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Heiß wie der Sommer

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Tyler Creed verkniff sich ein Grinsen. Der ältere Mann auf dem Supermarktparkplatz starrte ungläubig auf seine schwielige Hand, in der er einen glitzernden Schlüsselbund hielt. Er blinzelte ein paarmal, als versuchte er, eine Halluzination zu vertreiben, und zog nervös an seiner abgewetzten Baseballkappe. Nach der gelben Stickerei darauf zu urteilen, hieß der Mann Walt und war der beste Dad der Welt.

Walt betrachtete seinen zehn Jahre alten Truck, einen Chevy, dessen Seiten und Schmutzfänger dick mit getrocknetem Morast überzogen waren. Dann wanderte sein Blick zu Tylers glänzendem weißen Escalade.

„Sie machen wohl Witze, Mister!“, sagte er. „Sie wollen ernsthaft Ihren Cadillac Escalade gegen meine alte Rostlaube eintauschen? Die Mühle hat fast hunderttausend Meilen auf dem Buckel, und ständig verliert er irgendein Teil. Erst letzte Woche war plötzlich der Auspufftopf weg …“

Tyler nickte und ließ sich weiter nicht anmerken, dass ihn Walts Gerede eigentlich langweilte. „So hatte ich mir das vorgestellt.“

Der ältere Mann ging auf den Cadillac zu und berührte mit einem Anflug von Ehrfurcht die Motorhaube. „Ist der gestohlen, oder was?“, fragte er argwöhnisch. Verständlicherweise. Schließlich wurde einem nicht jeden Tag ein solches Angebot gemacht. Erst recht nicht in Crap Creek, Montana, oder wie sich dieses Kaff mitten im Nirgendwo auch immer nennen mochte.

Tyler lachte leise. „Nein, Sir, ich bin der rechtmäßige Eigentümer. Die Papiere liegen im Handschuhfach. Wenn Sie einverstanden sind, überschreibe ich Ihnen den Wagen und mache mich wieder auf den Weg.“

„Warten Sie, bis Myrtle mit den Einkäufen zurückkommt!“, redete der Kerl weiter und hakte die Daumen in die Träger seines ölverschmierten Overalls ein, schüttelte den Kopf und grinste breit. Seine Zahnlücken sprachen eine deutliche Sprache: Walt musste dringend einen Zahnarzt aufsuchen.

Tyler wartete.

„Ich begreife noch immer nicht, warum jemand so einen Tausch machen will!“, beharrte Walt. „Vielleicht sind Sie ja nicht ganz richtig im Kopf?“ Er kniff die Augen zusammen und betrachtete Tylers Gesicht. „Obwohl … aussehen tun Sie nicht danach.“

Unwillkürlich sah Tyler auf seine Armbanduhr, ein exklusives Exemplar: Auf dem Ziffernblatt war in 24-karätigem Gold ein Rodeo-Cowboy dargestellt, der auf einem Hengst saß und den Arm nach oben reckte. Das Ziffernblatt war aus Platin; Diamanten glitzerten auf der Zwölf, der Drei, der Sechs und der Neun. Das Ding passte so wenig zu ihm wie der teure SUV, den er jetzt praktisch verschenkte. Doch er würde nie auf die Idee kommen, sich von der Uhr zu trennen. Tylers verstorbene Frau Shawna hatte ihren Pferdetransporter und ihren mit Edelsteinen besetzten Sattel verkauft – und das nur, um ihm diese Uhr an dem Tag zu schenken, an dem er seinen ersten Meisterschaftstitel gewann.

„Ich weiß nicht, ob ich mich auf einen Handel mit einem Mann einlassen soll, der es so eilig hat wie Sie“, erklärte Walt und kniff wieder leicht die Augen zusammen. „Sie laufen vor irgendwas davon, und dieses Irgendwas könnte die Polizei sein. Ich kann keinen Ärger von der Art gebrauchen, das sag ich Ihnen! Myrtle und ich, wir führen ein gutes Leben. Natürlich nichts Luxuriöses, schließlich habe ich dreißig Jahre im Sägewerk gearbeitet. Aber unser Häuschen ist abbezahlt, und wir kriegen es immer hin, für jeden unserer Enkel zehn Dollar zum Geburtstag zusammenzukratzen …“

Tyler unterdrückte ein Seufzen.

„Nette Uhr!“, meinte Walt. Er hatte erkennbar keine Eile, den Handel über die Bühne zu bekommen. Mit wachsamem Blick musterte er Tylers Jeans und Hemd, bemerkte die teuren, in Texas von Hand angefertigten Stiefel und sah sich dann den schwarzen Cowboyhut an, den Tyler tief ins Gesicht gezogen hatte. „Haben Sie im Rodeo gewonnen, oder so?“

„Oder so“, bestätigte Tyler knapp. Nicht mal seine eigenen Brüder Logan und Dylan wussten von seiner Ehe mit Shawna. Sie wussten auch nichts von dem Unfall, bei dem sie ums Leben gekommen war. Und er würde ganz bestimmt nicht einem Fremden davon erzählen, den er auf einem Supermarktparkplatz kennengelernt hatte.

„Sie sehen aus, als würden Sie Rodeos reiten“, entschied Walt nach einem weiteren prüfenden Blick. „Und irgendwie kommen Sie mir sogar bekannt vor.“

Und Sie sehen aus wie ein Gabelstaplerfahrer, gab Tyler stumm zurück, während er die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Jeans hakte. „Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?“, fragte er gelassen.

„Lassen Sie mich erst mal den Fahrzeugbrief sehen“, erwiderte Walt, der noch nicht restlos überzeugt zu sein schien. „Und irgendwas, womit Sie sich ausweisen können, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Der Zusatz war eigentlich überflüssig, denn auch wenn es ihm etwas ausgemacht hätte, wäre der Mann hartnäckig geblieben. Also holte Tyler den Fahrzeugbrief aus dem SUV und hielt kurz inne, um den hässlichen Hund zu streicheln, den er auf dem langen Heimweg auf einem anderen Parkplatz halb verhungert entdeckt hatte. Er hatte ihn Kit Carson getauft, nach dem legendären amerikanischen Pionier.

„Gehört der Hund zum Wagen?“, fragte Walt etwas forscher.

„Nein“, antwortete Tyler. „Den behalte ich.“

Walt verzog bedauernd den Mund. „Zu schade! Seit mein Minford letzten Winter an Altersschwäche gestorben ist, überlege ich ständig, ob ich mir nicht einen neuen Hund holen soll. Hunde sind eine angenehme Gesellschaft, und da Myrtle jeden Tag kellnert, um ihre Bingo-Leidenschaft zu finanzieren, bin ich viel allein.“

„Es gibt eine Menge Hunde, die ein neues Zuhause suchen“, machte Tyler ihm klar. „Die Tierheime sind randvoll.“

„Ja, ich schätze, da haben Sie recht“, stimmte Walt ihm zu und musterte den Fahrzeugbrief so gründlich, als hätte Tyler ihm einen Haftbefehl vor die Nase gehalten. „Sieht ganz ordentlich aus“, kommentierte er. „Und ausweisen können Sie sich auch?“

Aus seiner Brieftasche zog Tyler den Führerschein heraus, den er Walt hinhielt.

Der bekam große Augen und stieß einen grellen Pfiff aus. „Tyler Creed, natürlich! Ich dachte mir schon, dass ich den Namen kenne, als ich den Fahrzeugbrief sah. Vierfacher Rodeo-Weltmeister. Ich hab Sie ziemlich oft im Sportkanal gesehen, und in ein paar Werbespots. Da muss man schon Mut haben, sich in Boxershorts vor die Kamera zu stellen und so frech zu grinsen, aber Sie haben das gut hingekriegt. Meine Tochter hat einen Kalender nur mit Ihren Fotos – schon über zwei Jahre alt, und sie hängt ihn einfach nicht ab. Ihr Mann ist deswegen stinksauer.“

Innerlich seufzte Tyler, doch nach außen hin bewahrte er die Ruhe.

„Myrtle und ich würden uns freuen, wenn Sie zum Essen zu uns kämen“, redete Walt weiter.

„Keine Zeit.“ Tyler hoffte, dass sein Tonfall bedauernd genug klang.

Walt musterte ihn noch einmal, schüttelte wieder den Kopf und holte dann seine Papiere aus dem klapprigen Truck, um den Fahrzeugbrief zu unterschreiben. „Ich nehme nur noch meine Werkzeugkiste von der Ladefläche“, sagte er.

