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Mörfi – Das Fehlerteufelchen

Über den Autor

Andreas Schlüter, geb. 1958, leitete mehrere Jahre Kinder- und Jugendgruppen in Hamburg, ehe er zum Schreiben kam. Seit 1994 arbeitet er erfolgreich als freier Buch- und Drehbuchautor. Er lebt in Hamburg.

www.aschlueter.de

Über die Illustratorin

Karoline Kehr, geb.1964, studierte Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg und arbeitet seitdem als freie Illustratorin. Sie wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet, u.a. zweimal mit dem Troisdorfer Bilderbuchpreis.

Mörfi

BASTEI ENTERTAINMENT

Mühsal der Besten

„Woran arbeiten Sie?“, wurde Herr K. gefragt.

Herr K. antwortete: „Ich habe viel Mühe,

ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.“

Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner

Der Kribbel-Zeh

Johanna wollte nichts falsch machen. Diesmal nicht. Sie hatte es sich fest vorgenommen. Aber das hatte sie jedes Mal und dann war doch immer etwas passiert. Zusammengekauert saß sie auf ihrem blauen, aufblasbaren Lieblingsplastiksessel und bewegte sich nicht. Wer sich nicht bewegte, konnte auch nichts falsch machen, wusste Johanna. Sie wusste nur nicht, wie lange sie sitzen konnte, ohne sich zu bewegen. Sie hatte es noch nie probiert.

Jetzt saß sie bereits eineinhalb Minuten ohne den Sekundenzeiger ihrer Pokémon-Uhr auf dem Nachtschränkchen aus den Augen zu lassen. Gleich hatte sie zwei Minuten geschafft. Zwei Minuten ohne die geringste Bewegung! Dies ist eine lange Zeit, besonders, wenn es zwischen dem großen Zeh und dem kleineren daneben plötzlich kribbelt.

So, wie Johanna gerade saß, konnte sie mit der Hand unmöglich den großen Zeh erreichen. Sie hätte sich bewegen müssen. Doch wenn sie sich bewegte, passierte meistens etwas. Mal fiel eine Vase um, ein anderes Mal ein Glas Milch; auf dem Herd brannte etwas an oder ein Bild fiel von der Wand. Es war schon vorgekommen, dass die Waschmaschine ausgefallen war und ihr Kater Volker auf den Sessel gemacht hatte. Für Letzteres waren nach Johannas Auffassung zwar eindeutig die neuartigen Kätzchen-Plätzchen verantwortlich gewesen, die ihre Mutter eines Tages angeschleppt hatte. Doch Johanna hatte sich mit ihrer Meinung wieder einmal nicht durchsetzen können und auch für Volkers verdorbenen Magen die Schuld zugeschoben bekommen.

An allem war Johanna schuld gewesen. Wie sie das angestellt hatte, wusste sie selber nicht, aber Alexander war sich jedes Mal ganz sicher. Und der musste es ja wissen, denn Alexander war schon erwachsen und der neue Freund ihrer Mutter. Immer wenn er ihre Mutter besuchte, wohnte er für einige Tage bei ihnen.

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Eigentlich lebte er in einer ganz anderen Stadt und kam nur wegen Johannas Mutter. „Wenn das keine Liebe ist!“, hatte ihre Mutter behauptet. Was sollte Johanna dagegen vorbringen? Alexander hatte also recht. Johanna war an allem schuld gewesen, was in den vergangenen drei Monaten in der kleinen Zweieinhalbzimmer-Wohnung passiert war; wenngleich sie nicht begriffen hatte, wie sie all die kleinen Unglücke verursacht haben sollte.

Tatsache war, dass Johanna bei jedem Unglück anwesend gewesen war. Genau wie Alexander. Aber der hatte die Unglücke nur beobachtet. Johanna hatte sie verschuldet. Das war der Unterschied.

Aber diesmal nicht. Diesmal würde nichts passieren! Davon war Johanna überzeugt. Und wenn doch, dann wäre sie ganz gewiss nicht schuld, denn sie bewegte sich nicht. Nicht einmal ein klitzekleines bisschen. Wenn es nur zwischen dem großen und dem kleineren Zeh daneben nicht so entsetzlich kribbeln würde!

Johanna schaute zur Uhr. Zwei Minuten und sechsunddreißig Sekunden saß sie schon regungslos auf dem Sessel. Aus dem Nebenraum hörte sie das leise Klacken, das Alexanders Finger auf einer Tastatur erzeugten. Alexander saß am Küchentisch, hatte seinen Laptop aufgeklappt und tippte „etwas ungeheuer Wichtiges“, wie er gesagt hatte. Johanna durfte auf gar keinen Fall stören.

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Das tat sie auch nicht. Sie saß nur still da und betrachtete ihren juckenden Zeh, den sie nicht erreichen konnte, ohne sich zu rühren.

Sie wackelte mit den Zehen, doch das Kribbeln hörte nicht auf. Johanna wackelte gleich noch einmal. Sie konnte die Zehen so weit bewegen, dass der große und der kleinere Zeh aneinander scheuerten. Leider half das gar nichts gegen das Kribbeln. Das kam irgendwie mehr von innen. So lästig, dass man unbedingt mit der Hand zwischen den Zehen kratzen musste, damit es aufhörte. Sollte sie es tun?

Vielleicht genügte es ja, wenn sie sich nur ein klitzekleines bisschen bewegte. Ein klitzekleines bisschen Bewegung konnte man eigentlich gar nicht Bewegung nennen, würde aber genügen, um den Finger zwischen die Zehen zu bohren und sich dort genüsslich kratzen zu können.

Was sollte schon in der Wohnung passieren, wenn sie so gut wie bewegungslos auf ihrem Sessel kauerte und sich nur ein klitzekleines bisschen am Fuß kratzte?

Gar nichts!, entschied Johanna, streckte die Hand aus, um den Pantoffel auszuziehen, damit sie besser an ihren Zeh herankam. Sie streifte den Hausschuh vom Fuß und ließ ihn auf den Boden fallen.

Ein dumpfes, aber deutliches ‚Plopp‘ ließ sie aufschrecken.

„Oh je!“, fiel ihr ein. Direkt vor dem Sessel hatte das volle Saftglas gestanden.

Johanna hatte gar keinen Durst gehabt. Aber weil Alexander in der Küche nicht gestört werden wollte, hatte sie sich vorsorglich ein Glas ihres Lieblingssaftes mit ins Zimmer genommen, für den Fall, dass sie während des Stillsitzens Durst bekommen würde.

Johanna beugte sich weit vor und blinzelte über den Rand des Sessels.

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Wie sie es befürchtet hatte: Das Glas war umgekippt und der Saft sickerte in den Teppich. Leider war Johannas Lieblingsgetränk nicht etwa Apfelsaft. Den hätte man auf dem Teppich nicht so stark gesehen. Nein, Johannas Lieb-lingsgetränk war dunkelroter Kirschsaft mit besonders viel Fruchtgehalt, der sich gerade als matschiger roter Fleck auf dem hellblauen Teppich ausbreitete.

Johanna musste nicht lange überlegen, um zu wissen, was zu tun war. Sie musste in die Küche laufen und ein feuchtes Wischtuch holen. In die Küche! Dort saß Alexander und wollte nicht gestört werden! Andererseits durfte Johanna auch nicht tatenlos auf dem Sessel sitzen bleiben und zuschauen, wie der dunkelrote Kirschsaft ihren hellblauen Teppich versaute. Das würde Ärger mit ihrer Mutter geben.

Egal, wofür sie sich entschied, entweder würde sie mit Alexander Streit bekommen wegen der Störung oder mit ihrer Mutter wegen des verdorbenen Teppichs.

Für Johanna war die Wahl schnell getroffen: Wenn schon, dann lieber Probleme mit Alexander, den mochte sie ohnehin nicht besonders.

Johanna schlich durch den Flur bis zur Küchentür und spähte durch den schmalen Spalt, den die angelehnte Tür offen ließ. Alexander schaute auf den Bildschirm seines Laptops und zog kräftig an einer Zigarette. Das kam zu allem noch hinzu: Alexander rauchte! Mutter rauchte nicht. Deshalb durfte Alexander auch nur in der Küche rauchen, weil es dort eine Abzugshaube gab. Johanna fand, dass trotzdem die ganze Wohnung nach Rauch stank, seit Alexander in ihr Leben getreten war.

Johannas Vater rauchte nicht. Den aber besuchte Johanna nur alle vierzehn Tage am Wochenende. Auch er hatte eine neue Freundin. Die war aber nett. Komischerweise machte Johanna dort nie etwas falsch.

Johanna traute sich, die Küchentür etwas weiter zu öffnen. Noch hatte Alexander sie nicht bemerkt. Er schob seine Baseballkappe, die er ständig trug, in den Nacken, atmete den stinkenden Qualm mit einem langen Atemzug aus und tippte wieder etwas in den Computer.

Alexander dachte sich Werbespots fürs Fernsehen aus. Als Mutter ihr das einst erzählt hatte, hatte Johanna das zunächst gefallen. Sie mochte Werbespots im Fernsehen, besonders die, bei denen Zeichentrickfiguren auftauchten. Ihr Vater malte solche Figuren fürs Fernsehen. Eine ganze Wand in ihrem Zimmer war voll gepinnt mit Bildern, die ihr Vater gezeichnet hatte. Mutter dagegen hängte die ganze Wohnung immer nur mit ihren Sprüchen voll. „Ideensammlung“ nannte sie das. Immerhin hatte Johanna ihrer Mutter irgendwann das Einverständnis abringen können, die Hunderte kleiner gelber Zettel mit Sprüchen und Ideen nur noch in der Küche aufzuhängen.

Johanna hatte ihren Kopf durch den schmalen Türspalt gesteckt. Langsam schob sie den Körper nach.

Alexander blickte auf. „Hi, Monster!“, rief er ihr zu.

Johanna verzog das Gesicht. Sie mochte es nicht, wenn er sie Monster nannte. Es musste wohl zur Welt der Werbung gehören, sich für Kinder ständig neue Ausdrücke einfallen zu lassen. Von Kids war da die Rede oder von Teens, Twens, Fans, Leuten, kleinen Monstern, Ravern oder Mini-Popstars.

Alexander sagte immer Monster und hielt das vermutlich für total cool.

„Was gibt’s? Schon wieder was umgeworfen?“, fragte er.

Johanna erschrak. Woher wusste der das? Manchmal kam ihr Alexander vor wie ein Überirdischer, vor dem man nichts geheim halten konnte.

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