Logo weiterlesen.de
Morac

© 2017 Paul M. Whiting

Umschlag: Paul M. Whiting unter Verwendung

eines Motivs von © vertyr (fotolia)

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback    978-3-7439-6138-8

Hardcover    978-3-7439-6139-5

e-Book          978-3-7439-6140-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Kapitel 1 Das Auge der Finsternis

Das Erste, was Moracs Ohr erreichte, waren die gedämpften Angstschreie, die der Wind von der Ebene her den Hang hinauftrug. Sofort richtete er sich von den Sträuchern auf, wo er eben nach Beeren gesucht hatte, und schaute in die Ferne. Winzige, in Panik flüchtende Gestalten, doch nichts, was den Grund ihrer Flucht erkennen ließ. Dann erblickte er es: Gleichmäßig wie der Schatten einer Wolke glitt es über das fahle Grasland, lautlos und unaufhaltsam. Von Angst gepackt, warf er sich ins Gestrüpp. Er presste sein Gesicht gegen die harte Erde. Am liebsten hätte er sich ein tiefes Loch gegraben und wäre hineingekrochen. Und dann hörte er das grässliche Geräusch, wie das Schlagen schwerer Stoffbahnen im Wind, und der Schatten des Ungeheuers verschlang ihn, wo er lag. Wie ein riesiger Raubvogel im Rüttelflug schwebte es jetzt direkt über ihm. Morac wagte nicht, sich umzudrehen und dem Tod ins Gesicht zu schauen. Und dann spürte er es: spürte, wie das Auge des Ungeheuers sich in seine Seele bohrte, immer tiefer. Der Druck wuchs und wurde unerträglich. Der Rhythmus der gewaltigen Flügelschläge verschmolz mit dem Pochen seines Herzschlags, das mit jeder Sekunde lauter wurde. Lieber tot sein, als einen Augenblick länger dieser Qual standzuhalten. Er sprang auf und lief um sein Leben—und prallte mit dem Gesicht gegen die Wand.

Einen Augenblick lang stand er da wie benommen. Durch den plötzlichen Schmerz war er mit einem Mal hellwach geworden. Morac sah sich um, soweit das im Dunkeln möglich war. Er stand mitten in der Hütte, unweit seiner Schlafstätte. Er musste im Traum aufgesprungen und gegen die Wand gelaufen sein. Er fasste sich vorsichtig an die Nase. Es tat weh, aber anscheinend war nichts gebrochen. Dann trat er ins Freie.

Draußen war es noch dunkel, aber nicht mehr die Finsternis der mondlosen Nacht. Im Osten hob sich schon die erste zaghafte Helligkeit des Tages deutlich von der schwarzen Scheibe des Horizonts ab. Eine leichte Brise zog von der Ebene her. Nach der angstvollen Enge der Traumwelt tat es gut, Morgenluft einzuatmen, während um ihn herum das Dorf noch friedlich schlief.

Er hatte also wieder davon geträumt. Von dem Drachen, der seinen Vater getötet und Zerstörung über das Land gebracht hatte. Und nun im Traum ihn heimsuchte, Nacht für Nacht. Morac wünschte, sein Vater wäre noch da und könnte ihm sagen, was der Traum bedeutete, oder er hätte einen älteren Bruder, mit dem er darüber reden könnte. Seiner Mutter durfte er nichts davon sagen. Seit Arnors Tod hatte sie sich immer tiefer in ihrer Trauer vergraben, redete kaum mit ihm.

‚Wieder so früh unterwegs?’

Morac zuckte zusammen und drehte sich um. Es war Orla, das Mädchen aus der Nachbarhütte. Sie hatte ihre Kapuze gegen die Kühle hochgezogen, aber im ersten Licht des Tages konnte er ihre Gesichtszüge deutlich erkennen. In der Morgendämmerung sahen sie sehr schön aus; das machte ihn einen Augenblick verlegen.

‚Was ist nun? Hast du deine Zunge im Stroh verloren?’, fragte sie lachend.

‚Nein, es ist nur.…’ Morac wusste nicht, wie er ihr etwas erklären sollte, was er selber nicht verstand.

‚Was ist denn mit deiner Nase?’, fragte sie plötzlich. ‚Du blutest ja.’

Morac fasste sich vorsichtig ins Gesicht. Es tat nicht mehr so weh wie vorhin, aber seine Finger spürten sofort die Nässe.

