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Mord Ahoi!

Über Frida Mey

Hinter Frida Mey verbergen sich Friedlind Lipsky und Ingeborg Struckmeyer, die ihre Figuren am liebsten gemeinsam um die Ecke bringen. Friedlind Lipsky arbeitet als Journalistin und lässt sich von den Abgründen ihres Umfelds zu ihren tödlichen Einfällen inspirieren. Ingeborg Struckmeyer lebt in München und sammelte ihre Mordserfahrung in Kurzgeschichten, die mehrfach ausgezeichnet wurden.

Bei Aufbau Taschenbuch liegen ihre Romane »Manchmal muss es eben Mord sein. Ein Büro-Krimi« und »Radieschen von unten. Ein Bestatter-Krimi« vor. Der dritte Fall um Elfie Ruhland »Mord ahoi! Ein Kreuzfahrt-Krimi« erscheint im Februar 2015.

Informationen zum Buch

Mops an Bord

Selten wurde so nett und freundlich gemordet wie von Elfie Ruhland, diesmal an Bord eines Kreuzfahrtschiffs und in Begleitung von Mops Amadeus: Während Kommissarin Alex das plötzliche Verschwinden des Chefcroupiers aufzuklären versucht, soll die patente Elfie eigentlich die Arbeitsabläufe an Bord in Ordnung bringen. Dabei trifft sie erneut auf einen Vorgesetzten, der seine Mitarbeiter schikaniert. Und das gefällt ihr gar nicht …

»Für alle, die beim ›Tatort‹ immer hoffen, dass die Bösewichte ungestraft davonkommen.« Freundin

»Eine Mordslust.« Süddeutsche Zeitung

»Ein bittersüßes Vergnügen voll schwarzem Humor und Herz.« Literaturmarkt

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1.

Was für ein herrlicher Tag! Die Sonne schien von einem klaren blauen Himmel und ließ den Schnee wie ein Meer aus Kristallen glitzern. Elfie Ruhland durchquerte den Waldfriedhof forschen Schrittes und sang eins ihrer Lieblingslieder der Comedian Harmonists.

»Liebling, mein Herz lässt dich grüßen …«

Elfie amüsierte sich über die kleinen Dampfwolken, die sie beim Singen in der Kälte ausstieß.

Bei Ludwig angekommen, öffnete sie ihre voluminöse Tasche und holte einen kleinen Handbesen hervor, fegte den Schnee von der Bank und legte ihre Thermodecke darauf. Dann trat sie an das Grab, entfernte das ausgebrannte Grablicht und zündete ein neues an.

»Hallo Ludwig«, begrüßte Elfie ihren Verlobten. »Ist das nicht ein wundervoller Tag heute? Aber ganz schön kalt, nicht wahr?«

Sie klopfte den Schnee von ihren Handschuhen. Das Grablicht flackerte.

»Ich habe mir schon gedacht, dass du frierst, und uns deswegen einen heißen Punsch mitgebracht. Einen Moment.«

Elfie wandte sich zur Bank, holte die Thermoskanne aus ihrer Tasche und füllte einen Becher mit der dampfenden Flüssigkeit. Vorsichtig nippte sie daran.

»Für mich ist es noch zu heiß. Aber du kannst ja ordentlich Hitze vertragen.«

Mit diesen Worten verteilte sie den Inhalt des Bechers vorsichtig über das Grab, damit die hübsche Schneedecke nicht allzu sehr zerstört wurde.

»Ich habe dieses Mal den Orangensaft frisch gepresst und eine ganze Zimtstange hineingetan. Schmeckt es dir?«

Erwartungsvoll drehte Elfie sich zum Grablicht.

Es flackerte.

»Schön. Das freut mich.«

Sie setzte sich auf die Bank und füllte den Becher erneut mit Punsch.

»Stell dir vor, Ludwig, meine Arbeit bei Cord Claaßen Seereisen ist so gut wie abgeschlossen, viel früher als erwartet. Aber ich musste dort auch kein zusätzliches Projekt in Angriff nehmen, denn schikanierende Vorgesetzte sind in dieser Firma weit und breit nicht in Sicht.«

Jedenfalls bisher nicht, fügte sie in Gedanken hinzu. Allerdings hatte sie die neue Filiale der Reederei erst aufgebaut und dabei natürlich die Mitarbeiter sorgfältig ausgewählt. Aber man wusste ja nie, vielleicht entpuppte der eine oder andere sich später noch als Tyrann. Darum würde sie sich bei einem eventuellen Anschlussauftrag kümmern müssen.

Elfie lächelte und wärmte sich die Hände an dem heißen Becher.

»Da ging mir die Arbeit natürlich viel schneller von der Hand – ohne Beobachten eines Delinquenten, ohne Einträge in mein Notizbuch und ohne zeitaufwendige Suche nach Unfallmöglichkeiten und das Abpassen eines günstigen Augenblicks. Andererseits …«

Je intensiver sie darüber nachdachte, desto deutlicher kristallisierte sich ein unbestimmtes Gefühl der Leere und Unzufriedenheit heraus. Ohne Projekt hatte ihr eindeutig etwas gefehlt. Mittlerweile war es ihr in Fleisch und Blut übergegangen, unliebsame Zeitgenossen aus dem Weg zu räumen.

Kurz erinnerte sie sich an ihren guten Vorsatz vom vergangenen Jahr, ihre ordnenden Hände nur noch bei Akten und Arbeitsabläufen zum Einsatz zu bringen. Nun, für alle Regeln gab es Ausnahmen. Diesen Gedanken behielt sie jedoch lieber für sich.

»Du kannst zufrieden sein, Ludwig. Du wolltest ja keine Projekte dieser Art mehr.«

Auch wenn du dich früher nicht so geziert hast, dachte sie bei sich. Ludwig war jetzt mehr als dreißig Jahre tot. Seither hatte sie sich bei all ihren Vorhaben stets Rat und Unterstützung bei ihm geholt und viel Gutes bewirkt – bis zum Fall Windisch.

Elfie lief es kalt den Rücken herunter, als sie an das Fiasko bei der Sekuranz-Versicherung dachte. Dort war ihr zum ersten Mal in ihrer langen und erfolgreichen Laufbahn als selbständige Office-Managerin, die von Firma zu Firma zog und dort in jeder Beziehung für Ordnung sorgte, ein Projekt aus dem Ruder gelaufen – weil Ludwig nicht mehr mit ihr gesprochen hatte. Oder waren sie beide inzwischen zu alt für solch anspruchsvolle Aufgaben? Immerhin wurde Elfie nächstes Jahr 63.

