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Mörderpech

Auswahlband  5 Krimis September 2018: Mörderpech

von Alfred Bekker, Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 800 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende folgende Krimis:

 

 

Künstlerpech für Mörder (Alfred Bekker)

In eine Berliner Galerie wird eingebrochen. Der Besitzer scheint ermordet worden zu sein – seine Leiche ist aber unauffindbar. Der Berliner Ermittler Harry Kubinke und sein Team beginnen mit ihren Ermittlungen. Sehr schnell stellt sich heraus, dass der Galerist in höchst dubiose Geschäfte verwickelt war. Innerhalb kurzer Zeit werden weitere Personen aus seinem Umfeld ermordet. Als sich ein Kollege aus Russland meldet und Harry Kubinke seine Hilfe anbietet, bekommt der Fall eine neue Wendung...

 

 

Das Leben einer Katze (Uwe Erichsen)

Ein Krimi über einen Bankraub mit Geiselnahme und einer fatalen erotischen Besessenheit, der ein völlig anderes Ende für alle Beteiligten nimmt, als der Leser erwartet. Spannend bis zur letzten Zeile.

 

Höhenrausch (Uwe Erichsen)

Seiner Karriere hatte Vohsen alles geopfert, auch die Menschen, die ihm nahestanden. Die einzige Ausnahme war Beate, seine Tochter. Deshalb traf es ihm wie ein Schock, als sie in eine Wohngemeinschaft zog und sich an einen dieser linken Spinner hing. Doch Vohsen war ein Mann der Tat. Er ließ Rauschgift in der Wohngemeinschaft verstecken und verständigte die Polizei. Schlimm für ihn, dass die Polizei nicht nur Rauschgift, sondern auch einen Toten fand.

 

Das Weiße im Auge des Feindes (Uwe Erichsen

Schmerzgekrümmt lag Dattner am Boden, dennoch war ein Gefühl des Triumphs in ihm. Die beiden Maskierten waren wieder abgezogen. Trotz Folter hat er ihnen den Safe nicht geöffnet. Vor zwei Jahren war es anders gewesen. Damals hatte er der Gewalt nachgegeben und den Eindringlingen den Inhalt des Safes überlassen. Aber da stand auch das Leben seines Sohnes auf dem Spiel, das er dann doch nicht hatte retten können. Max war an der Stichwunde gestorben. Seit diesem Tag hatte Dattner darauf gewartet, dem Mörder seines Sohnes noch einmal zu begegnen. Vor wenigen Minuten war dieser Wunsch in Erfüllung gegangen …

 

Schade um Maria (Uwe Erichsen)

Auch in seiner Freizeit geht Jürgen Teske auf Verbrecherjagd. Der junge Polizeibeamte weiß, dass seine Eigenmächtigkeit ihn die Uniform kosten kann, aber er hat keine andere Wahl. Maria, seine Schwester, ist verschwunden, und ihm bleibt nicht mehr viel Zeit, sie zu finden. Ein Mädchen, das einmal an der Nadel hängt, hat in der Hand eines skrupellosen Zuhälters kaum noch eine Chance...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de  

postmaster@alfredbekker.de  

 

Künstlerpech für Mörder

Ein Harry Kubinke Krimi

von Alfred Bekker

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

 

In eine Berliner Galerie wird eingebrochen. Der Besitzer scheint ermordet worden zu sein – seine Leiche ist aber unauffindbar. Der Berliner Ermittler Harry Kubinke und sein Team beginnen mit ihren Ermittlungen. Sehr schnell stellt sich heraus, dass der Galerist in höchst dubiose Geschäfte verwickelt war. Innerhalb kurzer Zeit werden weitere Personen aus seinem Umfeld ermordet. Als sich ein Kollege aus Russland meldet und Harry Kubinke seine Hilfe anbietet, bekommt der Fall eine neue Wendung...

 

Ein packender Berlin-Thriller mit Kommissar Harry Kubinke.

 

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

 

 

 

1

Bundeshauptstadt Berlin – im Jahr 2007...

„Und ditte soll nun Kunst sein!“, sagte der Mann an der Curry-Wurst-Bude, an der mein Kollege Kommissar Rudi Meier und ich uns gerade stärkten. „Wissen Sie, wat ick meene, Herr Kubinke?“

„Naja...“, sagte ich, denn ehrlich gesagt wusste ich nicht so genau, worauf der Curry-Wurst-Mann hinauswollte. Aber die Curry-Wurst, die er anbot, schmeckte gut. Und darauf kam es an.

Er deutete auf die Vogelscheuche, die an einem Laternenpfahl hing und durch den letzten Regen ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden war.

„Die lassen ditte da nun vergammeln und keiner hängt den Müll weg, weil es ja ne Kunstaktion ist. Ick wees nich, soll wohl den menschlichen Verfall und das Vergehen der Zeit illustrieren oder sowas.“

„Kann schon sein“, sagte ich kauend.

„Ja, kann sein oder is wirklich so, Herr Kommissar?“

Rudi und ich waren in letzter Zeit öfter hier gewesen. Deswegen kannte er unsere Namen. Ich seinen allerdings nicht. Eine Schande. Aber man kann nicht alles behalten.

„Habe ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht, muss ich jetzt ehrlich gestehen.“

„Also wenn icke meinen Sperrmüll zur falschen Zeit an die Straße stelle, kriege icke eine Verwarnung. Aber wenn ich Künstler wär', dann könnte ich jeden Mist einfach irgendwo lassen und dat wär' in Ordnung?“

„So würde ich das jetzt nicht sehen“, sagte ich.

„Ja, aber icke seh das so! Und richtig is ditte nicht! Dat kann mir keiner erzählen!“

„Von der Seite habe ich das noch nicht betrachtet.“

„Sollten Sie vielleicht mal, Herr Kommissar Kubinke. Oder sind Sie sogar Hauptkommissar?“

„Genau genommen ja.“

„Dann frage ich jetzt mal den Hauptkommissar Kubinke, mit seine große Kenntnis von den Paragraphen und so: Kann man ditte nicht verbieten?“

Ich hatte mich verschluckt und irgendwie ein Stück Wurst mit sehr viel Curry in den falschen Hals gekriegt. Mein Kollege Rudi haute mir auf den Rücken. Nach einem Moment war es wieder gut.

„Geht's wieder?“, fragte der Curry-Wurst-Mann.

„Alles in Ordnung“, sagte ich.

„Und meine Frage?“

„Wie?“

„Ja, die Antwort fehlt: Kann man so eine Verschandlung der Stadt, wie ditte da, nich verbieten?“

„Also, genau genommen fällt das nicht in unsere Zuständigkeit beim BKA“, sagte ich.

„Ah ja“, sagte Curry-Wurst-Mann.“

„Gute Wurst“, meinte Rudi kauend. „Echt!“

„Gibt keine Bessere“, ergänzte ich.

„Ditte hört man gerne“, sagte der Curry-Wurst-Mann und streckte dann die Hand in Richtung der Vogelscheuche aus. „Aber davon kriegt man Augenkrebs!“

 

 

2

St. Petersburg, Russland.

Das Café Rasputin war ein beliebter Szene-Treff, wo sich Künstler, Intellektuelle und alle die sich dafür hielten einfanden, um über den Niedergang Russlands zu diskutieren oder der Performance eines experimentellen Dichters zu lauschen. An den Wänden hingen großformatige Gemälde in grellen Farben. Wladimir Bykow fiel in seinem biederen, dreiteiligen Anzug sofort auf. Er ließ suchend den Blick über die Gäste schweifen. Stimmengewirr erfüllte den Raum.

Und Zigarettenrauch.

In kalten Schwaden hing er über den Tischen und machten Bykow klar, wie sehr ihn zwanzig Jahre Berlin geprägt hatten. In Deutschland war das Rauchen beinahe überall verboten und so war Bykow den in Augen und Nase beißenden Qualm nicht gewöhnt.

Sein Blick blieb an einem Mann im dunklen Rollkragenpullover haften, der allein an seinem Tisch saß.

Bykow ging an seinen Tisch.

Der Mann im Rollkragenpullover zog an seiner filterlosen Zigarette und blies Bykow den Rauch entgegen. „Na, endlich! Ich dachte, du kommst nicht mehr! Setz dich!“

Bykow nahm Platz. „Wir müssen miteinander reden, Sergej!“

Der Mann im Rollkragenpullover beugte sich nach vorn und sprach nun in gedämpftem Tonfall. „Ich steige aus, Wladimir! Die Sache ist zu heiß geworden. Und wenn du schlau bist und am Leben bleiben willst, tust du dasselbe!“

 

 

3

„Was ist passiert?“, fragte Bykow.

