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Mondhelle Tage

Meiner Frau in Liebe und Dankbarkeit.

Einige der Figuren und Begebenheiten der Handlung sind durch die Novelle ‚Die drei Schmiede ihres Schicksals‘ des österreichischen Schriftstellers Adalbert Stifter (1805-1868) inspiriert.

I

Am fünfundzwanzigsten Tage des Monats Julius im Jahre 18-- hing der Neumond groß und unsichtbar über dem Nullmeridian und zog. Das Wasser gehorchte und schwoll an der britischen Atlantikküste zu einer Springflut an, die, angetrieben vom auflandigen Wind, ein fast schon bedrohliches Ausmaß annahm, während weiter östlich, an der Rückseite einer nach Skandinavien abziehenden Tiefdruckrinne, der Luftdruck am Boden vorübergehend anstieg und der Himmel aufriss, sodass zwischen den einzelnen Wolkeninseln größere sonnige Flecken über die Ländereien der Grafschaft Kent huschten. Hoch oben jedoch, in einer Höhe, in der nach menschlicher Vorstellung allenfalls Engel hausen, traf erneut feuchte Meeresluft auf einströmende polare Kälte, sodass über dem Landesinneren riesenhafte Wolkengebilde wie stumme Detonationen in die Höhe schossen, dem Kundigen nichts Gutes verheißend.—Warum solch scheinbar belanglose Umstände an so prominenter Stelle berichtet werden, wird sich im unmittelbaren Fortgang der Geschichte zeigen, die es hier zu erzählen gilt.

Es war nämlich an diesem Tag, dass Lord Geoffrey Crawford, vierter Baron von Montmouth, in Begleitung seiner Ehefrau Lady Isabel aufbrach, um der Taufe eines Kindes, Tochter der Schwester der Ehefrau, im nahegelegenen Chelford beizuwohnen. Vorangegangen war eine bewegte Auseinandersetzung zwischen dem Schlossherrn und seinem Kutscher, einem gewissen Jenkins, da dieser dringend davon abriet, bei den Anzeichen eines drohenden Wetterumschwungs eine Reise von auch nur begrenzter Dauer anzutreten. »Mit Verlaub, Euer Gnaden, die Wolken, derer man derzeit im Westen ansichtig wird—sie verheißen nichts Gutes! Im Sturm über die Anhöhe von Blackwood, und dann auf der offenen Landstraße, der vollen Wucht des Windes ausgesetzt…«

»Mein lieber Jenkins, bei aller Anerkennung für die rührende Fürsorglichkeit, womit Sie Ihr Amt versehen: hätten Sie wie ich Tag für Tag die Nadel des Barometers verfolgt, das Auf und Ab des Luftdrucks peinlich genau festgehalten und in Verhältnis gesetzt zu der Wetterentwicklung, wäre Ihnen bewusst, dass die Wolken, die Ihnen so viel Angst einflößen, ohne Bedeutung sind, da der Luftdruck im Steigen begriffen und ein Sturm somit ausgeschlossen ist. Wir lassen uns nicht von kindischer Furcht verleiten, sondern schauen dankbar auf jene Heroen des Geistes wie Pascal und Franklin, die dem Donnergott seinen Schrecken genommen haben, indem sie Sturm, Hagel und Blitz auf einfache Naturgesetze zurückgeführt haben, die mit den Mitteln der Mathematik dem Verstand fasslich gemacht werden können.«

»Daran ist gewiss nicht zu zweifeln, Euer Gnaden. Aber ich spüre es trotzdem in meinen Knochen—da kommt etwas auf uns zu.«

»Dann werden Sie Ihre Knochen eben überwinden müssen, Jenkins, denn wir sind nicht gewillt, die Reise deswegen abzusagen.« Somit machte Jenkins die Kutsche bereit, und das Herrscherpaar nahm Abschied von seinen Zwillingsknaben, Lionel und Edwin, die blass und schüchtern am Rock ihrer Nanny hingen, und bestieg die Kutsche, die alsbald den Weg nach Chelford antrat. Tragischerweise sollte jedoch nicht der Baron, sondern sein Kutscher Recht behalten, denn kaum hatte die Kutsche den Pass von Blackwood erreicht, fiel mit grimmiger Wucht ein Gewitter über die Gegend her. Innerhalb von Minuten stürzten Wassermassen den Hang hinunter, während über den Reisenden ein gewaltiges Krachen den Himmel zerriss. Bestrebt, den Gefahren des bewaldeten Höhenwegs zu entkommen, trieb Jenkins die Pferde zur Eile an, als plötzlich der Ast einer stattlichen Eiche, vom Blitz getroffen, zerbarst und dröhnend zu Boden fiel. Die Pferde scheuten vor Schreck, wodurch die Kutsche in Schieflage geriet, vom Wege abkam und den Hang hinunterstürzte. Als Stunden später die Jäger, die von Chelford her ihnen entgegengeschickt worden waren, die Unglücksstelle erreichten, war jede Hilfe umsonst. Der Baron und seine Frau lagen tot in den Trümmern ihrer Kutsche; die Leiche Jenkins‘, der beim Unfall vom Bock geschleudert worden war, fand man zerschmettert im Gebüsch. Die Pferde, immer noch hilflos in ihrem Geschirr liegend, konnte man nur noch von ihrer Qual erlösen.

