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Molungus: Buch 1: Eine dunkle Bedrohung

Molungus

Buch 1

Eine dunkle Bedrohung

Diese Geschichte handelt von einem Jungen namens Arius Margoron. Sie beginnt in Nõrdstådt, einem beschaulichen Dorf im Südosten der Nördlichen Welt, in dem Arius aufwuchs und bis zu seinem 15. Lebensjahr lebte.

Doch als Mõrgus der Düstere einen grausamen Zauber webt, wird seine Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Arius wird aus seinem Alltag, dem Lernen in der Dorfschule und der Arbeit auf dem Felde, herausgerissen und trifft eine folgenreiche Entscheidung: Er tritt dem Krieg gegen das Böse bei und kämpft um nichts weniger als sein Leben und den Tod.

Autorenteam Monrian

Inhalt

Prolog

Kapitel 1 Mysteriöses Erwachen

Kapitel 2 Ein alter Lederfetzen

Kapitel 3 Horus

Kapitel 4 Im Urwald gefangen

Kapitel 5 Lehrstunden

Kapitel 6 Die Mittagssonne

Kapitel 7 Ruhige Gewässer

Kapitel 8 Auf der Flucht

Kapitel 9 Die Macht der Magie

Kapitel 10 Die Insel im Nebel

Kapitel 11 Das Hornsignal

Kapitel 12 Gefangen in der Höhle

Kapitel 13 Die Flucht von der Moorinsel

Kapitel 14 Legenden

Kapitel 15 Der Sturm

Kapitel 16 Ein düsterer Sonnenaufgang

Kapitel 17 Die Elben aus Arê Niélai

Kapitel 18 Aufgespießt

Kapitel 19 Vernichtender Zauber

Kapitel 20 Gestrandet

Kapitel 21 Schwarze Magie

Kapitel 22 Unterholz

Kapitel 23 „Für Nõrdstådt!“

Kapitel 24 Lauernder Tod

Kapitel 25 Die dunkle Festung

Kapitel 26 Leben und Tod

Kapitel 27 Erwachen

Kapitel 28 Gefahr aus Stahl

Kapitel 29 Im hölzernen Käfig

Kapitel 30 An der Palisade

Kapitel 31 Das große Jagdfest

Kapitel 32 Feuer und Finsternis

Kapitel 33 Erfüllte Hoffnungen

Kapitel 34 Tote und Verletzte

Kapitel 35 Alte Gefährten

Epilog

Prolog

Entschlossen blickte der alte Mann in das Schneetreiben. Dicke Flocken schlugen gegen die gläserne Fensterwand des Thronsaals der Eisfeste. Das nördliche Meer, das sich vor den Mauern der Festungsanlage bis zum Horizont erstreckte, war schemenhaft in einiger Entfernung auszumachen. Die großen Eisschollen, die über das dunkle Wasser trieben, verschwanden hinter dem weißen Vorhang.

Der Mann wandte sich von dem Fenster ab und durchquerte den warmen Raum. Zahlreiche Kamine vertrieben die eisige Kälte aus seinen Gemächern, der Magier konnte niedrige Temperaturen nicht leiden. Hinter einer Tür in der Seitenwand verbarg sich eine Wendeltreppe, die tief in den felsigen Untergrund führte. Ein Gedanke von ihm genügte, um die Tür aufschwingen zu lassen. Gemächlich schritt er die Stufen hinab und richtete dabei seinen tiefschwarzen Mantel, der von blutroten Runen geziert war.

Nach einiger Zeit erreichte der alte Mann eine verschlossene, steinerne Tür. Raureif überzog das alte Gestein. Um ihn herum war es spürbar kälter geworden. Ungeduldig berührte er die raue Oberfläche der grifflosen Tür und wisperte die Losung. Das Gestein verblasste und schien sich gänzlich aufzulösen.

Vor ihm lag ein düsterer Raum, in dessen Mitte sich ein großer steinerner Schrein befand. Rings um das gewundene Gestein befand sich tausende Jahre altes Eis, dass sich über den Boden bis zu den Wänden erstreckte. Auf dem Schrein ruhte eine schwarze, gläserne Kugel.

Nun ist es so weit, dachte der Magier erwartungsvoll.

Als er den Raum betrat flammten mehrere Fackeln in eisernen Fassungen an den Wänden auf und die steinerne Tür hinter ihm nahm wieder Gestalt an.

Er schritt über den vereisten Boden zu dem Schrein und zog ein altes Pergament aus der Innentasche seiner Robe. Rasch entfaltete er die vergilbte Tierhaut. Er las die schwarzen Zeichen, die dort niedergeschrieben standen laut vor und berührte die schwarze Kugel. Dann hörte er ein Wispern. Es tönte durch den eiskalten Raum und hallte in seinem Kopf wider. Es wurde schlagartig dunkel, die Fackeln erloschen.

Mein Werk ist vollendet. Die jahrelange Anstrengung war nicht vergebens. Eine neue Ära wird beginnen. Eine Ära der Finsternis!

Schmunzelnd murmelte der alte Magier einige Worte, woraufhin seine Hand Feuer fing. Ohne die Hand zu verletzen züngelten die Flammen um seine Finger. Der Anfang war getan.

Kapitel 1 Mysteriöses Erwachen

Gähnend rieb ich mir die Augen, strich meine Haare aus dem Gesicht und atmete tief ein. Mein Blick fiel an die Decke und ich bemerkte wieder einmal, dass einige der dunklen Holzlatten unserer Hütte leicht morsch waren. Vater müsste sie bald auswechseln. Doch ob er dazu Zeit hätte?

Auf unseren Feldern gab es immer reichlich zu tun, weshalb es uns auch an nichts mangelte. Nur wenige konnten sich den Unterricht in Lesen und Schreiben bei Herrn Holtins, unserem Lehrer, leisten. Unter der Woche unterrichtete er mich, meine Schwester und drei weitere Kinder in einer kleinen Holzhütte am Ende des Dorfes. Er wusste erstaunlich viel über die Welt und die Mythen die sie umwoben. Ich fragte mich manchmal, woher er so viel wusste. Vielleicht lag es daran, dass er früher viel gereist war und sich erst vor einigen Jahren in Nõrdstådt niedergelassen hatte. Meine Eltern meinten, dass er seine Geschichten des Öfteren ausschmückte, um sie interessanter wirken zu lassen. Vor allem, wenn er Geschöpfe ersann, die vermutlich nur in der Phantasie des alten Mannes existierten. Dennoch hielten sie es für sinnvoll, meine Schwester und mich zu Herrn Holtins zu schicken. Denn das Meiste, was er uns beibrachte, hatte Hand und Fuß…

Plötzlich bemerkte ich, wie spät es schon war. Ich wollte Herrn Holtins nicht verärgern. Daher schlüpfte ich schnell unter meiner Decke hervor, zog die Beine nach und streckte mich erneut. Dabei schaute ich mich im Zimmer um.