„Genug, um in Zukunft die Finger von der Sache zu lassen. Das Geschäft läuft nicht mehr und ich habe keine Lust, mir die Finger zu verbrennen. Vor zwei Tagen wurde Korzeniowskij erschossen, und ich möchte nicht der Nächste zu sein.“

Bykow verengte die Augen.

„Korzeniowskij?“, echote er. „Das wusste ich nicht…“

„Du scheinst so manches nicht zu wissen, Wladimir!“

„Dann erkläre es mir, Sergej!“

„Ich sehe zu, dass ich mein Geld in die Schweiz bekomme und dann bin ich weg!“, erklärte der Mann im Rollkragenpullover.

Er lehnte sich zurück und ließ den filterlosen Glimmstängel aufglühen.

Bykow wedelte mit der Hand, um den Rauch zu vertreiben.

Sergej grinste schief. „Verweichlichter Deutscher!“, murmelte er verächtlich.

„Was den Pass betrifft, stimmt das“, konterte Bykow.

„Na, das wird es für dich ja etwas leichter machen, mit der neuen Situation fertig zu werden.“

Bykow lachte heiser. „Du hast gut reden, Sergej! Ich bin schließlich Verpflichtungen eingegangen! In Berlin gibt es Leute, die auf die nächste Lieferung so sehnsüchtig warten wie ein Junkie auf seinen Stoff! Die werden ziemlich sauer reagieren.“

Sergej zuckte mit den Schultern. „Tut mir leid.“

„Was ist mit Lebedew?“

„Der ist schon vor Wochen von der Bildfläche verschwunden. Offenbar hat er den Braten etwas früher gerochen, als der Rest von uns und zugesehen, dass er seine Schäfchen ins Trockene bekommt.“

„Verdammt!“ Bykow ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Eine dunkle Röte überzog sein Gesicht.

Sergej wirkte gelassener. „So ist das nun mal. Jeder muss jetzt sehen, dass er so gut wie möglich aus dem Schlamassel herauskommt.“

„Na, großartig!“

Sergej drückte den Rest seiner Zigarette im Aschenbecher aus, trank seinen mit Wodka vermengten Kaffee aus und erhob sich.

Bykow war bleich wie die Wand geworden.

Sergej sah ihn an und verzog das Gesicht. „Hey, bist du wirklich schon so ein deutsches Weichei geworden, Wladimir? Ich dachte, ihr würdet den Unternehmergeist immer besonders groß schreiben!“

Bykow verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

„Das tun wir auch.“

„Da wird der deinige ja wohl nicht gleich versagen, nur, weil die Zeit der Riesenjackpots für dich jetzt erst mal eine Weile vorbei ist!“

„Sehr witzig!“

„Immerhin lebst du noch – das ist mehr, als man von so manch anderem sagen kann, der bei der Sache mitgemacht hat!“ Gönnerhaft klopfte Sergej seinem Gesprächspartner auf die Schulter. „Nichts für ungut, Wladimir! War ´ne schöne Zeit und ich denke wir werden dem warmen Euro-Regen noch lange nachtrauern.“ 

Bykow bleckte die Zähne wie ein Raubtier. „Du kannst mich mal!“, fauchte er.

„Wie auch immer. Vielleicht machen wir ja irgendwann, wenn sich die Lage beruhigt hat, mal wieder zusammen Geschäfte. Man sollte ja immer optimistisch bleiben!“ Er grinste schief und setzte noch hinzu: „Außerdem kommen Ikonen nie aus der Mode!“

Sergej sah auf die Uhr.

Dann nickte er Bykow zu und ging in Richtung Ausgang.

Gerade hatte ein Mann in dunkler Lederjacke, dazu passenden Stiefeln und grauer Strickmütze den Raum betreten.

Sergej erstarrte, als er ihn sah.

Der Mann in Leder griff unter seine Jacke und riss eine Pistole hervor.

Er drückte sofort ab.

Sergej bekam einen Treffer in den Brustbereich, taumelte zwei Schritte zurück und wurde anschließend noch in Kopf und Hals getroffen.

Mit einem dumpfen Geräusch schlug der Getroffene auf den Holzboden. Blut sickerte aus den Wunden.

Überall im Café brach Panik aus. Entsetzensschreie gellten durch den Raum.

Bykow erhob sich vom Platz, drehte sich herum und griff unter seine Jacke.

Der Mann in Leder schwenkte den Lauf seiner Automatik in Bykows Richtung. Die Blicke der beiden Männer begegneten sich kurz. Dann leckte erneut das Mündungsfeuer wie eine rote Drachenzunge aus dem Lauf der Automatik hervor.

Bykow bekam einen Schuss in die Brust, der ihn gegen die Wand taumeln ließ. Ein zweiter Treffer erwischte ihn nur Zentimeter daneben – genau dort, wo sich das Herz befand.

Bykow rutschte an der Wand hinunter, versuchte sich festzuhalten und riss dabei eines der großformatigen Gemälde von den Haken.

Er ächzte und rang nach Luft.

Der Mann in Leder drängte sich derweil bereits durch die von Panik erfüllten Gäste des Café Rasputin in Richtung Ausgang.

Rechts und links stoben die Leute vor ihm zur Seite, so gut sie konnten. Niemand wollte schließlich mit der Waffe in seiner Rechten angeschossen werden.

Augenblicke später war er draußen in der Menge der Passanten verschwunden.

Inzwischen stöhnte Bykow schmerzerfüllt auf.

Er versuchte sich zu bewegen, aber er hatte das Gefühl, von mehreren Messern durchbohrt zu werden.

Er rang noch immer nach Luft. Das Atmen tat höllisch weh. Vorsichtig betastete er die Stellen, an denen er getroffen worden war. Die Projektile hatten seine Kleidung aufgerissen. Unter dem edlen Tuch seines Berliner Schneiders kamen die ersten Lagen grauen Kevlars zum Vorschein.

Immerhin, dachte er, die Weste hat gehalten, was der Hersteller verspricht, auch wenn die Treffer trotzdem sehr schmerzhaft gewesen sind.

Aber die Kevlar-Weste hatte das Eindringen der Kugeln in den Körper verhindert und Bykow damit das Leben gerettet. Ein paar blaue Flecken würden ihm von der Attacke bleiben – wenn er Pech hatte vielleicht auch eine angeknackste Rippe. Bykow berührte eine der Stellen ein zweites Mal. Er war sich noch nicht ganz sicher, wie schwer die Verletzungen tatsächlich waren.

Vorsichtig stand er auf und stützte sich dabei auf einen der Tische.

Im Café Rasputin herrschte jetzt vollkommenes Chaos. Alle rannten durcheinander und versuchten, sich irgendwie in Sicherheit zu bringen.

Da auch Bykow eine Waffe in der Hand hielt, wich ihm jeder aus.

Nur weg, so lange die Miliz noch nicht hier ist!, ging es ihm durch den kopf.

Er hatte keine Lust, sich den langwierigen Fragen der Polizei zu stellen und am Ende noch ein kleines Vermögen investieren zu müssen, um die betreffenden Beamten zu schmieren.

Vielleicht hat Sergej recht gehabt und es ist wirklich Zeit, dass ich aussteige!, überlegte Bykow, als er ins Freie taumelte.

 

 

4

„Na, gewöhnst du dich langsam an den neuen Dienstwagen?“, fragte mich mein Kollege Rudi Meier, als ich ihn an diesem Morgen abholte. Wie üblich hatte Rudi an der bekannten Ecke gewartet. Es regnete Bindfäden, und er war ziemlich durchnässt. „Ein Dodge...“, sagte Rudi, um mich zu ärgern.

„Von welchem Dodge sprichst du?“, fragte ich.

„Na, von welchem wohl?“

„Das ist ein Porsche, kein Dodge.“

„Nur, wenn man nach der Karosserie geht. Aber Fahrgestell, Motor und der ganze Rest sind von einem Dodge, auch wenn du immer noch von ‚deinem Porsche’ sprichst!“

Rudi machte sich immer wieder darüber lustig.