Damit hielt in Schloss Edgemere, Sitz des Barons, eine neue Zeitrechnung Einzug. Für die beiden minderjährigen Söhne des verstorbenen Herrscherpaares musste ein Vormund schnellstens gefunden werden. Schließlich einigte man sich auf den Großonkel Simon, einen menschenscheuen Hagestolz, der vollkommen zurückgezogen auf seinem Landgut lebte. Über sein Leben ist nicht viel zu berichten, außer dass er als Insektensammler in Fachkreisen einen gewissen Bekanntheitsgrad genoss. Zur allgemeinen Überraschung willigte der Großonkel ein, allerdings unter dem Vorbehalt, dass er auf seinem Landsitz bleiben dürfe und sich nicht persönlich um die beiden ‚Blagen‘, wie er sie nannte, kümmern müsse. Es wurde vereinbart, dass er vornehmlich das Vermögen der Kinder treuhänderisch verwalten solle; für ihre geistige und leibliche Erziehung solle dagegen ein Privatlehrer gewonnen werden.

Dieses vernünftig anmutende Ansinnen erwies sich jedoch als in der Praxis schwer umsetzbar. Alle von der Verwandtschaft ausgestreuten Erkundungen und Anfragen nach einem geeigneten Tutor verliefen im Sande. Mag es daran gelegen haben, dass das vom Großonkel in Aussicht gestellte Salär den meisten zu niedrig erschien, oder eher daran, dass der Ruf des Vormundes außerhalb des Kreises passionierter Hobbyentomologen eher abschreckender Natur war: ein Hauslehrer für die beiden Knaben war lange Zeit nicht zu finden. Dann aber wendete sich doch noch überraschend das Blatt in der Gestalt eines gewissen Osgood Manley.

Manley, ein gutmütiger, aber eher mittelmäßig begabter junger Mann, dem es an Beziehungen zu den sogenannten höheren Kreisen schmerzlich mangelte, hatte sich nach Erlangung des Baccalaureus vergeblich um eine angemessene Anstellung bemüht. Daher erschien ihm das Angebot, als Tutor für die minderjährigen Söhne des verstorbenen Barons von Montmouth nach Edgemere zu gehen, wie ein Geschenk des Himmels. Von den schönsten Hoffnungen beflügelt machte er sich auf den Weg zum Landsitz des Großonkels.

Der Hausherr empfing ihn mit derselben ungekünstelten Herzlichkeit wie eine Spinne eine ahnungslose Fliege, die sich ihrem Netz nähert. Während der Kandidat in blindem Eifer bestrebt war, den ohnehin schwerhörigen Großonkel von der Breite und Tiefe seiner Kenntnisse zu überzeugen, packte ihn dieser am Arm und schleifte ihn ohne Erbarmen durch seine umfangreiche Käfer- und Schmetterlingssammlung. Manley, der diesen Rundgang offenbar für eine Prüfung seiner Ausdauer hielt, lauschte gebannt den Ausführungen des Großonkels über die Unterscheidungsmerkmale zwischen einer Pararge aegeria und einer Melanargia galathea, während er gleichzeitig, um nicht ganz leer auszugehen, krampfhaft versuchte, an halbwegs passenden Stellen des Vortrags Einblicke in seine profunden Kenntnisse der Jüngeren Stoa zu gewähren.

