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Mord am Münster

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Eins
  7. Zwei
  8. Drei
  9. Vier
  10. Fünf
  11. Sechs
  12. Sieben
  13. Acht
  14. Neun
  15. Zehn
  16. Elf
  17. Zwölf
  18. Dreizehn
  19. Vierzehn
  20. Fünfzehn
  21. Sechzehn
  22. Siebzehn
  23. Achtzehn
  24. Neunzehn
  25. Zwanzig
  26. Einundzwanzig
  27. Zweiundzwanzig
  28. Dreiundzwanzig
  29. Vierundzwanzig
  30. Fünfundzwanzig
  31. Sechsundzwanzig
  32. Siebenundzwanzig
  33. Achtundzwanzig
  34. Neunundzwanzig
  35. Dreißig
  36. Einunddreißig
  37. Zweiunddreißig
  38. Dreiunddreißig
  39. Vierunddreißig
  40. Fünfunddreißig
  41. Sechsunddreißig
  42. Siebenunddreißig
  43. Achtunddreißig
  44. Neununddreißig
  45. Vierzig
  46. Einundvierzig
  47. Zweiundvierzig
  48. Dreiundvierzig

Über dieses Buch

Miss Hartley und das Rätsel um den toten Ex-Freund

Band 1 der Reihe »Ein Yorkshire-Krimi«

Übersetzt von Barbara Röhl

Kitt kann es kaum glauben: Ihre beste Freundin soll ihren Ex-Freund getötet haben. Dabei kann Eevie doch keiner Fliege was zuleide tun. Zudem war sie zum Tatzeitpunkt bei Kitt. Wie kann es also sein, dass die Polizei sie dennoch verdächtigt? Die beiden Ermittler scheinen alles andere als von ihrer Unschuld überzeugt zu sein. Klar, dass Kitt ihrer Freundin zur Seite stehen und den wahren Täter überführen muss. Schließlich hat sie nicht umsonst zahlreiche Krimis gelesen …

Über die Autorin

Helen Cox wurde in Yorkshire geboren und studierte an der University of York St. John Kreatives Schreiben. Als Journalistin schrieb sie bereits sowohl für zahlreiche Magazine und Websites als auch für TV und Radio. Fünf Jahre lang gab sie ihr eigenes unabhängiges Film-Magazin heraus, und sie hat drei Sachbücher geschrieben. Inzwischen hat sie einen Podcast und arbeitet bei City Lit in London.

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Aus dem Englischen übersetzt von
Barbara Röhl

Eins

Kitt Hartleys linker Mundwinkel zuckte. Sie schloss die Augen und betete, wenn sie sie wieder aufschlug, würde ihre Assistentin Grace mit einer Tasse heißem Lady-Grey-Tee vor ihr stehen, nachdem sie vor einer Viertelstunde davongegangen war, um ihn zu holen. Stattdessen fand sich Kitt, als sie die Augenlider hob, immer noch dem Mann in dem tannengrünen Anorak gegenüber. Er roch weiterhin nach Kohl, der zu lange gekocht worden ist, und er zog immer noch die dunklen, buschigen Augenbrauen hoch, während er auf ihre Antwort wartete.

»Tess von den d’Urbervilles?«, wiederholte Kitt den Buchtitel, der sie zum Schmunzeln gebracht hatte.

»Ja, ich kann es nicht finden. Unser Dozent hat gesagt, es wäre ein Klassiker. Da haben Sie doch bestimmt ein Exemplar? Das hier ist angeblich eine Bibliothek«, erklärte der Kohlkopf.

Die Bibliothekarin fuhr mit den Fingern durch die langen kupferroten Haarsträhnen, die ihr Gesicht umrahmten. Dem Besucher würde die Geste ganz natürlich vorkommen, während sie ihr die Gelegenheit gab, ihre Frustration abzureagieren. »Ja, Sir, wir haben mehrere Exemplare, und zwar in der Belletristik-Etage. Verstehen Sie, dies hier ist die Abteilung für Frauenforschung.« Kitts Blick huschte zu dem großen weinroten Schild am oberen Ende der Treppe, auf dem überdeutlich Frauenstudien stand.

Bei zahllosen Gelegenheiten hatte sie Nachsicht dafür aufgebracht, dass Menschen beim Betreten einer Bibliothek ihre grauen Zellen nicht in den Lesemodus umschalteten. Mit ihren hoch aufragenden Bücherregalen aus Eiche, den Buntglasfenstern und den hohen, mit kunstvollen Malereien geschmückten Decken konnte die Bibliothek der Vale-of-York-Universität auf Neulinge schon einschüchternd wirken. Doch an diesem speziellen Montagmorgen war Kitt noch verkatert vom Wochenende, und ihre Geduld hatte Grenzen. Besonders vor der ersten Tasse Tee.

»Ach.« Der Mann riss die mandelförmigen Augen auf Walnussgröße auf. Er legte den Kopf in den Nacken, als nähme er die Einzelheiten seiner Umgebung zum ersten Mal wahr. »Also … Ich studiere erst seit einer Woche hier. Bin noch dabei, mich zu orientieren.«

»Selbstverständlich«, gab Kitt zurück und lächelte gezwungen, um dem Mann einen Teil seiner Verlegenheit darüber zu nehmen, dass er nicht überprüft hatte, auf welchem Stockwerk er sich befand, bevor er seine Frage stellte. »Zu Anfang ist es knifflig, sich zurechtzufinden, aber Sie gewöhnen sich schon daran.« Sie lächelte zu dem Deckengemälde über ihrem Schreibtisch auf; es stellte Prometheus dar, der den Menschen das erste Feuer schenkt. »Geben Sie diesem Gebäude nur eine kleine Chance, und ehe Sie sichs versehen, wird es Ihnen vorkommen wie ein zweites Zuhause.«

»Hmm«, machte Kohlkopf so ausdruckslos wie nur möglich. »Ich verstehe sowieso nicht, wozu man eine Abteilung für Frauenstudien braucht …«

»Wie bitte?«, fragte Kitt, die hoffte, sich verhört zu haben. Aber die Hitze, die in ihrem Brustkorb aufstieg, signalisierte ihr, dass das nicht der Fall war.

»Na ja, es gibt ja schließlich auch keine Abteilung für Männerstudien, oder?«, antwortete er.

Wieder zuckten Kitts Lippen. Sie hätte damit umgehen können, wenn der Mann bloß ihren Job heruntergemacht hätte; diese abfälligen Kommentare ließ sie seit Jahren an sich abtropfen. Solche Bemerkungen jedoch entstammten einem gefährlichen Anspruchsdenken. Wie kam dieser Kerl auf die Idee, er hätte das Recht, andere Stimmen als seine eigene zum Schweigen zu bringen?

Auf Kitts Stirn braute sich ein Sturm zusammen. Innerlich durchblätterte sie das gefühlte Dutzend Bücher über Achtsamkeit, die sie gelesen hatte. Sie rief sich ein spezielles Kapitel ins Gedächtnis, in dem angeregt wurde, es sei hilfreich, das Gefühl zu identifizieren, das der Zorn im Körper hervorruft. Wenn man diese Empfindung lindern könne, würde die Ruhe sich angeblich wie in einer Art geistiger Osmose auf das Hirn übertragen.

Den Lehrbüchern zufolge erlebten die meisten Menschen Zorn als ständige Anspannung in den Schultern. In Kitts Fall drückte er sich durch ein Brennen in der Brust aus. Es schien nicht besonders sinnvoll, dieses Gefühl zu intellektualisieren. Wenn sein Ursprung muskulär war, wäre Pilates ein Anfang. Aber es gab keine einfache Art, ein Großfeuer im eigenen Brustkorb zu löschen. Wissenschaftlich betrachtet würde tiefes Atmen die Flammen noch stärker anfachen.

»Tatsächlich«, erklärte Kitt, »verfügen wir über ein ganzes Stockwerk, das fast vollständig Männerstudien vorbehalten ist. Es heißt Geschichtsabteilung.«

Der Mann zog eine verkniffene Miene, während er Kitts Bemerkung verdaute. »Das ist unverschämt.«

Kitt stemmte eine Hand in ihre rechte Hüfte. »Das gilt auch für Ihre Andeutung, dass Geschichten, die sich von Ihrer unterscheiden, nicht das Papier wert sind, auf das sie gedruckt sind.«

Der Mann öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, wurde aber von Grace mit ihrem dicken Akzent aus West-Yorkshire unterbrochen – ihre Vokale klangen fast so hart wie ihre Konsonanten.