„Ich hole in der Zeit meine Sachen aus dem Wagen“, gab Tyler erleichtert zurück.

Der Tausch war endlich vollzogen. Tyler hatte die Reisetasche, seinen Hund und den Gitarrenkoffer in den Chevy verfrachtet, bevor Walt die rote Werkzeugkiste in den Escalade packen konnte.

„Und Sie wollen wirklich nicht zum Essen kommen?“, fragte Walt noch einmal, als eine Frau mit einem Einkaufswagen in ihre Richtung kam und verwundert zwischen den beiden Wagen hin- und herschaute.

„Ich wünschte, ich hätte Zeit“, behauptete Tyler und stieg ein. Wenn er sich beeilte, würde die Fahrt nach Stillwater Springs nicht allzu lange dauern. Die Nacht würde er in seiner Hütte am See verbringen, und am nächsten Morgen würde er Logan aufsuchen, um ihm eine runterzuhauen – wieder einmal.

Und vielleicht sollte er das bei Dylan auch gleich noch machen.

Aber vor allem war er auf dem Heimweg, weil es einige Dinge gab, denen er sich stellen musste.

„Bis dann“, sagte er zu Walt.

Bevor der ältere Mann antworten konnte, war Tyler bereits losgefahren.

Nach fünf Meilen löste sich der Auspufftopf aus seiner Verankerung und schrammte lautstark und Funken sprühend über den Asphalt.

„Mist!“, fluchte Tyler. Kit Carson winselte zustimmend.

Tja. Er hatte ja unbedingt zurückkehren und herausfinden wollen, was aus ihm ohne Rodeo, Geld und Shawna geworden wäre. Er wollte ein ganz normales Landleben führen.

Und außerdem war es ja nicht so, als hätte Walt ihn nicht gewarnt.

Tyler verzog das Gesicht. Er fuhr an den Straßenrand, stellte den Motor ab und kroch unter den Truck, um sich ein Bild von dem entstandenen Schaden zu machen. Es war fast wie damals, in der schlechten alten Zeit, wenn Jake und er versuchten, die aktuelle Rostlaube wieder zusammenzuflicken, damit sie bis zum nächsten Gehaltsscheck durchhielt.

Eines stand jedenfalls fest: Wo auch immer Walts Talente lagen – Auspuffreparaturen waren nicht seine Stärke. Den Auspufftopf, der erst letzte Woche abgefallen war, hatte er mit Paketband festgeklebt; die geschmolzenen Überreste hingen unterm Wagen. Der Auspuff selbst sah aus, als hätte ihn jemand für Schießübungen mit einer Schrotflinte benutzt.

Seufzend kam Tyler unter dem Truck hervor und klopfte seine Jeans ab. Kit Carson saß auf dem Fahrersitz. Der Hund drückte die Nase gegen die Seitenscheibe und hechelte.

Tyler öffnete die Tür, schob den Hund auf den Beifahrersitz und holte sein Handy aus dem schmutzigen Ablagefach in der Konsole. Dann wählte er die Nummer der Auskunft und bat darum, mit dem nächstgelegenen Abschleppdienst verbunden zu werden.

Lily Kenyon beschlich nicht der leiseste Zweifel an ihrer Entscheidung, in Montana zu bleiben und sich um ihren kranken Vater zu kümmern. Soeben hatte sie ihn im Missoula General Hospital abgeholt und zusammen mit einer Krankenschwester in den geliehenen Taurus gesetzt. Nein, leise Zweifel hatte sie wirklich nicht. Sie waren eher ohrenbetäubend laut, und das, seit sie vor gerade einmal einer Woche mit ihrer sechsjährigen Tochter Tess direkt vom Flughafen zum Krankenhaus gefahren war. Tat sie das Richtige?

Sie hatte ihren Vater als einen gut gelaunten, wenn auch manchmal gedankenverlorenen Mann in Erinnerung, als ausgeglichen und witzig. Bis in ihre Teenagerzeit hatte sie jeden Sommer in Stillwater Springs verbracht und ihren Vater auf Schritt und Tritt verfolgt, während der sich in seiner Praxis um seine vierbeinigen Patienten kümmerte und von Farm zu Farm fuhr, um kranke Kühe, Pferde, Ziegen und Katzen zu behandeln. Er war stets nett und freundlich gewesen, und er hatte sie zu seiner Assistentin gekürt und sie „Doc Ryder“ genannt. Das hatte sie mit Stolz erfüllt, weil die Menschen in dieser Kleinstadt üblicherweise ihn so bezeichneten.

Damals wollte Lily so werden wie ihr Dad.

Es fiel ihr schwer, diesen Mann aus ihrer Erinnerung mit dem Menschen in Einklang zu bringen, den ihre verbitterte, wütende Mutter ihr nach der Scheidung beschrieben hatte. Dem Mann, der sie nie besucht hatte. Der weder zu Weihnachten noch an ihrem Geburtstag eine Karte schickte, und der nicht mal anrief, um zu fragen, wie es ihr ging.

Nachdem sie nun sieben Tage lang seine griesgrämige Art ertragen hatte, verstand sie ihre Mutter etwas besser. Auch wenn es sie nach wie vor störte, dass Lucy Ryder Cook nie ein Wort über ihren Exmann verlieren konnte, ohne dabei das Gesicht zu verziehen. Hal Ryder alias Doc schien Tess zu mögen, doch sobald sein Blick zu Lily wanderte, schlich sich wieder dieser wütende Schmerz in seine Augen.

Nachdem ihr Vater angeschnallt war und ihre Tochter in ihrem Kindersitz saß, versuchte Lily, sich zu sammeln. Für einen Tag im Juli war es außergewöhnlich heiß. Das Krankenhaus war angenehm klimatisiert gewesen und deshalb schien die Luft, die aus den Lüftungsschlitzen im Armaturenbrett kam, umso sengender zu sein.

Ihr Rücken war schweißnass, und ohne auch nur einen Meter gefahren zu sein, klebte sie jetzt schon am Sitz fest.

Das war gar nicht gut.

„Können wir Hamburger essen gehen?“, krähte Tess vom Rücksitz.

„Nein“, antwortete Lily, die auf gesunde Ernährung achtete.

„Ja“, kam im gleichen Moment die Reaktion ihres Vaters.

„Was denn?“, fragte Tess geduldig. „Ja oder nein?“ Die Kleine war für ihr Alter äußerst sachlich, fast schon gleichmütig. Sie hatte aber seit Burkes „Unfall“ im letzten Jahr auch einige Übung darin, die Dinge so zu nehmen, wie sie kamen. Lily hatte es nicht übers Herz gebracht, ihrer Tochter das zu sagen, was jeder andere längst wusste: dass Lilys Ehemann – Tess’ Vater – in einem Anfall von Melancholie sein kleines Privatflugzeug in voller Absicht an einer Brücke hatte zerschellen lassen.

„Nein“, erklärte sie entschieden und warf ihrem Vater einen eindeutigen Blick zu. „Du erholst dich gerade von einem Herzinfarkt. Du solltest jetzt nichts Fettes essen.“

„Es gibt auch noch so etwas wie Lebensqualität“, grummelte Hal Ryder. Er war dünn geworden, und unter den Augen hatte er dunkle Ringe. „Und falls du glaubst, ich werde mich nur noch von Tofu und Rosenkohl ernähren, dann hast du dich aber geschnitten.“

Lily legte den Gang ein und fuhr los. „Hör zu!“, erwiderte sie gereizt. Stress und Schlafmangel machten sich langsam bemerkbar. „Wenn du deine Arterien verstopfen und deinen Körper mit Konservierungsmitteln vergiften willst, dann kannst du das ja ruhig machen. Tess und ich haben vor, ein langes, gesundes Leben zu führen.“

„Ein langes und langweiliges Leben“, konterte Hal. Lily hatte schon vor Jahren aufgehört, ihn als ihren Dad anzusehen – seit ihr klar geworden war, dass er sie nicht mehr den Sommer über zu sich nach Montana holen wollte. Hal war vehement gegen ihre Teenagerromanze mit Tyler Creed gewesen, und sie vermutete, dass er sie deswegen aus seinem Leben verbannt hatte.

„Ich kann auch eine Krankenschwester engagieren“, sagte sie, während sie den Wagen durch den dichter werdenden Verkehr lenkte und die Erinnerung an Tyler wieder verdrängte. „Wenn es dir lieber ist, kann ich mit Tess gleich wieder nach Chicago zurückfahren.“

„Sei nicht so gemein, Mom“, meldete sich Tess zu Wort. „Du weißt doch, dass Grampas Herz ihn angefallen hat.“

Tess’ Formulierung hätte ihr fast ein breites Lächeln entlockt, aber dafür war das Thema dann doch zu ernst.