‚Ich bin…im Schlaf gegen die Wand gestolpert.’

‚Komme mit’, sagte Orla. ‚Ich muss sowieso Wasser holen. Dann putze ich dir die Nase sauber.’ Sie ging mit ihrem Holzeimer zum Brunnen. Morac folgte ihr und half beim Wasserschöpfen. Dann stellte sie sich vor ihn hin, machte den Zipfel ihres Ärmels nass und wischte ihm vorsichtig das Blut aus dem Gesicht. Morac versuchte, ihren Blick zu meiden.

‚Nicht wahr, du hast wieder davon geträumt’, sagte sie schließlich.

Morac setzte sich auf den Brunnenrand, um sie nicht direkt anschauen zu müssen. Orla setzte sich zu ihm.

‚Hör mal, Morac. Ich habe schon oft die Alten sagen hören, dass Träume versteckte Botschaften enthalten. Ich habe selbst einen Traum gehabt, der mir einen wichtigen Hinweis gab. Ich hatte meine Stecknadel verloren. Tagelang habe ich nach ihr gesucht, doch ohne Erfolg. Ich war ganz niedergeschmettert, denn sowas ist kostbar. Sie war noch von meiner Großmutter. Dann hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war allein in der Ebene unterwegs und hatte mich verlaufen. Ich suchte verzweifelt, aber ich konnte den Weg nicht mehr finden. Schrecklichen Durst hatte ich auch. Dann hatte ich plötzlich eine Eingebung: in der Richtung liegt Wasser. Ich weiß nicht, wie der Gedanke zu mir gekommen ist, er war einfach auf einmal da. Ich bin dahingerannt, aber in dem Augenblick, wo ich eigentlich zu dem Wasser hätte kommen müssen, bin ich aufgewacht.’

‚Und dann?’ Morac schaute sie interessiert an.

‚Was dann?’

‚Was war denn mit der Botschaft?’

‚Ach ja. Der Traum hat mich tagelang beschäftigt. Er war so deutlich, deutlicher noch als das gelebte Leben. Aber verstehen konnte ich ihn nicht. Darum bin ich zu der alten Eliora gegangen und habe ihr davon erzählt. Sie sagte zu mir: „Du hast doch etwas gesucht. Dein Traum hat dir gesagt, wo du es finden wirst.”‘

‚Aber du hast das Wasser im Traum gar nicht gefunden’, wandte Morac ein.

‚Eben. Ich habe im wirklichen Leben kein Wasser gesucht, sondern meine verlorene Nadel. Der Traum hat mir nur gezeigt, wo ich sie suchen musste.’ Sie wies auf eine Stelle an der Brunneneinfassung, wo mehrere Steine übereinander lagen. ‚Ich sollte zum Wasser gehen und dort suchen. Das war die Botschaft. Und hier hinter diesem Stein habe ich meine Stecknadel gefunden. Ich muss sie beim Wasserziehen verloren haben.’

Morac schaute vor sich hin. Er hatte zum Schluss nur halb hingehört. Seine Gedanken waren woanders, bei seinem eigenen Traumerlebnis.

‚Eliora lebt nicht mehr. Aber du könntest mit deiner Mutter über deinen Traum sprechen. Mirna ist doch eine kluge und erfahrene Frau.’

‚Das geht nicht. Alles, was mit dem Drachen zu tun hat, erinnert sie an Arnors Tod. Darüber will sie nicht reden.’

‚Wenn du immer wieder von dem Drachen träumst, dann hat es bestimmt etwas mit dir zu tun, nicht mit deinem Vater. Geh doch zu dem Alten. Er war selber dabei, als dein Vater mit dem Drachen gekämpft hat. Wenn einer deinen Traum deuten kann, dann ist er das.’

Ja, da hast du wohl recht’, antwortete Morac, aber seine Stimme klang, als wenn er schon nicht mehr ganz da wäre. ‚Ich danke dir, Orla, für deinen guten Rat. Komm, ich trage dir den Eimer nach Hause. Voll ist er noch schwerer als leer.’

Die beiden Kinder standen auf, und Orla schaute ihn freundlich an. Er musste wieder daran denken, wie schön ihr Gesicht im rötlichen Schimmer des frühen Lichtes aussah. Aber seine Gedanken waren woanders, bei etwas, was Orla nebenbei gesagt hatte. ‚Wenn du immer wieder von dem Drachen träumst, dann hat es bestimmt etwas mit dir zu tun.’ Der Drache in seinem Traum war nicht gekommen, um das Land wieder zu verwüsten. Er war zu ihm gekommen. Er hatte ihn gesucht und am Hang gefunden. Bei dem Gedanken fing Morac unwillkürlich an zu zittern. Er zog sich seine Kapuze über den Kopf.