Alles wie gestern Abend.

Ich drückte mich vom Bett ab, ging zum Fenster und sah hinaus. Die strahlende Morgensonne stand schon hoch am Himmel. Viele waren bereits auf den Beinen und gingen ihrer Arbeit nach. Vor unserm Haus herrschte reges Treiben. Ich drehte mich wieder um und ging zu dem Schrank, in dem meine Kleidungsstücke lagen.

Auf einmal hielt ich inne. Mir war nicht klar wieso, doch als ich aufgestanden war, war es mir so vorgekommen, als wäre jegliche Last von mir gefallen.

Komisch, dachte ich.

Sollte sich an mir etwas verändert haben?

Ich warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel und augenblicklich gefror mir das Blut in den Adern. Panik überfiel mich. Der gepolsterte Stuhl, vor dem ich stand, war sichtbar, nur ich nicht. Es war als würde es mich nicht geben.

Ein Traum, flüsterte es in mir. Doch trotzdem bebte ich vor Angst. Ich sah vorbei zu meinem Bett, wo das Unglück angefangen hatte, wollte eine Erklärung für das was hier geschah. Und erblickte den dort ruhenden Jungen.

Ich, also mein Körper, lag noch im Bett. Wortlos starrte ich auf die Schlafstätte. Dann übermannten mich meine Gefühle. Ich fing an zu keuchen und rang nach Luft.

Das kann nicht sein. Was geschieht mit mir? Bin ich tot? Ich wusste nicht, was ich jetzt tun sollte, lief im Zimmer umher und wimmerte.

Was passiert hier nur? Ich fiel auf die Knie und schlug meine Hände ins Gesicht, spürte jedoch keinen Schmerz.

Das kann nicht sein. Ich schluchzte und grub meine Hände tiefer ins Gesicht, spürte weder Haut noch Tränen.

Hilft mir doch jemand! Bitte. Ich hob den Kopf und blickte umher. Sah auf mein Bett, dann zum Spiegel. Es musste eine Erklärung dafür geben. Ich schluckte die Angst und die Panik herunter, dachte nach, über meine Eltern, über meine Schwester und über meine Freunde.

Béleron. Vielleicht kann er mir helfen.

Béleron, einer meiner Freunde, hatte immer schon von Magie und Mysterien gesprochen. Was das anging, hatte ich ihn schon immer sonderbar gefunden. Nun begann ich jedoch, ihm Glauben zu schenken. Ich musste zu ihm gehen und ihn um Hilfe bitten.

Doch kann er mich überhaupt sehen?

Ich musste ihn finden. Der Unterricht war vergessen.

Während ich aus dem Raum lief, schaute ich an mir herunter, doch wie zuvor sah ich nichts. Selbst wenn es sich so anfühlte, als wäre meine Hand unversehrt geblieben, war sie dennoch nicht sichtbar. Ich stieg die Leiter hinab und blickte in die Küche. Ein runder Tisch mit vier hölzernen Stühlen stand gedeckt ihrer Mitte. Durch drei große Fenster wurde der Raum mit Licht versorgt. Die Vorhänge waren bereits zur Seite gezogen. In Schränken an den Wänden befanden sich kleine und große Porzellanteller, daneben die Tassen.

Der Holzboden war übersät mit Teppichen. Unsere Mutter hatte sie alle selbst gewebt. Daher war sie auch so wütend gewesen, als ich den großen Brandfleck in eines ihrer schönsten Werke gebrannt hatte. Eines Tages hatte ich mit einem glühenden Ast in brennenden Kohlen herumgestochert. Dabei war eines der Stückchen herausgefallen und auf den wertvollen Teppich gerollt. Nun befand sich die Kiste für Brennmaterial auf dem Brandfleck.

Ich durchquerte den Raum hin zur beschlagen Haustür.

Was nun? Zögernd streckte ich meine Hand nach dem Eisenring aus. Erschrocken bemerkte ich wie sie in der Tür verschwand. Sofort riss ich sie zurück. Ich schloss meine Augen und betete.

Bitte lass Béleron mir helfen diesen Wahnsinn zu beenden. Ich überlegte kurz, dann stand mein Entschluss fest. Ich schritt vorwärts und spürte wie mein Körper verschwand. Ich versank regelrecht in dem dicken Holz, bis ich auf der anderen Seite wieder herauskam. Vor mir lag der Weg, der durch unser Dorf verlief.

Erst jetzt bemerkte ich etwas Seltsames. Mir fiel auf, dass ich wider Erwarten nicht im Boden einsank, stattdessen schwebte ich knapp über dem Boden.

Unglaublich. Das wird mir nie jemand glauben.

An Holzhäusern und Steinbauten vorbei machte ich mich auf den Weg zu Bélerons Unterkunft, bis ich sie endlich ausmachen konnte. Schon von Weitem erkannte ich das Haus. Ein moderner Bau aus braunem Backstein und mit Strohdach. Aus dem Schornstein kam dunkler Rauch. Plötzlich öffnete sich die hellbraune Pforte. Bélerons Vater schritt heraus und folgte dem Weg tiefer in das Dorf hinab. Ich nahm an, dass er zur Arbeit ging. Kurz darauf war er hinter dem nächsten Haus verschwunden.

Ich schwebte durch den Vorgarten, dann durch die Tür. Auch hier war ich wieder über die Fähigkeit erstaunt, durch Wände zu gelangen. Ich bewegte mich die Treppe herauf und den dunklen Flur entlang. Dann erreichte ich Bélerons Zimmer.