„Ja“, stimmte Hal ihr zu. „Sei nicht so gemein! Das erinnert mich nämlich an Lucy, und an sie möchte ich so wenig wie möglich denken.“

Da Lily auf ihre Mutter nicht viel besser zu sprechen war als auf ihren Vater, hätte sie auf diese letzte Bemerkung auch gut verzichten können. Sie beugte sich vor und änderte die Einstellung der Klimaanlage, während sie mit einem Auge die Straße im Blick behielt. Ihre Baumwollshorts waren hochgerutscht, sodass nun auch die Oberschenkel am Sitz klebten.

Das hatte ihr noch gefehlt. „Na, wunderbar“, murmelte sie.

„Nana ist doof“, merkte Tess gut gelaunt und liebevoll an.

„Ruhig“, zischte Lily, obwohl sie ihr insgeheim zustimmte. „Es ist nicht nett, so was zu sagen.“

„Aber es stimmt doch!“, beharrte sie.

„Ganz meine Meinung!“, kommentierte Hal.

„Das reicht jetzt!“, fauchte Lily. „Hört gefälligst beide auf! Ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren! Schließlich wollen wir doch alle lebend unser Ziel erreichen.“

„In dem Fall solltest du etwas langsamer fahren“, brummte Hal. „Wir sind hier schließlich nicht in Chicago.“

„Danke, das wäre mir fast nicht aufgefallen“, konterte sie viel sarkastischer als beabsichtigt.

„Hast du ein großes Haus, Grampa?“, wollte Tess wissen und lenkte die Unterhaltung auf ein harmloseres Thema. „Kann ich Moms altes Zimmer haben?“

Unwillkürlich wurden Erinnerungen wach an das riesige viktorianische Gebäude, das einmal ihr Zuhause gewesen war. Ein herrlich verwinkeltes Haus mit einer hoffnungslos vollgestopften Bibliothek, Sitzbänken vor den Fenstern und Kaminen aus Backsteinen. Ein Stich ging ihr durchs Herz. Ihr wurde zugleich bewusst, was sie mit diesem Haus verloren hatte.

„Ja, natürlich“, antwortete Hal in sanftmütigem Tonfall. Sie bemerkte, dass er sie von der Seite ansah. „Wartet in Chicago ein Mann auf dich, Lily? Willst du deswegen dorthin zurück?“

Während sie nach der Auffahrt auf den Freeway Ausschau hielt, versteifte sie sich und überlegte, ob die Frage noch etwas anderes ausdrücken sollte. Immerhin hatte Lilys Mutter ihn seinerzeit für einen anderen Mann verlassen, und er hatte in den Jahren danach nicht wieder geheiratet. Möglicherweise misstraute er Frauen insgesamt, also auch seiner eigenen Tochter. Vielleicht rechnete er damit, dass sie alles stehen und liegen ließ und zu irgendeinem Kerl zurückkehrte, dem sie auf Burkes Beerdigung begegnet war.

Sie seufzte und blieb mit den Fingern an der Klammer hängen, mit der sie am Morgen hastig ihr blondes, bis fast auf die Schultern reichendes Haar hochgesteckt hatte, bevor sie das Motel mit Ziel Krankenhaus verließ. Sie wusste, sie verhielt sich nicht fair. Ihr Dad litt unter einer schweren Herzerkrankung. Die Ärzte und Schwestern hatten sie gewarnt, dass Depressionen häufig bei Patienten auftraten, die plötzlich auf die Hilfe von anderen Leuten angewiesen waren.

Zumindest seit der Scheidung hatte Hal Ryder sein Leben so geführt, wie es ihm gefiel. Jetzt war er auf seine ihm fast völlig fremd gewordene Tochter angewiesen. Sie würde ihm das Essen zubereiten, ihm seine Medikamente zuteilen und darauf achten, dass er weder den Rasen mähte noch sich anderweitig körperlich übernahm. Vor allem aber würde sie darauf achten, dass er sich erst wieder um seine Praxis kümmerte, wenn er wirklich genesen war.

„Lily?“, hakte er nach.

„Nein“, sagte sie, nachdem ihr seine Frage wieder eingefallen war. „Da wartet kein Mann auf mich.“

„Mom ist eine schwarze Witwe“, erläuterte Tess bedeutungsvoll.

Hal musste lachen. „So würde ich das nicht ausdrücken, meine Kleine.“

Aus einem unerfindlichen Grund stiegen Lily Tränen in die Augen. So etwas konnte während der Fahrt auf einem Freeway gefährlich werden, und besser wurde dadurch sowieso nichts. „Ich bin eine Witwe“, berichtigte sie ihre Tochter ruhig. „Eine Schwarze Witwe ist eine Spinne.“

„Oh“, antwortete Tess und begann, mit ihren Sandalen gegen den Kindersitz zu treten, was sie immer dann machte, wenn ihr die Autofahrt zu lange dauerte.

„Hör auf damit!“, bat Lily ihre Tochter.

Sekundenlang herrschte Stille, dann erklärte Tess: „Mein Daddy ist gestorben, als ich vier Jahre alt war.“

„Ja, ich weiß, meine Süße.“ Hals Stimme klang jetzt ein wenig belegt.

Lilys Kehle war wie zugeschnürt. Nach einem tränenreichen Telefonat mit Burkes neuester Freundin, die offenbar auch schon wieder von ihm sitzengelassen worden war, hatte Lily die Scheidung eingereicht. Würde er wohl noch leben, wenn sie sich mit weiteren Terminen bei der Eheberatung einverstanden erklärt hätte, anstatt gleich nach diesem Gespräch mit seiner Geliebten einen Scheidungsanwalt anzurufen? Hätte ihre Tochter dann noch immer ihren Dad?

Tess hatte ihren Vater vergöttert.

„Sein Flugzeug ist gegen eine Brücke geflogen“, sagte Tess.

„Tess“, warf Lily sanft ein. „Könnten wir darüber bitte später reden?“

„Das sagst du jedes Mal.“ Tess seufzte. Sie war eine Frühgeburt gewesen, aber seit Burkes Tod kam sie Lily vor wie eine weise, erfahrene Frau, die im Körper einer Erstklässlerin steckte. „Aber es gibt nie ein Später.“

„Du kannst mit Grandpa darüber reden“, schlug Hal mit einem Seitenblick auf Lily vor. „Ich höre dir zu.“

Hilflose Wut stieg in Lily auf, und sie hielt das Lenkrad noch fester umklammert. Obwohl die Klimaanlage inzwischen auf Touren gekommen war, fühlten sich ihre Hände immer noch schweißnass an. Ich höre zu!, wollte sie protestieren. Ich liebe mein Kind, ganz im Gegensatz zu gewissen anderen Anwesenden.

Zu ihrer Verwunderung beugte Hal sich vor und tätschelte ihren Arm. „Vielleicht solltest du für ein paar Minuten rechts ranfahren“, schlug er vor. „Bis du dich wieder beruhigt hast.“

„Ich bin ruhig“, betonte sie mit Nachdruck, atmete so tief durch, wie sie konnte, und entspannte dann ganz bewusst die Schultern.

„Ich habe Hunger“, meldete sich Tess zu Wort. Sie quengelte nie, doch jetzt war sie unüberhörbar dicht davor. Zweifellos wirkte sich die Anspannung, die zwischen den beiden Erwachsenen herrschte, auch auf sie aus.

Das war überhaupt nicht gut.

„Bis Stillwater Springs brauchen wir nicht mal mehr eine Stunde“, gab Lily zurück. „Hältst du es bis dahin aus?“

„Ich glaube schon“, meinte Tess. „Aber dann müssen wir erst am Supermarkt anhalten und einkaufen. Grandpa hat mir erzählt, dass er zu Hause nichts zu essen hat.“

Lilys Kopf begann schmerzhaft zu pochen. Sie sah in den Innenspiegel, um Blickkontakt zu ihrer Tochter herzustellen. „Okay, wir werden anhalten“, lenkte sie ein. „An der nächsten Abfahrt fahren wir raus und suchen nach einem Lokal mit Salatbüfett.“

„Kaninchenfutter“, beschwerte sich Hal.

„Können wir nicht mal einen Burger essen?“

Auf wessen Seite stand ihre Tochter plötzlich?