Kapitel 2 Die Hütte des Alten

Der Alte wohnte abseits, dort wo das Land abfiel und eine flache Rinne bildete, in der nur wenig wuchs. Sein Name war eigentlich Eringar, aber seitdem er der Älteste im Dorf war, wurde er nur der Alte genannt, genau wie sein Vorgänger. Seine Hütte war auch die einzige, die einen zweiten Raum besaß.

Morac fand ihn vor seiner Hütte, wo er auf einem verwitterten Holzsteg saß, von dem aus man einen weiten Blick in die Landschaft hatte. Der Alte hielt einen Holzstab in der linken Hand, den er mit einem Messer bearbeitete. Er schaute nicht hoch, als Morac sich zu ihm setzte.

‚Ich wusste, dass du einmal kommen würdest.’

Der Alte schnitzte weiter, ohne ihn anzuschauen. Morac betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Mit seinem grauen Bart und seinem verwitterten Gesicht sah er schon sehr alt aus—vielleicht sogar schon vierzig. So würde sein Vater aussehen, wenn er noch am Leben wäre.

‚Schau mal, wo wir jetzt sitzen—hast du schon mal darüber nachgedacht, warum der Steg hier steht?’

Morac schüttelte den Kopf.

‚Der Graben hier, zu unseren Füßen’—der Alte unterbrach seine Arbeit und machte eine ausladende Handbewegung—‚er zieht sich quer durch die Steppe, in einem breiten Bogen, soweit das Auge reicht. Vor Jahren war hier der Fluss, und dieser Steg, auf dem wir sitzen, war ein Bootssteg, von dem aus man ins Wasser stechen konnte. Im Fluss wimmelte es von Fischen; man konnte sie fast mit bloßen Händen fangen. Hier am Ufer standen Bäume, in deren Schatten man sich im Sommer ausruhen konnte. Manche davon trugen Früchte. Es gab reichlich zu essen. Die Menschen wurden satt und lebten lange.’

‚Wieso ist das alles nicht mehr?’, fragte Morac.

Eringar antwortete nicht gleich. Er schaute Morac zum ersten Mal direkt an. ‚Was weißt du über deinen Vater?’

‚Nicht viel.’ Morac spürte, wie es in seiner Kehle plötzlich brannte. ‚Mit Mirna kann ich nicht über ihn sprechen. Ich weiß nur, dass er im Kampf mit dem Drachen gefallen ist. Damals war ich noch klein.’

‚Ja’, sagte der Alte nachdenklich, ‚das waren große Zeiten. Wir tragen alle daran schwer.’ Er begann wieder, an seinem Stab zu schnitzen. ‚Vor dem Drachen hatten wir alle Angst. Darüber zu reden ist eines—vor ihm zu stehen und ihm standzuhalten ein anderes. Dein Vater war der Tapferste von allen.’

Er schwieg. Es schien, als ob er sich in Erinnerungen an eine ferne Zeit verloren und darüber die Gegenwart vergessen hätte.

‚Dann hat der Drache ihn getötet?’, fragte Morac schließlich, als er meinte, der Alte habe Zeit genug für seine Erinnerungen gehabt.

‚Lange hatte man von dem Drachen nichts mehr gesehen,’ antwortete Eringar, als er wieder zu reden begann. ‚Einige meinten, es gebe ihn nicht mehr, er sei gestorben, oder vielleicht weggeflogen. Dann war er plötzlich wieder da. Groß, schrecklich, unbesiegbar—sowas hatte keiner von uns vorher gesehen. Wir Männer beratschlagten, was zu tun sei. Große Wurfspeere wurden angefertigt. Die Spitzen wurden mit Gift bestrichen. Als er wieder auftauchte, waren wir bereit. Schon als er am Horizont erschien, griffen wir zu unseren Speeren. Zwölf starke Männer. Was dann passierte, kann ich dir kaum beschreiben…’

Seine Stimme brach ab. Er schien mit der Erinnerung zu kämpfen.

