem Sie gesprochen haben, dann können Sie sich gerne welche aussuchen, bevor Sie wieder fahren.«

Er aalte sich aus der Jacke und ließ sie zu Boden fallen, dann durchsuchte er die Speicherkarte der Kamera und reichte sie anschließend Palmér.

»Werden Sie nun Anzeige gegen Nils Mattis erstatten?«, fragte Anna und rückte ein wenig von dem Fotografen weg.

»Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee wäre. Ole Mahte meint, das könnte zu Missverständnissen führen«, antwortete Gustaf Palmér.

»Haben Sie sonst noch jemanden im Gemeinderat gekauft?«

Palmér hörte auf, in den Bildern zu blättern, und schaute Anna von oben herab an.

»Ich glaube nicht, dass wir uns auf ein solches Niveau hinabbegeben sollten. Wir kaufen keine Stimmen in den Gemeindeparlamenten, wir wollen lediglich darüber im Bilde bleiben, wie sich hier im Ort die Meinung über das Bergbauprojekt entwickelt. Es ist ja durchaus möglich, dass es andere Ansichten gibt als diejenigen, die von der Rentierwirtschaft vertreten werden.«

»Wobei diese natürlich am meisten betroffen ist.«

Palmér gab die Kamera dem Fotografen zurück, der sich den Schweiß von der Stirn wischte und mehr Kaffee in seine Tasse schenkte.

»Ich habe mir den Marktwert ein wenig näher angeschaut. Wissen Sie, dass die Rentierwirtschaft in diesem Land einen geringeren Anteil am Bruttoinlandsprodukt hat als die Putenzucht? Trotzdem bekommen die Putenzüchter nur einen Bruchteil der Subventionen, die den Rentierhaltern zukommen. Darüber hinaus erhalten sie keine Entschädigungen für Raubtierschäden, oder Steuerermäßigungen für Scooter und Quads, oder Alibiaufträge der Behörden zum Bau von Zäunen oder Koppeln. Wenn die neue Regierung sagt, dass sie auf die Wirtschaft setzen will, dann meint sie bestimmt nicht zuallererst die Rentierwirtschaft.«

Der Fotograf, der dem Vortrag nicht zugehört, sondern weiter in seinen Bildern geblättert hatte, reichte Gustaf Palmér erneut die Kamera.

»Das finde ich, ist gut gelungen. Ich kann noch ein bisschen am Kontrast drehen.«

Anna wandte sich an Ole Mahte, der seinerseits auf Bengt Åke Carlsson schaute, der in seinem Kalender blätterte.

»Du wirst keine Anzeige gegen Nils Mattis erstatten, oder?«

»Wahrscheinlich nicht. Aber ich habe einen Vorschlag für dich, Anna.«

Ole Mahte schaute zu Carlsson, der aufmunternd nickte. Der Fotograf, der sich über den Tisch beugte, um Gustaf Palmér noch ein paar Details auf seinem Bild zu zeigen, stieß die Kanne um, sodass Ole Mahte und der Direktor aufspringen mussten, um keinen Kaffee auf die Hosen zu bekommen.

Verdutzt betrachtete der Fotograf das Durcheinander, das er verursacht hatte. Ole Mahte ging in die Küche, um einen Lappen zu holen, während Carlsson Anna ein Zeichen gab, dass sie mitkommen solle, und gemeinsam setzten sie sich an einen Tisch weiter hinten im Restaurant.

»Ich möchte, dass wir für alle Parteien eine gute Lösung finden, Anna. Ich komme in vierzehn Tagen zurück. Dann werde ich mit dem neuen Wirtschaftsminister gesprochen haben. Vielleicht wird er mich hierherbegleiten. Er konnte mir nichts versprechen. Darüber hinaus werde ich einen guten Freund dabeihaben, der im schwedischen Wirtschaftsministerium arbeitet. Wir sind früher auf dieselbe Schule gegangen. Er weiß eine Menge über den modernen Bergbau. Sie wollen bestimmt wissen, welche Methoden wir anwenden. Welche Art der Anreicherung wir geplant haben. Wenn wir Sie zum Mittagessen einladen dürften, dann könnten wir Ihnen erklären, was wir uns vorgestellt haben.«

Als Anna zu ihrem Wagen ging, hatte sie das ungute Gefühl, an der Nase herumgeführt worden zu sein, obwohl sie sich eine Hintertür offengehalten und gesagt hatte, dass sie an dem betreffenden Wochenende vielleicht gar nicht da wäre. Dass sie vermutlich mit dem Herbstauftrieb beschäftigt sein würde. Vielleicht war es auch dasselbe Wochenende wie Aslak Isaks Hochzeit? Der Direktor würde ein paar Tage vorher anrufen. Es spiele keine große Rolle, ob sie gegen das Bergwerk sei, aber gerade wohlartikulierte Gegner wie sie seien es, mit denen man diskutieren wolle, sagte er.

Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie auf Schmeicheleien und freundliche persönliche Ansprache hereingefallen war, all diese Dinge, die sie schon vor so langer Zeit durchschaut hatte. Klar, sie hatte nichts versprochen, aber gleichzeitig fühlte es sich so schmutzig an, als hätte man mit einer bestimmten Art von Verbrechern gesprochen. Psychopathen, denen man niemals hinter die Fassade schauen und deren Verhalten man unmöglich ändern konnte. Verdammt noch mal, dass sie immer noch auf so etwas hereinfiel!

Auf der Motorhaube lag ein abgezogener Rentierkopf, am Hals abgeschnitten und ohne Unterkiefer. Sie sah ihn erst, als sie sich in den Wagen setzen wollte. Die weißen Augäpfel in dem roten Fleisch sahen grotesk aus. Jemand hatte den Kopf auf das Auto geworfen, und das Blut war bis auf die Windschutzscheibe gespritzt und die Kotflügel hinuntergelaufen. Das Blut war frisch und noch nicht geronnen. Die weiße Zahnleiste sah aus wie ein verzerrtes, höhnisches Grinsen. Der Schädel war sorgfältig gehäutet worden, so wie man die Haut für Fellschuhe abzieht. Ein scharfer, sauberer Schnitt, der die weiche Lippe am Oberkiefer ließ.

Es war nicht das erste Mal. Während des vergangenen Sommers war ihr Auto zwei Mal Ziel von Sabotageanschlägen gewesen. Einmal hatte jemand die Reifen zerschnitten. Und einen Monat zuvor hatte jemand mit Teer »Hure« auf die Tür geschrieben.

Anna warf den Kopf in den Mülleimer des Hotels und wischte das Blut mit den Feuchttüchern ab, die sie im Wagen liegen hatte. Schon im Sommer hatte sie sich darüber Gedanken gemacht, wer einen Grund haben könnte, ihr Angst einzujagen, aber sie war auf niemanden gekommen. In den vergangenen Jahren hatte sie mit den Nachbarn Absprachen über die Winterweide getroffen, und dabei hatte man sich das eine oder andere Mal natürlich auch gezankt und lautstark gestritten. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich irgendjemand ausgerechnet gegen sie wenden würde. Sie war schließlich nur eine Repräsentantin der Familie und der siida, der Produktionsgemeinschaft der Familie. Es war lästig, und manchmal kam es vor, dass sie abends zweimal kontrollierte, ob die Tür wirklich abgeschlossen war, bevor sie ins Bett ging. Das war vorher nie nötig gewesen, sie war es gewohnt, die Tür unverschlossen zu lassen, Tag und Nacht.

Das Blut war in die Spalte neben dem Kotflügel gelaufen, und sie musste die Motorhaube öffnen, um es ganz wegwischen zu können.

Als sie den Wagen anließ und auf den Bidjovaggevägen hinausfuhr, klingelte ihr Handy. Es war Aslak Isak. Er stand oben auf dem Fjell, und der Wind schnarrte in sein Telefon, aber Anna konnte genug hören, um zu verstehen, dass ihr Großvater gestorben war.

5

Eine Religionsdebatte war in der vergangenen Woche in der Gemeinde aufgeflammt. Sie spielte sich vor den Postfächern ab, vor dem Eingang zu Rema und zu Coop, aber vor allem in den sozialen Medien. Selbst Gemeindemitglieder, die seit der Konfirmation keinen Fuß mehr in die Kirche gesetzt hatten, hatten sich eine Meinung gebildet und trugen sie überall zu Markte, wo es möglich war.

Es kam dabei darauf an, sich und seine Überzeugungen im sozialen Zusammenspiel zu profilieren. Der Anlass war vielleicht nicht besonders dramatisch, aber die Debatte berührte eine komplizierte historische und religiöse Fragestellung, die die Gemeinde spaltete und die meisten zwang, Stellung zu beziehen.

Durfte man Joik in Gottes Haus zulassen?

