Logo weiterlesen.de
Momente der Klarheit

Ihr werdet fliegen

Du liebst die Frauen und sie lieben dich. Ersteres war immer klar, du hast drei wunderbare ältere Schwestern, Letzteres ergab sich erst vor ein paar Jahren, weshalb du dich noch in der Phase ungläubiger Dankbarkeit befindest. Du warst ein netter, intelligenter Junge. Das hat niemanden interessiert. Es ist nicht so, dass du bedeutend attraktiver geworden wärst, doch man sieht dich jetzt anders. Pech für das Mädchen neben dir. Sie hat sich die Nase verkleinern lassen. Wegen dir. Das wäre überhaupt nicht nötig gewesen, zumal ihre ursprüngliche Nase mit Sicherheit besser zum Rest ihres Gesichts gepasst hat. Diese Aktion – heulend in einer Klinik in Kroatien zu verschwinden und dir das Gefühl zu geben, sie wäre zu noch drastischeren Schritten bereit – war die Antwort auf eine vorsichtige Bemerkung deinerseits. Du hast ihr gesagt, wie gern du mit ihr zusammen bist, ein Blick in die ferne Zukunft würde dich jedoch unter massiven Druck setzen. Was für sie ein absehbares Ende bedeutete, ein Damoklesschwert, einen Alptraum. Sie nahm an, es läge an ihr. Genauer gesagt, an ihrem Zinken. Damit hattest du nicht gerechnet. Die OP tat dir wirklich leid, doch wurdest du dir einmal mehr deiner Wirkung auf Frauen bewusst. Sie ist subtil, was rückblickend deinen Misserfolg als Teenager erklärt. Jetzt bist du Anfang dreißig und triffst immer häufiger auf Frauen, die sich anfangs in dir täuschen, um dir im Anschluss so hoffnungslos zu verfallen wie deine aktuelle Freundin, Mademoiselle Nez.

Zuerst sehen sie deinen Makel. Du hattest als Kind einen Unfall, der Makel ist nicht groß, aber vorhanden, sie sehen auch deinen abgebrochenen Zahn, den du aus irgendeinem Grund so gelassen hast (jetzt, wo man dich liebt, gibt es gar keinen Grund mehr, irgendetwas zu ändern), sie sehen deine Blässe und deinen eigenartigen Gang, und dann wird eine Fantasiemaschinerie in Gang gesetzt, für deren Befeuerung du nichts tun musst, außer du selbst zu sein. Und so wirst du zum Geheimtipp, zum Rohdiamanten, zu einem, dessen Wert nur sie erkennen. Du bist in der Tat ganz nett. Und schüchtern, das warst du immer, doch seit sich das Blatt zu deinen Gunsten gewendet hat, bezeichnet man deine Unbeholfenheit als speziellen Charme. Du bist einer, den man erst knacken und dann nach eigenem Gusto aufpolieren kann, eine romantische Aufgabe, denn nicht der Beau ist der Prinz, sondern der andere, du. Deine Mängel sind mittlerweile unsichtbar oder haben sich in Vorzüge verwandelt. Sie sehen nur noch deine blauen Augen und diesen süßen abgebrochenen Zahn. Dann müssen sie erkennen, dass sie nicht die Einzigen sind. Du bist nicht unsichtbar, auch ihre Freundinnen sehen dich, die Freundinnen deiner Freunde lieben dich, genauso wie die Frauen beim Yoga und die internationale Vereinigung junger Kellnerinnen. Wie Frauen, die sich unsterblich in lebenslänglich Inhaftierte verlieben, denken auch sie: Den kann ich haben. Und er darf mich haben. Er wird mir dafür dankbar sein und es wird wunderschön. Und das Schönste ist, dass er mir nicht davonlaufen wird. Wo soll er denn hin?

Du weißt, wo du hinwillst. Du willst weiter. Die anderen Frauen können es förmlich riechen. Deine vor bösen Vorahnungen schlotternde Freundin macht es ihnen wirklich leicht. Als das schöne Surfermädchen anschlendert und euch fragt, ob der Flug nach Sydney via Abu Dhabi hier abgeht (die Antwort steht auf dem Monitor, der in ihrem Blickfeld hängt, und sie fragt nicht euch, sondern explizit dich), zieht deine Freundin einen blitzschnellen Nasenvergleich und schaut so resigniert zurück in ihre Zeitschrift, dass du deine Hand von ihrer Stuhllehne nimmst und ihr den Rücken streichelst, während du dich als Sidney-Insider zu erkennen gibst. Surfergirl kann beruhigt zurück zu ihren Freundinnen schlendern, denn sie weiß nun, wie du heißt, und wird dich kontaktieren. Du hast deiner Freundin nichts versprochen; wenn, dann hat sie sich selbst etwas versprochen. Du liebst die Frauen und sie lieben dich.

 

*

 

Ihr seid gleichzeitig zum Schluss gekommen. Eine Seltenheit. So rar und harmonisch, dass es fast ein Grund wäre, zusammenzubleiben.

Nach eurem letzten großen Streit – ihr seid mittlerweile so laut, dass die Nachbarn die Polizei rufen, ihr werdet nicht handgreiflich, ihr brüllt nur und werft mit Dingen, was sich gefährlicher anhört, als es ist – legte sie ihre Füße in deinen Schoß und fragte: Sollen wir es lassen?

Ihr habt euch angeschaut wie ein Paar, das sich zum ersten Mal eine Immobilie anschaut. Ratlos und kleinlaut. Du hast gedacht, ich überlasse ihr die Entscheidung und werde sie akzeptieren. Ich vertraue ihr. Peace. Sie hat dir den Hinterkopf gekrault, so wie jetzt. Ihr hattet ein paar erlöste Minuten in eurer neuen Freundschaft, dann sagte sie: Ich sage, wir lassen es.

Du nicktest, und sie sagte: Wir haben alles probiert und es ging nicht. Du nicktest weiter, riebst deine Kopfhaut in ihre langen Fingernägel, so wie jetzt. Sie sagte: Wir haben gekämpft wie die Löwen, aber es geht einfach nicht. Wir haben alles gegeben und jetzt haben wir frei.

Dann fingt ihr an zu lachen. In diese Lachanfälle steigert ihr euch jedes Mal derartig hinein, dass die Nachbarn wieder klopfen und dass ihr eure Tränen auf das Lachen schieben könntet.