„Keine Burger“, beharrte Lily. „In Fastfood-Restaurants gibt es kein Biofleisch.“

„Ach, du lieber Himmel!“, stöhnte Hal auf.

„Du hältst dich bitte raus!“, forderte Lily ihren Vater ruhig auf. „Tess, in meiner Handtasche ist irgendwo ein Päckchen Kräcker. Ich halte derweil Ausschau nach einem passablen Lokal.“

Nörgelnd durchsuchte Tess die Tasche – und das, wo sie sonst nie so war –, stieß auf die Kräcker und öffnete die Packung. Dann begann sie zu kauen.

Danach sprach niemand mehr ein Wort. Sie waren noch gut zwanzig Minuten von Stillwater Springs entfernt, als sie am Rand des Highways einen Mann sahen, der dort mit seinem Hund unterwegs war. Er trug eine Reisetasche und einen Gitarrenkoffer.

Etwas an diesem Mann beunruhigte Lily; vielleicht lag es an der Art, wie er sich bewegte. Was genau es war, konnte sie nicht sagen.

„Halt an!“, rief Hal plötzlich. „Das ist Tyler Creed.“

Und ich dachte, dieser Tag kann nicht noch schlimmer werden!

Lily fuhr auf den Seitenstreifen und bremste ab, während Hal das Beifahrerfenster öffnete.

„Tyler? Sind Sie das?“, rief er.

Der Mann drehte sich um und grinste so strahlend, dass er der Sonne hätte Konkurrenz machen können. Verdammt! Das war tatsächlich Tyler.

Ein erwachsener Tyler, der besser als je zuvor aussah.

Und Lily saß schweißgebadet und mit zerzausten Haaren da, und sie klebte an ihrem Sitz fest.

Er kam näher, der Hund blieb dicht bei ihm. Als er sich vorbeugte, erst Lily und dann Tess entdeckte, schwächte sich sein Lächeln ein wenig ab.

„Hey, Doc!“, sagte er. „Ich habe gehört, was passiert ist. Geht’s Ihnen jetzt wieder besser?“

„Ja, und das habe ich nur Dylan und Jim Huntinghorse zu verdanken“, antwortete Hal. „Ich bin beim Barbecue bei Logan plötzlich umgekippt, und die beiden haben mich wiederbelebt. Ohne sie würde ich mir jetzt die Radieschen von unten ansehen.“

Tyler stieß einen tiefen Pfiff aus. „Oh Mann, das war ja knapp!“ Auf der Highschool war er einfach nur süß gewesen, aber jetzt sah er atemberaubend aus. Seine Augen strahlten noch immer in diesem klaren Blau, und sein schwarzes Haar glänzte wie das Federkleid eines Raben. „Lily“, begrüßte er sie in ernstem Tonfall.

„Steigen Sie ein“, forderte Hal ihn auf. „Wir nehmen Sie mit nach Stillwater Springs.“

„Hast du kein Auto?“, fragte Tess fasziniert und wand sich in ihrem verhassten Kindersitz, um einen Blick auf den Hund werfen zu können.

Wieder grinste Tyler, und Lily kam es so vor, als würden ihre Gefühle mit ihr Achterbahn fahren. „Mein Wagen hatte eine Panne“, erklärte er, und da kein Abschleppwagen vorbeikommen konnte, haben wir uns eben auf die Socken gemacht.“

„Auf die Socken gemacht?“, wiederholte Tess ratlos.

„Er meint damit, dass sie sich zu Fuß auf den Weg gemacht haben“, übersetzte Lily, woraufhin Tess kicherte.

„Na, steigen Sie schon ein“, sagte Hal. „Die Sonne verbrennt sonst noch Ihr Gehirn.“

Tyler warf sein Gepäck in den Kofferraum, dann ließ er Kit Carson vor und stieg ebenfalls ein. Erfreut teilte Tess ihre letzten Kräcker mit dem Hund.

„Besten Dank“, entgegnete Tyler.

„Mein Daddy ist gestorben, als ich vier Jahre alt war“, verkündete Tess ohne Vorrede. „Bei einem Flugzeugabsturz.“

Lily versteifte sich bei diesen Worten. Es kam oft vor, dass sie wildfremden Menschen die größte Tragödie ihres Lebens anvertraute, während sie bei Therapeuten und wohlmeinenden Freunden den Mund nicht aufmachte.

„Das tut mir leid, Kleine.“

„Es ist gut, dass du nicht als Anhalter gefahren bist“, redete sie unvermittelt weiter. „Das ist nämlich sehr gefährlich, sagt meine Mom.“

Ohne in den Spiegel sehen zu müssen, wusste Lily, dass er sie in diesem Moment betrachtete und in aller Ruhe zur Kenntnis nehmen konnte, wie nass geschwitzt sie war.

„Deine Mom hat recht“, antwortete Tyler. „Aber notfalls hätten Kit Carson und ich das trotzdem tun müssen.“

„Sie hätten Logan oder Dylan anrufen können“, warf Hal ein.

Lily bemerkte den zurückhaltenden Tonfall ihres Vaters, doch sie musste sich zu sehr aufs Einfädeln konzentrieren, um sich darüber weiter Gedanken zu machen.

„Ich krieche doch keinem von den beiden in den Ar…“

Gerade noch rechtzeitig ging Lily mit einem Räuspern dazwischen.

„… laufe den beiden doch nicht hinterher“, korrigierte er sich schnell.

„Wer ist Logan? Und Dylan?“, wollte Tess wissen.

„Meine Brüder.“ Mit Verspätung legte Tyler den Sicherheitsgurt an.

„Magst du sie nicht?“

„Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit.“

„Was ist das?“, hakte Tess hartnäckig nach.

Als Lily einen Blick in den Innenspiegel warf, sah sie, wie er durch Tess’ dunkelblondes Haar fuhr. Sie hatte von Burke nicht nur die grünen Augen, sondern auch die offene Art geerbt, womit es ziemlich vertane Zeit war, sie davor zu warnen, dass sie nicht mit fremden Leuten reden sollte. Obwohl Tyler Creed streng genommen kein Fremder war.

„Wir haben uns gestritten“, erklärte er.

„Oh“, machte Tess und klang sehr fasziniert. „Ich mag deinen Hund.“

„Ich mag ihn auch.“

Lily saß stocksteif und nass geschwitzt da, während sie sich auf den Verkehr zu konzentrieren versuchte. Seit sie nach Montana gekommen war, um sich um ihren Vater zu kümmern, hatte sie oft an Tyler denken müssen. Jedoch war sie nicht davon ausgegangen, dass sie ihm tatsächlich über den Weg laufen würde. Er war ein berühmter Rodeo-Cowboy, dazu ein Stuntman und Schauspieler, und er drehte auch noch Werbespots.

Sie erinnerte sich: Vor ein paar Jahren war sie mit einem Korb Wäsche durch die Küche gegangen, als im Fernseher auf dem Tresen ein Werbespot mit ihm lief. Er trug nur Boxershorts, und Lily musste sich setzen. Ihr Herz begann plötzlich zu rasen. Burke war zu Hause; er hatte zwischen zwei Flügen ein paar Tage frei. Und er bemerkte ihr Verhalten.

Dass sie ihre Tage bekommen würde, log sie, als er sie fragte, ob alles in Ordnung sei, und dass ihr deswegen schwindlig geworden sei.

Schwindlig war ihr tatsächlich gewesen. Doch mit ihrem Zyklus hatte das nicht das Geringste zu tun.

„Grampa und ich wollen heute Mittag Hamburger essen“, ließ Tess ihren neuesten Mitreisenden wissen. „Aber Mom sagt, dass die Hamburger unsere Arte…dingsda verstopfen, darum müssen wir jetzt warten, bis wir irgendwo Salat mit Tofu bekommen.“

„Oh Mann!“, kommentierte Tyler. „Das ist ja hart.“

Lily drückte das Gaspedal weiter durch.

„Wo sollen wir dich absetzen?“, fragte sie fröhlich, als sie endlich, endlich die Ausläufer Stillwater Springs erreichten. Das Städtchen sah noch immer so aus wie früher, vielleicht etwas heruntergekommener und nicht so groß, wie sie es in Erinnerung hatte.

„An der Werkstatt“, sagte er.