‚Der Drache hatte uns natürlich auch schon gesehen. Und flog im Sturzflug auf uns zu. Kurz bevor er uns einholte, stieß er einen Schrei aus…einen Laut wie einen Blitz, der Berge spaltet und Bäume wie Halme umknickt. Wir sind alle in Panik geflohen, nur noch den einen Gedanken im Kopf: weg von hier! Alle außer einem.… Arnor blieb stehen, während wir anderen um unser Leben liefen, blieb stehen, als der Drache tief über seinen Kopf hinwegfloh, den Fliehenden hinterher, und in dem Augenblick warf er seinen Speer in die Luft.’ Der Alte hielt einen Augenblick inne, wie gefangen im Netz der Erinnerung. ‚Ein entsetzlicher Schrei brachte uns zum Stehen. Der Drache war getroffen worden. Arnors Speer steckte noch in seiner Seite. Einen Augenblick drehte er sich wild in der Luft wie ein getroffener Vogel und drohte abzustürzen. Dabei schlug er mit dem Schwanz aus und traf deinen Vater am Kopf. Er sank leblos zu Boden. Dann nahm der Drache seine ganze Kraft zusammen und kämpfte sich mühsam wieder nach oben. Einmal noch kreiste er über der Gegend, dabei stieß er schreckliche Laute aus, dann verschwand er, wie er gekommen war. Seitdem hat kein Mensch etwas von ihm gesehen oder gehört.’

Morac schwieg. Der Gedanke, dass sein Vater als Einziger dem Drachen standgehalten hatte, weckte in ihm widersprüchliche Gefühle.

Der Alte schaute ihn eindringlich an. Er legte seine Hand auf Moracs Schulter. ‚Dein Vater war ein großer Held. Unser Volk hat nie einen größeren gekannt.’

‚Was meinst du.…’ Morac zögerte. ‚Lebt der Drache noch?’

‚Das weiß niemand. Manche sagen sogar, Drachen sterben nie. Keiner von uns hat je von einem toten Drachen gehört.’

‚Wenn er noch am Leben ist…wo lebt er denn?’

Der Alte lächelte, wobei die Falten in seinem Gesicht noch zahlreicher wurden. ‚Willst du ihn etwa zu Hause besuchen?’

‚Nein, natürlich nicht, ich dachte nur, wenn er noch lebt, dann muss er irgendwo etwas wie eine Behausung haben.’

‚Da wirst du wohl Recht haben’, sagte der Alte. ‚Als ich so groß war wie du, erzählten die Alten, dass Drachen in den Bergen hausen, am anderen Ende der großen Steppe.’ Eringar schwieg einen Augenblick und sah ihn fragend an. ‚Du bist zu mir gekommen, weil du etwas auf dem Herzen hast.’

Morac erzählte ihm von dem Traum, der ihn in der letzten Zeit immer wieder heimgesucht hatte. Der Alte hörte ihm aufmerksam zu, dann schwieg er.

‚Ich habe dir die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt’, sagte er schließlich. ‚Nachdem der Drache weg war, blieb der Regen aus. Erst einen Sommer, dann zwei, dann wurden es immer mehr. Das Korn verdorrte am Halm, das Vieh wurde kränklich und gebar nicht mehr. Der Fluss ging immer mehr zurück, bis er nur noch ein kleines Rinnsal war, das in der Sonne austrocknete. Auch die Menschen wurden krank und schwach und starben früh weg, ohne Nachkommen. Unser Dorf…’, er zeigte hinter sich, ‚war noch vor wenigen Jahren doppelt so groß. Die leer stehenden Hütten wurden abgerissen, als es keine Bäume mehr gab, die Brennholz lieferten.’

‚Und ihr meint.…’ Morac zögerte.

‚Was meinen wir?’

‚Dass das der Fluch des Drachen war? Dafür, dass mein Vater ihn verwundet hat?’

Der Alte stand plötzlich auf. Trotz seines Alters war er immer noch eine imposante Gestalt, vor der man Achtung haben musste. Morac erhob sich ebenfalls.

Zusammen gingen sie den Weg zurück, der zum Dorfplatz führte.

Ja, das sagen einige.’ Der Alte sprach langsam, als ob er seine Worte genau abwägen müsste. ‚Aber wissen kann man das nicht. Man hört mal dies, mal das. So reden Menschen, wenn sie ratlos sind.’

Morac blieb stehen. ‚Und du? Was glaubst du denn?’