Sie sah zum Grablicht hinüber. Es brannte nur schwach. Elfie wollte schon nachschauen, ob der Docht womöglich zu kurz war.

»Möchtest du noch etwas Punsch, mein Lieber?«

Das Grablicht flackerte heftig, der Docht war offenbar in Ordnung.

Elfie war froh, dass Ludwig so deutlich mit ihr sprach, und erfüllte ihm seinen Wunsch.

Mittlerweile war die Sonne verschwunden, und es fing zu schneien an. Elfie fröstelte und packte ihre Sachen zusammen.

»Ich muss los. Nachher treffe ich mich noch mit Paul-Friedrich. Wir gehen zum Tango und …« Sie zögerte einen Moment. »Ich überlege, ob ich nächstes Jahr mit ihm gemeinsam in den Urlaub fahren soll. Was hältst du davon?«

Jetzt war es heraus. Beklommen sah Elfie zum Grablicht, das ungerührt vor sich hin brannte.

»Du hast keinen Grund, eifersüchtig zu sein. Dadurch ändert sich zwischen uns überhaupt nichts«, beteuerte Elfie. »Also, was sagst du?«

Sie fixierte das Grablicht genau. Doch die Flamme bewegte sich kein bisschen. Dann wurde sie von einer Schneeflocke ausgelöscht.

Elfie schnappte nach Luft. So deutlich hatte Ludwig sein Missfallen noch nie zum Ausdruck gebracht.

Auf dem Heimweg beschloss sie, künftig Grablichter mit Deckel zu kaufen. Dann konnte so etwas nicht noch einmal passieren.

»Jingle bells, jingle bells, jingle all the way«, dudelte es in Endlosschleife vom Weihnachtsmarkt zum Polizeipräsidium herüber.

Kriminalkommissarin Alexandra von Lichtenstein schob entnervt ihren Stuhl zurück, eilte zum Fenster und schloss es wieder. Dann eben keine Frischluft. Davon würde sie ja im Skiurlaub reichlich bekommen. Sie freute sich schon darauf.

Die Bürotür öffnete sich, und Alex’ Kollegin Gudrun stürmte herein, schälte sich aus Steppjacke und Pudelmütze und warf beide achtlos auf den Besucherstuhl.

»Na, wie ist es bei Gericht gelaufen?«, fragte Alex.

»Ganz gut«, entgegnete Gudrun und ließ sich auf ihren Drehstuhl fallen. »Aber unser lieber Staatsanwalt Doktor Prinz macht immer noch ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Scheint ihm sehr nahezugehen, dass du ihn abserviert hast und reumütig zu Hubert zurückgekehrt bist. Was soll man dazu auch sagen? Ich kann es auch nicht begreifen.«

»Fang nicht wieder damit an!«, brauste Alex auf. »Du weißt doch, dass Hubert Besserung gelobt hat. Da musste ich ihm noch eine Chance geben.«

»Du musstest überhaupt nichts«, konstatierte Gudrun trocken. »Außerdem gebe ich dir Brief und Siegel, dass Hubert sich nie ändern wird. Bei ihm kommen an erster Stelle immer die Regenwürmer und dann erst du.«

Alex öffnete den Mund, um Huberts Zoologenehre zu verteidigen. Doch sie winkte nur müde ab. Diese Diskussion führte zu nichts.

Aber Gudrun gab keine Ruhe. »Und wenn du glaubst, der Skiurlaub könnte eure Beziehung kitten, irrst du dich gewaltig.«

»Warum denn nicht?«, gab Alex patzig zurück. »Wenn wir zwei Wochen fern vom Alltag ganz für uns haben …«

»Dann sind hinterher die Probleme immer noch dieselben«, unterbrach Gudrun sie. »Du hast etwas Besseres verdient.«

In dem Moment wurde die Tür aufgerissen, und Hauptkommissar Brause polterte herein. »Na, Mädels, habt ihr nichts zu tun? Ich warte noch auf einige Berichte.«

Alex, froh über die Unterbrechung und den Themenwechsel, griff nach den Mappen auf ihrem Schreibtisch und hielt sie ihrem Chef entgegen.

»Von meiner Seite ist alles erledigt«, erklärte sie. »Sonst könnte ich morgen nicht ruhigen Gewissens in den Urlaub gehen.«

Brause nahm die Mappen mit einem anerkennenden Grunzen in Empfang. »Vorbildlich wie immer. Da könnte sich manch einer eine Scheibe abschneiden.«

Er klopfte Alex auf die Schulter und sah auffordernd zu Gudrun hinüber. Die verdrehte nur die Augen.

Brause wandte sich wieder an Alex. »Wo geht es denn hin, Prinzessin? – Verflixt, so wollte ich dich ja nicht mehr nennen. Kannst du mir noch ein einziges Mal verzeihen?«

Brause zog ein derart schuldbewusstes Gesicht, dass Alex lachen musste.

»Ein einziges Mal will ich noch Gnade vor Recht ergehen lassen«, sagte sie.

Brause hatte sie lange Zeit ausschließlich mit Adelstiteln angeredet, um sich über das »von« in ihrem Namen lustig zu machen – bis zu dem Tag, an dem sie sich das nicht mehr gefallen ließ. Doch ab und zu rutschte ihm noch ein »Hoheit« oder »Gräfin« heraus.

Insgeheim vermisste Alex diese Bezeichnungen ein wenig, auch wenn sie es niemals zugeben würde. Nachdem sie sich ihrem Chef gegenüber behauptet hatte, empfand sie seine Anreden nicht mehr als Beleidigung.

»Hubert und ich fahren nach Südtirol zum Skilaufen«, fuhr sie fort.

»Dann wünsche ich viel Spaß«, sagte Brause und wandte sich zum Gehen. »Es wird übrigens Zeit, dass du deinen Regenwurmexperten endlich ehelichst. Wenn du Schmid-Reichenwald heißt, kann ich wenigstens Frau Bindestrich zu dir sagen.«

Er zwinkerte Alex spitzbübisch zu und verließ eilig das Zimmer.

2.

Cord Claaßen III. machte einen überaus zufriedenen Eindruck. Zu Recht, fand Elfie, denn der heutige Eröffnungstag der CCS-Filiale, zu dem der Seniorchef höchstpersönlich angereist war, hatte sich als voller Erfolg erwiesen.

»Schon siebenundzwanzig feste Buchungen. Respekt«, dröhnte Claaßens Stimme so laut durch das kleine Besprechungszimmer, als ob er vor einer riesigen Menschenmenge sprechen würde.