Béleron saß an einem dunklen Tisch aus Eichenholz und malte seltsame Runen in ein Buch. Eine kleine Öllampe spendete ihm Licht. In seiner Rechten hielt er eine weiße Feder. Das volle Tintengefäß neben dem Buch deutete darauf hin, dass er gerade erst angefangen hatte zu schreiben. Seine Augen musterten jedes Zeichen, das er auftrug. Er war wie ich fünfzehn Jahre alt und etwas größer als zwei Schritt. Außerdem hatte er blonde, kurze Haare und trug einen Stoffmantel. Dazu eine graue Lederhose. Plötzlich stand er auf, machte das Buch zu und stellte es in ein Regal. Dort standen mehrere solcher Bücher. Kleine, große und golden verzierte. Dann drehte er sich um, und kam zu mir herüber. Er schaute mich aus seinen blauen Augen direkt an.

Sieht er mich? Seine Lippen fingen an sich zu bewegen, doch es kam kein Laut heraus.

Plötzlich vernahm ich in meinem Kopf ein Flüstern, das mich kurz zusammenzucken ließ.

„Hallo Arius. Dann hat es dich auch getroffen? Wir müssen schnell zu Horus, meinem Meister“, sprach Béleron ruhig.

Erschrocken sah ich ihn an. „Wieso kannst du mit mir reden? Was geschieht hier. Was hat mich getroffen? Kannst du mich sehen? Wer ist Horus und was hat der damit zu tun?“, dachte ich verwirrt.

Wieder vernahm ich Bélerons Stimme. Er antwortete auf meine Fragen: „Ich sehe dich nicht, ich kann jedoch deine Anwesenheit spüren. Bewahre Ruhe, wenn wir uns beeilen hast du eine Chance. Den Rest wirst du später erfahren.“

Verzweifelt dachte ich nach. „Aber wieso kannst du meine Gedanken lesen? Und wie kannst du mich spüren?“

Béleron wandte sich von mir ab. „Magie.“ Der blonde Junge bedeutete mir, ihm in die Mitte des Zimmers zu folgen. Auf einem grünen Teppich, auf dem goldene Verzierungen und Zeichen prangten, hielt er an. Zögernd folgte ich ihm und stellte mich neben ihn. Die Angst trieb mich an, ihm zu vertrauen.

Béleron flüsterte einige unverständliche Worte und schrieb mit seinem Finger Zeichen in die Luft, bewegte sich dazu leicht hin und her. Leises Rauschen war zu hören, wie kurz vor einem Sturm. Die Öllampe, welche auf dem Tisch stand, erlosch. Der Wind frischte auf und ließ die Fenster auf und zu schlagen. Ein Wirbel aus Pergamenten und anderen Gegenständen begann sich um uns herum zu drehen. Immer schneller und schneller.

Was passiert hier? Bald verschwamm alles zu einem grauen, tosenden Schleier.

Nach einer Weile wurde der Wirbel langsamer und unsere Sicht klarte auf. Schwüle Luft drang auf mich ein. Lautes Vogelgezwitscher und andere Tierlaute hallten von allen Seiten. Um mich herum ragten Pflanzen und gigantische Bäume in die Höhe und verdunkelten den Himmel. Die grünen Blattkronen ließen nur vereinzelt Lichtstrahlen hindurch, sodass ich die Sonne nicht erkennen konnte. Trotzdem konnte ich sehen, dass es bereits dämmerte. Während des Zaubers mussten viele Stunden vergangen sein.

Hohes Gras, Farne und riesige, drei Schritt breite Blüten bedeckten den Boden. Sie boten den Tieren Versteck und Nahrung. Süße, aber auch unangenehme Düfte waren vernehmbar. Insekten schwirrten umher und sammelten Nektar ein. Doch nicht alle waren deswegen hier. Auch Blut zählte zur Nahrung mancher, beflügelter Wesen. Moskitos. Die Weibchen saugten sich damit voll und gaben den roten Lebenssaft daraufhin an ihren Nachwuchs weiter. Manche von ihnen erreichten sogar die Länge eines Fingers.

„Wir sind im Bergreich Gůrdănia, welches von diesem riesigen Wald umgeben wird. Östlich von hier lebt Horus. Es ist nicht mehr weit bis zu seinem Unterschlupf“, sprach Béleron in meinen Gedanken. Er saß auf einem alten Baumstumpf und besah sich die Gegend.

„Wir müssen uns jetzt schlafen legen, denn in der Nacht kommen wir nicht vorwärts. Wenn die Sonne untergeht, wird der Dschungel noch gefährlicher. Finstere Bestien durchstreifen dann das Unterholz.“

Da es gerade dunkel wurde, stimmte ich ihm zu und beobachtete Béleron, wie er begann Moos und Zweige einzusammeln. Er war gerade dabei, sein Nachtlager herzurichten. Die gesammelten Äste verteilte er über dem feuchtem Boden.

Aber was wird dich vor diesen Wesen schützen?“, fragte ich in Sorge über den blonden Magier.

„Das wirst du gleich erfahren, gedulde dich.“

Nachdem Béleron auch das Moos über den Ästen verteilt hatte, begann er Laute zu wispern und malte seltsame Runen in die Luft. Es hatte den Anschein, als würden sie weiß leuchten. Kurz darauf wurden wir von einer hellen Lichtkuppel umgeben.

„Die Magie wird jede Bestie fernhalten.“

Das schwache Licht der Barriere wirkte beruhigend und ließ jegliche Furcht vor den finsteren Tieren verschwinden. Ich konnte nur ungenau erkennen, was hinter der milchigen Schutzwand geschah. Béleron legte sich auf die mit Moos überdeckten Zweige und schloss die Augen. Schon bald hörte man leise Schlafgeräusche. Ich hingegen verspürte keine Müdigkeit und blieb daher wach.

Die Nacht hindurch blickte ich durch die Barriere. Manchmal erkannte ich Schemen, welche an der Lichtkuppel vorbei schlichen. Gespannt lauschte ich in die Dunkelheit. Das Rascheln der Blätter im Wind und leises Vogelgezwitscher waren zu hören.

Als Béleron am nächsten Morgen erwachte, verschwand die Barriere. Daraufhin sammelte er sein Frühstück. Er begann zwischen den Bäumen nach Essbarem zu suchen.

Als er zurückkam, brachte der Junge saftige Waldbeeren, leckere Nüsse und andere Nahrungsmittel aus der Umgebung mit. Seinen Durst stillte er mit frischem Wasser aus einem nahen Waldbach. Ich jedoch hatte weder Hunger noch Durst.