Der Porsche, den ich die letzten Jahre über gefahren hatte, war mir gestohlen worden. Wir fanden ihn später in einer Schrottpresse als handliches Päckchen wieder, und es stellte sich im Laufe der Ermittlung heraus, dass die Diebe es auf den Inhalt des installierten Dienstrechners abgesehen hatten. Die darauf gespeicherten Daten waren für die Gangster ein Hilfsmittel gewesen, um eine groß angelegten Cyberangriff auf das BKA zu starten.

Inzwischen fuhr ich einen handgefertigten Hybriden aus einer Dodge Viper SRT-10, auf die man die Karosserie eines Porsche aufgesetzt hatte.

Die technische Innenausstattung mit integriertem TFT-Bildschirm und Computer entsprach dem Standard, den auch der alte Porsche gehabt hatte.

Seit einiger Zeit war der Zwitter aus Porsche und Dodge nun fertig gestellt, und ich hatte Gelegenheit, die Fahreigenschaften kennen zu lernen.

Bis jetzt war ich vollauf zufrieden, auch wenn ich dem alten Porsche immer noch etwas nachtrauerte. Aber das hatte wohl eher sentimentale Gründe, die wohl auch verantwortlich dafür waren, dass ich vom neuen Porsche sprach – und nicht etwa vom neuen Dodge.

Rudi schnallte sich an.

„Na, dann zeig mal, was der Neue kann!“, meinte er.

„Witzbold.“

„Wieso?“

„So lange wir uns im Großraum Berlin aufhalten, dürfte das wohl kaum praktikabel sein, wenn wir nicht eine unangenehme Begegnung mit unseren Kollegen in Uniform riskieren wollen. Schließlich gibt es ja auch für BKA-Beamten keine gesonderten Verkehrsregeln.“

„Zumindest, solange nicht irgendein gerechtfertigter Notfall vorliegt“, gestand ich zu.

Der Regen wurde so heftig, dass selbst die unermüdlich hin und her schwingenden Wischblätter es kaum schafften, einen klaren Durchblick zu gewährleisten.

„Wieso bist du ausgerechnet heute so spät dran, Harry?“, fragte Rudi, als wir wenig später an einer Ampel halten mussten. „Ich bin fast aufgeweicht bei der verdammten Nässe!“

„Ich war heute Morgen noch in der Werkstatt und hatte dort einen Sondertermin außerhalb der Geschäftszeiten.“

Rudi grinste.

„Ach, hat das gute Stück schon seine Mucken?“

Ich schüttelte den Kopf. „Keineswegs. Es waren nur noch ein paar Feineinstellungen vorzunehmen. Routinekram eben.“

„Wer es glaubt wird selig. Mal ehrlich, ich weiß nicht, ob ich diesem zusammengeschraubten Zwitter trauen soll!“

 

 

5

Als wir das Präsidium erreichten, ließ der Regen zum Glück endlich nach.

Noch bevor wir unser gemeinsames Dienstzimmer erreichten, lief uns Kollege Max Herter über den Weg. Der Innendienstler aus der Fahndungsabteilung des BKA grüßte knapp und wies uns darauf hin, dass unser Chef in einer halben Stunde eine Besprechung in seinem Büro angesetzt hatte.

„Du bist doch sicher informiert, worum es geht, Max!“, vermutete ich.

Max nickte. „Das wird eine groß angelegte Operation mit internationaler Zusammenarbeit und so weiter…“

„Drogen?“

„Nein. Schon mal was von der Eremitage gehört?“

„Ist das nicht ein Museum in St. Petersburg?“

„Richtig.“

„Dann geht es um illegalen Kunsthandel?“

„Lass dich einfach überraschen, Harry! Ich muss noch mal ein Dossier für euch zusammenstellen.“

„Bis nachher.“

Der illegale Kunsthandel hatte finanziell gesehen längst Dimensionen wie der Handel mit Drogen, Waffen oder Müll erreicht und war zu einem wichtigen Zweig des organisierten Verbrechens geworden, ohne dass die Öffentlichkeit davon besonders Notiz genommen hatte.

Wir fanden uns zusammen mit einer Reihe weiterer Beamter pünktlich im Besprechungszimmer von Kriminaldirektor Bock ein und nahmen Platz.

Seine Sekretärin Mandy grüßte uns knapp.

Sie servierte Kaffee für alle. Außer uns waren unter anderem die Kollegen Jürgen Caravaggio und Oliver ‚Olli’ Medina anwesend. Die Kommissare Tommy Kronberg und Leonhard Morell trafen kurz nach uns ein.

Max Herter schlich sich erst auf leisen Sohlen in den Raum, als Kriminaldirektor Bock bereits zu sprechen begonnen hatte.

„Über die Bedeutung des illegalen Kunsthandels für das organisierte Verbrechen brauche ich wohl kaum noch ein Wort zu verlieren“, erklärte unser Chef. „Da werden Milliarden umgesetzt, und wir kommen an die Hintermänner noch schwerer heran als im Drogenhandel. Jetzt erreichte uns eine Bitte des Innenministeriums der Russischen Föderation um Zusammenarbeit, die für uns möglicherweise die Chance bietet, einige dieser mafiösen Strukturen endlich aufzudecken. Wir kommen auf diese Weise an Informationen heran, die uns da weiterhelfen werden. Sie haben vielleicht von dem Skandal um die Kunstgüter der Eremitage in St. Petersburg gehört. Offenbar sind dort seit Jahren massenhaft Kunstgegenstände verschwunden und auf dem schwarzen Markt verkauft worden. Vom Wachpersonal bis zur Kuratorin steckten maßgebliche Teile des Museumspersonals mit den Kriminellen unter einer Decke. Die Ware tauchte später zu einem Teil auch hier in Berlin auf. Und das geht nun schon seit Jahren so. Jetzt ist dieser Connection der Kopf abgeschlagen worden. Aber an dieser Stelle übergebe ich das Wort besser an Kommissar Meinhart Dommacher.“ Kriminaldirektor Bock deutete auf einen Mann in den Fünfzigern. Außer einem schmalen, dunklen Haarkranz hatte er keine Haare mehr am Kopf. „Kollege Dommacher wurde uns als Experte für den internationalen Kunsthandel zugeteilt und wird uns mit seiner Sachkenntnis unterstützen. Bitte Meinhart, Sie haben das Wort.“

„Danke.“ Meinhart Dommacher erhob sich und aktivierte den Beamer des Laptops, das vor ihm auf dem Tisch stand. Auf Knopfdruck wurde das Bild einer Frau von Mitte fünfzig projiziert. „Sie sehen die Kuratorin der Eremitage in St. Petersburg. Nachdem eine Revision der Bestände angekündigt wurde, traf sie buchstäblich der Schlag. Die Revision ergab dann auch den Grund. Es fehlten erhebliche Teile des Bestandes, die offenbar über ein kriminelles Netzwerk auf den Markt gebracht wurden. Eine Reihe von Personen wurden verhaftet, darunter der Ehemann und der Sohn der Kuratorin. Der festgestellte Schaden ist kaum abschätzen, denn ein Teil des Eremitage-Bestandes ist noch nicht einmal richtig katalogisiert gewesen. Man weiß bis heute nicht, wie viele Stücke wirklich verschwunden sind. Tatsache ist, dass eine Art Panikwelle durch den illegalen Kunstmarkt fegte, die einmal um den ganzen Globus schwappte und wohl noch nicht ganz abgeebbt ist. Selbst hier in Berlin waren ein paar Ausläufer davon zu spüren. So verzeichnen wir seit einiger Zeit ein deutlich erhöhtes Angebot an Kunsthandwerk, Ikonen und Schmuck, die genau zum Bestand der Eremitage passen. Hin und wieder haben wir Glück und man kann die Herkunft nachweisen. Häufiger ist das jedoch nicht der Fall, und es bleibt nur die Vermutung, dass mit der Herkunft etwas nicht stimmt.“ Meinhart Dommacher betätigte noch einmal den Beamer. Das Gesicht eines Mannes im dunklen Rollkragenpullover wurde sichtbar. „Wir haben im Zusammenhang mit dem Auftauchen von inflationär vielen Ikonen in Berlin, Düsseldorf, New York und London einige wertvolle Hinweise des Innenministeriums der Russischen Föderation erhalten, die es uns vielleicht möglich machen, auch bei uns ein paar Leuten das Handwerk zu legen, die schon seit Jahren den illegalen Kunsthandel als organisiertes Verbrechen betreiben und dabei bereit sind, über Leichen zu gehen. Der Mann, den Sie hier sehen, heißt Sergej Sergejewitsch Michailov. Er arbeitet für ein Kunsthandels-Syndikat in St. Petersburg. Letzte Woche wurde er dort im Café Rasputin von einem Killer erschossen, als er sich mit einem Mann namens Wladimir Bykow traf.“ Dommacher sorgte dafür, dass der Beamer das nächste Bild zeigte. Ein Mann im konservativen Dreiteiler war zu sehen. Er wirkte so bieder wie ein Bankangestellter. „Bykow lebt seit zwanzig Jahren in Berlin. Davor war er Angestellter der russischen Botschaft und KGB-Agent. Wir nehmen an, dass seine Verbindungen zu dieser Organisation auch noch fortbestanden, nachdem sich der KGB in FSB umbenannt hatte und Bykow aus dem Botschaftsdienst ausschied. Offiziell übrigens deswegen, weil er Mitglied der Kommunistischen Partei war, die Boris Jelzin kurz nach dem Putsch gegen Gorbatschow verbieten ließ. Aber seine angebliche Treue zum Kommunismus hat ihn nicht daran gehindert, anschließend nach allen Regeln der Kunst zu einem kapitalistischen Geschäftsmann zu werden. Er blieb in Berlin, hatte offenbar gute Fürsprecher bei den Behörden und ist inzwischen Deutscher.“