»Lady-Grey-Tee für die Dame«, erklärte Grace, während Kitt der beruhigende Duft von Zitrusfrüchten in die Nase stieg.

»Danke.« Kitt nahm die Tasse an und schmiegte sich in ihren kieferngrünen Bürostuhl, auf den sie ein dickes lilafarbenes, mit einem Pfau besticktes Kissen gelegt hatte, damit er einladender wirkte. Kohlkopf starrte sie aufgebracht an. Sie wich seinem Blick aus und konzentrierte sich darauf, die Falten in ihrem knöchellangen marineblauen Rock glatt zu streichen, der sich – zusammen mit einer weißen Hemdbluse, einem dunkelblauen Blazer und einem hellbraunen Gürtel – im Laufe der Jahre zu ihrer inoffiziellen Arbeitsuniform entwickelt hatte. Ihre Garderobe bestand aus etlichen Varianten dieses Outfits und wenig mehr.

Kohlkopf brummte, blickte finster zwischen den beiden Frauen hin und her und ging vor sich hin schimpfend davon.

»Was ist denn mit dem los?«, fragte Grace und schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr schulterlanger braunschwarzer Lockenschopf wogte.

»Ich glaube, er ist ein wenig pikiert, weil seine frühmorgendliche Runde beiläufiger Sexismus nicht nach Plan gelaufen ist«, erklärte Kitt und blies auf das Getränk, bevor sie den ersten Schluck nahm. Das wohlduftende Nass rann durch ihre Kehle und löschte die Flammen, die der erste Besucher des Tages angefacht hatte. Doch während das Feuer zu Glut herunterbrannte, begannen diese vertrauten leeren Momente zwischen ihren zornigen Anflügen. Vielleicht hätte sie anders mit dem Mann reden sollen …

»Ach, du meine Güte«, sagte Grace. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie heute Morgen in der Stimmung dazu sind. Aber es überrascht mich ein wenig, dass Sie noch verkatert von Freitagabend sind. Normalerweise stecken Sie Alkohol ganz gut weg.«

»Freitag- und Samstagabend, danke. Zwei Abende hintereinander«, protestierte Kitt. »Schuld daran ist Evie … oder Meg Ryan; ich kann mich nicht entscheiden.«

»Meg Ryan?«, fragte Grace. »Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass sie am Samstagabend im Nag’s Head mit einem Bier in der Hand bei Ihnen und Evie gesessen hat.«

»Evie und ich sind sehr unterhaltsam; Meg Ryan könnte froh sein, uns zur Gesellschaft zu haben«, wandte Kitt ein und lächelte bei dem Gedanken an ihre beste Freundin, obwohl diese zumindest teilweise für ihren Kater verantwortlich war. Trotzdem schien sich Evie nicht viel munterer zu fühlen als sie. Jeden Montagmorgen ging bei Kitt eine Nachricht von Evie ein, in der sie ihr erklärte, wie sehr sie sich wünsche, sie müsse nicht zur Arbeit gehen. Jeden Montag, nur heute nicht. Evie war beinahe schon süchtig nach Textnachrichten; wenn sie nichts für ihren Bildschirm übrighatte, musste es ihr richtig schlecht gehen – Sherry war wirklich ein teuflisches Gebräu.

Als Kitt aufblickte, sah sie, wie Grace ihre verlegenste Geste vollführte: Sie strich eine Locke hinter ihr linkes Ohr zurück und nahm dann die Hand vor den Mund, um ein Grinsen zu verbergen.

»Was?«, fragte Kitt.

»Nichts. Was Sie gesagt haben, war lustig.« Grace hob die Handflächen. Die türkisfarbenen Ärmel ihres bodenlangen Kaftans hoben sich leuchtend vor ihrer tief gebräunten Haut ab, die noch dunkler geworden war, seit sie im September in Indien gewesen war, wo ihre Großeltern mütterlicherseits lebten.

Kitt schüttelte den Kopf. Grace studierte jetzt seit einem Jahr Psychologie an der Universität und koordinierte ihre Schichten in der Bibliothek mit den Vorlesungen, um einen Teil ihrer täglichen Hin- und Rückfahrten nach Leeds zu finanzieren. Aber in all den Monaten, in denen sie nun schon das menschliche Verhalten untersuchte, war sie noch nicht darauf gekommen, wie verräterisch ihre eigenen Tics waren. Sie besaß ein hübsches, etwas spitzes Gesicht mit scharfen Wangenknochen, die selbst die diskreteste Miene betonten.

»Deswegen lächeln Sie aber nicht. Es ist wieder die Tasse, nicht wahr? Werden Sie je darüber hinwegkommen?«

»Niemals!«, sagte Grace und sah zu, wie Kitt wieder aus dem Becher trank, den sie ihr im April zum Geburtstag geschenkt hatte. Er war knallgelb, und in großen schwarzen Buchstaben stand darauf: Sie dürfen die Bibliothekarin küssen. »Das war der beste Tag aller Zeiten.«

»Grace …«, versuchte es Kitt, aber es war zu spät. Ihre Assistentin hatte sich bereits den weinroten Filzhut geschnappt, der auf Kitts Schreibtisch lag. Dicht über der Krempe war ein schwarzes Band angenäht; und vom Herbst bis in den Frühling war Kitt nie ohne ihn anzutreffen. Er diente auch als Requisite für Grace’ improvisierte und häufig unwillkommene Parodien.

Grace setzte sich den Hut auf den Kopf und breitete ihre Hände zwei Meter weit aus. »Ein Geschenk? Für mich? Also wirklich, Grace, für so einen Unsinn kennen wir uns noch nicht lange genug.«

Kitt grinste spöttisch. »Ich klinge nicht annähernd so hochgestochen.«

Grace ignorierte die Proteste ihrer Chefin und tat, als öffne sie eine Schachtel. »Oh, wie absolut entzückend, ein Gefäß für meine Getränke … Aber finden Sie, dass der Wortlaut am Arbeitsplatz angemessen ist?«

»Geben Sie schon her«, sagte Kitt und riss Grace ihren Hut vom Kopf. »Bei Ihnen klinge ich wie eine durchgeknallte Hyacinth Bucket.«

In jedem anderen Teil der Welt hätte sich eine Angestellte für solch eine Aufmüpfigkeit eine Abmahnung eingefangen. Aber Kitt, die in der Gegend geboren und aufgewachsen war, begriff, dass in der Grafschaft Yorkshire Zuneigung und Spott oft sehr nah beieinander lebten. So gesehen war Grace’ Geschenk an eine Frau, die, seit sich ihre Wege gekreuzt hatten, nicht ein einziges Mal so etwas wie ein Date gehabt hatte, ein Zeichen unverbrüchlicher Bewunderung. Und Kitt benutzte dieses Geschenk deshalb auch gewissenhaft jeden Tag.

»Wenn Sie damit fertig sind, mich auszulachen, könnten Sie dann bitte mit dem Stapel der zurückgegebenen Bücher anfangen?«

Auf Grace’ schmalen Lippen lag immer noch ein Lächeln, als sie in einem frechen Salut zwei Finger an ihre Schläfe hob und dann an den ersten der Rollwagen mit Rückgaben trat.

Kitt trank noch ein paar Schlucke Tee, hob dann selbst die Hand an die Schläfe und rieb sie behutsam. Je älter sie wurde, desto höher wurde der Preis, den sie für jeden Spaß bezahlte, besonders wenn dabei Alkohol im Spiel war. Hardy hatte recht, dachte Kitt und erinnerte sich an den Titel des fünften Teils von Tess von den d’Urbervilles: Die Frau bezahlt. Allerdings.