Am Ende der Sammlung angelangt, wendete sich der Großonkel wie beiläufig an ihn und fragte unvermittelt, was er denn ‚den beiden Blagen‘ beibringen wolle. Manley, der verwirrt überlegen musste, von wem überhaupt die Rede war, lief rot an und stammelte: »Äh…Horaz…Platon…Augustinus…«. Simon nickte zufrieden und gab mit einem lässigen Handzeichen zu verstehen, dass er genug gehört habe. Er sei schon sehr zufrieden, dass der Kandidat mit Griechisch und Latein aufwarten könne; diese beiden Sprachen, meinte Simon weise, seien unentbehrliche Grundlagen jeder wahrhaft wissenschaftlichen Beschäftigung, wie man am Beispiel der Entomologie leicht erkennen könne. Schnell einigte man sich über die Bedingungen, und Großonkel Simon entließ sein Opfer mit den besten Erfolgswünschen.

Der Erfolg ist ihm in gewissem Sinne auch vergönnt gewesen, wenn auch nicht ganz in der Weise, wie Manley sich ihn vorgestellt hatte. Denn die beiden Knaben, von Natur aufgeweckt und neugierig, lernten schnell und ließen sich vom Eifer ihres Tutors anstecken. Manley, der unter seinesgleichen eher linkisch und gehemmt wirkte, lief in der Abgeschiedenheit seiner neuen Stellung zu heimlicher Hochform auf. Um die etwas trockenen Grammatikstunden aufzulockern, trug er seinen Zöglingen Episoden aus der Ilias frei vor, wobei sein rundlicher Kopf, der von einem blonden Backenbart umrahmt war, rot anlief und ein leichtes Tremolo in seine Stimme kam. Die Knaben, denen der Sinn für Komik völlig abging, ließen sich bereitwillig von dem geborgten Pathos ihres Hauslehrers anstecken. Begeistert lauschten sie Manleys Darstellungen des Schicksalskrieges vor den Toren der uneinnehmbaren Stadt. An die Stelle des Vaters, an den sie sich kaum noch erinnern konnten, traten nun Agamemnon und Nestor, Hekabe an die Stelle ihrer Mutter. Unter der unbewussten Anleitung ihres Tutors, in der Abgeschiedenheit ihrer Schlafkammer, ersannen sie für sich eine bunte Fantasiewelt, in der sie wie einst Achilles und Patroklos Seite an Seite gegen übermächtige Feinde ins Feld zogen.

Als ihnen diese Gedankenspiele nicht mehr reichten, bastelten sie aus Stecken und Brettern, die sie auf dem Gutshof fanden, Schwerter und Schilder, mit denen sie in ihrer Freizeit ‚richtige‘ Kämpfe nachspielen konnten. Dazu suchten sie die Flussauen auf, wo sie, fern des Schlosses und der wachsamen Augen ihres Lehrers, weitgehend ungestört ihrem Zeitvertreib nachgingen. Es blieb jedoch nicht aus, dass Jungen aus der Umgegend sie dabei entdeckten und schüchtern den Wunsch äußerten, mitmachen zu dürfen. Begeistert ließen sie Edwin und Lionel Stöcke sammeln, die ihre Lanzen darstellen sollten. Sie teilten die Jungen in zwei Gruppen auf, die sie Kohorten nannten, und versuchten, ihnen etwas wie militärische Disziplin beizubringen, wie es ihren kindlichen Vorstellungen entsprach. Im Hinterkopf schwebte ihnen vor, mit der neu gewonnenen Verstärkung etwas wie den Trojanischen Krieg im verkleinerten Maßstab nachzuspielen. Dazu ist es allerdings nicht mehr gekommen, da das gottlose Treiben am Fluss auch dem Vikar des Ortes zu Ohren gekommen war. Daraufhin wurde Osgood Manley zu einer Unterredung ins Pfarrhaus eingeladen, die wenig erfreulich für ihn verlief. Als Folge wurde den Kampfspielen Einhalt geboten, und den beiden Knaben wurde auferlegt, einmal die Woche den Weg ins Pfarrhaus anzutreten, wo der Vikar sie persönlich in den Grundzügen des christlichen Menschenbildes unterwies.