„Hat er vielleicht ein paar KGB-Geheimnisse verraten, damit jemand die Hand über ihn hält?“, fragte Jürgen Caravaggio.

Dommacher drehte sich zu ihm um und nickte. „Daran habe ich auch gedacht. Und ich habe versucht, etwas darüber in den Archiven zu finden. Zumindest, was das BKA betraf, waren sie mir zugänglich. Bisher Fehlanzeige! Aber das muss nichts heißen. Möglicherweise schlummert da noch etwas bei dem BND oder beim Verfassungsschutz. Oder Bykow hat es sogar geschafft, dass dort alles verschwunden ist, was ihn irgendwie hätte kompromittieren können. Denn eins ist klar: Ohne seine alten KGB-Verbindungen hätte er nicht der wichtige Verbindungsmann im illegalen Kunsthandel werden können, der er zweifellos ist.“ Dommacher atmete tief durch. „Leider konnte man ihm nie etwas nachweisen, aber das könnte sich nun ändern.“

„In wie fern?“, hakte Kriminaldirektor Bock nach.

„Nun, ich erwähnte ja gerade die Ermordung von Sergej Michailov. Einen Tag zuvor starb Boris Korzeniowskij in seiner Datscha unweit von St. Petersburg. Korzeniowskij stand auch mit Bykow in Kontakt und gehörte derselben Szene an. Er residierte normalerweise am Genfer See und sorgte für die Geldwäsche der Gewinne aus den illegalen Deals. Offenbar findet da gerade eine Säuberungsaktion innerhalb der Kunst-Mafia statt, die durch die Aufdeckung des Eremitage-Skandals verursacht wurde. Jeder, der irgendwie in der Sache drinhängt, versucht jetzt erstens, Kunstobjekte, die er noch auf Lager hat, möglichst schnell abzustoßen und zweitens diejenigen loszuwerden, die ihn als Mitwisser kompromittieren würden.“

„Und Bykow soll dahinter stecken?“, fragte Kriminaldirektor Bock.

„Das wissen wir nicht“, bekannte Dommacher. „Wir wissen nur, dass es eine Verbindung zwischen Bykow und den bisherigen Opfern gibt.“

„Dann könnte es durchaus sein, dass er selbst auch auf der Todesliste steht“, folgerte ich.

„Durchaus“, stimmte Dommacher zu. „Falls jemand, der über ihm in der Organisation steht, ihn als Gefahr ansieht.“

„Jedenfalls wird Herr Bykow uns einige Fragen zu beantworten haben“, stellte Kriminaldirektor Bock fest. „Bei unserem Vorgehen geht es in erster Linie darum, Bykows Hintermänner zu ermitteln, die offenbar schon seit Jahren ihr Geschäft auch hier in Berlin betreiben.“

Dommacher ergriff noch einmal das Wort und ergänzte: „Um das von Kriminaldirektor Bock skizzierte Ziel dieser Operation zu erreichen, wurde uns Unterstützung des russischen Innenministeriums zugesagt. Sie schicken einen hochrangigen Ermittler, der sich auf dieses Gebiet spezialisiert hat. Sein Name ist Valerij Marenkov und eigentlich sollte er bereits eingetroffen sein.“

„Es wundert mich, dass ich nichts davon gehört habe“, erklärte Kriminaldirektor Bock, während sich auf seiner Stirn eine Falte bildete.

Dommacher hob die Augenbrauen. „Ich habe keine Ahnung, wo Marenkov bleibt. Dass Sie noch nicht informiert wurden, liegt wohl einfach daran, dass diese Art von internationaler Zusammenarbeit auf höchster Ebene im Bundeskanzleramt und im Auswärtigen Amt verhandelt wird.“

„Möglich“, brummte unser Chef.

„Dass der Typ hier nicht aufgetaucht ist, liegt wahrscheinlich mal wieder an der schlechten Organisation der Russen“, äußerte sich unser Kollege Tommy Kronberg.

Dommacher warf dem ehemaligen Beamten der Schutzpolizei einen tadelnden Blick zu. „Haben Sie Vorurteile?“, fragte er kühl.

„War ja nur eine Vermutung“, meinte Tommy.

„Was auch immer Sie für Vorurteile gegen Russen haben mögen – auf Marenkov treffen sie wohl kaum zu. Er ist ein hervorragender Ermittler und durch kompromissloses Vorgehen gegen die alten Seilschaften hervorgetreten.“ Dommacher deutete auf unseren Kollegen Max Herter. „Ihr Kollege Herter war so freundlich, heute noch in aller Schnelle ein paar Dossiers über die Leute zusammenzustellen, von denen seit langem bekannt ist, dass sie auf dem illegalen Kunstmarkt in Berlin irgendeine Rolle spielen. Wir werden nicht umhin kommen, einen Großteil dieser Leute abzuklappern und zu befragen, um ein klareres Bild darüber zu bekommen, was gegenwärtig in der Szene so los ist. Ich bin überzeugt davon, dass es uns mit dem entsprechenden Einsatz auch gelingen wird, die verschlungenen Pfade der Ikonen zurückzuverfolgen, die gegenwärtig den Markt überschwemmen.“

„Gut“, nickte Kriminaldirektor Bock. „Ich schlage vor, dass Sie die Befragung von Bykow vornehmen.“

Dommacher lächelte dünn. „Das hatte ich mir auch so vorgestellt.“

„Harry und Rudi werden Sie dabei begleiten“, ergänzte unser Chef. „Und die Dossiers gehen an alle Mitarbeiter, die ich für diesen Fall abstelle.“

 

 

6

Wenig später saßen Rudi und ich im Porsche. Der Motorenklang kam mir immer noch ziemlich fremd vor. Aber was die Leistung anging, konnte es die Dodge Viper mit jedem Original-Porsche aufnehmen.

Meinhart Dommacher benutzte seinen eigenen Wagen. Es handelte sich um einen Alpha Romeo, der ihm von der Fahrbereitschaft unseres Präsidium für die Dauer seines Aufenthalts zur Verfügung gestellt worden war.

Bykow wohnte in einem umgebauten Bürogebäude, das jetzt vornehmlich Eigentumswohnungen enthielt. Wir stellten den Wagen auf einem der wenigen Parkplätze ab, die es in der Umgebung gab und mussten die letzten fünf Minuten bis zur Haustür zu Fuß laufen.

Dort trafen wir Dommacher, der ebenfalls zugesehen hatte, dass er seinen Wagen irgendwo in der Gegend abstellen konnte.

„Ich habe bereits geklingelt“, erklärte Dommacher. „Leider macht niemand auf. Weder in der Galerie, noch in der Privatwohnung.“

„Versuchen wir es noch mal“, schlug Rudi vor. „Um Bykow in die Fahndung zu geben, ist es vielleicht noch ein bisschen früh, oder?“

Dommacher drückte erneut auf die Klingel.

Wir warteten ab.

Im Untergeschoss war seine Galerie untergebracht. Darüber bewohnte er eine Etage, die mindestens zweihundert Quadratmeter hatte und damit für Berliner Verhältnisse schon fast unverschämt groß war.