Kitt sah aus dem nächstgelegenen Fenster und nestelte an einem Kettenanhänger, den sie täglich trug und in den ein Zitat aus Jane Eyre eingraviert war. Seufzend betrachtete sie die herbstliche Aussicht. Soviel sie auch gelesen hatte, kein Vers oder Absatz hatte jemals eine so romantische Todesstimmung zum Ausdruck gebracht wie ein Herbsttag in der Stadt York. Die Szenerie wirkte wie eine Zeile, die Keats sich erträumt haben mochte, obwohl er nie dazu gekommen war, sie auf einem Blatt Papier festzuhalten. Die Hagebutten und Vogelbeeren leuchteten in den Hecken wie urzeitliches Feuer. Der Weg am Fluss entlang glich einem Pfad aus gefallenen Rosskastanien, Kiefernzapfen und Efeublättern, und die chinesischen Rotholzbäume hoben sich vor dem Himmel ab wie glühende Kohlen. Wenn sie die Ohren angestrengt genug spitzte, konnte sie die Glocken des Münsters läuten hören, deren Klang über die Ouse bis zu dem vom Tudorstil inspirierten Bibliotheksgebäude auf dem südlichen Flussufer drang, wo es sich am Rand des Rowntree-Parks erhob.

Plötzlich spürte Kitt, wie jemand zweimal scharf gegen ihre rechte Schulter klopfte. Ein Zeichen, das Grace und sie abgesprochen hatten und das bedeutete, dass sie tun mussten, als wären sie schwer beschäftigt.

Kitt blickte auf und sah, wie ihre Vorgesetzte Michelle mit großen Schritten auf ihren Schreibtisch zustrebte. Grace, deren dunkle Augen ängstlich wie die eines Kaninchens dreinblickten, nahm sich drei Bücher mehr, als sie bequem tragen konnte, von dem Rollwagen und huschte davon, zu den Bücherregalen.

Kitt setzte sich gerader auf und lud die komplizierteste Tabellenkalkulation, die sie auf die Schnelle fand, auf ihren Computerbildschirm. Michelle besaß einen vernichtenden Gorgonen-Blick, der selbst die mutigsten Herzen in Stein verwandeln konnte. Und den richtete sie jetzt auf Kitt.

»Katherine?«

»Michelle«, sagte Kitt und versuchte, nicht zusammenzuzucken, als die andere ihren vollen Namen gebrauchte. »Alles in Ordnung?«

»Nicht wirklich.«

Kitt täuschte Erstaunen vor; in Michelles Welt war nie alles gut. Ihre Mundwinkel zogen sich ohne ihr eigenes Zutun nach unten; und sogar ihr zu einem Bob geschnittenes mausbraunes Haar wirkte schlaff und missvergnügt, wie es stumpf abgeschnitten und flach um ihr Gesicht herumhing.

Keine Sprungkraft. Kein Volumen. Kein Lebenszeichen.

»Wir hatten eine Beschwerde«, erklärte Michelle und barg ein lilafarbenes Klemmbrett an der Brust.

»Ach herrje«, sagte Kitt. »Weswegen?«

»Ihretwegen.«

»Meinetwegen?«

Hatte Kohlkopf seine Beschwerde schon eingereicht? Das war ja schnell gegangen.

»Eine Dame, die Sie am Freitag betreut haben. Anscheinend haben Sie sie, und ich zitiere, ›daran gehindert, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung auszuüben‹.«

»Ach, das«, sagte Kitt. Kitt hörte, wie Michelle mit einem ihrer Winterstiefel auf den Boden der Bibliothek klopfte, der mit einem blauen Mosaik belegt war; einem Keramikozean, der sich über alle sechs Ebenen des Gebäudes erstreckte. »Sie hat eine rassistische Bemerkung über ein anderes Mitglied des Buchclubs der Bibliothek gemacht«, ergänzte sie.

»Mir gegenüber hat sie nicht erwähnt, etwas Unpassendes gesagt zu haben«, erklärte Michelle.

Und du bist, nachdem ich schon zehn Jahre hier arbeite, nie auf die Idee gekommen, mir einen Vertrauensvorschuss zuzugestehen, dachte Kitt. »Das wäre ja auch nicht in ihrem Sinne.«

Michelle verschränkte die Arme. »Sie brauchen diskriminierende Bemerkungen nicht zu tolerieren, aber Sie müssen in solchen Situationen höflich bleiben.«

Kitt spürte einen starken Drang, eine unkluge Bemerkung dahingehend zu machen, dass sie in Zukunft ihr Bestes tun werde, um nett zu Rassisten zu sein, doch stattdessen stieß sie einen so tief empfundenen Seufzer aus, dass Michelle erraten musste, dass sie gern noch ein paar Anmerkungen gemacht hätte. »Ich werde so höflich sein, wie ich kann«, erklärte Kitt. Mehr konnte sie nun wirklich nicht versprechen.

»Danke«, sagte Michelle, obwohl nichts an ihrer Miene Dankbarkeit ausdrückte. »Nur damit Sie Bescheid wissen, ich bin heute Nachmittag nicht da. Termin im Krankenhaus.«

Solange Kitt für sie arbeitete, litt Michelle schon an Magengeschwüren.

»Hoffe, er verläuft gut.«

»Hallo, Liebelein«, schaltete sich eine kratzige Stimme ein, die ihr bekannt vorkam.

Kitt drehte sich um und sah Ruby auf die Studenteninformation zuhumpeln. Ruby Barnet, eine Dame von Ende achtzig, suchte die Bibliothek regelmäßig auf, obwohl sie in absolut keiner Verbindung zur Hochschule stand. Ruby litt unter Arthritis und ging daher an Krücken. Sie schnaufte, nachdem sie zwei Treppen hinaufgestiegen war. Es gab einen Aufzug, aber aus nie genannten Gründen hatte sie sich immer schon geweigert, ihn zu benutzen. Doch heute Morgen schien sie stärker außer Atem zu sein als sonst. Was nur eines bedeuten konnte: Sie hatte wieder eine übernatürliche Vision gehabt.

»Wir müssen wirklich eine Möglichkeit finden, die Security hier zu verstärken«, schnaubte Michelle gereizt in Rubys Richtung.

Ruby zog bei Michelles Bemerkung die Oberlippe hoch, sah Kitt aber weiter eindringlich an.

Michelle war noch nie Rubys größter Fan gewesen, aber vor einem halben Jahr hatte die alte Frau Michelle erklärt, sie habe eine Vision bezüglich ihrer Person gehabt. In Rubys Fantasie, die durch den zweifelhaften Löwenzahnwein, den sie in ihrer Badewanne zusammenbraute, noch befeuert wurde, würde Michelle Gelegenheit bekommen, nach Südamerika zu reisen und eine wichtige Entdeckung zu machen. Doch als die Wochen verstrichen und die einzige Reise, die Michelle unternahm, ein Wochenende in Cleethorpes blieb, schlug deren Einstellung zu Ruby von milder Herablassung in offenkundigen Zorn um.

»Dieses Mal habe ich es gesehen, Kitt. Etwas wirklich Wichtiges«, stieß Ruby, von Schnaufern unterbrochen, hervor.

»Natürlich haben Sie das«, sagte Michelle, die wieder ihren Gorgonen-Blick aufgesetzt hatte.

»Nehmen Sie doch Platz!«, bot Kitt an und wies auf den Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand. Aus Rubys Prophezeiungen wurde nie etwas, jedenfalls nicht mehr, als die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit erwarten ließ, und sie schadeten nicht wirklich. Aber Kitt machte sich Sorgen, weil sie sich so darüber aufregte. Wahrscheinlich hielt Michelle nicht viel davon, wenn Ruby es sich bequem machte, aber es erschien nur freundlich, ihr wenigstens einen Stuhl anzubieten, während sie sich beruhigte.

»Wir dürfen keine Sekunde verschwenden, keine Sekunde!«, erklärte Ruby, ließ sich aber trotzdem auf den Stuhl sinken. »Es geht um Ihre Zukunft. Ihre unmittelbare Zukunft.«

Kitt sah die alte Dame an. Ihr kurzes Haar war in einem lebhaften Orangeton gefärbt, der sich mit dem Magentarot ihres weiten Regenmantels biss. Was unter dem Regenmantel vorgehen mochte, blieb rätselhaft. Einmal war Ruby Mitte Juni als Elfe verkleidet in die Bibliothek marschiert und hatte es nicht für nötig gehalten, irgendwelche Erklärungen über ihren Kleidungsstil abzugeben. So unterhaltsam das auch alles war, Kitt war nicht wirklich überzeugt davon, dass sie Rubys Version ihrer näheren Zukunft hören wollte.

»Wenn es um meine nähere Zukunft geht, liebe Ruby, werde ich es ohnehin bald erfahren«, sagte Kitt in der Hoffnung, die alte Frau zu beruhigen.

