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Moral - aus dem Nichts?

inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Anthropozän

2. Die biologischen Grenzen

3. Leidenschaft nach Erkenntnis

5. Liebe und Sexualität

6. Kunst

7. Die Freiheit des Andersdenkenden

8. Der Mensch im Spiegel

9. Was ist richtig?

10. Zwei offene Fragen

Nachwort

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Einleitung

„Du kommst aus dem Nichts und wirst ins Nichts wieder zurückgehen. Du verlierst also nichts.“ Selber am Kreuz zu hängen und trotzdem so etwas zu den anderen Gekreuzigten zu sagen, ist britischer Humor. Ebenfalls britischer Herkunft sind die Ideen, die in dieser Aussage pointiert zusammengefasst wurden. Sie sind 120 Jahre älter. „Monty Python’s Life of Brian“ erschien 1979, „On the Origin of Species“ von Charles Darwin 1859.

Wohl jeder Mensch hat sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, woher er stammt. Dass wir aus dem Nichts stammen, ist eine neue Betrachtungsweise, die uns nicht leichtfällt. Die Evolutionstheorie und „Das Leben des Brian“ haben deswegen bis heute viele Kritiker. Einige fänden es gut, wenn es beide Werke nicht gäbe. Andere haben von ihnen immerhin gelernt, sich weniger wichtig zu nehmen. Aber zum Wohlfühlen reicht das nicht. Ein ganz erhebliches Unbehagen mit dem Nichts bleibt.

Soweit wir wissen, ist die Erde 4,6 Milliarden Jahre alt und 9,2 Milliarden Jahre nach dem Urknall entstanden. Was vor dem Urknall war und was sein Auslöser gewesen sein könnte, wissen wir nicht. Dort irgendwo in diesem Nichts beginnt alles. Die Erde wird, so der aktuelle Stand unserer Wissenschaft, in 900 Millionen bis zwei Milliarden Jahren für jegliches Leben unbewohnbar sein. In etwa sieben Milliarden Jahren wird aus unserer Sonne ein roter Riese werden, in den die Erde abstürzt und verglüht. Wenn unsere Nachkommen also bis dahin nicht irgendwie das Weite gesucht haben, dann stehen sie eines Tages vor dem Nichts. Im Lichte dieser von der Wissenschaft gesetzten Anfangs- und Endpunkte der Menschheit stellen sich auch die alten Fragen neu. Wenn wirklich alles nichts ist, in einem derzeit nicht vorstellbaren Nichts begann und in einem sehr warmen Nichts enden wird, durch diese Tatsachen letztlich also alles entwertet und infrage gestellt wird, relativiert sich noch viel mehr. Warum sollte ich mich dann als Mensch richtig verhalten und wie ist es mir dann überhaupt möglich, noch zwischen richtig und falsch zu unterscheiden?

Der Mensch als Art existiert seit etwa 300.000 Jahren. Erst seit etwa 160 Jahren haben wir die Evolutionstheorie und damit eine empirisch überprüfbare Entwicklungsgeschichte des Menschen. Charles Darwin und seine Zeitgenossen haben uns mit ihrer überaus akribischen Arbeit und wissenschaftlichen Sichtweise dazu gebracht, dass wir uns heute ganz nüchtern als Zufallsprodukte von zunächst physikalischen, dann chemischen und schließlich biologischen Entwicklungen verstehen. Darwin hat es gewagt, zu sagen, dass Mensch und Affen gemeinsame Vorfahren haben. Erst mit dieser Aussage wurde der Damm, den wir bis dahin zwischen dem Menschen und den anderen Lebewesen errichtet hatten, überspült. Es ist noch nicht lange her, dass wir neu erkannt haben, wer wir sind und wie wir wirklich entstanden sind. Selbst im Verhältnis zu der Zeitspanne der Geschichte im engeren Sinne, also den 6.000 Jahren, in denen menschliche Gedanken durch Schrift überliefert sind, sind die letzten 160 Jahre kaum mehr als ein kurzer Moment.