Ihr war ganz entfallen, wie wortkarg er war. Er gab nie ein Wort mehr von sich als unbedingt nötig. Und sie hatte auch vergessen, dass er nach Sonnenschein und getrockneter Wäsche auf einer Wäscheleine duftete, selbst wenn er den ganzen Tag Heuballen umgeladen hatte. Oder wenn er stundenlang neben einem Highway in der prallen Sonne unterwegs gewesen war. Genauso wusste sie fast nicht mehr, wie er einen Mundwinkel hochzog, wenn ihn etwas amüsierte, und dass er die Haare stets ein kleines Stück zu lang trug. Und wie gut seine Kleidung saß, und wie wohl er sich in seiner Haut zu fühlen schien …

Denk nicht über seine Haut nach, ermahnte sie sich. Ihr war durchaus bewusst, wie ihr Vater sie mit einem Funkeln in den Augen von der Seite ansah.

„Danke fürs Mitnehmen“, sagte Tyler, als sie vor der einzigen Werkstatt in Stillwater Springs angehalten hatte. Er stieg aus, Kit Carson folgte ihm mit einem Satz aus dem Wagen.

„Tschüss!“, rief Tess ihm nach, als wären Tyler Creed und sie alte Freunde.

„Gern geschehen“, log Lily, ohne dabei rot zu werden.

Und er ging einfach weg. Er sah sich nicht noch mal um.

Genau wie in jenem Sommer … Lily hatte ihm, von jugendlicher Leidenschaft erfüllt und unter dem Einfluss einer halben Flasche Bier, einen Heiratsantrag gemacht. Und er? Er fand sie beide noch zu jung. Schlug vor, dass sie es ruhiger angehen lassen sollten. Damit sie sich nicht auf etwas einließen, das sie bereuen würden.

Lily war am Boden zerstört gewesen.

Und dann war Tyler einfach weggegangen. Damals verabschiedete er sie jeden Abend mit einem keuschen Kuss auf die Wange und einem „Schlaf gut“. Später fand sie heraus, dass er den Rest jeder dieser Nächte im Bett einer geschiedenen Kellnerin verbrachte, die doppelt so alt war wie er.

Die Erinnerung an diese Enthüllung versetzte ihr noch jetzt einen Stich.

Er hatte Lieder für sie geschrieben und sich selbst auf der Gitarre begleitet, wenn er sie ihr voller Inbrunst mit seiner tiefen Stimme vorsang.

Er war mit ihr ins Kino gegangen und hatte mit ihr Spaziergänge im Mondschein unternommen.

Auf der Kirmes gewann er für sie drei Teddybären und eine über einen Meter große Plüschgiraffe.

Und nebenher hatte er es Nacht für Nacht mit einer scharfen Kellnerin getrieben, die auf dem rechten Unterarm ein Harley-Davidson-Tattoo trug.

Lily war eine erwachsene Frau, eine Witwe mit einer jungen Tochter, einem kranken Vater und einer erfolgreichen Karriere. Und trotzdem tat es immer noch verdammt weh, sich an die Lieder, die Kinobesuche und die romantischen Spaziergänge zu erinnern, die ihm überhaupt nichts bedeutet hatten.

Und die ihr alles bedeutet hatten.

„Schnee von gestern“, meinte ihr Vater leise. „Lass uns heimfahren, Lily.“

Lass uns heimfahren, Lily.

Das hatte Hal auch an jenem Abend zu ihr gesagt, als sie nach ihrer Trennung von Tyler zu ihm in die Praxis gekommen war. Sie hatte sich bei ihm ausgeweint und ihm erklärt, sie wolle Tyler Creed niemals wiedersehen. Hals Miene war einen Moment lang wie versteinert gewesen, als er einen Arm um ihre Schultern gelegt und sie an sich gedrückt hatte.

Er ist Jake Creeds Sohn, Schätzchen, hatte Hal gesagt. Die Creeds sind Gift für ihre Umwelt, jeder Einzelne von ihnen. Ohne ihn bist du besser dran!

Sie hatte geschluchzt und war so am Boden zerstört, wie es eine Siebzehnjährige nur sein konnte, die verraten und betrogen worden war. Aber ich liebe ihn doch, Dad!, hatte sie protestiert.

Lass uns heimfahren, Lily, hatte er zu ihr gesagt. Du wirst über Tyler hinwegkommen. Ganz sicher.

Und dann war sie tatsächlich über ihn hinweggekommen.

Zumindest war sie dieser Ansicht gewesen. Bis heute.

Sie riss sich zusammen, allein schon Tess zuliebe. Aber sie tat es auch für sich selbst. Sie fuhr zu dem Haus, in dem sie aufgewachsen war und eine glückliche Kindheit verbracht hatte – bis zur plötzlichen, erbitterten Scheidung ihrer Eltern, als sie elf gewesen war. Bis Tyler ihr das Herz brach, woraufhin viele scheinbar strahlende Ritter und ein sehr gut aussehender Pilot vergeblich versuchten, es wieder zu heilen.

Das große viktorianische Haus hatte sich so gut wie gar nicht verändert, wenn man von ein paar durchgebogenen Regenrinnen und der abblätternden Farbe an den hölzernen Fensterläden absah.

Eine blonde Frau in Jeans stand auf der umlaufenden Veranda und winkte ihnen zu, als sie in die Auffahrt einbogen.

„Kristy Madison!“, rief Lily begeistert.

„Sie heißt jetzt Creed“, korrigierte Hal sie. „Sie hat vor einer Weile Dylan geheiratet.“

Kristy kam die Stufen von der Veranda herunter durch das schief in den Scharnieren hängende Gartentor. Sie umarmte Hal, als der aus dem Wagen ausstieg, noch bevor Lily den Motor ausgemacht hatte.

„Sie haben uns allen sehr gefehlt“, sagte sie zu ihm. „Willkommen daheim!“

Lily schälte sich von dem Fahrersitz, dann holte sie Tess aus dem Kindersitz.

„Hi, Lily“, begrüßte Kristy sie. „Schön, dich wiederzusehen!“ Ihre dunkelblauen Augen erfassten Tess, die soeben um den Wagen gelaufen kam. „Und du bist bestimmt Tess.“

Die Kleine nickte eifrig, vermutlich aus Freude darüber, dass es an diesem seltsamen Ort jemanden gab, der wusste, wer sie war. „Mein Daddy ist bei einem Flugzeugabsturz umgekommen“, begann sie ohne Vorrede. „Als ich vier war.“

„Oh, das tut mir sehr leid“, entgegnete Kristy.

„Gibt es hier Kinder, die so alt sind wie ich?“, wollte Tess wissen. „Mit denen würde ich bestimmt gerne spielen.“

Kristy lächelte und warf Lily einen flüchtigen Blick zu. „Da fallen mir gleich mehrere ein. Aber erst mal bringen wir deinen Großvater ins Haus. Das Mittagessen ist schon fertig.“

Erschöpfung und Dankbarkeit überkamen Lily. Sie hatte nicht nur so viele Dinge über Tyler vergessen, ihr war auch gar nicht mehr bewusst gewesen, wie das Leben in Kleinstädten wie Stillwater Springs ablief. Wenn jemand krank wurde oder eine schwere Zeit durchmachte, dann kamen die anderen zu ihm und halfen ihm. Sie lüfteten Zimmer und bezogen die Betten neu, oder sie bereiteten das Mittagessen vor und deckten den Esstisch.

„Ich fühle mich wie gerädert“, verkündete Hal. „Ich glaube, ich schlafe erst mal eine Runde in meinem eigenen Bett.“

Er ging ins Haus, während Lily, Kristy und Tess mit einigem Abstand folgten.

„Ich hoffe, es macht dir nichts aus“, wandte sich Kristy an Lily. „Briana – meine Schwägerin und Logans Frau – und ich haben uns den Schlüssel bei den Nachbarn geliehen, um im Haus ein bisschen aufzuräumen.“

Lily kamen fast die Tränen. In Chicago hatte sie zahllose Bekannte und Kunden, aber keine engen Freunde. Früher hatten Kristy und sie viel Zeit miteinander verbracht.

„Du musst hundemüde sein“, sagte Kristy, die die Miene ihrer Freundin richtig deutete. „Am besten legst du dich nach dem Essen eine Weile hin, um zu Kräften zu kommen. Wenn du einverstanden bist, nehme ich Tess zur Vorlesestunde mit in die Bibliothek.“

So viele Jahre lang hatte sich Lily in der hektischen Großstadt niemandem geöffnet, dass ihr jetzt bei dem Gedanken, sich einfach mal fallen zu lassen, ein wenig schwindlig wurde. „Würde dir das Spaß machen, mit mir zur Bibliothek zu gehen?“, fragte Kristy Tess.

