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Mörderspiel

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Heather Graham

stammt aus Florida und bereiste Europa, Asien und Afrika, bevor sie sich der Schriftstellerei widmete. 1982 veröffentlichte sie ihren ersten Roman und hat seitdem zahlreiche Auszeichnungen für ihre Werke erhalten, die in 15 Sprachen übersetzt wurden. Ihre Romane erscheinen regelmäßig auf den amerikanischen Bestsellerlisten.

PROLOG

Cassandra Stuart war schön, und sie wusste es. Sie konnte andere manipulieren, und auch das wusste sie. Wenn sie ihn doch nur dazu bringen könnte, sich umzudrehen und sie anzusehen…

„Jon! Jon!“

Sie wusste, dass er sie gehört hatte, doch er blieb nicht stehen. Diesmal war er wirklich wütend auf sie. Während sie ihn beobachtete, ging er weiter den Kiesweg zum See hinunter. Vielleicht hatte sie den Bogen diesmal überspannt, aber sie wollte einfach nicht hier im Hinterland leben, in diesem gottverlassenen, entlegenen Flecken von Schottland. Trotz der berühmten Gäste und der nicht minder berühmten Wohltätigkeitsveranstaltung. Schließlich waren es seine Gäste und seine Veranstaltung. Sie hasste das Landleben, sie wollte nach London.

Allerdings kannte sie ihren Mann und wusste, was jetzt in ihm vorging. Er hatte geahnt, dass es übel endete, dass sie grob und unleidlich werden und allen den Tag verderben würde. Zur Hölle mit ihm! Trotz allem wollte er nicht nachgeben! Seit Jahren war er Gastgeber dieser Veranstaltung. Er machte seine Pläne und lebte sein Leben. Die Krimi-Woche war bereits in vollem Gang. Außerdem hatte er gesagt, gleichgültig, wie entzückend seine Frau vielleicht sein mochte – und dabei hatte er schrecklich sarkastisch geklungen –, er wolle verdammt sein, wenn er sich von einer Frau, egal von welcher, auf der Nase herumtanzen ließe.

„Jon!“

Er vermied es zurückzublicken, damit er sie nicht anschauen musste.

Denn er durchschaute, was sie vorhatte. Er traf seine Vorkehrungen und machte ihr Spiel nicht mit. Er ließ sich nicht mehr von ihr manipulieren.

Deshalb würde sie abreisen. Heute noch. Die endgültige Trennung sollte der letzte Trumpf sein, den sie aus dem Ärmel zog. Ihre Abreise brachte ihn hoffentlich zur Vernunft, was ihr Schmollen und ihre Auflehnung bisher nicht geschafft hatten.

Doch zuerst sollte er zu ihr zurückkommen. Sie wollte ihn lieben, leidenschaftlich und verzehrend, und ihm klarmachen, dass er ohne sie nicht existieren konnte. Sie würde ihm sagen, dass sie ihn brauchte, und sie würde ihn daran erinnern, warum er sie geheiratet hatte. Sie konnte ihn glücklich machen, sie konnte ihn zum Lachen bringen, und sie war verdammt gut im Bett. Auch wenn sie sich gerade einen Liebhaber zugelegt hatte, weil sie es einfach nicht mehr ertrug, wie abwesend Jon manchmal wirkte, wenn er mit seinen Gedanken bei einer anderen war. Komm zurück! dachte sie wütend. Lass dich ein letztes Mal von mir verführen, damit du mich nicht vergisst, damit du vielleicht…

Sie würde warten, bis er fort war. Dann würde sie packen und ihm einen Brief hinterlassen mit der Anrede: „Mein geliebter Schatz“. Sie würde ihm erklären, dass sie im London Hilton auf ihn wartete, falls er sich seinen langweiligen Freunden entziehen konnte. Und vielleicht, aber nur vielleicht, kam er dann zu ihr. Er konnte ein solcher Narr sein! Sie wusste etliches mehr über seine Gäste und den gesamten Haushalt als er. Sie wusste, wer mit wem schlief. Und warum. Genau genommen, dachte sie lächelnd, kenne ich einige der Anwesenden sehr gut. Sogar intim, könnte man sagen.

Und trotzdem war da diese entsetzliche Eifersucht in ihrem Herzen.

„Jon, komm zurück!“ rief sie wieder und empfand, abgesehen von Gefühlen der Machtlosigkeit und des Verlustes, die ihr in letzter Zeit so vertraut geworden waren, eine neue, sonderbare Angst. „Jon. Bitte komm zurück! Oder du wirst es bereuen!“

Ihr Tonfall war gleichermaßen provozierend wie ärgerlich. Trotzdem ging Jon weiter. Er war groß, mit schwarzem Haar und breiter, muskulöser Brust. Ein attraktiver Mann, den sie soeben verlor.

Panik beschlich sie. Er ahnte, dass sie eine außereheliche Beziehung hatte. Wusste er, dass sie es ihm nur heimzuzahlen versuchte, weil sie sicher war, dass auch er eine Affäre hatte?

„Jon! Jon, verdammt!“

Ihr Ton wurde bockiger. Sie stand in der oberen Etage auf dem Balkon des großen Schlafzimmers und blickte über den hinteren Hof. Ihre Privaträume waren hübsch eingerichtet. Sie waren Ende des siebzehnten Jahrhunderts umgebaut und vor einigen Jahren von Jon selbst noch einmal modernisiert worden. Der halbrunde, geräumige Balkon gestattete Ausblicke zu drei Seiten des Anwesens. Von der Rückfront hier blickte man direkt hinab auf einen eleganten Brunnen mit einem wertvollen Marmorposeidon in der Mitte, komplett mit Dreizack. Obwohl der Winter rasch nahte, blühten noch Rosen längs des Plattenweges, der den Brunnen umgab und hinter dem Rosenbogen in einen Kiesweg überging, der bis zum See hinabführte.

Die Wände des großen Schlafzimmers waren mit antiken Teppichen behängt. Es gab einen großen Kamin, aber auch eine moderne Warmwasserheizung. Auf einem Podest stand ein riesiges Himmelbett. Eine Ebene tiefer als das Schlafzimmer, gleich hinter einem mittelalterlichen Torbogen befanden sich ein großes Bad mit Whirlpool und eine Sauna. Außerdem verfügte Cassandra genau wie Jon über ein großes Ankleidezimmer mit Einbauschränken.

„Was gibt es an alledem auszusetzen?“ hatte Jon sie gereizt und gekränkt gefragt.

Die Inneneinrichtung war in der Tat vom Feinsten. Trotzdem war ihr das Landleben zuwider. Dieser Winkel Schottlands war eben nicht London, Paris, New York oder auch nur Edinburgh.

Und genau deshalb gefiel es ihm hier so gut, hatte er erwidert.

Und Jon entfernte sich immer mehr.

Sie spürte Tränen in den Augen brennen und war verblüfft über die plötzliche Gefühlsaufwallung. Wieso machte er sich mehr aus einem Haufen Steinen und seinen idiotischen Freunden als aus ihr? „Jon! Jon! Verdammt, Jon!“

Er hatte von Scheidung gesprochen, weil sie für ihr Zusammenleben keinen gemeinsamen Nenner mehr fanden. Aber er konnte sich nicht einfach so scheiden lassen. Das durfte er nicht! Sie hatte ihm bereits gesagt, dass sie ihm das unmöglich machen würde. Sie würde ihn durch den Schmutz ziehen und unzählige finstere Geheimnisse über ihn und seine Freunde preisgeben.

„Jo…“

Sie wollte ihn wieder rufen, merkte jedoch, dass jemand hinter ihr stand.

