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Mondschein über Capri

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1. KAPITEL

Eleanora Frazier wartete am Hafen geduldig auf Pauls Ankunft. Der Himmel über ihr war wolkenlos und tiefblau, und vor ihr lag das glitzernde blaue Meer. Es herrschte ein lebhaftes, geschäftiges Treiben um sie herum, und die Sonne schien warm auf ihre Arme und die ausgestreckten Beine.

Die bewundernden Blicke der Männer interessierten sie nicht. Sie hatte keine Lust zu flirten und wollte auch nicht angesprochen werden. Zu oft hatte sie mit ihren sechsundzwanzig Jahren immer wieder dieselben Komplimente und Bemerkungen gehört. Ihr war bewusst, dass sie mit ihrem schulterlangen blonden Haar, das sie momentan unter einem riesigen Strohhut verborgen hatte, den großen grauen Augen, die von langen, dichten Wimpern umrahmt wurden, und den schön geschwungenen Lippen die Aufmerksamkeit der Männer erregte. Mit ihrer schlanken Gestalt, den üppigen Rundungen und den geschmeidigen Bewegungen wirkte sie ungemein verführerisch. Ihr Aussehen hatte sie ihren skandinavischen Vorfahren zu verdanken, und sie bildete sich darauf nichts ein.

Manchmal glaubte Eleanora sogar, die Natur hätte ihr keinen großen Gefallen damit getan, sie mit so viel Schönheit auszustatten. Das hatte sie besonders in dem Moment gedacht, als sich herausgestellt hatte, dass Luke Thornton sie nie geliebt hatte. Obwohl sie nur kurze Zeit zusammen gewesen waren, war er ihr nicht treu gewesen. Sie hatte die einseitige Beziehung rasch beendet, nachdem ihr klar geworden war, dass sie sich in ihm getäuscht hatte und nichts mehr für ihn empfand. Deshalb hatte sie eigentlich nicht zu dem Familientreffen, das jedes Jahr in der großen Villa auf Capri stattfand, kommen wollen. Sie hatte es sich jedoch anders überlegt.

Schon als Teenager hatte sie für Luke geschwärmt. Sie hatte ihn verehrt und bewundert und fragte sich jetzt, weshalb sie so blind gewesen war und ihn nicht schon viel früher durchschaut hatte.

Er war der Zweitälteste ihrer drei Stiefbrüder. Paul war mit seinen dreißig Jahren der Jüngste und Jack der Älteste. Er war sechsunddreißig. Als ihre Mutter Tom Thornton, den Vater der drei Brüder, geheiratet hatte, war Eleanora zehn gewesen. Zuerst hatte sie Luke nur verehrt, doch als Teenager hatte sie sich in ihn verliebt. Glücklicherweise war das vorbei, und sie hatte unter der Trennung nicht gelitten. Und das bewies ihr, dass sie ihn nicht wirklich geliebt hatte.

Nur wenige Monate waren sie ein Liebespaar gewesen und hatten es die ganze Zeit vor der Familie verheimlicht. Darauf hatte Luke bestanden, und sie hatte viel zu spät begriffen, warum. Er war hinterhältig und liebte es, andere zu manipulieren und zu täuschen. Alle wären entsetzt darüber gewesen, wenn sie erfahren hätten, was sich zwischen ihm und Eleanora abspielte. Sie hatte nicht vor, mit ihrer Mutter oder ihrem Stiefvater über die kurze Affäre zu reden, denn niemand sollte wissen, wie dumm sie gewesen war.

Eigentlich war es erstaunlich, dass sie so viele Jahre geglaubt hatte, in Luke verliebt zu sein. Obwohl er sie kaum beachtete, hatte sie nicht aufgehört, ihn zu verehren. Auf dem College hatte sie natürlich andere junge Männer kennengelernt. Sie hatte gern geflirtet und auch zwei flüchtige Affären gehabt. Doch sie hatte Luke nie vergessen und fest daran geglaubt, dass sie eines Tages zusammen sein würden. Nach dem Studium konzentrierte sie sich auf ihren Beruf. Sie war

Restauratorin und arbeitetein London. Luke sah sie nur selten, sie hörtejedochnie auf, von ihm zu träumen. Und dann waren sie sichim vergangenen Jahr kurz vor Weihnachten aufeiner Wohltätigkeitsveranstaltung begegnet, und Eleanoras Traumhatte sich endlicherfüllt.