Die Galerie machte erst am frühen Nachmittag auf.

Offenbar konnte sich ihr Besitzer nicht vorstellen, dass es Kunstfreunde gab, die bereits am Vormittag Interesse daran hatten, sich ein paar Stücke anzusehen.

„Die Galerie ist mehr oder minder zur Tarnung da!“, erklärte Meinhart Dommacher. „Da finden Sie ein paar Gemälde von ausgeflippten modernen russischen Künstlern, die Bykow zu exorbitanten Preisen einkauft.“

„Na, wenn er Sie hier in Berlin mit Gewinn verkaufen kann!“, gab Rudi zurück.

„Genau das ist der Punkt“, erklärte Dommacher. „Wahrscheinlich kann er das nicht.“

„Geldwäsche?“, fragte ich.

„Ich würde sagen ja – nur ist ihm das bisher vor Gericht nicht bewiesen worden. Aber der Verdacht liegt natürlich nahe.“

Eine ziemlich breit gebaute Frau in den Fünfzigern kam zu uns an die Tür. Sie musterte uns.

„Wer sind Sie?“

Ich hielt ihr meinen Ausweis unter die Nase. „Harry Kubinke, BKA. Dies sind meine Kollegen Rudi Meier und Meinhart Dommacher. Wir suchen Herrn Wladimir Bykow.“

„Da sind Sie hier leider verkehrt“, behauptete sie und drängte sich zwischen uns hindurch zur Tür.

„Wieso, wohnt Herr Bykow seit neuestem nicht mehr hier?“, fragte Dommacher überrascht.

„Doch, das tut er schon. Aber Herr Bykow ist ein sehr arbeitsamer Mann. Der steht um 5 Uhr auf und erledigt seine Büroarbeit.“ Sie sah auf ihre Uhr. „Jetzt treffen Sie ihn zwei Straßen weiter im Café Kaputt an. Da frühstückt er für gewöhnlich. Und zwar ziemlich ausgedehnt. Das ist auch gut so, dann stört er mich nicht dabei, wenn ich alles in Ordnung bringe.“

„Die Galerie und die Wohnetage?“

„Ja. Da muss man schon im Akkord arbeiten, wenn alles sauber sein soll. Aber Herr Bykow kann es nicht leiden, wenn er dabei ist und durch den Staubsauger oder ähnliches aus seinen Gedanken herausgerissen wird. So was geht ihm unheimlich auf die Nerven!“ Die korpulente Frau atmete tief durch. „Aber ich will nicht meckern, schließlich bezahlt er mich hervorragend. Ich bin jetzt schon seit zehn Jahren bei ihm. Damals kam unsere Jüngste in die Realschule und wir konnten das Geld gut…“

„Schon gut“, sagte Rudi. „Wir werden es mal bei diesem Café Kaputt versuchen.“

„Einfach fünf Minuten die Straße entlang, dann können Sie das Schild gar nicht verfehlen!“

„Danke.“

Sie schloss die Tür auf. „Falls wir noch Fragen haben: Wie ist denn Ihr Name?“, fragte ich.

Sie musterte mich erneut von oben bis unten. „Florentine Matuschka. Was wollen Sie eigentlich von Herr Bykow?“

„Nur ein paar Routinefragen“, sagte ich, schrieb mir anschließend noch Florentine Matuschkas Adresse auf und hinterließ ihr meine Karte. Frau Matuschka studierte sie eingehend, bevor sie das Stück Papier in ihrer Manteltasche verschwinden ließ, die Tür vollends öffnete und in der Galerie verschwand.

„Also auf zu diesem Laden, der sich Café Kaputt nennt“, forderte Dommacher uns auf.

Wir hatten schon ein paar Schritte hinter uns gebracht, als wir aus der Galerie einen furchtbaren Schrei hörten.

Instinktiv ging unser Griff sofort zur Dienstwaffe.

 

 

7

Wir kehrten zur Haustür zurück.

Frau Matuschka öffnete sie.

Kreidebleich trat sie uns entgegen.

„Kommen Sie!“, flüsterte sie. „Ich weiß gar nicht, wie ich das Herr Bykow beibringen soll.“

„Wovon sprechen Sie, Frau Matuschka?“, fragte ich.

„Es ist eingebrochen worden. Die Galerie ist ein einziges Chaos. Seien Sie vorsichtig! Vielleicht sind die Täter noch da drin!“

Mit der Waffe in der Hand drangen wir in die Galerie ein. Frau Matuschka folgte uns.

In der Galerie waren mehrere Vitrinen für Ausstellungsstücke zerschlagen worden. Außerdem hatten die Täter Gemälde von den Wänden gerissen und auf den Boden geschleudert. An anderen Stellen gab es leere Haken. Moderne russische Kunst schien den oder die Eindringlinge nicht besonders interessiert zu haben, denn sie hatten sie achtlos liegengelassen.

Rudi rief per Handy Verstärkung.

In sämtlichen Räumen der Galerie sah es ähnlich aus. Ein in die Wand eingelassener Safe stand offen. Er war leer.

Neben einer zerschlagenen Glasvitrine fand sich eine deutliche Blutspur auf dem Boden.

„Scheint als wäre Herr Bykow der nächste auf der Todesliste der Kunstmafia gewesen“, meinte Dommacher.

„Sie setzen voraus, dass das Blut von Bykow stammt“, erwiderte ich.

„Ich finde, das liegt nahe.“

„Jedenfalls dürfte das vorhandene Spurenmaterial ausreichen, um einen DNA-Test durchzuführen“, stellte Rudi fest und steckte seine Waffe ein. „Abgesehen davon werden die Kollegen der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst hier zweifellos jeden Millimeter unter die Lupe nehmen. Mal sehen, was noch so an Spuren hinterlassen wurde.“

„Wenn es sich um die Leute handelt, die ich in Verdacht habe, wird man gar nichts weiter finden“, stellte Dommacher klar. „Zumindest nichts, was wir nicht finden sollten. Das sind nämlich Profis.“

„Warten wir es ab“, schlug ich vor.

Frau Matuschka war uns gefolgt.

Die Blutlache sah sie jetzt offenbar auch zum ersten Mal. Sie war ganz bleich geworden. „Mein Gott“, flüsterte sie. „Herr Bykow wird doch wohl nichts passiert sein…“

„Haben Sie auch einen Schlüssel für die Wohnung?“, fragte ich.

„Ja. Da muss ich schließlich auch saubermachen und Herr Bykow ist oft für längere Zeit auf Geschäftsreisen… Zum Lift kommen Sie über die Tür dahinten!“

„Und das Treppenhaus?“

„Ist direkt daneben.“

„Gibt es hier eigentlich eine Alarmanlage?“

Frau Matuschka nickte. „Ja, aber sie war ausgeschaltet.“

„Hat Sie das nicht gewundert?“

„Ehrlich gesagt nein. Es kommt öfter vor, dass Herr Bykow vergisst, sie wieder einzuschalten, wenn er hier ist. Ich habe ihn schon des Öfteren deswegen angesprochen. Schließlich nützt es nichts, eine Direktleitung zu einem privaten Sicherheitsdienst zu haben, wenn die Anlage gar nicht aktiviert ist.

„Kennen Sie den Code?“, fragte ich.

Frau Matuschka runzelte die Stirn. „Natürlich kenne ich den Code, der eingegeben werden muss…“

Ich wandte mich an Rudi. „Sehen wir uns in der Wohnung um.“

„Okay“, nickte mein Kollege.

Frau Matuschka gab mir den Schlüssel für die Wohnung.

Wir gingen durch die Tür, die sie uns gezeigt hatte, während Dommacher bei ihr blieb.

Die Chance, dass sich der oder die Täter noch im Gebäude aufhielten, schätzten wir zwar gering ein. Aber auszuschließen war es nicht.

„Wer von uns nimmt den Lift und wer das Treppenhaus?“ fragte Rudi.

„Das Treppenhaus ist immer für den, der fragt!“, erwiderte ich grinsend.