Das war gestern. Das heißt, ihr seid frisch getrennt. Und jetzt trotzdem hier. Ohne die Extremwitterung hättet ihr den Flug verpasst, woran ihr euch jetzt gegenseitig die Schuld geben würdet. Die Angst, dass die Trennung diesmal wahr werden könnte, macht euch vorübergehend vorsichtiger. Ihr benehmt euch wie Kinder, die eine letzte Warnung erhalten haben. Der höfliche Umgang strengt euch so an, dass ihr lieber streiten würdet, aber ihr reißt euch zusammen. Ihr könnt nicht mehr als sechs Stunden miteinander verbringen, ohne auszuflippen, und ihr haltet es nicht länger als zwei Tage ohneeinander aus. Außenstehende halten es nicht länger als zwei Tage mit euch aus. Hättet ihr nicht für den Flug diese ultrastarken Schlaftabletten besorgt, mit denen ihr euch eine Pause von euch selbst verschaffen könnt, es wäre nicht auszuhalten.

 

*

 

Dir geht es ausgezeichnet. Du bedankst dich herzlich beim Fahrer dieses kleinen Wägelchens, mit dem du durch den Terminal sausen durftest. Ihm ist es egal, dass ihr weder steinalt noch ernsthaft versehrt seid, er fährt das Wägelchen sowieso den ganzen Tag. Hoppla, fast hättest du die Krücke vergessen. Eine wirklich gute Idee von deinem alten Freund und Kupferstecher Hartmut, der auch keine Lust hat, zu Fuß durch Flughäfen zu hetzen und anschließend Schlange zu stehen. Schlaue Leute vermeiden Zumutungen. Wenn ihr in Miami landet, werdet ihr – selbstverständlich wieder mit dem Wägelchen – direkt zum Parkhaus fahren. Ihr müsst den Mietwagen nicht bei der Mietwagenstation holen, nein, der Wagen steht für euch bereit. Gewusst wie. Das sagst du zu deiner Frau und tätschelst ihr liebevoll die Hüfte. Ihre weißen Jeans heben deine Stimmung nochmals. So und nicht anders, oder Schatz? Deine Frau nickt. Etwas mehr Euphorie wäre an dieser Stelle wirklich angebracht. Du rufst deine Tochter an, um ihr zu erzählen, dass alles läuft wie am Schnürchen. Früher wärst du Business Class geflogen, aber seit du immer öfter Prominente in der Economy siehst, findest du: Man kann sein Geld auch anderweitig loswerden. Deine Frau geht in den Duty Free.

Hallo Schätzchen? Ich wollte nur Bescheid sagen, dass bei uns alles bestens geklappt hat, mein Sonnenschein. Deine Tochter ist so einsilbig wie deine Frau. Was soll das? Deine Tochter ist nicht die Tochter deiner Frau und nimmt dir übel, dass deine Frau so aussieht wie ihre Mutter in jüngeren Jahren. Da steigt selbst ein Schlitzohr wie du nicht mehr durch. Sie soll dir kurz deinen Enkel geben. Er ist etwas älter als dein jüngster Sohn, sein Onkel. Hört sich alles komplizierter an, als es ist. Die Sache ist die, dass du dich wirklich nicht lumpen lässt und die ganze Mischpoke von Herzen liebst. Sogar deine Exfrauen hast du stets in guter Erinnerung behalten und sie dich hoffentlich auch, ob nun als Liebhaber oder als Inhaber der bekannten Firma Zahlemann & Söhne, darauf hast du keinen Einfluss, aber selbst das nimmst du mit Humor. Du warst immer beweibt, ein Ausdruck, der dir gefällt, und bist der Meinung, dass man erst etwas vermisst, wenn man eine Vergleichsmöglichkeit hat. Du hast dir schließlich auch kein Smartphone gewünscht, als du noch dieses monströse Autotelefon hattest, oder? Große Sache damals, im wahrsten Sinne des Wortes. Jedenfalls warst du mit deinen Frauen immer glücklich, auch wenn irgendwann Routine daraus wurde, aber das ist ja beidseitig und normal. Gehört sozusagen dazu und hat auch seine Vorteile. Dann kam irgendwann jemand, der wieder frischen Wind brachte. Man wacht auf und merkt, dass man lebt und noch was will. Was anderes zum Beispiel. Alles ganz natürlich, quasi der Lauf der Dinge. Tel Aviv, wie der Franzose sagt, hahaha. Aber Scherz beiseite: An dieser Stelle kommt nichts Neues mehr. Man soll niemals nie sagen, aber wenn du dich das nächste Mal verliebst, wirst du dich deswegen nicht scheiden lassen. Das steht fest. Diese bronzehäutige Frau in Weiß, die dir dort drüben mit deiner Kreditkarte einen edlen Rum kauft – Augenblick mal, wieso eigentlich Rum, wenn man nach Miami fliegt? Miami ist fast Kuba! Wie auch immer: Diese etwas kapriziöse Sommerblüte wird jedenfalls deine letzte Ehefrau in diesem Leben sein. Es wundert dich, dass dir diese Entscheidung genau jetzt durch den Kopf geht. Aber sie gefällt dir. Der alte Wolf setzt sich zur Ruhe. Dir fällt ein Trinkspruch ein, den du in einem Film gehört hast. Wives and girlfriends, may they never meet! Herrliches Motto. Fast hättest du es deinem siebenjährigen Enkel gesagt, der dir am Telefon einen länglichen Witz erzählt.

 

*

 

Du hast dich immer viel geschämt und ernsthaft daran gearbeitet, dass es ein bisschen weniger wird, dass wenigstens das komplett irrationale Schämen aufhört, aber in deiner jetzigen Beziehung wurde es schlimmer als in deiner Schulzeit, die du praktisch stumm und mit einem knallroten Kopf verbracht hast.

Deine Bekannten sind glücklich mit Männern, die ständig auffallen und aus der Reihe tanzen, hupen, reklamieren, laut essen oder Schlimmeres. Du aber schämst dich für diesen vergleichsweise unauffälligen Mann, und zwar permanent. Er tippt dich an und hält dir seine Wasserflasche hin, du schämst dich. Er streckt sich und lockert seine Oberschenkel, du schämst dich. Er fragt den Mann neben euch etwas, und du möchtest im Boden versinken. Du schämst dich, wenn du seinen landläufigen, harmlosen Namen aussprechen musst, deshalb rufst du »Ähm?« oder »Hallo?«, wobei oft nur ein Krächzen herauskommt, und du vermeidest Sätze, in denen du ihn als deinen Freund bezeichnen musst. Du kennst Frauen, die ihren Freund knallhart als Lover bezeichnen. Als wollten sie einem dieses Bild – bei dem Wort Lover denkst du an einen nackten bleichen Mann, der unbeweglich auf einer Frau liegt, die er fast vollständig bedeckt – regelrecht in den Kopf hämmern. Welche Assoziationen das Wort Freund in anderen Leuten hervorruft, weißt du nicht, du weißt aber, dass du zu jung bist, um ihn als deinen Bekannten zu bezeichnen. Du ahnst, dass hier der Hund begraben liegt. Du denkst den Gedanken nicht weiter, er lässt dich wieder rot werden, wofür du dich abermals schämst, ein Kreislauf, den du manchmal versuchst zu stoppen, indem du die Luft anhältst. Doch es ist schon so: Du schämst dich dafür, dass ihr ein Paar seid, was bedeutet, dass ihr Sex habt, worüber niemand außer dir nachdenkt, denn abgesehen von deiner hypernervösen Körpersprache seid ihr so unauffällig, dass ihr ein erfolgreiches Gangsterduo abgeben könntet. Einmal hättest du dich fast geoutet. Eine Kollegin erzählte dir in der Kaffeeküche, dass sie ihr Klopapier immer im Büro klaue, nicht aus Geiz, sondern aus Scham, mit diesen Rollen im Laden und auf dem Heimweg gesehen zu werden – ballaballa, oder? Stimmt, dachtest du, das ist in der Tat ziemlich krank und hätte von dir sein können, das Problem deiner Kollegin ist allerdings nichts gegen deins.