»Nein, nein«, sagte Ruby, und ihre grünen Augen quollen hervor. »Ich habe sie gesehen.«

»Wen?«, fragte Kitt.

»Polizeibeamte. Zwei. Einen Mann und eine Frau, und sie suchen nach Ihnen …«

»Ähm, Kitt …«, sagte Grace, die gerade zurückgekehrt war, um sich weitere Bücher von dem Stapel mit den Rückgaben zu holen.

»Was?«, fragte Kitt ein wenig schnippischer, als sie vorgehabt hatte.

»Schauen Sie doch«, gab Grace zurück.

Kitt folgte dem Blick aus Grace’ weit aufgerissenen Augen und sah zwei Polizeibeamte, die flotten Schritts auf die Studenteninformation zuhielten.

Zwei

»Entschuldigen Sie, die Damen«, sagte der Beamte, als er und seine Kollegin die Studenteninformation erreichten. Seinem Akzent nach war er ein Einheimischer, obwohl seine Aussprache unvertraute Ecken und Kanten hatte, die Kitt nicht ganz einordnen konnte. Er unterbrach sich und ließ den Blick über die Gruppe schweifen. Kitt fiel auf, dass seine Augen das Blau eines Ozeans an einem stürmischen Tag hatten; sie waren viel dunkler als ihre eigenen, die sich am besten mit Topas vergleichen ließen. Er schaute abwechselnd Michelle, Grace und Ruby an, bevor sein Blick auf Kitt fiel und bei ihr hängen blieb. Dann veränderte er seine Haltung, sodass er ein wenig größer wirkte. »Wir sind auf der Suche nach Katherine Hartley.«

Die Bibliothekarin stand von ihrem Stuhl auf und sah Grace stirnrunzelnd an. Sie spürte Michelles wütenden Blick, wagte aber nicht, in die Richtung ihrer Chefin zu schauen.

»Ja, das bin ich«, erklärte Kitt. »Ist alles in Ordnung?« Das war eine dumme Frage, und sie wusste es. Die Polizei suchte nicht nach einem, wenn alles in Ordnung war, aber einen Sekundenbruchteil lang hatte ihr Mund schneller funktioniert als ihr Kopf. »Moment mal – ist meine Familie okay? Es ist doch nichts mit Mam oder Dad, oder? Oder … mit Rebecca?«

Rebecca war Kitts Zwillingsschwester und arbeitete als Ärztin in einem Krankenhaus oben in Northumberland. Die beiden hatten sich schon immer nahegestanden, aber sie hatten nie dieses »Zwillingsphänomen« erlebt, bei dem man angeblich irgendwo im Körper spürt, wenn der oder die andere in Gefahr ist, krank wird oder stirbt …

»Wir sind nicht wegen Ihrer Familie hier«, erklärte der Beamte. Seine Stimme war tief, aber sanft, und er hob beide kräftig wirkenden Hände, um Kitt zu bedeuten, sie solle sich beruhigen.

Kitt legte die Handfläche an ihre Brust und schloss kurz die Augen.

»Tut mir leid«, sagte Kitt. »Ich bin es nicht gewöhnt, Besuch von der Polizei zu bekommen.«

Der Beamte lächelte nicht wirklich, presste aber die Lippen zusammen, um ihre Bemerkung zu quittieren. »Ich bin Detective Inspector Malcolm Halloran, und das ist Detective Sergeant Charlotte Banks«, fuhr er fort und wies auf seine Kollegin. Die Polizistin senkte den Kopf und nickte ein einziges Mal steif. Halloran blickte noch einmal zwischen Grace, Michelle und Ruby hin und her, die mit offenem Mund dastanden. »Können wir das unter uns besprechen? Die Sache ist ein wenig … heikel.«

Das verhieß nichts Gutes.

Als leidenschaftliche Leserin verstand sich Kitt gut darauf, die Welt um sich herum zu interpretieren. Den Himmel, die Flüsse oder die zerklüfteten Fassaden der alten Steingebäude, aus denen York bestand. Und natürlich konnte sie menschliches Verhalten deuten. Doch sowohl Halloran als auch Banks ließen in ihrem Auftreten nichts davon durchblicken, warum sie den Wunsch haben sollten, mit einer Universitätsbibliothekarin zu reden.

Banks reichte Halloran trotz ihrer hochhackigen Stiefel nicht einmal bis zur Schulter. Doch das glich sie durch ihre Haltung aus. Ihre stramme Positur, das streng gereckte Kinn und der nüchterne Knoten, zu dem ihr dunkles Haar zurückgesteckt war, ließen Kitt vermuten, dass Banks einmal zu oft hatte beweisen müssen, dass sie genauso zäh war wie ihre männlichen Kollegen. Das war leicht zu erkennen.

Doch das Gesicht des Mannes, der dicht an ihrer rechten Seite stand, war nicht einfach zu interpretieren; vielleicht, weil es zum Teil durch einen dunklen, kurz gehaltenen Bart verdeckt wurde, der ebenso wie sein Haupthaar grau gesprenkelt war. Er sah Kitt aus seinen blauen Augen eindringlich an, und ihr Magen zog sich zusammen. Aus einem Grund, den sie nicht ganz definieren konnte, fiel es ihr schwer, seinem Blick standzuhalten, daher schlug sie die Augen nieder, um seine makellose Polizeiuniform zu betrachten, an der die silberfarbenen Abzeichen eines Chief Inspectors prangten.

Ein hochrangiger Beamter also.

Das bedeutete, dass das Thema, über das er mit Kitt sprechen wollte, wahrscheinlich ernster war, als er sich vor dem Publikum aus Stammgästen der Bibliothek anmerken ließ.

»Entschuldigen Sie mich, Officers«, sagte Michelle und unterbrach Kitt beim Analysieren der beiden unwillkommenen Besucher. »Aber ich verwalte die unteren drei Stockwerke hier in der Bibliothek. Können Sie mir sagen, worum es geht?«

»Ich fürchte, über diese Angelegenheit kann ich nur mit Ms. Hartley sprechen«, erklärte Halloran.

Michelle zog eine Miene, bei der sich die Haut um ihre Augen in Falten legte, und ging auf Kitt los. »Hoffen wir nur, dass Sie nicht in Schwierigkeiten stecken«, sagte sie. »Gelegentliche Beschwerden über Ihren Sarkasmus gehen ja noch an; aber wenn Sie Probleme mit der Polizei haben, ist das ein Entlassungsgrund, verstehen Sie. Da spielt es keine Rolle, ob …«

In diesem Moment verschwand Michelle aus Kitts Blickfeld und verstummte. Inspector Halloran hatte sich zwischen Kitt und ihrer aggressiven Vorgesetzten aufgebaut. Jetzt konnte sie nur noch den breiten Rücken von Hallorans Uniform erkennen. Allerdings konnte sie sich Michelles fassungslose Miene vorstellen, als sie die Worte des Inspectors hörte. »Das reicht jetzt. Wir sind hier, um mit Ms. Hartley zu sprechen, nichts weiter. Wenn Sie nichts dagegen haben, würden wir jetzt genau das gern tun.«

»Ja, selbstverständlich«, sagte Michelle kleinlauter, als Kitt sie je gehört hatte. Obwohl Michelle so aggressiv und herablassend auftrat, wusste sie nie so recht, was sie tun sollte, wenn ihr jemand Paroli bot – was Kitt gleich getan hätte, wenn sich der Inspector nicht eingemischt hätte.

Halloran drehte sich wieder zu Kitt um. »Also, haben Sie irgendwo einen ruhigen Raum, Ms. Hartley?«

»Ähm, ja, einigermaßen privat«, erklärte Kitt und fing wieder kurz Hallorans Blick auf. »Grace, Ihnen macht es doch sicher nichts aus, sich kurz für mich hinter den Schreibtisch zu setzen, oder?«

»Nein, ganz und gar nicht«, antwortete Grace. Angesichts der faszinierenden Ereignisse klang sie ein wenig zu beiläufig. Kitt kannte sich gut mit der neugierigen Art ihrer Assistentin aus. In der Sekunde, in der Michelle außer Sicht war, würde sie zumindest einen Teil ihrer Zeit an dem Schreibtisch damit verbringen, Strategien zu entwerfen, wie sie sich weit genug an das Büro im zweiten Stock heranschleichen konnte, um zu hören, worüber ihre Chefin und die Polizei redeten.