Elfie wusste jedoch, dass er schwerhörig war und sich weigerte, ein Hörgerät zu tragen.

»Das ist etwas für alte und gebrechliche Leute«, hatte er vor versammelter Mannschaft erklärt. Mit seinen 75 Lenzen stehe er dagegen noch in der Blüte seines Lebens.

»Sie haben hervorragende Arbeit geleistet, Frau Ruhland«, donnerte Claaßen jetzt weiter. »Perfekte Räumlichkeiten, vielversprechende Mitarbeiter und effiziente Arbeitsabläufe.«

»Vielen Dank«, sagte Elfie und freute sich über das differenzierte Lob. »Aber der Aufbau Ihrer neuen Filiale war ja mein Auftrag. Und wenn ich eine Aufgabe übernehme, dann erledige ich sie auch so gut wie möglich.«

»Das ist eine Arbeitsauffassung, die ich sehr schätze. Immer volle Kraft voraus«, röhrte Claaßen.

Dann beugte er sich zu Elfie hinüber und sprach plötzlich in normaler Lautstärke weiter. »Eine solche Einstellung findet sich leider nur noch bei uns Dinosauriern – nichts für ungut, aber wir sind ja beide nicht mehr ganz taufrisch. In der heutigen Spaßgesellschaft zählt sie nichts mehr.«

Bei dem Wort Dinosaurier zuckte Elfie kurz zusammen, ließ es jedoch unkommentiert. Denn viel interessanter fand sie, dass Claaßen plötzlich nicht mehr schrie.

Dieser schien ihre Gedanken zu erraten.

»Ich bin überhaupt nicht schwerhörig«, erklärte er schmunzelnd. »Aber nachdem mein Sohn das seit Jahren behauptet, lasse ich ihn und den Rest der Welt gern in dem Glauben. Sie können sich nicht vorstellen, was ich dadurch alles belauschen kann. Unter uns Pastorentöchtern ist das jedoch nicht nötig.«

Er kicherte.

Elfie wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Auf jeden Fall empfand sie das Gespräch mit weniger Phon als deutlich angenehmer.

»Doch zurück zum Geschäftlichen.« Claaßen wurde wieder ernst. »Eine qualifizierte Mitarbeiterin wie Sie möchte ich gern weiterbeschäftigen. Deswegen habe ich Sie auch zu so später Stunde zu dieser Unterredung gebeten, denn ich muss heute noch nach Bremerhaven zurück.«

»Das ehrt mich sehr«, warf Elfie sofort ein. »Aber ich arbeite grundsätzlich nur selbständig und möchte mich nicht an eine Firma binden. Mir gefällt es, immer wieder neuen Herausforderungen entgegenzutreten.«

Claaßen hob beschwichtigend die Hände.

»Keine Bange, ich will Sie nicht in Ketten legen, sondern Sie nur für einen weiteren Auftrag gewinnen – der allerdings viel Fingerspitzengefühl erfordert und absoluter Vertraulichkeit unterliegt. Interesse?«

»Sie machen mich neugierig.« Elfie beugte sich erwartungsvoll vor. »Worum geht es?«

»Gerade habe ich die neuesten Umsatzzahlen auf den Tisch bekommen«, erläuterte Claaßen. »Daraus geht hervor, dass die Aphrodite zum wiederholten Mal deutlich niedrigere Gewinne erwirtschaftet hat als unsere anderen Schiffe. Mein Sohn hat das schon überprüfen lassen und keine Unregelmäßigkeiten gefunden. Ich bin mir jedoch sicher, dass da etwas faul ist. Ich kann es förmlich riechen.«

»Und worin würde meine Aufgabe liegen?«, fragte Elfie.

»Sie sollen meine Augen und Ohren auf der Aphrodite sein und herausfinden, was da schiefläuft. Offiziell haben Sie den Auftrag, Buchhaltung und Arbeitsabläufe zu überprüfen und Neuerungen auf dem Schiff zu bewerten. Dadurch haben Sie Zugang zu allen Bereichen. Sie berichten ausschließlich an mich. Besondere Aufmerksamkeit sollten Sie dem Spielcasino widmen. Das bringt so wenig Geld ein, dass der Betrieb sich kaum lohnt.«

»Ich soll auf dem Schiff mitfahren?«, fragte Elfie freudig überrascht.

Vielleicht könnte sie Paul-Friedrich mitnehmen, mit dem sie ohnehin eine Kreuzfahrt geplant hatte. Dieser könnte sich zudem mit seiner Erfahrung beim Roulette als verdeckter Ermittler im Casino nützlich machen. Irgendwie fügte sich wieder einmal alles.

»Ist das ein Ja?«, hakte Claaßen nach.

Elfie nickte.

»Gut, dann gehen Sie am besten gleich nach Hause und packen. Die Aphrodite läuft am Samstag in Genua aus.«

»Das ist ja schon in drei Tagen«, sagte Elfie erschrocken.

»Genau. Und die Reise dauert drei Wochen. Sie können dem Weihnachtsrummel hier entfliehen. Ich beneide Sie. Leider sind jedoch nur noch Personalkabinen frei. Dafür kann ich Ihnen eine zweite Kabine zur Verfügung stellen, wenn Sie eine Begleitperson mitnehmen möchten – selbstverständlich alles inklusive und kostenlos.«

Elfie schwirrte der Kopf. Nach dem langen und anstrengenden Tag kam das ein wenig plötzlich. Andererseits konnte sie sich ein so lukratives Angebot nicht entgehen lassen – drei Wochen Kreuzfahrt mit Paul-Friedrich zum Nulltarif. Sie würde durch ihren Auftrag sogar noch Geld verdienen, und sie liebte es, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

»Ich erwarte täglich Meldung von Ihnen.« Claaßen gab Elfie eine Visitenkarte. »Hier ist meine private E-Mail-Adresse. Haben Sie einen Hund?«

»Ja … nein … eigentlich nicht«, stotterte Elfie, verwirrt von dem abrupten Themenwechsel.

»Ist auch egal.« Claaßen winkte ab.

In dem Moment öffnete sich die Tür, der Filialleiter steckte den Kopf herein und deutete auf seine Armbanduhr. »Wenn Sie den letzten Flieger noch erwischen wollen, ist es höchste Zeit.«

»Ja, ich komme schon«, dröhnte Claaßen jetzt wieder in voller Lautstärke. »Wegen der Reisedetails wird sich mein Büro morgen mit Ihnen in Verbindung setzen, Frau Ruhland.«

Er stand auf und schüttelte Elfie die Hand.