Du bekommst einen Zuckanfall, als sich ein asiatischer Geschäftsmann neben dich setzen will. Dies ist der Sitz deines Freundes, du weißt nicht, welche Sprache dieser Mann spricht, und du hoffst, dass niemand sieht, dass du gar nicht mehr aufhören kannst, mit dem Kopf zu schütteln. Der Mann hält dich für geisteskrank und geht. Wenn er im Flugzeug neben dir sitzen sollte, wirst du das nicht überleben. Dein Freund bringt dir ein Sandwich, das du gerne hinter einer aufgeschlagenen Zeitung essen würdest. Wenn er nicht zurückgekommen wäre, hättest du ihn ausrufen lassen müssen, ein Super-GAU, den du dir gar nicht näher ausmalen willst. Während er kauend mit dir redet, schaust du geradeaus und kaust deinerseits so unauffällig wie möglich. Dabei denkst du an den bevorstehenden Urlaub, euer erster gemeinsamer. Du hoffst, dass er nicht in den Pool springt, weder sich noch dich vor anderen mit Sonnencreme einreiben will und nicht englisch redet. All das wird er tun. Es ist das, was man im Urlaub tut. Was das heißt? Dass du dich auf dem direkten Weg in die Hölle befindest. Ins Fegefeuer der Peinlichkeiten. Ja, das ist zum Heulen. Aber nicht vor all diesen Leuten.

 

*

 

Ihr verwechselt gerade ein Fernziel mit einem Ausweg. Ihr fliegt in ein schönes Resort in Indonesien. Der Honeymoon-Overkill dort wird euch derart überfordern, dass der sporadische Sex, den ihr zu Hause habt, ganz einschlafen wird. Ihr werdet euch trotzdem gut verstehen, oder vielleicht gerade deshalb. Ihr werdet gemeinsam den wichtigsten Programmpunkt schwänzen, ein paar Tage nur, partners in crime, und froh sein, dass ihr es auf die angesammelte Müdigkeit schieben könnt.

Die vielen Blüten und Früchte im Luxusresort werden euch bereits an Tag zwei penetrant erscheinen. Fruchtbarkeit und Paradies sind unglücklicherweise genau nicht eure Themen. Ihr werdet die rettende Idee haben, tauchen zu gehen, aber sie nicht umsetzen. Stattdessen wird euch Verlegenheit überkommen. An einem der letzten Tage wird sie sich, um vom Bett ins Bad zu gehen, eins der Laken nehmen. Sie wird es unter deinen Beinen wegziehen und sich umständlich eine Art Sari daraus knoten. Das Laken wird zu groß sein, sie ist nicht sonderlich geschickt. Sie wird weitermachen, so als dürftest du sie unter keinen Umständen mehr nackt sehen. Sie wird etwas von Aircondition murmeln und deinen Blick auf ihrem traurig gekrümmten Rücken spüren. Es wird der Moment sein, in dem euch klar wird, dass ihr nie wieder miteinander schlafen werdet.

 

*

 

Du bist die Einzige, die dem Popstar hinterherschaut. Vermutlich liegt es daran, dass man diesen Mann nur im deutschsprachigen Raum kennt und auch da nur in bestimmten Kreisen, was den Begriff Popstar etwas verzerrt. Dieser Mann ist ein Held seines Genres, eines Genres, das er eigentlich selbst erfunden hat, sein Umgang mit der deutschen Sprache ist legendär, seine Texte drücken exakt das Zeitgefühl der Generation vor dir aus, mit der du dich verbundener fühlst als mit deiner eigenen.

Der glaubhafte Star und seine Frau, die das Gegenteil eines Groupies ist, eine unprätentiöse herbe Schönheit, mit der er schon vor seinem Ruhm zusammen war, setzen sich lachend hin. Du weißt, wie angenehm diese Leute sind, du hast ein Volontariat bei einem öffentlich-rechtlichen Radiosender gemacht und einmal gesehen, wie die Frau den Star nach einem Interview abholte, um mit ihm und deinem Chefredakteur in einer stinknormalen Kneipe ein Bier zu trinken.

Dein Freund reißt dich zurück ins Hier und Jetzt. Leider macht er sofort den Fehler der Erfolglosen: Er äußert sich despektierlich über den Mann mit dem Erfolg. Eine Null spricht über eine Eins. Sofort hast du zwei Probleme. Du weißt, dass Stars, auch solche, die nur in Spezialmedien stattfinden, jede Reaktion auf sich, und sei sie noch so gut getarnt, sofort registrieren. Man wird das Getuschel deines Freundes also zur Kenntnis nehmen. Er hält sich die Hand vor den Mund und persifliert ein Flüstern, das dir lauter erscheint als ein Reden in normaler Lautstärke. Der Popstar unterhält sich, demonstrativ, wie dir scheint, mit einer alten Frau, die ihn nicht kennt, und zeigt, wie wohl er sich inkognito fühlt. Glücklicherweise ist er bald in Colombo oder Jakarta, wo ihn wirklich niemand mehr kennt, es sei denn, er hat einen Gig im dortigen Goethe-Institut.

Dein zweites Problem ist dein Freund selbst. Denn der, das fällt dir nicht zum ersten Mal auf, ist ein verbitterter Loser. Du hast alles, was er gerade sagt, in exakt diesem Wortlaut zigmal gehört, was ihm eigentlich klar sein müsste.

Du könntest aufstehen und ein paar Schritte gehen. Das Blitzeis ist an allem schuld. Gibt es eine Band, die Blitzeis heißt?

Du bleibst sitzen und hältst die Tirade deines Freundes mit ein paar trockenen, aber gezielten Bröckchen am Lodern. Du sagst: Ach, echt? Nö, finde ich jetzt gar nicht, wieso? Mit seinen Antworten schießt er sich ins Aus. Du weißt, du bist perfide, aber er hat es nicht anders verdient. Du bist diejenige, die jetzt noch etwas retten könnte. Du könntest ihn fragen, ob er auch etwas trinken will, oder ihm einen deiner Kopfhörer ins Ohr stecken. Du könntest ihn anlachen oder streicheln. Du drehst deinen Kopf scharf nach rechts und schaust ihm direkt in die Augen. Es sind die Augen eines Fanatikers, und weil du ein faires, liberales Mädchen bist, fragst du dich kurz, ob dieser Fanatismus nicht nötig ist, wenn man Künstler sein will. Nein, entscheidest du. Leidenschaft ja, dieser Wahnsinn hier definitiv nicht, und plötzlich weißt du, dass es vorbei ist.

