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Montalbanos allererster Fall

Andrea Camilleri

Montalbanos allererster Fall

Commissario Montalbano findet seine Bestimmung

Aus dem Italienischen
von Christiane v. Bechtolsheim

BASTEI ENTERTAINMENT

Das Buch ist Pepè Fiorentino

und Pino Passalacqua gewidmet,

die es nicht mehr lesen können.

Eins

Die bevorstehende Beförderung zum Kommissar wurde Montalbano genau zwei Monate vor der mit Stempeln übersäten offiziellen Mitteilung auf höchst merkwürdigen Wegen geweissagt.

In jeder anständigen Amtsstube ist die Weissagung (oder Vorhersage, wenn einem das lieber ist) der näheren oder ferneren Zukunft eines jeden Mitarbeiters selbiger Amtsstube – und der angrenzenden Amtsstuben – eine alltägliche, simple, ganz normale Übung; es ist gar nicht nötig, beispielsweise die Eingeweide eines zerlegten Tiers zu studieren oder den Flug der Stare zu beobachten, wie unsere Ahnen es taten. Man braucht auch nicht den Kaffeesatz zu lesen, wie man es in moderneren Zeiten zu tun pflegt. Dabei wird in diesen Amtsstuben jeden Tag hektoliterweise Kaffee getrunken. Nein, für eine Weissagung (oder Vorhersage, wenn einem das lieber ist) ist ein halbes Wort, ein verstohlener Blick, ein Grummeln mit geschlossenem Mund, eine ansatzweise hochgezogene Augenbraue mehr als genug. Und diese Weissagungen (oder Vorhersagen, wenn usw.) betreffen nicht nur die berufliche Laufbahn der Beamten, Versetzungen, Beförderungen, Tadel, Vermerke zu einem Verdienst oder einem Vergehen, sondern beziehen sich oft und gern aufs Privatleben.

»Spätestens in einer Woche wird die Frau unseres Kollegen Falcuccio ihren Mann mit dem Assistenten Stracuzzi betrügen«, flüstert Buchhalter Piscopo dem Geometer Cardillo zu und schaut dem ahnungslosen Kollegen Falcuccio nach, der gerade aufs Klo geht.

»Wirklich?«, fragt der Geometer leicht überrascht.

»Da können Sie Gift drauf nehmen.«

»Und woher wissen Sie das?«

»Aber ich bitte Sie«, sagt Buchhalter Piscopo mit einem leisen Grinsen, während er den Kopf auf die Seite und die rechte Hand aufs Herz legt.

»Haben Sie Signora Falcuccio mal gesehen?«

»Nein, nie. Wieso fragen Sie?«

»Weil ich sie kenne.«

»Ja und?«

»Wissen Sie, sie ist fett, behaart und winzig.«

»Was hat das denn schon zu sagen? Oder haben fette, behaarte, winzige Frauen etwa nicht dieses Ding da zwischen den Beinen?«

Und siehe da, pünktlich sieben Tage nach diesem Gespräch röchelt Signora Falcuccio vor Lust (»Maria! Ich sterbe!«) in Stracuzzis breitem Witwerbett.

Und wenn solche Dinge schon in jeder normalen Amtsstube passieren, wie hoch muss dann erst die Erfolgsrate der Weissagungen (oder Vorhersagen, wenn usw.) in Kommissariaten und Polizeipräsidien sein, wo das komplette Personal quer durch die Hierarchie eigens darauf trainiert und geschult ist, das winzigste Indiz, die kleinsten atmosphärischen Änderungen wahrzunehmen und die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