»Also: Schiff ahoi!« Mit diesen Worten eilte er aus dem Raum.

Alex hievte den großen blauen Koffer vom obersten Regalbrett herunter und legte ihn geöffnet auf das Bett. Zuerst packte sie die Skibekleidung ein: Thermo-Unterwäsche, Socken, Rollis und Fleecejacken.

Während sie geschäftig hin und her lief, kam der Mops Amadeus ins Schlafzimmer gewatschelt, ließ sich vor dem Bett nieder und verfolgte jeden ihrer Handgriffe – mit trauriger Miene, wie Alex mit einem Anflug von schlechtem Gewissen empfand.

Sie kniete sich vor den Hund hin und streichelte ihn.

»Jetzt zieh nicht so ein Gesicht«, sagte sie. »Zum Skifahren können wir dich nicht mitnehmen. Aber du darfst bei Elfie bleiben. Die magst du doch.«

Bei Elfies Erwähnung wedelte Amadeus mit seinem Ringelschwänzchen. Alex stand auf und holte die Skianzüge. Der Mops seufzte, legte den Kopf zwischen den Vorderpfoten flach auf den Boden und blickte noch zerknautschter drein als vorher.

»Du bist wirklich arm dran«, sagte Alex. »Zuerst lädt dich dein Frauchen bei uns ab, und jetzt lassen wir dich auch noch im Stich.«

Alex ärgerte sich immer noch, dass Huberts Tante Lydia, die eine üble Xanthippe war, ihnen das Tier einfach mit Sack und Pack vorbeigebracht hatte, um am nächsten Tag eine viermonatige Kreuzfahrt anzutreten.

»Bevor wir beide noch trübsinnig werden, mache ich uns Musik an«, sagte Alex und schaltete das Radio auf ihrem Nachtschränkchen ein.

»Love, love me do. You know I love you«, klang es aus dem Lautsprecher.

Mit diesem Song trafen die Beatles genau Alex’ Gefühlslage. Sie liebte Hubert noch immer, und deswegen hatte sie Staatsanwalt Constantin Prinz einfach nicht näher an sich heranlassen können, so nett und charmant er auch sein mochte. Vor allem hatte sie es nicht mehr gekonnt, nachdem Hubert bei einer Aussprache beteuert hatte, künftig mehr Zeit mit ihr verbringen zu wollen. Doch schon kurz darauf kamen wieder wichtige Termine dazwischen. Hubert ging völlig in seinem Beruf auf, das war schon immer so gewesen. Alex hatte das zu Beginn als interessant empfunden, zumal sie selbst ebenfalls viel arbeitete. Inzwischen kam es ihr jedoch so vor, als ob in Huberts Leben neben den Regenwürmern kein Platz für sie war. So konnte es nicht weitergehen.

Alex setzte ihre ganze Hoffnung auf den Urlaub. Fernab vom Alltag könnten sie sich in Ruhe über ihre Erwartungen aneinander und an ihre Beziehung klar werden. Vielleicht war dann doch noch eine gemeinsame Zukunft möglich.

In der Oldie-Sendung im Radio wurde jetzt Elvis Presley gespielt. Alex sang mit ihm um die Wette:

»It’s now or never. Come hold me tight.«

Nachdem sie die voluminösen Skianzüge in den Koffer gestopft hatte, ließ dieser sich nicht mehr schließen. Sie warf sich auf die eine Seite, doch es reichte einfach nicht, und die andere Seite klaffte dadurch umso weiter auseinander.

Hilfesuchend sah Alex sich um, bis ihr Blick auf Amadeus fiel.

»Ich brauche dich«, sagte sie kurzerhand, hob den Mops hoch und setzte ihn auf eine Seite des Koffers. Sofort senkte sich der Deckel um ein paar Zentimeter. Alex presste sich auf die andere Seite, und das Schloss rastete ein.

»Jetzt bin ich ausnahmsweise froh, dass du immer noch vierzehn Kilo wiegst.« Alex grinste und tätschelte Amadeus. »Aber deine Diät geht natürlich weiter.«

Sie beförderte den Hund wieder auf den Boden und schüttelte unwillkürlich den Kopf, als sie daran dachte, wie oft Lydia den Mops mit Pralinen gefüttert hatte. Seit er sich in ihrer Obhut befand, wurde er gesund ernährt, bekam viel Auslauf und hatte schon drei Pfund abgenommen.

Die Haustür klappte.

»Hallo, niemand zu Hause?«, ertönte Huberts Stimme von unten.

So früh hatte Alex ihn nicht erwartet. Rasch lief sie die Treppe hinunter. Amadeus folgte ihr in gemächlicherem Tempo.

Hubert stand in der Diele – in einer Hand einen riesigen Blumenstrauß, in der anderen eine Flasche Champagner – und strahlte aus allen Knopflöchern.

Alex’ Herz machte einen kleinen Hüpfer vor Freude. Offenbar setzte Hubert ebenfalls seine Hoffnungen auf den Urlaub und wollte ihn entsprechend einläuten.

Er breitete die Arme aus, umschloss sie mitsamt seinen Mitbringseln, wirbelte sie herum und küsste sie so stürmisch wie schon lange nicht mehr. Alex spürte ein angenehmes Kribbeln im Bauch. Als sie sich voneinander lösten, überreichte Hubert ihr mit einer formvollendeten Verbeugung die Blumen.

»Für die schönste Frau der Welt«, sagte er.

Alex nahm den Strauß in Empfang und schnupperte daran. Die Rosen und Lilien verbreiteten einen betörenden Duft.

»Vielen Dank, die sind wundervoll«, sagte Alex gerührt. »Der Strauß muss ein Vermögen gekostet haben, mitten im Winter.«

Beinahe hätte sie hinzugefügt: Da wir übermorgen wegfahren, ist das eigentlich eine Verschwendung. Sie wollte jedoch die Harmonie des Augenblicks nicht aufs Spiel setzen und behielt den Gedanken lieber für sich.

»Besondere Gelegenheiten erfordern besondere Maßnahmen«, erwiderte Hubert lachend. »Einen guten Tropfen habe ich uns auch mitgebracht.«

Er wies auf das Etikett. »Ein Veuve Clicquot Ponsardin. Damit stoßen wir gleich an.«

Alex freute sich über den Elan, mit dem Hubert ihrer Beziehung neues Leben einhauchen wollte. Es fühlte sich fast so an, als wären sie frisch verliebt.

»Ich stelle nur schnell die Blumen in die Vase«, sagte sie und verschwand in der Küche.