Du wolltest schon gehen, als er dir zum ersten Mal seine Musik vorspielte. Du hast geahnt, dass sie dir nicht gefallen würde, und den Moment hinausgezögert. Als es dann so weit war, wusstest du nicht, was für ein Gesicht du machen solltest, denn was du da hören musstest, übertraf deine schlimmsten Befürchtungen. Kurz hast du sogar gehofft, er würde dich auf den Arm nehmen. Wäre dem so gewesen, du hättest vor Erleichterung gekreischt. Doch das war nicht sein Stil. Es wäre einfacher gewesen, wenn er einfach einen blöden Job gehabt hätte. Doch diese Musik und insbesondere die grauenvollen Texte, ja, das war er. Anschließend warst du zwar ernüchtert, aber eure Beziehung ging weiter. Seine Musik wurde von dir fortan behandelt wie sein Fußballverein: mit mütterlicher Nachsicht. Jetzt siehst du seinem Problem, das auch dein Problem ist, wieder direkt ins Gesicht. Der bodenständige Star und seine Frau rauchen mit der alten Dame eine E-Zigarette und unterhalten sich prächtig.

Du gibst deinem Freund eine letzte Chance. Du sagst gespielt müde und äußerst sanft, dass man, von der Musikrichtung mal abgesehen, diesem Mann dort drüben ja wohl nicht absprechen könne, ein wirklicher Poet zu sein, und zitierst eine seiner bekanntesten Textzeilen. Das ist doch echt genial, oder? Dein Freund, der nichts von deinem Ultimatum ahnt, spuckt Gift und Galle. Du merkst, dass du dir damit selbst ins Knie geschossen hast, denn du bist zwar wirklich clever und wenn es sein muss auch mutig, aber du bist kein Mädchen aus einem Film. Das würde jetzt aufstehen und gehen und ihn mit seiner Gitarre in seinem Elend sitzen lassen. Vielleicht würde es ihm sogar noch raten, es sein zu lassen. Das, was er macht und ist, reicht ganz offensichtlich nicht für das, was er gern wäre. Aber halt: Das wäre wirklich anmaßend. Er kann so lange an sich glauben, wie er will. Aber bitte künftig ohne dich.

Stattdessen bleibst du auf dem Flughafenstuhl sitzen und wühlst nickend in deinem Rucksack nach deiner Handcreme. Morgen werdet ihr in Thailand auf einer Insel ankommen, auf der man euch drei Wochen lang ununterbrochen mit Bob Marley beschallen wird, das weißt du vom letzten Mal dort. Zumindest wird sich damit eine Diskussion über die Musik erübrigen. Vielleicht versteht ihr euch ja dann wieder ganz gut.

 

*

 

Mit deiner ersten Frau war es aus, als eines Abends eine Frau in eure Stammkneipe kam und sich euch gegenüber an die Bar setzte. Ihr wart wie versteinert, deine erste Frau und du, als hättet ihr beide gewusst, dass diese Frau deine zweite Frau werden würde, was sie ja dann auch geworden ist. Jetzt hockt ihr hier an der Flughafenbar und trinkt ein Bier nach dem anderen, deine zweite Frau und du. Tja, so ist das Leben. Sitzen ist gut, Bier schmeckt.

 

*

 

Gähnend schlägst du DIE ZEIT zu. Du hast einen Artikel über die Schwierigkeiten Hochbegabter bei der Partnerwahl gelesen. Ihr Hauptproblem besteht wohl darin, dass sie sich im Gespräch sehr schnell auf eine Metaebene begeben, auf die ihnen Nichthochbegabte kaum folgen können. Abgesehen davon, dass sich der Artikel so las, als würden sich alle, die nicht Mensa-Mitglied sind, also auch du, nur über Grunzlaute verständigen, fehlte ihm auch das Drama: Alle der zitierten Hochbegabten waren verheiratet. Du bist der Meinung, dass es keine Frage des IQ ist, ob man sich lieber auf der Metaebene unterhält oder über Dinge, die man sieht, über Zeugs eben, sondern eine Frage von Willen und Interesse, eine Frage der Gesprächskultur. Rein intelligenztechnisch wäre auch deine Frau dazu in der Lage.

Du wühlst in dem Papierhaufen neben dir, willst aber nicht weiterlesen. Zuoberst liegt ein Boulevardmagazin, auf dem eine Frau in einem fuchsiafarbenen Freizeitanzug ein Kleinkind seitlich auf Brusthöhe trägt. Diese Pose ist sehr anstrengend, wie du als zweifacher Vater weißt. Du blickst auf, als deine vor Müdigkeit völlig überdrehte Tochter sirenenartig aufheult. Deine Frau, die ebenfalls einen Freizeitanzug, eine Pudelmütze und eine Pilotensonnenbrille trägt, hebt sie hoch und geht in Richtung Toiletten. Dir fällt auf, dass sie die Kleine so hält wie die Frau auf dem Cover. Du denkst wieder an die Metaebene und an die Gespräche, die du mit deiner Frau führst. Es sind Hausfrauen- und Müttergespräche. Im Gegensatz zu deinem Vater bist du über jede Laus, die deine Kinder befällt, bestens informiert. Trotzdem könnte man sich wenigstens abends über andere Dinge unterhalten. Du weißt, dass man ein angeregtes Gespräch nicht erzwingen kann, aber du hast es versucht. Deine Frau wurde sauer. Eure Gespräche seien doch gut, schrie sie gereizt, ihr würdet eben beide arbeiten. Du solltest dich mal fragen, was der Durchschnittsmensch so redet. Adorno oder was. Adorno? Sie verstand ja nicht einmal dich. Die nonverbale Kommunikation dagegen funktioniert ganz gut, ihr habt weiterhin Sex. Das ist keine Selbstverständlichkeit, falls du die Bemerkungen deiner Freunde richtig deutest.

Du streckst dich und gähnst ausgiebig. Neben dir sitzt ein schweigendes altes Paar. Du denkst an deine Eltern und hast plötzlich die beunruhigende Vorstellung, wie dein Vater zu werden, der im Nonsensgewitter deiner Mutter seit fast fünf Jahrzehnten Zeitung liest, fernsieht und über seinen Kram nachdenkt, den er mit ins Grab nehmen wird. Das alte Paar teilt sich einen Apfel und du bist überrascht, wie sehr dich das rührt. Vielleicht redet man mit der Zeit einfach weniger? Dann aber bitte auch keinen Unsinn mehr, dann bitte gleich ganz Ruhe.