»Hab’s Ihnen ja gesagt, oder?«, erklärte Ruby mit einem listigen Grinsen auf den Lippen. »Dieses Mal hatte Ruby recht. Ich habe alles kommen sehen.«

»Ja«, gab Kitt zurück, während Banks, die immer noch keinen Ton von sich gegeben hatte, die alte Dame mit hochgezogener Augenbraue betrachtete. »Sie haben einen Besuch durch die Polizei volle dreißig Sekunden vor deren Eintreffen vorhergesagt; eine atemberaubende Demonstration Ihrer hellseherischen Fähigkeiten. Sie haben die beiden ja sicher nicht an der Rezeption getroffen, als sie nach mir gefragt haben, oder?«

Ruby ließ den Kopf hängen und begann, an den Knebelknöpfen ihres Regenmantels zu nesteln. »Nein …«

Kitt warf Ruby ein widerwilliges Lächeln zu. Dabei spürte sie, dass Halloran sie ansah. Ein ziemlich durchdringender Blick; aber Kitt sagte sich, dass der wahrscheinlich zur Stellenbeschreibung eines Chief Inspectors gehörte. »Bitte, folgen Sie mir«, sagte sie zu den Beamten.

»Eine Gasthörerin Ihres Seniorenstudiums?«, erkundigte sich Halloran, während er schneller ging, um mit der Bibliothekarin mitzuhalten, die nur in der Lage war, stillzustehen oder zielbewusst auszuschreiten. Ein Zwischending kannte sie nicht.

Kitt warf dem Inspector einen Blick aus dem Augenwinkel zu. Er würde ihr also wirklich keinen Hinweis auf den Grund seines Hierseins geben, bis sie sich zusammen in einem abgeschlossenen Raum befanden? Wenn es je einen Anreiz gegeben hatte, ihre Schritte zu beschleunigen, dann war es dieser.

»Ruby? Ach was«, erklärte Kitt und stieß trotz der möglicherweise ernsten Lage eines Polizeibesuchs ein unerwartetes Kichern aus; ein sicheres Anzeichen dafür, dass sich ihr Kater verflüchtigte. Eine großartige Nachricht angesichts des Umstands, dass man einen klaren Kopf brauchte, um mit der Polizei über eine »heikle Angelegenheit« zu reden. »Der Campus ist für jedermann zugänglich. Ruby ist unsere inoffizielle Hellseherin vom Dienst.«

»Ruby? Doch nicht Ruby Barnet?«, fragte Halloran.

»Ähm, ja. Ich glaube, das ist ihr Familienname«, sagte Kitt.

»Ms. Barnet hat in der Vergangenheit ein paarmal auf der Wache angerufen und Vorhersagen über Vermisste abgegeben«, erklärte Halloran.

»Ich hoffe, sie hat Sie nicht in Schwierigkeiten gebracht«, sagte Kitt und legte eine Hand auf die aus Zinn gearbeitete Klinke der Bürotür. »Sie ist immer ganz aus dem Häuschen, wenn sie glaubt, einer Sache auf der Spur zu sein. Hätte ich gewusst, dass sie mit ihren Prophezeiungen die Zeit der Polizei verschwendet, hätte ich sie energischer …«

»In Vermisstenfällen gehen immer eine ganze Anzahl Anrufe von Menschen ein, die dieses oder jenes ›im Gefühl‹ haben. Manchmal erweisen sie sich sogar als Spur«, sagte Halloran und blickte dann zu Boden. Mit einem Mal schien ein einziger Gedanke – zu belastend, um ihn laut auszusprechen – seine Augen zu verdüstern.

»Und was ist mit Rubys Ideen?«, fragte Kitt.

Halloran blickte auf und musterte Kitts Gesicht. »Bedaure, aber ich darf keine Auskünfte über spezielle Fälle geben, Ms. Hartley.«

»Dann spannen Sie mich auch nicht auf die Folter«, sagte Kitt und sah Banks mit hochgezogener Augenbraue an, um sie einzubeziehen, doch die Miene der Beamtin blieb vollkommen ausdruckslos. Kitt fand es unangenehm, dass Banks so zugeknöpft war. Abgesehen von Hallorans hohem Rang war das ein weiterer Hinweis darauf, dass die beiden in einer ernsten Angelegenheit gekommen waren.

Kitt räusperte sich, stieß die Tür des Büros im zweiten Stock auf und winkte Banks herein, die ohne ein Wort an ihr vorbeitrat.

Kitt warf Halloran, der ihr gegenüber in der Tür stand, noch einen Blick zu. »Ich wäre vorhin selbst mit meiner Chefin fertiggeworden, wissen Sie. Ihr Einschreiten war gar nicht nötig«, erklärte sie und war sich selbst nicht sicher, warum sie so darauf herumritt.

»Das bezweifle ich nicht; aber die Zeit arbeitet gegen uns, und ich dachte, durch die Macht des Rangabzeichens vielleicht schneller zu einer Lösung zu kommen. Außerdem …«, sagte Halloran, »finde ich, dass das Leben aus mehr besteht, als nur damit fertigzuwerden.«

Die beiden starrten einander an.

»Ähm«, räusperte sich Banks, brach das Schweigen und bedeutete Kitt, Halloran in das Büro zu winken, das ohne Frage das größte architektonische Sammelsurium der Bibliothek der Vale-of-York-Universität darstellte.

Wahrscheinlich der ganzen Stadt.

Was nicht die Schuld des Personals auf dieser Etage war. Der Raum wies nur im Vergleich zu denen auf den anderen Stockwerken eine eigenartige Form auf. Als hätten die Erbauer Unstimmigkeiten in den Abmessungen dadurch zu kaschieren versucht, dass sie ein Büro mit der ungewöhnlichsten Kombination aus Ecken und Nischen erschaffen hatten, die Kitt je gesehen hatte. Wenigstens roch es gemütlich, da hier fast ständig duftende Früchtetees aufgebrüht wurden.

»Setzen Sie sich doch«, sagte Kitt und wies auf zwei schäbig aussehende, mit geblümtem Stoff gepolsterte Lehnstühle. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

»Nein danke, Ms. Hartley«, erklärte der Inspector. »Wie ich schon sagte, uns läuft die Zeit davon, und ich finde, Sie sind diejenige, die sich setzen sollte. Was wir zu sagen haben, ist vielleicht schwer zu verkraften.« Langsam ließ sich Kitt auf den nächstbesten Lehnstuhl sinken. Ein so dichtes Schweigen hing in dem Raum, dass Kitt das Atmen schwerfiel. Sie fand, dass die seltsame Wendung, die dieser Montagmorgen genommen hatte, schwer auf ihr lastete. Jetzt konnte sie sich nicht mehr durch ein Geplauder über aufstrebende ältere Hellseherinnen ablenken. Halloran schloss die Tür hinter sich. Sie saß in der Falle; allein in einem Raum mit zwei Polizeibeamten und ohne die geringste Ahnung, was sie gleich sagen würden. Nur, dass es wahrscheinlich nervenaufreibend und vielleicht sogar angsteinflößend sein würde.

Drei

»Angesichts der Dringlichkeit der Angelegenheit komme ich gleich zur Sache«, erklärte Halloran.

»Verstehe«, sagte Kitt und wünschte sich, der Inspector würde einfach damit herausrücken.

»Können Sie uns erklären, woher Sie Owen Hall kennen?«, fragte Halloran.

Kitt runzelte die Stirn. »Evies Ex-Freund?«

Seinetwegen klopfte die Polizei bei Kitt an?

»Dann kennen Sie ihn?«, hakte Halloran nach.

»Ich … Na ja, Evie ist meine beste Freundin«, erklärte Kitt und fragte sich, was Owen wohl angestellt hatte, wenn die Polizei sich für ihn interessierte. »Aber als Mensch kenne ich Owen nicht besonders gut, falls Sie das meinen.«

»Soweit ich weiß, waren die beiden längere Zeit zusammen«, sagte Halloran.

»Fast zwei Jahre«, erklärte Kitt und verzog das Gesicht. Zwei Jahre lang zuzusehen, wie Evie schlecht behandelt wurde, hatte Kitt nicht wirklich Freude bereitet.