Sie fuhr herum, um zu sehen, wer ins Zimmer geschlüpft war. „Du? Verdammt! Raus mit dir! Hat er dich geschickt? Mach, dass du aus meinem Zimmer kommst! Aus unserem Zimmer! Ich bin seine Frau. Ich bin die, die mit ihm schläft! Raus hier!“

Sie wandte sich rasch wieder ab, um vom Balkon hinunterzusehen. „Jon!“

Sie hörte eine hastige Bewegung. Etwas raschelte wie von einer leichten Brise bewegt, und sie fuhr erneut herum.

Und erkannte, dass sie ihrem Killer in die Augen starrte.

„O Gott!“ keuchte sie und begann verzweifelt zu rufen.

„Jon! Jon! Jon!“

Sie spürte den Druck des Geländers im Rücken und schrie auf.

Dann fiel sie.

Und sah ihren eigenen Tod.

Jon Stuart war zornig. Richtig zornig. Er hatte vorgehabt, endgültig zu gehen. Doch etwas in Cassandras Stimme ließ ihn plötzlich aufmerken, und er drehte sich rasch um.

Und da war sie.

Und fiel…

Es sah aus, als würde sie fliegen. Sogar jetzt wirkte sie, wie stets, elegant. Sie trug einen weißen Seidenmorgenmantel, der sich um ihren Körper aufblähte. Ihr ebenholzfarbenes Haar bekam durch den goldenen Sonnenschein blauschwarze Glanzlichter. Sie fiel in geradezu dramatischer Grazie und Schönheit.

Und nur Sekundenbruchteile nach der sinnlosen Erkenntnis, dass er absolut nichts für sie tun konnte, wurde ihm bewusst, dass sie starb. Schreiend, seinen Namen kreischend stürzte sie zur Erde.

Und beendete ihr Leben in Poseidons Armen, hingegossen wie eine launische Göttin. Die Augen geschlossen, das schwarze Haar und der schneeweiße Morgenmantel in der Brise flatternd, sah es fast aus, als würde sie schlafen, außer…

Der Dreizack hatte sie durchbohrt.

Und der schneeweiße Morgenmantel färbte sich langsam rot.

Mit hämmerndem Herzen begann Jon zu laufen, rief sie und rannte verzweifelt schneller, als könnte er sie rechtzeitig erreichen und ihr helfen, obwohl er wusste…

Wieder schrie er ihren Namen.

Erreichte sie und hielt sie in den Armen.

Und ihr Blut ergoss sich über ihn.

Während ihre toten Augen ihn in stummem Vorwurf anstarrten.

1. KAPITEL

Drei Jahre später

Die Szene wirkte sehr gruselig. Eine junge Frau in mittelalterlichem Gewand war auf eine Folterbank gespannt. Ihr langes blondes Haar fiel über den Mechanismus der Folterapparatur. Ein dunkelhaariger Mann mit Bart beugte sich halb über sie.

Die Tochter des Earl of Exeter, stand auf dem Schild darüber, auch bekannt als Streckfolter. Das Gerät war nach dem Mann benannt, der am geschicktesten Geständnisse aus seinen Opfern herausgeholt hatte.

Der Künstler, der für die Gestaltung dieser Wachsfiguren verantwortlich zeichnete, war ebenfalls geschickt gewesen. Die Blondine auf dem hölzernen Marterinstrument war bezaubernd mit einem zarten, klassisch schönen Gesicht und großen blauen Augen, in denen die Angst vor der Qual zu lesen stand. Jeder mit normalen Instinkten verspürte den Wunsch, sie zu retten. Hingegen spiegelten die Gesichtszüge des Folterknechtes neben ihr das reine Böse wider. Seine Augen funkelten in sadistischer Vorfreude auf die Schmerzen, die er ihr zufügen würde.

Viele der dargestellten Szenen im Kellergewölbe waren hervorragend gestaltet und erzählten die alte Geschichte der Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber dem Menschen. Doch diese eine übertraf alles.

Zumindest nach Jon Stuarts Auffassung. Er lehnte schweigend in einer Nische an der Wand, und seine Anwesenheit fiel durch das Dämmerlicht ringsum kaum auf. Nachdenklich betrachtete er die Szene und beobachtete die blonde junge Frau, die nun davor stand.

Sie entsprach in Aussehen, Haarfarbe und Figur der Blonden auf der Folterbank, eine junge Frau mit einer üppigen blonden Haarpracht, die ihr lose über Schultern und Rücken hinabfiel. Sie war schlank und hatte eine wunderbare Figur, was Jeans und enger Pullover betonten. Ihre Gesichtszüge waren sehr feminin, mit einer schmalen, geraden Nase, hohen Wangenknochen, schönen blauen Augen und vollen, sinnlichen Lippen. Auch sie betrachtete die Szene mit einem gewissen Interesse – und mit Argwohn. Es schien, als wolle sie auflachen, wie um sich zu beschwichtigen, dass es ja nur Wachsfiguren seien, die sie da betrachtete. Denn die Szene wirkte beängstigend, und sie stand allein hier im Halbdunkel. Glaubte sie zumindest.

Sabrina Holloway.

Er hatte sie seit über dreieinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Obwohl er etwas überrascht war, sie gerade hier anzutreffen, freute ihn ihre Anwesenheit. Seine letzte Einladung zu jener schicksalhaften Krimi-Woche hatte sie seinerzeit höflich abgelehnt. Damals war Cassandra gestorben.

Ob Sabrina es nun erkannte oder nicht, jedenfalls hatte sie Joshua als Modell für die Blonde auf der Folterbank gedient.

Joshua Valine arbeitete seine Figuren stets nach dem Vorbild lebender Menschen aus seinem Bekanntenkreis. Irgendwann hatte er Jon gegenüber mal erwähnt, dass er Sabrina Holloway in Chicago kennen gelernt habe. Dabei hatte er so verliebt geklungen, dass Jon es seinerzeit nicht über sich brachte, ihm zu gestehen, er kenne sie ebenfalls. Dabei verstand er Joshuas Schwärmerei für Sabrina nur zu gut. Er selbst war auch mehr als angetan gewesen, als er sie damals kennen lernte. Ehe…

Nun ja, es gab viel zu bewundern – oder zu begehren – an Miss Holloway. Er war nicht als Einziger ihrem Charme erlegen. Sie hatte auch die Aufmerksamkeit von Brett McGraff auf sich gelenkt. Die Folge waren eine stürmische Romanze, eine kurze Ehe und eine skandalträchtige Scheidung gewesen.

Jon beobachtete sie und war froh über die Distanz zwischen ihnen. Sabrina Holloway war von einer seltenen Grazie und Schönheit. Trotz seines Einsiedlerdaseins in den letzten Jahren hatte er ihre Karriere in Zeitungen und Journalen verfolgt. Zumal sich die Reporter der Klatschpresse auf Brett McGraffs letzte skandalumwitterte Scheidung von einem so schönen jungen Wesen geradezu gestürzt hatten.

Als er Sabrina Holloway kennen lernte, hatte sie ihn schlichtweg bezaubert mit ihrer Unschuld und ihrer Begeisterungsfähigkeit. Sie war faszinierend gewesen. Heute sah sie die Welt zweifellos nicht mehr durch die rosarote Brille. Sie war eindeutig gereift. Sie war…

Spektakulär. Eleganter denn je. Dabei wirkte sie nachdenklich, wenn nicht gar weise.

Woher willst du das denn wissen? fragte Jon sich ironisch.

Sie kann genauso gut zu einem hartherzigen, selbstsüchtigen Luder geworden sein, belehrte er sich in einem Anflug von trockenem Humor. So ging es manchmal im Leben. Immerhin hatte sie ihn damals mit eiserner Entschlossenheit verlassen. Und in all dem Medienrummel um ihre Scheidung und trotz manch schockierender Situation hatte sie sich wacker gehalten.

Dennoch umgab sie eine sonderbar fesselnde Aura von Kultiviertheit und Unschuld. Obwohl gerade er, bei Gott, auf die harte Tour gelernt hatte, dass ausgerechnet die zart und zerbrechlich wirkenden Frauen die schlimmsten Schwarzen Witwen sein konnten.