Ein Trompeter auf Konzertreise war in der Kirche aufgetreten. Veranstalter war zwar das Hotel, aber weil sie aus unerfindlichen Gründen gerade das Gebläse der Ventilationsanlage in ihrem Konferenzraum installieren mussten, hatten sie sich entschieden, den Künstler in der Kirche auftreten zu lassen.

Die Besucher des Konzertes konnten hinterher bezeugen, dass es sich um eine würdevolle Veranstaltung gehandelt hatte. Der Trompeter hatte fast durchgehend ein hohes künstlerisches Niveau gehalten, bis auf eine Ausnahme.

Bei der Aufführung einer eigenen musikalischen Komposition, die die Finnmarksvidda zum Gegenstand hatte, hatte er einen kurzen Joik vorgeführt. Das hätte man als Lappalie abtun können, aber für jeden, der die Religion ernst nahm, war es eine in höchstem Grade erschütternde Erfahrung. Der Keil wurde mitten durch die Gemeinde getrieben.

In Annas Familie verlief der Spalt zwischen Großvater und Großmutter. Und zwar genau andersherum, als die Familie erwartet hatte. Die Großmutter fand, dass es nicht so schlimm sei, während der Großvater strikt dagegen war, dass in der Kirche gejoikt wurde.

Ausschlaggebend für ihre Überzeugungen waren ihr jeweiliger Gottesbegriff und die Frage, ob genug Fisch im Fluss war.

Während der Gott der Großmutter seinen Platz in der Kirche hatte und seine Macht auf der Unversöhnlichkeit des Alten Testaments beruhte, war der Gott des Großvaters ein allumfassender Gott, der nichts für den bürokratischen Gott der gut bezahlten Priester, Katecheten und Beamten übrighatte. Er mochte es nicht, wenn die Kirche zu einer Art Büro wurde, in dem die Religion zu festen Zeiten angewandt wurde und man nicht direkt mit der Obrigkeit sprechen konnte, sondern auf Boten angewiesen war, die die Botschaft, die man überbringen wollte, erst einmal deuten und vermitteln mussten.

Wenn man sich für eine solche Ordnung entschieden hatte, dann mussten auch die Bücher ordentlich und korrekt geführt und die Regeln für die Gemeinde strikt eingehalten werden, die im Gemeindeblättchen und in den abgelutschten Floskeln aus dem Munde der Priesterschaft ja gerne als Schafherde dargestellt wurde.

Und wenn man dieses System einmal akzeptiert hatte, dann durfte in der Kirche auch nicht gejoikt werden. Und wenn ein umherreisender Konzertmusiker, ein Trompeter, sich in den geweihten Räumen mit einschmeichelnder Volkstümelei versuchte, dann war so etwas klar zu verurteilen. Den Bestimmungen der bürokratischen Religion musste schließlich gehorcht werden.

So in etwa ließ sich die Sicht des Großvaters zusammenfassen.

In seinem eigenen animistischen Weltbild war der Gottesbegriff weiter und umfasste einen unmittelbaren Kontakt zwischen dem Individuum und Gott. Man konnte mit ihm direkt und ohne Mittelsmänner sprechen. Außerdem war er kein weißbärtiger Patriarch, der die Gestalt oder den Kleidungsstil von Priestern, Bischöfen oder Päpsten übernommen hatte. Er war kein Gott, der missgünstig oder ungnädig durch die Wolken auf die sündigen Menschen herabblickte.

Großvaters Gott konnte genauso gut ein Stein oder ein seltsam gewachsener Baum sein. Und man konnte mit ihm sprechen, wie man mit ganz normalen Menschen sprach, oder mit Bäumen, oder eben mit Steinen.

Genau darum ging es bei Großmutters und Großvaters letztem Streit. Keiner konnte den anderen überzeugen.

Großvater, der sich am Ende des Winters müde und antriebslos gefühlt hatte, war für einige Monate zur Beobachtung ins Krankenhaus eingewiesen worden. Als das Eis auf dem Fluss verschwunden war, wollte er wieder nach Hause. Er war der Auffassung, dass es einfacher war, zu Hause zu sterben. Während seiner Zeit im Krankenhaus hatte er den Tod mehrerer Patienten miterleben müssen, und er hatte die Mehrarbeit gesehen, die dadurch auf das Personal zugekommen war.

Darüber hinaus war ständig der neue Pastor angerannt gekommen, hatte den Sterbenden die Hand gehalten und endlose Segen und Psalmenverse gesprochen.

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