Vor der Entdeckung der Evolutionstheorie war es für uns leichter, zu entscheiden, was richtig ist und was man tun muss, um ein glückliches Leben zu führen, denn wir hatten einen Ursprungsmythos und damit eine Instanz, die die Welt und uns erschaffen hat. Diese ließ uns wissen, was wir tun können und was wir besser lassen sollten.

Diese Krücke, auf die wir uns zuvor stützen konnten, ist uns mit Darwins Erkenntnissen weggebrochen. Die Frage danach, wie ich mich richtig verhalte, damit ich glücklich werde und andere glücklich mache, muss heute anders beantwortet werden. Seit „On the Origin of Species“ brauchen wir neue Lösungen.

Wissenschaftler graben in der Erde und lesen aus den Dingen, die sie dort finden, neue Geschichten, die zur Fortschreibung der Geschichte dienen. Sie entdecken immer neue Lebewesen, die mit uns diesen Planeten bewohnen, und erklären uns diese schöne Welt und ihre Bewohner immer wieder neu. Sie isolieren und analysieren die DNA unserer Vorfahren und der anderen Lebewesen und gewinnen auch hieraus immer wieder neue Einsichten. Sie zerteilen und analysieren die Substanzen, aus denen dieser Planet besteht, in immer kleinere Einheiten. Mittlerweile wagen sie hieraus schon Rückschlüsse, wie die Erde und das sie umgebende Weltall entstanden sind. Die Geschwindigkeit, mit der die Wissenschaft ihr Buch der Erkenntnis fortschreibt, ist atemberaubend.

Die Beantwortung der Frage, wie wir uns als Individuen – beziehungswiese umfassender: als Gesellschaft und Menschheit – richtig verhalten, also die „Moral“ im denkbar weitesten Sinne, geriet dabei ins Hintertreffen. Sie wurde reduziert auf die Empfehlung, man solle durch sein Verhalten immer deutlich machen, dass einem das Wohlergehen der Mitmenschen und der kommenden Generationen ebenso am Herzen liegt wie das eigene. Aber die Wissenschaft gibt keine Antwort darauf, was genau dieses Wohlergehen ausmacht. Sie kann uns Kannibalismus beschreiben und erklären, dass es Gesellschaften und Riten gab, die Kannibalismus für das menschliche Wohlergehen für zwingend notwendig erachtet haben. Sie kann uns zudem vielleicht noch sagen, dass Kannibalismus zu Ernährungszwecken in extremen Notlagen für das eigene Wohlergehen leider unvermeidlich ist. Aber sie kann uns niemals sagen, wann Kannibalismus richtig und wann er falsch ist.

Die Moralphilosophie war früher die Krone der Wissenschaft und das allumfassende Haus für die gesamte Forschung, denn Wissenschaft und Forschung dienten nur dazu, uns zu vermitteln, was richtig und was falsch ist. Früher war aber auch der Prozess des Erkennens anders. Die Erde, um die sich damals noch die Sonne drehte, war uns von Anfang an unveränderlich gegeben und neue Erkenntnis, auch in der Moralphilosophie, war nur das Entdecken des auf dieser Erde immer schon Dagewesenen. Dadurch, dass die Erde selbst ins Wanken geriet, weil sie zu einem unbedeutenden Planeten einer unbedeutenden Sonne in einer Galaxie mit einer Ausdehnung von 100.000 Lichtjahren in einem unendlichen Weltall wurde, relativierte sich auch das, was wir auf ihr noch entdecken können. Die Erde ist heute nicht mehr der Fixpunkt, von dem unser Erkennen, auch das Erkennen von richtig und falsch, ausgeht; vielmehr ist sie nur noch eine endliche Masse, auf der wir zufällig und gemeinsam mit vielen anderen Lebewesen aus wieder anderen Lebewesen entstanden sind und vermutlich auch wieder vergehen werden.

So wurde die Moralphilosophie zu einem Waisenkind. Der Gleichschritt, in dem Wissenschaft und Moral nebeneinander hergingen, wurde zu einem Stolpern, nachdem Astronomie und Anthropologie und inzwischen praktisch die gesamte moderne Wissenschaft die Bedeutung der Menschheit relativierten. Aus einem Faustkeil oder aus dem Jochbein eines Australopithecus lässt sich nun einmal nicht herauslesen, ob es die Todesstrafe geben sollte oder für welche Delikte diese angemessen wäre.