Als deine Frau vor dir steht, fragst du sie, ob ihr im Urlaub nicht anfangen solltet zu meditieren. Das wäre Sprachlosigkeit auf einem höheren Niveau, denkst du und findest diese Eingebung wirklich gut, wahrscheinlich hat dich das friedliche Bild der apfelessenden Greise in diesen Zustand versetzt. Deine Frau sagt irgendwas. Es sind nicht nur ihre Themen, die dich nerven, es ist auch, vielleicht sogar in erster Linie, ihr nasaler Tonfall. Du bekommst deine Tochter auf den Schoß gedrückt.

Was?, fragst du, verwirrt wie dein Vater. Du starrst auf den Hintern deiner Frau, auf dem »Juicy Couture« steht, und denkst: Trulla. Zeitverzögert verstehst du, was sie dich gefragt hat. Verdammt, denkst du und schaust dich um. Du hast nicht nur eine Tochter, die über drei Oktaven heulen kann, du hast auch einen Sohn, der bis vor kurzem noch neben dir saß und den ihr jetzt ausrufen lassen müsst.

 

*

 

Kurz bevor du vierzig wurdest, musstest du dir alles Mögliche abgewöhnen. Es war eine Scheißzeit. Eine Scheißzeit auf Entzug, die nur dafür da war, die Scheißzeit ab achtzig zu verlängern. Denn man wird ja nicht wieder dreißig, nur weil man mit vierzig den Fuß vom Gas nimmt. Jedenfalls hörtest du dir in irgendwelchen Kursen schlecht gelaunt an, wie du deine Angst besiegen, deine Achtsamkeit schärfen und deine innere Leere bekämpfen könntest. Um dein Leid zu verkürzen, hast du diese Pillen zur Rauchentwöhnung bestellt, die bereits niemand mehr nahm, weil sie suizidal machten. Beim Nikotinentzug halfen sie nicht, aber deine Fixierung auf diesen Mann war wie weggeblasen. Eines Morgens wachtest du auf und warst frei. Er war dir auf einen Schlag egal. Dass du ihm schon länger egal warst, hat dich vier Jahre deines Lebens gekostet, in denen du ihm hinterherranntest wie ein würdeloses Hündchen. Jetzt wart ihr euch beide egal, und er stand für dich gewissermaßen auf einer Stufe mit Zigaretten, was du ihm zum Abschied hättest mitteilen können, aber nicht einmal dafür reichte dein Interesse noch. Du weißt nicht, ob es einen organischen Zusammenhang zwischen der Rauchentwöhnung und dem Ende dieser ungesunden Verliebtheit gab, ob es tatsächlich die Pille war oder ob hier lediglich eine zeitliche Koinzidenz vorlag, aber bisher hattest du keinen nennenswerten Rückfall. Gut, du hast vorhin kurz darüber nachgedacht, ob du ihm eine SMS aus Burma schicken sollst, aber: no way. Eher würdest du eine rauchen.

Der Zustand völliger Zufriedenheit war natürlich nicht lange aufrechtzuerhalten. Du posaunst es nicht hinaus, du kommst klar, aber du hoffst, dass dies dein letzter Trip allein sein wird. Passenderweise liest du im Lonely Planet.

 

*

 

Eines Morgens, du hast ihn gefragt, ob er noch ein Ei will, hast du es zum ersten Mal gesehen. Er schaute auf und fragte: »Was?«, und in diesem Augenblick hast du begriffen, dass er dich nicht ausstehen kann.

Dir war vorher nicht klar gewesen, dass das möglich ist. Hass wäre ein zu starkes Wort, er kann dich einfach nicht leiden. Er sagt, dass er dich liebt, nicht oft, aber immerhin. Damit meint er, dass du die Frau bist, mit der er schläft. Das schließe aber nicht grundsätzlich aus, dich auch zu mögen, dachtest du, als er dich wieder einmal anblaffte. Du hast ihn gefragt, ob er auch mit dir befreundet wäre, wärt ihr kein Paar. Die Frage war ihm zu hypothetisch. Schließlich fragte er sich auch nicht, ob er mit seinem Bruder befreundet wäre, wäre der nicht sein Bruder. Er wisse aber, dass er mit seinem Bruder nicht schlafen wolle. Diese Vorstellung fand er so absurd eklig, dass er minutenlang schallend lachte.

Die Art, in der er dir jetzt zu verstehen gibt, sitzen zu bleiben, während er mal eben nachschauen geht, ob sich etwas getan hat (was soll sich getan haben, alle hier angezeigten Flüge gehen frühestens in drei Stunden), sein unwirsches, herrisches Gebaren und die feste Überzeugung, er hätte hier irgendeinen Einfluss auf irgendetwas, fielen früher für dich in die Kategorie männliches Auftreten, heute machen sie dich krank. Die Angestellte hinter dem Boarding-Schalter lässt seinen Wutanfall an sich abprallen. Du nimmst dir vor, ihn künftig genauso unbeteiligt anzulächeln, wie sie das gerade vorführt. Er tippt mit dem Finger auf den Tresen vor der Frau, die froh sein kann, dass er ihr nicht auf die Schulter tippt, und du weißt, dass er jeden Satz mit und fertig aus beendet. Als zwei Flughafenpolizisten durch die Halle gehen, wünschst du dir kurz, sie würden ihn mitnehmen und in einem fensterlosen Kabuff zusammenschlagen. Von Mögen kann also auch bei dir nicht die Rede sein.

 

*

 

In Kürze wirst du mehrere Diagnosen hören: Erschöpfungsdepression, Entlastungsdepression, sekundärer Krankheitsgewinn. Damit wird man meinen, dass du dir mit deinem Zusammenbruch Ruhe verschafft hast. Oder auf dich aufmerksam machen wolltest. Doch noch stehst du nicht im Mittelpunkt. Die Jungs telefonieren mit ihrem leiblichen Vater, einem in der gesamten Familie nach wie vor beliebten Tunichtgut, der selbstverständlich nicht für seine Kinder zahlt, und deine Frau telefoniert mit ihrer Mutter, von der sie sich erst vor einer Dreiviertelstunde verabschiedet hat.

Der kleinere Junge hätte von dir sein können, ihr kanntet euch schon, als sie mit ihm schwanger wurde, aber er ist von ihrem Ex. Du liebtest sie täglich mehr. Sie blieb noch weitere anderthalb Jahre bei ihm, bevor sie mit den beiden Kindern zu dir zog. Du nennst sie deine Jungs und liebst sie. Das Haus, das du für deine neue Familie gekauft hast, musstest du nach kurzer Zeit vermieten, weil deine Frau in der Nähe ihrer Eltern wohnen wollte. Deine Schwiegereltern lassen dich bei jeder Gelegenheit spüren, dass sie ihren ersten Schwiegersohn zurückwollen, und tun gebrechlicher, als sie sind. Dies hier wird euer erster Urlaub ohne sie sein.

