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Mondschein, Küsse und Amore

1. KAPITEL

„Äh, mi scusi?“ An der Hotelrezeption kramte Ella die paar Brocken Italienisch hervor, die sie gelernt hatte. „Ich glaube, ich habe für heute Morgen eine Sightseeingtour gebucht.“

Si, Signora Chandler. Mit mir.“

Ella klappte die Kinnlade herunter, als sie sich umdrehte und sah, wer mit ihr gesprochen hatte. Das konnte doch wohl nicht ihr Fremdenführer sein. Der Mann sah eher wie das Model einer Parfümwerbung aus. Er war groß, hatte leicht verstrubbeltes Haar, das von einer Sonnenbrille zurückgehalten wurde, dunkle Augen mit unverschämt langen Wimpern und den sinnlichsten Mund, den sie je gesehen hatte.

Er sprach perfekt Englisch, mit einem ganz leichten, unwiderstehlichen Akzent. Doch sie würde sich am Riemen reißen. Zweifellos war dieser Mann hormongesteuerte englische Touristinnen gewöhnt, die ihm zu Füßen lagen, und Ella wollte sich nicht lächerlich machen. Das hatte sie im vergangenen Jahr bereits gründlich getan.

„Ich, äh, buongiorno.“ Sie streckte die Hand aus.

Als er sie ergriff, hatte Ella das Gefühl, als würde ihre Körpertemperatur unmittelbar um fünf Grad steigen.

Verrückt. Wie war es möglich, dass sie auf einen vollkommen Fremden so reagierte – ein Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte und von dem sie nichts wusste, außer dass er Angestellter des Hotels war, in dem sie wohnte?

Allerdings trug er keine Uniform wie der Rest des Personals. Stattdessen ein frisches weißes Hemd, den Kragen weit genug aufgeknöpft, um sein Brusthaar hervorblitzen zu lassen, und die Ärmel bis kurz unter die Ellbogen hochgekrempelt, dazu hellgraue Chinos und bequeme Segelschuhe für eine ausgiebige Stadtführung. Lässig, aber sehr, sehr elegant, wie es nur die Italiener konnten.

Ellas beste Freundin Julia hätte ihn als „Sex auf zwei Beinen“ bezeichnet. Und sie hätte recht gehabt. Er war einfach atemberaubend.

„Sind Sie bereit, Signora Chandler?“, fragte er höflich.

Nein, nie im Leben. „Natürlich“, log sie, bemüht so professionell zu klingen, als würde sie mit einem ihrer Kunden reden.

„Ich heiße Rico“, sagte er.

Warum fühlte ihre Zunge sich an, als hätte jemand sie am Gaumen festgeklebt? „Äh … Ella“, erwiderte sie und hasste sich für ihre Unbeholfenheit.

„Ella.“ So wie er es sagte, klang ihr Name wie eine Liebkosung.

Hilfe. Sie musste sich ermahnen, dass sie achtundzwanzig war, nicht siebzehn. Und sie wusste nur zu gut, dass sein Charme mehr Schein als Sein war. Sie kannte Männer wie ihn.

„Wollen wir los?“

„Klar.“ Sie schenkte ihm ihr unverbindlichstes Lächeln.

„Du bist also zum ersten Mal in Rom und willst eine Führung zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, si?“

„Das Alte Rom, die Spanische Treppe, der Trevi-Brunnen“, bestätigte sie.

Bene. Dann fangen wir beim Kolosseum an. Das ist am nächsten, und um diese Tageszeit sind die Warteschlangen noch nicht so lang.“

Sie folgte ihm aus dem Hotel und widerstand dem Drang, sich zu kneifen. Sie, Ella Chandler, war tatsächlich in Rom, der Ewigen Stadt. Seit Jahren hatte sie schon herkommen wollen. Doch als sie klein war, konnten sich ihre Eltern keine Urlaube leisten, und als sie dann genug verdiente, um selbst zu bezahlen, überredeten ihre Freunde sie immer wieder, woanders hinzufahren. Jetzt hatte sie sich diesen Traum endlich erfüllt. Und besuchte endlich diesen Ort, der als Kind ihre Fantasie weit mehr angeregt hatte als die Märchen von Prinzessinnen und Schlössern.

„Ich wollte immer schon nach Rom. Seit ich als kleines Mädchen in einem Buch ein Bild vom Kolosseum gesehen habe“, erklärte sie Rico. „Ich meine, ich weiß, offiziell gehört es nicht zu den sieben Weltwundern, aber für mich damals schon.“

„Es ist das größte antike römische Bauwerk, das noch existiert“, sagte er. „Es ist zwar nicht so gut erhalten wie andere, die ich dir heute noch zeigen werde, aber es ist trotzdem ziemlich beeindruckend.“

Er erzählte ihr die Geschichte des Kolosseums, während sie die Straße entlanggingen, und Ella spürte, wie sie sich in seiner Gegenwart entspannte. Dann, als sie das Ende der Straße erreicht hatten, blieb sie wie angewurzelt stehen.

„Wow, ich kann nicht fassen, dass wir eine ganz normale moderne Straße mit coolen Läden und Häusern entlanggehen – und plötzlich steht es da. Mittendrin.“ Die Ruine war riesig und einfach … toll. Es gab kein anderes Wort dafür. Auch aus der Nähe sah das Kolosseum genau so aus, wie sie es sich immer vorgestellt hatte.

„Das ist das Schöne an Rom“, sagte er achselzuckend. „Auch wenn ein Gebäude modern aussieht, darunter findet sich meist so etwas wie das hier.“

Offenbar war er diese Art von Bewunderung gewohnt. Hieß es nicht, dass Gewohnheit blind machte? Jedenfalls schien er nicht annähernd so beeindruckt wie sie. Ella hingegen war von der schieren Erhabenheit der Ruine hingerissen. Und sie war froh, dass Rico feinfühlig genug war, sie die Atmosphäre in sich aufnehmen zu lassen, statt sie durch Worte zu zerstören.

Sie ist ausgesprochen hübsch, dachte Rico, als er Ella betrachtete. Eine klassische englische Schönheit mit blasser Haut und blaugrauen Augen, das goldbraune Haar im Nacken zum Zopf gebunden. Ein altes Zitat kam Rico in den Sinn: non angli, sed angeli. Nicht Engländer, sondern Engel.

Ella Chandler war schön wie ein Botticelli-Engel. Besonders, weil sie sich dessen überhaupt nicht bewusst zu sein schien. Und sie strahlte eine natürliche Schönheit aus, nicht wie die meisten anderen Gäste in seinem Hotel: manikürt, frisiert und sonnenstudiogebräunt, als gäbe es kein Morgen.

Warum war sie allein in Rom? Er wusste, dass sie in der Honeymoon-Suite logierte, aber er wusste auch, dass sie sich als Miss und nicht als Mrs Chandler angemeldet hatte. Ob die Reise nach Rom ursprünglich als Hochzeitsreise geplant gewesen war? Vielleicht hatte ihr Verlobter sie in letzter Minute sitzen gelassen, und sie hatte beschlossen, allein zu kommen. Oder gab es einen anderen Grund?

Rico ermahnte sich, dass ihn das nichts anging. Er war heute nur ihr Fremdenführer, weil er die Rossi-Hotels regelmäßigen Qualitätsprüfungen unterzog, um sich zu vergewissern, dass die Gäste mit dem Service zufrieden waren. Und deshalb stand er jetzt mit Ella Chandler in der Schlange vor einer Sehenswürdigkeit, die sie schon seit vielen, vielen Jahren besuchen wollte, und machte ihre Träume wahr.

„Ich habe nicht damit gerechnet, hier lauter Gladiatoren und Kaiser zu sehen“, bemerkte sie lächelnd, als sie die verkleideten Gestalten entdeckte.

„Das schafft Atmosphäre“, bestätigte er. „Aber ich würde sagen, genieß einfach den Anblick. Es sei denn, du willst für ein Foto mit den Schauspielern ein Vermögen bezahlen.“

„Oh. Dann gehören sie gar nicht zum Kolosseum?“ Sie wirkte enttäuscht und ein bisschen misstrauisch.

„Nein, die machen das auf eigene Rechnung. Und manchmal können sie ganz schön aufdringlich sein. Aber bei dir werden Sie nicht aufdringlich sein, weil du mit mir hier bist.“ Er lächelte. „Und ich mache so viele Fotos für dich, wie du willst. Gehört alles zum Service.“

„Danke.“

Nachdem er den Eintritt gezahlt hatte, führte Rico sie herum, zeigte ihr, wo die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten gesessen hatten. Er machte Fotos von ihr, vor den ikonischen Bögen des Kolosseums, in der Arena, in den Kellergeschossen. Obwohl sie eine Sonnenbrille trug, konnte er erkennen, dass ihr Lächeln die Augen erreichte. Und ihre Freude war ansteckend. Für ihn war es eigentlich nur irgendein Bauwerk in der Nähe seines Hotels. Doch durch Ella sah er es mit neuen Augen. Und er sah, was sie sah: eine spektakuläre Sehenswürdigkeit, mehr als nur das ikonische Symbol der ganzen Stadt. Es war ihr Mittelpunkt. Kaiser hatten hier grausame Spiele veranstaltet und die ganze Stadt dazu eingeladen. Das einfache Volk hatte hier Löwen, Bären und Elefanten gesehen, die ihnen im Alltag nie begegnet wären.

Im zweiten Stock führte er sie durch eine vorübergehende Ausstellung. „Neben den schriftlichen Quellen, die wir haben, vermitteln uns die Wandmalereien einen ganz guten Eindruck von dem, was die Leute hier zu sehen bekamen.“ Er zeigte ihr einen in Stein geritzten, sprungbereiten Wolf und einen Gladiator, der mit einem Netz kämpfte. Ella schob die Sonnenbrille ins Haar, damit sie besser sehen konnte, und das blanke Staunen in ihren Augen faszinierte Rico. Wie lange war es her, dass ihn irgendetwas so begeistert hatte? Er konnte sich nicht erinnern …

Mit dreißig war Rico viel zu zynisch für sein Alter – und er wusste es.

Nicht, dass er sich darüber den Kopf zerbrach. Dazu hatte er keine Zeit. Er musste ein Imperium führen.

Als sie das Kolosseum verließen, führte Rico sie am Konstantinsbogen vorbei. „Das hier ist meine Lieblingsperspektive vom Kolosseum“, sagte er und ließ ihr Zeit, sich umzudrehen und den Blick zu bewundern.

„Atemberaubend. Genau so, wie ich es mir vorgestellt habe“, gestand sie leise. „Ich muss mich bei dir bedanken.“

„Hey, das ist mein Job“, erklärte er. Hauptsächlich, um sich selbst daran zu erinnern, dass sie ein Gast und damit tabu für ihn war. Und selbst wenn sie nicht tabu gewesen wäre, sie war nicht sein Typ. Er stand auf große, schlanke, elegante Frauen, die die Regeln kannten und keine emotionalen Zugeständnisse von ihm erwarteten. Dafür ermöglichte er ihnen das Luxusleben, das sie sich wünschten. Für einige Zeit. Auf Dauer hatte ihn noch keine Frau gereizt.

Er zwang sich, sich wieder auf seinen Job zu konzentrieren. „Als Nächstes zeige ich dir das Forum Romanum.“

„Hat dort nicht Mark Anton die Rede gehalten – jedenfalls laut Shakespeare?“, fragte sie.

„Ja.“ Lachend zeigte er auf einige Säulen in der Ferne. „Die Grabrede hat er am neuen Rostum gehalten – dort drüben beim Tempel des Saturn. Die Hälfte der Fremdenführer kann sie aufsagen.“

„Und du? Kannst du das auch?“

Sie hat Grübchen, bemerkte er. Ganz entzückende Grübchen. Und es kostete Rico einige Mühe, sich auf ihre Fragen zu konzentrieren, statt ihre Wange zu streicheln, um herauszufinden, ob ihre Haut sich auch so zart anfühlte, wie sie aussah. Was war nur los mit ihm? Sonst war er doch nie so abgelenkt. Nie. „Wenn du willst, beweise ich es dir. Es sei denn, du möchtest die Rede halten.“

„Ich weiß, das ist ein bisschen albern, aber würde es dir etwas ausmachen?“

„Überhaupt nicht. Kann man mit der Kamera auch Videos machen? Ich könnte es für deine Freunde filmen, wenn du möchtest.“

„Das ist sehr nett von dir.“

Nein, er war alles andere als nett. Seine letzte Freundin hatte ihn als Roboter bezeichnet, der nur seine Arbeit kannte. Aber Rico, der Fremdenführer, war nett, jedenfalls oberflächlich betrachtet. „Dafür bin ich doch da. Damit du dich in Rom wie zu Hause fühlst.“

Ella zeigte ihm, wie die Kamera funktionierte und berührte ihn dabei ganz leicht mit den Fingern. Heiß durchströmte es seinen Körper, und fast hätte er aufgestöhnt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so stark auf eine Frau reagiert hatte. Und dann konzentrierte er sich lieber darauf, sie zu filmen, während sie die Rede deklamierte.

„Du hast eine sehr schöne, klare Stimme“, lobte er, als sie fertig war und er ihr die Kamera wiedergab.

„Vielen Dank.“ Sie errötete und sah dabei sehr hübsch aus. Unwillkürlich stellte Rico sich vor, wie sie wohl mit vor Verlangen geröteten Wangen aussah. Verlangen, dass er in ihr geweckt hatte.

Genug. Erotische Fantasien mit Ella Chandler waren indiskutabel. Schließlich war sie Gast in seinem Hotel. Dann war sie eben die erste Frau, die ihn faszinierte, seit er vor mehr als drei Jahren Chef der Rossi-Hotels geworden war. Er wusste, wie vergänglich sexuelle Anziehung war. Und er hatte keine Zeit, sich ablenken zu lassen.

Als sie zur Via Nova zurückgingen, schien Ella von den Glyzinienranken entzückt, deren blasslila Blüten wie ein Baldachin herabhingen.

„Gib mir deine Kamera. Und lächeln“, befahl er und knipste ein paar Fotos von ihr, umrahmt von Glyzinien.

Auf seiner Dachterrasse gab es eine Ecke, die genauso aussah. Und plötzlich stellte er sich vor, wie er Ella unter dem nächtlichen Himmel küsste, ihre Hand an seiner Wange, seine Hände in ihrem Haar, ihr verlangender Mund …

Hilfe. Er musste an etwas Unverfängliches denken. Schnell. Etwas, das nichts mit Sex zu tun hatte. Es beunruhigte ihn, dass sie so eine Wirkung auf ihn ausübte. Bisher war es ihm nie schwergefallen, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

„Was machst du bei dir zu Hause in England?“, fragte er.

„Du meinst beruflich?“ Sie zuckte die Schultern. „Ich bin Buchhalterin.“

„Und bringt dir dein Job Spaß?“

„Er ist sicher.“

Ihm fiel auf, dass sie der Frage ausgewichen war. Seltsam. Warum hatte sie einen sicheren Job gewählt, und keinen, der ihr gefiel?

Als Buchhalterin saß sie wahrscheinlich die meiste Zeit am Schreibtisch. Sie sah nicht wie jemand aus, der ins Fitnessstudio ging oder jeden Morgen joggte. Wahrscheinlich konnte sie eine Pause gebrauchen.

„Was hältst du davon, wenn wir irgendwo eine Kleinigkeit essen?“, schlug er vor.

Er ging mit ihr in eine winzig kleine Osteria mit exzellenter Küche und besorgte ihnen einen Tisch in dem kleinen Hof, wo üppige Weinranken die Gäste vor der Mittagssonne schützten.

„Fantastisch“, sagte Ella. „Ich kann nicht glauben, dass Rom so grün ist.“

„Was hattest du denn erwartet?“

„Keine Ahnung.“ Sie zuckte die Schultern. „So etwas wie London, nehme ich an. Mit einem Haufen Ruinen am Stadtrand, nicht mittendrin. Es ist faszinierend. Die Brunnen und die Architektur, die Ruinen und die Vegetation … Es ist, als wäre die ganze Geschichte an einem Ort vereint, und trotzdem wirkt nichts fehl am Platz.“

Das war ihm noch nie aufgefallen, aber er fand, dass sie recht hatte. Rom war faszinierend. Wie hatte er so abgestumpft für die Schönheit der Stadt werden können?

„Und dann die Glyzinien am Forum Romanum.“

Er wusste, dass ihr auch der Flieder vor der Villa Borghese gefallen würde. Doch für heute war der Park zu weit weg. Eine verrückte Idee entstand in seinem Kopf. Je mehr er versuchte, sie zu ignorieren, desto hartnäckiger setzte sie sich fest. Vielleicht konnte er die Stadtführung noch etwas ausdehnen. Ella hatte für morgen keinen Ausflug gebucht, und er wusste, dass sie drei Nächte in Rom blieb. Er hatte seit Monaten keinen Tag freigehabt, und es gab für den Rest der Woche keine dringenden Termine, die seine Sekretärin nicht verschieben konnte.

„Im Prospekt stand gar nichts von einem Mittagessen“, wunderte sich Ella und wirkte leicht besorgt. „Ich nehme an, das ist extra? Ich zahle natürlich für uns beide.“

Aus ihr sprach die Buchhalterin, nahm er an. Offenbar wusste sie, dass Fremdenführer nicht gerade viel verdienten, und es war nett von ihr, dass sie anbot, für sein Mittagessen zu bezahlen. Aber unerwartet. Er war es gewohnt zu zahlen, und ihr Angebot brachte ihn etwas aus dem Konzept. Hinzu kam, dass Rico eigentlich gar kein Fremdenführer war. Er verdiente mehr als genug. Ihr Angebot war freundlich, aber auf keinen Fall würde er sie für das Mittagessen bezahlen lassen. Das war nun wirklich nicht sein Stil. Er setzte sein charmantestes Lächeln auf, um jeden Widerspruch im Keim zu ersticken. „Auf keinen Fall. Das gehört alles zur Stadtführung dazu.“ Das war eine glatte Lüge, aber vielleicht sollte er dieses Modell für zukünftige Touren in Betracht ziehen.

Das Problem war, dass er selten Bargeld bei sich trug. Wenn er seine Kreditkarte herausholte, würde er auffliegen – denn welcher bescheidene Fremdenführer zahlte schon mit einer Platinkreditkarte? Und er genoss es, einmal ein ganz normaler Mensch zu sein, von dem nicht ständig jemand etwas wollte und vor dem nicht alle katzbuckelten. Ella sah ihn als das, was er war, und nicht als das, wofür er stand, und das war erfrischend. Er wollte die Illusion nicht zerstören. Noch nicht.

Er beschloss, den Kellner unauffällig beiseitezunehmen und an der Bar zu bezahlen, damit Ella seine Kreditkarte nicht sah.

„Wenn du meinst, dann vielen Dank. Kannst du etwas empfehlen?“, fragte sie.

„Kommt drauf an, was du magst.“

Oh, das hatte jetzt ganz falsch geklungen. Irgendwie anzüglich. Als wollte er mit ihr flirten. Seine Stimme triefte förmlich vor Sinnlichkeit. Und er musste zugeben, dass er tatsächlich nicht abgeneigt war, mit Ella Chandler zu flirten. Und nicht nur das.

Glücklicherweise schien sie ihre Wirkung auf ihn nicht zu bemerken.

„Gibt es auf der Karte auch ein traditionell römisches Gericht?“, fragte sie.

Flüchtig überflog er die Karte. „Cacio e pepe – das sind eine Art dicke Spaghetti mit Pecorino und schwarzem Pfeffer.“

Sie lächelte. „Klingt lecker. Das nehme ich.“

„Ich auch.“ Außerdem bestellte er für sie beide noch einen Salat. Dann zögerte er. „Möchtest du Wein? Rot oder Weiß?“

„Gern einen trockenen Weißwein.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Tut mir leid, ich bin nicht sehr mondän. Ein Glas reicht mir zum Mittagessen.“

„Mir auch. Das hat mit mondän nichts zu tun. Eher mit gesundem Menschenverstand. Alkohol dehydriert, und heute ist es warm, selbst für römische Verhältnisse“, sagte er. Er wollte, dass sie sich entspannte, und freute sich, als sie dankbar lächelte.

Dann bestellte er zwei Gläser Pino Grigio und eine Karaffe Wasser. Als der Kellner mit den Getränken kam, brachte er auch einen Korb mit frisch gebackenem Ciabatta. Ella griff zur gleichen Zeit wie Rico nach dem Brot, und ihre Finger berührten sich. Er fühlte sich wie elektrisiert.

Noch nie hatte er auf eine Frau so reagiert.

Aber Ella Chandler hatte irgendetwas an sich, und er musste sich wirklich zusammenreißen, nicht ihre Hand zu nehmen, sie an seine Lippen zu führen und jeden einzelnen Fingerknöchel zu küssen. Vor allem, weil sie völlig unbeeindruckt von ihrem kurzen Körperkontakt wirkte. Auf keinen Fall wollte er sich blamieren.

„Wow. Das ist köstlich“, sagte sie, nachdem sie den ersten Bissen Brot gegessen hatte.

Himmel, ihr Mund war wunderschön. Erneut musste er sich beherrschen, sich nicht vorzubeugen und sie zu küssen.

Und es war nicht nur sexuelle Anziehung. Es war mehr. Zeit mit jemandem zu verbringen, der die einfachen Dinge des Lebens so genoss … Es ist lange her, dass ich das getan habe, dachte Rico. Seine letzten Freundinnen interessierten sich mehr für den Luxus, den er ihnen bieten konnte. Eintrittskarten zu exklusiven Events, den teuersten Champagner, Designerschmuck. Ella war anders. Er wusste nicht, wie sie tickte – oder was ihn an ihr so faszinierte. Doch es durfte nicht sein.

„Machst du diesen Job schon lange?“, unterbrach sie seine Gedanken.

„Eine Weile“, erwiderte er. Kam drauf an, wie man seinen „Job“ definierte. Er leitete die Hotelkette jetzt seit drei Jahren, aber er hatte schon mit vierzehn während der Schulferien in der Firma gearbeitet und so ziemlich jeden Job gemacht, den es im Hotel gab – vom Zimmeraufräumen bis hin zum Entwickeln von Geschäftsstrategien. Noch heute schlüpfte er regelmäßig in die verschiedenen Rollen, um über mögliche Probleme auf dem Laufenden zu sein und den Service zu verbessern.

„Hast du Familie hier?“, fragte sie.

„Kann man so sagen“. Wieder kam es darauf an, wie man Familie definierte. Seine Eltern lebten in Rom, aber er hätte weder seine Mutter noch seinen Vater als Familie bezeichnet. Nicht nach dieser Kindheit.

Er sah, dass sie bei seiner ausweichenden Antwort die Stirn runzelte, und fügte hinzu: „Meine Großeltern leben hier.“ Sie hatten ihn vor der kaputten Ehe seiner Eltern gerettet. Sie waren die Einzigen in seinem Leben, die nichts von ihm wollten. Na ja, vielleicht stimmte das nicht ganz. Schließlich hatte sein Großvater ihn zum Nachfolger aufgebaut, weil er wusste, dass sein einziges Kind, Ricos Vater, nicht dazu taugte. Bei Rico war die Firma in guten Händen. Er plante sogar, ins Ausland zu expandieren.

Es gelang Rico, das Gespräch während des Mittagessens unverfänglich zu halten – und ihm gefiel, dass Ella mit Genuss aß, statt in ihrem Essen herumzustochern und Kalorien zu zählen.

Und dann war es Zeit für sein nächstes Ass im Ärmel. Er wählte einen Weg, bei dem sie das Pantheon zuerst von hinten sahen: ein gedrungenes, moosbewachsenes Gebäude. Er sah Ella an, dass sie es ein wenig schäbig fand und mit einer Enttäuschung rechnete.

Bis sie auf den Platz kamen und die Vorderseite sahen, das riesige Dreieck mit der Inschrift, die Agrippa gedachte, und die enormen Säulen.

„Oh mein Gott – genauso habe ich mir einen echten römischen Tempel vorgestellt. Und diese Türen sind ja riesig“, schwärmte sie mit großen Augen.

„Angeblich sind es noch die ursprünglichen Portale, obwohl sie so oft restauriert wurden, dass nicht mehr viel von dem ursprünglichen Material übrig sein kann.“

Im Pantheon selbst wirkte Ella überwältigt, als sie zur Kuppel und auf die riesengroße Öffnung in deren Mitte hinaufblickte, der einzigen Lichtquelle des Bauwerks. „Beeindruckend. Ich kann nicht glauben, dass dieses Gebäude fast zweitausend Jahre alt ist und sie diese riesige Kuppel ganz ohne die Ausrüstung heutiger Baufirmen errichtet haben. Wie haben sie das nur geschafft?“

Wieder lag dieser staunende Ausdruck auf ihrem Gesicht. Obwohl Rico unzählige Male hier gewesen war, oft genug, um fast immun gegen seine Schönheit zu sein, sah er das Pantheon durch sie mit neuen Augen.