In seltsamer Stimmung sah ich zu, wie Béleron in eine saftige Mango biss. Dazu nahm er einen weiteren Schluck aus einer Kokosnuss. Als er die Früchte verspeist hatte, wusch er sein Gesicht mit Wasser aus einer Pfütze und spülte seinen Mund aus. Dann ging es weiter.

Wir folgten nun schon einer Weile einem Weg, auf dem wir reibungslos vorankamen, doch von Meile zu Meile änderte sich der Zustand stark, sodass Béleron sein Messer benutzen musste, um uns einen Weg zu bahnen. Mal führte er steil nach oben, dann ging es plötzlich wieder bergab. Einmal war es sogar so abschüssig, dass er vorsichtig hinunter klettern musste.

Ich hingegen schwebte ihm mühelos hinterher. Nach einem ganzen Tag erreichten wir gegen Abend Horus‘ Hütte.

Wir sind da“, Béleron zeigte auf ein merkwürdiges Bauwerk, das ungefähr hundert Schritt entfernt war.

Plötzlich viel mir eine Bewegung in einem Strauch neben dem Weg auf. Etwas Schwarzes schoss unerwartet zwischen den Zweigen hervor.

Lauf Béleron!“, schrie ich. Ein Ĕuĕandůs war ihm auf den Fersen; Die größte und gefährlichste Raubkatze des Bergreiches Gůrdănia. Sie besaß vier muskulöse Beine, scharfe Krallen und schwarzes Fell. Ihre spitzen Fangzähne und der kräftige Kiefer, konnten Knochen mühelos zerbeißen und Fleisch in großen Stücken herunter schlingen. Doch es war zu spät, das Biest stürzte sich auf Béleron.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht murmelte dieser einige seltsame Laute und versuchte sich verzweifelt vor dem Wesen zu schützen. Als die Bestie zubeißen wollte, schossen mehrere Wurzeln aus der Erde und schlangen sich um die Beine des Tieres. Die Bäume wurden lebendig. Immer mehr Wurzeln benachbarter Bäume umfingen das Monstrum.

Kurz darauf war das Tier in einem Käfig aus Wurzeln gefangen.

Staunend ging ich zu Béleron, der inzwischen wieder aufgestanden war und betrachtete dabei das Ungetüm. „Was war das?“

Béleron zeigte auf eine kleine Gestalt, welche in einen braunen Umhang gehüllt war. „Er hat mir geholfen. Ein Magier der Natur, der letzte Hüter dieses Waldes. Nur wenige bekommen ihn je zu Gesicht.“

Wie um die Worte des jungen Magiers zu unterstreichen, verschwand die mysteriöse Erscheinung wieder im Dickicht des Waldes.

Dann hat es auch eine gute Seite, unsichtbar zu sein, dachte ich. Sonst hätte mich das Biest noch erwischt.

Nachdem wir schweigend die letzten Schritte gegangen waren, stiegen wir die hölzernen Stufen zu Horus Eingangspforte hinauf.

Staunend schaute ich auf das prachtvolle, doch ungewöhnliche Bauwerk. Zwischen fünf riesigen Stämmen, welche nicht sehr weit auseinander wuchsen, hing ein Haus aus Lehm, Stein und Holz. Das Dach, das aus waagerecht wachsenden Lianen und Harz bestand, war direkt über den Mauern des Hauses zusammengewachsen. Aber noch faszinierender war, dass die wurzelartigen Lianen so nah aneinanderhingen, dass sie im Zusammenspiel mit dem Harz kein Wasser durchließen.

Nach acht Stufen Aufstieg standen wir vor der Tür des Hauses. Sie bestand aus beschlagenem Holz mit eingebrannten Runen. Das Holz der Tür schimmerte rötlich und die Türklinke bestand aus verziertem Gold. Noch nie hatte ich so viel Reichtum auf einmal gesehen. Und Edelmetall kannte ich nur aus Geschichten.

Béleron hob seine Hand, wollte gegen die Tür klopfen, doch da ging die Tür schon auf.

Kapitel 2 Ein alter Lederfetzen

Spät am Morgen erwachte Nayăna, meine kleine Schwester. Sie war drei Jahre jünger als ich und begann erst seit Kurzem meiner Mutter beim Fertigen der Kleider zu helfen. Sie hatte dunkles Haar und braune Augen. Als Kleidung trug sie gerne Fellumhänge, dunkel eingefärbte Leinenhosen und ihre Lederschuhe. Jeden Tag strickte und nähte sie sich neue Klamotten. Und wenn sie damit einmal fertig war, trug sie diese dann stolz umher. Doch trotzdem musste sie, wenn sie Herrn Holtins Unterricht besuchte, diese grauenvollen, braunen Stoffgewänder tragen.

Unser Lehrer achtete sehr auf gepflegtes und einheitliches Aussehen. Nachdem sie die Schulkleidung angezogen hatte, stieg sie die Leiter hinunter und setzte sich an den Holztisch. Ihre dunkle Ledertasche baumelte am Stuhl. Sie öffnete diese und steckte ihre weiße Feder sowie ein wenig Pergament hinein. Danach schloss sie die Tasche wieder, und begann zu frühstücken. Sie nahm sich einen Laib Brot, schnitt ein paar Scheiben ab und aß diese mit einem Stück guten Käses. Im Anschluss folgte ein Stück getrocknetes Fleisch. Gegen den Durst half ein Glas frisches Wasser.

Nachdem sie ihre gefrühstückt hatte, ging sie zu einem der mit Wasser gefüllten Krüge neben dem Schrank und wusch sich. Anschließend säuberte sie sich noch ihre Zähne. Als sie auch damit fertig war, nahm sie ihre Tasche von dem Stuhl, schulterte sie und ging durch die Eingangstür unseres Hauses hinaus.

Ihr Weg führte sie ans Ende des Dorfes, zu Herrn Holtins. Er war ein ruhiger, weiser Mann mit grauem Haar. Nayăna freute sich schon auf den Unterricht. Ihr Blick fiel zunächst auf das Haus der Nachbarn gegenüber. Wie fast alle Häuser Nõrdstådts war es ein typischer Fachwerkbau und besaß einen großen Garten, der hinter dem Haus lag. Nayana war schon einige Male dort gewesen. Besondern gefallen hatten ihr immer die großen Sonnenblumen, die in den zahlreichen Beten wuchsen.