Sabrina stammte von einer Farm im Mittleren Westen, wie Jon sich erinnerte. Dabei musste er lächeln. Sie besaß viel Wärme, zugleich war sie zurückhaltend. Dennoch hatte es Momente gegeben, in denen sie alle Zurückhaltung aufgab. Immer dann hatte er geglaubt, sie schon ein Leben lang zu kennen. Sie war fesselnd und doch bodenständig, unverkrampft und von natürlicher Schönheit. Als sie sich begegneten, war sie vierundzwanzig gewesen und frisch vom Land gekommen. Letzten Monat war sie achtundzwanzig geworden. Ausreichend Zeit, zu lernen, härter zu werden, sich zu verändern. Wenn nur…

Nun ja, es war eine andere Zeit gewesen damals, ein anderer Ort, ein anderes Leben. Er hatte sich klug verhalten und ihr keine Märchen erzählt.

Sie hatte auch keine hören wollen.

Dennoch…

Er ärgerte sich über seine Verunsicherung, die er zugleich ungerechtfertigt fand. Brett McGraff war auch hier. Sie und McGraff waren tatsächlich verheiratet gewesen. Er hingegen hatte keine Rechte ihr gegenüber. Und doch…

Zum Teufel, es war sein Haus, seine Party. Und er beabsichtigte, sich all seinen Gästen zu widmen. McGraffs Anwesenheit würde die Wiederbegegnung mit Sabrina nur umso spannender machen.

Andererseits – hatte sie mit alledem überhaupt etwas zu tun? Vielleicht hätte er ihren Namen lieber von der Gästeliste streichen sollen. Aber er hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass sie kommen würde. Und alle anderen steckten schließlich mit drin. Trotzdem wünschte er plötzlich, er hätte nicht riskiert, sie wie die übrigen zu ahnungslosen Teilnehmern an einem heiklen Spiel zu machen.

Doch er hatte das Räderwerk in Gang gesetzt, und ihm blieb keine Wahl mehr. Entweder er machte weiter, oder er verlor den Verstand. Und es gab noch andere, denen er Wahrheit und Gerechtigkeit schuldete, nicht nur sich selbst. Es ging nicht in erster Linie um ihn. Er hatte versprochen, es zu wiederholen, auf genau dieselbe Weise.

Vielleicht sollte er sich einfach fern halten von Miss Sabrina Holloway. Von allen Anwesenden war sie allein eindeutig unschuldig.

Er bezweifelte, dass es ihm möglich sein würde, ihr aus dem Weg zu gehen. Dann machte er sich klar, dass sie auf eigenen Wunsch hier war. Alle waren sie bereitwillig gekommen, begierig auf sein Mörderspiel. Einige aus Freude am Spaß, andere um der Publicity willen. Cassie, die eingefleischte Journalistin, hatte ihm mal gesagt: „Lass dir nie die Chance auf ein Foto entgehen, Darling!“ Ihm war aufgefallen, dass weitaus die meisten Schriftsteller, Schauspieler, Musiker oder Künstler genau nach diesem Motto handelten. Und, um im Bild zu bleiben, diese Woche war eine Riesenchance für Fotos. Sogar die zurückhaltenden Typen, die sich nicht immer in den Vordergrund drängten, mochten darauf nicht verzichten.

Konkurrenzkampf bestimmte das Leben. Und der Bekanntheitsgrad des Namens konnte den Unterschied ausmachen zwischen Verhungern und gesundem Einkommen.

Sabrina Holloway hat allerdings ungewollt bereits genügend Publicity eingeheimst, überlegte er. Die Ehe mit und die Scheidung von Brett McGraff hatte sie geradewegs ins öffentliche Bewusstsein katapultiert. Trotzdem war sie ihren Weg unbeirrt weitergegangen. Obwohl die Steigerung ihres Bekanntheitsgrades ihrer Karriere zweifellos einen Aufschwung brachte, erhielt sie auch von angesehenen Kritikern beachtliches Lob für ihre Bücher.

Er war einige Zeit nicht in den Staaten gewesen, deshalb wusste er nicht, wer sonst noch die Runde durch die Talkshows machte. Doch offenbar traf sie mit ihren viktorianischen Thrillern bei vielen Lesern den richtigen Nerv. Außerdem war sie jung und schön. Und die Medien stürzten sich mit Vergnügen auf Persönlichkeiten mit Sex-Appeal und Bildschirmpräsenz.

Er wollte schon auf sie zugehen, als er merkte, dass eine andere Frau auf ihn zukam. Susan Sharp. Er stöhnte innerlich auf und erwog einen schnellen Rückzug über die Geheimtreppe hinter ihm. Seine Vorfahren waren Jakobiter gewesen und hatten das Schloss mit einer Vielzahl von Geheimtüren, -gängen und Fluchtwegen ausgestattet.

Doch er floh nicht. Er wollte seine Geheimnisse noch bewahren und blieb still stehen, während Susan sich heranpirschte, offenbar frohlockend über ihr Glück, ihn allein zu erwischen.

„Da schau an“, sagte sie glücklich. „Darling! Hier steckst du also. Im Dunkeln. Wie erfreulich. Wie verrucht erfreulich. Gib mir einen Kuss, Darling. Wir haben dich alle so vermisst.“

Sabrina Holloway betrachtete die beunruhigende Szene und staunte über ihren Realismus. Die Frau auf der Folterbank sah aus, als wolle sie jeden Moment den Mund öffnen und losschreien. Ihr Blick wirkte abwesend, als versuche sie, das Entsetzliche zu verdrängen, das ihr drohte. Sabrina hörte geradezu, wie der Mann von seinem Opfer verlangte, sie solle ihre Sünden bekennen und sich die Qual der Streckfolter ersparen.

Ein sonderbares Zittern kroch ihr den Rücken hinauf.

Mein Gott, das Tableau war hervorragend gemacht und ging ihr unter die Haut. Es gab noch andere Besucher der Ausstellung im Kellergewölbe von Lochlyre Castle, darunter Freunde. Doch im Augenblick fühlte sie sich hier im Halbdunkel stehend gehörig verunsichert. Man stelle sich vor, die Lichter gingen aus…

Dann wäre sie allein im Finstern mit ihm… dem dunkelhaarigen Folterknecht mit seinem schmalen Oberlippenbart und den sadistischen Augen, der sein Opfer so bösartig anstarrte. Die Figuren waren so realistisch gestaltet, dass man sich leicht vorstellen konnte, wie sie in der Dunkelheit zum Leben erwachten. Sie würden sich bewegen, gehen, schleichen und ihre tödlichen und zerstörerischen Waffen anwenden.

Hände legten sich auf ihre Schultern, und sie hätte fast aufgeschrien. Sie zuckte zusammen, doch irgendwie unterdrückte sie den Schrei, der sich ihrer Kehle entringen wollte.

„Nun, meine Liebe?“

Sie erschauerte noch einmal, immer noch unsicher, jedoch nicht mehr so ängstlich. Brett McGraff trat neben sie und legte ihr lässig einen Arm um die Schultern. Sie schämte sich fast, dass seine bloße Anwesenheit ihr ein Gefühl von Sicherheit vermittelte, wenn sie sich dabei auch alles andere als behaglich fühlte.

Sie war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, sich an ihn zu klammern, und dem Drang, seinen Arm wegzustoßen. Wie üblich löste Brett erstaunlich widersprüchliche Gefühle bei ihr aus. Manchmal machte er sie regelrecht wütend. Und dann wieder war sie gegen seinen sinnlichen Charme, der sie seit ihrer ersten Begegnung anzog, durchaus nicht immun. Meistens reagierte sie jedoch nur leicht gereizt und nicht gerade nachsichtig auf ihn.