Eringar schaute ihn wieder eindringlich an. Morac sah, wie er mit sich rang. Als er schließlich sprach, klang es fast wie ein Seufzer. ‚Vergiss deinen Traum und bleib bei Mirna. Sie braucht dich.’

‚Danke’, antwortete Morac. ‚Danke für deinen Rat.’ Er wandte sich ab und ging weg. Er wollte jetzt allein sein.

Denn eins war ihm klar geworden, auch wenn der Alte es nicht auszusprechen wagte: Der Drache, den sein Vater verwundet und der seinen Vater getötet hatte, dieser Drache war durchaus noch am Leben. Und er war nicht im Traum gekommen, um ihn zu vernichten. Er war gekommen, um ihn zu sich zu rufen.

Kapitel 3 Die Feuertaufe

Am Tag seines Aufbruchs stand Morac früh auf, früher als sonst. Er hatte sich schon am Abend davor seinen Proviantbeutel heimlich gepackt und sein Messer unter seinem Lager versteckt, damit er es am anderen Morgen im Dunkeln finden konnte. Auf nackten Sohlen schlich er sich lautlos zum Eingang der Hütte. Groß war daher sein Schreck, als er seine Mutter draußen auf der Bank entdeckte. Sie schaute nicht einmal auf, als er aus der Hütte trat, sondern starrte mit stierem Blick schräg nach unten, als würde sie in ein offenes Grab schauen. Es war die Haltung, die er in letzter Zeit immer häufiger an ihr beobachtet hatte.

‚Ich kann nicht länger hier bleiben, Mutter. Ich muss das Werk vollenden, das mein Vater begonnen hat und für das er gestorben ist.’

Mirna blickte schweigend zur Erde. Morac konnte in der Dämmerung nicht erkennen, ob sie ihm überhaupt zugehört hatte.

‚Unser Land stirbt, und mit ihm unser Volk. Der Drache muss endgültig besiegt werden, damit der Fluch aufhört.’

Morac hatte sich tagelang die Gedanken zurechtgelegt, die er brauchte, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Aber als er sie laut aussprach, kamen sie ihm hohl und großsprecherisch vor.

‚Der Drache ruft nach mir. Ich bin der Einzige, der ihn besiegen kann.’

‚Das ist dein Vater, der nach dir ruft.’ Zum ersten Mal erhob seine Mutter ihre Stimme. ‚Ihm ist einsam geworden im Grab. Er braucht jemand, der genauso töricht ist wie er.’

Morac fühlte, wie sein Gesicht rot wurde. ‚Er ist nicht töricht gewesen, sondern mutig! Er hatte als Einziger keine Angst vor dem Drachen! Und ich werde allen zeigen, dass ich es wert bin, sein Sohn zu sein!’

‚Geh’, sagte seine Mutter tonlos. ‚Du bist schon tot, wenn du dahin gehst.’

Morac wandte sich um und ging. Es schmerzte ihn, auf diese Weise von seiner Mutter Abschied zu nehmen, aber er wusste genau, dass er von seinem Vorhaben, ob töricht oder nicht, nicht mehr abrücken konnte.

Orla wartete auf ihn am Brunnen, wo sie sich verabredet hatten. Er füllte schweigend seinen Wasserschlauch und schnürte sich seinen Beutel auf den Rücken, damit er beim Gehen nicht störte. Schließlich sagte er: ‚Mirna ist schon wach gewesen.’

‚Und? Was hat sie dazu gesagt?’

‚Für sie bin ich schon tot.’ Seine Stimme stockte. ‚Wer weiß, vielleicht hat sie sogar Recht. Aber ich kann es nicht ändern. Was ich tun muss, muss ich eben tun.’

‚Der Drache hat ihr den Mann genommen. Jetzt glaubt sie, dass er ihr auch noch den Sohn raubt. Das musst du verstehen.’

Morac wechselte lieber das Thema. ‚Du passt auf sie auf? Bis ich wiederkomme?’, fragte er.

Orla schaute ihn ernst an.

Wenn sie so ernst guckt, sieht sie beinahe erwachsen aus, dachte er. ‚Mache dir deswegen keine Sorgen. Ich werde für sie Tochter sein.’

‚Danke. Ich muss jetzt los.’ Er wollte noch etwas sagen, aber er wusste nicht was. Als Orla ebenfalls schweigend dastand, wandte er sich ab und machte sich auf den Weg.