„Ja“, antwortete die völlig begeistert, was auch kein Wunder war, hatte sie sich mit drei Jahren doch selbst das Lesen beigebracht.

Zum Mittagessen gab es frischen Eistee, Thunfischsandwiches und Kartoffelsalat. Lily stellte einen Teller für ihren Dad zusammen und brachte ihn in sein Zimmer neben der Küche. Sie kehrte in den so wundervoll vertrauten Raum zurück und setzte sich zu Tess und Kristy an den Tisch. Und mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie zum ersten Mal wieder schmeckte, was sie aß, seit sie am Telefon vom Herzinfarkt ihres Vaters erfahren hatte.

Es war Kristy gewesen, die sich bei ihr gemeldet hatte, und dann war Dylan auch noch an den Apparat gekommen, um sie zu beruhigen und um ihr anzubieten, sie mit seinem Privatjet einzufliegen.

„Du wirkst glücklich“, sagte sie zu Kristy, als Tess aufgegessen hatte und sich daranmachte, vor dem Besuch der Bibliothek noch ein wenig das Haus zu erkunden.

„Das bin ich auch“, bestätigte sie strahlend und griff nach Lilys Hand, um sie besänftigend zu drücken. „Das wird schon alles wieder“, versprach sie ihr. „Du bist zu Hause und bei Freunden, und dein Dad kommt ganz sicher wieder auf die Beine.“

Lily lachte, doch es war ein halbherziges Lachen, das von Übermüdung und von sehr viel Skepsis geprägt war. „Danke für alles, Kristy. Und richte Briana bitte unbekannterweise auch meinen Dank aus.“

Kristy lächelte sie an, stand auf und räumte den Tisch ab. „Du wirst sie bald kennenlernen“, beteuerte sie. „Logan und sie bauen das Haus um, und sie musste los, um mit dem Bauunternehmer zu reden.“

Logan war verheiratet und baute sein Haus um.

Kristy war offenbar mit Dylan glücklich.

Und Tyler ging vermutlich immer noch mit Kellnerinnen ins Bett – oder mit Filmstars und Supermodels.

Aber was kümmerte sie das schon?

2. KAPITEL

Wäre Tylers Verstand nicht so von Lily Ryders Anblick in Beschlag genommen, hätte Dylan es nicht geschafft, ihn so zu überraschen, wie es ihm in der Werkstatt gelungen war. Ein harter Klaps auf die rechte Schulter holte ihn abrupt ins Hier und Jetzt zurück.

Tyler drehte sich um, bereit zu kämpfen, riss sich jedoch zusammen, als er Dylans schiefes Grinsen sah.

„Hatte deine Angeberkarre eine Panne?“, fragte Dylan.

Er zwang sich zur Ruhe und öffnete die geballte Faust. So gern er seinem Bruder auch eine verpasst hätte – er wollte nicht, dass Kit Carson Angst bekam. Der Hund hatte schon genug mitgemacht. „Ich habe ihn gegen einen Truck eingetauscht“, hörte er sich antworten. „Und der hatte eine Panne.“

Dylan zog eine Augenbraue hoch. „Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?“

Tyler sah den Hund an, der sich neben seinen Füßen auf den Boden gelegt hatte und mit seinen braunen Augen wachsam das Hin und Her zwischen den beiden Brüdern verfolgte. Dabei machte er den Eindruck, als erwarte er, jeden Moment zwischen die Fronten zu geraten.

„Ja“, ging Tyler widerstrebend auf Dylans Angebot ein. „Der Abschleppwagen ist im Moment unterwegs, und vor mir müssen noch vier andere Wagen eingesammelt werden. Vermutlich werden sie den Chevy erst morgen abschleppen können, um ihn hier zu reparieren.“

Nachdem er dem einzigen anwesenden Mechaniker Vance Grant gesagt hatte, er werde morgen früh noch einmal nachfragen, folgte er mit dem Hund Dylan nach draußen in die Nachmittagssonne. Sie hielten am Supermarkt an, um Hundefutter, Kaffee und einige andere Dinge zu kaufen, dann einigten sie sich darauf, zur Ranch zu fahren. Dabei wechselten die beiden kaum mehr als ein paar Worte.

Die Stadt lag gut drei Meilen hinter ihnen. Kit Carson lag zufrieden hechelnd auf dem Rücksitz, und Tyler grübelte darüber, wieso sein Bruder ausgerechnet im richtigen – oder falschen – Moment aufgetaucht war.

Er rieb sich die Schulter, die von Dylans wuchtigem Schlag noch leicht schmerzte, und fragte: „Bist du eigentlich nur meinetwegen in die Werkstatt gekommen?“

„Ganz richtig“, antwortete Dylan beiläufig, ohne einen Blick auf seinen Beifahrer zu werfen. Das ironische Lächeln, das seinen Mundwinkel umspielte, verriet jedoch, dass er gesehen hatte, wie Tyler sich die Schulter rieb. „So was spricht sich herum. Ist halt eine wichtige Neuigkeit, wenn ein Creed in seiner alten Heimat auftaucht.“

Tyler seufzte. „Dann kann hier aber nicht viel Aufregendes passieren, wenn wir eine wichtige Neuigkeit darstellen.“

„Du würdest dich wundern!“, konterte Dylan. „Allerdings müsstest du schon einmal lange genug in Stillwater Springs bleiben, um etwas davon mitzubekommen, was hier alles los ist.“

Vor etwas mehr als einer Woche waren sie sich bei Cassie Greencreek über den Weg gelaufen. Logans Mutter Teresa war Cassies Pflegetochter gewesen; genau genommen, waren die drei Brüder also gar nicht mit ihrer „Grandma“ verwandt. Dennoch liebten sie einander wie eine Familie. Und trotzdem – als Familientreffen konnte man die kürzliche Begegnung eher nicht bezeichnen. Immerhin hatte Tyler Dylans kleine Tochter Bonnie kennengelernt. Die Kleine war krank geworden, und er war sogar losgezogen, um Medikamente zu holen. Doch damit endete die brüderliche Fürsorge auch schon wieder.

„Dann bring mich mal auf den aktuellen Stand der Dinge“, forderte Tyler ihn auf. Offenbar war Dylan zum Reden aufgelegt, und wenn er schon mal zu etwas aufgelegt war – egal wozu –, dann war es das Beste, ihn gewähren zu lassen.

„Na ja, ich habe geheiratet“, begann er. „Kristy Madison.“

Tyler ließ das kurz auf sich einwirken, dann erwiderte er: „Okay. Meinen Glückwunsch.“

„Wow, danke! Du schäumst ja über vor Begeisterung.“

„Sie ist viel zu gut für dich“, erwiderte Tyler, da ihm nichts Sinnvolleres einfallen wollte. Zwischen ihm und seinen Brüdern hatte es so viel böses Blut gegeben, dass er einfach nicht wusste, wie er sich mit einem von ihnen einigermaßen zivilisiert unterhalten sollte. „Ich rede von Kristy“, schob er nach.

„Da hast du recht!“, lachte Dylan und berichtete weiter, was sich in der letzten Zeit in Stillwater Springs ereignet hatte. „Auf der alten Madison-Farm haben sie ein paar Leichen ausgegraben“, fuhr er fort. „Sheriff Book ist vorzeitig in den Ruhestand gegangen, eine Woche vor der außerordentlichen Wahl. Mike Danvers war gegen Jim Huntinghorse angetreten, hat aber seine Kandidatur zurückgezogen. Damit ist Jim automatisch der neue Sheriff.“

„Leichen?“, wiederholte Tyler. Er hatte sich noch immer nicht so ganz von dem Schock erholt, Lily Ryder wiederzusehen und erfahren zu müssen, dass sie eine kleine Tochter hatte, und jetzt bewarf ihn Dylan auch noch mit allen möglichen anderen Sachen.

„Mordopfer“, erklärte er.

„Oh verdammt!“, stieß Tyler aus. „Irgendjemand, den wir kennen?“

„Wahrscheinlich nicht“, antwortete Dylan, als sie von der Straße auf einen der Feldwege einbogen, die sich kreuz und quer über das Gelände der Ranch zogen. „Irgendein Landstreicher, der eine Weile für Kristys Dad gearbeitet hatte, und eine junge Frau, die vor ein paar Jahren während des Campingausflugs ihrer Familie spurlos verschwand.“

Tyler erinnerte sich an den Medienrummel um den verschwundenen Teenager. Suchtrupps hatten halb Montana auf den Kopf gestellt, jedoch nichts gefunden. Die Medien verloren nach einer Weile das Interesse, und schließlich waren die verzweifelten Eltern nach Hause abgereist. „Hat Floyd die Mörder fassen können?“

„Liest du eigentlich jemals eine Zeitung?“, gab Dylan zurück und klang auf einmal leicht gereizt. Das war ein Tonfall, den Tyler von seinem Bruder gewohnt war.