Die Nachricht von der Beförderung traf Montalbano nicht überraschend, sie war fällig, wie das in einer Amtsstube heißt, er hatte seine Lehrzeit als stellvertretender Kommissar unter Commissario Libero Sanfilippo in Mascalippa, einem abgelegenen Dorf in den Erei-Bergen, längst absolviert. Was Montalbano allerdings Sorgen bereitete, war der so genannte Bestimmungsort, die Frage, wohin man ihn schicken würde. Bestimmungsort klang nach Schicksal. Denn zur Beförderung gehörte die Versetzung. Also eine neue Wohnung, neue Gewohnheiten, neue Freunde: ein erst noch zu entdeckendes Schicksal. Offen gestanden setzten ihm Mascalippa und Umgebung arg zu, nicht die Bewohner, die weder schlechter noch besser waren als anderswo, mit dem richtigen Verhältnis von Delinquenten und anständigen Leuten, von Trotteln und Gescheiten, nein, er ertrug einfach die Landschaft nicht mehr. Damit wir uns recht verstehen, wenn es ein Sizilien gab, das er gern betrachtete, dann genau dieses Sizilien mit der verbrannten und verdorrten, der gelben und braunen Erde, wo ein hartnäckiges Fleckchen Grün Aufsehen erregt, wo sich die weißen Würfel der Katen an die Abhänge klammern und aussehen, als kämen sie bei einem stärkeren Windstoß ins Rutschen, wo nicht einmal die Eidechsen und Schlangen am frühen Nachmittag Lust haben, in ein Büschel Mohrenhirse zu schlüpfen oder sich unter einem Stein zu verkriechen, sondern sich reglos ihrem Schicksal überlassen, egal was es für sie bereithält. Und am liebsten schaute er auf die Betten der ehemaligen Flüsse und Bäche, zumindest hießen sie immer noch so auf den Straßenschildern, Ipsas, Salsetto, Kokalos, dabei waren sie nichts weiter als eine Spur aus kalkweißen Steinen, verstaubten Flusskieseln. Er betrachtete die Landschaft gern, das schon: Aber wenn man tagaus, tagein darin lebte, konnte man verrückt werden. Denn er brauchte das Meer. Wenn er in Mascalippa frühmorgens das Fenster öffnete und tief einatmete, füllten sich seine Lungen nicht, sondern schienen sich vielmehr zu entleeren, und er musste nach Luft schnappen, als hätte er lange den Atem angehalten. Sicherlich war die frühe Morgenluft in Mascalippa gut, etwas Besonderes, sie roch nach Stroh und Gras, sie roch nach offenem Land, aber ihm genügte sie nicht, sie drohte ihn sogar zu ersticken. Er brauchte Meeresluft, den Geruch der Algen in der Nase, er brauchte den leicht salzigen Geschmack, wenn er sich über die Lippen leckte. Er brauchte lange Spaziergänge frühmorgens am Strand, wenn sich die Wellen brachen und seine Füße liebkosten. Die Versetzung in ein Bergdorf wie Mascalippa war schlimmer als zehn Jahre Knast.

An dem Morgen, an dem jemand, der nicht das Geringste mit Polizeipräsidien und Kommissariaten zu tun hatte, sondern Staatsbeamter war (nämlich der Leiter des Postamtes), ihm die Versetzung prophezeit hatte, wurde Montalbano zu seinem Chef, Commissario Libero Sanfilippo, bestellt. Der war ein richtiger Polizist und merkte sofort, ob die Person, die er vor sich hatte, die Wahrheit sagte oder das Blaue vom Himmel herunterlog. Er gehörte schon damals, also im Jahr 1985, einer vom Aussterben bedrohten Art an. Wie die Ärzte früher, die noch einen scharfen Blick hatten und einen Patienten nur anzusehen brauchten, um seine Krankheit zu diagnostizieren, während heutzutage ein Arzt dasteht wie der Ochs vorm Berg und ohne die unzähligen, mittels avantgardistischer Technik erstellten Analysen nicht mal eine simple altmodische Grippe erkennt. Als Montalbano Jahre später an die Anfänge seines Berufslebens zurückdachte, fiel ihm zuallererst Libero Sanfilippo ein, der sich zwar den Anschein gegeben hatte, als wollte er ihm gar nichts beibringen, ihm aber in Wirklichkeit sehr viel beibrachte. Vor allem, wie man angesichts eines schlimmen und erschütternden Ereignisses sein inneres Gleichgewicht behielt.

»Wenn du dich zu irgendeiner Reaktion hinreißen lässt, Bestürzung, Schrecken, Empörung, Mitleid, dann kannst du einpacken«, erklärte Sanfilippo ihm bei jeder Gelegenheit. Diesen Rat zu befolgen war Montalbano jedoch nicht immer möglich, denn bisweilen wurde er trotz aller Gegenwehr von seinen Gefühlen überwältigt.