„Ich würde sagen, du lässt mich den Lift nehmen.“

„Wieso?“

„Schließlich bist du mir noch was schuldig.“

„Habe ich da was verpasst, Rudi?“

„Schon vergessen? Du hast mich heute Morgen im Regen stehen lassen, nur, damit noch irgendwas an deinem Dodge herumgeschraubt werden konnte!“

„Porsche!“

„Wie auch immer, Harry.“

Ich seufzte. „Okay. Ich will mal nicht so sein.“

 

 

8

Ich pirschte mich über das Treppenhaus ein Stockwerk höher und stand sogar schneller vor der Wohnungstür als Rudi, was daran lag, dass er die Liftkabine erst aus dem obersten Stock hatte holen müssen.

Neben dem Ausgang durch die Galerie gab es auch noch einen separaten Zugang für die Wohnungen in den oberen Stockwerken, die deutlich kleiner ausfielen als der von Bykow bewohnte Bereich.

Die Wohnungstür war nicht abgeschlossen. Ein Kameraauge war auf den Flur gerichtet. Allerdings war es starr. Ich fragte mich, ob die Überwachungsanlage abgeschaltet war.

Mit der Dienstwaffe in der Hand gingen wir hinein und sahen uns um. Schon im Eingangsbereich waren die Spuren des Einbruchs zu sehen. Die Schubladen waren ausgezogen und der Inhalt auf dem Boden verstreut worden. In dem sehr großen Wohnzimmer fanden wir die Polstermöbel aufgeschlitzt vor. Zum Teil großformatige Gemälde mit moderner Kunst waren ebenso wie in der Galerie von den Wänden gerissen und achtlos auf dem Boden liegen gelassen worden.

Auf einer der Leinwände war etwas zu sehen, was vielleicht Fußabdrücke waren.

Hinter einem der Bilder war ein weiterer Safe verborgen gewesen, dessen Stahltür weit offen stand. Er war genauso leer wie der Safe in der Galerie.

Nachdem wir alle Räume durchsucht hatten, steckten wir die Dienstwaffen ein. Hier war niemand mehr.

Rudi fand ein Display samt Tastatur, von dem aus die gesamte Überwachungsanlage für die Wohnung die Galerie zu regeln war.

„Abgeschaltet“, stellte Rudi fest.

„Wie praktisch für den Einbrecher.“

„Da es von Bykow keine Spur gibt, müssen wir das Schlimmste befürchten, Harry.“

„Jedenfalls waren an den Türen keinerlei Spuren für ein gewaltsames Eindringen zu sehen“, gab ich zu bedenken. „Bykow könnte den Täter selbst hereingelassen haben. Der hat ihn dann umgebracht, die Wohnung durchsucht und anschließend die Leiche entsorgt.“

„Warum hat er dann nicht dafür gesorgt, dass der Blutfleck verschwindet?“, fragte ich.

„Gute Frage. Vielleicht wurde er gestört, und es war nicht mehr möglich, noch einmal in die Wohnung zu gehen.“

„Und was könnte der Täter hier gesucht haben?“

„Jedenfalls nicht die moderne russische Kunst, die hier überall hängt. Ich nehme an, es war der Inhalt der Safes.“

„Was könnte da drin gewesen sein?“

„Wenn unser Kollege Meinhart Dommacher mit seiner Hypothese Recht hat und Bykow auf einer Säuberungsliste der Kunstmafia steht, würde ich sagen, dass nach belastendem Material gesucht wurde.“

Ich ließ den Blick schweifen.

Die zertrümmerte Telefonanlage fiel mir auf. Offenbar sollte es erschwert werden, herauszubekommen, mit wem Bykow zuletzt telefonischen Kontakt hatte. Aber früher oder später würden wir die Verbindungsdaten über die Telefongesellschaft schwarz auf weiß vor uns haben.

Ich streifte mir Latexhandschuhe über.

Die Kollegen des Erkennungsdienstes sehen es im Allgemeinen nicht gerne, wenn sich die Ermittler im Außendienst am Tatort allzu gründlich umsehen. Zu viele Spuren konnten dadurch vernichtet werden. Andererseits war der Zeitfaktor nicht zu unterschätzen, denn der arbeitete grundsätzlich für den Täter. Je mehr Zeit verging, desto schwieriger wurde es, die Tat aufklären zu können.

Ich betrat einen Raum, der offenbar als Arbeitszimmer diente.

Bücher waren aus Regalen herausgerissen und auf dem Boden verstreut worden. Etwa ein Drittel davon war in russischer Sprache, der Rest auf Deutsch und Englisch, einige wenige in Französisch. Neben ein paar Science Fiction-Romanen fanden sich dort vor allem Bücher zur Kunstgeschichte und Kataloge mit Werkverzeichnissen. Außerdem Werke zum Steuer- und Bilanzrecht Deutschlands, der Cayman Islands und der Schweiz.

Die Schubladen des Schreibtischs lagen umgedreht auf dem Boden.

Auf der Holzplatte war ein Abdruck zu sehen, der dafür sprach, dass hier noch vor kurzem ein Computer gestanden hatte. Die Täter hatten ihn offenbar einfach mitgenommen.

„Eine Leiche und ein Computer sind verschwunden“, stellte ich fest. „Das muss doch jemandem aufgefallen sein, zumal man vor der Haustür nicht parken kann.“

„Das heißt, die Täter haben beides – und wer weiß, was sonst noch – mit dem Aufzug in die Parkgarage der Mieter gebracht. Wahrscheinlich haben sie dort auch ihren Wagen abgestellt, Harry.“

„Was bedeutet, dass sie in irgendeiner Form registriert gewesen sein müssen, um dort hinein und wieder hinauszukommen!“, zog ich einen meiner Meinung nach logischen Schluss.

Rudi war derselben Ansicht.

„Wir werden mit der Hausverwaltung und dem privaten Sicherheitsdienst sprechen müssen, der für dieses Haus zuständig ist, Harry.“ Mein Kollege schüttelte den Kopf und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Da wohnt jemand schon unter einer Adresse, die sicherheitstechnisch mit allen nur erdenklichen Schikanen ausgestattet ist und dann geschieht so etwas!“

„Jedenfalls scheint der Security Service nichts bemerkt zu haben“, nickte Rudi.

Wir nahmen uns anschließend noch das Schlafzimmer vor.

Sowohl der Inhalt der Kleiderschränke, als auch die Utensilien im Bad zeigten, dass hier zumindest zeitweilig auch eine Frau gelebt haben musste.

„Wir werden Frau Matuschka danach fragen“, schlug Rudi vor. „Ich würde ja lachen, wenn Bykow gleich gesund und munter zurückkehrt, nach dem er im Café Kaputt gefrühstückt hat!“

„Den Laden werden wir uns auch noch vornehmen müssen“, kündigte ich an.

Rudi nickte. „Das tun wir, sobald die Kollegen der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst hier das Terrain übernommen haben.“

Ich hatte damit begonnen, systematisch die Taschen von Bykows Anzügen zu durchsuchen. Ich fand einen Zettel mit einer Handynummer. „Mal sehen, vielleicht bringt uns das hier ja weiter, Rudi.“  

Ich tippte die Nummer in meine Handytastatur und wartete ab. Aber niemand nahm das Gespräch entgegen. „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar“, wurde mir mitgeteilt.

Wir kehrten zu Dommacher zurück.

Unser Kollege deutete auf ein Loch in der Wand.

„Hier hat eine Kugel dringesteckt“, meinte er. „Sie muss durch den Körper Bykows gegangen sein und ist dann hier gelandet.“

„Der Täter scheint ein Profi gewesen zu sein“, sagte Rudi.

Ich hob die Augenbrauen. „Trotzdem ist es doch seltsam, dass die Kugel in der Wand und die Leiche beseitigt wurden und der Blutfleck nicht. Dafür gibt es einen Grund!“

„Warten wir ab, was die Kollegen dazu sagen!“, schlug Rudi vor.

Nach fünf Minuten trafen Kollegen der Schutzpolizei ein, um den Tatort zu sichern. Nach zwanzig Minuten erreichten unsere Erkennungsdienstler Sami Oldenburger und Pascal Horster den Tatort.

Dieser Fall wurde auf Grund der internationalen Dimension mit besonderer Priorität behandelt. Aus diesem Grund sollten die Kollegen der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst von unseren BKA-eigenen Erkennungsdienstlern unterstützt werden. Die Beamten des zentralen Berliner Erkennungsdienstes hatten im Übrigen ihre Labors am Stadtrand und brauchten um diese Zeit entsprechend lange, um den Tatort zu erreichen. Wir rechneten erst eine Dreiviertelstunde später mit ihnen.

In der Zwischenzeit unterhielten wir uns noch einmal mit Florentine Matuschka.