Als er den Rand des Dorfes gerade erreicht hatte, hörte er schnelle Schritte hinter sich. Er drehte sich um und sah, wie Orla auf ihn zugelaufen kam. Sie blieb wenige Schritte vor ihm stehen und schaute ihm ruhig und gefasst ins Gesicht. ‚Ich werde auf dich warten’, sagte sie, dann drehte sie sich um und ging gemessenen Schrittes zurück ins Dorf. Ihre Worte hatten sachlich, fast trocken geklungen; genauso hätte sie sagen können: Wir backen morgen Brot. Aber gerade deswegen machten sie auf Morac einen besonderen Eindruck, den er nicht beschreiben konnte.

Westlich ihres Dorfes erstreckte sich das Grasland wie ein unermessliches Meer, das bis zum Horizont reichte. Hätte es nicht die purpurne Kette der fernen Berge gegeben, wäre es kaum möglich gewesen, in der gleichförmigen Ödnis sich zurechtzufinden. Tagsüber marschierte er stramm auf das Hochland zu, während über ihm die Sonne erbarmungslos auf die baumlose Steppe niederbrannte. Nachts suchte er sich eine Kuhle zum Schlafen, wo er nicht so leicht zu entdecken wäre. So war er drei Tage gelaufen, ohne dass ihm die Berge sichtlich näher erschienen. Er begann, am Sinn seiner Reise zu zweifeln. Wenn er jemals die Berge erreichte, wie sollte er dort den Drachen finden, wenn dieser sich versteckt hielt? Er versuchte sich vorzustellen, wie er mit seinem Schnitzmesser in der Hand vor dem Ungeheuer stand. Was wollte er eigentlich damit ausrichten? Ihm etwa den Gnadenstoß geben? Und wenn der Drache keine Lust hatte, von ihm den Gnadenstoß zu empfangen, und ihn stattdessen mit einem Prankenhieb ins Schattenreich beförderte? In solchen Augenblicken fühlte sich Morac sehr klein. Dennoch wusste er genau, dass er nicht mehr zurückkehren konnte. Die Blicke der anderen würde er nicht ertragen können. Und der Drache würde immer wieder nach ihm rufen…

Gegen Mittag des vierten Tages zog sich der Himmel zu, bis er von einem Horizont zum anderen wie mit grauem Schafsfell überzogen war. Ein dumpfes Grollen aus der Ferne kündigte ein Gewitter an. Morac ging weiter. Das Gewitter schien näher zu kommen; das Grummeln wurde immer deutlicher. Dann verstummte es. Heiße Luft hing nun reglos über der fahlen Steppenlandschaft; kein Halm rührte sich. Es war, als hielte die Welt den Atem an. Plötzlich krachte es so laut, dass Morac vor Schreck fast umgefallen wäre, und gleichzeitig schossen gewaltige Zacken vom Himmel bis zum Boden direkt vor seinen Augen.

Morac war nicht feige. Beim Spielen mit anderen Knaben hatte er nie gekniffen und war immer der erste gewesen, der etwas Neues ausprobierte. Aber dies war jetzt anders. Zum ersten Mal drang es ihm ins Bewusstsein, dass er dieses Abenteuer nicht unbedingt überleben musste. Wieder krachte es über seinem Kopf, und wieder schossen Blitze zum Boden, diesmal weiter links. Da begriff er, dass eine neue Gefahr drohte.

Mit dem regenlosen Gewitter war ein starker Wind aufgekommen, der ihm ins Gesicht blies. Auf einmal roch es brenzlig. Er schaute genauer hin: Unweit vor ihm stieg Rauch auf, dort wo der Blitz eingeschlagen war. Während er hinschaute, stiegen Flammen aus dem Boden und verbreiteten sich im Nu. Vom Sturmwind angefacht, vereinigten sie sich zu einer tödlichen Feuerwalze, die sich langsam vorwärts fraß.

Morac schaute nach links und nach rechts. Er konnte jetzt schon im Qualm nicht mehr erkennen, ob und wo die Feuerwand aufhörte. Ihr auszuweichen schien sinnlos. Ebenso wenig konnte er vor ihr fliehen; sie bewegte sich immer schneller und würde ihn bald einholen. Starr vor Schreck, unfähig sich zu rühren, schaute er zu, wie die Flammen näher kamen. Schon konnte er die Hitze im Gesicht spüren. In dem Augenblick hörte er, wie eine Stimme zu ihm sprach:

‚Warum fürchtest du das Element, aus dem du selber bist? Trägt dich nicht auch das Wasser, sobald du ihm vertraust? Warum hast du denn Angst vor der Flamme?’