»Und in dieser Zeit haben Sie ihn nicht gut kennengelernt?«, wollte Halloran wissen.

»Als Owen und Evie noch zusammen waren, hat er sich, wenn ich die beiden überhaupt besucht habe, immer nach fünf Minuten ins Schlafzimmer zu seiner Xbox verdrückt«, erklärte Kitt. »Geredet habe ich nur mit ihm, wenn wir in einer größeren Gruppe ausgegangen sind, und selbst dann hatten wir uns nicht viel zu erzählen. Ich glaube, einmal haben wir uns über die Vorhänge in dem Restaurant, in dem wir gegessen haben, unterhalten.«

»Aber Evie muss Ihnen doch von ihm erzählt haben, wenn Sie mit ihr befreundet sind«, sagte Halloran.

»Es ist möglich, mit ihr über andere Themen zu sprechen«, räumte Kitt ein. »Aber nie lange, vor allem nicht seit ihrer Trennung.«

»Und was können Sie uns über diese Trennung sagen?«, fragte Halloran. Banks verschränkte die Arme und starrte die Bibliothekarin weiter so verbissen an, dass diese auf ihrem Stuhl herumgerutscht wäre, wenn sie nicht so stur gewesen wäre.

»Warum müssen Sie über Evies Trennung Bescheid wissen?«, fragte Kitt.

»Am besten sagen Sie uns einfach, was Sie wissen.« In Hallorans Stimme lag ein gebieterischer Ton; eine Aufforderung, aber kein Befehl, sich zu fügen.

Kitt unterdrückte einen Seufzer, denn sie war sicher, dass ihr Gegenüber das als Verärgerung deuten würde. »Im Laufe der letzten paar Wochen hat sie mir alles erzählt, was man nur wissen will, und eine Menge Dinge, die man nicht wissen will.«

»Gehen Sie einstweilen davon aus, dass jedes Detail von Bedeutung ist«, sagte Halloran.

»Die beiden haben zusammengelebt, und dann hat er über Facebook-Messenger mit ihr Schluss gemacht.« Kitt schüttelte den Kopf und erinnerte sich an den schrecklichen Anruf von Evie, unmittelbar nachdem sie diese Nachricht bekommen hatte. »Was für ein Mensch tut das jemandem an, mit dem er zusammenlebt? Vor allem nach achtzehn Monaten, als man eindeutig von einer festen Beziehung sprechen konnte. Die arme Evie hatte schon angefangen, Brautmoden-Magazine zu kaufen.«

Kitt hätte mit irgendeiner Reaktion der Beamten gerechnet. Mitgefühl. Empörung. Vielleicht sogar Anteilnahme; aber die beiden standen aufrecht, reglos und schweigend da und zeigten gleichmütige Mienen.

Die Bibliothekarin neigte den Kopf zur Seite und versuchte zu erspüren, was in diesem Raum vor sich ging.

»Das wissen Sie alles schon, oder?«

»Ja«, erklärte Halloran. »Aber wir mussten wissen, wie viel Sie wissen.«

Kitt kniff die Augen zusammen. »Moment mal, worum geht es hier überhaupt? Stehe ich irgendwie unter Verdacht?«

»Nicht direkt«, sagte Halloran. »Aber behindern Sie bitte unsere Untersuchung nicht mit Ihren eigenen Fragen. Im Moment müssen wir diejenigen sein, die Fragen stellen.«

»Ich habe keinerlei Absicht, Sie zu behindern«, erklärte Kitt und dachte an einige der Artikel, die sie im Laufe der Jahre auf der Website der Stadtverwaltung gelesen hatte, »aber die Polizei ist ein Dienstleister, der von allen Steuerzahlern der Gemeinde finanziert wird, und zu denen gehöre ich ebenfalls. Ich war bereit, mit Ihnen zu reden und Ihnen zu helfen, obwohl Sie mir keinen klaren Grund für Ihr Hiersein genannt haben. Da ist es nur fair, wenn ich verstehe, in welchem Zusammenhang Sie diese Fragen stellen.«

Halloran und Banks wechselten einen Blick. Zum ungefähr dritten Mal seit einer Minute wünschte Kitt, Banks würde ihr hartnäckiges Schweigen aufgeben. Schließlich unterstützte sie die beiden, und es gab keinen Grund, den Kontakt noch unangenehmer zu gestalten, als er ohnehin schon war.

»Na schön, Sie haben ja recht«, erklärte Halloran, fuhr sich mit Zeigefinger und Daumen über die Augenbrauen und sah Kitt dann wieder an. »Aber das, was ich Ihnen sage, darf diesen Raum nicht verlassen. Die Presse wird zu gegebener Zeit davon erfahren, aber wir müssen sichergehen, dass die Informationen über den Vorfall strikt unter Kontrolle bleiben.«

»Ich habe absolut kein Interesse daran, auf YouTube zur Sensation zu werden. Ich werde diskret sein.«

Halloran verschränkte die Arme vor der Brust. »Wir untersuchen einen Mordfall.«

»Mord?« Kitt erstarrte. In York kamen Morde selten vor. Wenn hier jemand umkam, handelte es sich meist um einen schrecklichen Unfall. Ein betrunkener Student, der am Fluss spazieren gegangen und in den Tod gestürzt war – das war so ungefähr die schlimmste Schlagzeile, die die Lokalzeitungen je hatten drucken müssen. »Aber wie ist Owen in diese Sache verwickelt?«

»Er war … das Opfer, fürchte ich«, erklärte Halloran.

»Was?«, fragte Kitt und schlug unwillkürlich die rechte Hand vor den Mund. »Owen ist … tot?«

Halloran nickte.

»Aber das ist … lächerlich.«

»Lächerlich erscheint mir eine merkwürdige Wortwahl«, sagte Halloran stirnrunzelnd.

»War er ein Zufallsopfer? Ist er überfallen worden?«

»Nein, ganz im Gegenteil«, gab Halloran zurück. »Alle Spuren weisen auf Vorsatz hin.«

»Dann bleibe ich bei lächerlich«, erklärte Kitt.

»Wieso das?«, fragte Halloran.

»Hören Sie, ich fand noch nie, dass Owen gut genug für Evie war. Als sie zusammen waren, hat er ihre Gutmütigkeit nur ausgenutzt.« Die vertraute Hitze stieg in ihrer Brust auf, als sie daran zurückdachte, wie sie die Wohnung, in der die beiden gemeinsam gelebt hatten, räumen mussten. Owen hatte Evie die Endreinigung überlassen. Praktischerweise war bei ihm in dieser Woche »auf der Arbeit die Hölle los« gewesen, und dank Owens nicht gerade häuslicher Neigungen hatte Evie zwei Tage lang abwechselnd den Raum desinfiziert, der einmal seine »Männerhöhle« gewesen war, und dann wieder in Tränen aufgelöst bei Kitt angerufen. Allein dafür schrubbte er in diesem Moment wahrscheinlich den fettigsten Backofen der Hölle.

»Worauf wollen Sie hinaus, Ms. Hartley?«, hakte Halloran noch einmal nach.

»Darauf, dass er sowohl charakterlos als auch furchtbar schlampig sein konnte, wenn man ihm die geringste Chance dazu gab. Wer in aller Welt würde sich die Mühe machen, einen Mann wie ihn umzubringen … jemanden, der sich seinen Lebensunterhalt damit verdiente, überteuerte Premium-Vitaminpräparate zu verkaufen? Einen Mann, der sein Berufsleben in einem Gewerbegebiet am Stadtrand von Leeds fristete? Soweit ich weiß, war er einfach nur gewöhnlich. Aber er war sicher nicht in finstere Geschäfte verwickelt.«

»Bisher sehen wir das genauso«, erklärte Halloran.

»Owen … tot«, sagte Kitt. Sie blickte auf und sah, dass sowohl Halloran als auch Banks sie anstarrten, und ihr trat eine Frage auf die Lippen. »Wie … ist er gestorben?«

Halloran trat einen Schritt auf den Stuhl zu, auf dem Kitt saß. »Das Opfer wurde gestern Nachmittag von seiner Putzfrau gefunden.«

Kitt widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. Owen und Evie hatten sich vor sechs Wochen getrennt, und Kitt hätte darauf gewettet, dass er in weniger als zwei Wochen erkennen würde, dass er den Haushalt nicht bewältigen könnte, ohne jemanden für das zu bezahlen, was er früher ihrer besten Freundin überlassen hatte.