„Wir haben Anzeichen dafür gefunden, dass Herr Bykow mit einer Frau zusammengewohnt hat“, eröffnete ich ihr. „Was wissen Sie darüber?“

„Eigentlich lebte Herr Bykow immer sehr zurückgezogen“, erklärte sie. „Aber vor zwei Monaten zog eine junge Frau bei ihm ein. Ich schätze, sie war halb so alt wie er. Mitte zwanzig, schwarzes Haar, zierlich und immer elegant gekleidet.“

„Wissen Sie ihren Namen?“

„Er nannte sie Nora. Mehr weiß ich nicht.“

„Wann haben Sie sie zum letzten Mal gesehen?“

Florentine Matuschka wirkte nachdenklich. „Ehrlich gesagt, das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe, war kurz bevor Herr Bykow zuletzt verreist ist.“

„Wann war das?“

„Vor anderthalb Wochen. Ich glaube, er sagte etwas von St. Peter Ording. Das liegt an der Nordsee, glaube ich. Da würde ich gerne sein. Herr Bykow ist dort öfter hingeflogen.“

„Meinen Sie wirklich St. Peter Ording“, sagte ich.

„Was weiß ich!“

„Könnte es sein, dass er nach St. Petersburg in Russland geflogen ist?“, mischte sich Rudi ein.

Florentine Matuschka wirkte etwas ratlos. „Auf den Gedanken bin ich gar nicht gekommen“, gestand sie.

„Hat Bykow irgendwann mal geäußert, dass er sich bedroht fühlt?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Wir haben kaum miteinander gesprochen. Herr Bykow war immer sehr höflich, aber er hat nie viel mit mir geredet.“

„Hatte er Angestellte in seiner Galerie?“, fragte ich.

„Ja, einen Mann namens Kai-Uwe Thränhart. Aber der war nicht fest angestellt. Herr Bykow hat ihn immer dann angeheuert, wenn es viel zu tun gab.“

Ich wandte mich an Dommacher. „Sagt Ihnen der Name Thränhart etwas, Meinhart?“

„Nein, aber es würde mich nicht wundern, wenn er irgendwie aus der Szene kommen würde und wir bereits etwas über ihn im Archiv hätten. Ich werde das mal überprüfen.“

„Herr Thränhart wird heute sicher noch auftauchen“, glaubte Frau Matuschka. „Der schöne Kai-Uwe...“ Sie blickte auf die Uhr an ihrem Handgelenk. „In einer halben Stunde öffnet die Galerie. Eigentlich müsste er jetzt sogar schon hier sein – aber ich weiß natürlich nicht, was Herr Bykow für Abmachungen mit ihm getroffen hat.“ Sie seufzte hörbar und fuhr fort: „Glauben Sie, es besteht noch eine Chance, dass Herr Bykow nicht umgebracht, sondern vielleicht nur entführt wurde?“

„Beim gegenwärtigen Stand der Ermittlungen möchte ich da keine Spekulationen in die Welt setzen, Frau Matuschka“, antwortete ich ausweichend.

„Das verstehe ich“, murmelte sie tonlos.

Sie schluckte und schüttelte stumm den Kopf.

 

 

9

Später befragten Rudi und ich die Angestellten des Security Service, der für die Sicherheit im Haus verantwortlich war.

Pro Schicht waren drei Wachmänner im Einsatz. Sie überwachten von einem Kontrollraum aus die zu den Kameras gehörenden Monitore und gingen rund um die Uhr regelmäßig auf Patrouille.

„Für ein mit zehn Stockwerken ziemlich winziges Haus sind wir hervorragend besetzt“, meinte Claus-Hellmut Reekers, der gerade diensthabende Schichtführer, als wir ihn im Kontrollraum aufsuchten.

Seine beiden Kollegen wirkten etwas reserviert, aber Reekers war sehr auskunftsfreudig.

„Trotzdem ist bei Herr Bykow eingebrochen worden, und wir haben Grund zu der Annahme, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist“, gab ich zu bedenken.

Reekers runzelte die Stirn.

Er wechselte kurz einen Blick mit seinen Kollegen und erklärte dann: „Herr Bykow war immer ein problematischer Hausbewohner für uns.“

„Wie meinen Sie das?“

„Zunächst einmal, weil er viele Sonderregelungen für sich beansprucht hat, die es nicht gerade erleichtert haben, für seine Sicherheit zu sorgen.“

„Was waren das für Sonderregelungen?“

„Er beharrte darauf, dass gesamte Überwachungssystem für seinen Teil des Hauses autonom abschalten zu können – was er relativ häufig getan hat.“

„Hat er das begründet?“

„Ja, er meinte der Kunsthandel, den er betreiben würde, wäre ein sensibles Geschäft und er hätte manchmal sehr zahlungskräftige Kundschaft, die keinen Wert darauf legt, gefilmt zu werden. Dass wir Aufnahmen, die wir in den Fluren und im Eingangsbereich aufzeichnen, alle zwei Wochen vernichten, schien ihm nicht auszureichen.“ Reekers zuckte mit den breiten Schultern. Das schwarze Uniformhemd spannte sich um die kräftigen Bizeps, als er die Arme vor der Brust verschränkte. „Wann ist das Verbrechen geschehen?“

„Wahrscheinlich in dieser Nacht, aber genau lässt sich das wohl erst sagen, wenn die Erkennungsdienstler ihren Job gemacht haben“, erläuterte Rudi. „Hoffe ich jedenfalls.“

„Gestern am frühen Abend wurde die Überwachungsanlage für seinen Teil des Hauses abgeschaltet“, erklärte Reekers. „Wahrscheinlich hatte er wieder eine exklusive Vorführung irgendwelcher Kunstobjekte für genauso exklusive Kunden. Also keine öffentliche Veranstaltung oder so etwas. Sie müssten mal mit diesem Typ sprechen, den er angestellt hatte. Der kann Ihnen bestimmt mehr darüber sagen.“

„Kai-Uwe Thränhart?“, vergewisserte ich mich.

„Ja, das ist sein Name. Er hat einen Schlüssel zum Haus und zur Galerie. Außerdem einen Parkplatz in der Tiefgarage, genau wie Bykow selbst.“

„Wir brauchen die Adresse von diesem Thränhart.“

„Steht in seinen Unterlagen. Warten Sie, ich suche ihnen das heraus. Ich habe sogar Fingerabdrücke von ihm, sonst hätte er weder die Schlüssel noch den Parkplatz bekommen. Das ist eine Auflage der Eigentümergemeinschaft, der dieses Haus gehört. Schließlich soll hier nicht jeder nach Belieben ein- und ausgehen können!“

„Wunderbar!“, freute ich mich. „Dann händigen Sie uns doch bitte alle Unterlagen aus, die Sie über Thränhart haben!“

Reekers erhob sich von seinem Platz, ging an einen Aktenschrank und holte eine Mappe hervor.

„Das hier ist das Original. Aber wir haben das ganze auch als Datensatz. Wenn Sie mir Ihre Email-Adresse geben, kann ich Ihnen das gerne auf den Rechner schicken!“

„Gerne.“

„Ich muss vorher nur kurz mal mit meinem Chef telefonieren und fragen, ob das okay ist. Aber im Prinzip kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich querlegt, wenn es darum geht, dem BKA Hilfe zu leisten!“ Er verzog das Gesicht. „Schließlich kämpfen wir doch auf derselben Seite, wie ich meine!“

„Wir hätten dann trotzdem noch gerne Ihre Videoaufzeichnungen der letzten zwei Wochen“, mischte sich Rudi ein. „Es könnte ja sein, dass jemand, der als Täter in Frage kommt, Herrn Bykow bereits früher einmal besucht hat.“

Reekers nickte. „In Ordnung.“

Ich erkundigte mich anschließend nach der Tiefgarage. „Sie hat zwei Decks und ist eigentlich für das Haus etwas überdimensioniert. Aber es war wohl von Anfang an so konzipiert, dass Leute, die ein Heidengeld für eine Wohnung in diesem Haus bezahlen, sich keine Gedanken darüber machen müssen, ob sie Platz für den Wagen finden – und zwar selbst dann, wenn mehrere oder sehr sperrige Autos vorhanden sind. Herr Bykow zum Beispiel besaß einen Lamborghini und einen etwas unscheinbaren Chevrolet…“

Ich schrieb mir Stellplatznummer und die Kennzeichen der beiden Fahrzeuge auf – so wie ich mir auch notierte, wo Thränhart seinen Wagen abzustellen pflegte.