„Nein“, konterte der genauso ungehalten. „Wenn ich lese, bewegen sich meine Lippen, und das treibt mich in den Wahnsinn.“

„Dich treibt alles in den Wahnsinn, kleiner Bruder!“ Dylan seufzte, nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Freida Turlow hatte das Mädchen umgebracht – ein Eifersuchtsdrama. Und dieser Landstreicher … das ist eine Geschichte für sich, die erzähle ich dir ein anderes Mal.“

„Diese Turlows“, wunderte sich Tyler kopfschüttelnd. „Die haben doch alle ein Rad ab!“

Dylan lachte trocken auf. „Und wenn ein Creed so was sagt, will das was heißen!“

Jetzt musste auch Tyler lachen.

„Was führt dich eigentlich nach Hause, kleiner Bruder?“, fragte Dylan.

„Hör auf, mich so zu nennen!“, erwiderte Tyler. „Ich bin einen Kopf größer als du.“

„Du wirst immer das Baby der Familie sein. Finde dich lieber damit ab.“ Dylan schaltete einen Gang runter, dann bog er in den Weg ein, der zum See und damit zu Tylers Hütte führte. „Also: Was führt dich nach Hause?“

Tyler stieß einen gedehnten Seufzer aus. „Wenn ich das wüsste!“, gab er zu. „Ich schätze, ich bin es leid, immer auf Achse zu sein. Ich brauche etwas Zeit, um mir ein paar Dinge durch den Kopf gehen zu lassen.“

„Was für Dinge?“

Abermals geriet Tylers Temperament durch die neugierige Frage seines Bruders in Wallung. „Was kümmert dich das?“, gab er gereizt zurück.

Kit Carson winselte leise auf dem Rücksitz.

„Es interessiert mich eben“, antwortete Dylan ruhig und sachlich. „Und Logan ebenfalls.“

„So ein Blödsinn!“

„Warum fällt es dir so schwer, mir zu glauben?“

Die Hütte am See kam in Sichtweite; eigentlich glich sie mehr einem Schuppen. Sie war das bescheidene Erbe seines Vaters, aber Tyler liebte die Einsamkeit und die Art, wie sich Sonne und Mond im Wasser spiegelten.

Auf dem Grundstück verteilt standen drei Häuser, und Logan hatte als ältester Sohn das Hauptgebäude der Stillwater Springs Ranch geerbt. Jake Creed hatte sich bei einem selbst inszenierten Unfall das Leben genommen; er hatte sich von einer Lastwagenladung Baumstämme begraben lassen. Dylan, als zweitältester Sohn, bekam das alte Haus auf der anderen Seite des Obstgartens, gut versteckt hinter einem dichten Birkenhain. Und Tyler war erst an dritter Stelle gekommen – so wie immer. Seine Hütte auf der anderen Seite des Hidden Lake war das kleinste der drei Gebäude auf der Stillwater Springs Ranch. In gewisser Weise war sie aber auch das angenehmste, weil sie so abgelegen war.

Tyler versuchte, sich zu entspannen, und griff über die Rückenlehne, um den Hund zu kraulen. Er ließ die Frage seines Bruders unbeantwortet. Stattdessen erkundigte er sich nach Bonnie.

„Ihr geht es gut“, versicherte ihm Dylan.

Er bremste ab und hielt den Wagen an, und noch bevor er den Motor abstellen konnte, hatte Tyler schon die Beifahrertür aufgerissen. Kit Carson wartete und zitterte leicht, vielleicht aus Vorfreude, vielleicht auch aus Angst, bis Tyler ihn vom Rücksitz hob.

„Danke fürs Mitnehmen“, sagte Tyler und nahm die Einkaufstüten von der Ladefläche.

Dylan stieg ebenfalls aus und warf die Tür zu.

„Hast du nichts zu tun?“, knurrte Tyler ihn an. Kit Carson schnupperte im hohen Gras. Er fühlte sich gleich wie zu Hause, und er war auch die einzige Gesellschaft, die Tyler im Augenblick um sich haben wollte. Er würde die Wasserpumpe auf Vordermann bringen, den alten Ofen anmachen und eine Kanne Kaffee aufbrühen, und dann wollte er erst einmal zur Ruhe kommen.

„Ich habe jede Menge zu tun“, machte Dylan in diesem sanftmütigen Ton klar, der in krassem Gegensatz zu seinem Verhalten stand. „Unter anderem baue ich ein Haus, und Logan und ich sind wieder in die Rinderzucht eingestiegen. Aber du stehst auf meiner Liste ganz oben, kleiner Bruder.“

Tyler tat, als würde er einen Blick auf eine imaginäre Liste werfen. Jake hatte immer eine in der Hemdtasche mit sich herumgetragen, mit allen Holzmaßen darauf und den Telefonnummern von verheirateten Frauen. „Du stehst auf meiner Liste auch ganz oben“, erwiderte er Dylan dann. „Nur ist das eine Liste der Dinge, die mich garantiert niemals interessieren werden.“

Gelassen lehnte sich Dylan gegen den Kühlergrill seines Trucks und sah Tyler zu, wie der zu seiner Hütte ging. Unter einen Arm hatte er den Sack Trockenfutter geklemmt, unter den anderen zwei große Einkaufstüten. Kit Carson folgte ihm, aber vermutlich nur, weil er es auf das Hundefutter abgesehen hatte.

„Ty“, rief Dylan ihm nach. Zwar klang es ganz lässig, aber da war dieser starrsinnige Unterton zu hören, der den Creeds im Blut lag. „Wir sind Brüder, weißt du noch? Wir sind blutsverwandt. Logan und ich wollen die Brücken wiederaufbauen, die wir zerschlagen haben.“

„Du musst mich mit jemandem verwechseln, den es interessiert, was ihr beide vorhabt.“

Dylan stieß sich vom Truck ab und verschränkte die Arme. „Hör zu, wir waren nach Jakes Beerdigung alle mies drauf …“

Mies drauf? Sie hatten sich den Streit des Jahrhunderts geliefert, er, Logan und Dylan in Skivvie’s Tavern. Ein Streit, der sie vorübergehend in Polizeigewahrsam landen ließ. Anschließend waren sie getrennte Wege gegangen, nachdem jeder von ihnen einiges gesagt hatte, das sich nicht zurücknehmen ließ.

Tyler schüttelte den Kopf und drehte den rostigen Türknauf um. Da er sich nie die Mühe gemacht hatte, ein Schloss einzusetzen, ging die Tür sofort auf. Doch bevor er einen Fuß in die Hütte setzen konnte, eilte Kit Carson an ihm vorbei, blieb stehen und begann zu knurren. Sein Fell sträubte sich.

Dylan war gleich hinter Tyler; er trug den Gitarrenkoffer und eine Reisetasche. „Was hat er denn?“, fragte er leise.

Irgendjemand hielt sich in der Hütte auf und war vor Kit Carson auf die Toilette geflohen.

„Ganz ruhig“, sagte Tyler zu dem Hund und stellte seine Tüten ab.

„Rufen Sie ihn zurück!“, krächzte eine junge Stimme aus dem Badezimmer. „Rufen Sie ihn zurück!“

Die Brüder sahen sich verdutzt an, dann schob Tyler den Hund mit dem Knie zur Seite und öffnete die Tür. Ein Junge kauerte zwischen Toilette und Waschbecken und sah ihn mit einer Mischung aus Aufsässigkeit und blanker Angst an. Er trug einen langen schwarzen Mantel, als wollte er sagen, dass die Hitze ihm nichts anhaben konnte. In der rechten Augenbraue trug er drei silberne Ringe, die Ohrläppchen und die Unterlippe waren ebenfalls gepierct. Die auf den Hals tätowierte Spinne rundete das düstere Bild ab.

Tyler zuckte innerlich zusammen, als er sich vorstellte, mit wie vielen Nadeln dieser Junge sich hatte freiwillig stechen lassen. Er stellte sich so in die Tür, dass es für den Eindringling kein Entkommen gab, sofern er nicht versuchen wollte, sich durch das Oberlicht über dem Wasserkasten der Toilette zu zwängen. Der Junge schaute tatsächlich nach oben, war aber schlau genug, um zu erkennen, dass dieser Fluchtweg ihm nicht weiterhalf.