Dennoch trug am Ende der Glanz der heidnischen Antike den Sieg davon, wenn auch in sublimierter Gestalt. Aus den Knaben wurden Jünglinge, und die verbotenen Kampfspiele wichen einer ernsteren Beschäftigung mit den Idealen des klassischen Altertums. Sokrates, Platon und Seneca wurden ihre neuen Lehrer, Selbstbeherrschung und das Streben nach Vollkommenheit ihre Ideale. Freute sich ihr Tutor zunächst über diesen unverhofften Erfolg, musste er mit wachsendem Missbehagen einsehen, dass seine Zöglinge ihre neuen Lehrmeister allzu sehr beim Wort nahmen. Am sinnfälligsten war ihr Eifer bei der Leibesertüchtigung. Bislang hatte Manley, dem jeglicher Sportgeist wesensfremd war, die Knaben lediglich zu harmlosen Ballspielen in den Unterrichtspausen angehalten. Nun bestanden seine Tutanden darauf, den Tag mit einem Sprung in den Weiher zu beginnen, ohne Rücksicht auf die Lufttemperatur, um, wie sie sagten, ihre Körper unempfindlich gegen Kälte zu machen. Es folgte ein Lauf über mehrere Meilen durch den angrenzenden Wald. Anfangs wollten die Knaben die Strecke barfuß laufen, um wie einst die Spartaner ihre Fußsohlen abzuhärten; nach der ersten blutigen Bekanntschaft mit dem Waldboden gaben sie jedoch klein bei und zogen sich dazu Schuhe an. Anschließend kletterten sie in die Baumkronen hoch und hangelten von Ast zu Ast, um Kraft und Geschicklichkeit zu trainieren, wie sie sagten, außerdem sei es wichtig, die Angst zu überwinden. Manley, der vor allem Angst um seine Anstellung hatte, begnügte sich damit, mit hochrotem Kopf am Rande zu stehen und seine Zöglinge zu Vorsicht zu ermahnen.

Aber auch in anderen Lebensbereichen wehte jetzt der Geist der Stoa durch die altenglischen Hallen von Edgemere. Die beiden Jungen, die bisher am Tisch eher dankbar und unkompliziert gewesen waren, fingen plötzlich an, am Essen zu mäkeln. Mal wollten sie nur Rohkost zu sich nehmen, mal verweigerten sie sich komplett dem Essen. Ein anderes Mal blieben sie längere Zeit reglos vor der Nachspeise sitzen, ohne sie anzurühren, dann standen sie wortlos auf und verließen den Tisch. Auf die Frage der Köchin, ob ihnen die Nachspeise nicht zusage, antworteten sie gleichmütig, sie hätten an der Nachspeise nichts auszusetzen, es sei jedoch wichtiger, die Enthaltsamkeit zu stärken als den Gaumen zu verwöhnen.

Aber das war nur der Anfang. Auf dem Weg zur vollkommenen Selbstbeherrschung hatten sie sich vorgenommen, alle überflüssigen Regungen, wie etwa die Arme zu verschränken, sich zu kratzen, die Füße übereinanderzuschlagen, sich abzugewöhnen, und da jeder im Bruder sozusagen einen wachsamen Spiegel seiner selbst immer dabei hatte, gab es für sie keinen einzigen unbedachten Augenblick. Selbst das Wasserlassen versuchten sie auf ein Minimum zu reduzieren, weil sie es für eine Schwäche hielten, dem Harndrang nachzugeben. Im Unterricht saßen sie völlig reglos auf ihren Stühlen, die Hände auf dem Pult; man hätte sich einbilden können, zwei Statuen vor sich zu haben. In gewisser Weise hätten sie geradezu für Musterknaben gelten können, wenn ihr Verhalten nicht etwas Gewolltes, ja beinahe Mechanisches an sich gehabt hätte.

Glücklicherweise blieben ihrem Tutor die subtileren Formen der Selbstzucht verborgen, die sie in seiner Abwesenheit einübten. Es fiel zum Beispiel in diese Zeit, dass sie versuchten, sich den Schlafdrang abzugewöhnen, indem sie ganze Nächte aufblieben, dabei abwechselnd Zeilen aus der Ilias rezitierend. Stolz waren sie am anderen Morgen, als sie im Vollgefühl ihrer Bedürfnislosigkeit zum morgendlichen Unterricht erschienen, wo sie allerdings heftig gegen ihre Müdigkeit ankämpfen mussten. Noch extremer waren die Maßnahmen, die sie ergriffen, um Unempfindlichkeit gegen den Schmerz zu kultivieren, denn—davon waren sie überzeugt—gerade darin läge der Schlüssel zu allem menschlichen Glück. Eine Zeitlang waren sie unschlüssig, wie sie dabei vorgehen sollten. Sicher, mit einem Messer oder einer glühenden Kohle hätten sie sich Schmerzen beliebig beibringen können, jedoch wollten sie, wohl ahnend, dass ihr philosophisches Bestreben bei ihrer Mitwelt auf Unverständnis stoßen würde, offenkundige Verletzungen unbedingt vermeiden. Schließlich kamen sie auf die Idee, sich in die Tiefen des Waldes zurückzuziehen, wo sie unbeobachtet wären. Dort setzte sich der eine auf den Boden und streckte seine Beine aus. Der andere legte ihm ein Stück von einem Baumstamm quer über die Beine. Wenn der eine Bruder zu verstehen gab, dass er das Gewicht gleichmütig ertragen konnte, setzte sich der andere sachte auf den Stamm. Anfangs schnappte der solcherart Gequälte nach Luft und musste seine Lippen zusammenpressen; mit zunehmender Gewöhnung jedoch nahmen seine Züge einen heiteren und gelassenen Ausdruck an, und gemeinsam scherzten die Brüder über die Nichtigkeit des Schmerzes. Dann standen sie auf und tauschten die Plätze. Dieses erbauliche Spiel trieben sie so lange, bis sie beide davon überzeugt waren, ihre Angst vor dem Schmerz überwunden zu haben.

