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Mörfi – Das Fehlerteufelchen: Das Fehler-Versteck

Über den Autor

Andreas Schlüter, geb. 1958, leitete mehrere Jahre Kinder- und Jugendgruppen in Hamburg, ehe er zum Schreiben kam. Seit 1994 arbeitet er erfolgreich als freier Buch- und Drehbuchautor. Er lebt in Hamburg.

www.schlueter-buecher.de

www.facebook.com/schlueterbuecher

Über die Illustratorin

Karoline Kehr, geb.1964, studierte Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg und arbeitet seitdem als freie Illustratorin. Sie wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Troisdorfer Bilderbuchpreis.

Andreas Schlüter

Mörfi
Das Fehlerteufelchen

Das Fehler-Versteck

mit Bildern von Karoline Kehr

BASTEI ENTERTAINMENT

Wenn die Menschen

nicht manchmal Dummheiten machten,

geschähe überhaupt nichts Gescheites.

Ludwig Wittgenstein
Philosoph, 1889–1951

MÖRFI, ein Ur-Ur-Urenkel des Fehlerteufels, liebt fantastische Fehler über alles. Mit seinem Fehlerwerfer produziert es bunt schimmernde Blasen. Dort, wo sie zerplatzen, entstehen Fehler. Die Folge: Chaos, Spaß und Turbulenzen.

Aber aus Mörfis Fehlern kann man auch lernen. Und manchmal ist es gar nicht schlecht, etwas falsch zu machen. Denn beim zweiten oder dritten Versuch wird häufig alles besser. Deshalb lautet Mörfis Motto: Liebe deine Fehler! Leider kann niemand Mörfi sehen oder hören – außer Johanna!

JOHANNA ist zehn Jahre alt und eine richtige Falschmacherin. Sie lebt mit ihrer Mutter in der glatten, sauberen, scheinbar perfekten Welt der Werbung und macht doch so vieles falsch. Ein richtiger Tollpatsch, wie Mutters neuer Freund Alexander findet. Ein menschlicher Tollpatsch aber ist genau die richtige Freundin für ein Fehlerteufelchen, besonders, wenn er dabei auch noch so viel Fantasie besitzt wie Johanna.

So ist Mörfi kurzerhand in Johannas Puppenhaus gezogen, um gemeinsam mit ihr die Welt mit fantastischen Fehlern zu beglücken, welche nicht nur für viel Durcheinander, sondern auch immer wieder für neue Erkenntnisse sorgen.

Z-ENGEL – kurz: Zengel – mögen überhaupt keine Fehler. So halten sich die giftgrünen Zer-störungs-Engel auch am liebsten bei solchen Menschen auf, die Fehler hassen, alles besser wissen und niemals einen Fehler zugeben. Wer aber keinen Sinn für kleine Fehler hat, macht irgendwann große. Mithilfe ihres glibberigen Fehler-Gift-Gelees bestrafen Zengel die Menschen für ihre Unachtsamkeit mit großen katastrophalen Zerstörungs-Fehlern. Nur gut, dass Mörfi mit seinem Seh-Schnee die Zengel orten und mit vielen kleinen lustigen, fantastischen Fehlern bekämpfen kann.

Klassenfahrt

Manche Menschen können einem sogar eine Klassenfahrt vermiesen. Wochenlang hatten sich Söngul und Johanna auf die Reise zu einer alten Burg gefreut, in der es Verliese, Rittersäle und ein Labyrinth geben sollte. Aber leider stand ihre Lehrerin, Frau Richterkamp, schon seit mehr als einer Stunde vorn im Bus und las den Kindern aus einigen Büchern über vergangene Kriege und alte Königreiche vor. Nur Lukas folgte den langweiligen Ausführungen der Lehrerin. Als er hörte, dass ein Teil der Burg als Altenheim, ein weiterer Teil als Heimatmuseum und nur der kleinste Teil als Jugendherberge diente, schlug er vor, die Klasse könnte im Altenheim ein paar Lieder vorsingen.

„Dem haben sie wohl ins Gehirn gehustet“, meckerte Söngul. „Ich singe nicht vor einem Klub alter Tanten!“

Die Lehrerin griff die Idee ihres Lieblingsschülers begeistert auf. Sie langte nach ihrer Gitarre, um schon mal einige Lieder einzuüben.

„Ohne mich!“, stellte Söngul klar.

Das war auch Johannas Meinung. Sie stülpte sich ihren Kopfhörer über und drehte den Walkman auf volle Lautstärke.

Lukas reagierte sofort. Er zeigte mit dem Finger auf Johanna und wies die Lehrerin auf den Walkman hin.

Johanna riss sich die Hörer vom Kopf und zischte: „Blöder Petzer!“

Für ihre Unaufmerksamkeit bekam Johanna von Frau Richterkamp die ersten drei Abwaschdienste aufgebrummt.

„Eine Strafe, die sich gewaschen hat!“, kicherte eine Stimme.

Johanna fand das gar nicht lustig. „Fang du nicht auch noch an!“, maulte sie.

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„Ich hab doch gar nichts gesagt!“, verteidigte sich Söngul. Sie konnte weder sehen noch hören, wer sich da auf ihre Kosten amüsierte. Nur Johanna wusste das. Auf der Kopfstütze des Vordersitzes hockte ein kleines Wesen mit glatt gegelten Haaren, die zu zwei lakritzschneckenschwarzen Hörnchen hochgezwirbelt waren. Das Wesen trug einen Mantel, rot wie bengalisches Feuer. Unter dem falsch geknöpften Mantel schauten zwei kleine Beinchen hervor mit unterschiedlichen, bunt geringelten Socken. Die Füße steckten in Schnabelschuhen, und der breite Mund lachte frech aus einem rußbesprenkelten Gesicht.

„Redest du wieder mit Mörfi?“, fragte Söngul. Seit einiger Zeit behauptete Johanna, mit dem Ur-Ur-Urenkel-Teufelchen befreundet zu sein, das niemand außer Johanna selbst sehen oder hören konnte.

„Die Richterkamp vermiest einem die ganze Reise mit ihrem langweiligen Gerede. Und jetzt habe ich auch noch Abwaschdienst!“, beklagte sich Johanna bei dem unsichtbaren Wesen.

Mörfi hatte gegen Abwaschen nichts einzuwenden. Bestimmt konnte man dabei eine Menge Spaß erleben, doch Petzen fand es auch doof. Mörfi erhob sich und richtete seinen Fehlerwerfer aus, der aussah wie eine Mistforke. Statt Zacken besaß diese Forke am Ende drei Ösen, die Mörfi mit einer besonderen „feinen Fehlerflüssigkeit“ füllte. Es blies die Backen auf und pustete. Zehn große wunderschöne, bunt schimmernde Fehlerblasen strömten heraus, schwebten zu Lukas hinüber und zerplatzten auf seinem Körper. Lukas hatte sich gerade erhoben, um das Wanderlied mitzuschmettern, das Frau Richterkamp angestimmt hatte.

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In dem Moment aber musste der Busfahrer bremsen.

Lukas schwankte, suchte Halt an der Lehne, rutschte ab, fiel kopfüber zur Seite auf den Nebensitz und landete mit der Nase im Schokopudding seines Sitznachbarn.

„Ihh“, schrie Moritz und schaute angeekelt auf Lukas und seinen Pudding.

Lukas rappelte sich hoch, aber der Becher blieb auf seiner Nase kleben. Er saß ihm im Gesicht wie ein Maulkorb.

Johanna und Söngul lachten laut los.

„Man soll seine Nase eben nicht in fremde Angelegenheiten stecken!“, rief Johanna.

„Schon gar nicht in so schmierige!“, ergänzte Söngul.

Mörfi war von der Wirkung seiner Fehlerblasen begeistert: „Putzige Panne! Der Petzer muss den pappigen Pudding von seiner Pummelnase pulen!“

Lukas riss sich den Becher von der Nase und warf ihn wütend fort. Frau Richterkamp sah erst diesen Wurf, dann den matschigen Pudding auf dem Boden und brummte Lukas ebenfalls drei Tage Abwaschdienst auf. Wie immer, wenn Lukas von einem Lehrer bestraft wurde, fing er an zu weinen. Seine Tränen vermischten sich mit dem Schokomatsch in seinem Gesicht.

Söngul freute sich hinter vorgehaltener Hand: „Das hat er jetzt davon, der Blödmann!“

Johanna wusste nicht, ob sie sich über Lukas’ Missgeschick freuen oder darüber ärgern sollte, jetzt ausgerechnet mit ihm an drei Tagen gemeinsam abwaschen zu müssen. Die Reise begann alles andere als toll.

Abwasch

Wenigstens die Burg hielt, was die Ankündigung versprochen hatte. Als Johanna aus dem Bus ausstieg, sah sie auf einen Koloss mit dicken Mauern und vier Türmen. Die Einfahrt bestand sogar noch aus einer alten Zugbrücke, die über einen Brunnengraben führte. Genau so musste eine alte Burg aussehen, fand Johanna. Sie konnte es gar nicht abwarten, die alten Gemächer und Verliese zu erkunden.

Mörfi war nicht so begeistert. „Im Schloss schlummert Schlimmes!“, unkte es. „Fiese falsche Fehlerfallen und verzwickter Zengelzwang. Oje, oje!“

Johanna blieb stehen, pflückte sich Mörfi von der Schulter und sah das Teufelchen ernst an: „Wovon redest du?“

Sie kam nicht mehr dazu, sich Mörfis Antwort anzuhören. Schon drängte die Leh-rerin, sich zu beeilen. Es blieb nur wenig Zeit, das Gepäck auf die Zimmer zu bringen, die Betten zu beziehen und rechtzeitig beim Abendbrot zu erscheinen.