Als sie mit dem kunstvoll arrangierten Strauß ins Wohnzimmer kam, ließ Hubert gerade den Korken knallen, füllte zwei Sektflöten und reichte ihr eine davon. Amadeus hatte auf seinem Hundesofa Platz genommen.

»Worauf trinken wir? Auf uns?«, schlug Alex vor und lächelte Hubert an.

»Ja, ja, natürlich«, entgegnete Hubert und prostete ihr zu.

Sie tranken einen Schluck. Der Champagner prickelte angenehm auf der Zunge.

»Es gibt noch einen Grund«, platzte Hubert heraus.

Auf seine überschäumende Freude konnte Alex sich langsam keinen Reim mehr machen.

»So? Welchen denn?«, fragte sie vorsichtig.

»Du wirst es nicht glauben. Ich habe den außergewöhnlichsten Forschungsauftrag unserer Tage bekommen. Im amerikanischen Great Smoky Mountains National Park sind ein asiatischer Amynthas agrestis sowie eine weitere Regenwurmart gefunden worden, die offenbar noch nicht klassifiziert ist.«

Huberts Augen leuchteten. Er fuchtelte aufgeregt mit den Händen. »Vor allem für Letzteres braucht man meine Expertise. Darüber hinaus bietet sich mir dadurch die Chance, beim Biodiversitätsexperiment mitzuarbeiten.«

Alex versuchte, sich mit Hubert zu freuen. Doch es gelang ihr nicht. In ihrem Inneren breitete sich lähmende Enttäuschung aus. Wieder einmal war es der Beruf, der Huberts Leidenschaft wachrief. Und sie hatte geglaubt, er lege sich so ins Zeug, um ihr zu gefallen.

Während Hubert weiterredete und seine Worte mit ausholenden Gesten unterstrich, glitt Amadeus von seinem Sofa herunter, trippelte auf Alex zu und legte sich auf ihre Füße. Es kam ihr vor, als wolle er sie trösten.

»Die Auswirkungen auf die etablierten Räuber-Beute-Beziehungen und damit auf das gesamte Ökosystem sind noch gar nicht absehbar«, führte Hubert gerade aus. »Da ergeben sich spannende Fragestellungen.«

Er trank sein Glas in einem Zug leer und füllte es wieder auf. »Zur Feier des Tages habe ich für zwanzig Uhr einen Tisch im Königshof reserviert. Da wollten wir doch schon lange zusammen hin«, fuhr Hubert fort.

Alex schluckte. Irgendwie fühlte sich alles falsch an. Trotzdem riss sie sich zusammen und brachte ein Lächeln zustande.

»In den Königshof, wow! Da muss ich mich noch ein bisschen zurechtmachen. Für wann ist das Projekt geplant, für nächsten Sommer?«

Hubert sah sie verständnislos an. »Das ist eine hochbrisante Geschichte. Ich muss sofort dorthin, bevor der Boden gefroren ist.«

»Was meinst du mit sofort?« Alex’ Stimme klang in ihren eigenen Ohren schrill.

»Corinna und ich fliegen morgen Abend. Früher ging es leider nicht.«

»Spinnst du eigentlich?« Alex sprang so plötzlich auf, dass Amadeus von ihren Füßen purzelte, und funkelte Hubert zornig an. »Was ist mit unserem Urlaub? Was ist mit unserer Beziehung, über die wir in Ruhe reden wollten? Statt auch nur ein einziges Mal die Priorität auf uns und unsere Zukunft zu legen, interessierst du dich wieder nur für deine Arbeit – und für Corinna Rieker natürlich.«

»Jetzt fang nicht wieder damit an.« Huberts Miene hatte sich bei ihren letzten Worten schlagartig verdüstert. »Corinna ist eine qualifizierte Kollegin, mit der ich gern zusammenarbeite, sonst nichts. Wie oft soll ich dir das noch erklären?«

Er schenkte sich das dritte Glas Champagner ein, kippte es herunter und lehnte sich seufzend in seinem Sessel zurück. »Den Urlaub holen wir natürlich nach, sobald ich zurück bin.«

»Und wann wäre das, bitte schön?«, fragte Alex mit schneidender Stimme, doch eigentlich wollte sie die Antwort überhaupt nicht mehr hören.

Hubert räusperte sich und schien seine Worte abzuwägen.

»Nun, bei der komplexen Problematik ist das schwer abzuschätzen. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass wir in drei oder vier Monaten erste Ergebnisse …«

»Drei oder vier Monate«, brauste Alex auf. »Das ist wohl nicht dein Ernst. Du lässt mich über Weihnachten und Silvester allein hier sitzen und kommst vielleicht in einem Vierteljahr mal wieder.«

»Es handelt sich um eine einmalige Chance«, gab Hubert patzig zurück. »Das musst du doch verstehen.«

»Ich muss überhaupt nichts.« Alex spürte, wie es in ihrer Kehle brannte.

»Lass uns im Königshof über alles reden. Ich dachte …«

»Du dachtest, mit einem Abendessen im Gourmetrestaurant, Blumen und Champagner könntest du mich darüber hinwegtäuschen, dass du nicht die geringste Absicht hast, etwas zu ändern. Du willst einfach weitermachen wie bisher«, fauchte Alex. »Aber da hast du dich gewaltig geschnitten.«

»Jetzt wirst du ungerecht.« Nun gab Hubert den Beleidigten. »Ich tue doch alles für dich.«

Alex lachte bitter auf. »Spar dir deine Worte. Wenn du immer noch nicht gemerkt hast, dass es fünf vor zwölf ist, kann ich dir auch nicht helfen.«

Hubert stand auf. »Lass uns doch einen schönen Abend im Königshof verbringen und alles in Ruhe besprechen.«

Er machte ein paar Schritte auf sie zu und wollte sie in den Arm nehmen.

Doch Alex wich vor ihm zurück. »Deinen Königshof kannst du dir sonst wo hinschieben. Und geredet haben wir genug. Aber es hat sich nichts geändert. Ich lasse mich nicht mehr vertrösten.«

Hubert ließ die Arme sinken. »Jetzt sei doch nicht so kompromisslos!«

»Wenn hier einer kompromisslos ist, dann wohl du.« Alex drehte sich um und rauschte hinaus.

Im Schlafzimmer lief immer noch das Radio. The Everly Brothers sangen: »Bye bye love, bye bye happiness. Hello loneliness. I think I’m gonna cry.«

Das Lied brachte das Fass zum Überlaufen. Alex stützte sich am Türrahmen ab und schrie ihre Wut heraus. Dann stürzte sie zum Nachtschränkchen und schlug mehrmals wild auf den Ausschaltknopf des Radios.