Nayana ging durch unseren Vorgarten auf die ungepflasterte Straße und folgte ihr bis zum Ende des Dorfes. Nach einiger Zeit erreichte sie das rundliche Haus unseres Lehrers. Im Gegensatz zu den anderen Häusern war es komplett aus Holz gebaut und besaß ein Dach aus Stroh. Nayana hielt inne. Sie hatte noch keinen ihrer Mitschüler auf dem Weg zu Herrn Holtins getroffen. Für gewöhnlich sah sie mindestens einen von ihnen. Da bemerkte sie, dass eine Schiefertafel an der beschlagenen Holztür hing.

Liebe Schüler. Mein Unterricht fällt heute leider aus, da ich krankheitsbedingt nicht zur Verfügung stehe.

Nayăna war enttäuscht. Heute wollte Herr Holtins Nayăna und mich die Anatomie der Seraphîden lehren. Meine Schwester trat betrübt den Heimweg an.

Nach einer Weile kam sie wieder zu Hause an, trat ihre Schuhe ab und zog sie aus. Sie stellte sie in das hölzerne Schuhregal und stieg die Leiter wieder nach oben zu ihrem Zimmer.

Was soll ich jetzt machen? Sie ließ sich auf einem Polstersessel nieder und dachte nach. Ob Arius auch schon Bescheid weiß?

Genau wie meine Schwester ging auch ich normalerweise zu Herrn Holtins Unterricht. Außer mir waren noch drei weitere Jungs in Nayănas Gruppe. Da auch mein Unterricht nun ausfiel, vermutete Nayăna, dass ich bei Béleron war. Da unsere Eltern seit früh am Morgen auf dem Felde arbeiteten, machte sie sich auf die Suche nach mir. Ich würde sicher wissen, was wir unternehmen könnten.

Nachdem sie von dem Hauptpfad in einen Nebenweg gegangen war, sah sie Bélerons Haus. Nayăna klopfte an die schwarz bestrichene Tür aus Eichenholz. Als eine Weile lang nichts geschah, bemerkte sie, dass die Haustür einen Spalt breit offenstand. Nach kurzem Zögern trat sie ein. Die Tür knarrte als, meine Schwester sie aufschlug.

Nayăna blickte in einen dunklen Flur. Nur durch die Fenster traten Lichtschimmer ein, welche die Schränke und Stühle gruselig erscheinen ließen. Leise schlich sie den Flur entlang und danach die Holztreppe hinauf.

Oben angekommen, ging ein weiterer Flur von der Treppe ab. Auf der rechten Seite befanden sich ein Badezimmer und das Speisezimmer. Links davon, lag das Zimmer von Béleron. Er war das einzige Kind der Familie Rétaisos. Da meine Schwester schon einmal hier gewesen war, konnte sie sich trotz der Dunkelheit gut zurechtfinden.

An Bélerons dunkler Zimmertür angekommen, hielt sie ihr Ohr an das bestrichene Holz. Nichts. Hinter der Tür war es ruhig. Langsam drückte Nayăna die Klinke herunter.

Abgestandene Luft schlug ihr entgegen. Der muffige Raum war vollgeräumt mit alten Büchern und Regalen. Die Vorhänge waren zugezogen. Eine kleine Lampe auf dem Schreibtisch spendete ein wenig Licht und gab den Blick auf ein aufgeschlagenes Buch frei. Neugierig setzte Nayăna sich auf den gepolsterten Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand und blätterte in dem Buch herum.

Auf den Seiten waren seltsame Formeln und Sprüche in verschnörkelter Schrift niedergeschrieben. Das Buch sah sehr alt und wertvoll aus. Plötzlich bemerkte Nayăna einen alten Stofffetzen am Ende des Buches. Vorsichtig blätterte sie die dicken Seiten um. Eine Reihe seltsamer Schriftzeichen stand dort geschrieben. Sie ähnelten denen, die ihr bekannt waren, aber hatten eine leicht abweichende Form und Reihenfolge. Herr Holtins Handschrift ähnelte dieser Schrift sehr. Nayana versuchte die Worte zu lesen.

Plötzlich wehte ein kühler Windhauch durch das Zimmer. Die Öllampe neben ihr flackerte auf und erlosch. Aus der kühlen Brise wurde bald ein ausgewachsener Sturm. Die Seiten des Buches flatterten von einer zur anderen Seite. Bücher wurden aus den Regalen gerissen und durch die Luft geschleudert. Ein Wirbel aus Büchern und Pergamenten begann sich um Nayăna zu drehen. Panisch versuchte sie zu fliehen, konnte dem Sog jedoch nicht entrinnen.

Kapitel 3 Horus

Aus der Tür trat ein alter, stattlich gebauter Mann, der mich aus tiefliegenden, grauen Augen musterte. Er hatte langes graues Haar und sein Gesicht rahmte ein gestutzter, ebenfalls grauer Bart. Eine kleine Brille mit runden Gläsern saß auf seiner Nase.

Ich stutzte. Ein Teil des Bartes war versengt. Eine längliche Brandnarbe kam dort unter nur wenigen Haaren zum Vorschein und zog sich quer über die linke Gesichtshälfte. Wer hatte ihm das angetan?

Horus war in eine dunkelrote Robe gekleidet, die mit goldenen Runen bestickt war. Ein langer Zauberstab aus kostbarem Rotholz, auf dem sich eine grün schimmernde Kristallkugel befand, stützte ihn. Es schien als würde die Kugel von innen heraus leuchten. Der Stab war aus demselben rötlichen Holz wie die Tür. Wahrscheinlich eine Art magisches Holz.

Eine sonore Stimme begrüßte uns. „Guten Morgen Arius. Guten Morgen, Béleron.“ Mit einer einladenden Geste bat Horus uns hinein.

Woher kennt er meinen Namen?, fragte ich mich.

„Kommt herein, wir haben viel zu besprechen. Du, Arius, hast sicher ein paar Fragen an mich.“

Als ich in dem Haus stand, bot sich mir ein erstaunlicher Anblick. Die Möbel aus wertvollem Holz waren mit eingepresstem Elfenbein verziert. Das Elfenbein wiederum war mit goldenen Intarsien bestückt. Die Wände waren in Farbe von Rostkastanien gestrichen, verschnörkelte, rote Runen prangten darauf. Entlang der Seiten standen Regale voller alter, verstaubter Bücher. Ein Feuer brannte im Kamin und spendete Wärme. Auf einem Tisch aus altem Urwaldholz flackerte eine Kerze.

Horus bahnte sich erneut einen Weg in meine Gedanken und begann zu sprechen. Wie auch zuvor bei Béleron empfand ich es als ein unangenehmes Gefühl, wenn sich ein Fremder Zugang zu meinen Gedanken verschaffte.

„Wir müssen uns beeilen, Arius. Niemand weiß wie viel Zeit dir noch bleibt. Das Wichtigste zuerst. Du bist nicht tot, sondern deine Seele, das was dich ausmacht, wurde von deinem Körper getrennt. Mõrgus ist dafür verantwortlich. Er ist ein mächtiger Zauberer, welcher sich tief im Norden versteckt hält. Doch er hat sich der schwarzen Magie zugewandt.“

Horus wirkte so, als würde er darüber nachdenken, wieviel er mir erzählen wollte: „Mõrgus hat es irgendwie geschafft, Lebewesen die Seele zu rauben. Manchmal dauert dies einige Tage, doch wenn er eine gestohlen hat, stirbt das Lebewesen und sein Körper beginnt sich in eine Bestie zu verwandeln. Diese fällt instinktiv über die Lebenden her, und dient nur Mõrgus allein. Ich weiß nicht welche Pläne er mit diesen Schattenwölfen hat, doch jede geraubte Seele macht ihn mächtiger.“

Ich brauchte einen Augenblick, um das mir Erzählte zu verarbeiten. Es klang nach einer Geschichte, nicht wie die Realität. Doch Horus blieb ernst und angesichts der Tatsache, dass mein Körper noch in meinem Bett lag, schenkte ich ihm Glauben.

„Wie aber, gelange ich zurück in meinen Körper?“, fragte ich den alten Magier schließlich ernüchtert.

„Dies erfährst du nun…“, erwiderte Horus.

Gespannt sah ich zu wie Horus seine Augen schloss und einige seltsame Worte wisperte. Eine kurze Zeit lang geschah nichts, dann begannen die Augenhöhlen des Magiers feurig rot zu glühen. Er streckte seine bebende Hand aus und richtete sie auf meinen Körper. Langsam entstand unter mir ein Wirbel aus rotem Licht. Flammenähnlich schlängelte sich die Magie an meinem durchsichtigen Körper hoch, bis sie mich schließlich vollkommen umschloss.

Obwohl ich gestaltlos war, spürte ich auf einmal Hitze. Das rote Licht drang in meine fleischlose Gestalt ein und dann vernahm ich einen grellen Knall. Voller Furcht schloss ich die Augen.

Als es um mich herum stiller wurde, öffnete ich langsam meine Augen und sah mich um. Ich lag in meinem Bett.

War das alles nur ein Traum? Ich stand auf und lief zum Spiegel. Erleichtert stellte ich fest, dass ich nicht mehr durchsichtig war. Es war alles wie immer.

Wahrscheinlich alles nur ein Traum, dachte ich. Doch auf einmal zuckte ein greller, feuriger Blitz durch mein Zimmer. Kurz darauf standen Horus und Béleron vor mir.

Kapitel 4 Im Urwald gefangen

Stöhnend rieb sich Nayăna die Schulter. Meine Schwester lag auf dem Boden und fühlte deutlich den unebenen Waldboden unter sich.

Schnell schlug sie die Augen auf und blinzelte.

Wo bin ich hier? Erschrocken richtete sich das Mädchen auf und blickte sich um. Sie war umgeben von Farn, Gräsern und einigen Sträuchern. Direkt vor ihr wanden sich riesige Bäume in den Himmel und verdunkelten das Sonnenlicht. Einige der Urwaldriesen wurden von hölzernen Lianen umschlungen, oder von seltsamen Pilzen als Heim genutzt. Überall schossen farbenprächtige Blüten aus dem Waldboden empor. Mitsamt dem Farn und den Sträuchern lieferten sich diese einen Wettstreit um das Licht. Ein großer Schwarm von vielfarbigen Faltern zog über den schönen Blüten umher. Der süße Nektar lockte die Insekten an.

Nayăna wurde unruhig.

Wieso bin ich an diesem Ort? Zu diesem Zeitpunkt hatte sie kein Auge für die Schönheit der Natur. Es waren nicht die schwüle Luft oder aber das laute Vogelgezwitscher, die sie ängstigten. Nein, es waren die Ungewissheit und aufkeimende Sorge.

Was mache ich hier?

Leichte Panik überfiel das junge Mädchen, angespannt erhob sich Nayăna.

Welch‘ finstere Macht hat mir dies angetan? Nur weniger als zwanzig Schritt konnte Nayăna durch das dichte Gestrüpp schauen. Langsam rollten dem Mädchen Tränen über die Wangen.

Das Buch? Leise begann sie zu schluchzen.

Meine Schwester hatte viele Fragen auf die sie keine Antworten fand. Schnell wusch sie sich einige der Tränen aus dem Gesicht. Es hatte keinen Sinn tatenlos hier zu verweilen.

Wer sollte mich retten? Nun musste das Mädchen einen klaren Kopf bewahren. Sie musste sich versorgen, etwas Essbares finden und ein Wasserloch aufsuchen.

Schweren Gemüts atmete Nayăna tief ein und stieg über einen Strauch hinweg.

Ob ich jemals wieder zurückfinden werde? Sie verließ den kleinen Platz auf dem sie gelandet war und schritt los.

Farne gewaltigen Ausmaßes kreuzten den Weg des jungen Mädchens. Pflanzen aller Art überwucherten den Waldboden. Des Öfteren überwanden wilde Tiere ihre Scheu und zeigten sich Nayăna. Federn in schillernden Farben umhingen manche Vögel und schmückten diese. Aber auch die Flügel mancher Falter schrien nur so von ihren schillernden Farben. Selbst von glänzendem Fell bedeckte Rehe begleiteten Nayăna einen Teil ihres Weges. Ihr schien es, als versuchte dieser prächtige Wald sie aufzumuntern. Tatsächlich verschoben sich ihre Sorgen ins Dunkle. Tiere, wie Nayăna sie noch nie erblickt hatte, zeugten nur so von Pracht und Schönheit.

Plötzlich hielt Nayăna inne. Ihr Blick wandte sich von einem kleinen, von Fell überzogenen Insekt ab und richtete sich auf ein nur wenige Schritt entfernt wachsendes Gestrüpp. Dicke, saftige Beeren hingen an den dürren Zweigen. In riesigen Trauben taten sie sich zusammen und lockten Tiere mit ihrer rot glänzenden Farbe. Schnell sprang das junge Mädchen herbei und pflückte einige der Waldbeeren.

Vorsichtig kostete sie.

Lecker! Glücklich schob sie sich eine Rispe nach der anderen in ihren Mund. Diese Früchte waren köstlich. Was gäbe sie nur für ein kleines getrocknetes Stück Brot dazu. Dennoch stillten die Beeren fürs Erste ihren Hunger.

Nayăna horchte auf. Ein leises Rauschen drang an ihr Ohr.

Wäre es möglich? Schmunzelnd wandte sich das Mädchen von den Waldbeeren ab und begab sich in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien. Vorsichtig kam sie vor einem gewaltigen Stamm zum Stehen. Mächtig erhob sich der Baum mit seiner zerklüfteten Rinde in die Luft. Einzelne Sträucher verbargen manche Wurzeln des Baumes. Der Sicht beraubt, umrundete sie das Gewächs.

Vor dem jungen Mädchen erhob sich eine gewaltige, schroffe Felswand. Bis hoch in den blauen Himmel stach das graue Gestein. Von dort oben stürzten kleine Wasserkaskaden hinab und sammelten sich in einer großen, von Steinen umgebenen Lache. Von hier kam das Rauschen. Kaltes Wasser benetzte Nayănas Antlitz. Erleichtert leckte sie sich um ihre Lippen. Das Wasser schmeckte köstlich. Obwohl sie noch nicht allzu durstig war, ging sie zu der Lache und kniete nieder. Daraufhin füllte das Mädchen ihre Hände mit dem kalten Nass und trank.

Als ihr Durst gestillt war, stemmte sie sich wieder hoch. Hier wollte sie sich eine Hütte errichten. Meine Schwester brauchte ein Dach über dem Kopf.

Schnaufend trug Nayăna die Äste, welche hier und da herumlagen, beisammen. Sie häufte Laub, Moos und Zweige an. Darauf würde sie nächtigen.

Schnell zog sie einen dicken Ast hervor und lehnte ihn an den gewaltigen Stamm des Baumes. An diesen lehnte sie weitere, kleinere Äste. Zweige und trockene Gräser haftete das Mädchen daran an, sodass alsbald ein kleiner Unterschlupf entstand. Einzelne Zweige richtete sie noch, dann war sie fertig.

Erschöpft, aber glücklich bewunderte meine Schwester nach anstrengender Plackerei ihr Werk. Geschafft zwang sie sich unter einem Ast hindurch und kroch unter ihren Unterschlupf. Da es bereits dunkler wurde, legte sie das eigenhändig gesammelte, weiche Moos über ihrer Unterlage aus, warf sich darauf und rollte sich zusammen.

Traurig dachte das Mädchen über die Geschehnisse nach. In Nõrdstådt war sie auf solch ein Leben vorbereitet worden. Unser Lehrer Herr Holtins lehrte seine Schüler jegliches Wissen, welches einen im Alltag nutzen könnte. Dennoch machte ihr die Einsamkeit zu schaffen.

Was wohl meine Familie macht? Sofort schluckte sie den Kloß, welcher ihr im Hals saß wieder herunter.

Es wird alles wieder gut! Langsam schloss Nayăna ihre Augen. Nach einer Weile übermannte sie der Schlaf.

Das Geräusch dumpfer Schritte ließ Nayăna erwachen. Verstört rieb sie sich ihre Augen.

Wer oder was mag das sein? Geschwind kroch das Mädchen aus ihrem Unterschlupf hervor. Einen störenden Ast, welcher sich ihr in den Weg geschoben hatte, nahm sie bei Seite. Dann erhob sie sich und spähte durch den Wald. Zu ihrer rechten Seite erhob sich die gewaltige Felswand und auf der anderen lag ein großes Stück lichter Wald. Von dort aus hallte das dumpfe Stampfen. Grobe hundert Schritt konnte Nayăna über den flachen, überwucherten Waldboden schauen. Sie erschrak. Etwas Dunkles huschte durch den Wald, die dicken Stämme als Versteck missbrauchend. Schnell kam das seltsame Geschöpf näher. Nayăna wich zurück. Doch plötzlich war es wieder verschwunden.

Was ist das? Verdutzt, aber auch erschrocken starrte das Mädchen in den Wald. Alles blieb ruhig. Nur wenige Vögel zwitscherten munter weiter.

Misstrauisch sah sich Nayăna um.

Wo ist es hin? Schnell wandte sie sich wieder zum lichten Wald hin. Ein lautes, dunkles Fauchen ließ sie zusammenzucken. Plötzlich krallten sich von weißer Haut überzogene Arme um das Mädchen. Nayăna wollte schreien, aber das Wesen presste geschwind eine seiner dürren Hände über ihr Gesicht. Die weiße Haut fühlte sich rau und trocken an.

In Todesangst wand sich das Mädchen, doch aus dem festen Griff konnte sie sich nicht befreien. Langsam floss die Luft aus ihren Lungen. Auf einmal war da dieses Fauchen wieder. Schwarz umhüllte die Beiden. Dann waren sie verschwunden.

Kapitel 5 Lehrstunden

Der grauhaarige Magier blickte mir in die Augen.

„Wie fühlst du dich Arius?“

Außer, dass mir mein Kopf ein wenig brummte, ging es mir gut.

„Danke, mir geht es wunderbar.“

Natürlich wusste ich, dass die Welt sich nun wandeln würde. Nichts war mehr so wie vorher und mein Leben sollte sich stark verändern.

„Wieso seid ihr hier?“, fragte ich, und erst nachdem die Worte meinen Mund verlassen hatten, bemerkte ich wie unfreundlich ich war.

Horus nahm meine direkte Wortwahl jedoch nicht zu ernst. „Ich kann spüren, dass du die Gabe besitzt, Magie zu wirken. Da es nicht viele gibt, denen die Magie in die Wiege gelegt worden ist, bitte ich dich mein Schüler zu werden.“

Ich war so überrascht, dass ich für einige Augenblicke keinen Ton aus mir herausbekam.

Ich? Ein Magier? Nein, das kann nicht sein.

„Zuerst solltest du wissen, dass es fünf verschiedene Arten von Magiern gibt.“ Horus schien meine Antwort gar nicht abwarten zu wollen. „Feuermagier, Luftmagier, Erdmagier, Naturmagier und Wassermagier. Bevor ich anfange dich in der alten Sprache zu unterrichten, müssen wir herausfinden welche Art von Magier du bist…“

Schnell unterbrach ich den Mann, der ohne Erlaubnis in meinem Zimmer erschienen war. „Wieso sollte ich mich euch anschließen? Ich hatte ein ruhiges Leben. Ich bin nur knapp dem Tod entronnen, soll ich nun auch noch gegen diesen dunklen Herrscher kämpfen?“, empört setzte ich mich auf mein Schlafgemach. Béleron und Horus sahen auf mich hinab.

„Mir scheint, du hast kaum eine Wahl“, sagte Horus schließlich. „Mõrgus hat sicher schon mitbekommen, dass du seinem dunklen Zauber entkommen bist. Er wird dich auf kurz oder lang ausfindig machen und dann seine Diener nach dir schicken, denn auch er weiß, wie kostbar jeder ist, der die Gabe besitzt, Magie wirken zu können. Er wird dich gefangen nehmen und versuchen dich zu einem seiner Gefolgsleute zu machen.“

„Das würde ich niemals zulassen!“, sprach ich geschwind. „Niemals würde ich mich ihm anschließen.“

Horus blickte mich tadelnd an. „Ich glaube nicht, dass du es schaffen würdest, dem mächtigsten, noch lebenden Magier zu widerstehen.“

Ich dachte noch eine Weile über Horus Angebot nach. Er hatte mich vor dem Tod gerettet und mich wieder in meinen Körper gebracht. Ich hatte mich dafür ohnehin noch nicht richtig bedankt.

Es kann nicht schaden sich darin zu versuchen, dachte ich schließlich.

Horus wusste, dass ich kurz davor war zuzustimmen und fuhr fort: „Mit der alten Sprache sind die Magier fähig, zu zaubern. Jedes Element besitzt eigene Zauberformeln, was bedeutet, dass wir zunächst wissen müssen, welche Art von Magie du weben wirst. Es gibt zwar einige Zauber, die jeder Magier gebrauchen kann, wie zum Beispiel den des Lichts oder den des Teleports. Sie sehen jedoch verschieden aus und erstrahlen oft in der Farbe des jeweiligen Elements der Magier. Der Teleportationszauber erfordert allerdings eine gewisse Menge Kraft und Erfahrung.“

Horus rückte die Brille zurecht und sprach daraufhin weiter: „Natürlich war es früher so, dass Wassermagier von Wassermagiern, und Luftmagier von Luftmagiern unterrichtet wurden, denn sie kannten die Zauber, die ihre Schüler lernen sollten, am besten. Heute ist es jedoch so, dass es nicht mehr genug Magier gibt. Von daher muss ich versuchen dich zu unterrichten. Seist du nun ein Feuermagier wie ich, oder ein anderer Magier. Ich werde mir alte Schriften zur Hilfe nehmen, die ich vor vielen Jahren entdeckt habe. Sie beinhalten auch Zauber für die vier Elemente, die ich nicht wirken kann.“

Ich erinnerte mich an die Regale voller Bücher, die sowohl in Horus, als auch in Bélerons Zimmer standen. Nach kurzem Zögern willigte ich schließlich ein und Horus begann, mir zu erklären, wie man zauberte.

„Wenn wir gleich anfangen zu üben solltest du zuerst deinen inneren Magiespeicher finden. Er ist die Quelle deiner Macht und je stärker und erfahrener du wirst, desto größer wird er. Das bedeutet, dass du am Anfang noch nicht die Macht dazu hast einen starken Zauber zu sprechen, aber auch, dass du noch keinen allzu großen Schaden anrichten kannst. Wenn du dein Magiereservoir gefunden hast, versuche deine Kraft durch deinen Körper zu leiten, und mit der alten Sprache zu bestimmen, für was du sie nutzt. Ich als Feuermagier kann meine Magie zum Beispiel aus den Händen, oder sogar aus dem Mund strömen lassen. Wenn ich den Zauberspruch für einen Feuerstoß spreche, kann ich entweder die Flammen mit meinen Händen auf einen Feind leiten, oder sogar Feuer speien. Je mehr Kraft ich dem Zauber zur Verfügung stelle, desto stärker wird er. Mächtige Magier haben einen sehr großen Magiespeicher, und können von daher sehr viele oder sehr starke Zauber sprechen. Zusätzlich kennen sie sehr viele Wörter der alten Sprache, und haben so eine große Auswahl an Zaubern“, Horus hielt kurz inne.

„Du darfst, wenn du gleich zauberst, auf gar keinen Fall übermütig werden. Denn wenn du dem Zauber mehr Kraft zur Verfügung stellst, als du aufbringen kannst, kann es sein dass er dich umbringt, oder zumindest sehr erschöpft.“ Horus schien nichts mehr ergänzen zu wollen. Ich glaubte alles verstanden zu haben, auch wenn es mir sehr komplex und schwierig erschien.

Schweiß lief mir über die Stirn, als ich versuchte zu dem magischen Pulsieren in meinem Innersten durchzudringen. Es war eine dieser Aufgaben, die Horus mir stellte, damit ich das Zaubern erlernte. Er hatte mir einige seltsame Worte beigebracht, die offenbaren würden, welche Art von Magier ich war. Horus meinte, es würde sich von selbst zeigen. Ich musste nur das magische Pulsieren in meinem Inneren spüren und die Magie durch meinen Körper leiten.

Wir waren auf den Hinterhof gegangen und die kühle Brise Wind, die ab und an wehte, tat gut bei der Anstrengung und der warmen Herbstsonne. Ich hatte Nayăna, meine Schwester zwar noch nicht gesehen, dachte mir jedoch nichts dabei. Meine Eltern waren beide auf dem Feld, und ich vermutete, dass sie nicht allzu bald zurückkommen würden. Vielleicht war Nayăna ja mitgegangen.

Ich versuchte e