Er hatte seinen ganzen Charme entfaltet, und sie war begeistert gewesen. Luke behauptete, er habe sich schon lange für sie interessiert, habejedoch warten wollen, bissie alt genug sei und nicht mehrzu Hauselebe. Eleanora hatte sich wie im siebten Himmel gefühlt, und sie wurden ein Liebespaar. Erst späterwar ihr klar geworden, dass er das alles sorgfältig geplantund nur aufden richtigen Moment gewartet hatte.

Schon bald warsie ernüchtert, denn erwar auchmit anderen Frauen zusammen. Trotzdem dauerteeszwei Monate, bissie sich eingestand, dass ersie nicht liebte, sondernnur benutzte, wenn er nachdem Ende irgendeiner Affäre biszu dem Anfang einer neuen jemanden brauchte.

Und dann wurde ihr klar, dass sie ihn nicht liebte und auch nie geliebt hatte, und sie beendetedie Affäre. Sie war in ihre Träume verliebt gewesen, aber nicht in Luke.

Alssie Luke erklärte, essei aus zwischen ihnen, lachteer und behauptete, sie würde zu ihm zurückkommen, denn sie gehöreihm. Erwolltenicht einsehen, dass sie weder ihm noch sonst einem Mann gehörte, und wurde zornig. Offenbar konnteer es nicht ertragen, dass eine Frausich von ihm trennte. Eleanora hatteihn mehrverachtet, als sie jemals für möglichgehalten hätte, und war froh gewesen, dass sie nichts mehr mit ihm zu tunhatte.

Alssie von Lukes Verlobung erfahren hatte, warsie überrascht gewesen. Ihrer Meinung nachliebteerseine Freiheit viel zu sehr, um sich zu binden. Dochmanchmalgeschahen die seltsamsten Dinge. Vielleicht hatteersich wirklich verliebt. Aber egal, weshalbLuke sich verlobt hatte, Eleanora hatte sichentschlossen, entgegen ihrerursprünglichen Absicht doch an dem Familientreffen teilzunehmen. Wenn sie nicht erschiene, würde Luke glauben, sie sei eifersüchtig. Außerdem würden ihre Mutter und ihr Stiefvater es seltsam finden, wenn sie nicht käme. Deshalb hatte sie am Abend zuvor auf Capri angerufen, um sich kurz mit ihrer Mutter zu unterhalten.

Leider war sie nicht da gewesen. Eleanora hatte mit Paul geredet. Das war ihr immer noch lieber, als mit Jack sprechen zu müssen, der ihr ein Gräuel war. Er hatte sie immer geneckt und verspottet und sich geweigert, ihre Schwärmerei für seinen Bruder ernst zu nehmen. Hätte ich nur auf ihn gehört, dachte sie jetzt. Jedenfalls hatte Paul sich gefreut, als sie erklärte, sie würde kommen. Und er hatte ihr versprochen, sie abzuholen. Doch offenbar hatte er sich verspätet, was sie nicht überraschte. Paul war Vulkanologe. Er saß wahrscheinlich am Computer und hatte sie völlig vergessen. Bei dem Gedanken musste Eleanora lächeln. Sie kannte ihn, er würde sich irgendwann an sein Versprechen erinnern und auftauchen.

Nachdem sie sich bequemer hingesetzt hatte, ließ sie den Blick über den Hafen gleiten. Dieses Fleckchen Erde hatte sie schon immer geliebt. Sie hatte die Schulferien hier verbracht, und später hatte sie geglaubt, es sei die perfekte Umgebung für eine romantische Liebesbeziehung. Leider gab es jedoch keine Garantie dafür, an so einem idyllischen Ort eine Romanze zu erleben.