Morac fühlte sich wie im Traum. Das konnte nicht wirklich sein. Auf einmal war seine Angst verschwunden. Er schloss die Augen und trat nach vorne. Einen Augenblick empfand er eine sengende Hitze an seiner Haut, dann war es vorbei, und er war drinnen. Er öffnete vorsichtig wieder die Augen.

Von innen gesehen war die Flammenwelt ganz anders. Was er von außen als Hitze empfunden hatte, war hier eine tanzende, jauchzende Helligkeit, die seine Sinne erfreute. Er fühlte sich leicht und voller Energie, als ob er nun selber Flamme geworden wäre. Dann sah er, dass er nicht allein war. Vor ihm schwebte eine Gestalt, mal deutlicher, dann wieder nur verschwommen. Sie hatte menschliche Züge, die aber ständig zerflossen und sich neu bildeten, so dass sie mal das Aussehen einer Frau hatte, mal eher die eines Mannes, mal kindlich erschien, dann wieder uralt. Die Gestalt streckte ihm die Hand entgegen. ‚Das Herz aus Stein’, sprach die Stimme, dieselbe, die er von draußen gehört hatte, ‚tausch es gegen eines, das von innen brennt.’ Plötzlich hielt er etwas Festes in seiner Hand, etwas, was er nicht sehen konnte. Die Gestalt schien rückwärts zu weichen, blasser zu werden, wie eine Flamme, die flackert und erlischt. Dann verschwand das Licht um ihn herum, und er stand wieder im Freien. Der Boden unter seinen Füßen war verkohlt, aber das Gras brannte nicht mehr. Lediglich der letzte Rauch stieg noch zum Himmel auf.

Morac stand wie benommen da. Hatte er das wirklich erlebt? Dann erinnerte er sich, dass er etwas auf die Hand bekommen hatte. Jetzt, beim Tageslicht, konnte er es deutlich sehen. Es schien eine Art Amulett zu sein. An einer schlichten Kette hing ein flacher, unregelmäßig geformter Stein, der aus einem rotbraunen, fast durchsichtigen Material bestand. Morac hängte sich die Kette um den Hals und steckte den Stein in den Halsausschnitt seines Hemdes, so dass er über seinem Herzen baumelte. War es nur Einbildung, oder empfand er eine leichte Wärme, die von dem Stein auszugehen schien? Wie dem auch sei—der Abend rückte näher, und Morac brauchte einen Schlafplatz für die Nacht. Er setzte seinen Weg fort, den Bergen entgegen.

Kapitel 4 Im Wald

Irgendwann ist alles zu Ende. Selbst das Grasland, das ihm seit seiner Kindheit als endlose Weite vertraut war, lief irgendwann aus und ging in bewaldete Hänge über, die das Vorland der Berge bildeten. Seine Leute mieden den Wald. Die Dunkelheit und die begrenzte Sicht zwischen den Baumstämmen waren ihnen unheimlich, außerdem hatten sie Angst vor den Bergleuten, die in den höher gelegenen Gegenden zu Hause waren. Von ihnen erzählte man sich schaurige Dinge: dass sie ihren Kindern absichtlich Verletzungen beibrachten, um sie gegen Schmerz unempfindlich zu machen, und dass sie gegenüber fremden Menschen und Tieren unbeschreiblich grausam waren. Bislang hatte sich Morac immer nur um den Drachen Gedanken gemacht. Jetzt schob sich eine andere, realere Gefahr in den Vordergrund. Morac tastete vorsichtshalber nach seinem Messer und sah sich dreimal um, bevor er den Wald betrat.

Kaum war er im Wald, wurde ihm bewusst, dass er vor einem neuen Problem stand. In der Steppe hatte er erstens die Sonne, zweitens den Weitblick auf die Berge gehabt, an denen er sich hatte orientieren können. Im ewigen Dämmerlicht des Waldes gab es weder das eine noch das andere. Er konnte sich lediglich an das Gefälle des Bodens halten. Zu den Bergen hin stieg das Land an; das konnte nicht anders sein. Solange sein Weg immer weiter nach oben verlief, konnte er sich also nicht wirklich verlaufen. Andererseits hatte der Wald auch seine Annehmlichkeiten, wie er nach und nach feststellte. Im Schatten der Baumkronen, auf weichem Waldboden, war das Gehen angenehmer als im trockenen Gras, immer der Sonne ausgesetzt. Ab und an unterbrach ein Vogelruf die Stille, und es gab weitaus mehr Verstecke für die Nacht als in der weiten Ödnis der Steppe. Außerdem konnte er sich hier leichter selbst versorgen, denn es gab immer wieder Beerensträucher oder Nüsse, mit denen er seinen Hunger vorübergehend stillen konnte.