Von unten hörte sie Huberts besorgte Stimme: »Ist alles in Ordnung?«

»Überhaupt nichts ist in Ordnung, du Idiot!«, brüllte sie zurück und knallte die Schlafzimmertür zu. Sie schloss ab und warf sich bäuchlings aufs Bett. Dabei stieß sie sich den Knöchel am Koffer, beförderte diesen mit einem wütenden Fußtritt nach unten. Die Schlösser sprangen auf, und der sorgsam gepackte Inhalt verteilte sich auf dem Boden.

Alex hämmerte mit den Fäusten auf das Kopfkissen ein, bis ihr die Puste ausging. Dann richtete sie sich wieder auf und fuhr sich wütend mit der Hand über die Augen.

Wegen Hubert würde sie keine Träne mehr vergießen. Er hatte seine zweite Chance gehabt. Jetzt war Schluss, endgültig.

3.

Elfie schlug die Augen auf und sah zur Uhr. Kurz vor sieben. Bevor der Wecker läutete, stellte sie ihn aus und überlegte einen Moment, ob sie noch weiterschlafen sollte. Immerhin war die Arbeit bei CCS beendet.

CCS – Cord Claaßen Seereisen.

»Ach du meine Güte!«

Schlagartig war Elfie hellwach, und die gestrigen Ereignisse fielen ihr wieder ein.

Sie sprang aus dem Bett und hastete ins Bad.

Gestern Abend hatte sie Paul-Friedrich telefonisch nicht erreicht. Wahrscheinlich war er bei einem seiner Computerkurse. Ohnehin wollte Elfie ihm die frohe Botschaft lieber persönlich überbringen. Sie freute sich schon auf seinen Gesichtsausdruck, wenn sie ihm von dem großzügigen Angebot des Reeders erzählen würde.

Nach einem kurzen Frühstück verließ sie eilig das Haus und stapfte durch den Schnee zur Bushaltestelle.

Zum ersten Mal würde sie gemeinsam mit Paul-Friedrich verreisen – ein bis vor kurzem undenkbares Unterfangen. In den zwanzig Jahren, die sie sich mittlerweile kannten, hatte sie ihn stets auf Abstand gehalten. Wegen ihrer Projekte, die keinen Mitwisser vertrugen, und wegen Ludwig, mit dem sie schließlich immer noch verlobt war. Erst kürzlich hatte sie beschlossen, sowohl ihre Projekte als auch ihren verstorbenen Verlobten ruhen zu lassen und sich enger mit Paul-Friedrich anzufreunden.

Während der Busfahrt malte Elfie sich voller Vorfreude aus, wie sie gemeinsam an Bord herumspazieren oder in einem Liegestuhl die Sonne genießen würden. Ihr wurde warm ums Herz. Auch wenn sie bisher bei ihrer Reiseplanung aus Kostengründen die Möglichkeit einer Doppelkabine erwogen hatten, war es Elfie sehr recht, dass es nun zwei Kabinen gab. Man musste ja nichts überstürzen. Immerhin duzten sie sich erst seit ein paar Monaten.

Als sie aus dem Bus ausstieg, gewann gerade die Sonne die Oberhand über den Nebel. Fröhlich pfeifend legte Elfie die letzten Meter zurück.

Die Eingangstür des Antiquariats war noch verschlossen. Elfie sah durch das Fenster und entdeckte Paul-Friedrich, der gerade behutsam einen alten Folianten abstaubte. Sie klopfte an die Scheibe und winkte ihm zu.

Sofort eilte er zur Tür, schloss auf und hielt den schweren russischgrünen Vorhang zur Seite, damit Elfie eintreten konnte.

»Wie schön, dich zu sehen«, sagte er und gab ihr ein Küsschen auf die Wange. »Was führt dich so früh hierher – und das so froh gelaunt?«

»Unsere Kreuzfahrt«, platzte Elfie heraus. »Der Seniorchef von CCS hat mir einen Anschlussauftrag auf einem seiner Schiffe angeboten, und du kannst kostenlos mitfahren. Ist das nicht toll?«

»Elfie, du bist genial. Wie du das nur wieder angestellt hast!« Paul-Friedrich umarmte sie so fest, dass sie kaum noch Luft bekam.

Lachend befreite sie sich aus seinen Armen. »Wenn du mich erdrückst, fällt die Reise ins Wasser.«

»Entschuldige, aber ich freue mich so, dass unsere Pläne Gestalt annehmen.« Paul-Friedrichs Augen strahlten. »Und dann auch noch kostenlos. Nach den neuesten Statistiken haben im vergangenen Jahr zwei Komma fünf Prozent der Deutschen eine Kreuzfahrt unternommen. Den Schnitt werden wir im nächsten Jahr kräftig erhöhen, nicht wahr?«

Er zwinkerte Elfie zu. »Übrigens erwirtschaftet die deutsche Kreuzfahrtindustrie jährlich fast drei Milliarden Euro.«

»Auf dem Schiff gibt es sogar ein Spielcasino«, warf Elfie schnell ein, bevor Paul-Friedrich noch weitere Zahlen aus seinem reichen Wissensschatz zum Besten geben konnte. »Und wir fahren nicht erst nächstes, sondern noch in diesem Jahr.«

»Ein Spielcasino – das muss ein luxuriöses …« Paul-Friedrich stoppte mitten im Satz und runzelte die Stirn. »Noch in diesem Jahr? Wie meinst du das?«

»Die Reise beginnt am Samstag und dauert drei Wochen. Mehr weiß ich, ehrlich gesagt, auch noch nicht. Um die Details kümmere ich mich heute«, sagte Elfie.

»Das wäre ja schon übermorgen. Wie soll das funktionieren?« Paul-Friedrich blickte sie verständnislos an.

»Mach dir keine Sorgen«, entgegnete Elfie. »Die Formalitäten erledigt Claaßens Büro für uns. Du musst nur deinen Koffer packen. Das wirst du wohl bis übermorgen schaffen.«

Sie lächelte ihn aufmunternd an, während sich Paul-Friedrichs Miene verdüsterte.

»Das ist völlig ausgeschlossen. Ich kann das Antiquariat nicht für drei Wochen schließen.«

»Warum solltest du?«, fragte Elfie. »An drei Tagen ist doch sowieso Frau Gregorius da. Und wie ich sie kenne, tut sie dir sicher gern den Gefallen, die anderen Tage ebenfalls zu übernehmen.«

»Frau Gregorius ist zur Kur. Sie kommt erst im Januar wieder«, sagte Paul-Friedrich. »Ach, Elfie, wie schön wäre das gewesen.«

Er griff nach ihrer Hand, doch sie wich zurück.