Über Jahrtausende hat jede menschliche Gesellschaft mit der Prämisse gelebt, dass eine göttliche Lehre, die uns die Entstehung der Welt erklärt und auf alle wichtigen Fragen des Menschen Auskunft gibt, natürlich auch sagen kann, welches Verhalten richtig und welches falsch ist. Mit Charles Darwin haben wir nun aber begonnen, uns selbst zu erklären, wie wir entstanden sind. Das hieraus resultierende Dilemma ist, dass wir auf einmal auch gezwungen sind, uns selbst erklären zu müssen, was richtig und was falsch ist. Die Menschheit sucht deswegen seit 160 Jahren nach neuen Handlungsanweisungen für ein richtiges Verhalten, nach einer neuen „Moral“. Die Geschichte speziell dieser anderthalb Jahrhunderte zeigt uns leider, dass wir bei dieser Suche ziemlich viele und schreckliche Fehler gemacht haben.

Aber das darf kein Grund sein, zu resignieren oder in Zynismus zu verfallen. Der Mensch ist zunächst einmal, wie jedes andere Lebewesen auch, ein Produkt der Evolution. Somit ist seine Moral ein Ergebnis seiner Evolution. Man kann also Entwicklungen in unserer Moral als Ergebnisse unserer speziellen Entwicklungsgeschichte deuten. Es ist eine Tatsache, dass die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe zu Zeiten von Charles Darwin kaum diskutiert wurde. Man hielt sie für richtig. Heute wird sie in immer mehr Gesellschaften auf diesem Planeten abgelehnt und abgeschafft. Insbesondere wird die Todesstrafe nur noch sehr selten öffentlich vollstreckt. China, das derzeit die Todesstrafe noch oft verhängt und vollzieht, zieht es inzwischen vor, dies heimlich zu tun und keine Zahlen zu nennen. Amnesty International bedauert die Situation in China, wurde dafür aber für den Rest der Welt in den letzten zehn Jahren optimistischer: Die Todesstrafe ist in Rechtsordnungen, in denen es sie noch gibt, für immer weniger Delikte vorgesehen und wird immer seltener vollzogen. Ähnlich ist es mit der Strafbarkeit von Homosexualität, die es in immer weniger Staaten gibt.

Da uns die Wissenschaft heute nicht mehr dazu dienen will, uns zu sagen, was moralisch richtig oder falsch ist, müssen wir anders an sie herantreten. Das kann so geschehen, dass wir die uns heute bekannten Erkenntnisse aus der Erdgeschichte und der Entstehungsgeschichte des Menschen dazu nutzen, uns auch die Entstehung unserer Moral zu erklären. Da die Entstehung von Moral in den menschlichen Gesellschaften ein Ergebnis der Erd- und unserer Entwicklungsgeschichte sein muss, ist das möglicherweise ein gewinnbringender Ansatz.

Weiter kann es sich lohnen, die geistesgeschichtliche Entstehung von Moralphilosophie und ihre Weiterentwicklung als Bestandteil der Entwicklungsgeschichte des Menschen zu betrachten und aus einer solchen Perspektive zu einem neuen Verständnis von Moral zu gelangen. Das soll in diesem kleinen Buch versucht werden.