Zweitens hatte Sanfilippo erklärt, wie man den scharfen Blick pflegte, um den ihn sein Stellvertreter sehr beneidete. Doch auch diese zweite Belehrung beherzigte Montalbano nur, so weit er konnte: Sichtlich war der Superman-Röntgenblick großenteils ein Geschenk der Natur.

Sanfilippos negative Seite war – zumindest in den Augen des Stellvertreters, der zu den Altachtundsechzigern gehörte – seine absolute, blinde Ergebenheit jeder Art von höherer Ordnung gegenüber. Die gesetzliche Ordnung. Die öffentliche Ordnung. Die soziale Ordnung. Während seiner Anfangszeiten in Mascalippa hatte Montalbano sich irritiert gefragt, wie ein so gebildeter, hochanständiger Mann solch ein eisernes Vertrauen in ein abstraktes Konzept haben konnte, das, kaum auf die Realität übertragen, die unangenehme Gestalt eines Knüppels oder eines Paars Handschellen annahm. Die Antwort fand er, als er eines Tages zufällig den Personalausweis seines Vorgesetzten in die Hand bekam. Der vollständige Name lautete Libero Pensiero Sanfilippo. Heilige Muttergottes! Libero Pensiero, Volontà, Libertà, Palingenesi, Vindice – Freier Gedanke, Wille, Freiheit, Wiedergeburt, Rächer – waren die typischen Namen, die Anarchisten früher ihren Kindern gaben! Bestimmt war auch der Vater des Commissario Anarchist gewesen, und der Sohn war aus Protest nicht nur Polizist geworden, sondern hatte sich in einem letzten Versuch, das genetische Erbe des Vaters zunichte zu machen, obendrein auf die Ordnung fixiert.

»Guten Morgen, Dottore.«

»Guten Morgen. Schließen Sie die Tür und setzen Sie sich. Von mir aus können Sie auch rauchen. Aber passen Sie ja auf die Asche auf.«

Klar. Denn abgesehen von höheren Ordnungen liebte Sanfilippo auch die Ordnung im Kleinen. Wenn ein bisschen Asche neben dem Aschenbecher landete, rutschte Sanfilippo auf dem Stuhl hin und her, verzog das Gesicht und litt.

»Wie läuft der Fall Amoruso-Lonardo? Kommen Sie voran?«

Montalbano war überrascht. Welcher Fall? Filippo Amoruso, ein siebzigjähriger Rentner, hatte die Grenze seines Gemüsegartens erneuert, knapp zehn Zentimeter des Nachbargartens, der dem achtzigjährigen Rentner Pasquale Lonardo gehörte, mitverarbeitet und damit die Grenze leicht verschoben. Selbiger behauptete dann in Gegenwart Dritter, er sei mit Amorusos verstorbener Mutter, die es, wie alle Welt wisse, mit jedem getrieben habe, wiederholt intim gewesen. Amoruso stieß daraufhin Lonardo wortlos ein Klappmesser zehn Zentimeter tief in den Bauch, bedachte allerdings nicht, dass Lonardo gerade eine Hacke in der Hand hielt, mit der er Amoruso den Schädel einschlug, bevor er selbst zusammenbrach. Jetzt lagen alle beide im Krankenhaus, angezeigt wegen Körperverletzung und versuchten Mordes. Die Frage des Commissario war so vollkommen überflüssig, dass sie nur eines bedeuten konnte: Sanfilippo redete um den heißen Brei herum. Montalbano war auf der Hut.

»Ich komme voran«, sagte er.

»Sehr gut.«

Schweigen trat ein. Montalbano verlagerte die linke Gesäßbacke um ein paar Zentimeter nach vorn und schlug die Beine übereinander. Ihm war nicht wohl. Etwas Beunruhigendes lag in der Luft. Sanfilippo hatte ein Taschentuch aus der Hosentasche geholt und wischte über die Tischplatte, damit sie noch schöner glänzte.

»Sie wissen wahrscheinlich, dass ich gestern Nachmittag in Enna war. Der Questore wollte mich sprechen«, sagte er unvermittelt.

Montalbano stellte seine Füße wieder nebeneinander und sagte kein Wort.

»Er hat mir mitgeteilt, dass ich zum stellvertretenden Polizeipräsidenten befördert und nach Palermo versetzt werde.«

Montalbanos Mund fühlte sich trocken an.

»Glückwunsch«, brachte er hervor.

Hatte er ihn etwa in einer Angelegenheit zu sich gerufen, über die seit einem Monat jedes Kind Bescheid wusste? Der Commissario nahm die Brille ab, hielt sie gegen das Licht und setzte sie wieder auf.

»Danke. Er sagte, auch Sie würden in spätestens zwei Monaten befördert. Wussten Sie davon?«

»Mhm«, machte Montalbano.

Er konnte nicht ja sagen, weil seine Zunge sich steif anfühlte, und überhaupt war er zum Zerreißen angespannt.

»Der Questore hat mich gefragt, was ich davon hielte, wenn Sie meinen Posten übernähmen.«

»Hier?!«

»Ja, natürlich. Hier in Mascalippa. Wo denn sonst?«

»Mamamama …«, stotterte Montalbano.

Es war nicht klar, ob er seine Mutter beschwor oder über das Wort Mascalippa stolperte. Er hatte es ja gleich gewusst! Schon beim Betreten des Büros hatte er gewusst, dass es schlechte Nachrichten gab! Und so war es auch gekommen. Sofort hatte er Mascalippa und die Landschaft ringsum vor Augen. Großartig, gewiss, aber für ihn war das einfach nichts. Zu allem Unglück sah er auch noch ein paar Kühe kümmerliches Grün fressen. Ein malariaähnlicher Schüttelfrost überkam ihn.

»Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht gut fände«, sagte Sanfilippo und grinste ihn an.

Wollte sein blöder Chef, dass er umkippte oder einen Herzinfarkt kriegte? Wollte er, dass er röchelnd auf den Boden sackte? Montalbano befand sich zwar am Rande einer Nervenkrise, doch seine Streitlust gewann die Oberhand.

»Und warum fänden Sie es nicht gut, wenn ich Commissario in Mascalippa wäre?«

»Weil Sie absolut nicht in die Gegend hier passen.«

Er machte eine Pause und grinste noch ein bisschen breiter.

»Genauer gesagt: Weil die Gegend nicht zu Ihnen passt.«

Sanfilippo war wirklich ein erstklassiger Polizist!

»Wann haben Sie das gemerkt? Ich habe nichts getan, um …«

»Und ob Sie was getan haben! Sie haben zwar nicht geredet, Sie haben nichts gesagt, das stimmt. Aber getan haben Sie eine ganze Menge! Nach Ihren ersten vierzehn Tagen hier war mir alles klar.«

»Aber was in Gottes Namen habe ich denn getan?«

»Ein Beispiel nur. Erinnern Sie sich noch, als wir in Montestellario die Bauern befragten und die Einladung einer Schäferfamilie zum Essen annahmen?«

»Ja«, sagte Montalbano mit zusammengebissenen Zähnen.

»Der Tisch wurde im Freien gedeckt. Es war ein strahlender Tag, die Gipfel waren noch schneebedeckt. Erinnern Sie sich?«

»Ja.«

»Sie saßen mit gesenktem Kopf da und wollten die Landschaft nicht sehen. Sie bekamen frische Ricotta vorgesetzt. Und Sie brummten, Sie hätten keinen Hunger. Der Vater sagte, man könnte den See sehen, und zeigte auf eine Stelle weiter unten. Ich sah hin. Ein Juwel, das in der Sonne glitzerte. Ich wies Sie auf den zauberhaften Anblick hin. Sie sahen auf, und dann schlossen Sie sofort die Augen und wurden blass. Sie rührten das Essen nicht an. Und das andere Mal, als Sie …«

»Hören Sie auf, bitte.«

Der Commissario machte sich einen Spaß daraus, Katz und Maus mit ihm zu spielen. Er hatte ihm immer noch nicht erzählt, wie das Gespräch mit dem Questore ausgegangen war. Noch ganz erschüttert von der Erinnerung an jenen albtraumhaften Tag in Montestellario, beschlich ihn der Verdacht, dass Sanfilippo der Mut fehlte, ihm die Wahrheit zu sagen. Dass nämlich der Questore sich nicht von seiner Idee hatte abbringen lassen: Montalbano sollte Commissario in Mascalippa werden.

»Und der … Questore?«, fragte er vorsichtig.

»Was, der Questore?«

»Wie hat er auf Ihre Bemerkung reagiert?«

»Dass er es sich überlegen würde. Aber wenn Sie meine Meinung hören wollen …«

»Natürlich will ich die hören!«

»Ich glaube, er hat es eingesehen. Er wird die Entscheidung über Ihre Versetzung unseren Vorgesetzten überlassen.«

Und wie sah wohl die unanfechtbare Entscheidung der Vorgesetzten, der himmlischen Mächte, der Götter aus, die wie alle anständigen Gottheiten in Rom ansässig waren? Diese quälende Frage sorgte dafür, dass Montalbano das Milchferkel, vom Wirt Santino schon tags zuvor triumphierend angekündigt, nicht so schmeckte, wie es ihm gebührt hätte.

»Sie machen mir heute aber keine Freude«, sagte Santino, der ihn lustlos hatte essen sehen, etwas gekränkt.

Montalbano breitete resigniert die Arme aus.

»Tut mir Leid, Santino, aber mir geht’s nicht so gut.«

Er verließ die Trattoria und tappte ins Nichts. Als er zum Essen hineingegangen war, hatte die Sonne noch geschienen, und eine gute Stunde später hatte sich ein unheimlich wirkender, milchiger Nebel breit gemacht. So war Mascalippa.

Auf dem Nachhauseweg spürte er Beklommenheit in sich aufsteigen, und erst in letzter Sekunde vermied er Frontalzusammenstöße mit anderen menschlichen Schatten. Düster war der Abend und düster war es in ihm selbst. Und während er so vor sich hin ging, fasste er einen unumstößlichen Entschluss: Falls sie ihn in ein Dorf wie Mascalippa versetzten, würde er kündigen. Dann würde er als Rechtsanwalt arbeiten oder als Anwaltsgehilfe oder als Pförtner einer Anwaltskanzlei, Hauptsache, es war am Meer.

Er hatte eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern, Bad und Küche gemietet, und zwar mitten im Dorf, damit bei einem Blick aus dem Fenster von Hügeln und Bergen nicht das Geringste zu sehen war. Es gab keine Heizung, und obwohl die vier Elektroöfchen im Dauereinsatz waren, blieb an manchen Winterabenden nur eines übrig, nämlich ins Bett zu schlüpfen, sich bis obenhin zuzudecken und nur die Hand, die das Buch hielt, draußen zu lassen. Lesen und über das Gelesene nachdenken war etwas, was er seit jeher mochte, und deshalb waren beide Zimmer voller Bücher. Er konnte abends ein Buch kaufen und ohne Pause lesen, bis der nächste Tag anbrach. Gott sei Dank bestand keine Gefahr, dass er nachts wegen irgendwelcher blutiger Angelegenheiten rausgeklingelt wurde. Aus unerklärlichen Gründen passierten Morde, Schießereien, Prügeleien immer am Tag. Und zu ermitteln gab es praktisch nichts, die Delikte waren ohne jedes Rätsel: Tizio hatte wegen einer Zinsangelegenheit auf Filano geschossen und gestanden; Caio hatte Martino wegen aufgesetzter Hörner niedergestochen und gestanden. Wenn Montalbano sein Hirn anstrengen wollte, musste er die Bilderrätsel in der Settimana Enigmistica lösen. Doch neben einem wie Sanfilippo waren seine Jahre in Mascalippa keine verlorene Zeit gewesen, im Gegenteil.