Du siehst aus wie ein etwas langweiliger Hypertoniker, aber vermutlich bist du der leidenschaftlichste Mann in diesem Flughafen. Deine Frau ist da pragmatischer. Sie ist weder besonders schön noch besonders nett, aber sie hat die Gabe, sich mit absoluter Selbstverständlichkeit auf Händen tragen zu lassen. Sie denkt selten über dich nach, denn du bist ja immer da. Du bist ihr zuverlässiger Schatten, weshalb sie dir jetzt ausrichtet, was du für ihre Mutter zu erledigen hast. Ja, hier auf dem Flughafen, geh doch bitte mal kurz ins Internet und überweis das für Mama. Dein älterer Stiefsohn gibt dir unwillig seinen Laptop, auf dem du jetzt herumtippst. Du machst, was man dir sagt. Du gehörst zu den wenigen Menschen, die wirklich für ihre große Liebe sterben würden. Pass auf dich auf.

 

*

 

Was ist los?

Was los ist? Das fragst du mich jetzt nicht ernsthaft, oder? Ich suche dich seit über einer Stunde.

Ich war hier.

Na super.

Ich habe die Leute gefilmt.

Aha. Schön für dich.

Fand ich auch. Ich werde mich im Übrigen nicht auf dein beleidigtes Getue einlassen. Nur mal so vorab.

Willst du ein Sandwich?

Ich habe die Leute gechannelt. Ich konnte sehen, wer sie sind.

Isabel, hör auf mit diesem Medium-Gefasel, du weißt, dass mich das nervt.

Ist ja gut. Weißt du eigentlich, dass ich mich schon zweimal auf dem Flughafen getrennt habe? Innerlich verabschiedet. Ich wusste, es war aus, als ich aus dem Flugzeug kam beziehungsweise ins Flugzeug stieg.

Aha. Thunfisch oder Mozzarella?

Und jedes dieser kleinen verzweifelten Tierchen hier wird das früher oder später erleben.

Was? Sich am Flughafen trennen?

Nein. Die meisten werden zusammenbleiben. Die werden diesen Moment haben, in dem es aus ist, und anschließend noch zehn Jahre so weitermachen.

Wenn du das sagst.

Nirgends liegt so viel zwischenmenschliches Grauen in der Luft wie am Flughafen.

Isabel, erstens: Schrei nicht so und hör auf, mit dem Finger zu zeigen. Zweitens: So sehen Leute aus, die stundenlang am Flughafen festsitzen. So sehen wir übrigens auch aus.

Du vielleicht, ich nicht.

Ja klar, genau.

Du verstehst mal wieder nichts. Nada, niente, nothing.

Wieso rufen die jetzt zuerst Istanbul auf, ich fass es nicht.

Meinst du, ich könnte mir in einem Hightech-Pharma-labor künstliches Gewebe bestellen und ein Herz daraus bauen lassen?

Bitte? Der Typ merkt, dass du ihn anstarrst. Ich weiß, dass dir das egal ist, aber er könnte gleich zwölf Stunden neben uns sitzen, und ich habe keine Lust auf diese Atmo. Schluck Cola?

Was? Nein. Lass mich mal weiter nachdenken, bitte.

Hör auf, diesen Mann anzuglotzen. Was soll das denn? Mann.

Ich muss rausfinden, was das kostet. Ein begehbares Herz mit Broken-Heart-Syndrom. Google das bitte mal.

Ich habe mein Telefon schon aus. Boarding. Komm jetzt.

Ein gebrochenes Herz sieht aus wie eine Tintenfischfalle.

Wie sieht eine Tintenfischfalle aus?

Wie ein gebrochenes Herz.

Witzig.

Man würde in diesem Herzen herumlaufen, es wäre zäh und glitschig. Ein Muskel eben. Dazu entweder O-Töne von Leuten oder Papier, Protokolle, die aus den Wänden hängen. Wie findest du das?

Das ist Kunstkurskunst. Kitsch. Herz vielleicht. O-Töne, die eigentlich von dir sind, nein.

Wieso nicht?

Weil du nicht der narrative Typ bist.

Und du bist kein Künstler.

Dito.

Was?

Das nimmst du zurück. Sofort nimmst du das zurück. Aber hallo nimmst du das zurück!

Okay: Du bist eine Künstlerin.

Ich liebe dich, weißt du das eigentlich?

Was gibt es da zu lachen?

Komm jetzt, Baby, es geht los. Wir fliegen.

Teil eins

Der Sprung

Alles beginnt mit Engelhardts Sprung.

Reza hatte sich eine Wohnung in einer alten Backsteinfabrik gekauft, mit Feuertreppen an den Außenwänden. Wie in New York, sagte jeder Zweite bei der Einweihungsparty. Engelhardt langweilte sich bereits nach fünf Minuten. Was ist nur mit den Leuten los, fragte er sich. Was ist eigentlich mit dir los, fragte ihn Susanne, seine Freundin. Engelhardt trank und redete viel, auch um den anderen nicht zuhören zu müssen. Susanne stand neben ihm und streichelte seinen Unterarm, als wäre er ein Gorilla, den es in Schach zu halten galt. Er wusste, dass er von Schluck zu Schluck lauter wurde. Nach eins tauchte eine Gruppe jüngerer Leute auf, und Engelhardt fühlte sich kurzfristig besser. Er drehte Rezas Anlage auf und tanzte mit einer Frau, die sich eine Knastträne auf ihre milchweiße Haut hatte tätowieren lassen. Ein Asi-Symbol in einem Aristokratengesicht, wow. Vielleicht wollte er dieser Frau seine Wildheit beweisen, vielleicht wollte er seinen Freunden zeigen, wie sehr ihn ihre Weinabende anödeten, vielleicht wollte er dem Fest einen Höhepunkt verschaffen, es wird ein Impuls bestehend aus alldem gewesen sein. Jedenfalls nahm Engelhardt brüllend Anlauf und sprang über das Geländer von Rezas Feuertreppe aus dem ersten Stock in den Hof. Ein Stunt, dachte er, als er die eiskalte Eisenstange im genau richtigen Moment losließ.

 

In den Wochen darauf sieht Engelhardt, von Beruf Regisseur, einen Film, der eine einzige Kameraeinstellung hat. Die Darsteller treten ins Bild, reden hauptsächlich über ein Thema, nämlich Engelhardt, und gehen wieder ab. Gelegentlich gibt Engelhardt selbst einen Kommentar aus dem Off. Schmerzmittelbedingt ist der Film recht langsam, und er macht ihn nachdenklich. Immerhin ist es kein Nachruf.

 

Isabel betrachtet die Röntgenbilder seiner Beine.