»Ein Nein akzeptiere ich nicht«, sagte sie mit Nachdruck. »Wir finden sicher eine Lösung. Du könntest dir zum Beispiel eine Aushilfe über das Arbeitsamt besorgen.«

»Wo denkst du hin?«, fragte Paul-Friedrich entrüstet. »Mein Geschäft kann ich doch keinem Wildfremden anvertrauen.«

Langsam verlor Elfie die Geduld. »Was soll schon passieren? Meinst du, der Laden ist nachher ausgeraubt?«

»Darum geht es nicht«, antwortete Paul-Friedrich ein wenig pikiert. »Aber eine neue Aushilfe müsste ich zunächst an die Aufgaben heranführen und erst einmal abschätzen, ob sie mit den wertvollen Büchern respektvoll umgeht. Sonst hätte ich keine ruhige Minute. Das ist in der Kürze der Zeit nicht machbar.«

Elfie startete einen letzten Versuch. »Und wenn du einfach schließt? Du hast fast ausschließlich Stammkunden, die du über deine Abwesenheit informieren könntest und die sicher Verständnis dafür aufbringen.«

»Das geht auf keinen Fall. Für nächste Woche hat sich zum Beispiel Professor Wendlandt angesagt, ein wichtiger Kunde, der nur alle zwei Monate in die Stadt kommt. Außerdem verlassen sich meine Kunden darauf, dass ich immer da bin. Und meinen Computerkurs kann ich auch nicht so oft ausfallen lassen.« In Paul-Friedrichs Miene schwang ein Anflug von Trotz mit.

»Sei doch nicht so unflexibel«, schimpfte Elfie. »So eine einmalige Gelegenheit bekommen wir nie wieder.«

»Ich bin untröstlich, aber es geht wirklich nicht.« Paul-Friedrich schüttelte traurig den Kopf.

»Natürlich geht es«, hielt Elfie dagegen. »Du willst nicht, weil dir deine alten Schinken wichtiger sind als ich.«

Bei dieser despektierlichen Bezeichnung seiner bibliophilen Schätze war Paul-Friedrich zusammengezuckt. Er sagte jedoch nichts, sondern hob nur hilflos die Schultern.

»Dann suche ich mir eine andere Reisebegleitung«, stieß Elfie wütend hervor und wandte sich zum Gehen.

»Aber … aber …«, stotterte Paul-Friedrich. »Kannst du deinen Auftrag nicht verschieben? Wenn Frau Gregorius wieder da …«

»Nein«, schnitt Elfie ihm brüsk das Wort ab. »Das kann ich nicht.«

Sie öffnete die Tür. »Ich muss los. Ich habe noch viel zu erledigen.«

Kurz bevor die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, hörte sie Paul-Friedrich sagen: »Und was ist mit Amadeus? Den solltest du doch hüten.«

Elfie fuhr vor Schreck zusammen. In der ganzen Aufregung hatte sie völlig vergessen, dass sie den Mops, den sie normalerweise zweimal in der Woche betreute, während Alex’ Skiurlaub ganz zu sich nehmen wollte.

Missmutig stapfte sie zur Bushaltestelle zurück. Die Sonne war inzwischen verschwunden, und nasskalter Schneeregen wehte ihr ins Gesicht. Sie schlug den Mantelkragen hoch.

Warum musste Frau Gregorius ausgerechnet jetzt zur Kur sein?

Elfie war davon ausgegangen, dass sie den Laden während Paul-Friedrichs Abwesenheit betreuen könnte. Etwas anderes war ihr überhaupt nicht in den Sinn gekommen, deswegen hatte seine Reaktion sie völlig unvorbereitet getroffen. Inzwischen tat es ihr leid, dass sie ihn so schroff behandelt hatte.

Der Bus fuhr ihr genau vor der Nase weg. Während sie auf den nächsten wartete, stampfte sie von einem Fuß auf den anderen, um sich einigermaßen warm zu halten. Plötzlich hielt sie inne. Hatte Ludwig hier vielleicht seine Finger im Spiel? Er hatte Elfies Plan eines gemeinsamen Urlaubs mit Paul-Friedrich bei ihrem letzten Besuch jedenfalls missbilligt, das Erlöschen des Grablichts war ein überdeutliches Zeichen gewesen. Sollte sie die Kreuzfahrt wieder absagen? Konnte Amadeus anderweitig untergebracht werden?

Elfie schwirrte der Kopf vor lauter Fragen, als endlich der Bus kam.

Während der Fahrt beruhigte sie sich langsam wieder und brachte Ordnung in ihre Gedanken. Wenn Paul-Friedrich nicht mitfuhr, würde sie eben allein in See stechen. Sie war es schließlich gewohnt, ihre eigenen Wege zu gehen. Außerdem wäre Ludwig dann nicht beleidigt.

Aber was sollte sie mit Amadeus anfangen? Immerhin hatte sie Alex zugesichert, ihn während der nächsten zwei Wochen zu sich zu nehmen.

Sie sah auf die Uhr. Die beiden würden schon in zwei Stunden vor ihrer Wohnungstür stehen. Auch wenn es ihr äußerst unangenehm war, müsste sie Alex fragen, ob sie den Hund anderswo unterbringen könnte. Und wenn nicht? Müsste sie dann doch hierbleiben?

Zu Hause angekommen, trocknete sie sich die Haare und brühte eine Kanne Zitronen-Ingwer-Tee auf, mit dem sie sich an ihren Schreibtisch setzte. Sie schaltete den Computer ein.

Während er hochfuhr, betrachtete sie ihre Pinnwand, die gespickt war mit Zeitungsausschnitten über ihre abgewickelten Projekte – Unfallmeldungen, Todesanzeigen, Nachrufe. Es waren mittlerweile so viele, dass sie teilweise übereinander hingen. Sollte sie eine zweite Pinnwand kaufen?

Nein, sie hatte sich doch geschworen, überhaupt keine Projekte mehr durchzuführen. Ihr Blick blieb an der jüngsten Notiz hängen. Tödlicher Sturz vom Hochhaus.