Als sie ein gedämpftes Dröhnen hinter sich hörte, drehte sie sich um. Wenige Sekunden später schoss ein schwarzer Ferrari wie ein Pfeil aus einer der engen Straßen auf den Parkplatz. Eleanora beobachtete den dunkelhaarigen Mann, der aus dem Auto stieg, mit großen Augen. Er setzte die Sonnenbrille ab und legte sie achtlos auf das Armaturenbrett. Er wirkte sicher, beherrscht, ruhig und selbstbewusst. Neugierig geworden, beugte sie sich vor, um ihn besser sehen zu können. Es war jedoch unmöglich, die Entfernung war zu groß.

Außerdem wurde Eleanora von der Sonne geblendet, und die Luft flimmerte in der Hitze.

Während sie ihn beobachtete, wie er, die Hände in die Hüften gestemmt, dastand und den Hafen absuchte, verspürte sie ein Kribbeln im Bauch und erbebte. In der hellen Sommerhose, die seine langen Beine betonte, und dem blauen Seidenhemd mit den hochgekrempelten Ärmeln und dem offenen Kragen sah er ungemein attraktiv aus. Sie schien ihn mit allen Sinnen wahrzunehmen.

„Wow!“, sagte sie leise vor sich hin. Wer immer er war, er hatte eine Ausstrahlung, die Eleanora sogar auf die Entfernung spürte. Am wichtigsten war ihr jedoch, dass sie sich überhaupt für ihn interessierte. Seit der Affäre mit Luke hatte sie geglaubt, sie könne für keinen Mann mehr etwas empfinden. Doch offenbar hatten ihre Gefühle nur geschlafen. Plötzlich hatte sie den Eindruck, eine dunkle Wolke hätte sich aufgelöst, und sie könne wieder leichter atmen.

Der Mann merkte nicht, dass sie ihn beobachtete. Er drehte sich um, als ihm jemand etwas zurief. Dann schlenderte er hinüber zu dem nahe gelegenen Gebäude und verschwand darin. Eleanora lehnte sich zurück und lächelte. Wahrscheinlich war er ein ganz besonderer Mann, sonst hätte sie nicht mit allen Sinnen auf ihn reagiert. Sie war froh, dass auf einmal ihr Interesse wieder erwacht war, denn es bewies ihr, dass Luke ihr überhaupt nichts mehr bedeutete. Und das war gut so.

Eleanora konnte sich nicht erinnern, dass jemals zuvor ein Mann solche Gefühle in ihr ausgelöst hatte. Nicht einmal Luke war es gelungen. Sie schüttelte verblüfft den Kopf. Ein Blick auf diesen Mann hatte genügt, und sie verspürte die seltsamsten Regungen. Offenbar war sie für sinnliche Reize immer noch empfänglich.

In dem Moment kam der Mann wieder aus dem Gebäude. Er lachte und winkte jemandem zu, ehe er in Eleanoras Richtung ging. Fasziniert und neugierig beobachtete sie ihn.

Er bewegte sich so geschmeidig wie eine Raubkatze. Es gelang ihr einfach nicht, den Blick abzuwenden. Sie kannte niemanden, der sich mit ihm vergleichen ließ und eine solche Ausstrahlung besaß. Luke konnte mit ihm bestimmt nicht konkurrieren.

Wer war dieser Mann? Bald würde sie es wissen, denn je näher er ihr kam, desto deutlicher konnte sie ihn erkennen. Plötzlich breitete sich ungläubiges Erstaunen in ihr aus. Sie kannte sein Gesicht beinah genauso gut wie ihr eigenes. Er hatte ein energisches Kinn, ein markantes Profil und Lachfältchen um Augen und Lippen. Ausgerechnet auf Jack Thornton, ihren Stiefbruder, der sie immer nur verspottet hatte, reagierte sie so heftig.

Nein, so unfreundlich kann das Schicksal nicht sein, schoss es ihr durch den Kopf. Sie würde sicher gleich aufwachen und feststellen, dass sie nur geträumt hatte. Aber ob es ein Traum war oder nicht, sie war fasziniert und schockiert zugleich. Erst als ein Motorrad mit lautem Getöse vorbeifuhr, löste sich der Zauber auf. Sie blinzelte, doch es war immer noch Jack, der da auf sie zukam.

Eleanora wandte sich ab, während alle möglichen Gedanken auf sie einstürzten. So etwas war einfach unmöglich. Als sie Jack vor sechs Monaten das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie nichts für ihn empfunden. Damals hatte sie noch geglaubt, in Luke verliebt zu sein, und mit Jack hatte sie sich wie immer nur gestritten. Was war jetzt anders?

Es ist unglaublich, dass ich so auf ihn reagiere, sagte sie sich. Glücklicherweise war ihr Gesicht unter dem Strohhut nicht zu erkennen, sodass Jack nicht ahnte, was in ihr vorging. Es wäre ihr peinlich gewesen, wenn er es gemerkt hätte. Ihre Reaktion auf ihn musste ihr Geheimnis bleiben. Normalerweise machte Jack sie nur zornig, deshalb verstand sie nicht, was auf einmal mit ihr los war.

Sie beobachtete Jack unter halb geschlossenen Lidern und bekam Herzklopfen. Wenige Meter vor ihr blieb er stehen, und sie hatte keine andere Wahl, sie musste ihn begrüßen. Nachdem sie eine gleichgültige Miene aufgesetzt hatte, hob sie den Kopf und sah Jack verächtlich an.

„Ach, du bist es“, stellte sie fest. Sie bemühte sich nicht, ihre Abneigung zu verbergen, und sogleich blitzte es in seinen Augen belustigt auf. Er hat zweifellos schöne blaue Augen, in deren unergründlicher Tiefe man ertrinken könnte, gestand sie sich ärgerlich ein.

„Es ist immer wieder ein Vergnügen, dich zu sehen, Angel“, erklärte Jack Thornton spöttisch, während er sie ungeniert von oben bis unten musterte. Hat er das früher auch schon gemacht?, fragte sie sich. Sie wusste es nicht. „Warum hast du so schlechte Laune? Hast du jemand anders erwartet? Es tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss, aber Luke ist mit seiner Verlobten beschäftigt. Er hat momentan keine Zeit, sich um dich zu kümmern.“

Luke wollte sie jetzt wirklich nicht begegnen. Aber sie war froh darüber, von ihrer unerwarteten Reaktion auf Jack abgelenkt zu werden. „Ich habe gar nicht mit Luke gerechnet. Paul hat versprochen, mich abzuholen“, entgegnete sie kühl. „Warum bist du gekommen?“

Jack lächelte sie an. Er freute sich, dass sie sich über seine Bemerkung ärgerte. „Er wartet auf eine wichtige Information. Deshalb hat er mich gebeten, dich abzuholen. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, habe ich eingewilligt.“

„Du hast mich lange warten lassen“, warf sie ihm vor und war entschlossen, sich nicht provozieren zu lassen. Immer wieder wunderte sie sich darüber, wie verschieden die Brüder waren. Luke war ein Charmeur und ein Heuchler. Paul war lieb und nett, während Jack aus ganz anderem Holz geschnitzt war.

In seinen faszinierend blauen Augen blitzte es herausfordernd auf. „Spar dir das Theater, Eleanora. Schon als Kind bist du wegen jeder Kleinigkeit wütend geworden. Es hat mich jedoch noch nie beeindruckt.“

Sie atmete tief ein und bemühte sich, sich zu beherrschen. „Ich werde nie wütend, egal, wie sehr man mich provoziert“, entgegnete sie kurz angebunden.

Jack lachte. „Ah ja. Was hast du doch für ein schlechtes Gedächtnis, Angel. Du erinnerst dich nur an das, was dir passt. Ich könnte dir einen langen Vortrag darüber halten, wann und wie oft du Zornausbrüche hattest.“

Es schien ihm Spaß zu machen, ihr ihre Fehler und Schwächen vorzuhalten.

„Wir kommen vom Thema ab. Tatsache ist, ich warte hier schon länger als eine Stunde“, stellte sie fest. Dass es ihr nichts ausgemacht hatte und sie bis vor wenigen Minuten zufrieden hier gesessen und sich die Zeit vertrieben hatte, brauchte er nicht zu wissen.

„Leider ist Paul erst vor zwanzig Minuten eingefallen, dass du abgeholt werden wolltest. Ich habe unterwegs keine einzige Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten, nur um dich nicht noch länger warten zu lassen. Aber offenbar hat es dir gefallen, hier halb nackt herumzusitzen und allen Männern den Kopf zu verdrehen.“

Ich brauche nur fünf Minuten mit ihm zusammen zu sein, und schon fällt mir wieder ein, warum ich ihn nicht mag, überlegte sie. „Ich habe mehr an als die anderen Frauen, die hier in ihren winzigen Bikinis herumlaufen“, fuhr sie ihn an. Sie trug Shorts und ein ärmelloses Top und war ihrer Meinung durchaus korrekt angezogen.

Jack musterte sie wieder von oben bis unten und lächelte ironisch. „Ich habe gedacht, du hättest Luke beeindrucken wollen. Du hast dir ja schon alles Mögliche einfallen lassen. Mir war klar, dass du früher oder später versuchen würdest, ihn mit deinen weiblichen Reizen zu verführen“, erklärte er sanft.

Eleanora errötete. „Das würde ich nie tun“, protestierte sie. Es gefiel ihr nicht, dass Jack immer noch glaubte, sie sei an Luke interessiert. Doch das war letztlich ihre eigene Schuld. Sie konnte ihm wohl kaum anvertrauen, dass die Affäre längst beendet war, denn niemand ahnte, dass sie und Luke überhaupt eine gehabt hatten. Jack und die anderen wären entsetzt, wenn sie die Wahrheit erfahren würden.

„Wirklich nicht?“, fragte Jack. Sein Blick wurde etwas freundlicher.

„Nein!“, bekräftigte sie. Sie war empört über die Unterstellung, doch insgeheim gestand sie sich ein, dass sie als Teenager an so eine Möglichkeit gedacht hatte. Aber sie hatte nicht den Mut gehabt, es wirklich auszuprobieren. Außerdem kannte Jack sie gut genug. Er wusste bestimmt, dass es nicht ihr Stil war, Männer zu verführen.

Er schüttelte skeptisch den Kopf. „Es freut mich, das zu hören. Ich kann es jedoch nicht glauben. Dann hast du sicher etwas anderes in petto, oder?“

„Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich habe jedenfalls keine Pläne“, stieß sie ärgerlich hervor und überlegte, wie sie ihm und den anderen klarmachen sollte, dass Luke ihr völlig gleichgültig war. Es war keine leichte Aufgabe, denn sie durfte die Affäre nicht erwähnen. Ihr Besuch bei ihrer Familie gestaltete sich offenbar schwieriger, als sie angenommen hatte.

„Willst du behaupten, du hättest dir nicht etwas ausgedacht, um die beiden auseinander zu bringen, nachdem du erfahren hast, dass Luke sich verlobt hat?“ Jacks Stimme klang kühl und gereizt.

„Ich habe mir nichts ausgedacht“, entgegnete sie so bestimmt, wie es ihr in dem Moment möglich war.

„Aber du würdest etwas unternehmen, wenn du sicher sein könntest, du hättest Erfolg damit, oder?“

Plötzlich traten ihr Tränen in die Augen. „Warum bist du so gemein?“, fragte sie leise und vorwurfsvoll.

Er seufzte. „Weil du dumm bist, Eleanora. Du sehnst dich nach etwas, was sowieso nicht geschehen wird“, antwortete er überraschend sanft. Ihr war die Kehle wie zugeschnürt.

In dem Moment wehte ihr ein Windstoß den Strohhut vom Kopf und in Richtung Wasser.

„O nein!“, rief sie aus und versuchte vergebens, nach ihm zu greifen.

Jack gelang es jedoch, den Hut in letzter Sekunde zu retten. Er betrachtete ihn belustigt. „Und auch deshalb bist du dumm, Eleanora. Du hättest ihn dem Wind und dem Wasser überlassen sollen.“ Mit ernster Miene reichte er ihr das gute Stück.

„Warum das denn? Er ist doch noch in Ordnung“, erwiderte sie und nahm den Strohhut entgegen.

„Luke hat ihn dir geschenkt“, stellte Jack spöttisch fest.

Das hatte sie völlig vergessen. Eine Zeit lang hatte sie ihn gern getragen, aber jetzt war er nur noch praktisch. Sie hob den Kopf und ärgerte sich darüber, dass Jack so ein gutes Gedächtnis hatte. „Na und?“, fragte sie.

Jack blickte ihr in die Augen. „Du solltest es aufgeben, Angel. Luke interessiert sich nicht für dich, das hat er noch nie getan. Er will dich nicht.“

Er hat recht, Luke hat nie eine dauerhafte Beziehung mit mir haben wollen, sondern nur eine Partnerin fürs Bett gebraucht, überlegte Eleanora. Obwohl sie sich keine Illusionen mehr machte, tat es weh, dass Jack die Wahrheit so schonungslos aussprach. Sie wurde blass, und ihre grauen Augen wirkten noch größer, als sie waren. „Du bist abscheulich“, stieß sie hervor. „Weißt du was? Ich glaube, es macht dir Spaß, mich zu verletzen.“

Ernst und entschlossen sah er sie an. „Angel, du bist nur verletzt, weil es die Wahrheit ist. Wach endlich auf, und schau dich um. Es gibt genug andere Männer, die froh wären, wenn du dich für sie interessiertest.“

Vielleicht stimmte es, aber die Wunde war noch zu frisch. Vorerst wollte Eleanora sich auf keine neue Beziehung einlassen. „Andere Männer sind mir egal“, entgegnete sie streitsüchtig. Ihr war bewusst, dass die Bemerkung falsch zu verstehen war, doch das konnte sie nicht ändern. Sollte Jack doch denken, was er wollte.

Er schüttelte den Kopf. „Dann verurteilst du dich selbst dazu, einsam und verbittert zu leben.“

Eleanora zog ihre langen Beine an und legte die Arme wie schützend darum. „Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Was immer geschieht, es ist mein Leben, nicht deins. Hör bitte auf, dich einzumischen.“

„Du liebe Zeit, du bist wirklich eigensinnig.“ Jack lachte.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Und du bist abscheulich“, entgegnete sie. Als Jack sie freundlich anlächelte, breiteten sich so herrliche Gefühle in ihr aus, dass sie beunruhigt war. Was war mit ihr los? Ach, ich bin nur nervös, das ist alles, redete sie sich dann ein. Er machte sie verrückt und sollte endlich lernen, seine Weisheiten für sich zu behalten. Sie hatte genug mit ihren eigenen Gedanken zu tun.

Jack schüttelte den Kopf und reichte ihr die Hand. „Komm, lass uns nach Hause fahren. Du bist müde und hungrig. Wenn du dich ausgeruht und etwas gegessen hast, hellt sich deine Stimmung hoffentlich auf.“

„Du machst es schon wieder“, erwiderte sie gereizt. Sie nahm jedoch seine Hand und ließ sich von ihm hochziehen.

Dummerweise stolperte sie dabei über ein Tau und wäre hingefallen, wenn Jack sie nicht festgehalten hätte. Eleanora fand sich mit dem Gesicht an seiner muskulösen Brust wieder. Sogleich gerieten ihre Gefühle in Aufruhr, ihr kribbelte die Haut, und sie war sich seiner Kraft, seines muskulösen Körpers und seines Duftes viel zu sehr bewusst. Es kam ihr vor wie ein Angriff auf all ihre Sinne. Plötzlich war nichts mehr so, wie es gewesen war. Ihr ganzer Körper schien sich auf Jack zu konzentrieren.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er belustigt und leicht besorgt.

Eleanora war immer noch verwirrt. Sie hob den Kopf und suchte in Jacks Gesicht nach Hinweisen oder Erklärungen für das, was soeben geschehen war. So etwas hatte sie noch nie erlebt.

Irgendetwas schien er aus ihrem Blick zu lesen, denn er wurde ganz still und sah sie nachdenklich an. Eleanora nahm das geschäftige Treiben und den Lärm um sie herum nicht mehr wahr und glaubte, ganz allein mit Jack zu sein. Es war ein seltsamer Augenblick, der schwer zu beschreiben war. Es kam ihr vor, als wäre etwas Elementares geschehen, das eine unglaubliche Macht zu besitzen schien.