So vergingen die Jahre. Edwin und Lionel konnten mittlerweile Griechisch und Latein mindestens so flüssig deklamieren wie ihr Tutor. Die bescheidenen Grundlagen der Mathematik, die dieser ihnen zu vermitteln in der Lage gewesen war (»auf jeden Fall bis Euklid«), hatten sie längst begriffen und zum Teil selbstständig weiterentwickelt. Die Aufsatzthemen, die er ihnen aufgab, griffen sie begeistert auf und fügten ihnen weitere Fragestellungen hinzu, die sie in leidenschaftlichen Schaukämpfen der Rhetorik vortrugen: Welche Tugend ist von allen die höchste? Wer ist von größerem Nutzen: der Freund oder der Feind? Welche sittliche Bedeutung hat der Tod? Ist Reichtum dem Glück dienlich? Welche Staatsform ist die gerechteste? Manley hatte bei seinen willigen Zöglingen einen Stand erreicht, bei dem er sich gleichsam nur zurückzulehnen brauchte, um die Früchte zu ernten, zu denen er den Grundstock gelegt hatte, als aus heiterem Himmel ein Brief eintraf, der wie ein Flammenschwert ihn aus seinem pädagogischen Paradies vertreiben sollte. Großonkel Simon war gestorben, und ein neuer Vormund war an dessen Stelle getreten, ein Londoner Anwalt. Da die beiden jungen Barone keine Kinder mehr seien, meinte dieser, hätten sie die Dienste eines Privatlehrers nicht mehr nötig. Manley erhielt ein zusätzliches Monatssalär und seine Kündigung. Seine bisherigen Zöglinge, so war beschlossen, würden jeder eine monatliche Apanage beziehen, über die sie frei verfügen durften, bis zu ihrem 21. Geburtstag, zu welchem Zeitpunkt sie ihr väterliches Erbe zu gleichen Teilen antreten sollten.

Schweren Herzens packte Osgood Manley seine Siebensachen und nahm Abschied von seinen Zöglingen, die während der vergangenen Jahre fast sein einziger Umgang gewesen waren. Den beiden Jungen war auch wehmütig zumute, wenn auch nur deswegen, weil jede Trennung sie an den unzeitigen Verlust ihrer Eltern erinnerte, aber im Geiste der Stoa gaben sie sich die größte Mühe, nach außen hin ihren Schmerz zu verbergen. In einer kleinen Staubwolke rollte die Kutsche mit ihrem Ex-Tutor davon, während die ehemaligen Schüler ihr stumm nachschauten. Dann kam ein Diener und schloss die Pforte, und der Bann war gebrochen.

Schweigend durchschritten sie den Park, bis sie das Ufer des Weihers erreichten. Dort las Edwin eine Handvoll Kieselsteine auf und ließ sie über die glatte Oberfläche des Wassers tanzen. Lionel zog nach, und die Brüder wetteiferten, wessen Steine es am weitesten schafften. Schließlich brach Edwin sein Schweigen.