Schau mal, Engelhardt, so schön bist du von innen.

Total schön.

Warum hast du das gemacht?

Ich schätze, ich brauchte mal einen Break.

Einen ist gut. Isabel lacht, Engelhardt grinst.

Ich war betrunken. Heißt, ich sollte es wohl lassen.

Nüchtern bist du unerträglich, Engelhardt, sagt Isabel. Du müsstest moderat trinken. Stimmt, denkt er, aber wie geht das?

Nach zwei Gläsern Wein bist du so umwerfend, dass ich mich jedes Mal frage, warum ich nicht mit dir zusammengeblieben bin.

Ach so, denkt Engelhardt. Isabel setzt sich auf sein Bett und schaut ihm direkt in die Augen, Engelhardt hält stand. Er ist auf Morphium oder etwas Ähnlichem und könnte Isabel für Tage in die Augen schauen, als wäre das seine Lebensaufgabe. Sie war deshalb nicht mit ihm zusammengeblieben, weil sie eines Tages geglaubt hatte, zu einem völlig Fremden nach Wien ziehen zu müssen, was einem Mordversuch an Engelhardt gleichgekommen war. Das war vor ungefähr fünf Jahren. Mit ihr hatte er das Gefühl gehabt, ein jahrzehntelanger Irrtum habe sich endlich aufgeklärt und sein eigentliches Leben gehe jetzt los. Das Leben, das ihm zustand, das er schon als Kind für sich eingefordert hatte, zappelig und zornig, weil er nicht ausdrücken konnte, was ihm fehlte. Ein Mensch wie Isabel, wie sich zeigte. Sie hatte ihn bald besser gekannt als er sich selbst und dieses Wissen gnadenlos gegen ihn eingesetzt, doch auch als Gegnerin fühlte sie sich richtig an, fand Engelhardt. Hätte seine Mutter ihm irgendwann gesagt, der Nachbarsjunge sei nun ihr Sohn und nicht mehr er, es hätte ihn weniger schockiert als Isabels Mitteilung, sie habe sich verliebt. Engelhardt, zu verstört, um wütend zu sein, half ihr beim Umzug, so wie die Male zuvor, ständig umzuziehen gehörte zu ihrem Lebensstil. Wie ferngesteuert fuhr er sie zu ihrem neuen Freund, stritt und vertrug sich unterwegs mit ihr, und erst als sie in der Wohnung des anderen Mannes standen, begriff er, dass es sich bei den drei Anwesenden um ein Paar und eine Einzelperson handelte, ihn. Damals hatte er das erste Mal den Drang verspürt, aus dem Fenster zu springen. Er stand im Dachgeschoss eines Fremden, den er kaum wahrnahm, dessen Gesicht er sich nicht merken konnte, lobte den Ausblick und erkannte plötzlich, wie lachhaft klein der Schritt wäre, der dieses fragile Gebilde, das man Leben nennt, innerhalb von Sekunden beenden könnte. Immer wieder dachte er später daran, wenn Züge einfuhren, wenn er in seinem Auto saß, wenn er an Fenstern stand. Und als er über Rezas Brüstung sprang, war es, als hätte er etwas, das lange anstand, endlich hinter sich gebracht.

Und dann, fährt Isabel fort, Engelhardt zu erklären, wie Engelhardt tickt, kippst du. Eine Zeitlang konnte ich auf die Uhr schauen und wusste, wann es so weit war. Aber du hättest dir von mir eh nichts sagen lassen.

Ich hätte mir alles von ihr sagen lassen, denkt Engelhardt.

Stimmt, sagt er und wirft einen Blick auf den Typen im Nachbarbett, ein graues Männlein, das nachts schnarcht und jetzt Isabel anerkennend mustert.

Jedenfalls geht dann irgendwann das Tor zur Hölle auf und man begegnet Doktor Hyde, sagt Isabel.

Mister Hyde, sagt Engelhardt müde.

Du bist die Pest, wenn diese Tür aufgeht, weißt du das? Sie strahlt ihn an. Engelhardt winkt ab. Diese Tür gibt es auch bei Isabel, und nicht nur, wenn sie getrunken hat. Wäre sie ein bisschen reflektierter, wüsste sie das.

Isabel beginnt die Lilien zu arrangieren, die sie mitgebracht hat und deren morbiden Duft sich Engelhardt denkt, weil er einen Nasenverband trägt.

Als sie aus Wien zurückkam, war er schon mit Susanne zusammen und verbot sich jeden Gedanken an Isabel. Er war gerade so weit, dass es nicht mehr ständig wehtat, und das Letzte, was er wollte, war ein Rückfall. Sein erster großer Film, ein Sozialdrama, das mit Preisen überhäuft worden war, hatte ihm dabei geholfen, sich nicht mehr amputiert zu fühlen. Sein größter Erfolg und sein größter Verlust fielen somit in dieselbe Zeit, wobei seinen Verlust niemand ernst zu nehmen schien. Offenbar hatte man in dem Paar Engelhardt und Isabel einen zeitweiligen Wahnsinn gesehen, der sich nun erledigt hatte. Selbst Freunde fragten ihn so unbedarft nach Isabel, als wäre sie nahtlos zu seiner netten Bekannten geworden. Als er sich den vierten Abend in Folge die Geschichte eines entlaufenen Dackels anhören musste, verschwand er auf dem Herrenklo und riss dort das Pissoir aus der Wand. Kurz darauf traf er auf Susanne.

Isabel kommt näher und Engelhardt kann ihr nicht ausweichen.

Sag mal, Angelheart, duschen die einen eigentlich ab, bevor man in den OP geschoben wird?

Nehme ich an, ja.

Du riechst aber, als würdest du direkt von Rezas Party kommen.

Danke, Isi.

Gerne, Angie.

Du musst mich jetzt in Ruhe lassen, ich kann nicht mehr.

Ich werde dich nie in Ruhe lassen, Engelhardt, ich bin dein Fluch.

Ich weiß.

Raus mit dir, denkt er, als die Schwester hereinkommt, bei der Isabel einen Cappuccino bestellt, als wäre sie in einem Restaurant. Die Schwester verweist sie auf den Gang. Bleib bei mir, denkt Engelhardt, dann schläft er wieder ein.

 

Engelhardt starrt Reza an, wie er zuvor den Matisse-Druck im Krankenhausflur anstarrte, bis ein Pfleger ihn zurück in sein Zimmer schob. Reza scheint sich selbst zu erzählen, wie gut ihm das Training für den Marathon tut.

Engelhardt fragt sich, seit wann Reza derart spießige Jeans trägt und wieso er sich am Thema Langstreckenlauf abarbeitet, was a langweilig und b ihm gegenüber absolut taktlos ist. Trotzdem gefällt es ihm, Reza anzuschauen. Er bewundert die Symmetrie in Rezas Gesicht, die perfekte Größe und Anordnung von Augen, Nase und Mund, die er zum ersten Mal bewusst wahrnimmt, so wie kurz vorher den Blauen Akt. Trifft Rezas Gesicht den Massengeschmack?