Er war schon ein gutes Stück vorangekommen, als er merkte, dass der Himmel über ihm langsam verblasste. Er würde sich bald ein Versteck für die Nacht suchen müssen. Im Weitergehen hielt er Ausschau. Schließlich fand er ein Dickicht, das an einer Seite ein Stück offen war. Innen drin war gerade genug Platz, dass er sich hinlegen und die Beine halb ausstrecken konnte. Schon jetzt konnte er im Dunkel kaum noch etwas erkennen; bald würde sich völlige Finsternis über den Wald ausgießen, und er würde für alle Wesen, die auf ihre Augen angewiesen waren, unsichtbar sein. Die anderen, hoffte er, würden sich für ihn nicht interessieren. Mit diesen Gedanken schlief Morac ein.

Als er wieder wach wurde, war es immer noch dunkel. Morac richtete sich schlaftrunken auf. Hatte ihn etwas geweckt? Er lauschte in die Finsternis. Ganz still war der Wald nie; irgendwo raschelte es immer, und manchmal hörte man aus der Ferne den Ruf eines Tieres. Als es leise blieb, legte sich Morac wieder hin. Zum Aufbruch war es noch viel zu dunkel; zu leicht hätte er stolpern und sich verletzen können. Und dann hörte er es: ein kaum wahrnehmbares Geräusch, wie Blätter, die sich in einer leichten Brise drehen. Dann hörte es wieder auf. Und fing wieder an, um gleich danach wieder zu verstummen. Morac überkam das ungute Gefühl, dass er in seinem Dickicht nicht allein war. Als es dann aber ruhig blieb, schlief er schließlich noch einmal ein.

Am anderen Morgen schaute sich Morac als erstes in seinem Versteck um. Er war neugierig, woher die Geräusche in der Nacht gekommen waren. Zunächst konnte er nichts Besonderes erkennen. Niedriges Strauchwerk und verkümmerte Baumsprosse. Er drehte sich um und schaute zu der Seite, wo er mit dem Kopf gelegen hatte. Er musste zweimal hinschauen, bis er es entdeckte. Ein Vogel, eine Amsel. Sie saß auf einem Zweig etwa in Brusthöhe und rührte sich nicht. Vielmehr schaute sie ihn reglos an, nur ab und zu bewegte sie ruckartig den Kopf.

Eine Weile blieb Morac einfach stehen und schaute zu dem Vogel. Er hatte einen lebenden Wildvogel noch nie so aus der Nähe beobachten können. Da erst fiel ihm auf, was an der Situation so seltsam war. Die Amsel machte keinerlei Anstalten davonzuflattern. Im Gegenteil: Sie blieb wie angewurzelt sitzen und schaute ihn unverwandt an, als ob sie ihrerseits fasziniert wäre, einen Menschen aus nächster Nähe zu betrachten. Erst als er vorsichtig nach ihr griff und sie hilflos mit den Flügeln schlug, merkte Morac den Grund für ihr Verhalten: Sie saß auf dem Zweig fest und konnte sich nicht befreien.

Also sind auch andere hier in dieser Gegend unterwegs, dachte er, Fallensteller, die an ‚ihre’ Orte regelmäßig zurückkehren. Vielleicht war derjenige, der den Zweig mit Leim bestrichen hatte, bereits unterwegs, um seine Beute einzusammeln. Zeit weiterzugehen; sonst würde er am Ende vielleicht genauso festsitzen wie der Vogel. Er drehte sich um und wollte gehen, als auf einmal die Amsel anfing zu sprechen. Er verstand natürlich nichts davon, was sie sagte, aber genauso klang es: als wollte der Vogel eindringlich auf ihn einreden. In einer flötenden Kaskade purzelten die Töne übereinander, und die ganze Zeit schaute ihn die Amsel unverwandt an.

Irgendetwas rührte sich in Morac, irgendetwas, was ihn daran hinderte, einfach weiterzugehen und den Vogel seinem Schicksal zu überlassen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Morac" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen