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Mondmädchen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Rechtlicher Hinweis
  6. Widmung
  7. Handelnde Personen
    1. Ägypten
      1. Die königliche Familie
      2. In Alexandria
      3. Götter
    2. Rom
      1. Caesars Familie
      2. Weitere Römer
  8. An Bord eines römischen Schiffes auf dem Weg nach Afrika
  9. Teil I: Ägypten
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
    12. Kapitel 12
    13. Kapitel 13
    14. Kapitel 14
    15. Kapitel 15
  10. Teil II: Rom
    1. Kapitel 16
    2. Kapitel 17
    3. Kapitel 18
    4. Kapitel 19
    5. Kapitel 20
    6. Kapitel 21
    7. Kapitel 22
    8. Kapitel 23
    9. Kapitel 24
    10. Kapitel 25
    11. Kapitel 26
    12. Kapitel 27
    13. Kapitel 28
    14. Kapitel 29
    15. Kapitel 30
  11. Teil III: Rom
    1. Kapitel 31
    2. Kapitel 32
    3. Kapitel 33
    4. Kapitel 34
    5. Kapitel 35
    6. Kapitel 36
    7. Kapitel 37
    8. Kapitel 38
    9. Kapitel 39
    10. Kapitel 40
    11. Kapitel 41
    12. Kapitel 42
    13. Kapitel 43
    14. Kapitel 44
    15. Kapitel 45
    16. Kapitel 46
    17. Kapitel 47
    18. Kapitel 48
  12. Anmerkung der Autorin
  13. Die wahre Geschichte hinter der Geschichte
    1. Die historischen Fakten
    2. Über Kleopatra VII., Selenes Mutter
    3. Octavian und Marcus Antonius
    4. Juba
    5. Julia, Agrippa und Tiberius
  14. Danksagung

Über die Autorin

Vicky Alvear Shecter ist von der Welt der Antike fasziniert, seit sie sich im Alter von zehn Jahren beim Anblick von Fotografien klassischer Skulpturen wie dem Speerwerfer oder der Venus von Milo gefragt hat, welche Kulturen solch zeitlose Schönheit hervorgebracht haben. Mit dieser Frage beschäftigt sie sich bis heute. Vicky Alvear Shecter lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Atlanta. Mondmädchen ist der erste Roman der Autorin.

Vicky Alvear Shecter

MOND
MÄDCHEN

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Kattrin Stier

Dieser Roman ist eine Fiktion und geht frei mit den geschichtlichen Begebenheiten um. Im Anhang lassen sich die historischen Fakten nachlesen.

Für Bruce, Matthew und Aliya

~  HANDELNDE PERSONEN  ~

  Ägypten  

Die königliche Familie

Kleopatra VIII. Selene – die einzige Tochter von Kleopatra VII. und Marcus Antonius; Zwillingsschwester von Alexandros Helios

Kleopatra VII. – die letzte Königin von Ägypten. Bestieg mit 17 Jahren den Thron, verbündete sich im alexandrinischen Krieg mit Julius Caesar, nachdem ihre Geschwister versucht hatten, ihr den Thron streitig zu machen; heiratete später den römischen Feldherrn Marcus Antonius.

Marcus Antonius – römischer Feldherr und Politiker. War zunächst mit Octavia verheiratet, von der er sich scheiden ließ. Mit Kleopatra bekam er drei Kinder: Kleopatra Selene, Alexandros Helios und Ptolemaios Philadelphos. Mit Octavia hatte er zwei Töchter: Antonia die Ältere und Antonia die Jüngere.

Caesarion (Ptolemaios XV. Caesar) – Sohn von Kleopatra und Julius Caesar

Alexandros Helios – Zwillingsbruder von Kleopatra Selene

Ptolemaios XVI. Philadelphos (Ptoli) – der jüngste Sohn von Kleopatra und Marcus Antonius

In Alexandria

Zosima* – Amme von Kleopatra Selene

Nafre* – Amme von Ptoli

Iotape – Tochter des Mederkönigs Artavasdes II., die als Kind nach Ägypten gebracht wurde, um mit Alexandros verlobt zu werden.

Katep* – Kleopatra Selenes königlicher Eunuch und Leibwächter

Euphronius – Hauslehrer der königlichen Kinder

Charmion – Hofdame, Gesellschafterin und Dienerin von Königin Kleopatra

Iras – eine weitere Hofdame und Dienerin der Königin Kleopatra

Euginia* – Kleopatra Selenes Freundin

Olympus – ein griechischer Iatros oder Heiler

Cornelius Dolabella – ein römischer Soldat, der während der Besetzung Alexandrias durch Octavian damit beauftragt war, Königin Kleopatra zu bewachen.

Yoseph ben Zakkai* – ein Rabbi in Alexandria

Amunet* – Priesterin der Isis in Pharos

Ma’ani-Djehuti* – Priester des Serapis

Sebi, Tanafriti, Hekate* – Katzen des königlichen Haushaltes

Götter

Isis – die große Gottheit, Kleopatras Schutzgöttin

Osiris – Herrscher der Toten

Anubis – der Gott der Totenriten, der Mumifizierung und des Lebens nach dem Tode; hat den Kopf eines Schakals

Horus – der falkenköpfige Sonnengott, ebenso Gott des Krieges und des Schutzes

Amut der Zerstörer – ein schrecklicher Dämon mit dem Kopf eines Krokodils, dem Leib eines Löwen und den Beinen eines Nilpferds. Er verschlingt die Herzen derjenigen, die nicht nach den Gesetzen der Ma’at gelebt haben, und hindert sie somit am Übertritt ins Jenseits.

Bastet – die katzenköpfige Schutzgöttin von Frauen, Kindern und Hauskatzen

  Rom  

Caesars Familie

Octavian – Großneffe von Julius Caesar, der ihn als seinen Nachfolger adoptiert hatte. Später genannt Augustus, der erste römische Kaiser. Vater von Julia.

Livia Drusilla – dritte Frau von Octavian, Mutter von Tiberius und Drusus, die von ihrem ersten Ehemann stammten.

Julia – Tochter von Octavian mit seiner zweiten Ehefrau Scribonia

Octavia – Octavians Schwester. Zuerst verheiratet mit Claudius Marcellus, dann aus politischen Gründen mit Marcus Antonius, der sich von ihr scheiden ließ und danach mit Kleopatra VII. verbunden war. Mutter von Marcellus, Marcella der Älteren und Marcella der Jüngeren (zusammen mit ihrem ersten Ehemann) und von Antonia der Älteren und Antonia der Jüngeren (zusammen mit Marcus Antonius).

Marcellus – Sohn von Octavia und ihrem ersten Ehemann

Tiberius – Livias älterer Sohn aus erster Ehe

Drusus – Livias jüngerer Sohn aus erster Ehe

Marcella die Ältere und Marcella die Jüngere – Töchter von Octavia und ihrem ersten Ehemann

Antonia die Ältere und Antonia die Jüngere – Töchter von Octavia und Marcus Antonius

Weitere Römer

Juba II. – geboren als Prinz des afrikanischen Königreichs Numidien. Als Kind gefangen genommen durch Julius Caesar und im Haushalt von Octavia in Rom aufgewachsen.

Marcus Agrippa – ein Freund und Feldherr von Octavian

Ben Harabim* – ein junger Jude in Rom

Placus Munius Corbulo der Ältere* – ein römischer Staatsmann, dem der Ruf vorauseilte, dass seine Ehen oft auf verdächtige Weise endeten.

Cornelius Gallus – von Octavian eingesetzter erster Statthalter von Ägypten

Isetnofret* – Priesterin der Isis in Capua

AN BORD EINES RÖMISCHEN SCHIFFES
~  AUF DEM WEG NACH AFRIKA  ~

In dem Jahr, welches das 26. Jahr
der Regentschaft meiner Mutter gewesen wäre
In meinem 16. Jahr
25 v.d.Z.

»Schafft diesen Leichnam hier auf der Stelle weg, oder es gibt eine Meuterei auf dem Schiff!«, brüllte der Kapitän auf der anderen Seite der Tür.

Ein Griffel auf dem Boden rollte bei den Bewegungen des Schiffes hin und her. Die Flamme der bronzenen Hängelampe flackerte. Doch ich gab keine Antwort.

»Kleiner Mond, Mondmädchen«, flüsterte meine alte Amme Zosima. »Bitte, du musst etwas sagen.«

Seit Langem hatte mich keiner mehr Mondmädchen genannt. Der Kosename ließ eine Welle von Kummer und Trauer in mir aufsteigen, aber ich schluckte sie hinunter. Ich musste die Kontrolle bewahren.

»Sprich mit ihm durch die Tür hindurch«, sagte ich. »Aber mach ihm nicht auf.«

Der Kapitän musste unser Flüstern gehört haben. »Hört ihr mich?«, rief er. »Je länger ihr euch in der Kabine mit dem Leichnam versteckt haltet, desto überzeugter werden meine Männer davon sein, dass ihr den dunklen Künsten huldigt. Dass du eine Hexe bist wie deine Mutter. Begreifst du die Gefahr?«

»Sag ihm, dass wir bei Sonnenaufgang seinem Wunsch Folge leisten werden«, sagte ich zu Zosima. »Keinen Augenblick früher.«

Der Kapitän unterbrach sie mit einem Wutausbruch. »Wenn wir nicht sofort handeln, habe ich hier eine ausgewachsene Revolte! Selbst die Sklaven weigern sich, auf ihren Posten zu bleiben!«

Ich stand auf. »Sag deinen Leuten«, rief ich in dem Ton, mit dem Mutter große Menschenmengen angesprochen hatte, »dass in Ägypten der Geist eines Körpers, der nicht alle Totenriten erhalten hat, dazu verdammt ist, am Ort seines Todes herumzuspuken und Elend und Verderben mit sich zu bringen. Um ihrer eigenen Sicherheit willen, müssen sie es mich zu Ende bringen lassen.«

Keine Reaktion. Die meisten Römer waren abergläubisch, aber römische Seeleute waren die schlimmsten von allen. Darauf setzte ich meine Hoffnungen.

»Aber es dauert noch eine ganz Stunde bis zum Sonnenaufgang!«, jammerte der Kapitän.

Trotz meiner Bemühungen konnte ich meinen Ärger nicht verbergen. »Aber du wirst doch deine Männer wenigstens eine Stunde in Schach halten können, Kapitän?«

Schweigen. War ich zu weit gegangen?

»Schwörst du, die Riten beim ersten Licht der Sonne zu vollführen und die Sache zu beenden?«, fragte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Kann ich meinen Männern das versprechen?«

»Du hast mein Wort«, sagte ich.

Kurze Pause. Dann das Geräusch wütend davonstampfender Schritte. Ich atmete aus.

Ich wandte mich zu Alexandros um. Ich stellte mir vor, dass alles nur ein großes Versehen war. Mein Zwillingsbruder, die Sonne zu meinem Mond, schlief doch nur. Wir hatten uns immer darüber lustig gemacht, dass er so fest schlief wie ein Toter.

Aber ich konnte mir nicht mehr länger vormachen, dass die graue Farbe seiner Haut, die eingesunkenen Augenhöhlen nur der Beleuchtung geschuldet waren. Mein Bruder hatte das Gift getrunken, das für mich bestimmt gewesen war. Und damit war nun auch der letzte Rest meiner Familie ausgelöscht.

»Ich brauche mehr Stoffstreifen«, sagte ich zu Zosima. »Bring mir das weichste Leinen, das du auftreiben kannst, für seinen Kopf. Er muss bequem liegen.«

Zosima reichte mir ein weiches, abgetragenes Unterkleid. Das musste genügen. Ich zerteilte den Stoff mit meinem Dolch – der einst unserer Mutter gehört hatte – und nahm dann die Stücke zwischen die Zähne und zerriss den Rest mit den Händen.

»Bitte. Lass mich … lass mich den Stoff zerreißen«, sagte Zosima. »Das solltest du nicht tun.«

Den Stoff noch immer zwischen den Zähnen schüttelte ich den Kopf und fühlte mich dabei wie eine Löwin, die einem kleinen Tier das Genick bricht. Nein, ich war die Einzige, die es tun konnte.

Auf einem römischen Schiff gab es keine Priester des Anubis. Ich konnte den Körper meines Bruders nicht auf die althergebrachte Weise einbalsamieren, aber ich hoffte inständig, dass die Götter ein Einsehen haben und ihn schützen würden, wenn ich ihn nur gut genug bandagierte und seinen Körper dem Osiris und Poseidon zum Opfer darbrachte. Nur dann konnte sein Ka, seine Seele, im Jenseits mit ihm vereint werden und ich würde ihn wiedersehen.

Ich umfing Alexandros’ Kopf von hinten mit einer Hand und wand die Leinenstreifen mit der anderen darum herum. Als ich zu seinen Augen kam, begann ich wieder zu weinen. Aber ich hörte nicht auf zu arbeiten. Ich küsste ihn auf die Stirn, bevor sie unter den Bandagen verschwand.

Gedämpfte Streitlaute ertönten über uns. Würden die Männer trotzdem revoltieren? Ich blickte auf und sah, dass Zosima mich beobachtete. »Wo ist Bucephalus?«, fragte ich.

Sie sah mich verständnislos an.

»Sein kleines Pferd aus Onyx, das er aus Alexandria mitgenommen hat. Bitte. Ich will nicht, dass er alleine ist.«

Sie kramte in seinen Sachen herum und brachte es mir. Ein Überbleibsel aus Ägypten, ein Geschenk von unserem Vater. Ich legte es auf das Leinen zwischen seine verschränkten Arme. »Damit du Gesellschaft hast«, flüsterte ich.

Dann griff ich mir an die Brust und riss mir das kleine Amulett mit dem Isisknoten vom Hals, das früher unsere Mutter getragen hatte. Ich legte es auf Höhe des Herzens auf seine Brust. »Möge dein Herz leicht sein gegen die Feder der Wahrheit«, betete ich.

Ich bedeckte das Amulett und das Pferd mit einer letzten Schicht von Leinenstreifen.

Der Kapitän befahl mehreren Ruderern, den Leichnam an Deck zu bringen. Nur zwei erklärten sich bereit zu helfen. Der Rest der Mannschaft sah uns zu, einige murrten, andere legten zwei Finger ihrer rechten Hand über ihr Herz als Zeichen des Schutzes gegen das Böse. Ich hob das Kinn, als wir an ihnen vorbeigingen.

Im grauen Licht der Dämmerung vor Sonnenaufgang brachten die Männer den Leichnam meines Bruders auf die westliche Seite des Bootes, denn im Westen herrschte Osiris, der Gott der Toten. Ich stand neben dem bandagierten Leichnam meines toten Zwillingsbruders. Sie warteten auf mein Zeichen. Aber ich vermochte nicht, es zu geben.

»Werft sie auch mit über Bord!«, rief jemand hinter mir.

Die Mannschaft stimmte ein. »Sie führt den Tod mit sich, genau wie ihre Mutter!«

»Sie bringt Unglück – seht nur, was mit Antonius geschehen ist!«

Ich richtete mich auf und spürte, wie Zosima näher zu mir trat.

»Ruhe! Seid alle still! Bringen wir es hinter uns«, schrie der Kapitän.

Ich schloss die Augen, um zu beten. Aber ich kannte die althergebrachten Gebete für die Toten nicht. »Vergib mir, dass ich die heiligen Worte nicht kenne, oh Anubis, schakalköpfiger Gott der Totenriten«, hob ich an. »Im Namen von Osiris, bitte schütze diesen Sohn Ägyptens, damit sein Ka im glücklichen Aaru mit allen, die er geliebt hat und die ihn geliebt haben, leben kann. Bewahre sein Herz, sodass er deine Prüfung gegen die Feder der Wahrheit bestehen kann.«

Ich hörte ein Raunen hinter mir und spürte die ersten warmen Sonnenstrahlen auf meinem Rücken. Ich schlug die Augen auf. Es war an der Zeit. Aber wieder konnte ich den Befehl nicht erteilen. Mir schnürte sich die Kehle zusammen, bis sich nur noch ein Hauch von Atem mühsam hindurchkämpfen konnte.

Gemurmel hinter mir. »Worauf wartet die Hexe noch? Die Sonne geht auf!«

Mögen sich unsere Kas im Jenseits vereinen, Bruder

Ich holte tief Luft und nickte. Die Männer ließen Alexandros los. Ich sah zu, wie der bandagierte Leichnam meines Bruders in einem langsamen weißen Wirbel im kalten Wasser des Mittelmeers verschwand.

Am liebsten wäre ich hinterhergesprungen.

»Jetzt ist es vollbracht«, rief der Kapitän. »Alle Mann auf ihre Posten. Wir müssen diese Reise so schnell wie möglich hinter uns bringen.«

Ich starrte aufs Meer hinaus, versuchte zu atmen, versuchte zu begreifen, wie ich hierher geraten war. Eine Tochter ohne Mutter und nun eine Schwester ohne Bruder. Wie war es dazu gekommen, dass ich nicht mehr eine ägyptische Prinzessin war – die Tochter der mächtigsten Königin der Welt –, sondern eine römische Gefangene und nun die Braut eines unbedeutenden Herrschers irgendwo im afrikanischen Busch?

Ich schloss die Augen und erinnerte mich an den sanften Atem meiner Mutter an meinem Ohr, während sie mir zuflüsterte: »Du hast das Herz einer großen und mächtigen Königin.« Das waren die letzten Worte gewesen, die sie an mich gerichtet hatte, und ich hatte mich mein ganzes Leben lang bemüht, sie wahr werden zu lassen. Aber ich war gescheitert. Ich hatte alles verloren, ich hatte jeden einzelnen Menschen verloren, den ich jemals geliebt hatte.

Warum? Warum habt ihr mich verflucht?, fragte ich die Götter. Warum habt ihr meine Familie verflucht?

Aber ich bekam keine Antwort. Ich hörte nur das Knarren der Seile, das Flattern der Segel, das Klatschen des Wassers gegen den Schiffsrumpf.

TEIL I: ÄGYPTEN

~  Kapitel 1  ~

Im 17. Jahr der Regentschaft meiner Mutter
In meinem 7. Jahr
34 v.d.Z.

Was hatte die Götter bewogen, über meine Familie herzufallen wie ausgehungerte Löwen in einer römischen Arena?

Ich vermute, es hat alles in meinem siebten Jahr angefangen, an einem Tag, den ich zunächst für einen der glücklichsten meines Lebens gehalten hatte. Es war ein strahlender, sonnendurchfluteter Sommermorgen in Alexandria. Vor dem königlichen Palast saßen meine Mutter, meine Brüder und ich auf unseren Thronsesseln, während hinter uns das Mittelmeer glitzerte und vor uns Reihen von Dattelpalmen sanft im Wind schwangen. Wir warteten auf meinen Vater, den großen römischen Feldherrn Marcus Antonius, der sich nach seiner Parade durch die Stadt zu uns auf unsere prunkvolle Tribüne gesellen sollte. Die Feierlichkeiten fanden zu Ehren seines Sieges über Armenien, seines Feindes im Osten, statt. Und wir – seine Familie und ganz Alexandria – würden uns mit ihm freuen.

Selbst unter dem Schatten unseres königlichen Baldachins lief mir der Schweiß den Nacken und den Rücken hinunter. Die Fächer aus Straußenfedern, mit welchen die Diener uns Luft zufächelten, verschafften nur wenig Linderung. Von Zeit zu Zeit kam ein heftiger Windstoß vom königlichen Hafen herüber und kühlte uns mit herber, salziger Meeresluft.

Trotz dieser Unbequemlichkeit und obwohl mich der Boden aus gehämmertem Silber zu unseren Füßen blendete, zwang ich mich, ganz still zu sitzen, so wie Mutter es uns befohlen hatte, die Augen fest auf einen Punkt knapp über dem Horizont gerichtet. Zosima, die mit großer Sorgfalt mein Gesicht geschminkt hatte, hatte mir untersagt, in dem hellen Licht zu blinzeln. Auf keinen Fall durfte ich den dicken Kajalstrich um meine Augen und Augenbrauen verschmieren, und unter keinen Umständen durfte ich die grüne Malachitfarbe auf meinen Augenlidern zum Abblättern bringen. Ich durfte noch nicht einmal meinen Kopf bewegen. Ich würde alle Regeln bis ins Kleinste befolgen, nahm ich mir vor. Mutter sollte stolz auf mich sein.

Aber Aufregung und Neugier ließen mein Blut rauschen, während ich darum kämpfte, still sitzen zu bleiben, und ich wagte, so oft es ging, kleine Seitenblicke. Besonders begeisterte mich der Anblick meiner Mutter, Königin Kleopatra VII. Sie saß auf einem goldenen Thron und sah so ehrfurchtgebietend aus wie eine der riesigen Marmorstatuen, welche die Gräber unserer Ahnen bewachten. In dem Gewirr schwarzer Zöpfe auf ihrer Festtagsperücke glitzerten Diamanten. Sie trug ein Diadem mit drei sich aufbäumenden Schlangen und über ihrem goldenen, eng geschnittenen Faltengewand einen breiten, goldenen Halsschmuck, auf dem Lapislazuli, Karneole und Smaragde glänzten. In der einen Hand hielt sie ein goldenes Schleifenkreuz, als Zeichen des Lebens, während die andere den gestreiften Krummstab und den Wedel umklammert hielt, die Zeichen ihrer göttlichen Regentschaft. Ihre unbewegliche Haltung strahlte Kraft aus, wie eine Löwin, die vor dem Sprung innehält. Vor lauter Ehrfurcht verschlug es mir den Atem.

Ich setzte mich noch aufrechter hin und versuchte, es ihr gleichzutun, mit vor Stolz geschwellter Brust, weil mir klar wurde, dass nur Mutter und ich wie wahre Herrscherinnen von Ägypten gekleidet waren – sie als die Göttin Isis und ich als die Mondgöttin Nephthys. Schließlich war ich ja auch nach dem Mond benannt. Mein Bruder hieß Alexandros Helios nach der Sonne und ich war Kleopatra Selene, wie der Mond. Ich trug ein fließendes Gewand, das mich an das flüssige Metall erinnerte, das die Wissenschaftler unserer großen Bibliothek »lebendiges Silber« nannten – Quecksilber. Ein silbernes Diadem mit einem Mond saß auf den dicken Zöpfen meiner Festtagsperücke. Selbst meine Sandalen glänzten silbern.

Ich hatte meine geliebte Heimatstadt noch nie so bevölkert gesehen. Zehntausende Alexandriner und Ägypter drängten sich auf den breiten Prachtstraßen und in den Gassen, um einen Blick auf uns oder unseren Vater bei seinem Triumphzug zu erhaschen. Die reichsten Familien griechischer Abstammung saßen auf erhöhten Bänken auf dem Platz vor uns, während Kaufleute, Händler und die Armen sich auf den Straßen tummelten, wo sie sich im Gedränge einen Stehplatz erkämpfen mussten. Manche kletterten sogar auf Bäume oder auf die Schultern der Statuen meiner Vorfahren und kraxelten auf Mauern und Dächer, um uns besser sehen zu können.

Das Geschrei der Menge, als mein Vater in seinem Streitwagen erschien, klang wie die Wellen, die gegen die Felsen auf der Insel Pharos brandeten, wo unser großer Leuchtturm stand. Als Tata zu uns auf die Tribüne stieg – mit goldglänzender Rüstung, das Gesicht schweißnass, aber freudestrahlend – sah er aus wie ein Gott. Der Gott des Krieges!

In seiner tiefen Bassstimme hob Vater an: »Ich stehe vor euch als Herrscher über die größte aller Zivilisationen, deren Größe noch verstärkt wird durch die Treue und Gefolgschaft ihrer Verbündeten. Heute erinnern wir die Welt daran, dass es weit, weit klüger ist, Rom zum Freund zu haben und nicht zum Feind.«

Das Volk jubelte seine Zustimmung.

»König Artavasdes von Armenien war so töricht, die Stärke Roms infrage zu stellen«, fuhr er fort, während die Menge angesichts der Dummheit des Königs aufstöhnte. »Aus Habgier und Machtstreben hat er versucht, sich mit Feinden Roms und Ägyptens zu verbünden. Er hat geglaubt, er könnte unsere Waffen nehmen und uns schwächen. Aber das konnte er nicht, denn Rom und Ägypten sind von den Göttern gesegnet. Unser Sieg ist der Beweis für die Gunst der Unsterblichen, in der wir stehen …«

Nach einer Weile vermochte ich Tatas Rede nicht mehr zu folgen und fing stattdessen an, die goldenen Perlen auf dem Halsschmuck des Fächer-Sklaven zu zählen. Ich war bereits bei siebenundvierzig angekommen (nachdem ich mehrfach von vorne hatte anfangen müssen), als Vaters Stimme meine Träumereien unterbrach.

»Es ist Zeit«, verkündete er, »meine Kriegsgüter zu verteilen, um Ägypten für seine unerschütterliche Treue zu belohnen.«

Die Menge trampelte und johlte und ich horchte auf. Tata wollte nun seine Gaben an uns, seine Familie, verteilen. An mich! Mir schwirrte der Kopf vor Möglichkeiten. Würde ich eine neue Krone aus seinem Beuteschatz erhalten? Eine goldene Kutsche? Oder vielleicht ein exotisches Tier, vielleicht sogar eines, das Feuer speien konnte?

Tata wandte sich an meinen zweijährigen Bruder Ptolemaios Philadelphos, der neben mir saß. Ptoli sah genau so aus wie unser Tata, mit seinem Kopf voller glänzender dunkler Locken, den verschmitzten braunen Augen und dem gedrungenen Körper eines Stieres. Die Menge war hingerissen gewesen bei seinem Anblick, wie er in seiner winzigen Militäruniform und Stiefeln dahergetippelt kam.

»Meinem jüngsten Sohn, Ptolemaios XVI. Philadelphos«, rief Vater mit lauter Stimme, während die Menge erwartungsvoll schwieg, »übertrage ich die Länder Phönizien, Syrien und Kilikien.«

Die Leute brüllten, und vor Staunen musste ich tief Luft holen. Vater schenkte uns ganze Königreiche? Ich vergaß, meinen Kopf weiter gerade zu halten und wandte mich zu Ptoli. Er machte ein grimmiges Gesicht und strampelte mit seinen strammen Beinchen auf seinem Kleinkinderthron, während um uns herum der Lärm aufbrandete. Besorgt, dass er zu weinen anfangen oder einen Wutanfall bekommen könnte, nahm ich seine kleine Hand in meine und beugte mich an sein Ohr.

»Schau zu Tata«, wies ich ihn an. »Er redet mit dir!«

Ptoli suchte den Blick unseres Vaters. Als Tata ihn anlächelte, lächelte Ptoli zurück und zeigte dabei seine kleinen Milchzähne. Dann wackelte er zum großen Vergnügen der Menge zu Tata hinüber. Einer der Wachen fing ihn ab und führte den kleinen Feldherrn von der Tribüne hinunter.

»Meiner Tochter, Prinzessin Kleopatra VIII. Selene«, rief Vater nun, und ich spürte, wie sich die Aufmerksamkeit von Tausenden auf mich richtete wie eine physische Macht, eine Energie, die mich dazu brachte, mich gerade hinzusetzen und das Kinn zu heben, trotz meines wild klopfenden Herzens, »übertrage ich die Kyrenaika und Kreta, wo sie als Königin regieren wird. Möge sie mit derselben Weisheit regieren wie ihre Namensgeberin.«

Ich war Königin! Königin der Kyrenaika und von Kreta! Während die Menschenmenge tosenden Beifall spendete, erhaschte Tata meinen Blick und zwinkerte mir zu. Wieder vergaß ich das Protokoll, lächelte und neigte den Kopf. Das riss die Menge zu weiteren Begeisterungsstürmen hin, und ich hörte, wie mein Name immer und immer wieder gerufen wurde. Ich staunte über die Macht, die um uns herum pulsierte – Macht, die uns zu Füßen lag und die wir nur zu ergreifen brauchten.

Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte meinen Tata umarmt, alles wäre mir lieber gewesen, als still sitzen zu bleiben wie ein Block aus Marmor. Aber natürlich würde ich Mutter nicht enttäuschen. Ich hielt den Atem an und tat so feierlich und ungerührt wie die Riesenstatuen unserer großen Vorfahren.

Tata wandte seine Aufmerksamkeit meinem Zwillingsbruder Alexandros zu.

»Meinem Sohn, Alexandros Helios, übertrage ich das Königreich Armenien, wo er mit seiner Verlobten, Prinzessin Iotape von Medien regieren wird.« Ich genehmigte mir nicht den kleinsten Seitenblick in Richtung meines Zwillingsbruders, denn der Eindringling saß zwischen uns.

Die schwarzäugige kleine Prinzessin mit den seidigen Haaren war nichts anderes als eine königliche Geisel – eine Garantie, dass ihr Vater, der König, sich an seinen Treueschwur gegenüber Tata halten würde. Aber ich empfand keinerlei Zuneigung für sie. Wie Alexandros sich in Iotapes Gegenwart benahm! Als wäre Hermes selbst vom Berg Olymp herabgestiegen, um sie ihm persönlich zu übergeben. Bis sie hier aufgetaucht war, hatten Alexandros und ich so gelebt, als teilten wir noch immer einen Mutterleib – wir spielten, schliefen, aßen und lachten gemeinsam. Aber jetzt war es Iotape, zu der er beim ersten Sonnenstrahl ging und mit der er bis zur Abenddämmerung spielte, wenn Ras Sonnenboot in die Dunklen Gefilde hinabfuhr. Ich würde ihr nie verzeihen, dass sie ihn mir weggenommen hatte.

Dennoch brach das Volk bei der Verkündung in Jubel aus. Sie feierten die Rückkehr eines starken und lebendigen Ägyptens. Armenien und die Kyrenaika waren Teil unseres Reiches gewesen, als unser mazedonisch-griechischer Vorfahr Alexander der Große und der Begründer unserer Dynastie, sein Heerführer Ptolemaios der Erste, vor fast dreihundert Jahren Ägypten erobert hatten. Seither hatten wir Griechen die Herrschaft inne. Und jetzt waren wir dank Tata stärker, als wir es seit Jahrhunderten gewesen waren.

»Zusätzlich«, ertönte Tatas laute Stimme, »übertrage ich Alexandros Helios und seiner Verlobten die Regentschaft über das gesamte Land Parthien!«

Ich merkte die unterschwellige Verwunderung kaum, die durch die Menge ging, das Flüstern: »Wie kann der Imperator Land verteilen, das er noch gar nicht erobert hat?« Aber schließlich war mein Tata der beste Feldherr der Welt. Natürlich würde er Parthien erobern!

Dann wandte sich Tata meinem älteren Halbbruder, Caesarion zu, dem einzigen Sohn Julius Caesars, dem ersten Ehemann meiner Mutter. Mit seinen dreizehn Jahren war Caesarion schlank und groß gewachsen, und ich fand, er sah phantastisch aus in dem Gewand und mit dem Brustschmuck eines Pharao, zu dem er den blutroten römischen Umhang seines Vaters trug.

»Ptolemaios XV. Philopator Philometor Caesar«, rief Tata. »Ich ernenne dich zum wahren Erben und einzigen Sohn von Gaius Julius Caesar. Und ich ernenne dich hiermit zum König von Ägypten!«

Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass mein Bruder das Kinn hob und mein Herz war von Liebe und Stolz erfüllt. Mein Bruder, der König! Der König von Ägypten!

Doch wieder lief ein besorgtes Murmeln durch die Menge, gefolgt von einem geflüsterten Namen, den ich damals noch nicht kannte. Octavian. Ich blinzelte verwirrt. Warum trug das Volk einen römischen Namen auf den Lippen, während Caesarion zu seinem rechtmäßigen König ernannt wurde? Ich versuchte, das Gemurmel zu verstehen: »Ist nicht Octavian der eigentliche Erbe Caesars?« »Will Antonius ihn herausfordern?« Der eine oder andere in der Menge machte sogar das Zeichen zum Schutz vor dem Bösen.

Ich warf einen raschen Blick zu Mutter hinüber. Sie atmete so aus, dass es wie ein Zischen klang. Und obwohl ihr Gesicht den Ausdruck königlicher Ungerührtheit bewahrte, sah ich doch, wie sich ein Hauch von Besorgnis auf dem kleinen Fleck zwischen ihren Augenbrauen festsetzte. Aber vielleicht war das auch nur eine Täuschung des grellen ägyptischen Sonnenlichts, denn als ich erneut hinsah, war Mutters Gesicht wieder genau so majestätisch und vollkommen ungerührt wie zuvor.

Tata schaute zu Mutter und seine Augen lächelten, bevor er sich wieder der Menge zuwandte. »Meiner Gattin, Kleopatra VII. Philopator, Königin von Ägypten und Beherrscherin aller Königreiche, die heute verliehen wurden …« Tosender Beifall, Rufe und Freudenschreie unterbrachen ihn, fast so, als wäre das Volk froh, sich dem zuzuwenden, was es kannte und liebte. Der Jubel wurde immer lauter, bis ich seine Vibrationen in meinem Brustkorb spüren konnte. Mutter rührte sich nicht, während die ganze Stadt einstimmte: »Isis! Isis! Heil, dir, Isis! Isis, unsere Königin!«

Als sich die Welle des Jubels gelegt hatte, hob Tata wieder an: »Heute«, so dröhnte seine Stimme, »ernenne ich meine Gattin zur ›Königin der Könige‹, zur Herrin der zwei Länder, zur Beherrscherin der Reiche unserer Kinder und zu meiner Verbündeten bei der Wahrnehmung der römischen Interessen im Osten. Ich habe eine Vision der Zukunft – eine Vision der Zusammengehörigkeit anstelle von Zerstörung. Gestützt durch die Treue unserer Vasallenkönige und -königinnen, ist Rom durch nichts und niemanden aufzuhalten!«

Er machte eine weit ausholende Bewegung in Richtung des Leuchtturmes. »Und genau wie Pharos in die Nacht hinaus scheint, ist Ägypten wie ein Lichtstrahl in die Zukunft Roms. Eine Zukunft der Gemeinsamkeit. Eine Zukunft von unermesslichem Reichtum. Eine Zukunft, die kein Mensch und kein König zerstören kann!«

Die Freudenrufe steigerten sich zu ohrenbetäubender Lautstärke. Tata strahlte und streckte jubelnd beide Arme in die Luft. Er bedeutete Mutter, sich neben ihn zu stellen. Das helle Licht Ägyptens schien sich irgendwie auf diese beiden zu bündeln – nie waren sie mir gottgleicher erschienen.

Während die Priesterinnen und Priester die Schlussgebete anstimmten, wäre ich am liebsten lachend und jubelnd aufgesprungen. Es war der stolzeste Augenblick, den meine Familie bisher erlebt hatte! Ich sog alles in mich auf – den Jubel der Massen, die weiß gewandeten Priester der Serapis, die über Schalen mit brennendem Räucherwerk ihre Gebete sprachen, die langhaarigen Priesterinnen der Isis, die ihre dünnen Arme gen Himmel hoben, den süßen Duft der Blumen, während unzählige Blütenblätter um uns durch die Luft schwebten wie winzige parfümierte Vögel. Es war alles so schön, fast wie ein Zauber. Der Triumph der Ptolemäer! Der größte Augenblick unseres Lebens.

Aber die Götter sollten uns dieses Glück nicht lange gönnen. Und so begann der langsame, qualvolle Niedergang meiner Familie.

~  Kapitel 2  ~

Beim Festbankett an jenem Abend teilte ich eine Liege mit meinem Zwillingsbruder Alexandros, seiner Verlobten Iotape und meinem kleinen Bruder Ptoli. Wir saßen auf der linken Seite der Liege von Mutter und Tata, eine hohe Ehre, die unseren neuen Titeln Anerkennung zollte. Die Liege meiner Eltern stand natürlich ganz in der Mitte, dem ehrenvollsten Platz des Festmahls.

Wir feierten unter freiem Sternenhimmel auf dem offenen Hof unseres großen Palastes gemeinsam mit der reichsten und vornehmsten Gesellschaft von Alexandria. Seidene Liegesofas schienen jeden Winkel des Hofes zu füllen. Die Luft vibrierte vom Klang des Jubels, von Lachen und weinseligen Trinksprüchen. Zur Musik herumschlendernder Flöten- und Leierspieler tanzten spärlich bekleidete Jünglinge und Mädchen, die durch das labyrinthartige Gewirr von Liegen und niedrigen Tischen hindurchwirbelten und -stolperten. Diener trugen immer weitere Tabletts mit duftendem Braten, gedämpftem Fisch und reifem Käse auf.

Mein Bauch war so voll, die Nacht so warm – ich hatte Mühe, die Augen offen zu halten, und setzte mich von Zeit zu Zeit auf, um wach zu bleiben. Aber ich konnte mich nicht ganz hinsetzen, da Ptoli vom Schlaf übermannt worden war, obwohl er mit aller Kraft dagegen angekämpft hatte. Sein Kopf lehnte an meiner Schulter.

Nafre, Ptolis Amme, beugte sich über ihn, um ihn hochzuheben. »Komm, komm, kleiner Stier«, flüsterte sie ihm zu, aber Ptoli klammerte sich an meinem Arm fest. Nafre lächelte mir entschuldigend zu.

»Ptoli, du musst jetzt mit Nafre gehen«, sagte ich und legte meinen Mund an seine gerötete Wange, sodass er mich hören konnte. Sein lockiges Haar war schweißnass.

»Will bleiben!«, jammerte er und schaffte es kaum, die Augen zu öffnen. »Bei Kle-Kle bleiben.« Ich setzte mich auf, um seine Arme von mir zu lösen, dabei bemerkte ich ein silbernes Armband an seinem kleinen, speckigen Handgelenk. Eine matte Perle saß inmitten eines fein ziselierten Horusauges. Nafre nahm Ptoli aus meinen Armen und ich wandte mich zu Alexandros um.

»Zeig mir dein Handgelenk«, befahl ich. Er streckte den Arm aus, während er mit den Augen den Tänzern folgte, die in der Nähe unserer Liege umhertaumelten. »Nein, das andere.«

Er drehte sich zu mir und ich musterte verwundert seinen Arm. Auch er trug einen Armreif mit einem großen und schweren Horusauge in der Mitte. Der matte Glanz der Perle im Zentrum des Auges verlieh ihm ein beunruhigendes und bedrohliches Aussehen. »Woher hast du das?«, fragte ich nahe an seinem Ohr.

»Von Mutter!« Alexandros schrie fast, damit ich ihn hören konnte. »Sie hat es mir kurz vor dem Festbankett gegeben.« Er wandte sich wieder den Tänzern zu, während Iotape auf seiner anderen Seite ihn schüchtern anlächelte.

Ich blickte zur Liege meiner Eltern hinüber. Mutter lag auf der linken Seite und hielt einen goldenen Kelch in der rechten Hand. Sie nippte daran und ließ dabei die Augen über die Versammlung schweifen. Ich konnte kein Horusauge an ihr entdecken, sondern nur ihren Lieblingsarmreif, eine goldene Schlange mit Smaragdaugen, die sich ihren Oberarm hinaufschlängelte. Vater nippte nicht, sondern trank in tiefen Zügen und gab immer wieder Zeichen, man solle seinen Weinbecher auffüllen, sobald er ihn geleert hatte. Ich schaute auf sein Handgelenk und sah dort keinen Armreif, aber an seinen Fingern blitzte ein Ring mit einem auffällig großen Horusauge.

Warum hatten Tata und meine Brüder diese Geschenke von Mutter bekommen und ich nicht? Wie ungerecht! Ich stand auf, um sie zur Rede zu stellen, aber noch bevor ich zu meinen Eltern hinübergehen konnte, legte sich eine kräftige Hand auf meine linke Schulter.

»Was tust du, Mondmädchen?«, fragte Katep, mein königlicher Eunuch. »Der Ausdruck auf deinem Gesicht gefällt mir nicht.«

Er beugte sich zu mir herab, damit er mich verstehen konnte, und ich atmete den herb-süßen Duft von Sandelholz und Zimt ein, der stets aus seinen seidenen Gewändern aufstieg.

»Ich will wissen, warum ich nicht so ein besonderes Horusauge bekommen habe!«, sagte ich. »Alle haben eines, nur ich nicht!«

Katep runzelte die Stirn. »Das wolltest du die Königin fragen? Jetzt? Du kannst sie doch nicht inmitten der Feierlichkeiten stören!«

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und blickte über seine runden Schultern zu Mutter hinüber, die gerade in ein Gespräch mit dem Oberhaupt einer der vornehmsten Familien von Alexandria vertieft war.

»Kleopatra Selene, du musst jetzt mit mir kommen«, sagte Katep und nahm mich bei den Schultern, um mich von der Liege meiner Eltern wegzuführen. »Du weißt genau, was die Königin davon hält, wenn ihre Kinder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.«

Ich hatte mich ihm widersetzen wollen, aber bei diesen Worten hielt ich inne. Ja, Mutter nahm unser Verhalten in der Öffentlichkeit immer sehr ernst. In genau diesem Augenblick wandte sich meine Mutter zu mir um, fast als hätte sie meine Aufregung gespürt. Sie musterte mein Gesicht, und einen befremdlichen Moment lang erschienen mir ihre Augen so blass wie das stumpfe Horusauge der Schmuckstücke, die sie meinen Brüdern geschenkt hatte. War das eine Warnung? Ein Omen? Ich ließ mich von Katep nach draußen geleiten.

Erst viel später, mitten in stockdunkler Nacht, nachdem der Lärm des Festes verklungen war, setzte ich mich auf, weil ich unbedingt herausfinden wollte, warum man mir so ein machtvolles Schmuckstück verweigert hatte. Ich horchte auf Zosimas schweren Atem, dann ließ ich mich von meinem seidenen Bett auf den kühlen Marmor gleiten und schlich vorsichtig hinaus in den Flur. Ich erwartete, dass Katep sich von seiner Bank auf der anderen Seite des Ganges erheben würde, aber sie war leer. Gut. Er hätte nur versucht, mich aufzuhalten.

»Ah!«, sagte eine Stimme. »Man hatte mich schon gewarnt, dass ich damit rechnen müsste.« Ein junger römischer Soldat tauchte aus der Dunkelheit auf.

»Womit rechnen?«, fragte ich in meinem förmlichen Latein. Ich war stolz auf meine Fortschritte in der Sprache, weil ich wusste, dass es Tata Freude bereitete.

»Mit einer herumwandernden Prinzessin. Warte!« Der Wachsoldat eilte vor mich, als ich weiter den Flur entlangging. Sein Gürtel mit dem Schwert schlug gegen seine Oberschenkel und die Lederriemen seines Brustpanzers knarrten. »Wohin willst du?«

»Zu meiner Mutter, der Königin. Aber du darfst ihre Gemächer nicht betreten, weil du nicht über die besondere Befugnis dazu verfügst.« Ich wusste zwar nicht, ob das stimmte, aber ich behauptete es erst einmal. Selbst in meinem jungen Alter hatte ich bereits gelernt, dass alles, was mit uneingeschränkter Autorität ausgesprochen wurde, fast immer in sofortigem Gehorsam mündete. Und natürlich strotzte ich nur so vor Selbstbewusstsein, war ich doch gerade erst zur Königin der Kyrenaika und von Kreta ernannt worden.

»Dann werde ich dich eben den Wachen der Königin überlassen«, grummelte der Wachsoldat. »Ich bin schließlich kein Kindermädchen für verwöhnte ägyptische Töchter.«

Der römische Wachsoldat im Trakt meiner Mutter – wo waren nur ihre königlich mazedonischen Wachen und Eunuchen? – schien sich an einem oder zwei Weinschläuchen bedient zu haben. Jedenfalls war er an der bemalten Säule im Eingang hinuntergerutscht und saß mit weit ausgestreckten Beinen, den Helm über die Augen geschoben, da.

Sanft flackerndes Licht schien unter der Tür zu den Gemächern meiner Mutter hindurch. Ich trat näher, unsicher, was ich nun tun sollte. Licht und eine teilweise geöffnete Tür bedeuteten, dass Katep für mich die Erlaubnis zum Eintreten einholen konnte. Wenn kein Licht schien, bedeutete es, dass Mutter schlief und ich in meine Gemächer zurückkehren musste. Aber hier waren nun Licht und eine geschlossene Tür.

Ich hörte Mutters klare Stimme auf der anderen Seite. »Warum sollte man ihm Zeit lassen, Vorkehrungen zu treffen? Du solltest Octavian jetzt angreifen, solange er geschwächt ist.«

Schon wieder dieser Name. Octavian. Wer war das?

»De eis me audite!«, ertönte eine raue, vertraute Stimme. Tata! »Ein Sieg in Parthien wird Rom daran erinnern, dass ich an der Seite von Julius Caesar gekämpft habe und dass man mir die Macht hätte übertragen sollen anstelle dieses kleinen Würstchens. Dann werden alle mich als den rechtmäßigen Herrscher anerkennen und ihn als das sehen, was er in Wahrheit ist …«

» … ein kleiner Mann mit einem kleinen Würstchen?«, fragte Mutter und dann lachten sie beiden.

Auch in meiner Kehle stieg ein Lachen empor. Ich hatte den Sinn ihrer Worte zwar nicht ganz verstanden, aber an ihrem Ton erkannte ich, dass sie etwas Unanständiges gesagt hatte. Ich merkte, wie ich mich immer weiter zu ihrem Lachen hinbeugte, wie eine Nilpalme, die sich über das Wasser neigt. Meine Finger drückten gegen das dunkel bemalte Holz und meine Stirn berührte die kühle Tür.

Schweigen auf der anderen Seite. Dann wurde ohne Vorwarnung die Tür aufgerissen, sodass das schwere Holz gegen die Marmorwand schlug. Erschrocken schrie ich auf und stolperte zurück. Doch es dauerte weniger als einen Wimpernschlag, bevor ich die kalte Spitze eines Breitschwertes unter meinem Kinn spürte.

»Wer wagt es, uns zu belauschen?«, brüllte Vater und fletschte die Zähne wie ein Löwe. Er sah furchterregend aus, wie Zeus-Amun in seiner Wut, kurz davor, mich niederzustrecken. Ich stand mit weit ausgebreiteten Armen da, um nicht umzufallen. Das Kinn hoch erhoben über dem kalten Metall atmete ich keuchend. Ich hörte das Geräusch von stolpernden Füßen und klirrender Rüstung, als der Soldat, der im Gang geschlafen hatte, zu uns herübergeeilt kam, dann das unverwechselbare Geräusch eines weiteren Schwertes, das gezogen wurde.

Das kalte Metall bewegte sich von meinem Gesicht fort. Tata blickte mich mit großen Augen an. »Kleopatra Selene?«

Mutter stieß einen kehligen Laut aus, den ich nicht zuordnen konnte. Überraschung? Ärger? Vater packte mich am Oberarm und schleppte mich ins Zimmer, als wöge ich nicht mehr als eine Lumpenpuppe. Er ließ mich los und knallte die Tür so fest hinter mir zu, dass die silbernen Weinkelche auf der Elfenbeinplatte des Tisches ins Wackeln gerieten.

»Kind!«, knurrte er. »Was tust du nur? Ich hätte dich töten können.«

Ich holte japsend Luft und rieb mir den Arm, wo er mich gepackt hatte. Einen Augenblick lang war ich mir nicht sicher, ob ich mich eingenässt hatte, und ich betete, dass es nicht so war. Ich hätte es nicht ertragen, mich derart vor Mutter zu blamieren. Nicht weinen, nicht weinen. Eine Königin weint nicht.

»Hier«, sagte Mutter zu Tata und reichte ihm eine Tunika. Tata zog sie sich über den Kopf, und erst da bemerkte ich, dass er unbekleidet war. Mutter fielen die langen Haare über die Schultern, ansonsten trug sie nichts außer ihrem Schlangenarmreif. Sie streckte die Hand nach einem zarten Gewand in der bläulich-grünen Farbe unseres Meeres im Hochsommer aus, schlüpfte hinein und ließ sich dann mit einer einzigen eleganten Bewegung auf dem geschwungenen Sofa nieder wie eine Katze, die sich an einem sonnigen Fleckchen ausstreckt.

Vater ging hinüber zu dem kleinen Tischchen an der Wand und griff mit zitternder Hand nach einem Weinkelch. Er nahm mehrere große Schlucke.

»Wo ist Katep?«, fragte Mutter mich.

Ich gab keine Antwort, da ich es nicht wusste.

»Wer ist Katep?«, fragte Tata.

»Ihr königlicher Eunuch und Leibwächter«, sagte Mutter und ließ mich nicht aus den Augen.

»Ach so«, sagte er. »Ich habe alle eure Wachen entlassen.«

Mutters Kopf fuhr zu ihm herum. »Du hast was?«

»Meine Männer sichern das Außengelände und patrouillieren auf den Gängen des Palastes. Ich kann keinen Harem von Eunuchen und verweichlichten, geschminkten Männern brauchen, die meinen Palast bevölkern.«

»Marcus! Es handelt sich hier um meinen Palast, meinen Bereich. Du hattest kein Recht …«, sagte Mutter mit zusammengebissenen Zähnen.

Er lächelte sein charmantestes Lächeln und hatte ein Glitzern in den Augen. »Beruhige dich, Liebste. Ich habe alles unter Kontrolle.«

Die grünlich-goldenen Augen meiner Mutter funkelten. Normalerweise erschien mir Mutters Gesicht weicher ohne ihre zeremonielle Schminke – die eine ihrer Zofen, entweder Charmion oder Iras, wohl gleich nach dem Festmahl abgeschrubbt haben musste – aber nicht in diesem Augenblick. Wenn Mutter mich so angestarrt hätte, wäre ich vermutlich in Flammen aufgegangen. Ich zupfte am Saum meines Schlafgewandes herum und krümmte die Zehen auf dem kalten Fußboden, während ich mit großen Augen dastand, die knisternde Energie zwischen meinen Eltern spürte und nicht wusste, was ich tun sollte.

Tata musste sehr viel Wein auf einmal heruntergeschluckt haben, denn er stellte den Kelch ab und rülpste laut. Das Geräusch kam so unerwartet, dass ich kichern musste. Mutters Blick richtete sich auf mich. Ich hasste es, wenn sie mich so ansah – als hätte ich sie zugleich überrascht und enttäuscht. Zu meinem Entsetzen stiegen mir die Tränen in die Augen.

»Komm her«, sagte Vater zu mir, als er sich auf der mit Seide bezogenen Bank gegenüber Mutter niederließ. Er hob mich hoch und setzte mich auf seinen Schoß. Seine Augen waren gerötet und hatten tiefe Ringe, seine Wangen waren stoppelig. Er roch nach Wein und nach dem Rosmarin-Kranz, den er zuvor beim Festmahl getragen hatte.

»Ist ja nichts passiert, meine Kleine, den Göttern sei Dank. Ich hätte dir doch niemals etwas getan«, sagte er, weil er den Grund für meine Tränen falsch verstand. »Aber schleich dich nie, niemals wieder an mich heran, ja?«

»Ich wusste ja nicht, dass du hier sein würdest, Tata«, sagte ich. »Ich … ich gehe manchmal zu Mutter, wenn ich nicht schlafen kann.«

Er wandte sich zu ihr, zog die Augenbrauen in die Höhe, ein schiefes Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen. »Ich dachte, du hättest gesagt, dass du keine nächtlichen Besucher empfängst«, sagte er.

»Das tue ich auch nicht«, erwiderte Mutter kühl, was mich verwirrte. Besuchte ich sie nicht regelmäßig mitten in der Nacht? »Unsere neue junge Königin von Kreta und der Kyrenaika ist eine wahre Tochter des Mondes, ein Mondmädchen«, fuhr sie fort. »Sie schläft nicht gerne.«

Er schmunzelte. »Da kenne ich noch jemand, die genau so ist.«

Zu meiner Überraschung lächelte Mutter nicht zurück. Es gab nur wenige Menschen, die seinem berühmten schiefen Grinsen widerstehen konnten.

»Jetzt sag mir, was du belauscht hast«, wollte Tata von mir wissen.

»Dass du dieses kleine Würstchen Octavian nicht leiden kannst«, gab ich zur Antwort.

Vater brach in Lachen aus. »Ja, bei den Göttern, das stimmt genau! Von nun an soll er in all unseren Gesprächen nur noch ›dieses kleine Würstchen Octavian‹ genannt werden.«

Nun musste auch Mutter lächeln. Irgendwie hatte sich die Spannung gelöst. Ich grinste erleichtert. Mir gefiel der Gedanke, dass ich meinen riesenhaften Vater zum Lachen bringen und ein Lächeln auf die schönen Lippen meiner Mutter zaubern konnte. Ich war nicht sicher, welche meiner Worte, die beiden so erheitert hatten – nur, dass ich das wieder erreichen wollte. Und zwar bald. Vater nahm mein Gesicht in seine großen, kräftigen Hände und küsste mich auf die Stirn.

»Kleopatra Selene«, sagte Mutter und ich wandte mich zu ihr um. Sie stand neben der Tür. Ich hatte nicht gesehen und nicht gehört, dass sie sich bewegt hatte. »Es ist jetzt Zeit, dass du in deine Gemächer zurückkehrst.«

Ich wollte nicht gehen. Ich wollte auf dem Schoß meines Tata bleiben, und so lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter und schlang die Arme um seinen Hals.

Vater rieb mir über den Rücken. »Ach, die Götter sind wirklich gnadenlos, mir gleich zwei Kleopatras zu schenken, denen ich nicht widerstehen kann.« Er wuschelte mir durch die Haare. »Aber es ist schon sehr spät. Es wird Zeit, dass du in dein Bett zurückgehst.«

»Nein, warte«, rief ich, weil mir nun wieder einfiel, warum ich überhaupt hergekommen war. »Ich habe eine Frage.«

»Dann frage«, sagte Mutter.

Ich deutete auf Vaters Ring und blickte zu ihr auf. »Warum hast du allen ein Schmuckstück mit dem Horusauge geschenkt, nur mir nicht?«

»Ist das die Frage, die dich die ganze Nacht lang wach gehalten hat?«, fragte Tata lachend.

Ich mochte es nicht, dass er lachte. Mir war es Ernst. Ich rutschte von seinem Schoß und verschränkte die Arme, um meine Missbilligung zu zeigen.

»Nun, Weib. Was hast du dazu zu sagen?«, fragte Tata mit einem Lächeln in der Stimme.

Mutter lächelte nicht. Ich fühlte mich wie am Boden festgenagelt durch ihren Blick, den ich immer den Horus-Blick nannte. Ihre Missbilligung war so durchdringend, als hätte die löwenköpfige Göttin Sachmet selbst mich warnend angeknurrt. »Erdreiste dich nie, mich nach dem Grund irgendeiner meiner Handlungen zu fragen, Tochter«, sagte Mutter schließlich so leise, dass ich zunächst kaum sicher war, dass sie überhaupt etwas gesagt hatte.

Mein Magen krampfte sich vor Angst zusammen. Wodurch hatte ich sie so erzürnt? Was hatte ich gefragt, das ich nicht hätte fragen sollen?

Tata streckte den Arm über mich hinweg, um mehr Wein in seinen Kelch zu füllen. »Hast du ein anderes Amulett bekommen?«, fragte er.

Ich nickte. Ich hatte vergessen, dass Mutter mir einen goldenen Skarabäus-Anhänger mit einem Smaragd in der Mitte geschenkt hatte. Ich hatte ihn nicht angelegt, weil ich die Anweisung hatte, Silber zu tragen, nicht Gold. Außerdem hatte es mir nicht gefallen, wie sich die Kette um meinen Hals herum anfühlte. Ich senkte den Blick, ein wenig beschämt darüber, wie gierig ich geklungen hatte. Aber wie sollte ich erklären, dass es mir nicht darum ging, mehr Schmuck zu haben? Ich wollte nur sicher sein, dass ich Mutter ebenso viel bedeutete wie meine Brüder.

Tata nahm den Ring vom Finger und streckte ihn mir entgegen, damit ich ihn näher in Augenschein nehmen konnte. Schon das Gewicht des mit Hieroglyphen bedeckten Reifs schien zu zeigen, dass er besondere Macht besaß. Ich hatte noch nie zuvor gesehen, dass man Perlen benutzt hatte, um das Zentrum des Auges darzustellen.

»Die Perle ist matt«, murmelte ich in das gespannte Schweigen hinein. Ich wusste, dass für die Römer Perlen wertvoller als alle Edelsteine waren.

»Das ist keine Perle«, lachte Tata. »Das ist Knochen. Menschlicher Knochen von einem der alten Feinde Ägyptens. Noch vor der Zeit, als Cheops seine große Pyramide gebaut hat.«

Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Ein menschlicher Knochen bedeutete mächtige Magie.

»Ja, es ist sehr heilig, wenn man den seltsam riechenden Priestern deiner Mutter Glauben schenken soll«, fuhr Tata fort. »Ein mächtiger Schutz.«

»Schutz wovor?«, fragte ich. Tatas spöttischer Tonfall irritierte mich.

»Vor dem Tod durch die Hand eines bösen Feindes«, sagte Tata, warf sich gegen die geschwungene Lehne der Couch und gähnte. Er schloss die Augen. »Aber ich habe gar keine Feinde, die so mächtig sind.«

»Aber … hast du denn überhaupt böse Feinde, Tata?« Hatten meine Brüder Feinde? War ich ebenfalls in Gefahr? »Wer ist es?«

Tata öffnete ein Auge und sah mich an.

»Dieses kleine Würstchen Octavian«, sagte er mit Nachdruck. »Deine Mutter scheint sich mehr vor ihm zu fürchten, als sie Vertrauen in mich hat.«

»Marcus …«, warnte Mutter ihn mit leiser Stimme.

Tata setzte sich rasch auf, als hätte er einen Schub neuer Energie bekommen. Er griff nach seinem Becher und leerte ihn. »Aber du, meine Kleine, bist genau wie meine Königin durch einen ganz anderen Zauber geschützt.«

»Marcus …«, wiederholte Mutter und verschränkte die Arme.

»Vermutlich hast du ein Smaragd-Amulett bekommen. Ja, ich habe recht, das sehe ich dir an. Der Smaragd verstärkt die Gaben der Venus, verstehst du? Oh verzeih, mein kleines Griechenkind – die Gaben der Aphrodite. Deine weiblichen Reize. Das ist der besondere Zauber deiner Mutter. Und den teilt sie mit dir.«

Ich verstand nicht, was Tata sagte oder meinte, aber ich spürte, die Spannung zwischen den beiden wie die Hitzewellen vor der Großen Sphinx. Die Stille dehnte sich aus, bis ich schließlich wünschte, ich hätte die Horus-Reifen nie bemerkt.

»Mein Mondmädchen«, sagte Mutter schließlich. »Ruf jetzt nach Katep. Du musst in deine Gemächer zurückkehren.«

Ich zögerte, da ich wusste, dass Katep nicht draußen auf mich wartete. Und da sie so verärgert darüber gewesen war, dass Tata unsere Wachen fortgeschickt hatte, wollte ich sie nicht daran erinnern.

»Rufus!«, polterte Vater plötzlich und ich erschrak. »Geleite die Prinzessin zu ihren Gemächern zurück. Und bring auf dem Rückweg mehr Wein mit!«

Ich folgte dem Soldaten in den düsteren Vorraum hinaus, der Klang seiner genagelten Stiefel hallte in der gespannten Stille hinter mir wider.

Schon am nächsten Morgen waren Katep und alle anderen Wachen meiner Mutter zurück auf ihren angestammten Plätzen.

~  Kapitel 3  ~

Im 19. Jahr der Regentschaft meiner Mutter
In meinem 9. Jahr
32 v.d.Z.

Die Auflösung unserer Welt begann mit diesen sechs Worten: »Hiermit bin ich von dir geschieden.«

Der König von Ägypten, mein Bruder Caesarion, kam selbst, um uns davon zu berichten. Er fand uns in dem Garten, der den Palast und die große Bibliothek miteinander verband, wo wir uns gerade zum Trigonspielen aufstellten. Ein Mädchen namens Euginia – die Tochter von Mutters Finanzminister – hatte bereits ihre Position als eine der Pilecripi eingenommen, die uns die Bälle zurückbrachten und die Punkte zählten. Euginia war selbst keine schlechte Spielerin, und sie und ich warfen uns den Trigon-Ball oft zu, wenn die Jungen ihrer eigenen Wege gingen. Ich hatte gehofft, Alexandros überreden zu können, sie als dritte Spielerin mitmachen zu lassen.

Aber wie immer wollte Alexandros nur Iotape dabeihaben. Ich kniff die Augen zusammen und starrte sie über das Spielfeld hinweg an. Die kräftigen Winde vom Meer her wehten ihre Seidenschleier hin und her, sodass sie aussah wie ein exotischer Vogel, der mit den Flügeln flatterte. Wie sollte sie eingehüllt in derartige Stoffmengen spielen können? Ich warf den bemalten Lederball mit einer Hand in die Luft und fing ihn wieder auf, während Alexandros zum wiederholten Male die Regeln mit seiner süßen, aber wie ich befürchtete, nicht sehr geistreichen »Geliebten« durchging.

»Salvete«, rief Caesarion uns beim Näherkommen zu. Ein ganzer Tross von Beratern und Wachen begleiteten den jungen König. »Ich möchte mit euch beiden sprechen.« Caesarion sprach oft Latein mit uns anstelle des sonst am Hofe üblichen Griechisch. Das hatte er schon immer getan, zu Ehren seines Tata und weil er der Meinung war, dass die Welt nun römisch sei. Und je eher wir die Feinheiten der Sprache lernten, desto besser.

Caesarion hatte mit seinen fast fünfzehn Jahren die drahtige Gestalt und die wachen, klugen Augen seines Vaters. Ich fand, er sah aus wie eine jüngere Version der Statue, die Mutter von ihrem ersten Ehemann im Caesarium errichtet hatte. Nur mit mehr Haaren.

»Aber erst musst du mit uns spielen, Bruder!«, rief ich.

Caesarion hielt inne. »Ich denke, das werde ich. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal gespielt habe«, sagte er und trat auf Alexandros’ Position in dem Dreieck.

»Und wo soll ich dann spielen?«, rief Alexandros.

»Sag Iotape, dass sie dir Platz machen soll«, sagte Caesarion. »Du nimmst ihre Position ein.«

Iotape, die Griechisch lernte und kein Latein, rührte sich beim Befehl des Königs von Ägypten nicht von der Stelle. Alexandros sprach leise mit ihr in einer seltsamen Mischung aus Persisch und Griechisch. Errötend zog sie sich zurück.

Ich grinste Caesarion zu und warf den Ball, so fest ich konnte. Er fing ihn mit der linken Hand auf und zog angesichts des stechenden Schmerzes in seiner Handfläche die geschminkten Augenbrauen in die Höhe. Schnell ließ er den Ball in seine rechte Hand gleiten.

»Nun, kleine Schwester«, sagte er. »Ich sehe schon, was hier läuft.«

Ohne den Blickkontakt zu mir abreißen zu lassen, warf er den Ball Alexandros zu. »Ha!«, murmelte mein Zwillingsbruder und warf ihn fast mit derselben Bewegung weiter zu mir. »Da musst du dir schon etwas Besseres ausdenken!«

Wir hielten den Ball in dieser Dreiecksbewegung und versuchten uns gegenseitig mit Tricks und Täuschungen zu überlisten, indem wir eine Person ansahen, aber in Richtung einer anderen warfen. Ich hatte schon vor Langem gelernt, auf diese Art Tricks nicht hereinzufallen. Ich achtete nicht auf die Augen oder gar auf die Füße meiner Brüder. Das Einzige, was existierte, war der wirbelnde Ball.

Ich schleuderte den Ball zu Caesarion hinüber mit größerer Wucht als Achilles, der seinen Speer warf, und der Ball prallte an seinem Handgelenk ab und schlug dumpf auf dem Boden auf.

»Mein Punkt!«, jubelte ich und tanzte umher. »Ich habe den König von Ägypten geschlagen!«

»Ein Punkt macht noch kein ganzes Spiel, Schwester«, rief Caesarion.

Ich hüpfte spottend auf ihn zu. »Du hast verloren, ich hab gewonnen! Ich kann besser Trigon spielen!«

Zu meiner Überraschung senkte Caesarion den Kopf und brüllte: »Man macht sich nicht über den König lustig! Dafür wirst du bezahlen!« Mein Herz setzte vor Schreck aus, bis ich sah, wie sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete, während er auf mich zugelaufen kam.

Ich quiekte und rannte quer über den Rasen davon, doch Caesarion hatte mich rasch eingeholt. »Das war’s!«, sagte er, als er die Arme um mich schloss. »Werft sie den Schlangen zum Fraß vor!«

Ich schrie: »Nein, nein!«, in gespieltem Entsetzen, während er mich herumwirbelte. »Ich ergebe mich! Ich ergebe mich!«, rief ich schließlich. »Lass mich los.«

»Ha! Ich traue dir nicht.«

»Bruder, du beleidigst mich.«

»Die, deren Biss schärfer ist als der der Schlange, kann man gar nicht beleidigen.«

»Ich verspreche es dir«, sagte ich. »Du kannst mir vertrauen.«

Caesarion schnaubte ganz und gar unköniglich, wie ich fand, und ließ mich los. Ich trat mit erhobenen Händen zurück. »Siehst du?«

»Komm, ich muss mit dir und Alexandros sprechen«, sagte er und neigte den Kopf in Richtung meines Zwillingsbruders und Iotape. Er wandte sich um und wollte zu ihnen gehen.

»Nur wenn du mich trägst!«, sagte ich und warf mich mit dem Gelächter einer Harpyie auf seinen Rücken.

»Oha!«, stöhnte er, als ich auf ihm landete, doch er warf mich nicht ab. Ich rutschte von seinem Rücken hinunter, als wir bei Alexandros und Iotape angekommen waren. »Du bist langsam zu groß, als dass ich dich noch herumtragen könnte«, beschwerte sich Caesarion.

»Was ist es, was du uns erzählen wolltest, Bruder?«, fragte Alexandros.

Caesarions Gesicht, das noch wenige Augenblicke zuvor offen und hell gewesen war, wirkte plötzlich verschlossen. »Man hat uns mitgeteilt, dass die Scheidung eures Vaters von seiner römischen Frau nun rechtskräftig ist.«

Alexandros und ich wechselten einen Blick und schauten dann wieder zu Caesarion. Wir wussten, dass unser Tata aus politischen Gründen mit einer römischen Frau verheiratet gewesen war – und dass er sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie war bedeutungslos. »Ist das alles? Deswegen bist du hierhergekommen?«, fragte ich.

Caesarion schüttelte den Kopf. »Geht ein Stück mit mir«, sagte er und ging auf den Gang mit den bemalten Lotossäulen zu, der zur großen Bibliothek führte. Er bedeutete seinem Tross zurückzubleiben, während diese Euginia und die anderen Kinder verscheuchten.

»Ist Tatas Scheidung denn nicht nur eine reine Formsache?«, fragte Alexandros. »Schließlich sind Tata und Mutter schon so viele Jahre zusammen.«

»Ich fürchte, es ist etwas komplizierter«, erwiderte Caesarion. »Ihr wisst doch, dass euer Vater Octavia geheiratet hat, um ein Friedensabkommen mit ihrem Bruder Octavian zu besiegeln, nicht wahr?«

Wir nickten.

»Nun, indem er sie verstößt, bricht er auch dieses Friedensabkommen.«

Mir krampfte sich der Magen zusammen. Ein gebrochenes Friedensabkommen war nie gut.

»Aber Scheidungen sind in Rom doch an der Tagesordnung, oder?«, fragte ich.

»Ja«, sagte Caesarion. »Aber in diesem Fall hat sie weitreichende Konsequenzen. Octavian benutzt sie als Vorwand, um uns den Krieg zu erklären.«

»Aber warum sollte Octavian Tata wegen so einer Sache den Krieg erklären?«, rief ich aus.

»Er hat nicht eurem Vater den Krieg erklärt«, fuhr der junge König von Ägypten stirnrunzelnd fort. »Er hat unserer Mutter den Krieg erklärt und damit Ägypten. Uns. Versteht ihr?«

Ich erstarrte, mir blieb der Mund offen stehen. Alexandros’ Kopf fuhr zu ihm herum. »Aber Ägypten ist doch ein treuer Freund und Verbündeter Roms«, rief er aus. »Wie kann Rom dann Ägypten den Krieg erklären? Wir versorgen sie mit Getreide, wir finanzieren ihre Kriegszüge im Osten …«

»Und wir haben noch nicht einmal eine Armee zur Verfügung«, ergänzte ich. »Das ist unerhört! Sie können doch nicht einem Verbündeten den Krieg erklären, der nicht einmal in der Lage ist, sich selbst zu verteidigen!«

»Octavian hat in Wahrheit einen Bürgerkrieg gegen euren Vater angezettelt – einen Krieg zwischen zwei Römern um die alleinige Herrschaft über das Römische Reich«, erklärte Caesarion. »Aber er stellt es alles so dar, als wäre es die Schuld unserer Mutter, wodurch wir – oder sie zum Feind werden.«

»Aber das ergibt doch keinen Sinn …«, rief ich.

»Oh doch. Es ist sogar ziemlich schlau. Octavian wird seinem Volk eine schier unerträgliche Steuerlast auferlegen müssen, um den Krieg zu finanzieren. Und das würden die Römer nicht dulden – ja, sie würden ihn geradewegs vom Tarpejischen Fels stürzen, wenn er ihnen verraten würde, dass es darum geht, ihren geliebten Marcus Antonius zu bekämpfen. Aber die Römer werden nicht aufbegehren, selbst wenn die Steuern sie in Armut stürzen, wenn es darum geht, sich und ihren Lieblingsfeldherrn aus den Fängen der ›bösen‹ Königin von Ägypten zu retten.«

Ich schnaubte verächtlich, aber Caesarion fuhr ungerührt fort. »Er manipuliert die Meinung der Römer und weigert sich gleichzeitig, mich als wahren Sohn Caesars anzuerkennen. Octavian behauptet, unsere Mutter hätte euren Vater verhext. Sie hätte ihn mit einem Bann belegt, sodass er nicht für seine eigenen Taten oder Entscheidungen verantwortlich gemacht werden kann. Er behauptet, sie würde euren Vater dazu benutzen, schließlich selbst die Herrschaft über Rom zu gewinnen.«

»Und die Römer glauben tatsächlich diese Lügen, die sich gegen ein treues, befreundetes Reich wenden?«, fragte ich fassungslos.

»Es fällt mir schwer, zu verstehen, warum sie ihn nicht einfach durchschauen. Aber wir müssen die Kriegserklärung ernst nehmen und uns entsprechend wappnen.«

Mir verschlug es die Sprache und ich sagte nichts mehr. Wir blieben unter dem gestreiften Baldachin des königlichen Eingangs zur Bibliothek stehen. Diener kamen herbeigelaufen und verneigten sich erst vor Caesarion und dann vor uns. Einer trug ein goldenes Gefäß mit warmem, nach Lotos duftendem Wasser, um unsere Hände und Füße zu waschen, ein weiterer nahm uns unsere Umhänge und alles andere ab, was wir nicht mehr tragen wollten.

Als wir das lichtdurchflutete Atrium betraten, huschten weiß gekleidete Gelehrte in weißen Sandalen vorüber und verneigten sich geistesabwesend in unsere Richtung. Das Getrappel all unserer Diener hallte laut auf dem ausgetretenen Marmorfußboden wider.

»Wohin gehen wir, Bruder?«, fragte ich und blickte auf zu Caesarions ernstem Gesicht.

»Ich gehe in die militärgeschichtliche Abteilung der Bibliothek«, sagte er und blieb vor der Statue Alexanders des Großen stehen, die deren Eingang schmückte. »Ihr geht zu eurem Unterricht zurück.«

»Nein, ich will bei dir bleiben«, sagte ich. »Ich bin auch ganz leise, versprochen.«

Caesarion schüttelte den Kopf. »Krieg ist kein Kinderspiel«, sagte er. »Du musst die Erwachsenen in Ruhe lassen, damit sie sich ungestört darum kümmern können.«

Die Erwachsenen? Er hatte doch noch nicht einmal seine Mannbarkeitsfeier begangen! Aber noch bevor ich ihm antworten konnte, fügte er hinzu. »Geh spielen, Mondmädchen. Wir werden dafür sorgen, dass dir Ägypten erhalten bleibt.« Und damit wandte er sich ab.

~  Kapitel 4  ~

Unsere Sänfte wurde langsamer, als sie die Tore des königlichen Palastes passierte und hinaus auf die geschäftigen Straßen von Alexandria getragen wurde. Die Menschenmenge vor uns teilte sich, aber zu meiner Überraschung hörten wir nicht den Chor aus Grußformeln und Segenssprüchen, der sich üblicherweise über uns ergoss. Es schien, als stünde ganz Alexandria wegen dieser absurden Kriegserklärung von Octavian unter Hochspannung. Mir war aufgefallen, dass wir von einer größeren Zahl von Wachen als sonst begleitet wurden, die allesamt mit gezogenen Schwertern vor, neben und hinter unserer Sänfte marschierten.

Trotz der Sorge, die über der Stadt zu liegen schien, freute ich mich über unseren Ausflug. Ich liebte es immer, wenn wir uns unter unser Volk begaben. An jenem Tag waren wir zusammen mit unserem Lehrer Euphronius unterwegs in das jüdische Viertel.

»Ihr müsst das Leben und die Herzen von allen in eurem Volk verstehen«, hatte er uns erklärt, bevor wir aufgebrochen waren. »Und so werden wir uns heute mit einem Rabbi treffen, der euch die Grundzüge der hebräischen Religion erläutern wird.«

Wir waren noch nie zuvor in diesem Teil von Alexandria gewesen und ich fand den Weg in dieses Stadtviertel faszinierend. Normalerweise liebten selbst die ärmsten Alexandriner die leuchtenden Farben Ägyptens – Safrangelb, Türkis, Rot und Blau. Aber als wir das jüdische Viertel betraten, sahen wir nur noch Umhänge und Gewänder in dumpfen Braun- und Grautönen. Auch verbeugten sich die Juden nicht vor uns, streuten keine Blumen und baten uns nicht um unseren Segen, wie die meisten Leute es taten. Stattdessen bemühten sie sich, uns nicht zu beachten. Ich hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, bevor Iotape uns darauf aufmerksam machte.

»Sie erweisen euch keine Ehre«, sagte sie in ihrem vom Singsang ihres Akzents gefärbten Griechisch. »Warum ist das so?«

»Die Religion der Hebräer«, erklärte Euphronius, »verbietet ihnen, irgendwelche Götzen anzubeten, was sie auch auf die Verehrung von Königen beziehen.«

Ich setzte mich überrascht auf. »Willst du damit sagen, dass sie Mutter nicht als ihre Königin und Caesarion nicht als ihren König anerkennen?«

»Sie behaupten, dass ihr Gott es ihnen verbietet«, sagte Euphronius. »Die Juden von Alexandria sind ein gelehrtes Völkchen, aber ihr Glauben ist seltsam. Dazu gehört auch, dass sie an einen einzigen, männlichen Gott glauben, der oft ziemlich eifersüchtig und wütend ist.«

»Aber warum lässt Mutter das zu?«, fragte ich. »Es ist mir egal, was sie glauben. Sie sollten sich vor ihr verneigen.«

»Ich habe nicht gesagt, dass sie die Königin nicht ehren. Das tun sie – auf ihre eigene Art und Weise. Und so solltet auch ihr von der Weisheit der Königin lernen. Sie zwingt sie nicht, gegen ihren Glauben zu handeln, und erwirbt sich dadurch ihre Ergebenheit und Unterstützung …«

»Ganz zu schweigen von ihren Steuern«, warf Alexandros ein.

»Ja, und genau deswegen ist sie so eine hervorragende Regentin«, fügte Euphronius hinzu. »Die Königin ist eine wahre Philosophin in dem Sinne, in dem Aristoteles euren Vorfahren Alexander den Großen erzogen hat.«

Wir kamen bei einem kleinen Gebäude aus Ziegelsteinen an, das Euphronius als den Tempel der Juden bezeichnete, obwohl ich es nie dafür gehalten hätte. In unserem Tempel der Isis hatten wir mächtige Messingtore, die sich wie durch die unsichtbare Hand der Göttin öffneten – dank der mit Feuer betriebenen Maschinen, welche die Wissenschaftler in unserem Museion erfunden hatten. Drinnen reckten sich Dutzende von Lotossäulen dreißig Ellen hoch in den Himmel. Das Morgenlicht, das durch das Sonnengitter des Daches fiel, ließ die Hieroglyphen aus Blattgold an den Wänden in überirdischer Schönheit erglänzen. Riesige bemalte Götterstatuen ragten auf, um uns an ihre Macht, ihre Majestät und ihr Mysterium zu erinnern. Im Gegensatz dazu wirkte der Tempel der Hebräer, mit Ausnahme der Marmorsäulen in der Eingangshalle, als hätten wir ein bescheidenes Wohnhaus betreten. Keine Gemälde oder Statuen von Göttern oder Göttinnen schmückten die Wände, in denen es keine Nischen gab, in die man sich zu einem Zwiegespräch mit den Göttern zurückziehen konnte. Nur eine heilige Flamme am Altar deutete darauf hin, dass es sich hier um eine Stätte der Andacht handelte.

Ein freundlich aussehender alter Mann mit einem langen, glatten, grauen Bart begrüßte uns. »Willkommen, willkommen!«, sagte er und um seine Augen erschienen freundliche Fältchen. Er führte uns in einen Nebenraum, fort von einer Gruppe von Männern, die voller Inbrunst mit geschlossenen Augen beteten, dabei die Lippen bewegten und sich leicht vor und zurück neigten.

»Ich bin Rabbi Yoseph ben Zakkai«, sagte er. »Ich habe meinen guten Freund, euren ehrenwerten Lehrer in der Bibliothek kennengelernt, wo er und ich vor vielen Jahren über die Natur des Göttlichen debattiert haben.«

Es überraschte mich immer wieder, dass unser Lehrer ein Leben außerhalb unseres Unterrichts besaß. Dass Euphronius tatsächlich Freunde hatte, schockierte mich geradezu.

»Und wer hat die Debatte gewonnen?«, fragte Alexandros.

»Er!«, sagten beide Männer gleichzeitig und deuteten lachend auf den jeweils anderen.

Nachdem wir uns im Tablinum des Rabbis niedergelassen hatten, hob er an: »Wie mein Freund mir berichtet hat, sollen seine jungen Zöglinge etwas mehr über die Welt erfahren.«

Mir widerstrebte der Unterton, so als wären wir ahnungslose, verwöhnte, überbehütete kleine Kinder.

Der Rabbi räusperte sich und begann die Grundlagen seines Glaubens zu erklären. »Es gibt nur einen Gott, der die Welt geschaffen hat und sie regiert«, sagte er. »Er ist allwissend und allmächtig und allgegenwärtig. Außerdem ist er gerecht und gnädig.«

»Und wer ist seine Gemahlin?«, fragte ich und dachte dabei an Isis und ihren Mann Osiris. »Wie ist sie?«

»Unser Gott hat keine Gemahlin. Es gibt keine Göttin. Hashem hat die Welt erschaffen und ist für ihre Existenz verantwortlich. Wir sind hier, um seine Befehle und Gesetze zu befolgen.«

Ich blinzelte. Keine Göttin? Wie konnte das sein? »Aber die Erschaffung des Lebens ist doch Sache der Frauen«, sagte ich. »Was kann ein männlicher Gott von diesen Dingen wissen?«

»In meinem Glauben sind es die Göttinnen Anahit und Astghik, die Leben und Liebe bringen«, pflichtete Iotape mir bei. »Warum will euer männlicher Gott keine Gefährtin haben?« Sie blickte mich an und lächelte, so als suchte sie meine Zustimmung.

»Unser Gott steht über allem. Es gibt nur einen einzigen Gott«, wiederholte der Rabbi. »Ihm verdanken wir alles. Er hat uns zu seinem Volk auserwählt und uns seine Gebote gegeben.«

Dann hob der Rabbi an, die Geschichte von ihrem ersten Mann und der ersten Frau zu erzählen. Sein Gott hatte sie in einen Garten der Glückseligkeit gesetzt und ihnen befohlen, nicht die Frucht eines magischen Baumes zu essen. Aber eine Schlange führte sie in Versuchung und so aßen beide von der verbotenen Frucht. Darüber war der Gott sehr erzürnt und der Mann hat der Frau die Schuld gegeben.

»Aber wenn doch beide, der Mann und die Frau, von der Frucht gegessen haben, warum bekommt dann die Frau alle Schuld?«, unterbrach ich ihn und rutschte ein Stück auf der hölzernen Bank nach vorne. Ich schaute nicht zu Euphronius hinüber, da ich vermutete, dass er mir böse Blicke zuwarf.

»Weil sie schwächer ist und den Mann in Versuchung geführt hat«, sagte der Rabbi, anscheinend überrascht über die Frage. »Und deswegen trifft sie mehr Schuld.«

»Aber …«

Euphronius räusperte sich.

Ich achtete nicht auf ihn. »Aber war sie nicht einfach nur neugierig? Ist Neugier nicht eine nützliche Eigenschaft des Menschen? Warum sollte euer Gott die Menschen mit Neugier ausstatten und ihnen dann sagen, sie sollen sie nicht benutzen.«

»Ja, aber Gott hat nicht ihre Neugier oder ihre Klugheit geprüft, sondern ihren Gehorsam«, erwiderte der Rabbi. Er holte Atem, um fortzufahren, doch ich unterbrach ihn erneut.

»Aber warum sollte ein Gott so etwas tun? Und warum würde er sie prüfen, ohne es ihnen zu sagen? Vielleicht hätten sie nicht davon gegessen, wenn ihnen klar gewesen wäre, was passieren würde, wenn sie ungehorsam waren? Und … wenn er allwissend wäre, warum wusste er dann nicht, dass seine Geschöpfe den Versuchungen der Neugier erliegen würden? Schließlich hat er sie doch so erschaffen.«

»Prinzessin«, warf Euphronius ein. »Ich darf dich daran erinnern, dass du ein Gast im Tempel dieses heiligen Mannes bist. Bitte sei nicht …«

Aber der alte Mann lächelte nur und brachte Euphronius mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Nein, nein, das hier ist doch wunderbar. Nur im Gespräch können wir uns gegenseitig verstehen lernen, nicht wahr?«

Ich lächelte ihm ebenfalls zu. Dann erklärte der Rabbi einen Gedanken, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte – etwas, das er den »freien Willen« nannte. »Gott hat den Menschen geschaffen mit dem Drang Gutes zu tun und dem Drang Böses zu tun. Der freie Wille ist die Fähigkeit, zwischen diesen beiden Bedürfnissen zu entscheiden. Gott hat uns befohlen, der Tora zu folgen und uns für das Gute anstelle der Sünde zu entscheiden.«

»Aber wie kann es der freie Wille sein, wenn der Menschheit befohlen wird, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu entscheiden?«, fragte ich. »Das ist – das ist, als hielte ich meine beiden Hände vor mich, damit du wählen kannst. In der einen halte ich eine Perle, in der anderen einen Smaragd. Wenn ich dir befehle, die Perle zu wählen, dann wählst du sie doch nicht aus freien Stücken, oder?«

Der Rabbi schüttelte den Kopf. »Es liegt in der Unterscheidung – dem Wissen von Gut und Böse –, das liegt dem freien Willen zugrunde.« Er entrollte eine sehr alt aussehende Schriftrolle und überflog sie, wobei er uns mit erhobenem Finger bedeutete zu warten. »Ah, ja. Hier ist es. Genesis. Hier steht, was geschah, nachdem Adam und Eva sich dem Gebot Gottes widersetzt haben.« Er las den Text zunächst auf Hebräisch vor und übersetzte ihn dann für uns ins Griechische. »›Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist.‹«

»Aber halt mal«, warf ich ein. »Eure heilige Schrift sagt, der erste Mann wäre geworden wie ›unsereiner‹. Ich dachte, du hättest gesagt, es gäbe nur einen einzigen Gott. Warum heißt es dann ›unsereiner‹?«

»Das ist nur eine Redewendung«, sagte der Rabbi mit einer schnellen Handbewegung. »Entscheidend ist der Gedanke, dass Gott uns segnet, wenn wir ihm nachfolgen, aber wenn wir uns von ihm abwenden, werden wir vernichtet werden. Jeder Mensch muss sich jeden Tag neu entscheiden.«

»Das ist gar nicht so viel anders als das Wiegen der Herzen, die Prüfung, die wir laut Osiris bestehen müssen«, bemerkte Alexandros. »Wenn wir nach der Ma’at leben, dann wird uns der böse Dämon Amut nicht verschlingen.«

Der Rabbi schwieg eine Weile. »Es ist etwas anderes. Es gibt keine Tier-Gottheiten, es gibt nur den einen Gott.«

»Und was sagt die griechische Überlieferung?«, fragte uns Euphronius, so als wollte er das Thema wechseln.

»Dass wir unserem Schicksal nicht entkommen können«, gab ich zur Antwort. »Hybris, das große Verbrechen gegen die Götter, war es, zu denken, dass wir das könnten. Und Hybris hat auch die besten Männer zu Fall gebracht, so wie Achilles und Oedipus.«

Mein Lehrer nickte. Ein Sklave trat herein und goss uns Wasser mit Wein in Becher aus Ton. »Es gibt viele Sklaven, die ein gutes Leben führen«, sagte ich zu dem Rabbi. »Aber die meisten haben sich nicht selbst dazu entschieden, Sklaven zu sein. Und sie können auch nicht beschließen, dass sie keine Sklaven sein wollen. Haben sie demnach keinen freien Willen? Beweist das nicht, dass unser Schicksal immer schon vorherbestimmt ist? Genau wie bei Alexandros und mir – dass ich über Ägypten herrschen werde und er über Parthien – genau wie der Sklave immer Sklave bleiben wird?«

»Nein », lächelte der Rabbi, »denn selbst der Sklave kann sich entschließen, Gott zu gehorchen. Es ist unsere einzige Aufgabe, seinen Geboten zu folgen, ganz gleich unter welchen äußeren Umständen.«

Ich war verwirrter denn je. Wie konnte es den freien Willen geben, wenn zugleich die einzige Aufgabe der Gehorsam war?

»Es wird spät, Kinder. Wir müssen zurück«, sagte Euphronius. Und der Rabbi kam zum Schluss, indem er erklärte, dass ein neues Zeitalter die Menschheit erwartete – dass die Juden auf einen Mann warteten, den sie den Mashiach nannten. Einen Retter der Menschen, einen Gottesmann, der allen Kämpfen eine Ende machen und die Menschheit vereinen würde.

»Könnte dieser Mashiach auch eine Frau sein?«, fragte ich.

Alexandros kicherte und Iotape gab ihm einen Stups mit dem Ellenbogen.

»Wohl nicht«, gab der Rabbi zur Antwort.

»Warum nicht?«

»Nun … weil die Propheten sagen, dass der Mashiach ein Mann sein wird.«

»Aber wenn euer Gott den Glauben und Gehorsam seines Volkes wirklich prüfen wollte, dann könnte er doch ebensogut eine Frau schicken, oder?« Wie immer dachte ich nur an Mutter. Wenn Mutter die »Königin der Könige« sein konnte, warum konnte dann nicht eine andere große Frau ihr Mashiach sein?

»Theoretisch ja …«

»Prinzessin«, unterbrach Euphronius, in dessen Stimme ein Ton von Ermüdung mitschwang. »Wir wollen unserem so großzügigen Gastgeber nicht zur Last fallen. Lasst uns diese Fragen bis zum nächsten Mal verschieben.«

»Aber die Juden sind nicht die Einzigen, die sagen, dass ein großes Zeitalter kommen wird«, warf Alexandros ein. »Wisst ihr noch, dass der römische Dichter Vergil sagt, ein Junge würde uns in ein goldenes Zeitalter führen und über eine mit Frieden gesegnete Welt herrschen.«

In unserem Lateinunterricht hatten wir die vierte Ekloge des römischen Dichters Vergil gelesen, und Alexandros hatte sich einen Spaß daraus gemacht zu behaupten, er sei dieser »Goldene Knabe«, von dem in dem Gedicht die Rede war. Immerhin war er es doch, der nach der Sonne benannt war, oder?

Ich schaute zu Iotape hinüber. Sie hatte die Arme verschränkt vor Verärgerung über meinen Bruder. Das stimmte mich ihr gegenüber endlich einmal freundlich. Doch bevor ich etwas erwidern konnte, sagte Alexandros: »Ich wiederhole, Schwester, in dem Gedicht heißt es ›Knabe‹, nicht ›Mädchen‹.«

Ich streckte die Hand aus, um ihm in die weiche Unterseite seines Oberarms zu kneifen. »Du eingebildeter, kleiner …«

»Kinder!«, rief Euphronius. »Ich glaube wirklich, es wird Zeit, dass wir uns von unserem verehrten Gastgeber verabschieden.«

Alexandros’ Angeberei und meine Erlebnisse in dem jüdischen Tempel öffneten mir die Augen für die Tatsache, dass die meisten Männer Frauen als ...

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