„Es wirkt sehr realistisch“, sagte sie leise. „Es macht mir richtig Angst.“

„Gut.“

„Warum?“

„Ich möchte, dass du Angst hast.“

„Ach ja?“

„Angst könnte dich ein bisschen anlehnungsbedürftiger machen.“ Er zog sie fester an sich und flüsterte ihr rau ins Ohr: „Man hat uns jeweils ein eigenes Zimmer im Schloss zugewiesen. Unser Gastgeber scheint zu vergessen, dass wir verheiratet waren. Aber ich würde dir in den langen, unheimlichen Nächten gern Gesellschaft leisten.“

„Waren ist das alles entscheidende Wort“, belehrte sie ihn. „Wir waren mal verheiratet vor über drei Jahren, für ganze zwei Wochen.“

„Aber es dauerte länger als zwei Wochen, uns scheiden zu lassen“, widersprach er einschmeichelnd. „Und vergiss nicht, wie viel wir in unseren herrlichen Flitterwochen zusammen erlebt haben.“

„Brett, unsere Ehe endete, während wir noch in den Flitterwochen waren“, erinnerte sie ihn.

Er ließ sich nicht abschrecken. „Und nun werden wir wieder richtig gute Freunde“, erwiderte er voller Zuversicht.

Unwillkürlich zuckte ein Lächeln um ihre Mundwinkel. Brett war groß und attraktiv, mit widerspenstigen braunen Haaren, passenden dunklen Schlafzimmeraugen und einem lakonischen Charme, der ihn zum Medienidol hatte werden lassen. Er schrieb Medizinkrimis, was ihm kommerziellen Erfolg und wohlwollende Kritiken einbrachte. Seine Bücher trugen ihm ein kleines Vermögen ein. Dennoch gelang es ihm, nur gelegentlich ärgerlich arrogant zu sein.

Sabrina hatte ihn nach dem Verkauf ihres zweiten Buches kennen gelernt, noch ehe es auf den Markt gekommen war. Das war kurz nach seiner Scheidung von seiner dritten Frau gewesen. Zu behaupten, sie wäre damals naiv gewesen, wäre eine maßlose Untertreibung. Sie hatte gerade versucht, eine unglückliche Beziehung zu überwinden.

Ihre stürmische Romanze hatte in Flitterwochen in Paris geendet. Zu der Zeit war in Frankreich gerade Bretts neuester Roman erschienen. Zunächst war sie nur amüsiert gewesen über die vielen Frauen, die auf nicht gerade dezente Weise Interesse an ihrem Mann bekundeten. Weniger amüsiert hatte sie dann allerdings die Erkenntnis, wie viele von denen er bereits gut, um nicht zu sagen, intim kannte. Als geborene Optimistin, die sich nach einer glücklichen Zukunft sehnte, hatte sie dennoch beschlossen, mit Bretts Vergangenheit zu leben.

Es hatte sie nicht einmal so sehr gestört, wie wenig seine Verflossenen Rücksicht darauf nahmen, dass er eine neue Ehefrau hatte. Schließlich konnte sie ihm das Verhalten der anderen nicht zum Vorwurf machen. Beunruhigt hatte sie Bretts Gleichgültigkeit gegenüber dem Unbehagen, das sie in ihrer Position empfand. Er war ein guter Liebhaber, er konnte amüsant und charmant sein, er brachte sie zum Lachen, und er liebte sie, wenn sie sich verloren und unsicher fühlte.

Doch Brett konnte auch selbstbezogen, ja selbstsüchtig und regelrecht gemein sein. Stundenlang war er mit der üppigen Besitzerin eines großen Buchladens verschwunden gewesen und hatte dann noch unwirsch reagiert, als seine junge Frau sich erkundigte, was er eigentlich treibe. Er teilte ihr mit, er sei schließlich Brett McGraff, und ihm würden gewisse Avancen gemacht. Sie solle sich nicht daran stören, sondern froh und dankbar sein, dass er schließlich sie geheiratet und zu seiner Frau gemacht habe.

Sabrina war fassungslos gewesen und dann wütend auf sich selbst. Sie hatte verzweifelt nach einem Partner gesucht, der sie ihre unglückliche Liebe vergessen ließ und ihr Leben ausfüllte. Dabei hatte sie einen schrecklichen Fehler begangen. Sie hatte Brett gern gehabt und geglaubt, sie könnten es zusammen schaffen. Doch sie hatte sich geirrt. Sie gab vor allem sich selbst die Schuld, nicht erkannt zu haben, wie weit ihre Vorstellungen von Liebe und Ehe auseinander lagen.

Brett war die Veränderung an ihr aufgefallen, und er hatte versucht, sie mit seinen Verführungskünsten zu beschwichtigen…

Der Rest war die Hölle gewesen.

Sie wollte nicht daran denken. Sie hatte damals ein paar wertvolle Lektionen gelernt und ihm vielleicht sogar einige erteilt. Bis heute konnte er nicht glauben, dass sie ihn verlassen und die Scheidung eingereicht hatte, ohne einen roten Heller von ihm zu verlangen. Wenn sie sich in den folgenden Monaten auf verschiedenen Verlagsempfängen begegnet waren, hatte er ihre Nähe gesucht. Er nannte sie immer noch seine Frau, und sie konnte manchmal sogar darüber lächeln, mit welchen Argumenten er immer wieder versuchte, sie ins Bett zu bekommen. Sie solle mit ihm schlafen, weil sie verheiratet waren, weil sie schon miteinander geschlafen hatten und weil es nicht gut sei, mit Fremden zu schlafen. Weil sie ihn schon kenne – und weil es deshalb auch keine hässlichen kleinen Überraschungen gebe. Weil er gut im Bett sei, und dass sie zugeben müsse, dass er wirklich gut sei, eben weil er so viel Erfahrung habe. Weil jeder dann und wann Sex brauche. Und da sie eine süße, puritanische Prüde sei, die von einer Obstfarm stamme und nicht leicht intime Kontakte knüpfe, solle sie sich lieber mit ihm auf die Befriedigung dieses Urbedürfnisses einlassen.

Bisher hatte sie ihm widerstehen können.

Zweifellos war sie nicht verlockender als andere Frauen auch, doch sie war diejenige, die ihn verlassen hatte, daher blieb sie eine ständige Herausforderung für ihn.

„Ernsthaft, möchtest du dir nicht einen Raum mit mir teilen, solange wir hier sind?“ fragte er.

„Nein“, erwiderte sie schlicht.

„Gib’s zu. Es macht Spaß, mit mir zu schlafen.“

„Wir haben unterschiedliche Vorstellungen von Spaß.“

„Sieh dich um. Das hier ist ein unheimlicher Ort“, gab er zu bedenken.

„Nein, danke, Brett.“

„Ich kann mich auch benehmen.“

„Das bezweifle ich. Außerdem erinnerst du mich an eine Warnung, die meine Mutter immer ausgesprochen hat: Lass die Finger von Spielsachen, von denen du nicht weißt, wo sie herkommen.“

Er erwiderte grinsend: „Autsch! Aber wenn du bei mir geblieben wärst, wüsstest du genau, wo ich herkomme.“

„Brett, ich wusste während unserer Ehe nie, wo du gerade herkamst. Und ich war wirklich nicht so schrecklich beschäftigt, dass du mir hättest verloren gehen können. Ich denke, es ist dir nie in den Sinn gekommen, dass Ehe Monogamie bedeutet.“

„Denkst du, das gilt für alle?“

„Brett, ich kann anderen Menschen nicht vorschreiben, wie sie verheiratet zu sein haben. Ich weiß nur, was ich für mich möchte.“

Er schnaubte. „Wenn du nur wüsstest, wie viele Leute Seitensprünge begehen. Leute, von denen du es nie annehmen würdest.“

„Mein Lieber, ich will mir das gar nicht vorstellen.“

„Deine eigenen Freunde!“ beharrte er.