Das Laufen, sagt Reza enthusiastisch, öffne ihm die Augen. Endlich habe er wieder eine Beziehung zu seinem Körper und endlich könne er sich wieder auf sich und seine Entscheidungen verlassen. Wahnsinn, sagt Engelhardt.

Dann redet Reza über seine neue Wohnung, als hätte er vergessen, dass Engelhardt sie bereits kennt, und über Lydias Talent bei der Einrichtung derselben. Reza sollte aufhören, seine Freundin zu loben wie ein lernbehindertes Kind, denkt Engelhardt. Stell dir vor, Lydia hat den Wasserhahn auf- und wieder zugedreht. Engelhardt weiß nicht, wie lange er schon vor sich hin nickt, als Reza ihm ein Schreiben auf die Bettdecke legt, das aussieht wie ein Bescheid vom Finanzamt. Engelhardt versteht nicht gleich.

Filmförderungsanstalt, ein Ablehnungsbescheid, keine Förderung, sagt Reza.

Engelhard liest die Begründung. Die Kommission ist zu dem Urteil gelangt, Engelhardts Treatment sei unstimmig. Es folgen drei Sätze Begründung, in denen man seiner Geschichte Unverfilmbarkeit und ihm selbst völliges Unvermögen bescheinigt. Verklausuliert natürlich. Ein lapidares Nein hätte genügt, findet Engelhardt und weiß, dass er im Normalzustand sehr wütend wäre über diese als Bürokratie getarnte Bösartigkeit. Er hat sich um etwas beworben, was man abgelehnt hat. Normalerweise wünscht man in diesem Fall den Verlierern viel Erfolg auf ihrem weiteren Weg. Im Falle von entlassenen Mitarbeitern ist man sogar dazu verpflichtet.

Tja, sagt Reza, als Engelhardt die Rechtsmittelbelehrung vorliest, denn gegen diesen Bescheid kann Einspruch erhoben werden, der jedoch nur zur Kenntnis genommen werden kann, wenn alle geforderten Papiere fristgemäß und in zehnfacher Ausführung eingereicht werden. Engelhardt beginnt zu lachen, leise, weil er so abgedämmt ist, aber er lacht immer noch vor sich hin, als Reza ihm sagt, dass er in nächster Zeit nicht mit ihm zusammenarbeiten wird, was aber nichts an ihrer guten Privatbeziehung ändere, zumal Engelhardt sowieso eine Auszeit brauche. Definitiv. In jeder Beziehung. Was soll das heißen, in jeder Beziehung, fragt Engelhardt, der Reza nicht ganz folgen kann, sich aber fragt, was ihm sein Produzent eigentlich bedeutet, wenn er nicht sein Produzent ist. Die Antwort kommt sofort, und sie ist ernüchternd.

 

Engelhard sieht Susanne am Fußende seines Bettes stehen und denkt an Misery, den Film, in dem Kathy Bates ihren Lieblingsschriftsteller pflegt, nachdem sie ihm vorher die Füße mit einem Vorschlaghammer zertrümmert hatte.

Doch sein Fußfiasko ist selbstverschuldet, und nicht er ist es, über den sich Susanne aufregt, sondern Reza: Rezas Verrat, Rezas gefährliche Wohnung, Reza ist schuld. Reza und die Filmförderung. Engelhardt muss sie unterbrechen:

Susanne, hör jetzt auf mit diesem Filmförderungsverschwörungsquatsch, die Sache ist durch. Das Treatment war einfach nicht gut. Der Tonfall der Absage ist eine Frechheit, keine Frage, aber das Treatment war halt so, wie es war, dann wird’s eben die nächste Idee, das gehört dazu, so läuft das eben.

Ich mein ja nur.

Ich weiß, danke, aber jetzt reicht’s.

Und jetzt bitte nicht auch noch beleidigt sein, weil ich meine Filmidee selbst nicht mehr genial finde, denkt Engelhardt, denn Susanne seufzt, als hätte sie es schwer mit ihm. Ich stecke in einer Krise, denkt er und zerbröselt den Panettone aus Rezas Präsentkorb, der erwartungsgemäß nach nichts schmeckt.

Ich habe mit deiner Mutter telefoniert.

Aha, was sagt sie?

Dass du schon als Kind autoaggressive Tendenzen hattest.

Susanne hätte ihm gern etwas Liebevolleres ausgerichtet, das sieht er, aber Engelhardt kennt seine Mutter und nickt nur.

Du warst bestimmt total süß, sagt Susanne und streicht ihm vorsichtig Haare aus der Stirn.

Geschmackssache, sagt Engelhardt und sieht sich selbst als Kind: Er spielt mit Messer, Gabel, Scher’ und Licht, macht Feuer, spitzt Stöcke an, schießt mit Erbsen, trinkt aus verbotenen Flaschen. Er sieht sich neben seiner Mutter im Büro des Schuldirektors und in der Notaufnahme. Heute würde man ihm Ritalin verschreiben.

Susanne grüßt ihn von Veronica, der Frau mit dem Gefängnistattoo im Alabastergesicht, deren Namen er jetzt erst erfährt. Er kennt Susannes Trick, sich umgehend mit Frauen anzufreunden, die ihn interessieren könnten. Sie glaubt, weder er noch die Frauen würden das durchschauen. Veronica macht Mode und hat ein Haus auf Sardinien. Susanne, die Häuser liebt, kommt auf ihr Lieblingsthema zu sprechen, den Umzug aufs Land.

Wieso fängst du immer wieder davon an?

Weil ich raus aus der Stadt will.

Du also, aha.

Frank, du auch. Da hätten wir Platz und Bäume.

Das Baumargument ist Blödsinn, denkt Engelhardt, in Berlin gibt es genug Bäume.

Ich will, dass es dir wieder gut geht, sagt sie, was ihn rührt, weil sie es ernst meint. Er weiß nicht, wann es ihm zum letzten Mal wirklich gut gegangen ist, aber wenn er darüber nachdenkt, sieht er sich nicht auf einem Dorf.

Wir müssen raus hier, sagt sie und beginnt, Krümel von seiner Bettdecke zu sammeln.

Engelhardt, dessen linkes Auge sich entzündet hat, was in seinem Zustand eher Nebensache ist, schmiert sich Augensalbe ins Unterlid und betrachtet Susanne abwechselnd durch das eine und das andere Auge. Entzündet: eine bucklige Gestalt in Lumpen. Gesund: Susanne in fließender Seide.

Maren kennt eine gute Therapeutin.

Susanne, lass mich in Ruhe, es geht mir gut. Er lügt und er lallt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Momente der Klarheit" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen