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Mörderstunde hat Blut im Munde: Sammelband mit 5 Krimis

Alfred Bekker, Glenn Stirling, Horst Friedrichs, A. F. Morland

Mörderstunde hat Blut im Munde: Sammelband mit 5 Krimis

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Inhaltsverzeichnis

  • Mörderstunde hat Blut im Munde: Sammelband mit 5 Krimis
  • Copyright
  • Alfred Bekker: East Harlem Killer
  • Glenn Stirling: In den Tod gerast
  • Horst Friedrichs: Mörderische Gang
  • Horst Friedrichs: Eine Spur von Blut zieht sich durch die Stadt
  • A. F. Morland: Die „Maske“ rechnet ab Ein Roberto Tardelli Thriller #40

Mörderstunde hat Blut im Munde: Sammelband mit 5 Krimis

Alfred Bekker, Glenn Stirling, Horst Friedrichs, A. F. Morland

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


Alfred Bekker: East Harlem Killer

Glenn Stirling: In den Tod gerast

Horst Friedrichs: Mörderische Gang

Horst Friedrichs: Eine Spur von Blut zieht sich durch die Stadt

A. F. Morland: Die "Maske" rechnet ab





Ein Gangsterboss wird vor Gericht freigesprochen, weil Beweismittel auf ungesetzliche Weise beschafft wurden und sich außerdem Zeugen plötzlich nicht mehr erinnern können. Noch auf den Stufen des Gerichtsgebäudes trifft ihn die Kugel eines Killers und für die Ermittler beginnt die Jagd nach dem Mörder. Denn dieses Attentat ist nur der Beginn einer Welle der Gewalt..


Alfred Bekker: East Harlem Killer




Ein Gangsterboss wird vor Gericht freigesprochen, weil Beweismittel auf ungesetzliche Weise beschafft wurden und sich außerdem Zeugen plötzlich nicht mehr erinnern können. Noch auf den Stufen des Gerichtsgebäudes trifft ihn die Kugel eines Killers und für die Ermittler beginnt die Jagd nach dem Mörder. Denn dieses Attentat ist nur der Beginn einer Welle der Gewalt...
Ein Action Thriller von Henry Rohmer (Alfred Bekker)


Henry Rohmer ist das Pseudonym von Alfred Bekker.
ALFRED BEKKER ist ein Schriftsteller, der vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.







Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Ray Azzaro hob die Hand zum Victory-Zeichen, als er die Stufen des Gerichtsgebäudes hinab schritt. Eine Handvoll Polizisten schirmten den Puertoricaner ab, der soeben wegen eines Verfahrensfehlers einer Verurteilung wegen Mordes entgangen war.

Mehrere Kamerateams und Dutzende von Reportern drängten sich um Azzaro, der die Aufmerksamkeit sichtlich genoss.

Eine Mikrofonstange reckte sich Azzaro entgegen.

„Ein kurzes Statement!“, rief jemand.

Azzaro grinste.

„Was soll ich sagen? Wir leben eben in einem Rechtsstaat“, lachte er und bleckte dabei zwei Reihen makellos weißer Zähne.

Ray Azzaro ahnte nicht, dass er sich in dieser Sekunde im Fadenkreuz eines Zielfernrohrs befand.



2

Mein Kollege Milo Tucker und ich hielten uns etwas abseits des Menschenauflaufs auf, der rund um den Haupteingang des Gerichtsgebäudes entstanden war.

Ray Azzaro war des Mordes an einen Barbesitzer in East Harlem, dem überwiegend spanischsprachigen Stadtteil New Yorks bezichtigt worden, aber District Attorney David Lacombe war mit seiner Anklage sang- und klanglos untergegangen. Es hatte sich herausgestellt, dass Beweismittel teilweise unter gesetzeswidrigen Bedingungen erhoben worden waren. Man hatte den Verdächtigen nach seiner Verhaftung nämlich nicht hinreichend über seine Rechte aufgeklärt.

Darüber hinaus waren im Verlauf des Verfahrens die Zeugen der Anklage reihenweise umgefallen, hatten ihre Aussagen zurückgezogen oder waren nicht mehr bereit, sie vor Gericht zu bestätigen.

Die Staatsanwaltschaft vermutete, dass diese Zeugen unter Druck gesetzt worden waren. Beweise hatte sie dafür allerdings nicht vorlegen können.

Plötzlich hatte sich niemand mehr daran erinnern können, dass Ray Azzaro die Bar, in der das Verbrechen verübt worden war, am Tatabend überhaupt betreten hatte.

Wir vom FBI Field Office New York ermittelten seit langem gegen jenen Mann, der als Auftraggeber dieses Mordes verdächtigt wurde.

James Gutierrez.

Ein Mann, der hinter vorgehaltener Hand auch als der „Wäscher von East Harlem“ bezeichnet wurde. Er war an Dutzenden von Bars, Clubs und Diskotheken im gesamten Big Apple beteiligt oder betrieb sie in eigener Regie.

Diese Etablissements, so glaubten wir, dienten einzig und allein der Wäsche von Drogengeldern.

Ray Azzaro, der als Gutierrez’ Mann fürs Grobe galt, schien sich in seiner Rolle als Medienstar immer mehr zu gefallen.

„Ich danke der Staatsanwaltschaft dafür, dass sie nicht in der Lage war, ein Verfahren auf die Beine zu stellen, das wenigstens diese Jury aus handverlesenen, bibeltreuen Hausfrauen und weißen Bürgerwehraktivisten überzeugt hätte. Ich danke außerdem meinen Anwälten, dass sie es geschafft haben, diesem besser ungenannt bleibenden Schmalspurrechtsverdreher, der durch politische Schleimscheißerei zum District Attorney werden konnte, mal gezeigt wurde, wo seine Grenzen sind. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn er sich sogar sein Universitätsdiplom und seinen Doktorhut selbst gekauft hat!“

„Ein widerlicher Kerl“, kommentierte Milo den Auftritt Ray Azzaros, der sich immer weiter in seinen Triumph hinein zu steigern schien.

Plötzlich veränderte sich Ray Azzaros Gesichtsausdruck. Er wurde starr. Mitten auf seiner Stirn erschien ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Gleichzeitig ging ein Ruck durch seinen Körper. Er sackte in sich zusammen.

Tumult entstand.

Eine Kugel hatte Ray Azzaros Stirn durchschlagen. Instinktiv ging meine Hand zum Griff meiner SIG Sauer P226. Ich blickte an der Fassade eines zehnstöckigen Gebäudes empor, das dem Gericht gegenüber lag. Von dort aus musste der Schuss gekommen sein.

Das dritte Fenster im siebten Stock war offen. Ein Windstoß wehte die Gardine ins Freie. Wahrscheinlich die Zugluft, die entstand, wenn jemand gleichzeitig die Wohnungstür öffnete. Der Killer machte sich offenbar schleunigst davon.

„Los! Vielleicht kriegen wir den Kerl noch“, rief ich Milo zu.

„Seit wann glaubst du an Wunder, Jesse?“



3

Wir kämpften uns durch die Menge, während im Hintergrund bereits Sirenen von Einsatzfahrzeugen der City Police und des Emergency Service schrillten. Anschließend rannten wir über die Straße. Der Van eines Pizza-Service bremste mit quietschenden Reifen. Der Fahrer zeigte mir einen Vogel, ich ihm meine ID-Card des FBI Field Office New York.

Endlich erreichten wir die andere Straßenseite.

Über Handy hatte Milo längst unsere Zentrale an der Federal Plaza verständigt. Von dort aus würden alle weiteren, als notwendig erachteten Maßnahmen ergriffen werden.

Wir erreichten den Eingang des gewiss schon etwas älteren, aber in einem Top-Zustand befindlichen Brownstone-Hauses. Ein Bürohaus der gehobenen Sorte – ohne den Komfort der modernen Glaspaläste, aber mit dem Charme und dem Stil der Architektur der dreißiger.

Anwaltskanzleien residierten hier. Die unmittelbare Nähe zum Gerichtsgebäude war zweifellos ein Standortvorteil, der zumindest für Kanzleien der mittleren Kategorie es attraktiver erscheinen ließen, sich hier einzumieten anstatt in einer Etage des Empire State Building.

In der Eingangshalle patrouillierten Angehörige eines privaten Security Service in schwarzen Uniformen herum. Sie trugen sechsschüssige kurzläufige Revolver vom Typ Smith & Wessen Kaliber .38 an den Gürteln – eine Waffe, die wir vom FBI auch lange benutzt hatten, bevor sie gegen die sechzehnschüssige P226 der schweizerischen Firma SIG Sauer wegen der größeren Feuerkraft ausgetauscht worden war.

Ich ging auf den ersten der Security Guards zu, zeigte ihm meine ID-Card und sagte: „Jesse Trevellian, FBI. Vom dritten Fenster im siebten Stock ist auf das Portal des Gerichtsgebäudes geschossen worden. Sorgen Sie mit Ihren Leuten dafür, dass die Ausgänge, das Treppenhaus und die Aufzüge bewacht werden. Niemand darf das Haus verlassen, bevor unsere Verstärkung nicht eingetroffen ist und die Personen kontrollieren konnte.“

„Ja, Sir, kein Problem.“

Ich gab ihm meine Karte. „Da ist meine Handynummer drauf. Melden Sie sich sofort, wenn sich hier unten etwas tut.“

„In Ordnung.“ Er steckte die Karte ein. „Drittes Fenster, siebter Stock, sagten Sie?“

„Ja.“

„Das müssen die Räume von Watson & Partners sein. Die sind letzte Woche ausgezogen. Seitdem steht die Etage leer, weil sich noch kein Nachmieter gefunden hat, der bereit war, die horrende Miete zu bezahlen!“ Der Security Guard drehte sich um. Sein Name stand in Großbuchstaben an seinem Uniformhemd: BO HENNESSY. „Hey, Buddy! Bring die FBI-Agenten ins Siebte! Aber pass auf, kann sein, dass sich da oben ein schießwütiger Killer herumtreibt!“

‚Buddy’ – dem Hemdaufdruck nach hieß er Bud Conroy – zog Revolver und Generalschlüssel und bedeutete uns, ihm zu folgen.

Hennessy bellte inzwischen Befehle an seine Leute durch die Eingangshalle. Ein Security Guard, der seinen Platz in einem Kubus aus Panzerglas hatte und von dort aus den Eingang überwachte, griff zum Telefonhörer, um Anweisungen weiterzugeben.

Bud Conroy führte uns zum Treppenhaus. Wir konnten nur hoffen, dass Hennessy auch wirklich meinen Anweisungen folgte und in Kürze noch ein paar Security Guards hier in Stellung gingen und sich die ‚schwarzen Sheriffs’ nicht nur auf die Aufzüge konzentrierten. Schließlich musste innerhalb kürzester Zeit dem Täter jegliche Fluchtmöglichkeit genommen und jedes noch so kleine Loch gestopft werden.

Wenn es nicht ohnehin schon zu spät war.

Wir nahmen jeweils zwei bis drei Stufen mit einem Schritt. Dabei stellte sich heraus, dass es Bud Conroy in punkto Kondition durchaus mit zwei durchtrainierten G-men wie Milo und mir aufnehmen konnte.

Schließlich erreichen wir den siebten Stock.

Ein kurzer Korridor führte zu den Räumen von Watson & Partners.

Das Firmenschild war abmontiert.

Lediglich ein Umriss und die Schraubenlöcher waren noch zu sehen.

„Hieß nicht einer der Verteidiger von Azzaro Watson?“, fragte Milo.

„Allerdings!“

Die Zugangstür zum Bereich von Watson & Partners war durch eine Glastür vom Eingangsbereich getrennt, wo sich auch der Zugang zu den Aufzügen befand.

Die überprüften wir zuerst.

Keine der vier Kabinen war gerade in Höhe des siebten Stocks. Drei befanden sich auf dem Weg nach unten, die vierte bewegte sich aufwärts, wie anhand der Leuchtanzeigen erkennbar war.

„Wenn der Kerl den Lift genommen hat, sind wir zu spät“, stellte Conroy fest.

„Aber dann läuft er hoffentlich Ihren Kollegen in die Arme!“, erwiderte Milo.

Conroy steckte den Generalschlüssel ins Schloss der Glastür.

„Ist offen!“, stellte er überrascht fest.

„Bleiben Sie hier und achten Sie auf den Fahrstuhl!“, sagte ich.

„Aber…“

„Das ist jetzt unser Job, Mister Conroy.“

Mit der SIG in der Faust öffnete ich die Tür. Milo folgte mir. Lautlos traten wir in den Korridor. Zu beiden Seiten befanden sich die Türen zu den Büroräumen, in denen diese ihre Mandanten berieten. Ganz klassisch und konservativ. Kein Großraumbüro und abgesehen von der Eingangstür gab es auch keinerlei Glas. Seriosität schien bei Watson & Partners Trumpf gewesen zu sein. Ich fragte mich, weshalb diese Kanzlei ihren Sitz mit freiem Ausblick auf die künftige Stätte des zu erringenden juristischen Triumphs, den die Mitarbeiter von Watson & Partners für ihre Mandanten zu erringen hatten, aufgegeben hatte.

Das dritte Fenster musste sich im ersten oder zweiten Zimmer auf der rechten Seite befinden. Die Räume auf der anderen Seite des Korridors waren zur Rückseite ausgerichtet und kamen nicht in Frage.

Ich trat die erste Tür auf.

Milo sicherte auf dem Flur.

Ein kahler Raum ohne Möbel lag vor mir. Die Abdrücke auf dem hellblauen Teppichboden zeigte genau an, wo die einzelnen Möbelstücke gestanden hatten.

Beide Fenster waren geschlossen.

Ich schnellte zurück, machte Milo ein Zeichen.

Diesmal war er dran, die Tür aufzustoßen und den Raum als erster zu betreten, während ich auf dem Flur sicherte.

Mit der SIG in der Faust machte er einen Schritt in den Nachbarraum, dessen Tür nur angelehnt gewesen war. Das Fenster stand offen. Anders als in den ultramodernen Bürotürmen, die sich dreißig, vierzig oder noch mehr Stockwerke in den Himmel über Manhattan erheben, bei denen sich die Fenster oft aus Angst vor Selbstmördern gar nicht mehr öffnen lassen und Frischluft einzig über die Klimaanlage in die Räume gebracht werden kann, waren hier ganz herkömmliche Schiebefenster zu finden, wie sie in den meisten amerikanischen Häusern üblich sind.

Milo senkte die Waffe.

Dies war also der Ort, von dem aus geschossen worden war.

„Los, lass uns die anderen Räume noch kurz durchsuchen“, sagte Milo.

„Warte!“

„Was ist?“

„Hier stimmt was nicht.“ Ich deutete auf den Vorhang am Fenster. Er hing schlaff herunter, bewegte sich nicht. „Mister Conroy, öffnen Sie die Glastür!“, rief ich.

„Steht offen!“, gab Conroy einen Augenblick später zurück.

Milo sah mich verständnislos an. „Worauf willst du hinaus, Jesse?“

„Kein Durchzug, Milo! Der Kerl ist nicht durch die Glastür zu den Aufzügen gelaufen!“

„Sondern?“

Ich rannte über den Flur, stieß die Tür gegenüber auf. Sie war nur angelehnt. Mit der SIG in der Hand trat ich ein. Eines der zum Hinterhof ausgerichteten Fenster stand offen. Zugluft entstand und ließ die Tür hinter mir zuschlagen.

Ich lief zum Fenster und blickte in den Hinterhof. Ein Mann mit Baseball-Kappe und einer Sporttasche über der Schulter ging eiligen Schritts auf die etwa hundert Meter entfernte Ausfahrt des von mehrstöckigen Brownstone-Bauten eingerahmten Hinterhofs zu, der vor allem als Parkplatz diente.

Über eine Feuertreppe konnte man hinab gelangen. Ich zögerte keine Sekunde, schwang mich aus dem Fenster, erreichte den ersten Absatz der Feuertreppe und rannte sie hinunter.

„Stehen bleiben! FBI!“, rief ich dem Kerl mit der Baseball-Cap hinterher.

Der Kerl drehte sich um.

LAKERS stand in Großbuchstaben auf seiner Mütze. Die Augen waren durch eine Sonnebrille mit Spiegelgläsern verdeckt, sodass man von seinem Gesicht lediglich Nase und Kinnpartie sehen konnte.

Der Mann mit der LAKERS-Mütze griff unter seine blousonartige Jacke, riss eine Waffe hervor und feuerte sofort in meine Richtung.

Schüsse peitschten, kratzten Funken sprühend am Metallgestänge der Feuertreppe entlang oder gruben sich in das vergleichsweise weiche Brownstone-Mauerwerk.

Ich feuerte zurück.

Milo hatte inzwischen das Fenster erreicht und gab mir ebenfalls Feuerschutz.

Der Kerl rannte auf die Ausfahrt zu.

Ich sah zu, dass ich hinunter kam, nahm mehrere Stufen mit einem Schritt, sprang und rutschte, bis ich schließlich den Asphalt des Hinterhofs unter den Schuhen hatte.

Wieder peitschten Schüsse in meine Richtung. Ich duckte mich hinter einer parkenden Limousine, feuerte zurück, ohne jedoch zu treffen.

Der Mann mit der LAKERS-Mütze hatte jetzt die Einfahrt zum Hinterhof erreicht.

Ein Wagen bremste.

Es handelte sich um einen Ford in Silber Metallic. Der LAKERS-Mann richtete die Waffe auf den Fahrer, umrundete die Motorhaube, riss die Fahrertür auf und zerrte den etwa fünfzigjährigen Mann am Steuer grob heraus.

„Nicht schießen!“, zitterte der Ford-Fahrer.

Der Killer gab ihm einen Schlag mit dem Lauf seiner Pistole, der ihn niedersinken ließ. Dann setzte er sich ans Steuer. Er setzte den Wagen zurück. Rücksichtslos fuhr er auf die sich an die Einfahrt anschließende Straße. Ein Wagen bremste mit quietschenden Reifen.

Ich rannte hinterher, zielte auf die Reifen des Ford. Den vorne rechts erwischte ich. Der LAKERS-Mann startete trotzdem durch. Funken sprühten und ein Geruch von verbranntem Gummi verbreitete sich, als der Ford nach vorne schoss.

Der LAKERS-Mann vollführte mit dem Ford einen riskanten Fahrbahnwechsel. Ein Chevrolet musste bremsen. Zwei weitere Fahrzeuge fuhren auf. Ein Fahrradkurier konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen.

Mit aufheulendem Motor und über den Asphalt kratzender Felge vorne rechts dröhnte der Ford die Fahrbahn entlang.

Ich erreichte die Straße, sprang auf den Kofferraum eines parkenden Wagens, legte die SIG Sauer P226 an und feuerte.

Zwei Schüsse.

Einer traf den Reifen hinten rechts.

Es war ohnehin schon ein Wunder gewesen, wie der LAKERS-Mann es geschafft hatte, den Ford trotz des zerschossenen Vorderreifens in der Spur zu halten.

Jetzt brach er hinten aus, schabte an einer Reihe parkender Fahrzeuge entlang und blieb schließlich an einem von ihnen hängen.

Die beiden verbleibenden Reifen drehten durch.

Die Metallfelge sprühte Funken wie ein Schweißgerät.

Der LAKERS-Mann öffnete die Tür, riss die Waffe empor und feuerte in meine Richtung. Ich duckte mich, sprang vom Wagen und rannte hinter ihm er.

Keine fünfzig Meter entfernt befand sich eine Subway-Station. Der LAKERS-Mann rannte die Stufen hinab, die in die Tiefe führten. Hinunter in die unterirdische Stadt aus Subway-Bahnhöfen, Schienentunnels und Abwasserkanälen, von denen nur noch ein Bruchteil in Gebrauch war. Zehn Stockwerke tief reichte dieser Maulwurfsbau, wie er von New Yorkern oft liebevoll genannt wurde, unter die Oberfläche.

Ich setzte dem flüchtigen LAKERS-Mann, den ich für den Mörder Ray Azzaros hielt, weiter nach. Ein Strom von Menschen kam mir entgegen, hielt mich auf und es nützte mir auch nichts, dass ich mit meiner FBI-Marke herumwedelte. Es waren einfach zu viele. Schon nach wenigen Augenblicken hatte ich den LAKERS-Mann aus den Augen verloren. Aber noch war ich nicht bereit aufzugeben.

Schließlich erreichte ich den Bahnsteig.

Ein Zug fuhr gerade weg.

Der Bahnsteig war voller Menschen. Eine Minute später stand ich fast allein dort. Milo sah ich die Treppe hinunter kommen, die SIG in der einen und die FBI-Card in der anderen Hand.

Er sah sich suchend um.

Von dem LAKERS-Mann war nirgends eine Spur zu finden.

Ich steckte meine Pistole weg und griff stattdessen zum Handy, um sicherzustellen, dass der gerade Richtung Central Park abgefahrene Zug bei der nächsten Station von Kollegen des New York Police Department unter die Lupe genommen wurde. Meine knappe Täterbeschreibung sollte dabei helfen: Der Killer war mindestens einsachtzig groß, männlich, Baseball-Cap mit der Aufschrift LAKERS und eine Sporttasche der Firma Nike.

„Danach könnte man nicht einmal ein Phantombild fabrizieren, Jesse“, tadelte mich Milo, der alles mitbekommen hatte. Auch er steckte jetzt die SIG zurück ins Holster und ließ die FBI-Marke in der Jackentasche verschwinden.

„Sehr witzig, Milo! Leider hat der Kerl auf meine Aufforderung seine Brille nicht abgenommen, damit ich ihn besser sehen kann!“



4

Wir kehrten zurück zum Tatort.

Nur eine Viertelstunde später war dort bereits der Teufel los. Rund um das Portal des Gerichtsgebäudes natürlich auch. Ein Wagen des Coroners war vorgefahren, um die Leiche von Ray Azzaro abholen.

Der gesamte Bereich vor dem Gerichtsgebäude und um das gegenüberliegende Brownstone-Gebäude war abgesperrt worden. Uniformierte Kollegen der City Police hatten das übernommen. Außerdem waren ein halbes Dutzend G-men am Tatort eingetroffen, darunter unsere Kollegen Leslie Morell und Jay Kronburg. Clive Caravaggio, der stellvertretende Chef des FBI Field Office New York traf zusammen mit seinem Kollegen Orry Medina etwas später ein. Wenn ein Bluthund dieser Größe des organisierten Verbrechens selbst das Opfer eines Mordanschlags wurde, war das ein Fall für das FBI. Schließlich lag nahe, dass dahinter eine Fehde unter organisierten Gangsterbanden steckte.

Kollegen der Scientific Research Division, dem in der Bronx ansässigen zentralen Erkennungsdienst, dessen Einrichtungen und von allen New Yorker Polizeieinheiten benutzt wurden, trafen ein. In besonderen Fällen hatten wir darüber hinaus die Möglichkeit, auch unsere eigenen erkennungsdienstlichen Mitarbeiter und Labors einzuschalten.

In diesem speziellen Fall reichten die Kapazitäten unserer SRD-Kollegen vollkommen aus. Captain Ross McAllister, der Chief des 42. Precinct des New York Police Department leitete den Einsatz unserer Kollegen von der City Police. McAllister war ein bärbeißiger, sommersprossiger Mann mit roten Haaren. Seine irischen Vorfahren waren nicht zu leugnen.

„Einem Widerling wie Ray Azzaro dürfte wohl kaum jemand eine Träne nachweinen", meinte er, als wir uns zusammen mit meinem Kollegen Clive Caravaggio in einem der leer stehenden Büroräume von Watson & Partners trafen.

„Trotzdem werden wir den Mord an ihm mit derselben Intensität verfolgen, wie jedes andere Verbrechen", erwiderte ich. „Auch, wenn jetzt der eine oder andere sagen wird, dass es mit Azzaro den Richtigen getroffen hat."

„Einen Mann, der um keinen Preis der Welt hätte freikommen dürfen!“, war McAllister überzeugt. „Ich glaube nicht, dass ihm in East Harlem viele Leute vermissen werden!“

Clive zuckte die Achseln. „Wer weiß, vielleicht hat sogar dieser James Gutierrez ihn auf dem Gewissen…“

„Sein eigener Boss?“, fragte Milo.

„Warum nicht?“, erwiderte Clive. „Azzaro war für Gutierrez der Mann fürs Grobe – und so ein Mann fürs Grobe weiß doch häufig über die dunkelsten Kellerlöcher Bescheid, die sein Auftraggeber zu verbergen hat…“

„Wenn wir erst einmal den Killer haben, bekommen wir auch den Boss, der hinter ihm steht!“, war ich überzeugt. Die Liste derer, die Azzaro den Tod gewünscht hatten, musste ziemlich lang sein. Dutzende von kleinen Bar- und Ladenbesitzer in East Harlem, denen Azzaro im Auftrag von Gutierrez auf die Füße getreten war. Natürlich auch die Konkurrenz im Geldwäschergeschäft, die Azzaro recht erfolgreich eingedämmt hatte. Nach unseren Ermittlungen war Azzaro es gewesen, der seinem Boss den Weg nach oben buchstäblich frei geboxt hatte. Oft genug mit Unterstützung von einschlägig bekannten Kriminellen oder Straßengangs. Azzaro war schlau genug gewesen, sich die Hände nur dann schmutzig zu machen, wenn er vollkommen sicher sein konnte, nicht erwischt zu werden.

Mein Handy schrillte.

Es war die Zentrale. Ich bekam Bescheid darüber, dass unser Zeichner Agent Prewitt auf dem Weg zum Tatort war, um mit mir und Milo ein Phantombild des Täters zu erstellen, das möglichst schnell an die Medien gegeben werden sollte.

Miles Pendros von der Scientific Research Division trat zu uns. Ich kannte Miles von anderen Einsätzen her, hatte ihn aber in seinem schneeweißen Ganzkörperschutzanzug mit Kapuze und Mundschutz nicht erkannt. Erst jetzt, da er sich beides zur Seite schob, sah ich, mit wem ich es zu tun hatte.

„Hi, Miles!“

„Hi, Jesse.“

Er begrüßte auch die anderen und meinte schließlich: „Diese Anzüge sind das pure Grauen. Angeblich sollen die atmungsaktiv sein.“

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, im Außendienst zu sein“, grinste Milo.

Aber das Tragen dieser Schutzanzüge hatte sich in der Spurensicherung bewährt. Gerade die Technik der DNA-Analyse und der Einsatz von Luminol, um normalerweise unsichtbare oder teilweise schon entfernte Spuren sichtbar zu machen, hatten das Geschäft der Spurensicherung in den letzten Jahren revolutioniert. Eine Schuppe, die aus dem Haar eines Beamten rieselte, konnte am Tatort zu einem dermaßen verwirrenden Befund führen, dass der Fortgang der Ermittlungen dadurch stark verzögert wurde.

„Viel kann man im Moment noch nicht sagen“, erklärte Pendros. „Der Raum war leer, der Täter hat keine Patronenhülse hinterlassen und das Projektil kann erst nach der Obduktion der Leiche untersucht werden, denn soweit ich den Coroner verstanden habe, steckt es noch in Azzaros Kopf.“

„Es wäre zu schön, um wahr zu sein, wenn die Waffe schon mal benutzt worden wäre!“, meinte Clive.

„Fingerabdrücke gibt es nirgendwo“, fuhr Pendros fort. „Der Täter hat Handschuhe getragen. Er hatte allerdings Öl unter den Füßen und hat deswegen ein paar Abdrücke produziert, die mit bloßem Auge fast nicht sichtbar sind, aber…“

„Ihr habt da so eure Tricks“, schloss ich.

Miles nickte.

„Worauf du wetten kannst! Der Kerl trug Turnschuhe der Marke Nike, Größe 41. Ich würde daher auf einen eher kleinen Täter schließen.“

„Ich habe den Mann gesehen“, sagte ich. „Eins achtzig war der mindestens, vielleicht sogar noch größer!“

Miles hob die Augenbrauen. „Schuhgröße 41 passt nicht so richtig dazu, oder?“

„Kannst du laut sagen!“

„Aber an den Messungen wirst da ja wohl nicht zweifeln wollen.“ Miles Pendros zuckte die Schultern und lächelte verschmitzt. „Wie ihr G-men das zusammenbringt – diesen großen Kerl und die kleinen Füße – das ist euer Problem. Aber dafür habt ihr ja eure berühmte Ausbildung in Quantico hinter euch.“ Ein bisschen Ironie schwang in Miles’ Worten mit. Ich hatte zufällig von einem seiner Kollegen mal gehört, dass Miles Pendros selbst mal versucht hatte, die Aufnahmetests der FBI-Akademie in Quantico zu bestehen und gescheitert war. Vielleicht kamen daher die Seitenhiebe auf das FBI, die er sich hin und wieder wohl einfach nicht verkneifen konnte.

„Das ist zumindest ein sehr auffälliges körperliches Merkmal, das uns bei der Fahndung helfen wird!“, glaubte Clive. „Was wollen wir mehr.“

Während der Zeit, wie wir am Tatort zubrachten, stellte sich noch mehr heraus. So waren sämtliche Fenster der siebten Etage geschlossen gewesen, wie die Mitarbeiter des Security Service versicherten. Auch die Spurenlage an dem Fenster zum Hinterhof, durch das der Täter über die Feuerleiter geflüchtet war, ergab, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf diesem Weg das Gebäude betreten hatte.

Vielmehr sprach alles dafür, dass er auf dem herkömmlichen Weg in die ehemaligen Räumlichkeiten von Watson & Partners gelangt war.

Mit Hilfe von Bo Hennessy fanden wir schließlich die entsprechende Video-Sequenz der Überwachungskamera im Eingangsbereich.

In dieser Sequenz sprach er kurz mit einem der Security Guards, dessen Identität schnell ermittelt war. Er hieß Brendon Carlovich, war vierunddreißig Jahre alt und galt nach Bo Hennessys Angaben als außerordentlich zuverlässig. Die Video-Sequenz konnte uns, was das Äußere des Killers anging, zwar nicht wirklich weiterhelfen, abgesehen davon, dass sich unsere Spezialisten vom Innendienst darum kümmern konnten, ob der Kerl mit der LAKERS-Mütze tatsächlich auch Schuhgröße 41 hatte, was mit Hilfe neuester biometrischer Messverfahren auch anhand von Videoaufnahmen möglich war.

Carlovich konnte sich jedoch über die bekannten Details hinaus noch an zwei weitere wichtige Einzelheiten erinnern. Erstens hatte der LAKERS-Mann Carlovichs Angaben nach stark nach Menthol und Zigaretten gerochen. Und zweitens konnte sich der Wachmann daran erinnern, dass er sich nach der Kanzlei Bridger, Garland & Associates im achten Stock erkundigt.

„Ich habe kurz bei der Kanzlei durchgerufen, um mich danach zu erkundigen, ob er dort tatsächlich einen Termin hatte. Sonst hätte ich ihn gar nicht zu den Fahrstühlen gelassen", berichtete Carlovich. „Sicherheit wird bei uns nämlich groß geschrieben, müssen Sie wissen."

„Hat er einen Namen genannt?", fragte ich.

Carlovich nickte. „John Smith."

„Nicht besonders originell."

„Habe ich auch gedacht, Agent Trevellian. Aber wenn Bridger, Garland & Associates einen Termin mit einem gewissen John Smith vereinbart hat und in der Eingangshalle taucht jemand mit diesem Namen auf, dann habe ich keinen Grund, denjenigen daran zu hindern, das Gebäude zu betreten."

„Es macht Ihnen auch niemand einen Vorwurf", versicherte ich.

„Wer hätte auch schon ahnen können, dass es sich bei diesem Typ um einen Killer handelt! Schließlich können wir unmöglich bei all den Mandanten der in diesem Haus residierenden Anwälte Leibes- und Gepäckvisitationen durchführen. Dann hätten wir sehr schnell deren gesamte Mandantenschaft verprellt."

Wenig später statteten wir der Kanzlei Bridger, Garland & Associates einen kurzen Besuch ab. Wir bekamen dort die Auskunft, dass tatsächlich ein Mann namens telefonisch um einen Termin gebeten hatte. Er wollte angeblich Rechtsauskunft in einer Erbschaftsangelegenheit.

Wie unsere Kollegen Leslie Morell und Jay Kronburg herausfanden, hatte dieser ominöse "John Smith" auch in zwei anderen Kanzleien angerufen, um einen Termin zu bekommen, war dort jedoch auf spätere Termine vertröstet worden.

Inzwischen traf unser Zeichner Agent Prewitt ein, der zusammen mit dem Security Guard Carlovich, Milo und mir ein Phantombild erstellte. Dazu benutzte er natürlich schon lange nicht mehr Block und Bleistift, sondern ein hochmodernes Laptop mit einer speziellen Software zur Erstellung brauchbarer Phantombilder.

Da in diesem Fall niemand besonders viel vom Gesicht des Verdächtigen gesehen hatte, blieb das Ergebnis trotz eines Top-Bildprogramms und dem unbestreitbaren Können Agent Prewitts eher dürftig.

Wir waren gerade damit fertig, als uns ein sehr interessantes Ergebnis der SRD-Kollegen erreichte.

Es war Miles Pendros, der mir die Neuigkeit per Handy mitteilte.

„Am Schloss der Glastür, die zu den Räumen von Watson & Partners sind keinerlei Spuren eines Einbruchs erkennbar. Da wir davon ausgehen, dass der mutmaßliche Täter über diesen Weg an den Tatort gelangt ist, muss man daraus eigentlich den Schluss ziehen, dass er wahrscheinlich einen Schlüssel hatte oder ihn jemand hereingelassen hat, Jesse."

„Ich danke dir, Miles."

Wenig später besprach ich die Sache mit Milo und Clive.

„Wenn ihr mich fragt, dann gibt es da nur zwei Möglichkeiten, wie er an den Schlüssel herangekommen sein kann", sagte Clive. „Entweder er hatte einen Helfer bei den Wachleuten oder bei Watson & Partners.“

„Dürfte auf jeden Fall interessant sein, diese Kanzlei mal unter die Lupe zu nehmen", fand ich.



5

Es war später Nachmittag. James Gutierrez saß mit zwei dunkelhaarigen Schönheiten in den Armen an einem Tisch im Buena Vista Club in der 110. Straße Ost, einer Latino-Disco, die als Tummelplatz von Kokain-Dealern für den gehobenen Bedarf bekannt war. James Gutierrez kontrollierte diesen Laden über einen Strohmann namens Rex Hueldez. Der Buena Vista Club diente ihm vor allem zur Geldwäsche. Gewinn brauchte der Club ansonsten kaum abwerfen. Tat er es doch – um so besser.

Wichtig war nur, dass der Umsatz möglichst hoch war. Je höher der Umsatz, desto mehr schwarzes Geld konnte man durch ihn hindurch schleusen und zu schneeweißem Kapital machen, mit dem sich ganz legale Geschäfte machen ließen. Und genau darauf waren sie alle aus, die mit illegalen Geschäften ihr Geld machten. Die Drogenbarone ebenso wie die Paten der Müll-Mafia oder Falschgeldhändler, die mit dem Export von falschen Dollar-Noten nach Südamerika oder in die ehemaligen GUS-Staaten ein Vermögen machten.

Das Problem blieb immer dasselbe - und Männer wie James Gutierrez hatten die Lösung dafür.

Die Drogenhändler, die allabendlich im Club herumhingen und ihren Stoff an Rechtsanwälte, Yuppies aus der Wall Street und andere Kunden verhökerten, die bereit waren, für guten Koks etwas mehr auszugeben, als man an den Straßenecken der Bowery oder in der South Bronx dafür hinblättern musste, nahm Gutierrez eigentlich nur in Kauf. Im Grunde stellten sie eine Gefahr für sein Geschäft dar - wenn auch nicht ihn persönlich, denn im Zweifelsfall musste sein Strohmann für alle rechtlichen Folgen den Kopf hinhalten.

Gutierrez waren diese schmierigen Typen, die allabendlich an den Tresen herumhingen oder ihre Hüften zu den Latino-Rhythmen wiegten, die im Buena Vista gespielt wurden, zuwider.

Aber da es die Leute von Benny Duarte waren, dem Koks-König von East Harlem, der es geschafft hatte, so etwas wie der Generalvertreter eines kolumbianischen Drogensyndikats im Big Apple zu werden, konnte James Gutierrez die Koksdealer nicht aus dem Buena Vista und anderen seiner Clubs verbannen. Schließlich war Benny Duarte einer seiner wichtigsten Kunden. Davon abgesehen hatte er mehr Männer unter Waffen als sonst irgendjemand in East Harlem, dem Latino-Viertel von New York, in dem Puertoricaner, Exil-Kubaner, Kolumbianer und Mexikaner lebten. Die Puertoricaner stellen dabei die weitaus größte Gruppe dar. Gutierrez’ Eltern waren auch von der Insel gekommen. Er selbst war allerdings bereits in East oder auch Spanish Harlem geboren worden, das im Süden an Yorkville, im Westen an das schwarze Harlem und im Osten an den East River grenzte.

Richtung Norden trennte es der Harlem River von der South Bronx, die inzwischen ebenfalls eine sehr starke puertoricanische Gemeinde besaß.

Für Gäste hatte das Buena Vista um diese Zeit noch gar nicht geöffnet. Aber bevor der Publikumsverkehr losging, wolle der Boss sich noch etwas amüsieren. Eine Champagnerflasche stand auf dem Tisch. Die Gläser schäumten über und die beiden Girls, die Gutierrez im Arm hielt, schienen bester Laune zu sein.

Rex Hueldez, Gutierrez’ Strohmann stand hinter dem Schanktisch und beobachtete misstrauisch die Szene. Hueldez war Mitte dreißig, hatte dunkel gelocktes Haar und sehr hager. Er hatte bei Gutierrez als Türsteher angefangen. Jetzt konnte er sich Clubbesitzer nennen, auch wenn ihm durchaus klar war, dass er seine Existenz auch jetzt noch zu hundert Prozent Gutierrez verdankte.

„Auf die Zukunft, Muchachas!“, rief Gutierrez, der bereits mehrere Champagnergläser gelehrt hatte.

Die Girls kicherten.

Aber dieses Kichern erstarb von einem Augenblick zum anderen, als die Eingangstür um Buena Vista zur Seite flog.

Ricky Balbo, der breitschultrige und fast zwei Meter große Türsteher des Buena Vista, taumelte durch den Raum und flog der Länge nach zu Boden. Mit einem Fluch auf den Lippen wischte er sich das Blut von der Nase.

Ein unglaublich dicker Mann Anfang vierzig und in einen schneeweißen Maßanzug gekleidet, betrat den Raum. Das blauschwarze Haar war nach hinten gekämmt.

Drei Kerle mit schwarzen Rollkragenpullovern und Bodybuilderfigur begleiteten ihn. Sie trugen Maschinenpistolen vom Typ MP 7 der Firma Heckler und Koch im Anschlag.

„Mister Duarte!“, stieß Gutierrez völlig verblüfft hervor.

Mit allem hätte er jetzt gerechnet, nur nicht damit, dass ausgerechnet Benny Duarte ihm einen Besuch abstattete.

Der Koks-König von East Harlem deutete auf den am Boden liegenden Balbo.

„Lausige Bodyguards beschäftigen Sie, Gutierrez!“, tadelte er den Mann hinter den Champagnergläsern.

Die Girls saßen jetzt auf einmal ziemlich steif da. Ihre Gesichter erbleichten.

Benny Duarte trat näher.

Hueldez machte eine unbedachte Bewegung, die damit quittiert wurde, dass gleich zwei von drei MP7-Läufen auf ihn gerichtet wurden.

„Hey, keine Panik! Am besten, wir bleiben alle ganz ruhig!“, zeterte Hueldez.

Duarte steckte sich eine Zigarre in den Mund und zündete sich an.

„Indem Sie das hier dulden, begehen Sie gerade eine Ordnungswidrigkeit, Hueldez“, lachte Duarte, blies den Rauch in die Luft und lächelte kalt. „Schließlich ist das Rauchen in sämtlichen Lokalen des Big Apple verboten – und bei Zuwiderhandlung wird der Besitzer in Regress genommen!“

„Mister Duarte, ich...“, flüsterte Hueldez, aber der Mann in Weiß bedeutete ihm mit einer kurzen, knappen Geste zu schweigen. „Gehe Sie einfach eine Weile spazieren, klar?“

Hueldez wandte den Blick in Gutierrez’ Richtung.

„Ist schon in Ordnung, Rex!“, sagte dieser.

Duarte versetzte dem am Boden liegenden Türsteher einen Tritt. „Und nehmen Sie diese Stück Scheiße mit, Hueldez! Ich will mich mit Ihrem Boss mal ungestört unterhalten.“

Ricky Balbo bleckte die Zähne wie ein Raubtier. Die obere Reihe war so gleichmäßig, dass sie falsch sein musste. Er ballte die Fäuste.

„Ist schon gut!“, schritt jetzt Gutierrez ein. „Tut, was Mister Duarte wünscht!“

„Ist das Ihr Ernst, Mister Gutierrez?“, vergewisserte sich Ricky Balbo.

„Sí, claro!“, bestätigte Gutierrez.

Balbo erhob sich. Zusammen mit Hueldez verließ er den Raum.

„Ihr verschwindet auch besser!“, knurrte Duarte die beiden Girls an Gutierrez’ Tisch an. „Tut mir wirklich leid, normalerweise habe ich nichts gegen charmante Gesellschaft, aber diesmal stören mich eure Ohren…“

Die beiden jungen Frauen ließen sich das nicht zweimal sagen und verzogen sich sofort – offensichtlich froh darüber, den Raum verlassen zu können. Gutierrez schluckte.

„Jetzt sind wir allein, Gutierrez!“

„Wollen Sie einen Schluck Champagner, Mister Duarte?“

„Was gibt’s denn zu feiern?“

„Was wollen Sie?“

Duarte setzte sich an den Tisch und ließ sich dabei von einem seiner Leibwächter den Stuhl zurechtrücken. Den Zigarrenrauch blies er Gutierrez direkt ins Gesicht.

„Unser beide Geschäfte sind – wie soll ich mich da angemessen ausdrücken? Ziemlich eng miteinander verwoben!“

„Sí, es verdad“, murmelte Gutierrez fast tonlos. „Das stimmt…“

„Und da werden Sie es doch sicher verstehen, dass ich anfange, mir Sorgen zu machen, wenn ein Kerl, der als Gutierrez’ Bluthund bekannt wurde, plötzlich ungeniert von einem Profikiller auf den Stufen des Gerichtsgebäudes niedergestreckt wird!“

„Sie sprechen von Azzaro!

„Natürlich spreche ich von Azzaro – und wie Sie hier so ruhig sitzen und Champagner schlürfen können, ist mir ehrlich gesagt unbegreiflich!“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Einer von Duartes Leibwächtern zapfte sich ungefragt ein Bier und trank es halbleer, bevor er den Mund verzog und es mit vor Ekel verzerrtem Gesicht stehen ließ.

„Ich habe keine Ahnung, wer hinter dem Anschlag auf Azzaro steckt“, behauptete Gutierrez.

„Wirklich nicht? Eigentlich liegt es nahe, dass jemand von Ihrer direkten Konkurrenz dahinter steckt. Jemand, der Sie treffen will und Ihnen dafür erst einmal einen Bauern aus dem Spiel nimmt. Aber ich nehme an, dass Azzaro in Ihrem ganz persönlichen Spiel sehr viel mehr als nur ein Bauer war – habe ich Recht?“

„Hören Sie, Mister Duarte, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich habe meine Organisation im Griff und gegen Konkurrenz kann ich mich wehren…“

„Mit diesem Jammerlappen von Bodyguard, der wie eine Vogelscheuche vor der Tür herumstand?“ Duarte lachte rau. „Das ist doch nicht Ihr Ernst. Hier kann doch jeder hereinspazieren und Sie umlegen, Gutierrez!“ Duarte beugte sich etwas weiter vor und sprach nun in gedämpftem Tonfall. „Sie stecken in Schwierigkeiten, Gutierrez. Und zufällig bin ich der Mann, der Sie raus hauen kann – oder haben Sie vielleicht Ihren Bluthund selbst umbringen lassen, weil er Ihnen lästig wurde? Weil er vielleicht zu gierig wurde und sich all die kleinen, schmutzigen Geheimnisse, die er mit Ihnen teilt, bezahlen lassen wollte?“

„Sie erwarten doch nicht im Ernst, dass ich dazu jetzt etwas sage!“

„Wenn erst die Homicide Squad oder das FBI auf der Matte stehen, werden Sie antworten müssen, Gutierrez und ich kann nur auch in meinem eigenen Interesse hoffen, dass Sie sich bis dahin Ihre Antworten etwas besser zurechtgelegt haben, anstatt Champagner zu schlürfen!“

„Ich weiß Ihre Sorge um mich zu schätzen, Mister Duarte“, erwiderte Gutierrez, dem bereits der Schweiß auf der Stirn stand. Ihm war klar, worauf Duarte hinauswollte. Und das gefiel ihm ganz und gar nicht… „Ich komme sehr gut allein zurecht. Dass es zwischendurch mal ein paar Schwierigkeiten gibt, wissen Sie ja wohl auch aus eigener Erfahrung.“

„Ich mache Ihnen ein Angebot“, sagte Duarte.

Ein Angebot von der Sorte, die man nicht ablehnen kann!, dachte Gutierrez bitter. Genau so etwas hatte er erwartet. Aber nicht mit ihm! Er war entschlossen, Duarte die Stirn zu bieten – wenn auch vielleicht nicht gerade jetzt, da die Läufe mehrerer Maschinenpistolen vom Typ MP 7 auf ihn gerichtet waren.

„Ich schütze Ihre Geschäfte, Mister Gutierrez und dafür bekomme ich einen Anteil von allem, was Sie an Gewinn einstreichen von sagen wir dreißig Prozent. Ich bin ja kein Unmensch und möchte natürlich auch, dass Sie existieren können. Aber für den Schutz muss ich nun einmal gewisse Unkosten vorstrecken… Sie haben sicher Verständnis dafür.“

„Ich werde mir Ihren Vorschlag durch den Kopf gehen lassen, Mister Duarte…“

Duarte schnipste mit den Fingern, woraufhin einer der Bodyguards seine MP7 an einen der anderen Gorillas weiterreichte. Der Kerl begann mit den Fingerknochen zu knacken.

„Die direkte spanische Übersetzung des Wortes ‚Killer’ lautet ‚Matador’, wie jeder der in Spanish Harlem aufgewachsen ist, sich erinnern sollte“, begann Duarte. Er sprach mit leiser, wispernder Stimme, deren Klang Gutierrez an klirrendes Eis erinnerte. „Matador hört sich sehr viel poetischer an als Killer – finden Sie nicht, Mister Gutierrez?“ Duarte deutete auf den Kerl, der sich offenbar anschickte, Gutierrez zusammenzuschlagen. „Matador – das ist sein Spitzname. Er tötet langsam. Er weiß, wie man Schmerzen zufügt. Wenn er mit Ihnen fertig ist, werden Sie ein Krüppel sein, Gutierrez…“

„Pfeifen Sie Ihren Dobermann zurück!“, zeterte Gutierrez.

„Was soll ich machen? Er hatte in letzter Zeit wenig zu tun und braucht wieder Übung!“

Matadors Pranke schnellte blitzschnell vor. Er packte Gutierrez’ Nase, drehte sie her herum. Gutierrez schrie. Blut lief ihm über das Gesicht.

„Okay, okay...“, stieß Gutierrez schließlich hervor, nachdem er sich wieder gefasst hatte. „Dreißig Prozent sind in Ordnung.“

„Fünfunddreißig“, verlangte Duarte. „Dreißig hätte ich genommen, wenn es ohne irgendwelche Schwierigkeiten zu einer Einigung gekommen wäre.“

Gutierrez schluckte.

Hass leuchtete in seinen Augen.

Aber er konnte nichts tun.

Nicht jetzt…

Matador packte Gutierrez’ Handgelenk bis es knackte. Und der Wäscher von East Harlem schrie.

„Wir sind uns also einig“, stellte Duarte fest.

„Ja“, knurrte Gutierrez.

Der dicke Mann im schneeweißen Anzug erhob sich. Ein triumphierendes Grinsen stand auf seiner Stirn. „Ich habe immer gerne mit Ihnen Geschäfte gemacht, Gutierrez. Und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt – zukünftig auch gerne wieder in angenehmerer Gesprächsatmosphäre. Aber das liegt ganz bei Ihnen. Und jetzt noch eine Sache: Wer spuckt Ihnen ins Geschäft, Gutierrez? Wer immer es ist, ich blas ihn aus dem Weg…“



6

Milo und ich fuhren später zur neuen Residenz von Jeffrey Watson, dem ehemaligen Chef von Watson & Partners.

Per Handy versorgte uns die Zentrale über alle gegenwärtig über Watson vorliegenden Informationen. Agent Max Carter, einer unserer Innendienstler aus der Fahndungsabteilung, hatte auf die Schnelle herausfinden können, dass die Kanzlei vor kurzem aufgelöst worden war.

Trotzdem waren alle drei Teilhaber weiterhin an der Verteidigung in Ray Azzaros jüngstem Prozess beteiligt gewesen. Schließlich war jeder von ihnen nach wie vor als Anwalt zugelassen.

„Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!“, meinte Milo. „Ein Gangster stirbt durch einen Schuss, der aus der Kanzlei seines Anwalts abgegeben wurde. An Zufälle glaubt doch da niemand!“

Zuvor hatte Watsons Kanzlei immer wieder Mandanten aus dem Umfeld von James Gutierrez verteidigt, darunter mehrere Drogenhändler, die wir der Organisation von Benny Duarte zurechneten, einem Drogenkönig, der unseren Erkenntnissen nach in geschäftlichen Verbindungen zu Gutierrez stand, ohne dass wir einem der beiden daraus bislang einen Strick hätten drehen können.

Watsons gegenwärtige Wohnung war eine Traumetage am Ende der Fifth Avenue mit Blick auf den Central Park.

Wir hatten gerade einen Parkplatz gefunden, als Milos Handy schrillte. Es war noch einmal Agent Carter aus dem Innendienst. Er war auf einen interessanten Fall gestoßen, der vor drei Jahren vor Gericht ausgetragen worden war. Ray Azzaro war wegen schwerer Körperverletzung und Drogenhandel angeklagt und aus Mangel an Beweisen schließlich freigesprochen worden. Der Verteidiger in diesem Verfahren war ebenfalls niemand anderes als Jeffrey Watson gewesen, Senior Partner der Kanzlei Watson & Partners.

Wir fuhren in den zwölften Stock des exklusiven Appartementhauses in dem er jetzt residierte. Die Miete dieser Traumetage musste mindestens das Dreifache dessen betragen, was ihn die Räumlichkeiten in dem Brownstone-Bau gegenüber dem Gerichtsgebäude gekostet hatte.

Aber Jeffrey Watson schien sich das leisten zu können.

An seiner Wohnungstür verriet kein Schild, dass sich hier die Residenz eines Anwalts befand. Ob er überhaupt noch ein Büro unterhielt, war noch keineswegs klar.

Ich betätigte die Klingel.

Ein Kameraauge nahm uns ins Visier.

Ein paar Augenblicke später ertönte eine leise Stimme aus der Sprechanlage. „Sie wünschen?“

„Jesse Trevellian, FBI!“, meldete ich mich und hielt meine ID-Card in die Kamera. „Mein Kollege Special Agent Milo Tucker und ich habe im Zusammenhang mit der Ermordung eines ehemaligen Mandanten von Ihnen ein paar Fragen.“

„Werfen Sie Ihren FBI-Ausweis bitte durch den Briefschlitz, damit ich mich von dessen Echtheit überzeugen kann.“

Ich zuckte die Achseln, wechselte einen kurzen Blick mit Milo und warf schließlich meine ID-Card durch den Briefschlitz.

Wenig später öffnete sich die Tür. Ich hörte, wie mehrere Ketten und zusätzliche Sicherheitsschlösser geöffnet wurden.

Ein kleiner, hagerer Mann mit etwas wirren Haaren stand vor uns. Ich erkannte ihn von seinen Auftritten im Gerichtssaal wieder und schätzte ihn auf etwa fünfzig Jahre. Seine Brille mit den dicken, viereckigen Gläsern und der knallroten Fassung wirkte sehr auffällig.

„Mister Jeffrey Watson?“, vergewisserte ich mich.

„Der bin ich. Kommen Sie herein“, sagte er und winkte uns mit einer lässigen Geste zu.

Er drehte sich um. Wir folgten ihm, während die Tür hinter uns von selbst ins Schloss fiel. Watson brachte uns in sein Wohnzimmer, das mehr Quadratmeter hatte, als die meisten New Yorker Wohnungen insgesamt.

Kaum etwas ist im Big Apple – und vor allem in Manhattan – so knapp wie Wohnraum. Die verschwenderische Art und Weise in der Watson damit umging, schien fast so etwas wie eine Demonstration zu sein. Er wollte damit jedem Besucher zeigen, dass er es geschafft hatte und es sich leisten konnte, eine Fläche, die sich gut und gerne für eine fünfstellige Summe im Monat vermieten ließ, einfach so gut wie leer stehen zu lassen.

Die Einrichtung des Wohnzimmers, in das er uns führte, war von genauso demonstrativer Schlichtheit. Ein paar Regale in Metalloptik. Ein abstraktes, großformatiges Bild, das Kreise und Quadrate auf einer hellblau grundierten Fläche sich abwechseln und ein Muster erzeugen ließ, das sich wahrscheinlich vielfältig interpretieren ließ, eine Designer-Lampe in Form eines Schlangenkopfes, in deren Rachen ein großer Halogenscheinwerfer strahlte – das war schon beinahe alles. Diese Wohnung hatte kaum etwas, das eine persönliche Note verriet. Außer einer Bibel, einem Windows-Handbuch und einem Ratgeber für legale Steuertricks gab es keinerlei Bücher.

„Bitte setzen Sie sich“, forderte Jeffrey Watson uns auf. Wir nahmen in tiefen Ledersesseln Platz, die rund um einen Glastisch gruppiert waren.

„Ich denke, Ihnen ist der Name Ray Azzaro ein Begriff“, begann ich.

„Oh, natürlich ist er das!“, fiel mir Watson ins Wort. „Natürlich! Vor allem seit die lokalen Fernsehnachrichten ausführlich über das Attentat auf ihn vor dem Gerichtsgebäude berichtet haben.“ Watson schüttelte energisch den Kopf, während seine Gesichtszüge einen nachdenklichen Ausdruck zeigten. „Ich sage Ihnen, mit diesem Land geht es bergab. Es gibt keinen Respekt mehr vor dem Gesetz und selbst auf den Stufen eines Gerichtsgebäudes ist man nicht mehr sicher davor, einfach durch eine Kugel niedergestreckt zu werden."

„Mister Azzaro war ein Mandant von Ihnen", stellte ich sachlich fest.

„Allerdings!“

„Konnten Sie ihn nicht an seinem peinlichen Auftritt auf den Stufen des Portals hindern?“

„Ich war immer jemand, der dem Gedränge und dem Blitzlichtgewitter ausgewichen ist – Azzaro hingegen hat es in dem Moment wahrscheinlich genossen.“

„Bis zu dem Augenblick, da ihm eine Kugel in den Schädel fuhr. Sie waren zuvor schon einmal für Ray Azzaro juristisch tätig.“

Watson nickte.

„Das dürfte aber schon ein paar Jahre her sein, Mister..."

„Trevellian, stellvertretender Special Agent in Charge" , stellte ich zum zweiten Mal vor und fragte mich dabei, ob er nur so tat, als ob er sich meinen Namen nicht hatte merken können und das vielleicht eine ganz bewusst eingesetzte Geste der Geringschätzung war, mit der ich es da zu tun hatte, oder ob er zeitweise wirklich so fahrig und vergesslich aufzutreten pflegte. Meine Eindrücke im Gerichtssaal entsprachen dem jedenfalls nicht. Mir fiel gleich die gerötete Nase auf. Möglich, dass er nur einen Schnupfen hatte, aber da er während unseres gesamten Gesprächs nicht einmal die Nase schnäuzte, tippte ich eher auf einen anderen Grund für seine zerstörten Nasenschleimhäute. Im Laufe der Zeit bekommt man einen Blick für eine durch das Schnupfen von Kokain ruinierte Nase. Für einen Blütenpollenallergiker schniefte er entschieden zu wenig und außerdem hätte er schon ausgesprochen dämlich sein müssen, sich ausgerechnet eine Wohnung zu nehmen, die nur ein paar Schritte vom Central Park entfernt lag.

„Azzaro wurde von Ihrer ehemaligen Kanzlei aus erschossen. Sie sind doch noch Mieter der Etage in dem zehnstöckigen Brownstone-Haus gegenüber dem Gerichtsgebäude."

„Aber nur noch für einen Monat", erwiderte Watson. „Dann läuft der Mietvertrag aus. Leider war es mir nicht möglich, vor dem Ende der Kündigungsfrist einen Nachmieter zu benennen." Er zuckte die Achseln. „Die Zeiten werden härter, selbst für Anwälte, auch wenn es keiner glauben mag."

„Für Sie scheint das ja nicht zuzutreffen", mischte sich Milo in das Gespräch ein.

Watsons Augen verengten sich. „Was wollen Sie damit sagen? Wollen Sie mir irgendetwas anhängen? Dann kann ich Sie nur warnen..."

„Ich habe nicht die Absicht, mit Ihnen vor Gericht die Klingen zu kreuzen", schnitt Milo ihm das Wort ab. „Warum also so empfindlich?"

„Was mein Kollege damit sagen wollte ist lediglich, dass es jemandem, der sich in einer Traumetage in der Fifth Avenue mit Blick auf den Central Park zur Ruhe setzen kann, finanziell nicht gerade schlecht gehen kann," ergänzte ich.

„Meine Finanzen gehen Sie nichts an, und wie kommen Sie überhaupt darauf, dass ich mich zur Ruhe gesetzt hätte?"

„Wie ein Büro sieht das hier nicht gerade aus", stellte ich fest.

„Ich bin mir sicher, dass ich nicht verpflichtet bin, Ihnen diese Fragen zu beantworten!"

„Gut, dann beantworten Sie mir doch bitte eine andere."

„Ich bin gespannt, G-man!"

„Wie kommt der Killer, der Azzaro auf dem Gewissen hat, an den Schlüssel zu Ihren ehemaligen Kanzlei-Räumen?"

Watson sah mich völlig entgeistert an. Er schien fassungslos zu sein. „Wie bitte?"

„Sie haben meinen Kollegen schon richtig verstanden", bestätigte Milo. „Nach den Erkenntnissen der Spurensicherung steht fest, dass der Täter einen Schlüssel hatte. Und eine der Adressen, von denen er diesen Schlüssel haben könnte, sind Sie!“

„Warten Sie!“, verlangte Watson. Er ging mit großen Schritten auf eine Tür zu, schob sie zur Seite. Dahinter befand sich ein weiterer Raum, der ebenfalls sehr spärlich, aber mit edlem Mobiliar eingerichtet war.

Watson ging an einen kleinen Schrank, holte insgesamt drei Schlüssel hervor und hielt sie Milo und mir wenige Augenblicke später vor die Nase. „Watson & Partners besaß drei Schlüssel und hier sind drei Schlüssel. Was wollen Sie mehr?“

„Was ist mit Ihren ehemaligen Teilhabern?“

„Ihre Schlüssel sind dabei. Mit der Abwicklung der Kanzlei haben sie nichts mehr zu tun. Ich hatte es übernommen, mich um einen Nachmieter zu kümmern, also habe ich die Schlüssel.“

„Geben Sie uns bitte die gegenwärtigen Adressen Ihrer ehemaligen Teilhaber“, verlangte ich.

„Da wollen Sie also auch noch herumschnüffeln. Tun Sie es ruhig. Die Adressen schreibe ich Ihnen auf.“

Ich wunderte mich etwas über Watsons feindselige, sehr nervöse und dünnhäutige Art. Schließlich kannte er das Spiel doch bestens, nur dass er diesmal nicht Verteidiger sondern Zeuge war. Zunächst einmal. Wer konnte schon wissen, wie sich das weiter entwickelte?

„Jeder von Ihnen hätte eine Kopie anfertigen können“, erklärte ich.

„Ja sicher! Und außerdem der Besitzer des Appartementhauses sowie jeder der Wachmänner, die ja Zugang zu Generalschlüsseln hatten, um im Notfall in die Wohnungen eintreten zu können“, verteidigte sich Watson. „Ich weiß nicht, welchen Strick Sie mir da drehen wollen, aber daraus wird nichts. Sie fischen im Trüben!“

Abwarten!, dachte ich. Die Verbindungen, die sich zwischen Watson und unserem Fall ergaben, waren für meinen Geschmack zu eindeutig, um auf Zufall basieren zu können. Welche Rolle er allerdings in diesem Stück spielte, würden wir noch ermitteln müssen.

„Erzählen Sie uns so viel wie möglich über Ray Azzaro“, verlangte ich schließlich. „Und natürlich über jeden, der einen Grund haben könnte, ihn töten zu lassen!“



7

Am frühen Abend versuchten unsere Kollegen Leslie Morell und Jay Kronburg den „Wäscher von East Harlem“ aufzutreiben. Gutierrez hatte mehrere Wohnungen über ganz Manhattan verstreut. Es gab verschiedene Residenzen, die er über Strohmänner gekauft hatte und von deren Existenz nur sehr wenige Personen etwas wussten.

Manche munkelten, dass Gutierrez von Paranoia befallen wäre, andere waren der Überzeugung, dass er genug Feinde hatte, um gute Gründe für seine Angst zu haben.

Aber trotz seiner Ängste hätte Gutierrez niemals darauf verzichtet, sich Abend für Abend in einem der Clubs zu zeigen, die unter seiner Kontrolle standen. Das musste er schon deshalb tun, um allen Konkurrenten deutlich zu machen, dass er nach wie vor die Fäden in der Hand hielt und an ihm niemand vorbeikam, der in East Harlem aus Schwarzgeld schneeweißes Investmentkapital zu machen beabsichtigte.

Im New Vanguard, einer Bar in der 108. Straße Ost kontaktierten Leslie und Jay einen Mann namens Greg Tambino, der hin und wieder als Informant für uns tätig war. Er glaubte zu wissen, dass Gutierrez den heutigen Abend im Buena Vista, einem seiner derzeit angesagtesten Clubs geplant hatte. „Das ist eine Latino-Disco“, meinte Tambino. „Aber das Publikum besteht zum Großteil aus ganz gewöhnlichen Anglo White Americans. Die Preise sind gepfeffert. G-men wie Sie können sich von Ihrem Spesenkonto dort wahrscheinlich nicht einmal einen Tequila bestellen…“ Tambino kicherte in sich hinein, während Jay Kronburg dem Barkeeper im New Vanguard ein Zeichen gab, damit dieser Tambino das Glas nachfüllte.

„Wie kommen Sie darauf, dass Gutierrez heute dort ist?“, hakte unterdessen unser Kollege Special Agent Leslie Morell nach.

Tambino kicherte nur.

„Glauben Sie, ich gebe Ihnen meine Quelle preis, damit das Geld, das Ihr G-men in mich investiert in Zukunft anders wohin fließt!“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Ich mag vielleicht ab und zu einen über den Durst trinken, aber das heißt noch lange nicht, dass es hier oben bei mir schon aussetzt!“, glaubte er und tickte sich dabei mit dem Zeigefinger der rechten Hand gegen die Schläfe. „Er ist dort, verlassen Sie sich drauf.“

„Ab wann?“

„Jetzt schon. Und ich habe noch etwas ziemlich Interessantes gehört.“

„Und was?“, knurrte Jay mäßig interessiert. Er wusste nicht so recht, wie er die Qualität dieser Quelle nun eigentlich einordnen sollte. In der Vergangenheit hatten wir von Tambino schon so manchen wertvollen Tipp erhalten, aber in letzter Zeit war nichts Brauchbares mehr unter seinen Informationen gewesen. Nichts, worauf sich später irgendeine Festnahme oder Ähnliches hätte stützen lassen. Das Meiste waren derzeit Gerüchte und Dinge, die Tambino vom Hörensagen her wusste.

Er beugte sich vor, sprach plötzlich so leise, dass man ihn kaum verstehen konnte. „Gutierrez soll, als er in den Lokalnachrichten des Fernsehens von Azzaros Tod gehört hat, eine Flasche seines besten Champagners geköpft haben!“

„Und Sie waren dabei – oder woher wissen Sie das so genau?“, fragte Jay ungläubig.

„Wenn ich’s Ihnen doch sage! Er hat sich gefreut, dass es Azzaro erwischt hat!“

„Aber das passt doch nicht zusammen!“

„Weil Azzaro sein Mann fürs Grobe war?“

„Ja.“

Tambino kicherte abermals. Sein anschließendes Aufstoßen sorgte dafür, dass sich schon einige der anderen Gäste im New Vanguard nach ihm umdrehten.

Leslie Morell verdrehte die Augen, während er Jay einen kurzen Blick zuwarf, der soviel bedeutete wie: Aus dem Kerl kriegen wir heute nicht mehr viel Vernünftiges heraus.

„Es soll in letzter Zeit zwischen Azzaro und seinem Herrn und Meister ein paar Spannungen gegeben haben.“

„Genaueres!“, forderte Leslie.

„Genaueres kann ich dazu nicht sagen. Aber das mit dem Champagner stimmt, das weiß ich von einem der Girls, die mit am Tisch saßen.“

„Wie heißt das Girl?“

„Eines der Go-Go-Girls aus dem Buena Vista. Nennt sich Dolores. Weiß der Geier, wie sie wirklich heißt. Die hat mir übrigens auch erzählt, dass Gutierrez ziemlich unerfreulichen Besuch von Benny Duarte hatte…“

„Dem Koks-Baron von East Harlem?“, fragte Jay.

„Genau.“

„Worum ging es?“

„Weiß ich leider nicht. Das Girl, von dem ich diese brandheiße Story habe, wurde rausgeschickt. Aber Gutierrez war kreidebleich hinterher und sein Hemd war Blut besudelt. Wenn Sie mich fragen, haben sich da zwei die Meinung auf ziemlich unangenehme Art gesagt!“ Tambino streckte die Hand aus. „Das ist eine Story, die nur ein paar Stunden alt ist, dafür sollten Sie etwas mehr springen lassen, als den üblichen Satz, Agent Kronburg.“



8

Nachdem Milo und ich aus Jeffrey Watson nicht mehr viel an brauchbaren Informationen herausholen konnten, suchten wir noch Brian Savage und Jack Ehrlich auf, die beiden ehemaligen Teilhaber von Watson & Partners. Ehrlich hatte sich ein schmuckes Haus in Riverdale, North Bronx gekauft. Savage war Teilhaber von Berringer & Associated Partners geworden, einer der angesehendsten Kanzleien an der ganzen Ostküste, die Büros in zwanzig Städten unterhielt.

Sowohl Savage als auch Ehrlich waren offenbar von Watson vorgewarnt worden und so waren ihre Antworten auf unsere Fragen entsprechend einsilbig.

„Eigenartig, dass bei den ehemaligen Anwälten von Watson & Partners plötzlich der Wohlstand ausgebrochen zu sein scheint!“, fand Milo, während wir schon auf dem Weg zurück zur Federal Plaza waren.

Dort wartete eine kurze Besprechung im Büro unseres Chefs auf uns, an der außerdem noch die Agenten Clive Caravaggio, Fred LaRocca und unser indianischer G-men Orry Medina teilnahmen. Jonathan D. McKee, der Chef des FBI Field Office New York im Rang eines Assistant Director hatte inzwischen erste Ergebnisse auf seinem Schreibtisch.

Danach war Azzaro mit einem sehr ungewöhnlichen Kaliber getötet worden, bei dem es sich offenbar um eine Spezialanfertigung handelte. Das Projektil war aus Azzaros Kopf isoliert worden und hatte bestimmt werden können.

„Unsere Kollegen mit Hilfe von NYSIS herauszufinden versucht, ob überhaupt schon einmal mit einer Waffe, die diese Projektile verschießt, ein Verbrechen verübt worden ist“, berichtete Mister McKee. „Die Antwort ist negativ. Daher brauchen wir in diesem Fall noch nicht einmal den ballistische Bericht und dessen Abgleich mit einschlägigen Datenbanken abwarten, um ausschließen zu können, dass der Killer mit dieser Waffe schon mal aktiv war.“

„Was ist das besondere an dem Projektil?“, fragte ich.

Mister McKee kündigte an, dass unser Chef-Ballistiker Dave Oaktree, uns das am nächsten Morgen genauer auseinandersetzen würde, denn daraus ergaben sich garantiert noch ein paar Fahndungsansätze. „Interessanter könnte die Automatik vom Kaliber 45 ein, mit der der Kerl auf sie beide geschossen hat“, fuhr Mister McKee fort und wandte sich dabei an Milo und mich. „Unsere Kollegen von der Scientific Research Division konnten tatsächlich eines der Projektile sicherstellen, was gar nicht so einfach war, wie Sie sich denken können. Dave arbeitet noch an den Tests.“

Eines der Telefone auf dem Schreibtisch unseres Chefs schrillte.

Mister McKee nahm den Hörer ab, sagte ein paar Mal kurz und knapp „Ja!“ und schloss mit dem Satz: „Verstärkung ist unterwegs!“

Er wandte sich an uns.

„Das war unser Kollege Jay Kronburg. Er hat James Gutierrez in einem seiner Clubs aufgespürt und jetzt braucht er noch ein paar Leute, die ihm helfen, den Kerl im Auge zu behalten.“

Ich trank meinen Becher mit Kaffee aus. Mandy, die Sekretärin unseres Chefs war berühmt dafür, das beste Gebräu im gesamten Bundesgebäude an der Federal Plaza zu kochen.

Mit einem Feierabend nach Dienstplan war heute wohl nicht zu rechnen und im Hinblick auf die zu erwartende lange Nacht war diese Dosis Koffein sicher noch nützlich.



9

Milo und ich erreichten das Buena Vista in der 110. Straße Ost. Die Neonreklame dieses derzeit offenbar ziemlich angesagten Clubs blinkte bereits auf. Der Betrieb musste hier vor kurzem begonnen haben. Auffallend viele teure Karossen waren in der Umgebung des Nobel Clubs abgestellt worden.

Ich folgte mit dem Sportwagen, den die Fahrbereitschaft des FBI Field Office New York uns zur Verfügung stellte, einem unscheinbaren metallicfarbenen Ford, in dem die Agenten Clive Caravaggio und Fred LaRocca sowie Kollege Orry Medina saßen. Clive hatte bereits in der Vergangenheit im Umkreis des Buena Vista ermittelt und daher traute ich ihm zu, dass er in den engen Seitenstraßen noch eine Parkmöglichkeit finden würde.

Ein paar Minuten später stellte ich den Sportwagen in eine Parklücke am Straßenrand. Clive hatte den Ford etwa zwanzig Meter von uns entfernt abgestellt.

Milo und ich stiegen aus. Clive, Orry und Fred kamen uns schon entgegen. Unsere Kollegin Josy O'Leary war bereits vor uns hier eingetroffen, um Jay und Leslie zu unterstützen.

Clives Handy schrillte.

Er nahm das Gerät ans Ohr, murmelte ein paar knappe Erwiderungen und sagte schließlich an uns gerichtet: „Das war Jay. Er hat James Gutierrez bereits ausgemacht. Er hängt mit ein paar Girls herum und war zuvor in eine intensive Unterhaltung mit dem Rex Hueldez verwickelt – dem Strohmann, der mit Gutierrez dreckigem Geld diesen Nobelschuppen betreibt!“

„Interessanter ist für uns, was Gutierrez macht, wenn er das Buena Vista erst einmal verlassen hat“, meinte ich. Wir mussten einfach wissen, in welchem seiner zahllosen Schlupflöcher sich der Wäscher von Harlem im Moment vorwiegend aufhielt, mit wem er sich zurzeit traf und so weiter. Natürlich hätten wir Gutierrez auch zum Verhör laden können, aber wir waren nicht scharf auf die geglätteten, in Anwesenheit eines Anwalts gegebenen Auskünfte, die wir unter diesen Umständen von Gutierrez zu erwarten hatten. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass er durch das FBI oder Beamte der City Police in der einen oder anderen Sache vernommen wurde. Er war erfahren darin, bei solchen Gelegenheiten, extrem vorsichtig zu sein und keine Äußerung fallen zu lassen, die ihn später in irgendeiner Form in Schwierigkeiten bringen konnte.

Bei dieser Operation ging es darum, herauszukriegen, was hinter den Kulissen für ein Spiel gespielt wurde. Azzaros Ermordung war vermutlich nur die Spitze eines Eisbergs, von dem sich bekanntermaßen neun Zehntel unter der Wasseroberfläche befinden.

Wir legten Kragenmikros und Ohrhörer an, um ständig Verbindung untereinander zu haben.

„Im Moment sitzt Gutierrez mit einigen Girls zusammen, aber so richtig gut gelaunt kommt er mir eigentlich nicht vor“, meldete sich Jay Kronburg über die Link-Verbindung. „Ist nur so ein Gefühl, aber für meinen Geschmack zieht der Kerl hier nur seine Show ab und will zeigen, dass er der große Hecht im Karpfenteich ist, der alles im Griff hat. Aber irgendeine Laus ist ihm über die Leber gelaufen…“

Der Empfang war hervorragend, was bei manchen Einsätzen in unterirdischen Parkhäusern oder dergleichen schon mal schwierig sein konnte.

„Vielleicht kommt die Laus da vorne gerade!“, stellte ich fest. Wir hatten gerade die Seitenstraße verlassen und befanden uns auf der dem Buena Vista gegenüberliegenden Straßenseite.

Eine lange Stretch-Limousine hielt vor dem Club. Sie war schneeweiß, so wie der Anzug des schwergewichtigen Manns, dem von einem seiner Bodyguards gerade aus dem Wagen geholfen wurde.

„Benny Duarte will den Abend ausgerechnet im Buena Vista verbringen – wenn das nicht eine interessante Neuigkeit ist!“, stieß Clive hervor.

„Zumal Duarte heute Nachmittag noch ziemlich mies auf Gutierrez zu sprechen gewesen ist, wenn wir unserem Informanten trauen können, dem wir in der New Vanguard Bar getroffen haben“, war Jays Stimme über Ohrhörer vernehmbar. „Angeblich soll Duarte Gutierrez übel zugesetzt haben.“

„Würde das nicht die angespannte Stimmung bei Gutierrez erklären?“, meinte Clive. „Vielleicht weiß er, dass sich heute noch der Schneekönig von East Harlem die Ehre bei ihm gibt…“

„Duarte ist doch wahrscheinlich einer seiner wichtigsten Kunden“, mischte sich Milo ein. „Warum sollte er schlechte Laune bekommen, wenn er auftaucht?“

„Jedenfalls scheinen die beide ihre Differenzen ausgeräumt zu haben – worin sie auch immer sie bestanden haben mögen“, murmelte Jay.

Josy meldete sich von der anderen Straßenseite zu Wort.

„Hier steht eine Limousine mit laufendem Motor im Hinterhof“, berichtete sie. „Ich schätze, das ist Gutierrez’ Wagen.“

„Kannst du einem GPS-Sender anbringen?“

„Ich werde es versuchen, hätte aber gerne noch Verstärkung hier.“

Clive wandte sich an Milo und mich. „Macht ihr das? Wir müssen uns ohnehin auf die verschiedenen Eingänge verteilen, damit er uns nicht durch die Lappen geht.“

Auf der anderen Straßenseite hatte inzwischen ein Mercedes angehalten. Den Wagen kannte ich. Er stammte ebenfalls aus dem Fundus unserer Fahrbereitschaft. Zwei junge Agenten – Don Gavin und Allan Salionowsky waren die Insassen. Mister McKee hatte die beiden jungen Quantico-Absolventen ebenfalls unserem Observationsteam zugeteilt. Clive dirigierte sie in die Nähe der Ausfahrtstraße des Hinterhofs, in dem sich Josys Angaben nach die Limousine befand. Wenn es nicht gelang, die Limousine mit einem GPS-tauglichen Sender zu bestücken, über den wir dann den Weg des Wagens verfolgen konnten, musste dem Wagen jemand direkt auf den Fersen sein.

Auf getrennten Wegen machten sich Milo und ich zu Josys gegenwärtigem Standort auf. Milo marschierte mitten durch das Buena Vista hindurch und hatte so Gelegenheit, den Auftritt des großen Kokainkönigs Benny Duarte mitzubekommen.

Ich hingegen war gezwungen, einen ganzen Block zu umrunden. Da ich nicht zuviel Zeit verlieren und noch rechtzeitig helfen wollte, nahm ich einen Teil der Strecke in gemäßigtem Jogging-Tempo.

Schließlich erreichte ich die Einfahrt zum Hinterhof. Inzwischen war es ziemlich dämmrig geworden. „Bleib am Beginn der Zufahrt stehen!“, riet mir unsere irischstämmige Kollegin Josy über Funk. „Da läuft so ein Typ mit einer Uzi unter dem Arm herum…“

Ich blieb an der Ecke, so wie Josy es mir geraten hatte. Aus der Deckung heraus konnte ich alles beobachten. Jay meldete, dass Gutierrez kurz mit Duarte sprach, der offenbar als privilegierter Gast im Buena Vista behandelt wurde.

Eine halbe Stunde lang harrten wir auf unseren Posten aus, ohne dass sich etwas tat.

Josy ging inzwischen auf die Limousine zu und tat dabei so, als wäre sie etwas beschwipst und hätte Schwierigkeiten, sicher zu gehen. Der Bodyguard drückte eine Zigarette aus und warf sie auf den Boden. Etwas, wofür man im Rest des Big Apple schon eine saftige Strafe zahlen muss, weil sich unsere Stadtregierung das Ziel gesetzt hat, aus New York ein sauberes Pflaster zu machen.

Der Chauffeur, der am Steuer saß und bis dahin nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad herumgetickt hatte, drehte sich auch zu ihr um.

„Was machen Sie hier?“, fragte der Bodyguard grob. Seine rechte Hand ging augenblicklich zum Griff der Uzi, die er an einem Riemen über der Schulter trug. „Los, verschwinden Sie!“

Josy simulierte einen Schluckauf.

„Kein Problem, ich habe mich hier wohl ein bisschen verlaufen…“

„Kommt davon, wenn man den Hinterausgang benutzt.“

Josy machte einen ungeschickten Schritt, tat so, als würde sie stolpern und landete direkt neben dem Hinterreifen links auf dem Asphalt. Blitzschnell klebte sie den Sender unter den Wagen.

Der Uzi-Träger trat an sie heran, packe sie grob am Arm und stellte sie wieder auf die Füße. „Hauen Sie ab! Am besten gehen Sie einfach den Weg zurück, woher Sie gekommen sind!“

„Aber – dann lande ich ja wieder im Buena Vista!“

„Claro! Es verdad! Und dann lassen Sie sich vom Barkeeper ein Taxi bestellen.“

Josy ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie ging zurück zum Hinterausgang, durch den sie gekommen war.

Ich stellte unterdessen fest, dass der Uzi-Träger nun schon zum dritten Mal auf die Uhr schaute.

Endlich meldete Jay, dass Bewegung in die Sache kam. Gutierrez brach auf. „Er hat einen Anruf auf sein Handy gekriegt“, stellte Jay fest.

Wenig später meldete Milo, dass Gutierrez den Korridor passiert hatte, der zur Hintertür führte. Josy hatte sich inzwischen längst wieder unter die Gäste des Buena Vista gemischt, um nicht weiter aufzufallen.

Ich beobachtete, wie Gutierrez ins Freie trat. Er schritt auf die Limousine zu, nahm dabei sein Handy in die Hand und wählte eine Nummer. Das Gespräch war sehr kurz. Er sagte höchstens einen Satz, dann steckte er das Gerät weg.

Hinter ihm folgte ein breitschultriger Kerl mit weißblond gefärbten Haaren. Er war breitschultrig, muskulös und gut einen Meter neunzig groß.

Auch er trug eine Uzi im Anschlag.

Sein Kollege öffnete die Hintertür der Limousine.

Plötzlich ging ein Ruck durch den Körper des Bodyguards.

Er sackte in sich zusammen und blieb reglos am Boden liegen. Auf seiner Stirn hatte sich ein kleiner, roter Punkt gebildet.

Ein Einschussloch.

Aber es war kein Schussgeräusch zu hören gewesen.

Ein zweiter Schluss peitschte lautlos durch die Luft und zerschmetterte den linken Außenspiegel der Limousine.

Gutierrez hechtete sich in seinen Wagen und riss die Tür hinter sich zu. Schüsse krachten jetzt laut durch den Innenhof. Der zweite Leibwächter schaffte es gerade noch seine Uzi empor zu reißen und feuerte eine ziemlich ungezielte Salve auf die Fensterfronten der oberen Stockwerke.

Ich rannte die Einfahrt zum Hinterhof entlang, riss die SIG aus dem Holster. An der Ecke blieb ich stehen.

Gutierrez hatte sich inzwischen im Wagen verkrochen. Der Chauffeur startete. Die Reifen der Limousine drehten durch.

Ich machte einen Sprung nach vorne, während mindestens ein Dutzend Kugeln in den gepanzerten Seitenscheiben hängen blieben. Schüsse fetzten auch in den Reifen hinten links hinein. Die Limousine brach aus, anstatt schnurgerade durch die Ausfahrt des Hinterhofs hinauszuschießen, krachte sie gegen eine Wand.

Der Fahrer war nach vorn gegen das Lenkrad geprallt. Dabei hatte sich der Airbag entfaltet.

Am Hintereingang des Buena Vista sah ich Milo und Josy auftauchen.

Sie wurden sofort von einem der Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Hinterhofs aus beschossen.

Eine MPi ratterte los.

Die Kugeln rissen kleine Stücke aus der Wand.

Dieser geballten Feuerkraft hatten Milo und Josy nichts entgegenzusetzen.

Ich lief zu Gutierrez’ Limousine, riss die hintere Tür auf.

Gutierrez war benommen.

Beim Aufprall des Wagens war er nach vorn geschleudert worden und mit dem Kopf gegen die Trennscheibe zur Fahrerkabine geprallt. Zumindest war dort sein verschmiertes Blut zu sehen, während an Gutierrez’ Kopf eine Platzwunde blutete. Es sah allerdings schlimmer aus, als es tatsächlich war.

Der Fahrer kämpfte sich unter seinem Airbag hervor. „Trevellian, FBI“, rief ich. „Bleiben Sie hier und rühren Sie sich nicht. Unsere Leute sind in der Nähe!"

„Hey, Sie…."

„Rühren Sie sich nicht vom Fleck!“, wies ich ihn noch einmal unmissverständlich an.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Hinterhofeinfahrt gab es eine Tür, die sich plötzlich einen Spalt breit öffnete. Das Mündungsfeuer einer MPi blitzte auf. Ich warf mich zu Boden. Der Kugelhagel pfiff über mich hinweg. Rechts und links schlugen die Projektile gegen die Limousine, blieben in den Scheiben hängen und bildeten dabei jeweils das Zentrum von feinen Rissen, die sich wie Spinnenbeine verzweigten oder prallten von der gepanzerten Karosserie ab. Gefährliche Querschläger entstanden auf diese Weise. Noch im Fallen hatte ich die SIG Sauer P226 hochgerissen und mehrfach gefeuert.

Am Boden feuerte ich noch einmal, diesmal mit einem genau gezielten Schuss. Mein Gegner schrie auf. Im selben Moment verebbte der MPi-Kugelhagel.

Ich schnellte hoch, rannte auf die Tür zu. Mit der SIG in der Faust riss ich sie auf. Den Lauf meiner Dienstwaffe hielt ich in Augenhöhe. Der MPi-Schütze lehnte an der Wand. Er trug eine Sturmhaube. Blut rann ihm zwischen den Händen hindurch. Ich hatte ihn offenbar am Arm erwischt. Er versuchte, ein frisches Magazin in seine Waffe zu schieben. Sein Arm zitterte dabei.

„Keine Bewegung!“, rief ich. „FBI! Sie sind verhaftet!“

Über das Kragenmikro meldete ich die Verhaftung, entwaffnete ihn und nahm ihm die Sturmhaube vom Gesicht. Ich schätzte ihn auf ungefähr dreißig Jahre. Er hatte dunkle Haare, die leicht gelockt waren und eine kraterartige Narbe am Kinn, die wohl von einem starken Aknebefall in der Pubertät geblieben war.

Während ich das tat, nahm ich über das Kragenmikro Kontakt mit meinen Kollegen auf. „Wir brauchen einen Arzt“, sagte ich. „Und außerdem Verstärkung. Der Kerl hier war nicht allein. Da muss noch jemand im Haus sein. Die ersten Schüsse konnte man nämlich nicht hören, das heißt, es wurde wahrscheinlich ein Schalldämpfer verwendet. Aber bei dem Verhafteten habe ich so etwas nicht finden können.“

Die beiden jungen Quantico-Absolventen Gavin und Salionowsky bekamen daraufhin von Clive die Anweisung, den zur Straße gelegenen Hauseingang im Auge zu behalten.

Ich hörte Schritte.

Milo und Josy erreichten mich.

„Alles klar?“, fragte Milo.

„Mit mir schon“, erwiderte ich.

„Wir sind gleich bei euch, Jesse!“, versprach Jay Kronburg.

Wenig später traf der ehemalige Cop im Dienst des New York Police Department bei uns ein. Er war der Einzige von uns, der nicht auf die SIG Sauer P226 umgestiegen war, sondern noch immer seinen 4.57er Magnum-Revolver benutzte.

Milo und Josy meinten, dass aus dem dritten Stock geschossen worden sei.

Es handelte sich um ein Gebäude mit kleinen Apartments. Viele davon wurden vom Personal des Buena Vista bewohnt, wie sich bei späteren Befragungen herausstellte.

Milo, Jay und ich wollten uns im Haus umsehen. Josy sollte bei dem Verhafteten bleiben, während Agent Leslie Morell sich um Gutierrez kümmerte. Schließlich sollte uns der Wäscher von Harlem so schnell nicht wieder durch die Lappen gehen. Gutierrez musste uns schließlich noch einiges erklären.

Wir wollten uns gerade das Treppenhaus vornehmen, da hörten wir über unsere Ohrhörer, wie die Kollegen Gavin und Salionowsky, jemanden aufforderten, stehen zu bleiben.

Im nächsten Moment hörten wir Schüsse.

Sie kamen von der der Straßenseite des Apartmenthauses. Außerdem hörten wir das Feuergefecht auch noch im Ohrhörer, was einem fast das Trommelfell platzen lassen konnte.

Die Agenten Gavin und Salionowsky waren offensichtlich in ein Feuergefecht verwickelt.

Wir zögerten keinen Augenblick, sondern rannten ins Freie, erreichten das Ende der Ausfahrt und schließlich die Straße. Eine Tür, die ins Haus führte, stand halb offen.

Ein Mann lag regungslos im Eingangsbereich. Sein Gesicht war durch eine Sturmhaube verdeckt. In der Rechten hielt er ein Gewehr mit Schalldämpfer und Laserzielerfassung. Blut sickerte aus einer Wunde am Oberkörper.

In einer Entfernung von nur wenigen Metern lagen zwei weitere menschliche Körper auf dem Asphalt. Es waren Salionowsky und Gavin, unsere beiden jungen Kollegen. Die Schüsse, die wir gehört hatten, waren von ihnen abgegeben worden. Salionowsky war tot, aber Gavin lebte noch. Sein Brustkorb war voller Blut.

Jay machte über Funk noch einmal Druck, um Hilfe vom Emergency Service für den Abtransport eines Schwerverletztern zu bekommen.

Ich beugte mich über Gavin.

„Wir… wollten… doch nur…“

Weiter sprach er nicht. Seine Augen wurden starr.

„Verdammt“, murmelte ich.



10

Wenig später tummelten sich um das Buena Vista herum die Kollegen der Scientific Research Division, der City Police unsere eigenen Leute. Was Don Gavin und Allan Salionowsky anging, so konnte man nur noch ihren Tod feststellen. Ich habe mein Leben dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet und dies auch nie bereut. Don und Allan hatten dich derselben Sache verschrieben wie Milo, Clive, Jay und all die anderen, die im FBI Field Office an der Federal Plaza ihren Dienst verrichten - allen voran unser Chef Mister Jonathan D. McKee. Aber Don und Allan waren gar nicht erst dazu gekommen, ihren Traum in die Wirklichkeit umzusetzen.

Aber ich nahm mir vor, dafür zu sorgen, dass ihr Tod nicht sinnlos bleiben würde…

Der verletzte Killer, den wir festgenommen hatten, verweigerte zunächst jede Aussage. Die Kollegen der City Police nahmen ihn nach Rikers Island mit, wo er in der dortigen Gefängnisklinik behandelt werden konnte.

Es war unwahrscheinlich, dass er bereit war, über seine Hintermänner zu sprechen.

Er trug einen Führerschein unter dem Namen Robin Carlos.

Der Name war echt, wie sich herausstellte. Sein Komplize, der unsere Agenten erschossen hatte und bei dem Feuergefecht mit ihnen selbst ums Leben gekommen war, hieß laut seiner Papiere Rick Mendoza. Beide waren wegen mehrfacher Körperverletzung und Drogenhandel vorbestraft.

Mit dem Killer, der Ray Azzaro auf dem Gewissen hatte, waren jedoch beide in keinem Fall identisch. Allein die Schuhgrößen reichten schon aus, um das sicher auszuschließen.

Letztlich waren die beiden nur Handlanger für jemand anderen gewesen.

Fragte sich nur, wer der große Unbekannte war, der es auf den Wäscher von Harlem abgesehen hatte.

Gutierrez war in diesem Zusammenhang alles andere als auskunftsfreudig.

Wir nahmen uns Gutierrez vor, nachdem sich ein Notarzt des Emergency Service um seine Platzwunde gekümmert hatte.

„Ich nehme an, Sie haben ein Büro oder dergleichen, wo wir uns ungestört unterhalten können“, sagte ich.

„Wenn es sein muss.“

„Es muss sein, Mister Gutierrez. Und nachdem wir mitgeholfen haben, Ihnen Ihr Leben zu retten, wäre das mindeste, was wir erwarten können etwas Kooperation.“

Gutierrez machte eine wegwerfende Handbewegung. Ich ahnte schon, dass uns seine Vernehmung nicht all zu viel weiterbringen würde. „Nur in Anwesenheit meines Anwaltes“, erklärte er schließlich.

„Es steht Ihnen frei, Ihren Anwalt anzurufen“, erwiderte ich.

Zwanzig Minuten später hatte er Clive Caravaggio und mich in ein Separee geführt.

Der Anwalt ließ auf sich warten.

„Ihr Anwalt heißt doch nicht zufällig Jeffrey Watson?“, fragte ich.

Gutierrez sah mich mit überraschtem Gesichtsausdruck an und grinste dann verlegen.

„Hey, G-man, dies ist ein freies Land, falls Sie davon noch nichts gehört haben sollten! Ich kann mich durch den Anwalt meines Vertrauens vertreten lassen – oder gibt es dagegen neuerdings irgendein Gesetz, dessen Verabschiedung ich nicht mitbekommen habe?“

„Es ist nur eine interessante Verbindung“, stellte ich klar.

Ein Anwalt, der zusammen mit seinen Kanzleipartnern plötzlich reich geworden war, ein Geldwäscher-König, dessen Mann fürs Grobe auf den Stufen des Gerichtsgebäudes erschossen worden war.

Und jetzt dieses Attentat…

Ich brachte das alles noch nicht auf einen Nenner. Die entscheidenden Fakten waren uns bisher unbekannt, davon war ich überzeugt.

Watson traf nach einer halben Stunde in.

„So schnell sieht man sich wieder“, sagte ich.

Er grinste schief. „Mein Mandant wird Ihnen keinerlei Aussagen unterschreiben.“

„Vielleicht machen Sie Ihrem Mandanten mal klar, dass jemand offensichtlich keine Kosten und Mühen scheut, um ihn auszuschalten und er selbst wohl offensichtlich nicht in der Lage ist, sich entsprechend zu schützen“, erklärte Clive Caravaggio etwas gereizt.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Gentlemen, dass Sie im richtigen Augenblick zur Stelle waren, um das Schlimmste zu verhindern“, erklärte Gutierrez in einem verbindlichen Tonfall. „Aber Ihre Annahme, dass dieser Mordanschlag etwas mit einem meiner Geschäfte zu tun hat, ist vollkommen unhaltbar.“

„Ich kann mich nicht erinnern, dass das hier jemand getan hätte!“, erwiderte ich.

„Aber daran gedacht haben Sie!“, antwortete Gutierrez etwas ärgerlich. Zornesröte kennzeichnete jetzt sein Gesicht.

Wir mussten schließlich einsehen, dass es keinen Sinn hatte, Gutierrez weiter zu bearbeiten. Wahrscheinlich hing es damit zusammen, dass er sich selbst mehrerer ziemlich schwerwiegender Straftaten hätte bezichtigen müssen, wenn er offen mit uns über die Bedrohung gesprochen hätte, mit der ihn ein Unbekannter verfolgte.

Wir gaben es schließlich auf.

Gutierrez ließ sich von einem Taxi abholen. Wir hatten keinerlei Handhabe, das zu verhindern und ihn zur Kooperation zu zwingen. Schließlich lag aktuell nichts gegen ihn vor. Der Sender, den Josy an Gutierrez’ schrottreifem Wagen befestigt hatte, würde uns nichts mehr nützen können.

Wir bestanden darauf, ihn zu seinem Taxi zu bringen und deponierten auch dort einen Sender.

Schließlich wollten wir über seinen Aufenthaltsort informiert sein. Gutierrez gab uns zwar eine Wohnung in der Elizabeth Street als gegenwärtige Residenz an, aber dort tauchte er nie auf, wie sich später herausstellte.

„Wir können nur hoffen, dass Mister McKee beim District Attorney eine Rundumüberwachung sämtlicher Telefonanschlüsse bei Gutierrez zustimmt!“, knurrte Milo, nachdem wir allein waren.

„Die Schwierigkeit dürfte sein, überhaupt auch nur einen einzigen Anschluss zu finden, der offiziell auf seinen Namen läuft“, gab ich zurück. „Bei dem Kerl läuft doch alles über Strohmänner! Und Nachrichten tauscht er über Prepaid Handy aus!“

„Auf jeden Fall wird es verdammt schwer werden“, stimmte ich zu.

Dass wir Gutierrez unterschätzt hatten, zeigte sich schon wenig später.

Noch am Abend erfuhren wir nämlich über den Taxifahrer, dass Gutierrez sich einfach nur bis zur nächsten Subway-Station gefahren und dort vermutlich in einen Zug gestiegen war.

Der Wäscher von Harlem ließ sich einfach nicht gern in die Karten schauen…



11

Clive Caravaggio wurde per Handy zu den SRD-Kollegen in den Hinterhof gerufen. Es lagen offenbar neue Erkenntnisse vor. Orry verhörte gerade einen Zeugen, dem die beiden Killer aufgefallen waren, als sie das Appartementhaus betreten hatten.

Zusammen mit Leslie und Jay sahen wir uns inzwischen im Buena Vista um. Vielleicht konnte man dort noch etwas mehr darüber erfahren, mit wem der Wäscher von East Harlem momentan verfeindet war. Anscheinend schwelte hier ein handfester Krieg unter Gangstern, von dem wir allerdings noch nicht so recht wussten, was der Hintergrund war.

„Wenn ihr mich fragt, dann hat James Gutierrez eine Scheißangst“, meinte Leslie Morell. „Fragt mich nicht, vor wem. Aber dem ist doch bei jeder unserer Frage der Schweiß ausgebrochen – und ich glaube nicht, dass es damit zu tun hatte, dass er ernsthaft befürchtete, wir hätten Beweise genug, um ihn endlich seiner krummen Geschäfte wegen vor Gericht zu bringen!“

Die Gäste im schalldicht isolierten Buena Vista hatten von der Schießerei in unmittelbarer Nähe des Clubs nichts mitbekommen.

Es wurde dort noch immer ausgelassen gefeiert.

Selbst Benny Duarte war geblieben. Er amüsierte sich mit einem halben Dutzend ziemlich leicht bekleideter Girls, die im Buena Vista als Go-go-Tänzerinnen arbeiteten. Mehrere Bodyguards hatten sich so um ihren Chef gruppiert, dass es unmöglich war, so ohne weiteres, an seinen Tisch zu gelangen. Champagnerflaschen standen auf dem Tisch. In den Gläsern sprudelte es.

Jay Kronburg stieß mich an und deutete auf einen Mann im kobaltblauen Anzug, der am Schanktisch lehnte. „Das ist unser Informant Greg Tambino“, erklärte er.

Tambino wandte den Blick zur Seite und tat so, als würde er Jay und Leslie nicht kennen. Wir ignorierten ihn ebenfalls. Andernfalls hätten wir ihn in Lebensgefahr gebracht.

„Vielleicht bringt es was, wenn wir uns mal mit Rex Hueldez unterhalten“, sagte ich.

Jay hob die Augenbrauen. „Gutierrez’ Strohmann? Ich weiß nicht…“

„Ich denke, so einer weiß mehr über seinen Boss, als dem lieb ist…“

„Lass uns doch erstmal Benny Duarte auf den Zahn fühlen“, meinte Jay Kronburg. „Und da macht es etwas mehr Eindruck, wenn wir da zusammen aufkreuzen.“

Ich zuckte die Achseln.

„Wenn du meinst, dass das was bringt.“

„Nach Tambinos Angaben hatte Duarte heute Nachmittag eine ziemlich unfreundliche Unterhaltung mit Gutierrez, die eine Go-Go-Tänzerinnen namens Dolores mitbekommen hat“, fuhr Jay fort. „Ist doch verwunderlich, dass dieser Kerl jetzt hier so seelenruhig sitzt und sich amüsiert…“

„Sieht fast so aus, als wollte er aller Welt zeigen, dass dieser Laden jetzt unter seiner Kontrolle steht“, meinte Milo.

Jay war derselben Ansicht. „Genau!“

„Dann ist Gutierrez jetzt entweder Teil von Duartes Organisation oder er will ihn auch aus dem Weg putzen!“, schloss ich.

Wir gingen an Duartes Tisch.

Er alberte gerade mit zwei leicht bekleideten Go-Go-Tänzerinnen herum.

Die Bodyguards traten uns entgegen, als wir uns dem Tisch weiter näherten. Wir zückten unsere ID-Cards.

Benny Duartes Gesicht erstarrte. Er machte ein Zeichen, woraufhin die Leibwächter zurückwichen.

„Mister Duarte, wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen.“

„Ich hätte eigentlich vermutet, dass die gut versorgten Staatsdiener von der Federal Plaza längst Feierabend haben!“, greinte der Schneekönig von East Harlem und lachte so dröhnend, dass er damit die Musik übertönte und sich einige der anderen Gäste etwas irritiert nach ihm umdrehten.

„Ich nehme an, dass es sich schon bis zu Ihnen herumgesprochen hat, was draußen passiert ist.“

„Tut mir leid, Mister…“

„Agent Trevellian, stellvertretender Special Agent in Charge. Auf Mister James Gutierrez ist ein Attentat verübt worden, kurz nachdem er das Buena Vista verließ…“

„…und mit Ihnen gesprochen hatte!“, ergänzte Jay.

„Und da sehen Sie einen Zusammenhang?“ Er lachte noch einmal dröhnend und legte dabei seine mächtigen Pranken um die schmalen Schultern der beiden Go-Go-Tänzerinnen.

„Sie sind heute schon mal hier gewesen – und da gab es ziemlich handfesten Streit zwischen Ihnen und Gutierrez!“, schnitt ihm Jay Kronburg das Wort ab.

Duartes Gesichtszüge veränderten sich. Unterhalb seines linken Auges zuckte unruhig ein Muskel.

Er fing plötzlich an zu schwitzen und lockerte den obersten Hemdknopf. „Wer hat Ihnen das gesagt? Dieser Gutierrez, von dem Sie sprachen?“

„Jetzt behaupten Sie nur noch, dass Sie James Gutierrez gar nicht kennen!“, sagte ich eisig.

Dabei bemerkte ich, dass Greg Tambino uns die ganze Zeit über aufmerksam beobachtete.

„Verzieht euch mal, ihr Hübschen“, wandte er sich an die beiden Girls. „Ich glaube, ihr habt sowie bald euren Auftritt.“

Die jungen Frauen gehorchten.

„Dolores!“, wandte sich Duarte an eine der beiden, die durch ihr dichtes, schwarz gelocktes Haar auffiel, dass ihr das bis zum Po hinunterreiche. Ihre Figur war eine Schwindel erregende Silhouette und das knappe Kostüm zeigte davon mehr, als es verbarg.

Dolores drehte sich zu ihm um und hob fragend die Augenbrauen.

„Wir sehen uns nachher noch, mí guapa, no?“

„Sí, Senor Duarte!“

„Du kannst Benny zu mir sagen, Baby!“

Die beiden Girls rauschten davon.

Benny Duarte machte eine großspurige Geste und deutete auf die freien Plätze am Tisch. „Setzen Sie sich, Senores! Dann können wir die Sache aus der Welt schaffen.“

Wir setzten uns.

Mir fiel auf, dass Dolores kurz bei Greg Tambino stehen blieb. Die beiden wechselten ein paar Worte, dann ging sie weiter zu dem auf einem Podest befindlichen Metallkäfig, in dem sie tanzen sollte.

„Wie geht es Gutierrez?“, fragte Duarte. „Ich hoffe es ist ihm nichts Ernsthaftes passiert.“

„Seien Sie unbesorgt“, erwiderte ich. „Den Umständen entsprechend.“

„Das freut mich“, erwiderte er ölig.

„Worum ging es bei Ihrem Streit heute Nachmittag?“, wollte ich wissen.

„Wer sagt, dass es den überhaupt gegeben hat? Behauptet Gutierrez das?“

„Wir wissen es und das reicht.“

„Wenn Sie das sagen…“ Duarte verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Hören Sie, ich habe mit dem Anschlag nichts zu tun. Und wenn es doch so wäre, dann könnten Sie mir niemals nachweisen….“

Er grinste und hielt das offenbar für eine witzige Bemerkung.

„Ich verspreche Ihnen eins, wenn Sie etwas mit der Sache zu tun haben, finden wir es heraus. Darauf können Sie Gift nehmen.“

„Ich bekomme jetzt richtig Angst, G-man!“

„Das sollen Sie auch!“

Einige Augenblicke herrschte Schweigen.

Duarte funkelte mich böse an.

Ich schien ihm richtig die Laune verdorben zu haben. Er hatte jetzt nicht einmal mehr Augen für die schwingenden Hüften von Dolores, die gerade ihr Bestes gab, um dem Publikum einzuheizen.

Ich beugte mich etwas vor. „Hören Sie, wenn wir jetzt Ihre Männer filzen, werden wir mit Sicherheit ein paar Waffen finden, deren Besitz im Staat New York reglementiert ist. Ich schlage vor, Sie machen jetzt doch noch eine Aussage über Ihren Streit von heute Nachmittag.“

Benny Duarte atmete tief durch. Sein aufgeschwemmtes Gesicht wurde dunkelrot.

Ich hatte es offenbar geschafft, ihn richtig ärgerlich zu machen. Aber das beruhte in diesem Fall durchaus auf Gegenseitigkeit.

„Es gab ein paar geschäftliche Dinge, die dringend geklärt werden mussten, das ist alles“, behauptete Duarte.

„Etwas genauer hätten wir das schon gerne.“

„Tut mir leid, aber ich wüsste nicht, dass Sie das etwas angeht. Holen Sie ihn doch her, dann wird er Ihnen bestätigen, dass wir unsere Meinungsverschiedenheiten vollkommen ausräumen konnten.“

Solange Gutierrez nicht mit uns kooperierte, hatten wir nichts in der Hand. Wir drehten uns im Kreis.



12

Am nächsten Morgen saßen wir alle etwas müde im Besprechungszimmer unseres Chefs.

Dave Oaktree erläutert uns die Ergebnisse der ballistischen Untersuchung nach dem die Waffen der Killer bereits bei mehreren bisher nicht aufgeklärten Schießereien im Drogenmilieu verwendet worden. „Vor drei Monaten wurde mit der Waffe von Rick Mendoza ein Mann namens Saul Turner umgebracht. Turner betrieb bis dahin ein Wettbüro in der 113. Straße Ost, von dem wir annehmen, dass James Gutierrez dort stiller Teilhaber ist."

„Versucht da vielleicht jemand, die Organisation des Wäschers von Harlem zu zerschlagen?", fragte Mister McKee.

Unser Innendienstler Max Carter meldete sich jetzt zu Wort. „In der Avenue A hat es vor vier Wochen ein Feuer in der Nobeldisco The Sunset gegeben."

Mister McKee hob die Augenbrauen. „Lassen Sie mich raten, Max! The Sunset gehört zu James Gutierrez´ Läden!"

„In diesem Fall ist er sogar ganz offiziell der Besitzer, ohne sich durch einen Strohmann zu tarnen", berichtete Max.

„Wer will da noch an Zufälle glauben", sagte Milo.

Die Frage war, ob der Mord an Ray Azzaro damit in Zusammenhang stand oder nicht. Er passte ins Muster, war aber von einem anderen Täter verübt worden.

„Noch eine interessante Einzelheit", ergänzte Max Carter seine bisherigen Ausführungen. „Rick Mendoza und Robin Carlos haben beide Haftstrafen wegen Drogendelikten und diversen Körperverletzungen hinter sich. Die Verteidigung lag in den Händen der Kanzlei Watson & Partners."

Ich pfiff durch die Zähne

„Ich habe das Gefühl, dass wir Watson und seinen ehemaligen Kanzleipartnern noch mal einen Besuch abstatten müssen.“

Mister McKee wandte sich in meine Richtung.

„Wie wäre es, wenn Sie und Milo dies übernehmen, Jesse? Nehmen Sie sich auch die Partner vor. Vielleicht ist von denen ja jemand gesprächiger als Watson.“ Mister McKee wandte sich an Clive und Orry. „Kümmern Sie beide sich bitte noch einmal um Gutierrez. Organisieren Sie eine Beschattung rund um die Uhr. Der Kerl hält bisher einen zu großen Teil seines Lebens vor uns verborgen. Wir wissen noch nicht einmal, wo er in der letzten Nacht geschlafen hat, mit wem er zusammenlebt und so weiter... Sie bekommen ausreichend Personal für diese Maßnahme."

„Bislang wissen wir noch nicht einmal, wo sich Gutierrez gegenwärtig aufhält!“, gab Orry zu bedenken.

„Aber er kann nicht andauernd in Deckung bleiben, wenn er seine Geschäfte weiter führen will“, erklärte Mister McKee. „Er muss sich in dem einen oder anderen seiner Clubs und was sonst noch so betreibt, zeigen. Früher oder später jedenfalls. Und wenn er auftaucht, möchte ich dass er nicht wieder aus den Augen gelassen wird! Keinen Schritt!“

„Und was ist mit Benny Duarte?", erkundigte sich Jay Kronburg.

Mister McKee atmete tief durch.

„Das Problem ist, dass zwar jeder Wichtigtuer in East Harlem zu wissen glaubt, dass der Kerl Dreck am Stecken hat, aber bislang ist es uns einfach nicht gelungen, genug an Beweisen und Indizien zu sammeln, um ein Verfahren gegen ihn zu eröffnen. Das mag auf Dauer frustrierend sein, aber lassen Sie sich zum Trost gesagt sein, dass unsere Kollegen von der Steuerfahndung bei Duarte bislang ebenso auf Granit gebissen haben wie die DEA."

„Dann sollte sich das schleunigst ändern", knurrte Jay Kronburg.

Mister McKee nickte und stimmte vehement zu. „Bitte, versuchen Sie Ihr Glück, Jay. Aber setzen Sie sich vorher mit Nat in Verbindung." Mister McKee blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk. „Eigentlich sollte er längst hier sein. Wird wohl im Stau stecken geblieben sein."

Unser Kollege Nat Norton war studierter Betriebswirt und ein Experte, wenn es darum ging, Geldströme zu verfolgen. Im Bereich des organisierten Verbrechens waren derartige betriebswirtschaftliche Kenntnisse oft genug die Voraussetzung, um Erfolge erzielen zu können.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zu Mister McKees Besprechungszimmer.

Es war Mandy, die Sekretärin unseres Chefs. Sie trug ein Tablett mit dampfenden Kaffeebechern herein. Nur Augenblicke später erfüllte der Duft ihres im gesamten Bundesgebäude berühmten Gebräus den Raum.

„Tut mir leid, dass es heute etwas länger gedauert hat, aber ich musste erst noch frisches Kaffeepulver besorgen", entschuldigte sie sich.

Allzu viel Zeit blieb uns allerdings nicht, um das unverwechselbare Aroma von Mandys Kaffee zu genießen.


13

Dolores wurde durch das Schrillen eines Handys geweckt. Nur nebelhaft erinnerte sie sich daran, wie der gestrige Abend zu Ende gegangen war. Wie Benny Duarte sie mit in seine Limousine genommen und zu seiner Luxus-Wohnung in der 114. Straße mitgenommen hatte.

„Ein Tausender ist für dich drin, mi guapa!“, klangen ihr die Worte des Dicken noch in den Ohren.

Die Erinnerung an den Sex mit Duarte hatte Dolores schon fast aus dem Bewusstsein verdrängt. Allein bei dem Gedanken an das, was in der letzten Nacht geschehen war, wurde ihr speiübel. Ihr Körper war übersät von blauen Flecken. „Ich mag es auf die harte Tour", hatte er gesagt. Wie hart es werden würde, war ihr da nicht klar gewesen.

Tausend Dollar für eine Nacht mit Benny Duarte - sie hatte gedacht, dass das ein guter Preis und der Koloss im weißen Anzug ein großzügiger Mann wäre.

Jetzt fand sie das nicht mehr.

Duarte hatte ihr dafür das Letzte abverlangt.

Na warte, dachte sie. Man sieht sich immer zweimal...

Das Handy schrillte erneut.

Dolores richtete sich auf. Sie war nackt. Das lange Haar fiel ihr über die schweren Brüste, als sie aufstand.

Das Handy, das da unablässig schrillte, musste sich in Duartes Jackett befinden, das er achtlos auf den Boden geworfen hatte.

Duarte war inzwischen auch wach geworden.

„Gib mir die Jacke!“, ächzte er. Er schien plötzlich alarmiert und hellwach zu sein. „Na, los, mach schon!“

Dolores gehorchte.

Duarte deutete auf eine Kommode. „Mach die erste Schublade auf. Da findest du genug Schnee, um dich in gute Stimmung zu schnupfen“, sagte er. „Hey, es war eine tolle Nacht, ich weiß nicht, was du für ein Gesicht machst!“

Für dich war es vielleicht eine tolle Nacht!, ging es ihr durch den Kopf und sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Ihr Lächeln wirkte jedoch ziemlich verkrampft.

Duarte nahm das Handy ans Ohr und meldete sich. Es handelte sich um eines der zahlreichen Prepaid-Geräte, die der große Drogenboss in Gebrauch hatte. Je nach Priorität hatte er die Geräte mit verschiedenen Klingeltönen ausgestattet.

„Duarte aquí! Hóla, que tál?“, meldete sich Duarte und sagte dann dreimal „Sí!“ mit jeweils einer kurzen Pause dazwischen. „Un momento, por favor", fuhr er dann fort, legte das Handy kurz ab und zog sich einen Frotteemantel über. Anschließend warf er einen kurzen Blick in Dolores' Richtung und ging mit dem Handy am Ohr durch die halb offen stehende Glastür, durch die man hinaus auf den großen Dachgarten gelangen konnte.

Dolores hörte noch, wie er sagte: „Entschuldigen Sie, aber mein Spanisch ist nicht mehr das Beste. Schon meine Eltern beherrschten es nicht mehr perfekt, auch wenn sie großen Wert darauf gelegt haben, dass ich es lerne..." Erneut folgte eine Pause. Dolores näherte sich der Tür, um besser mithören zu können. Es ging um eine Lieferung von besonders hoher Qualität, so viel bekam sie mit. Sie nahm an, dass es dabei nur um Kokain gehen konnte.

„Der Preis ist in Ordnung, aber ich möchte vorher eine Probe zur Analyse bekommen. Wir treffen uns übermorgen, sagen wir um genau 22.00 Uhr. Kennen Sie sich im Central Park aus? Es gibt da ein Waldstück, The Rumble genannt. Sie fahren die Transverse Road No. 1 von Osten und biegen nach ca. dreihundert Metern rechts in einen schmalen, unbefestigten Weg ein. Nach exakt dreihundert Metern stoppen Sie. Schauen Sie auf Ihren Tacho."

Duarte unterbrach das Gespräch und wählte eine andere Nummer. „Ruf die Jungs zusammen. Ein Deal liegt übermorgen an und wir werden da noch einige Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen..." In diesem Augenblick bekam Benny Duarte mit, dass Dolores in der Nähe der Tür stand. „Hey, was machst du da! Ist der Schnee nicht in Ordnung oder gibt es sonst was zu meckern?"

Dolores entschloss sich, in die Offensive zu gehen und ganz die Ahnungslose zu spielen. Sie streckte ihre Arme aus und trat hinaus ins Freie. Der Straßenlärm drang aus der Tiefe der New Yorker Straßenschluchten hier herauf, in dieses kleine Paradies über den Dächern von New York.

„Ich fühle mich großartig, Benny!"

Das war nicht einmal gelogen. Nur hatte das einen ganz anderen Grund, als Benny Duarte glaubte. Mit der letzten Nacht hatte das jedenfalls nicht das Geringste zu tun. Eher schon mit dem, es sie so eben gehört hatte.

Greg Tambino würde sich freuen, wenn sie ihm diese Neuigkeiten mitteilte.

Einen Augenblick schien Benny Duarte Misstrauen geschöpft zu haben, aber der Blick auf ihre Brüste besänftigte ihn.

„Wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?“, fragte er.

„Mantigo.“

„Dolores Mantigo? Klingt hübsch. Soll ich dir was sagen? Im Buena Vista herumzuhopsen ist doch kein Job für dich.“

„Und was wäre die Alternative?“

Duarte grinste. „Kannst du dir das nicht denken?“


14

Zwei Stunden später traf sich Dolores Mantigo in einem Coffee Shop in der 37. Straße mit Greg Tambino. Den Treffpunkt hatten sie extra weit außerhalb von East Harlem gewählt. Tambino wartete schon eine ganze Weile auf sie und wirkte ziemlich ungeduldig.

Dolores trug eine Sonnenbrille.

„Hast du etwas zu bieten?“, fragte er.

„Übermorgen um 22.00 Uhr findet ein Deal oder so etwas statt.“

„Was genau?“

„Ich konnte nicht alles verstehen. Es scheint so, als sei Duarte mit einem neuen, sehr preisgünstigen Kokainlieferanten in Kontakt gekommen. Er will erstmal eine Probe nehmen, um die Qualität beurteilen zu können.“

„Wo treffen sie sich?“

„Das sage ich dir, wenn ich das Geld habe.“

Tambino knurrte vor sich hin, nahm seine Geldbörse heraus und zählte tausend Dollar ab.

„Das reicht in diesem Fall nicht“, sagte Dolores.

„Hast du unsere Abmachung vergessen?“

„Nein. Aber du kannst ja zusehen, ob du dieselbe Information irgendwo preiswerter bekommst!“

Tambino nahm noch ein Bündel Scheine aus der Brieftasche und legte sie auf den Tisch. „Das müsste reichen! Schließlich wird Duarte ja wohl auch ziemlich großzügig zu dir gewesen sein, oder?“

„Wie man’s nimmt…“

„Gibt es eine Möglichkeit, dass du Benny Duarte öfter siehst?“

Dolores Mantigo atmete tief durch. „Er hat mir so etwas wie einen Job als Betthäschen bei ihm angeboten.“

„Falls du noch nicht zugesagt hast, wirst du das nachholen.“

Sie hob die Augenbrauen. Ein spöttisches Lächeln spielte um die Mundwinkel der jungen Frau. „Warum sollte ich das tun? Er ist ein grober Kotzbrocken. Ohne einen kräftigen Zug Schnee in der Nase hält das kein Mensch aus!“

„Was Schnee angeht, bist du bei Duarte doch an der Quelle. Hör zu, wenn die Probe zufrieden stellend war, wird es eine zweite, größere Lieferung geben. Du musst herausfinden wo und wann die übergeben wird.“

„Was hast du vor, Greg?“

„Denkst du nicht, dass wir beide einen Platz an der Sonne verdient haben? Die zweite Lieferung wird Duarte zum Verhängnis werden.“

„Wie willst du das anstellen?“

„Ich werde gar nichts tun – außer vielleicht meine Kontakte zum FBI spielen zu lassen. Die G-men erledigen das für uns. Aber da brauche ich mehr, als nur eine kleine Probelieferung, um Duarte für immer verschwinden zu lassen.“

Dolores atmete tief durch.

„Was ist für mich drin?“, fragte sie.

„Zwanzig Riesen. Mehr kann ich nicht geben.“

Dolores beugte sich etwas. „Lass mich mal nachdenken. Du willst Duarte aus dem Weg räumen. Wahrscheinlich, weil du dein Dealer-Revier verloren hast, seit Duarte die Hand auf das Buena Vista ausgestreckt hat…“

„Jeder muss sehen, wie er zurecht kommt“, erwiderte Tambino. „Klar, der Mann in Weiß will natürlich, dass in Gutierrez’ Clubs jetzt ausschließlich sein Schnee verkauft wird.“

„Da steht doch viel mehr für dich auf dem Spiel, Greg! Und wenn du das Geld nicht aufbringen kannst, dann frag doch Gutierrez, ob er es dir wiedergibt, dem tust du doch einen Gefallen, wenn du dafür sorgst, dass Duarte verschwindet.“

„Gutierrez?“, lächelte Tambino. „Den Teufel wird der tun.“

„Dann tut es mir leid“, sagte Dolores. Sie erhob sich. „So schlecht ist der Job als Go-Go-Girl im Buena Vista auch nicht.“

„Warte!“

Tambino sprang auf, griff nach Dolores’ Handgelenk. Er fasste so fest zu, dass wie in einem Schraubstock festsaß.

„Du tust mir weh“, sagte sie.

Der Kellner des Coffee Shops, der gerade damit beschäftigt war, ein paar Tische abzuwischen, schaute schon misstrauisch herüber. Greg Tambino ließ die junge Frau los.

„Jetzt vermassle uns nicht die Tour!“, zischte er. „Das ist DIE Chance!“

„Uns?“, echote Dolores. „Das wird ja immer interessanter. Wer hängt denn noch mit drin? Entweder du sagst mir alles und zahlst mir einen fairen Anteil, oder du kannst mich mal. Vielleicht sage ich auch Duarte, dass du ein FBI-Informant bist. Oder Gutierrez. Oder beiden. Dann findest du dich irgendwann geteert und gefedert auf einer der Müllhalden von Coney Island wieder!“

„Setz dich!“, verlangte Tambino. Innerlich verfluchte er Dolores dafür, dass sie in einer Position war, ihm den Preis für ihre Leistung diktieren zu können, aber auch wenn er es sich nicht gerne eingestand, er war in ihrer Hand, wenn sie nicht mitspielte, dann würde das FBI Benny Duarte nur mit einer Probepackung Kokain erwischen, wofür er vielleicht ein paar Jahre bekam. Wenn es hoch kam und seinen Anwälten nicht doch irgendein Winkelzug einfiel, durch den sie ihren Mandanten heraushauen konnten.

Aber wenn das FBI ihn mit einer größeren Lieferung erwischte oder zumindest in Zusammenhang bringen konnte, dann wanderte er für viele Jahre nach Riker’s Island.

Und für den großen Plan, den Greg Tambino verfolgte, war es zwingend erforderlich, dass Benny Duarte ausgeschaltet wurde.

Sie setzten sich wieder.

„Dolores, hör mir gut zu: Wir haben vor, Gutierrez aus dem Buena Vista hinauszudrängen und den Laden in eigener Regie zu übernehmen.“

„Wer ist wir? Ah, ich verstehe… Rex Hueldez steckt dahinter! Er hat keine Lust mehr, nur Strohmann zu sein!“

„Rex hat mir eine Beteiligung angeboten, wenn Gutierrez ausgeschaltet ist.“

„Dann solltet ihr ein paar clevere Jungs engagieren, um ihn auszuschalten, als die, die es zuletzt versucht haben!“

„Lass das mal unsere Sorge sein…“

„Ich will einen Anteil am Geschäft!“, sagte sie in einem Tonfall, der sehr bestimmt klang.

„Die anderen werden sich darauf nicht einlassen.“

„Die zwanzigtausend, die du mir angeboten hast plus fünf Prozent vom Umsatz des Buena Vista. Das ist fair.“

„Dolores!“

„Du musst ja auch nicht mit diesem schmierigen Fettwanst ins Bett gehen und dich von ihm grün und blau schlagen lassen! Also was ist? Ich schätze, deine großen Pläne werden sich in Nichts auflösen, wenn du auf meine Hilfe verzichtest – selbst wenn ihr es doch noch schaffen solltet, Gutierrez auszuschalten! Denn dann wird Duarte alles an sich reißen. Für so einen kleinen Dealer wie dich, der auf eigene Rechnung in seinem Revier wildert, wird er wohl wenig Verständnis haben…“

„Okay, ich rede mit Rex Hueldez und…“

Er verstummte.

Dolores fuhr fort: „Na, wer steckt denn noch dahinter? Lass mich raten! Ricky Balbo vielleicht, dieser hirnlose Schneeschnüffler, der einfach nicht einsehen will, dass sich Kokain schlecht mit den Anabolika verträgt, die er für den Aufbau seiner Supermuskeln geschluckt hat?“

„Wir brauchen einen Mann fürs Grobe“, verteidigte sich Greg Tambino.

„Einer, der für euch die Rolle übernimmt, die Ray Azzaro für Gutierrez hatte!“

„Richtig.“

„Warum habt ihr erst Azzaro getötet oder besser töten lassen, anstatt gleich Gutierrez selbst auszuschalten?“

„Ich glaube, unsere Unterhaltung ist beendet. Ich rufe dich an, wenn ich mit den anderen gesprochen habe.“

Sie erhoben sich. Dolores nahm ihre dunkle Brille ab. Deutlich war ein Bluterguss rund um ihr linkes Auge zu sehen. „Benny Duarte ist schnell ärgerlich“, sagte sie. „Und da wird er ziemlich grob. Ich zeige dir das nur, damit du weißt, was ich durchmache…“

„Als wir noch miteinander geschlafen haben, hast du nie so ausgesehen“, stellte Tambino fest.

„Ich weiß.“

„Wir kennen uns eine Ewigkeit, Dolores. Ich hoffe, dass ich mich auf dich verlassen kann. Es hängt sehr viel davon ab!“

„Ja“, flüsterte sie tonlos.

Nicht nur für dich!, setze sie in Gedanken hinzu. Für mich steht ebenfalls viel auf dem Spiel…

Sie atmete tief durch. „Ich fand Ray Azzaro übrigens ganz nett. Ihr hättet ihn nicht umzubringen brauchen…“

„Das haben wir auch nicht.“

„Das sagst du doch nur, um die Sache mit Duartes Deal nicht in Gefahr zu bringen, Greg! Keine Sorge - so gern habe ich ihn dann auch wieder nicht gehabt.“

„Er ist tot und man sollte die Toten in Frieden ruhen lassen.“

„Ganz wie du meinst, Greg.“



15

Der Mann mit der LAKERS-Kappe betrat das Fitness-Studio Extreme Fun in der 42. Straße. Es gab hunderte von Fitnessstudios im Big Apple, aber keines, das eine so große Free-Climbing-Wand hatte wie das Extreme Fun. Für den Mann mit der LAKERS-Mütze Grund genug, hier her zu kommen.

Er ging in die Umkleide, stellte die Sporttasche auf der Bank neben dem Spind ab und zog die Schuhe aus. Schuhgröße 41 - für einen Mann seiner Größe wirkte das eigenartig. Der vordere Teil seiner Socken hing schlaff hinunter. Bis auf einen hatten ihm nach einer Extrem-Bergtour in den Himalaja, bei der seine Gruppe von schlechtem Wetter überrascht worden war, die Zehen amputiert werden müssen. Aber das war es wert gewesen. Einmal das Dach der Welt ersteigen… Das war es doch! Böse Zungen behaupteten zwar, dass dies im Zeitalter des Massentourismus gar keine große Leistung mehr sei, aber für den Mann mit der LAKERS-Mütze änderte das nichts.

Er streifte die Kletterschuhe über und schnürte sie zu.

Zwei Stunden klettern lagen vor ihm.

Er brauchte diesen Ausgleich. Ohne die Dosis Adrenalin, die das Free-Climbing in ihm freisetzte, fehlte ihm einfach etwas. Außerdem blieb er fit dabei.

Er wollte gerade den Spind schließen, da klingelte sein Handy.

Innerlich fluchte er, griff aber schließlich doch in die Taschen seiner Jeans, um das Gerät herauszufingern. Ein Gerät mit Prepaid-Karte, damit nicht die Gefahr bestand, dass man ihn als Inhaber eines regulären Mobilfunkvertrages über sein Gerät oder die Gespräche abhören konnte.

„Was ist los?“, fragte der Mann mit der LAKERS-Mütze, die er im Übrigen auch beim Klettern nicht abnahm.

„Spreche ich mit Cesar?“

„Ja.“

Das war der Deckname, den er mit einem seiner Kunden ausgemacht hatte.

„Ich möchte die Einzelheiten Ihres Auftrags mit Ihnen besprechen, Cesar!“



16

Milo und ich wurden von Mister McKee am Nachmittag nach Rikers Island geschickt. In der Klinikabteilung der New Yorker Gefängnisinsel war der verletzte Robin Carlos inzwischen bereit auszusagen.

Den Killer, der auf Gutierrez angesetzt worden war, hatte in der Zwischenzeit eine Operation über sich ergehen lassen müssen, bei der ihm meine Kugel aus dem Arm geholt worden war.

Als man Milo und mich in sein Zimmer führte, versuchte ich nicht daran zu denken, dass unsere Kollegen Don Gavin und Allan Salionowsky bei der Schießerei mit seinem Komplizen, ums Leben gekommen waren.

Keiner der beiden hatte den Anschlag auf Gutierrez wohl kaum aus eigenem Antrieb geplant. Er war angeheuert worden. Es fragte sich nur von wem – und wer noch auf der Liste dieses geheimnisvollen Hintermannes stand.

Carlos wandte müde den Kopf in unsere Richtung.

Ich stellte Milo und mich kurz vor und belehrte Robin Carlos über seine Rechte. „Sie brauchen nichts sagen, womit Sie sich selbst belasten könnten, Mister Carlos – aber andererseits sind die Beweise dafür, dass Sie zusammen mit ihrem Komplizen einen Mordversuch begangen haben, erdrückend. Ihr Komplize hat darüber hinaus noch zwei meiner Kollegen kaltblütig umgebracht – und ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, dass es wohl nur eine Portion Glück war, die mich vor demselben Schicksal bewahrt hat! Für Sie geht es jetzt darum, was man Ihnen für Ihre Tat aufbrummt und ob es uns vielleicht sogar noch gelingt, Ihnen weitere Straftaten nachzuweisen. Die Chancen stehen nicht schlecht.“

„Was wollen Sie?“, fragte er.

„Wer hat Sie und ihren Komplizen angeheuert, um Gutierrez zu töten?“, fragte ich. „Oder wollen Sie die ganze Schuld auf sich nehmen?“

„Ich will eine Zusicherung der Staatsanwaltschaft, dass das Strafmaß…“

„Vergessen Sie es“, unterbrach ich ihn. „In diesem Stadium der Ermittlungen ist da nichts drin. Aber wenn Sie jetzt kooperativ sind, wird das mit Sicherheit berücksichtigt werden – und zwar stärker, als wenn Sie jetzt lange pokern und Ihre Aussagen vielleicht nichts mehr wert sind, weil wir bis dahin selbst darauf gekommen sind.“

Robin Carlos überlegte Augenblicke.

Schließlich nickte er.

„Hören Sie, G-man, ich habe keine Ahnung, wer uns angeheuert hat. Ich kann da nur spekulieren. Schließlich ist James Gutierrez eine relativ bekannte Größe hier in East Harlem und es gibt so einige, denen er im Laufe der Jahre auf die Füße getreten ist. Niemand steigt so hoch, ohne ein paar Leichen im Keller zu haben, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Reden Sie nicht um den heißen Brei herum, Carlos!“, mischte sich jetzt Milo ein. „Wir wollen Namen!“

„Kann ich Ihnen leider nicht bieten.“ Er atmete tief durch und fuhr schließlich fort: „Ein Typ hat uns in einer Bar angesprochen und gleich eine Anzahlung von dreißigtausend Dollar auf den Tisch gelegt. Die zweite Hälfte würden wir nach Erledigung des Jobs bekommen.“

„Wie sah der Kerl aus, der Sie angeheuert hat?“, hakte ich nach.

„Er war ein richtiger Hüne. Fast zwei Meter groß, würde ich schätzen und außerdem ziemlich Muskel bepackt.“

„Fallen Ihnen sonst noch irgendwelche Kennzeichen ein?“

„Ja, er hatte ein herzförmiges Muttermal am Hals.“

Ich wechselte mit Milo einen Blick.

„Der Türsteher vom Buena Vista!“, entfuhr es meinem Freund und Kollegen Milo Tucker.

Ich nickte.

„Da wird uns jemand einiges zu erklären haben!“



17

Eine Viertelstunde später befanden wir uns bereits auf dem Weg zum Buena Vista.

Um diese Zeit war dort natürlich noch nicht geöffnet. Zulieferer brachten kistenweise Getränke für den Abend. Die Tür stand sperrangelweit offen. Milo und ich traten ein.

Wir erkundigten uns nach Rex Hueldez, der hier von Gutierrez´ Gnaden die Geschäfte führte.

Schließlich holte ihn einer seiner Angestellten aus seinem Büro.

Wir hielten ihm unsere Ausweise unter die Nase. „Ich nehme an, Sie erinnern sich an uns", sagte ich.

Hueldez verzerrte das Gesicht zu einem müden Lächeln.

„Wie könnte ich Sie vergessen, G-men", kam es Hueldez zwischen den Zähnen hindurch. „Wie Sie sehen, muss hier weiter gearbeitet werden. Im Schlaf verdient hier nämlich niemand seine Dollars!"

„Was Sie nicht sagen", erwiderte ich leicht gereizt.

„Ich nehme an, Sie suchen Mister Gutierrez."

„Nun...".

„Der ist leider im Moment nicht hier und so, wie es aussieht, wird er auch um Verlauf des Abends kaum Zeit haben, um hier vorbei zu schauen. Ich kann Ihnen aber gerne seine Nummer geben!"

„Möglich, dass Sie uns weiterhelfen können", erwiderte ich. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Wo ist eigentlich Ihr Türsteher - so ein Riesenkerl mit gewaltigen Muskeln."

„Ricky Balbo? Der ist im Augenblick nicht da."

„Wo finden wir ihn?“, fragte ich.

Hueldez verzog das Gesicht.

„Bin ich vielleicht Rickys Kindermädchen? Was wollen Sie denn von ihm?" Er begann zu grinsen und fügte noch hinzu: „Ich kann ihm auch was ausrichten, wenn Sie wollen!"

Zwei Männer schleppten Getränkekisten herein. „Bitte nicht hier her! Sie machen hier ja alles wieder dreckig!", schimpfte Hueldez. Er kam hinter dem Tresen hervor. Die beiden Männer standen etwas orientierungslos da, während eines der Go-Go-Girls seinen Auftritt probte.

Ein breitschultriger Mann mit Bodybuilderfigur kam die Freitreppe herunter.

Das Muttermal am Hals blitzte unter seinem Kragen hervor.

„Mister Ricky Balbo?“, fragte ich, hob meine Marke mit der einen Hand, während die Rechte zur SIG langte.

Balbo erstarrte.

„Bleiben Sie stehen, Sie sind verhaftet wegen des Verdachts der Verabredung zum Mord!“, ergänzte Milo.

Ricky Balbo griff unter seine Jacke, riss eine Automatik hervor und feuerte sofort in unsere Richtung.

Ungezielte Schüsse, die an uns vorbei pfiffen. Ich feuerte einen Warnschuss auf seine Beine, verfehlte ihn aber.

Er rannte davon, nahm mit Riesenschritten jeweils drei Stufen.

Nachdem er oben angekommen war, hörte man dort seine schnellen Schritte.

„Bleib hier bei Hueldez! Der soll niemanden anrufen!“, wandte ich mich an Milo.

„Okay!“

Ich hetzte die Treppe hinauf.

Oben befand sich eine weitere Bar mit Tischen und Stühlen. Der Boden glänzte. War wohl frisch gebohnert worden und entsprechend rutschig. Die Stühle waren mit der Sitzfläche auf die Tische gestellt worden.

Ricky Balbo hatte bereits eine Tür erreicht, die zu einem Korridor führte.

Er blieb dort stehen, feuerte in meine Richtung. Ich musste in Deckung gehen und schoss mit der SIG Sauer P226 zurück.

Ein paar der Stühle wurden getroffen. Die Wucht der Geschosse war hoch genug, sie krachend von den Tischen herunterzureißen. Ein Höllenlärm entstand.

Balbo zog sich zurück, hetzte den Korridor entlang.

Ich folgte ihm, tastete mich zunächst zur Tür vor, die mit einem hydraulischen Türschließer versehen war, der den Spalt langsam kleiner werden ließ.

Ich tauchte aus der Deckung hervor. Ein paar Kugeln empfingen mich aus dem Korridor heraus, in dem soeben das Licht ausgegangen war. Die Projektile wurden größtenteils durch die sich schließende Tür aufgefangen.

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