Bei näherer Überlegung war die Beseitigung von Harry Liedke gar kein richtiges Projekt mit all den entsprechenden Vorkehrungen gewesen, sondern eine völlig spontane Aktion, bei der Amadeus tatkräftig mitgewirkt hatte. Und sie bereute es kein bisschen, diesen Gangstertypen aus dem Weg geräumt zu haben, der seine Frau schlug und sie in Angst und Schrecken versetzte. Ohne ihn war die Menschheit definitiv besser dran – genauso wie ohne all die schikanierenden Chefs, von deren plötzlichem Ableben die restlichen Zeitungsausschnitte Zeugnis ablegten.

»Oh, du lieber Himmel!« Elfie sprang so abrupt auf, dass der Stuhl nach hinten kippte.

Wenn Alex ihre Pinnwand sähe, wüsste sie sofort Bescheid. Warum hatte Elfie sich ausgerechnet mit einer Kommissarin anfreunden müssen? Als sie sich auf dem Friedhof kennenlernten, wusste Elfie noch nicht, dass Alex Polizistin war. Anschließend waren sie sich jedoch mehrmals im Rahmen von Ermittlungen über den Weg gelaufen. Auch wenn Elfie in den betreffenden Fällen unschuldig war, hatte sie trotz der gegenseitigen Sympathie bei Alex einen gewissen Argwohn bemerkt – und dem sollte man besser keine neue Nahrung geben.

Hastig nahm Elfie die erste Reißzwecke heraus und hielt den Nachruf auf Stefan Windisch in den Händen.

So einfach ging das nicht. Es widerstrebte ihr in höchstem Maße, die sorgfältig über die Jahre aufgebaute Dokumentation ihrer Erfolge zu zerstören. Vielleicht sollte sie besser die ganze Pinnwand abhängen und verstecken.

Nur wo? Mit ihrer stattlichen Größe passte sie nicht einmal in den Kleiderschrank. Und sie nur im Schlafzimmer abzustellen, erschien Elfie zu gefährlich. Man wusste nie, durch welchen Zufall es Alex dorthin verschlagen könnte.

War der Besuch der Kommissarin in Elfies Wohnung vielleicht ein Zeichen, endlich einen Schlussstrich unter ihre Projekte zu ziehen?

Elfie seufzte tief und machte sich schweren Herzens an die Arbeit. Behutsam entfernte sie einen Zeitungsausschnitt nach dem anderen von der Pinnwand, strich sie glatt und legte alles zu einem ordentlichen Stapel zusammen. Zum Schluss verstaute sie ihre gesammelten Werke in einer Schreibtischschublade, schloss diese zweimal ab und legte den Schlüssel in eine andere Schublade.

Auf die Schnelle musste diese Sicherung ausreichen. Später würde sie in Ruhe über einen würdigen Platz für die Früchte ihrer Arbeit nachdenken. Jetzt hatten andere Probleme Priorität. Als Erstes wollte Elfie unbedingt Genaueres über die Kreuzfahrt in Erfahrung bringen.

Sie wandte sich wieder ihrem Computer zu und rief im Internet die Seite von Cord Claaßen Seereisen auf.

Die Aphrodite war ein schönes und stolzes Schiff. Sie gefiel Elfie auf Anhieb, und die Vorfreude auf die Kreuzfahrt kehrte nach der Enttäuschung über Paul-Friedrichs Absage langsam zurück.

Methodisch ging Elfie alle Informationen über ihre bevorstehende Reise durch. Die Aphrodite schien ein wahrer Luxusliner mit einem reichhaltigen Freizeitangebot zu sein. Als sie zum Schluss den Punkt News anklickte, gingen ihr die Augen über. Nachdem sie den Text durchgelesen hatte, lehnte sie sich entspannt zurück und lächelte zufrieden.

Es gab wirklich für alle Probleme eine Lösung – so oder so!

Der Scharfrichterplatz – wie passend! Bisher hatte Alex nie über die Bedeutung des Straßennamens nachgedacht. Er war immer nur eine Adresse wie jede andere gewesen. Heute jedoch wurde ihr in ihrem Zorn auf Hubert plötzlich bewusst, dass hier im Mittelalter der Scharfrichter die Todesstrafe vollstreckt hatte.

Sie stellte sich ein Holzgerüst mitten auf dem Platz vor. Darauf stand ein Mann mit Kapuze und einem großen Beil, das er mit beiden Händen weit über den Kopf erhoben hatte. Vor ihm kniete der arme Sünder. Sein Kopf lag seitlich auf einem großen Holzklotz. Er sah aus wie Hubert und flehte sie um Verzeihung an. Doch sie kannte keine Gnade und drehte den Daumen nach unten. Die Menge johlte vor Vergnügen. Der Scharfrichter ließ das Beil niedersausen.

Den Rest malte sie sich lieber nicht aus. Was hatte sie überhaupt für Gedanken? Rachephantasien waren jedoch nicht strafbar, und wenn sie sich so ein wenig abreagieren konnte, umso besser.

Amadeus zog an der Leine und trippelte zielstrebig voraus.

Ob es eine besondere Bedeutung hatte, dass Elfie ausgerechnet am Scharfrichterplatz wohnte? Wohl eher nicht, bei ihrer freundlichen und hilfsbereiten Art.

Andererseits verfügte Elfie über ganz eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit. Alex hatte sogar schon zweimal befürchtet, sie würde diese zuweilen in Eigenregie verwirklichen, als in ihrer Umgebung Leichen auftauchten. Glücklicherweise hatte sich der Verdacht in beiden Fällen als unbegründet erwiesen.

Amadeus blieb vor einer Haustür stehen. Scharfrichterplatz 7. Hier wohnte Elfie also. Es handelte sich um einen vierstöckigen gepflegten Altbau.

Alex klingelte und stieg dann mit Amadeus die Treppen hinauf. Manche der Holzstufen knarrten. Ein leichter Geruch nach Bohnerwachs lag in der Luft. Gab es so etwas heutzutage überhaupt noch? Auf jeden Fall passte es irgendwie zu Elfie, dachte Alex amüsiert.

Im zweiten Stock wartete Elfie bereits in der offenen Wohnungstür und begrüßte Alex und Amadeus herzlich. Die Wohnung vermittelte eine behagliche Atmosphäre, in der Alex sich auf Anhieb wohl fühlte. Eine antike Standuhr in der Diele, ein Wohnzimmer mit vielen Büchern und einer gemütlichen Sitzgruppe.

Elfie dirigierte Alex auf das Sofa, nahm selbst in einem alten Ohrensessel Platz und strich liebevoll über dessen zerschlissene Armlehnen, auf denen beigefarbene Häkeldeckchen drapiert waren. Amadeus legte sich auf Elfies Füße, als wäre das sein angestammter Platz.

»Der Sessel stammt noch von Ludwig«, erklärte Elfie.

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