»Der Gerichtsmediziner, der am Tatort war, hat bestätigt, dass es ein noch unbekanntes Gift war.«

»Gift.« Einen Moment lang wusste Kitt nicht, was sie sagen sollte. »Gift. Es gibt noch Leute, die mit Gift morden?«

»Toxische Substanzen sind leichter zugänglich als Messer und Schusswaffen«, sagte Halloran.

Kitt atmete tief ein und aus und versuchte, diese Information zu verarbeiten. Doch dann kam ihr ein anderer Gedanke. »Moment mal. Haben Sie schon mit Evie gesprochen? Über den Mord, meine ich.«

»Ja«, sagte Halloran.

»Gott, wie geht es ihr?«

»Sie wirkt … erschüttert«, antwortete Halloran und warf seiner Partnerin dann einen Seitenblick zu.

Kitt erstarrte auf ihrem Platz und nickte so höflich, wie sie konnte. Sie konnte sich vorstellen, dass diese Beschreibung eine Untertreibung war. Nach Evies Reaktion zu urteilen, als Owen sie zu seinen Lebzeiten verlassen hatte, vermutete sie, dass sie in diesem Moment in einer dunklen Ecke kauerte und dringend einen Malibu-Cola gebraucht hätte.

»Ms. Hartley, es tut mir leid, dass ich das fragen muss«, sagte Halloran. »Aber wo waren Sie Samstagnacht zwischen dreiundzwanzig und ein Uhr morgens?«

»Was? Sie haben doch gesagt, ich sei nicht verdächtig …«, gab Kitt zurück.

»Sie nicht«, erklärte Banks. Die ersten Worte, die die Beamtin äußerte, seit Kitt ihr begegnet war, wurden in einem eiskalten Ton gesprochen.

Kitt sah in Banks’ braune Augen und nahm sich einen Moment Zeit, um sowohl ihren Ton als auch die Worte selbst zu verdauen.

»Evie … Sie glauben, Evie ist dafür verantwortlich?«, fragte Kitt und zog angesichts dieser Möglichkeit die Nase kraus. »Wieso?«

»Wir haben unsere Gründe«, erklärte Banks mit immer noch gereizter, beinahe drohender Stimme. Kitt hatte keine Ahnung, was sie getan hatte, um das zu provozieren, doch sie kämpfte gegen ihren angeborenen Instinkt an, auf einer Antwort zu bestehen. Ihr ganzes Leben lang war Kitt eine Macherin gewesen. Sie war ehrgeizig gewesen und hatte akademisch brilliert, politische Demonstrationen zu wichtigen sozialen Belangen organisiert und war ganz allein um die Welt gereist. Doch am besten verstand sie sich darauf, ihr Schicksal auf die Probe zu stellen, und jetzt gerade schien das nicht die beste Taktik zu sein. Wie sie ihr Glück kannte, würde sie Evie nur noch größere Schwierigkeiten bereiten.

»Ich bin überrascht, nichts weiter«, sagte Kitt. »Ich kenne Evie seit Jahren, und wir sind sehr eng befreundet. Die Idee, dass es einen Grund geben könnte, sie eines Mordes zu verdächtigen, ist …« Lächerlich, dachte Kitt. »Unvorstellbar«, sagte sie laut.

»Nun, zum einen hat sie ein Motiv«, erklärte Halloran. »Und wie Sie selbst sagten, Ms. Hartley, haben wir in dieser Hinsicht nicht viele Anhaltspunkte. Mr. Hall hat ein sehr unkompliziertes Leben geführt.«

»Ja schon, aber …«, begann Kitt und verfluchte sich, weil sie Evies Lage, ohne es zu wollen, verschlimmert hatte.

»Und das ist nur der Anfang«, zischte Banks. »Mehrere Aspekte am Tatort weisen darauf hin, dass Ms. Bowes in den Mord verwickelt sein könnte. Sie täten gut daran, zu kooperieren und die Frage des Inspectors nach Ihrem Aufenthalt ohne weitere Ablenkungen zu beantworten«, erklärte sie.

Kitt starrte Banks an. Sie stellte sich vor, wie die beiden auf dem Weg zur Bibliothek eine Münze geworfen hatten und Banks die Rolle des bösen Cops abbekommen hatte. Warum Banks auf die Idee kam, dass es Kitt kooperativer machen würde, wenn sie sie in diesem Ton anredete, hätte diese nicht sagen können. Aber sie fühlte sich hin- und hergerissen, denn sie wollte auf der einen Seite die Beamten nicht noch weiter verärgern und auf der anderen ihre Freundin vor ihren Vorwürfen beschützen.

»Ich versichere Ihnen, dass es mein Ziel ist, mit Ihnen zu kooperieren«, protestierte Kitt. »Aber Sie müssen schon damit rechnen, dass jemand ziemlich ungläubig reagiert, wenn Sie zu ihm kommen und den sanftmütigsten Menschen, den er je kannte, des Mordes bezichtigen.«

»Keine weitere Verzögerungstaktik, Ms. Hartley«, sagte Banks mit ausdrucksloser, aber etwas weniger scharfer Stimme. »Wo waren Sie am Samstagabend?«

»Am Samstag … Evie und ich waren in meinem Cottage in der Ouse View Avenue.«

»Um welche Zeit ist Ms. Bowes eingetroffen?«, fragte Halloran.

»Gegen acht. Wir haben einen Film angesehen.«

»Was für einen Film?«

»Schlaflos in Seattle

Was ein grober Fehler gewesen war. Evie hatte behauptet, seit ihrer erst kurz zurückliegenden katastrophalen Trennung und einem anschließenden, noch desaströser verlaufenen ersten Date gehe es ihr besser, und sie würde die Schnulze schon überstehen. Kitt hatte es besser gewusst, doch ihre beste Freundin wollte nichts davon hören. Nach nicht einmal zwanzig Minuten hatte sich Evie die Augen ausgeweint. Alkohol war eben das am schnellsten wirksame Schmerzmittel. Kitt erinnerte sich, dass sie, nachdem der Sekt leer war, noch eine Flasche Sherry geöffnet hatten; alles danach war ziemlich verschwommen.

»Und um wie viel Uhr hat Ms. Bowes Sie verlassen?«, fragte Halloran.

»Gar nicht«, erklärte Kitt. »Evie hat in meinem Gästezimmer übernachtet.«

»Wann sind Sie zu Bett gegangen?«, wollte Halloran wissen.

»Also, wir hatten ziemlich viel Sherry getrunken, und unter solchen Umständen kann die Zeit ein wenig anders verlaufen; aber ich erinnere mich, dass ich, kurz bevor ich die Lampe ausgeknipst habe, auf die Uhr auf meinem Nachttisch gesehen habe, und da war es viertel vor eins.«

Halloran warf Banks einen Blick zu.

»Dann kann ich davon ausgehen, dass damit alles aufgeklärt ist?«, fragte Kitt, da der Gesichtsausdruck der Beamten ihr nichts verriet. »Ich meine, Evie war bei mir, also konnte sie Owen nicht umbringen.«

»Wenn man davon ausgeht, dass Ms. Bowes keinen Komplizen hatte«, sagte Banks.

Komplizen? Evies Namen im selben Satz mit diesem Wort zu hören, war lachhaft, aber Kitt war nicht besonders zum Lachen zumute. Sie hatte nicht vor, so zu tun, als könne sie Owen den Schmerz verzeihen, den er ihrer Freundin bereitet hatte, oder seine guten Eigenschaften herunterzuleiern, wie das Menschen immer taten, wenn jemand starb. Andererseits wünschte sie auch niemandem, durch Gift zu Tode zu kommen.

»Ich weiß, Sie glauben, Ihre Gründe zu haben, sie zu verdächtigen«, sagte Kitt, »aber Evie ist nicht Ihre Mörderin.«

Halloran verschränkte die Arme, die muskulös waren; wahrscheinlich, weil er trainierte, um Verbrecher verfolgen zu können. Seine Miene wirkte düsterer als noch gerade eben, und die Linien um seine Augenwinkel hatten sich vertieft. »Wir kennen Menschen nicht immer so gut, wie wir glauben.«

»Meine Evie kenne ich aber«, erklärte Kitt. »Abgesehen von allem anderen ist sie gerade dabei, über eine der verheerendsten Trennungen ihres Lebens hinwegzukommen. Momentan isst sie händeweise Haribos zum Frühstück. Wir können uns doch sicher darauf einigen, dass dies nicht das Verhalten eines kriminellen Superhirns ist, das einen komplizierten Plan ausheckt, um einen Ex-Liebhaber zu vergiften.«

»Darüber wird ein Gericht befinden«, sagte Banks.

Halloran hatte wohl Kitts verärgerte Miene wahrgenommen. »Danke für das, was Sie uns erzählt haben, Ms. Hartley. Aber wir sollten wieder zur Wache zurückfahren.«

»Gut«, sagte Kitt und stand von dem Lehnstuhl auf. »Aber können Sie mir sagen, wo sich Evie jetzt befindet?«

»Auf dem Revier natürlich«, erklärte Banks.

»Was?« Kitt hörte, wie ihre Stimme lauter wurde. »Moment mal, Sie haben Evie doch nicht eingesperrt, oder?«

»Nein«, sagte Halloran. »Sie ist freiwillig mitgekommen, um sich einer Befragung zu unterziehen, daher waren solche Maßnahmen in diesem Stadium nicht nötig. Aber ich leite hier eine Mordermittlung. Unsere Aufgabe ist, diese Untersuchung zu verfolgen, wohin auch immer sie führt, bis der Mörder der Justiz übergeben wird; und momentan weisen alle vorhandenen Indizien auf Ihre beste Freundin hin.«

Vier

Über zwei Stunden waren vergangen, seit Inspector Halloran und Sergeant Banks die Bibliothek verlassen hatten. In der Zwischenzeit hatte Kitt Studenten geholfen, mit dem Online-Zeitschriftenkatalog zurechtzukommen, sowohl Michelle als auch Ruby mit einem Minimum an Informationen über den Polizeibesuch beschwichtigt und mehrere Krisen bewältigt, die mit dem widerspenstigen Fotokopierer zu tun hatten. Nichts davon hatte sie langfristig davon ablenken können, dass ihre beste Freundin momentan die Hauptverdächtige in einer Mordermittlung war. In ihrer letzten Textnachricht hatte Evie geschrieben, die Polizei habe sie auf freien Fuß gesetzt und sie sei auf dem Weg zur Bibliothek; aber das Warten darauf, dass das Gesicht ihrer Freundin oben an der Treppe auftauchte, war mehr Spannung, als Kitt ertragen konnte.

Folglich tat sie das, was wahrscheinlich jede neugierige Seele unter diesen Umständen getan hätte: Sie schlug im Internet eine Liste verbreiteter Gifte nach und versuchte zu entscheiden, welches mit größter Wahrscheinlichkeit zu Owens Tod geführt hatte.

Ganz oben auf der Liste standen verschreibungspflichtige oder frei verkäufliche Medikamente. Kitt kniff die Augen zusammen. Soweit sie wusste, hatte Owen keine Medikamente eingenommen. Normalerweise wusste man so etwas nicht über den Freund seiner besten Freundin; aber Diskretion war nicht Evies Stärke, daher sagte sich Kitt, wenn Owen Medikamente eingenommen hätte, dann hätte sie davon gehört.

Als Nächstes stand Kohlenmonoxid auf der Liste. Kitt biss sich auf die Unterlippe und dachte einen Moment lang nach. Die Polizei hatte keine Hinweise darauf gegeben, wie sie die Leiche vorgefunden hatte, und auch sonst keine Anhaltspunkte. Diese Leute waren doch sicher in der Lage, einen Giftmord von einem mit Gas begangenen Selbstmord zu unterscheiden? Trotzdem eine Möglichkeit, wenn der Mörder gewusst hatte, was er tat, was nach der Schilderung des Verbrechens wahrscheinlich der Fall war.

Die Bibliothekarin wollte gerade zu einer Liste giftiger Reinigungsmittel übergehen, als eine vertraute Stimme nach ihr rief. »Kitt!«

Evies Schrei übertönte das Surren des Fotokopierers im zweiten Stock, das leise Stimmengewirr von Lerngruppen in der Arbeitsecke, die über Ideen wie die »androgyne Psyche« diskutierten, und das angestrengte Stöhnen des altersschwachen Tintenstrahldruckers auf Grace’ Schreibtisch.

Die Bibliothekarin wandte sich Evies Stimme zu. Sie kam von der Treppe her auf die Studenteninformation zu. Ihr türkisfarbener, mit Schirmen bedruckter Regenmantel verdeckte die cremefarbenen Drillichhosen und das T-Shirt, die sie bei ihrer Arbeit als Physiotherapeutin trug. Evies hängende Schultern verrieten, dass sie betrübt war, doch ihre Miene wirkte einigermaßen gefasst. Kitt vermutete, dass sie versuchte, ihren Gang und ihren Gesichtsausdruck der Umgebung anzupassen, da sie sich bewusst war, dass in einer Kleinstadt wie York bald der Klatsch Wogen schlagen würde, wenn eine Frau in der Universitätsbibliothek einen hysterischen Anfall bekam. Doch nach einer Minute überwältigte sie der Drang, sich Kitt zu nähern, und sie verfiel in einen leichten Trab. Ihr kurzen, wasserstoffblonden Locken wippten, als sie die letzten Meter zurücklegte, die sie noch trennten.

Kitt schlang die Arme um Evie und sog den Duft ihres Parfüms ein. Die Kopfnote roch nach Mandeln und sorgte an einem normalen Tag dafür, dass die Bibliothekarin hungrig wurde, aber nicht heute. Über einen Mord verhört zu werden, war mehr als ausreichend, um Kitt den Appetit zu verderben. Nun ja, zumindest eine oder zwei Stunden lang.

In der warmen Umarmung ihrer Freundin spürte Kitt den plötzlichen Drang, in Tränen auszubrechen. Sie brachte es fertig, den Impuls zu unterdrücken, aber nur, weil sie darin gut trainiert war.

»Er ist tot …«, schluchzte Evie an Kitts Schulter und schmiegte sich mit ihrem elfenschmalen Körper an ihre kräftigere beste Freundin. Kitt legte das Kinn auf Evies Schulter und sah, dass mehrere Studenten in die Richtung schauten, in der Evie leise weinte, aber sie gab nichts darauf. In diesem Moment wollte sie nur, dass ihre Freundin sich geliebt fühlte.

»Ich weiß, ich weiß, und es tut mir so leid. Pst«, sagte Kitt beruhigend, strich mit der Hand über Evies Haar und drückte sie noch fester.

»Sie dachten, ich wäre das gewesen«, schluchzte Evie. »Dass ich …«

»Ich weiß«, erklärte Kitt, ergriff dann Evies Arme und schob sie einen Schritt zurück, sodass sie sie beim Sprechen ansehen konnte. »Aber ich weiß, dass du es nicht getan hast. Ich weiß, dass du an diesem Abend zu bestürzt über Meg Ryans entzückendes Spiel warst, um einen Mord zu begehen.«

»Oh, bring mich jetzt bloß nicht zum Lachen«, sagte Evie und stieß etwas zwischen einem Kichern und einem Schluchzen aus. »Es ist nicht fair. Das ist furchtbar.«

»Ich sag es nur so, wie es war«, zog Kitt sie weiter auf. »Und noch etwas: Wie hast du es bloß geschafft, dass bei der ganzen Heulerei dein Lidstrich nicht verwischt ist?«, fragte sie.

Ein leises Lächeln schlich sich auf Evies Lippen. »Ich bring’s dir bei. Sobald ich weiß, was zur Hölle ich tun soll.«

»Was musst du denn tun? Die Polizei hat dich doch laufen lassen, oder?«

Evie blickte über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass niemand ihr Gespräch belauschte. Sie senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Noch bin ich nicht aus dem Schneider. Sie sagen, sie wollen vielleicht noch einmal mit mir sprechen, wenn neue Indizien ans Licht kommen. Kitt …« Sie unterbrach sich. »Da waren … Indizien am Tatort, die auf mich hingewiesen haben.«

Kitt runzelte die Stirn. »Was für Indizien?« Doch dann hob die Bibliothekarin die Hand, um Evie zum Schweigen zu bringen. »Darüber reden wir besser unter vier Augen.

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