„Ich hab niemandem was getan“, erklärte er und sah zu Kit Carson, der beharrlich versuchte, sich zwischen Türrahmen und Tylers linkem Bein durchzuzwängen, um ins Bad zu gelangen. „Ist der bissig?“

„Kommt drauf an“, gab Tyler zurück. „Wie heißt du?“

Der Junge runzelte die Stirn. „Ob er bissig ist oder nicht, hängt davon ab, wie ich heiße?“

Tyler musste sich ein Grinsen verkneifen. Wenn man von den Piercings und der Tätowierung absah, waren sie beide sich durchaus ähnlich. „Nein, es hängt davon ab, ob du aufhörst, den Klugscheißer zu spielen, und mir sagst, wer du bist und was du in meinem Haus zu suchen hast.“

„Das ist ein Haus? Sieht für mich mehr wie ein Hühnerstall aus.“

Er hörte Dylan lachen. Nach den Geräuschen zu urteilen, hatte sein Bruder das Gepäck abgestellt und damit begonnen, die Pumpe am Spülbecken zu bedienen.

„Okay, Brutus“, sagte Tyler und sah den Hund an. „Fass!“

Kit Carson schaute ihn an, als überlege er, wer denn wohl Brutus sein sollte.

„Davie McCullough!“, rief der Junge, sprang auf und drückte sich gegen die mit alten Katalogseiten tapezierte Wand. „Okay? Mein Name ist Davie McCullough!“

„Ganz ruhig, Davie“, entgegnete Tyler. „Der Hund tut keinem was, und ich auch nicht.“

Aber irgendwer hatte dem Jungen etwas getan. Jetzt, da die Sonne durch das Oberlicht auf sein Gesicht fiel, bemerkte Tyler die Prellungen an seinem Kiefer, die bereits verblassten.

Wieder zuckte Tyler innerlich zusammen. Entweder war Davie McCullough mit Gleichaltrigen aneinandergeraten, oder aber ein Erwachsener hatte ihn verprügelt. Da sein eigener Vater Trinker gewesen war, neigte Tyler zur zweiten Theorie.

„Was ist mit deinem Gesicht passiert?“, fragte Dylan, als Davie an Tyler und dem Hund vorbei aus dem Badezimmer kam, während er ein paar Holzscheite in den Ofen legte, um Kaffee zu kochen.

Davie blieb zu allen auf Abstand, was in der beengten Hütte schon einem kleinen Kunststück gleichkam.

„Wollen Sie bei der Hitze tatsächlich ein Feuer machen?“, gab Davie zurück.

„Ich habe zuerst gefragt.“ Mit einem lauten Knall stellte Dylan die verbeulte Kaffeekanne auf den Ofen.

Der Junge zog die Augenbrauen zusammen. Mit dem aufbrausenden Temperament, dachte Tyler amüsiert, hätte er eigentlich ein Creed sein müssen. „Der Freund meiner Mom war nicht gut drauf“, sagte er und gab sich sogar in seiner eigentlich unterlegenen Position mürrisch und aufsässig. „Okay?“

Tyler verspürte Mitleid mit ihm – und den Wunsch, diesem Freund einen Besuch abzustatten und ihn zu fragen, ob er nicht nur bei schmächtigen Jungs, sondern auch bei einem erwachsenen Mann die Muskeln spielen lassen würde.

„Okay“, lenkte Dylan ein, zog aus einer der Einkaufstaschen ein Päckchen Schokoladenkekse heraus und warf es Davie zu, der die Packung sofort aufriss und sich bediente.

„Ich habe das Dosenfleisch gegessen, das da im Regal stand“, erklärte er, wobei ihm einige Krümel aus dem Mund fielen. „Viel zu essen haben Sie ja nicht hier.“

„McCullough“, überlegte Tyler und verkniff sich diesmal nicht sein Grinsen. „Ich glaube nicht, dass ich den Namen in Stillwater Springs schon mal gehört habe. Bist du neu hier?“

Davie zögerte und war sichtlich hin- und hergerissen, ob er die Gelegenheit nutzen und weglaufen sollte. Dylan hatte die Eingangstür offen gelassen, damit die vom Ofen ausgehende Hitze entweichen konnte. Andererseits würde eine Flucht ihm nichts bringen; er wusste nicht, wohin er dann gehen sollte. Schließlich zog er einen der vier wackligen Stühle vom Ecktisch zurück und setzte sich hin, um weiter Kekse zu verschlingen.

Er musste sich eine ganze Weile hier versteckt gehalten haben, wenn er alles Konservenfleisch aufgegessen hatte. Tyler lagerte es hier, damit er bei seinen seltenen Aufenthalten in der Hütte etwas zu essen zur Hand hatte.

„Meine Mom hat früher mal hier gelebt“, sagte Davie nach einer Weile. „Aber da war ich noch gar nicht auf der Welt.“

„Wer ist deine Mom?“, fragte Dylan sanft, aber viel zu offensichtlich. Als ob der Junge sich nicht an fünf Fingern abzählen konnte, dass Dylan die Frau aufsuchen wollte, um sie zur Rede zu stellen, warum sie zuließ, dass ihr Freund ihren Sohn verprügelte.

„Sind Sie ’n Sozialarbeiter oder so was?“, fragte Davie misstrauisch.

„Nein“, antwortete Dylan, holte Kaffeebecher aus dem Regal und musterte verdutzt das, was darin herumzukriechen schien. „Ich will nur helfen, weiter nichts. Deine Mom wird sich ganz schöne Sorgen um dich machen.“

„Die hat genug damit zu tun, im Kasino Drinks zu servieren“, schnaubte Davie. „Roy hat seit einem Jahr keinen Job mehr, darum arbeitet sie immer zwei Schichten, um so viel zu sparen, dass wir uns ein eigenes Haus leisten können.“

Wieder sahen sich Dylan und Tyler wortlos an. Nachdem der Junge etwas in den Magen bekommen hatte, wurde er auf einmal gesprächig.

„Wir leben draußen in diesem Trailerpark Shady Grove, zusammen mit Roys Grandma. Da geht’s ganz schön eng zu, vor allem, wenn Roy schlecht drauf ist.“

Jake Creed war auch dafür bekannt gewesen, die Fäuste sprechen zu lassen, wenn er einen Teil seines Gehaltsschecks in die nächste Kneipe trug. Dylan und Tyler hatten sich öfter in der gleichen Lage wie Davie befunden, auch wenn keiner der beiden das freiwillig zugegeben hätte. Meist hatten sie dann bei Cassie Zuflucht gesucht und bei ihr im Wohnzimmer oder in ihrem Tipi im Garten geschlafen. Nur Logan hatten Jakes Wutausbrüche nichts ausgemacht, vielleicht, weil er immer dessen Liebling gewesen war – der Sohn, der es womöglich mal zu etwas bringen würde.

Der Kaffee begann zu kochen.

Kit Carson trottete nach draußen auf die Veranda und legte sich in die Sonne, um seine Knochen wärmen zu lassen, wie es ein Hund in seinem Alter auch machen sollte.

„Ich fahre dich in die Stadt“, sagte Dylan zu dem Jungen, nachdem einige Zeit verstrichen war. „Der neue Sheriff ist ein Freund von mir. Könnte sein, dass er etwas gegen Roy unternehmen kann.“

Furcht huschte über Davies Gesicht, die er nicht schnell genug unter Kontrolle bekam. „Das Einzige, was man gegen Roy Fifer unternehmen kann, ist, ihm eine Ladung Schrot in den Bauch zu jagen. Warum kann ich nicht hierbleiben? Ich kann draußen schlafen, und ich arbeite auch für das, was ich esse. Ich kann zum Beispiel Holz hacken oder so.“

Der Junge konnte nicht bleiben, das war Tyler klar. Er war selbst ein Einzelgänger, und Davie war minderjährig; der Junge konnte nicht älter als dreizehn oder vierzehn sein. So oder so war seine Mutter diejenige, die sich darum kümmern musste, wo er schlafen sollte. „Das würde nicht funktionieren“, sagte er, wenn auch gegen seinen Willen.

Was hätten Dylan und er in all den Nächten getan, wenn Cassie sie weggeschickt hätte? Wenn sie Jake Creed nicht vor ihrem Haus damit gedroht hätte, ihn bei Sheriff Book anzuzeigen, wenn er nicht verschwinden und seinen Rausch ausschlafen würde?

„Ich werde wirklich arbeiten“,

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