„Brett…“

„Also gut, in Ordnung. Aber wenn du später Klatsch von mir hören willst, werde ich schweigen wie ein Grab und dich im Dunkeln tappen lassen. Es sei denn, natürlich, du kannst diese ganze Ehekiste eine Weile vergessen und willst nur Spaß haben. Meine Absichten sind allerdings ehrenwert. Ich würde dich wieder heiraten.“

Sie stöhnte auf. „Wie ich schon sagte, wir haben unterschiedliche Auffassungen von Spaß und Ehe.“

„Prima. Spiel nur die Spröde. Aber wenn es dir hier zu unheimlich wird, wirst du in mein Bett kriechen wollen, und dann ist es vielleicht schon belegt.“

„Sollte mich nicht wundern.“

„He, beschwere dich nicht. Immerhin habe ich dich zuerst gefragt. Und sicher willst du nicht mit einem Fremden schlafen.“

„Brett, ich habe mit dir geschlafen, und ich kann mir wirklich niemand vorstellen, der mir fremder ist.“

„Sehr witzig. Das wird dir noch Leid tun, meine Süße. Du wirst schon sehen.“ Er schüttelte bekümmert den Kopf und wandte sich der Szene vor ihnen zu. „Erstaunlich, was“, sagte er leise und betrachtete die Figuren, den Arm immer noch um Sabrina gelegt.

„Ja, sehr lebensecht“, stimmte sie zu.

„So sehr, dass ich bei diesem Licht sogar auf die Täuschung hereinfallen könnte. Und ich war immerhin mit dir verheiratet.“

„Wovon sprichst du?“

„Na, wovon denn wohl? Du starrst die ganze Zeit diese Szene an.“ Er seufzte voller Ungeduld. „Sabrina! Sieh sie dir doch genau an! Das bist du.“

„Was?“

„Süße, bist du blind geworden, seit du mich verlassen hast?

Schau genau hin. Diese Frau dort, das bist du. Bis aufs i-Tüpfelchen. Die blauen Augen, das blonde Haar, das hübsche Gesicht. Die gute Figur.“ Er senkte die Stimme. „Und der süße Hintern.“

„Ihren Hintern kannst du gar nicht sehen.“

„Also gut, also gut, das gebe ich zu. Aber das da bist du. Sie ist dein Ebenbild.“

„Sei nicht albern…“ Sabrina begann zu protestieren, ließ den Satz jedoch unbeendet und furchte die Stirn.

Allmächtiger, Brett hatte Recht! Die Wachsfigur hatte eine alarmierende Ähnlichkeit mit ihr. Erneut liefen ihr Schauer über den Rücken.

„Das ist gut!“ flüsterte Brett heiser. „Ich spüre dich zittern. Du bist verunsichert, nervös und ängstlich. Du wirst nicht die ganze Nacht allein sein wollen in diesem unheimlichen alten Schloss. Du wirst zu mir kommen. Die Nacht wird hereinbrechen, die Wölfe werden heulen, und du wirst ängstlich schreiend, Schutz suchend von deinem Schlafzimmer in meines rennen.“

Es ist nur ein Abbild in Wachs, sagte sich Sabrina. Und doch durchliefen sie kalte Schauer. Die Frau dort auf der Folterbank, das war sie. Der Künstler hatte die Figur so gut gestaltet, dass Muskeln und Venen im Arm des Opfers lebensecht hervortraten, während sie sich gegen die Seile wehrte, die sie auf der Streckbank festhielten.

Die Angst in ihren Augen war überzeugend.

Der stumme Schrei auf ihren Lippen war fast hörbar.

Brett flüsterte ihr warnend zu: „Du wirst nicht allein sein wollen.“

Aus der Dunkelheit hinter ihnen wandte eine tiefe, wohltönende Männerstimme ein: „Nun ja, allein wird sie wohl kaum sein.“

Sabrina kannte diese Stimme.

Sie fuhr herum und sah sich ihrem Gastgeber gegenüber.

2. KAPITEL

Sein Blick ruhte einen Moment forschend auf ihr. Dann lächelte Jon freundlich und fügte hinzu: „Ernsthaft, Brett, sie wird wohl kaum allein sein, wenn man bedenkt, dass zehn Schriftsteller anwesend sind – wir natürlich eingeschlossen –, dazu ein Künstler und meine Assistentin. Und die Angestellten des Schlosses nicht zu vergessen, die alle hier wohnen.“

Es klang amüsiert. Sabrina entwand sich Bretts Arm und ließ Jon Stuart nicht aus den Augen. Es war viel Zeit vergangen seit ihrer letzten Begegnung.

„Jon“, erwiderte Brett überrascht, eine Spur Gereiztheit im Ton. Die beiden waren angeblich Freunde, dennoch schien Brett nicht eben erfreut über Jon Stuarts Auftauchen.

„Brett, schön, dich zu sehen. Danke, dass du gekommen bist.“

„Es ist mir immer ein Vergnügen. Wir waren alle verdammt froh, dass du dich entschlossen hast, wieder eine Krimi-Woche zu veranstalten. Jon, du kennst meine Frau, Sabrina Holloway, nicht wahr?“

„Sabrina, schön, Sie wieder zu sehen. Ich wusste gar nicht, dass ihr zwei wieder geheiratet habt.“

„Haben wir auch nicht“, betonte Sabrina.

„Aha.“

„Sorry, meine Exfrau“, erklärte Brett unschuldig. Dabei lächelte er Sabrina viel sagend an, als spiele sich immer noch eine Menge zwischen ihnen ab. „Man vergisst so leicht, dass wir uns jemals scheiden ließen.“

„Jedenfalls bin ich froh, dass ihr beide hier seid“, fügte Jon höflich hinzu.

„Ich hätte es um keinen Preis versäumen wollen“, erwiderte Brett.

„Es war nett, dass Sie mich eingeladen haben“, bedankte sich Sabrina artig.

„Ich hatte Sie auch das letzte Mal schon eingeladen“, erinnerte Jon sie.

„Damals… damals drängte mein Abgabetermin.“ Das war natürlich gelogen. Es war die Standardausrede von Autoren, wenn sie sich vor etwas drücken wollten.

„Ihre Absage hat sich immerhin gelohnt. Ihr letztes Buch war sehr gut.“

„Sie haben es gelesen?“ fragte sie – viel zu eifrig, wie sie selbst fand. Am liebsten hätte sie sich dafür geohrfeigt. Sie errötete leicht vor Freude, dass er genügend an ihrer Arbeit interessiert war, um ihre Bücher zu lesen. Richtig heiß wurde ihr jedoch bei den Gedanken, was er wohl von den ausgeprägten Liebesszenen gehalten hatte und darüber, wie sehr ihr Erröten sie verriet.

„Mir haben Ihre letzten Arbeiten auch alle gefallen“, erklärte sie rasch, um von sich abzulenken.

Jon lächelte ein wenig skeptisch, als habe er solches Lob schon oft gehört und bezweifle den Wahrheitsgehalt.

„Wirklich“, beteuerte sie leise und wünschte, diesen plumpen Monolog mit Anstand beenden zu können. Brett beobachtete sie interessiert. Offenbar war ihm eine gewisse Spannung zwischen ihr und Jon Stuart nicht entgangen.

„Tatsächlich?“ fragte Jon zurück. Entweder bemerkte er ihr Unbehagen nicht, oder es amüsierte ihn. Beunruhigt stellte sie fest, dass er ihr an Reife wie an Selbstvertrauen immer noch haushoch überlegen war. Er war ein Erfolgsautor, seit er gleich nach dem Collegeabschluss seinen ersten Roman, einen Thriller, der im Nachkriegsitalien spielte, veröffentlicht hatte.

Sie zwang sich zu einem etwas kühlen Lächeln. Einschüchtern lassen wollte sie sich keinesfalls von ihm. „Okay, also es hat mir nicht gefallen, dass Sie den Priester im letzten Buch umbringen ließen. Das hatte er nicht verdient.“

Das kränkte ihn keineswegs. Er lachte, sichtlich erfreut über ihre Offenheit. „Gut, dass Sie mit Ihrer Kritik nicht hinter dem Berge halten und die Wahrheit sagen.“

„Die Wahrheit sieht, je nach Blickwinkel, immer anders aus“, wandte Brett leicht gereizt ein.