»Und nun?«

»Was ist nun?«

»Was machen wir nun?«

»Wir machen, was wir wollen« antwortete Lionel. »Dafür sind wir als freie Menschen geboren.«

Edwin war nicht gewillt, locker zu lassen. »Und was wollen wir?«

»Das weißt du nicht?«

»Nein, sage es mir bitte, Bruderherz.«

»Weiterhin an unserer Vervollkommnung arbeiten. Oder meinst du etwa, wir wären bereits am Ziel?«

Edwin ließ einen letzten Stein über das Wasser springen, dann schaute er seinen Bruder ernst an. »Fern läge mir der Gedanke. Aber aus dem bloßen Vorsatz, weiterhin an uns zu arbeiten, ergibt sich noch kein Plan, wie wir die Zeit bis zur Volljährigkeit ausfüllen wollen. Bis vor kurzem hatten wir unseren guten Manley, der uns auf Trab gehalten hat. Das ist nun vorbei, und—dir kann ich es ruhig sagen—richtig traurig darüber bin ich nicht. Mir ist es zuletzt eng geworden unter Vaters Dach. Ich will endlich hinaus in die Welt.« Edwin bückte sich, hob einen Stein auf und warf ihn so weit er konnte in den See. »Du etwa nicht?«

Lionel schwieg. Dann fragte er: »Und was schwebt dir vor?«

»Ich will England verlassen, den Kontinent bereisen. Ich will auch neuere Sprachen lernen und die Bräuche und Sitten anderer Völker aus eigener Anschauung kennenlernen, nicht bloß aus Büchern. Und ich will mich auf meine künftige Bestimmung vorbereiten. Schließich sollen wir in wenigen Jahren die Leitung eines Landguts übernehmen.«

Lionel verstummte. Die Ernsthaftigkeit seines Bruders schätzte er zwar über alle Maßen, aber sie war ihm manchmal einfach lästig. Schließlich sagte er: »Ich habe auch schon Pläne—allerdings gehen sie in eine andere Richtung. Ich will nach Cambridge gehen, um dort ein Studium aufzunehmen. Etwas Handfestes—Philosophie vielleicht, oder Geschichte. Ich habe bereits vorgefühlt—eins der Colleges nimmt mich auf jeden Fall. Und dich auch, wenn du mitkommen wolltest.«

Ein Schatten von Unmut flog über Edwins Gesicht. »Du hast es schon für dich beschlossen? Ohne mich einzuweihen?«

»Es tut mir leid, wenn es jetzt so auf dich wirkt. Ich war selber lange unsicher, ob ich überhaupt diesen Weg gehen sollte.«

»Und jetzt bist du sicher?«

»Nein. Aber ich hoffe, ich komme dort, wenn nicht mit der Welt, so doch mit ihrem besseren Teil zusammen: jungen Männern aus ganz England, die wie du und ich die Suche nach dem Guten, Schönen und Wahren auf ihren Schild gehoben haben. Wo fänden wir sonst ihresgleichen?«

Edwin schwieg. Er fühlte sich von seinem Bruder hintergangen. Bisher hatten sie immer in allem harmoniert; ihre Meinungsdifferenzen waren nur gespielt und um des Streitens willen gewesen. Jetzt war aber ein Punkt gekommen, am dem ihr an stoischen Maßstäben geschulter Wille in entgegengesetzte Richtungen strebte.

Plötzlich fing Edwin an, sich seiner Oberbekleidung zu entledigen. »Komm, zieh dich aus—wir wollen um die Wette ringen. Gewinnst du, folge ich dir nach Cambridge; gewinne ich, musst du mir folgen.«

Lionel schaute ihn einen Augenblick erstaunt an. Dann, vom Ernst seines Bruders angesteckt, machte er sich bereit zum Ringkampf. Kaum war er fertig, spürte er Edwins Griff am Oberarm. Er bückte sich und versuchte mit dem Bein seinen Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Im Nu lagen sie in einem Knäuel aus Armen und Beinen übereinander auf der Wiese und wälzten sich im feuchten Gras. Mal gewann Edwin die Oberhand, mal Lionel. Was als brüderliche Rivalität begonnen hatte, wurde schnell zu einem verbissenen Kampf um den Sieg. Auch noch, als ihre Kräfte nachließen und ihre Atemzüge in schweres Keuchen übergingen, kämpften sie unentwegt weiter. Plötzlich warf Edwin Lionel auf den Rücken, sodass dieser in das Gesicht seines Bruders schaute, das dicht über ihm schwebte. Erstaunt sah er, dass Edwin Tränen über das Gesicht liefen. Lionel ließ sofort in seinen Bemühungen nach, sich zu befreien; im selben Moment verschwamm das Bild seines Bruders vor seinem Blick, und er gab sich demselben hilflosen Kummer hin, der Edwin schon übermannt hatte. Sie lagen sich in den Armen, und ihre Tränen vermischten sich mit dem Schweiß ihrer Körper.

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