Als sie die Spanische Treppe erreichten und die weißen Marmorstufen zu der Balustrade und dem Obelisken zwischen den Kirchtürmen hinaufblickten, wirkte Ella jedoch enttäuscht.

„Warte, bis in ein paar Wochen die Azaleen blühen“, sagte er.

Sie rümpfte die Nase. „Tut mir leid. Ich habe mir die Spanische Treppe nur ein bisschen … na ja … anders vorgestellt.“ Sie verstummte und verzog das Gesicht.

„Es ist nur eine Treppe“, erwiderte er sanft. „Komm mit. Der Trevi-Brunnen wird dir gefallen. Der wird seinem Ruf mehr als gerecht.“

Sie hörten das Wasser rauschen, noch bevor sie auf dem Platz angelangt waren, und nachdem es ihnen gelungen war, sich durch die Menschenmenge zu drängen, sah er in ihrem Gesicht, dass der Brunnen ihre Erwartungen erfüllte. „Wow. Der ist ja riesig“, sagte sie. „Ich kann nicht glauben, wie weiß er ist, und das Wasser wirkt so klar und blau. Und sieh nur, wie perfekt die Skulpturen gemeißelt wurden.“ Ihre Augen leuchteten. „Die Pferde – ihre Mähnen sehen aus, als wären sie echt und nicht aus Stein, und sie werden vom Wind aufgebauscht, und das Wasser klingt wie das Donnern ihrer Hufe.“

Normalerweise war der Trevi-Brunnen für Rico nichts weiter als eine Touristenfalle, doch in diesem Moment sah er, was sie sah.

Die Stufen, die zum Brunnen hinunterführten, waren voller Touristen. Es gelang Rico, Ella bis ganz nach vorn zu dirigieren, wo sie sich auf den Rand des Brunnens setzte und er sie dabei fotografierte, wie sie eine Münze über die rechte Schulter warf – ein Versprechen, dass sie nach Rom zurückkehren würde.

„Müssen es drei Münzen sein?“, fragte sie.

Er lächelte. „Nein. Wenn du an den Film denkst, da geht es um drei verschiedene Leute, die eine Münze hineinwerfen.“

„Ich dachte, ich hätte irgendwo gelesen, dass …“ Sie winkte ab. „Ach, schon gut.“

Er wusste genau, was sie meinte – er kannte die Legende. Wirft man eine Münze, wird man nach Rom zurückkehren. Wirft man zwei, wird man sich verlieben. Wirft man drei, wird man heiraten. War es das, worauf sie hoffte? Zu heiraten oder sich zu verlieben?

Aber das ging ihn ja nichts an. Er selbst jedenfalls wollte weder das eine noch das andere. Niemals würde er die Fehler seiner Eltern wiederholen. Er hielt seine Beziehungen kurz und schmerzlos und machte sprichwörtlich Schluss, wenn es am schönsten war.

„Der Brunnen wurde am Ende von Agrippas Aqua Virgo erbaut. Angeblich ist es das süßeste Wasser Roms, auch wenn ich davon abraten würde, es zu trinken“, fügte er schnell hinzu, „und es ist verboten, darin herumzuplanschen.“

„Wie in La Dolce Vita?“ Sie lächelte. „Meine beste Freundin ist Lehrerin und Cineastin. Sie hat mir von der Filmszene erzählt.“

Er konnte sich genau vorstellen, wie Ella in dem Brunnen stand und wie Anita Ekberg das Wasser auf sich niederprasseln ließ. Sodass ihr das T-Shirt am Körper klebte wie eine zweite Haut. Und ihm würde später das Vergnügen zuteil, ihr das Kleidungsstück abzustreifen. Im Moment könnte ich selbst ein bisschen kaltes Wasser gebrauchen, dachte er trocken. In Ella Chandlers Gegenwart wurde ihm ganz schön heiß.

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