1. Anthropozän

Wir stellen uns neuerdings ja gerne mal Außerirdische vor, denn wir wissen seit 1969, dass Menschen schon einmal auf dem Mond waren. Aber bereits viel früher wuchs unsere Unsicherheit mit unserem Wissen um die unendlichen Weiten des Weltraums. Schon im 18. Jahrhundert haben Wissenschaftler, unter anderem Immanuel Kant, herausgefunden, dass die „Nebel“, die man mit einem Fernrohr sehen kann, tatsächlich sehr weit entfernte Galaxien sind. Das Weltall wurde damit wesentlich größer, als es der damaligen Vorstellung entsprach, und die Grenzen unserer Vorstellungskraft wurden so um Lichtjahre erweitert. Spätestens mit dieser Maßeinheit des Lichtjahrs, das tatsächlich ein Längenmaß für 9,461 Billionen Kilometer und keine Zeiteinheit ist, wird unsere Fantasie überfordert. Wozu sollten wir uns Orte vorstellen, zu denen schon das Licht ein Jahr braucht? Und was sollen wir dort – körperlich wie gedanklich –, wenn es mit hoher Wahrscheinlichkeit weder dort noch auf dem Weg dahin irgendein Leben gibt? Zwar entdecken unsere Astronomen inzwischen Planeten, die Leben beherbergen könnten. Aber die sind für uns derzeit unerreichbar und können deswegen nicht näher erforscht werden. Das Gefühl der Einsamkeit unseres Planeten bleibt uns trotz ständig neuer Entdeckungen erhalten. Es scheint sich sogar mit jeder neuen Entdeckung zu verstärken; und das Unwohlsein wegen des eingangs beschriebenen Nichts wird wegen der vielen Lichtjahre, die mögliche Nachbarn von uns weg sind, auch nicht kleiner.

Je größer das Weltall für die Menschen wurde, umso mehr quälte uns die Frage, ob wir tatsächlich allein in diesem unendlichen Raum sind. Es entstand die Sehnsucht danach, es müsse irgendwo da draußen auch noch Leben geben. Dieser Wunsch war der Vater des Gedankens, dass es Außerirdische gibt. Manche von uns glauben inzwischen fest an ihre Existenz. Über diese Ufo-Gläubigen lächeln wir zwar, aber man kann trotzdem gut mit ihnen mitfühlen: Es wäre nicht schlecht, wenn eines Tages Außerirdische die Probleme, die sich für diese Welt abzeichnen, für uns lösen würden.

Stellen wir uns nun ein Raumschiff mit typischen Außerirdischen vor, so, wie sie in vielen Kinofilmen dargestellt werden. Sie sind menschenähnlich und wollen den Weltraum erkunden. Dabei sind sie technisch wesentlich versierter, als wir es derzeit sind. Für sie stellen die Distanzen des Weltraums und die Zeit, die man braucht, um sie zu überwinden, kein Problem mehr dar. Stellen wir uns weiter vor, dass diese Außerirdischen selbst keine Evolution mehr durchlaufen, sondern seit Hunderttausenden von Jahren unverändert immer wieder dasselbe machen. Unseren Planeten umrunden sie alle einhundert Erdenjahre mehrmals auf der Höhe eines Reisejets und beobachten dabei, was auf der Erdoberfläche geschieht.

Sie konnten so vor 200 Millionen Jahren das Auseinanderbrechen Gondwanas, des Superkontinents der südlichen Hemisphäre, beobachten und feststellen, dass die Erde in dieser Zeit vor allem geologisch bemerkenswerte Veränderungen durchlaufen hat. Aber biologische Veränderungen waren aus der Reiseflughöhe mit bloßem Auge nicht zu bemerken: Das gilt selbst für einen über 30 Meter langen Dinosaurier, der vor 100 Millionen Jahren auf der Erde lebte, denn selbst der war für die Außerirdischen nicht zu erkennen. Aus dieser Höhe wahrnehmbare Veränderungen gab es nur bei der Vegetation: Die Erde war im Laufe ihrer Geschichte mal mehr und mal weniger grün.

Das Auftauchen der Vorfahren der Menschen änderte diese Wahrnehmung der Außerirdischen sicher nicht. Der Umstand, dass der Homo Habilis vor zwei Millionen Jahren die Fähigkeit entwickelte, selbst Feuer zu entfachen, war für die Menschheitsgeschichte zwar bahnbrechend, aber man konnte diese Feuer in Reiseflughöhe nicht sehen. Dass sich vor 300.000 Jahren in Nordafrika eine Menschenaffenart Homo Sapiens bildete, die in der Folgezeit in mehreren Wellen die Welt besiedelte, war ebenfalls keine Veränderung, die man als Außerirdischer hätte wahrnehmen können.

Die Geschichte im engeren Sinne begann vor 6.000 Jahren. Städte wie Babylon oder das alte Rom zur Zeit von Christi Geburt konnte man sicher aus der Luft erkennen. Aber diese Veränderungen wären für die Außerirdischen auch noch nicht besonders interessant gewesen.

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