„Nein, es gibt nur eine Wahrheit, vielleicht nur etwas anders beleuchtet“, hielt Jon ihm mit einem Seitenblick auf Sabrina entgegen. Dann schien er sich einen Ruck zu geben und fügte munter hinzu: „Und die Wahrheit ist natürlich, dass ich mich sehr freue, dass Sie sich von Ihren vielen Terminen freimachen konnten, um herzukommen, Miss Holloway.“

„Sie wußte, dass ich hier sein und sie sich schon allein deshalb wohl fühlen würde“, erklärte Brett voller Besitzerstolz.

„Na wunderbar“, erwiderte Jon.

„Ich habe Freunde hier“, versuchte sie den Eindruck zu korrigieren, der durch Bretts Antwort entstanden war. Zugleich fragte sie sich, warum es ihr etwas ausmachte, ob Jon Stuart glaubte, dass sie immer noch mit ihrem Exmann schlief. „Sie wissen, wie das ist, Jon. Wir Autoren neigen dazu, uns zusammenzurotten. Sie haben eine beeindruckende Gästeliste. Ich fühle mich geschmeichelt, dass ich eingeladen wurde.“

„Ich habe mir sehr gewünscht, dass Sie kommen“, erwiderte er höflich. „Wie Sie sich erinnern, wünschte ich mir das beim letzten Mal auch schon.“

Das stimmte. Er hatte sie auch damals dabei haben wollen. Sie hatten sich einige Monate vor seiner ersten Krimi-Woche kennen gelernt. Danach war sie Brett begegnet, hatte ihn geheiratet – und sich schnell wieder scheiden lassen.

Und Jon hatte Cassandra Kelly geheiratet.

„Seinerzeit hatte ich gerade erst ein Buch herausgebracht. Da durfte ich mich kaum zu den Profischreibern zählen, die Sie zu Ihrer Veranstaltung versammelt hatten.“

Er neigte stirnrunzelnd den Kopf leicht zur Seite. „Dianne Dorsey war damals ein noch größerer Neuling, trotzdem war sie dabei.“

„Leider entwickelte sich die Veranstaltung zu einer großen Tragödie. Deshalb war es gut, dass Sabrina nicht hier war“, kommentierte Brett. „Es freut mich aber zu sehen, dass du dich erholt hast, alter Knabe“, fügte er hinzu und stieß ihm mit der Faust freundschaftlich gegen die Schulter. „Wir haben in letzter Zeit alle nicht viel von dir gesehen. Übrigens, war es nicht Cassie, die uns erzählt hat, was für ein großartiges Buch Sabrina geschrieben hat?“

„Ja“, bestätigte Jon, und sein Blick ruhte auf Sabrina. „Cassandra fand, Sie hätten hervorragende Charaktere in einem bezwingenden Ambiente und dazu den perfekten Mord entwickelt, um der Geschichte den richtigen dramatischen Kick zu geben.“

„Das war sehr nett von ihr“, erwiderte Sabrina, leicht befangen. Cassandra war tot, und sie fühlte sich irgendwie schuldig, weil sie zu deren Lebzeiten nicht allzu viel von ihr gehalten hatte.

Zugegeben, sie hatte sie aus Eifersucht verabscheut. Das einzige Mal, da sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden hatten, war der schiere Horror für sie gewesen. Unerträglicher als alle Szenen dieser Ausstellung.

Somit war es nur natürlich, dass sie für Cassandra Stuart keinerlei Sympathien aufgebracht hatte.

Sie empfand eine leichte Beklommenheit, was nichts mit den unheimlichen Szenen hier im Kellergewölbe zu tun hatte. Wie Jon Stuart sie betrachtete, ging ihr unter die Haut. Obwohl Brett auf geradezu lächerliche Weise durch Worte und Gesten seine Besitzansprüche geltend machte, war sie plötzlich froh über seine Gegenwart.

Jon Stuart war beeindruckend, vielleicht sogar einschüchternd. Möglicherweise lag das allein an seiner Größe und seiner athletischen Erscheinung. Er war über einsneunzig und auf eine markante Art gut aussehend. Sein Haar war nicht bloß dunkel, sondern schwarz und dicht. Es reichte ihm im Nacken bis über den Hemdkragen, war jedoch ordentlich zurückgekämmt. Seine Augen waren von einem marmorierten Braun mit blauen und grünen Einschlüssen, was sie manchmal golden und dann wieder sehr dunkel wirken ließ. Seine Gesichtszüge verrieten Ruhe und Kraft: ein festes, eckiges Kinn, breite Wangenknochen, ein großzügiger, sinnlicher Mund und eine hohe Stirn.

Mit siebenunddreißig war er einer der bekanntesten Autoren von Abenteuer- und Spannungsromanen. Ein international renommiertes Magazin zählte ihn zu den zehn interessantesten Männern der Welt.

Obwohl es in den letzten Jahren stiller um Jon Stuart geworden war und er die meiste Zeit in Schottland verbrachte, berichteten die Zeitungen immer mal wieder über ihn, meistens wenn einmal pro Jahr sein neues Buch herauskam oder die Taschenbuchausgabe eines seiner Romane auf dem Markt erschien. Es schadete ihm nicht, dass er in den letzten Jahren eher wie ein Einsiedler gelebt hatte. Vielmehr förderte es sogar seinen Ruf des Geheimnisumwitterten.

Das Rätsel um den Tod seiner Frau machte ihn faszinierend gefährlich und auf unheimliche Art sympathisch. Einige Journalisten behaupteten, er sei nach Cassandras Tod in tiefe Trauer versunken, andere deuteten an, er habe sich aus Schuldbewusstsein zurückgezogen, weil er sich für ihren Tod verantwortlich fühlte – wenn er auch ein ganzes Stück entfernt war, als sie vom Balkon fiel. Es wurde vermutet, sie habe vielleicht Selbstmord begangen, weil ihre Ehe zu scheitern drohte. In einem Anfall übersteigerten Selbstmitleids habe sie sich vom Balkon gestürzt, um ihrem berühmten Ehemann die Schuld zuzuweisen, was ihn bis ans Ende seiner Tage belasten würde.

Wieder andere glaubten, dass der Krebs, der ihre schönen Brüste zu zerstören drohte, sie in die Verzweiflung getrieben habe. Was immer auch geschehen war, es hatte endlose Spekulationen ausgelöst. Jon Stuart hatte Verhöre vor Gericht erduldet und sich von Presse, Freunden und Fans anklagen lassen. Seine jährliche Krimi-Woche, eine Zusammenkunft berühmter Autoren auf seinem abgelegenen Schloss in Schottland, die der Publicity diente und dem Sammeln von Geld für Wohltätigkeitseinrichtungen, die sich um Kinder kümmerten, fand nicht mehr statt.

Bis jetzt.

Drei Jahre nach dem Tod seiner Frau hatte er die Tore von Lochlyre Castle wieder der Außenwelt geöffnet.

„Wenn ich so darüber nachdenke, war Cassies Lob für Sabrinas Arbeit bemerkenswert“, überlegte Brett plötzlich laut. „Sie war nicht besonders großzügig in Puncto Lob. Angeblich mochte sie meine Arbeit, doch Skalpell hat sie in der Luft zerrissen. Erinnerst du dich, Jon? Sie hat sogar deine Arbeit manchmal niedergemacht, und, so ungern ich das zugebe, das ist nun wirklich schwer.“

„Danke. Das ist ein echtes Kompliment“, erwiderte Jon trocken.

Brett grinste. „Ich bin in Geberlaune. Ich habe gerade erfahren, dass Operation die Nummer zwei auf der Bestsellerliste der New York Times von nächster Woche ist.“

„Glückwunsch“, sagte Sabrina aus vollem Herzen. In die Bestsellerlisten zu gelangen, schaffte er immer. Doch erreichten seine Bücher, sehr zu seiner Freude, dabei immer höhere Platzierungen.

„Großartig“, lobte Jon. „Du kannst uns alle während der Woche bei Laune halten, indem du uns erinnerst, dass Bücher, entgegen anders lautenden Gerüchten, noch gekauft und gelesen werden. Also… was haltet ihr zwei vom diesjährigen Gruselkabinett?“

„Makaber wunderbar“, urteilte Brett.

„Zu realistisch“, meinte Sabrina schaudernd.

„Aha.“ In Jons goldenen Augen blitzte es belustigt. „Ich würde mich an Ihrer Stelle nicht daran stören, dass Sie so viel Ähnlichkeit mit der Lady auf der Folterbank haben. Ein Künstler namens Joshua Valine hat die Figuren für die Ausstellung geschaffen. Er hat auch eine Menge Bucheinbände entworfen. Er begegnete Ihnen auf der Buchmesse in Chicago und war sehr von Ihnen beeindruckt.“

„Wohl kaum im positiven Sinn, wenn er mich gleich auf die Folterbank spannt“, bemerkte Sabrina trocken.

Jon lachte. Es klang tief, leicht rau und sehr angenehm. „Glauben Sie mir, sein Eindruck war sehr positiv. Er nimmt sich immer reale Menschen als Modell, gleichgültig, ob er malt oder in Wachs arbeitet. Und wenn Sie sich umsehen, werden Sie feststellen, dass es nirgends eine angenehme Situation gibt, in der er sie hätte darstellen können. Schauen Sie nur, dort hinten in der Ecke“, fügte er immer noch belustigt hinzu.

So abgeklärt sie inzwischen auch zu sein glaubte, spürte sie auch jetzt, welche Wirkung sein Charisma auf sie hatte. Andeutungsweise hatte er einen leicht schottischen Akzent erworben, wohl auf Grund der vielen Zeit, die er hier verbrachte. Sein Aussehen, sein Körperbau – sein gesamtes Erscheinungsbild war sehr männlich. Was der schwache Duft seines After Shave noch unterstrich.

Jon Stuart ist in der Tat ein gefährlicher Mann, dachte Sabrina. Und eigentlich ein Fremder, obwohl ich ihn einmal gut gekannt habe – wenn man das so nennen will.

„In der Ecke dort hinten“, fuhr Jon fort, „werden König Ludwig XVI. nebst Gattin Marie Antoinette zur Guillotine geführt, und Jeanne d’Arc wird da drüben auf dem Scheiterhaufen brennen. In der nächsten Szene begegnet Anna Boleyn ihrem Henker, und Jack the Ripper ist gerade dabei, Mary Kelly die Kehle durchzuschneiden.“ Er schüttelte gespielt betrübt den Kopf. „Ich fürchte, Joshua mag Susan Sharp nicht besonders. Gehen Sie nur, und schauen Sie sich Mary Kelly an.“

„Demnach muss ich dankbar sein, dass ich auf der Folterbank gelandet bin? Und stundenlange Qualen erdulden muss, bevor ich sterbe?“ fragte sie ungläubig.

Jon neigte leicht amüsiert den Kopf. „Tatsächlich ist die schöne Blondine auf der Streckbank das einzige Opfer in diesem Raum, das überleben wird, Miss Holloway. Es handelt sich um Lady Ariana Stuart. Ehe sie gestreckt und ihr Wille gebrochen werden konnte – laut Anklage hatte sie versucht, den Thronfolger Charles an Cromwells Männer zu übergeben, -, intervenierte ihr Bruder selbst bei Charles und beteuerte ihre Unschuld. Der junge König, inzwischen als Charles II. von England inthronisiert, sah sofort, was für eine Verschwendung es wäre, eine so hübsche Dame umzubringen, und beorderte sie aus der Folterkammer direkt in sein Bett. Da er ein charmanter Mann war, machte er sie natürlich zu seiner Geliebten. Sie gebar ihm zahllose illegitime Kinder und erreichte ein hohes Alter.“

„Wie tröstlich“, bemerkte Sabrina.

„Sehr romantisch“, fügte Brett schnaubend hinzu. „Ich wette, dass hast du alles erfunden, um Sabrina zu beschwichtigen.“

„Ich schwöre, es ist die reine Wahrheit“, versicherte Jon.

„Na ja, jedenfalls hat sich Joshua mit Susan Sharp einen Spaß erlaubt“, stellte Brett boshaft kichernd fest. „Das ideale Opfer für den Ripper. Angeblich ‚unterhält’ sie Männer mit gewissen Gegenleistungen für ihre Dienste.“

„Das ist Hörensagen“, wehrte Jon achselzuckend ab.

Sabrina ärgerte sich über Bretts taktlose Bemerkung und applaudierte innerlich Jons Weigerung, schlecht über andere zu reden.

„Wen hat sich der alte Josh als Modell für Jeanne d’Arc ausgesucht?“ erkundigte Brett sich ungerührt.

„Meine Assistentin Camy“, erklärte Jon. „Ich glaube, sie ist selbst auch ziemlich sendungsbewusst. Außerdem ist sie eine gute und hart arbeitende Assistentin.“

„Wie passend. Ich bin einverstanden.“

Jon grinste. „Bisher noch.“

Brett stöhnte auf. „Dann gibt es also etwas, das mir nicht gefallen wird?“

„Vermutlich.“

„Hat er mich auch benutzt?“

Jon nickte.

„Als was?“

Jon deutete auf den Folterknecht, der soeben den Mechanismus der Streckbank mit der jungen Schönen darauf betätigen wollte.

„Denk dir mal das ganze Barthaar weg“, schlug Jon mit einem verschmitzten Lächeln vor.

„Ich sollte ihn verklagen!“ schimpfte Brett.

Sabrina konnte nicht anders als lachen, was Brett noch mehr ärgerte.

„Komm schon, Brett, nimm’s sportlich. Du warst nur das Modell. Bei dem dichten Bart wird es niemand merken. Außerdem dient unsere Krimi-Woche wohltätigen Zwecken. Also nimm’s mit Humor.“

„Sehr lustig. Ich bin gerade dabei, meine Exfrau zu foltern. Bist du auch in der Galerie der Übeltäter vertreten?“ fragte er Jon.

„O ja, durchaus.“

„Wo?“ wollte Brett wissen.

„Komm mit.“

Brett sah Sabrina achselzuckend an. „Wahrscheinlich hat er sich als König oder als Gandhi darstellen lassen.“

„Gandhi würde hier wohl nicht hineinpassen, und etliche Könige waren auch keine besonders edlen Burschen“, erinnerte Jon ihn. „Aber ich habe mit Joshuas Auswahl der Modelle nichts zu tun. Er sagt mir nicht, wie ich zu schreiben habe, und ich sage ihm nicht, wie er zu modellieren hat.“

Sie folgten ihm einen Korridor entlang zu einer weiteren Ausstellungsszene. Ein Mann in europäischer Kleidung etwa des 15. Jahrhunderts stand neben dem ausgestreckten Körper einer Frau. Ihr Kopf war zur Seite gedreht und dem Blick des Betrachters entzogen. Der Mann starrte mit einer Mischung aus Zorn und Verwirrung auf sie hinab. Er hatte langes, hellbraunes Haar, doch seine Züge waren eindeutig die von Jon Stuart.

„Wer sind die beiden?“ fragte Sabrina verwirrt.

„Er ist in Amerika nicht sehr bekannt“, erklärte Jon und betrachtete die Szene leidenschaftslos. „Sein Name war Matthew McNamara. Laird McNamara. Er war Schotte und entledigte sich dreier Geliebter und zweier Ehefrauen.“

„Wie?“ fragte Brett. „Ich sehe keine Waffe.“

„Er hat sie erwürgt“, erklärte Jon schlicht.

„Wie konnte er mit so vielen Morden durchkommen, ohne dass es Konsequenzen für ihn hatte?“ fragte Sabrina.

„Er wurde nie angeklagt. Unter den Clansmännern galt er als so mächtig, dass man es als sein Recht betrachtete, widerspenstige Frauen zu exekutieren.“

Jon wandte sich von der Szene ab und ihr zu. Sabrina hatte den Eindruck, dass seine Augen sehr dunkel und kalt wirkten. Als er langsam zu lächeln begann, bekam sie eine leichte Gänsehaut. Machte er sich lustig über sie oder über sich selbst? Ihr war sehr unbehaglich zu Mute.

Schlimmer noch.

Sie fühlte sich wie eine Motte, die vom Licht angezogen wird. Weder Zeit noch Entfernung hatten etwas an ihren Gefühlen geändert. Dass Jon Stuart eigentlich ein Fremder für sie war, bedeutete gar nichts. Sie empfand dieselbe heftige Anziehung wie bei ihrer ersten Begegnung vor über dreieinhalb Jahren.

Das erste Mal… das letzte Mal.

„Wer war Modell für die Frau?“ fragte Brett. Als würde ihm plötzlich bewusst werden, dass er die Antwort vielleicht nicht hören wollte, fügte er eilig hinzu: „Joshua Valine ist wirklich gut. Er hat ein unglaubliches Auge für Details.“

„Entspann dich, Brett. Es ist nicht Cassie.“ Ein leicht spöttisches Lächeln umspielte seinen Mund. „Es ist Dianne Dorsey. Du kannst ihr Gesicht erkennen, wenn du dir die Szene von der anderen Seite ansiehst.“

„Dianne, nun ja, natürlich. Wegen der schwarzen Haare dachte ich wohl flüchtig an Cassie. Aber Dianne ist ja auch dunkel…“ Brett ließ den Satz unbeendet und räusperte sich etwas verlegen.

„Cassie ist da drüben, Brett.“ Jon deutete auf eine Gestalt, die vor einem Sprossenfenster betete. „Joshua benutzte sie als Modell für Mary Stuart, Königin der Schotten. Die Szene stellt den Morgen ihrer Hinrichtung dar.“

„Ja. Ja, das ist eindeutig Cassandra“, sagte Brett und betrachtete sie lange. Dann richtete er den Blick plötzlich auf Jon. „Bedrückt dich das nicht irgendwie?“

„Sie bedrücken mich alle, weil sie so realistisch sind“, gestand er. „Aber Josh ist Künstler, und das ist nun mal seine Arbeitsweise. Außerdem finde ich, dass Cassie eine gute Mary Stuart abgibt.“

„Die Opfer sind ausnahmslos Frauen“, fiel Sabrina auf.

Jon bestätigte lächelnd: „Historisch betrachtet waren wohl viele Männer Monster. Aber ich schwöre Ihnen, wir haben auch ein paar todbringende Ladies dabei.“ Er deutete quer durch den Raum. „Da hinten haben wir die Herzogin Bathory, die ungarische ‚Blut-Herzogin’. Angeblich opferte sie Hunderte junge Frauen, damit sie in deren Blut baden und ihre Jugend und Schönheit erhalten konnte. V.J. Newfield diente als Modell, wie unschwer zu erkennen ist.“

„Das gibt Ärger!“ prophezeite Brett.

Jon widersprach lachend: „V.J. wird sich köstlich darüber amüsieren. Außerdem war die Herzogin angeblich nicht nur blutrünstig, sondern auch sehr schön.“ Er deutete auf eine andere Szene. „Dort haben wir Lady Emily Watson, die nicht weniger als zehn Ehemänner vergiftete, um sich ihrer weltlichen Güter zu bemächtigen. Ihr seht also, wir bemühen uns um Ausgewogenheit im Horrorkabinett.“

„Wer war das Modell für Lady Emily?“ erkundigte sich Brett.

„Anna Lee Zane. Und ihr Opfer ist Thayer Newby.“

Brett lachte. „Thayer wird von einer Frau erledigt! Das wird ihm gefallen.“

Jon meinte achselzuckend: „Da hätten wir noch Reggie Hampton als gute Königin Bess, die das Todesurteil für Mary Stuart unterschreibt.“

„Wer sind die anderen?“ fragte Sabrina und wies mit einer allumfassenden Geste auf die übrigen Szenen in den finsteren Tiefen des Kellergewölbes.

„Natürlich sind Tom Heart und Joe Johnston dabei, aber die sollten Sie selbst entdecken. Auch einige Hausangestellte dienten Joshua als Modelle. Seien Sie also nicht überrascht, wenn das Frühstück von Katharina der Großen serviert wird.“

„Sabrina, wir sollten wieder heiraten, und zwar schnell!“ drängte Brett besorgt. „Jack the Ripper könnte kommen und deine Wäsche abholen!“

„Die Handwäsche schaffe ich vermutlich noch selbst. Und frühstücken werde ich immer nur in einer Menschenmenge“, entgegnete sie abwehrend. Am liebsten hätte sie Brett getreten, weil sie merkte, dass Jon sie auf Grund der Bemerkung nachdenklich ansah.

Allerdings schien Jon den Wortwechsel nicht sonderlich ernst zu nehmen. „Joshua hat seit über einem Jahr mit mehreren Leuten an diesem Projekt gearbeitet. Wenn wir die Figuren nicht mehr brauchen, geben wir sie an das neue Museum im North Country ab.“

„Da brauchst du die Zustimmung der Modelle“, warnte Brett ihn.

Jon lächelte. „Ich denke, die bekomme ich. Die Publicity wird enorm sein, weißt du?“

„Na großartig, ich gehe als durchgeknallter Folterknecht in die Geschichte ein!“ beklagte sich Brett, doch das Wort Publicity hatte ihn bereits für die Sache eingenommen.

„Mach dir nichts daraus. Ich beispielsweise werde so oder so als Frauenmörder traurige Berühmtheit erlangen. Wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet, ich muss noch einige Dinge erledigen. Genießt die Zeit. Brett, du kennst dich ja aus. Miss Holloway, fühlen Sie sich bitte ganz wie zu Hause. Wir sehen uns dann zum Cocktail.“

Er wandte sich ab und ging mit langen Schritten davon. Nach wenigen Sekunden hatte die Dunkelheit ihn verschluckt.

Doch irgendwie wirkte seine Anwesenheit nach, und Sabrina betrachtete noch einmal die Szene mit Matthew, Laird McNamara.

Groß gewachsen, stand er aufrecht und breitschultrig, die Hände auf den Hüften, neben der Frau zu seinen Füßen. Attraktiv, stolz, gnadenlos, mächtig – er war in der Tat Herr seiner Domäne.

So mächtig, dass er töten und ungeschoren davonkommen konnte. Sie riss den Blick von dem Tableau los und betrachtete die übrigen Figuren, die jede auf ihre Weise eine Begegnung mit dem Tod hatten.

Die diffuse Beleuchtung machte alles noch schrecklicher. Der Raum war dunkel, nur die einzelnen Szenen hoben sich, in unheimliches bläulich rotes Licht getaucht, daraus hervor, was den realistischen Eindruck verstärkte. Mühelos konnte Sabrina sich vorstellen, dass die Figuren atmeten, zuckten und schwitzten. Und dass sie sich jeden Moment bewegen könnten…

Matthew McNamara stand mit geballten Fäusten neben seiner Frau.

Jack the Ripper schwang sein Messer.

Und Lady Ariana Stuart schrie weiterhin in stummem Entsetzen.

Sabrina fröstelte und zuckte zusammen, als Brett ihr wieder eine Hand auf die Schulter legte.

„Gehen wir hier raus, ja?“ schlug er vor.

Sie merkte, dass auch er beklommen war.

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