„Fühlst du dich wohl?“ Jacks Stimme klang sanft und leicht ironisch.

Eleanora kehrte unvermittelt in die Wirklichkeit zurück und bemerkte, dass es in seinen Augen rätselhaft aufleuchtete. Und dann wurde ihr bewusst, dass sie sich noch immer an ihn lehnte und keine Anstalten machte, sich von ihm zu lösen. Sie war entsetzt über sich selbst und zwang sich zu handeln.

„Was machst du da?“, fuhr sie ihn an und stieß ihn von sich. Dann atmete sie tief ein und aus.

„Ich habe verhindert, dass du ins Wasser fällst“, antwortete er unbekümmert und schob die Hände in die Taschen seiner hellen Hose.

Sie strich sich das Haar aus der Stirn und zog betont langsam ihre Shorts und das Top zurecht, während sie sich verzweifelt bemühte, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzugewinnen. „Okay, danke. Aber du hättest mich nicht so lange festzuhalten brauchen“, erklärte sie und stöhnte insgeheim auf. Was hatte sie sich dabei gedacht? Sie konnte sich gut vorstellen, was für Signale sie ausgesandt hatte. Gerade erst hatte sie die aussichtslose Beziehung mit Luke Thornton beendet, und schon ließ sie sich mit dem nächsten Thornton ein.

Jack wippte auf den Absätzen vor und zurück und blickte sie amüsiert an. „Ehrlich gesagt, nicht nur ich habe dich festgehalten, sondern du mich auch“, korrigierte er sie sanft.

„Nein, das habe ich nicht, Jack“, protestierte sie vehement und schaute ihn an. Unter keinen Umständen würde sie zugeben, dass er recht hatte.

„Für mich hat es sich aber so angefühlt“, erwiderte er lächelnd.

Sie konnte ihm nicht mehr in die Augen sehen und wandte sich ab. „Dann hast du dich getäuscht.“ Lieber würde sie alles Mögliche ertragen und erdulden, als sich noch einmal an ihm festzuhalten. Du liebe Zeit, sie lebte seit Jahren mit ihm auf Kriegsfuß und durfte nicht vergessen, dass er sie nicht mochte.

„So? Ich frage mich, ob du weißt, wie verräterisch deine Reaktion war.“

O nein, das ist typisch Jack, er macht jetzt eine große Sache daraus, überlegte sie gereizt. Sie verschränkte die Arme. „Wenn ich damit verraten habe, dass ich dich nicht mag, dann ist es in Ordnung.“ Sie warf ihm einen kühlen Blick zu.

Jack fuhr sich durchs Haar. „Wie interessant! Genau das hast du damit nicht verraten.“

Ja, das ist das Problem, schoss es ihr durch den Kopf. „Ach, das nächste Mal mache ich es besser. Können wir gehen?“

„Willst du denn nicht wissen, was ich aus deiner Reaktion schließe?“, neckte er sie.

Was auch immer es war, es würde ihr nicht gefallen, dessen war sie sich sicher. „Nein, es interessiert mich nicht“, erklärte sie.

„Du hast es auch gespürt. Das habe ich dir angesehen“, stellte er fest.

Bei seiner Bemerkung erbebte Eleanora, und die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie wollte das Thema beenden, doch sie wollte Jacks Behauptung auch nicht einfach hinnehmen. „Nein, das habe ich nicht.“

„Lügnerin“, antwortete er sanft. „Du hast gespürt, dass uns etwas verbunden hat. Es war so, als würden tausend kleine Funken sprühen. Ob es dir gefällt oder nicht, es hat sich für dich gut angefühlt, in meinen Armen zu sein, stimmt’s?“

Es überlief sie heiß. Sie gestand sich ein, dass es sich wirklich gut angefühlt hatte. Aber sie würde es niemals zugeben, denn sie wollte solche Gefühle gar nicht für ihn haben. Die Katastrophe wäre vorprogrammiert, wenn sie sich auf eine Beziehung mit ihm einließe. Deshalb lachte sie und blickte ihn an. „Du hast schon viel Unsinn geredet in deinem Leben, Jack.

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