Jetzt aber erschien die Aussicht, den Abend lesend im Bett zu verbringen oder sich irgendeinen Mist in der Glotze anzuschauen, unerträglich. Mery war um diese Uhrzeit bestimmt schon von der Schule, an der sie Latein unterrichtete, nach Hause gefahren. Sie hatten sich in den Jahren des Protests an der Universität kennen gelernt und waren gleichaltrig, das heißt, eigentlich war Mery vier Monate jünger. Sie hatten sich auf Anhieb gemocht, und bald war aus der Sympathie eine Art offener Liebesbeziehung geworden: Wenn sie Lust aufeinander hatten, riefen sie sich an und verabredeten sich. Später verloren sie sich aus den Augen. Mitte der siebziger Jahre erfuhr Montalbano, dass Mery geheiratet und die Ehe kein Jahr gedauert hatte. Er traf sie zufällig in Catania, in der Via Etnea, während seiner ersten Woche in Mascalippa. Vor lauter Verzweiflung hatte er sich ins Auto gesetzt und war in das eine Stunde entfernte Catania gefahren, um zu einer Filmpremiere zu gehen: Die Filme, die im einzigen Kino von Mascalippa gezeigt wurden, waren immer mindestens drei Jahre alt. Als er an der Kasse anstand, rief jemand seinen Namen. Es war Mery, die gerade aus dem Kinosaal kam. Aus der hübschen, impulsiven jungen Frau von damals war mit den Jahren und der Lebenserfahrung eine in sich ruhende, fast geheimnisvolle Schönheit geworden. Am Ende hatte Montalbano den Film nicht gesehen und war mit zu Mery gegangen, die allein lebte und nicht die Absicht hatte, noch mal zu heiraten. Eine Erfahrung in dieser Richtung hatte ihr vollauf gereicht. Montalbano verbrachte die Nacht mit ihr und fuhr am nächsten Morgen um sechs zurück nach Mascalippa. Das wurde zu einer Art Gewohnheit, mindestens zweimal in der Woche fuhr Montalbano nach Catania.

»Ciao, Mery. Ich bin’s, Salvo.«

»Ciao. Weißt du was?«

»Was denn?«

»Ich wollte dich gerade anrufen.«

Montalbano wurde es ganz anders: Wollte Mery ihm etwa sagen, dass sie etwas vorhatte und sie sich an dem Abend nicht sehen konnten?

»Warum?«

»Ich wollte dich fragen, ob du ein bisschen früher kommst, dann könnten wir zusammen essen gehen. Gestern Abend war ich mit einem Kollegen in einem Lokal, das …«

»Ich bin um halb acht bei dir, ja?«, fiel ihr Montalbano, fast singend vor Freude, ins Wort.

Das Lokal hieß wenig phantasievoll »Il Delfino«. Aber was dem Namen an Phantasie fehlte, wog die einfallsreiche Küche um ein Vielfaches auf: Die Antipasti, einzig und allein aus Fisch und Meeresfrüchten zubereitet, beliefen sich auf ein Dutzend Gerichte, eines himmlischer als das andere. Die in Meerwasser gekochten Kraken zergingen auf der Zunge. Und welche Worte würden dem Zackenbarsch gerecht werden, der mit einem göttlichen Sößchen betörte, dessen Ingredienzen Montalbano beim besten Willen nicht vollständig auszumachen vermochte. Und dann Mery, die sich dem Essen glücklicherweise mit ähnlicher Leidenschaft hingab wie er. Denn wenn man jemandem gegenübersitzt, der diese Passion nicht teilt, schmälert das den Genuss gewaltig. Sie sprachen nicht. Hin und wieder sahen sie sich in die Augen und lächelten. Als sie fertig waren, nach dem Obst, wurde das Licht im Lokal erst dämmrig und erlosch schließlich ganz. Ein paar Gäste protestierten. Doch dann kam ein Kellner aus der Küche und schob einen Wagen herein, auf dem eine Torte mit einer brennenden Kerze und ein Kübel mit einer Flasche Champagner standen. Montalbano war überrascht, als der Kellner an ihrem Tisch stehen blieb. Die Lichter gingen wieder an, und alle Gäste klatschten, als jemand laut rief:

»Herzlichen Glückwunsch!«

Anscheinend hatte Mery Geburtstag. Und er hatte es vollkommen vergessen! Schämen sollte er sich! Aber da war nichts zu wollen: Er konnte sich einfach kein Datum merken.

»Bitte v… v… verzeih, ich habe vergessen, dass heute … dass heute dein …«, stammelte er verlegen und nahm ihre Hand.

»Mein was?«, fragte Mery amüsiert und mit einem Glitzern in den Augen.

»Hast du heute nicht Geburtstag?«

»Ich? Du hast heute Geburtstag!«, rief Mery und kringelte sich vor Lachen.

Montalbano sah sie verblüfft an. Das stimmte!

Zu Hause holte Mery aus dem Schrank ein Paket, dem man ansehen konnte, was der Verkäufer unter »als Geschenk einpacken« verstand: ein wildes Durcheinander aus bunten Bändern, Schleifen und schlechtem Geschmack.

»H

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