„Ich nehme an, dass die Überwachung des Parkdecks lückenlos war“, vermutete ich. „Oder hatte Herr Bykow da auch Sonderregelungen?“

Reekers lächelte dünn.

„Ich glaube kaum, dass er so etwas gegen die anderen Eigentümer hätte durchsetzen können. Die haben ihn ohnehin alle für einen Spinner gehalten. Beliebt war er nun wirklich nicht. Schon deshalb, weil immer wieder Kleinlastwagen völlig verkehrswidrig vor seinem separaten Eingang zum Be- und Entladen hielten. Ob er dafür wirklich eine Sondergenehmigung der Schutzpolizei hatte, weiß ich nicht, aber mir ist bekannt, dass das einige andere Hausbewohner ziemlich aufgebracht hat.“

Einer von Reekers Kollegen schaltete einen Computerschirm ein und schaltete den Bildausschnitt von einer der Überwachungskameras um.

„Einer von Bykows Wagen fehlt“, stellte er fest. „Es ist der Chevrolet. Er hat die dazugehörige Chipkarte genau um 4.30 Uhr heute Morgen benutzt.“

„Könnte man feststellen, ob sich Bykow wirklich in seinem Wagen befand?“, fragte Rudi.

„Sicher. Dauert aber ein bisschen.“

„Macht nichts“, sagte ich. „Das könnte uns eventuell weiterbringen. Und vielleicht stellen Sie dann auch gleich mal fest, wann Kai-Uwe Thränhart zuletzt im Gebäude gewesen ist.“

„In Ordnung“, nickte der Wachmann, an dessen Uniformhemd der Name >Werner E. Schmidtlein< in Großbuchstaben aufgebügelt war.

Es dauerte eine Weile, bis Schmidtlein die richtigen Stellen in den Aufzeichnungen herausgesucht hatte. Es war auf dem Bildschirm deutlich zu sehen, wie Kai-Uwe Thränhart am Vortag gegen Mittag mit seinem Wagen in die Tiefgarage gefahren war. Erst nach Mitternacht hatte er sie wieder verlassen.

„Wahrscheinlich war da diese Privatvorführung für irgendwelche erlesenen Kunden zu Ende“, meinte Rudi.

Anschließend zeigte uns Schmidtlein die Szenen, in denen man sehen konnte, wie Bykows Audi am Morgen um 4.30 Uhr die Tiefgarage verließ.

„Können Sie die den Fahrer näher heranzoomen?“, fragte ich.

„Sicher“, nickte Schmidtlein.

Er vergrößerte den Bildausschnitt, der den Mann hinter dem Steuer des Audis zeigte. Aber mehr als ein gepixelter Schatten war dort nicht zu sehen.

„Wer sollte das denn sonst sein – außer Bykow?“, fragte Reekers.

Ich zuckte mit den Schultern. „Wir sind uns nicht sicher, ob Bykow zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch am Leben war. Den Wagen könnte auch sein Mörder benutzt haben.“

Wir ließen uns noch den Blick auf Bykows Parklatz zeigen.

Allerdings versperrten ein Pfeiler sowie ein paar andere Fahrzeuge den Blick. So war auch nicht zu sehen, wer den Wagen bestiegen hatte und ob der Betreffende vielleicht noch eine Leiche im Kofferraum verstaute.

„Noch eine letzte Frage“, wandte ich mich an Reekers. „Vor zwei Monaten soll eine gewisse Nora bei Bykow eingezogen sein. Hatte sie zufälligerweise auch eine Chip Card für die Tiefgarage?“

Reekers schüttelte den Kopf. „Nein. Sie ist bei uns nicht bekannt. Bykow war Eigentümer seiner Wohnung. Der konnte dort wohnen lassen, wen er wollte.“

„Offenbar hatte die Lady keine eigenen Wagen“, kommentierte Rudi.

 

 

10

„Wenn du mich fragst, dann passt das alles überhaupt nicht zusammen“, meinte Rudi, während wir mit dem Lift zurück in die Galerie im Erdgeschoss fuhren. „Bykow fährt mit seinem eigenen Wagen am frühen Morgen aus der Tiefgarage, obwohl er in seiner Wohnung ermordet wurde?“

„Wir wissen nicht, wer am Steuer des Audis saß“, erinnerte ich Rudi.

„Gut, gehen wir davon aus, dass es der Mörder war, der am Steuer saß. Er veranlasst Bykow, ihm die Tür aufzumachen…“

„Das heißt, er muss Bykow bekannt gewesen sein, Rudi!“

„Nicht unbedingt. Eine Automatik mit Schalldämpfer könnte auch ein überzeugendes Argument gewesen sein! Und sag jetzt nicht, dass er um seines Gastes willen die Alarmanlage ausgeschaltet hat! Die hat er einfach nur vergessen, weil am Vorabend doch eine dieser mysteriösen Präsentationen gewesen ist, deren Gäste so lichtscheu sind, dass sie nicht von einer Überwachungskamera aufgezeichnet werden wollen.“

„Wie auch immer. Es kommt zum Streit, vielleicht auch zum Kampf“, sagte ich. „Der Schuss in der Galerie ist eine Tatsache. Bykow bekommt eine Kugel ab, und der Killer durchsucht das ganze Haus nach belastendem Material! Aber ein unbekannter Profi hätte Bykow schon an der Tür erschossen. Also muss es doch ein Bekannter gewesen sein.“

„Okay, ich gebe zu, dass sie offenbar noch eine ganze Weile miteinander geredet haben, Harry. Vielleicht wollte der Killer zuerst noch Informationen aus Bykow herausholen.“

Ich atmete tief durch „Vielleicht sollten wir das ganze mal umgekehrt durchdenken, Rudi.“

„Wie meinst du das?“

„Na, wir gehen doch bis jetzt immer davon aus, dass Bykow das Opfer war. Wie funktioniert das denn, wenn er der Täter ist?“

„Komm schon, das ist nicht dein Ernst, Harry!“

„Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die Blutanalyse.“

Als wir in der Galerie ankamen, war Meinhart Dommacher bereits vom Café Kaputt zurückgekehrt.

Bykow hatte dort tatsächlich jeden Morgen sein Frühstück eingenommen, wie Dommacher uns berichtete. In der Zeit vor seiner letzten Reise nach Russland war dabei oft eine junge Frau zugegen gewesen. „Bykow wurde gestern zum letzten Mal im Café Kaputt gesehen“, berichtete Dommacher. „Und zwar zusammen mit einem Mann, der ein ziemlich auffälliges Äußeres hatte: kaum 1,60 groß, fast kein Hals, breites Gesicht und grauer Cäsar-Schnitt. Er trug einen blauen Blazer und sprach mit sehr hartem, ausländischem Akzent.“ 

„Ein Russe?“, fragte Rudi.

„Möglich. Die Leute in dem Café waren sich leider nicht sicher. Tatsache ist, dass das Arbeitsfrühstück der beiden mit einem lautstarken Krach endete! Bykow blieb allein zurück.“

„Wir müssen unbedingt mit dem Zwergen-Cäsar sprechen!“, stellte ich klar.

Dommacher nickte. „Deswegen habe ich auch bereits in Ihrem Präsidium angerufen. Sie verfügen da über einen exzellenten Zeichner…“

„Prewitt!“, schloss ich.

„Genau. Er begibt sich mit seinem Laptop zum Café Kaputt und fertigt aus den Angaben der Angestellten ein Phantombild. Vielleicht finden wir ihn dann.“ Dommacher blickte auf die Uhr. „Sie beide waren ja eine Weile weg und da habe ich die Zeit genutzt, um den Kerl zu überprüfen, den Bykow in der Galerie angestellt hatte.“

Ich hob die Augenbrauen.

„Kai-Uwe Thränhart?“

Er nickte. „Genau. Über den Kerl gibt es eine Datei, die man über unser Datenverbundsystem einsehen kann. Mehrere Verurteilungen wegen Hehlerei stehen auf seinem Kerbholz.“

„Das ist interessant.“

„Noch interessanter ist, worum es dabei ging, Harry. Sie werden es nicht glauben: Er hatte sich auf illegale Kunstgegenstände spezialisiert. Allerdings war er damals noch auf Kunst aus Südostasien versessen.“

„Vielleicht liefen Bykows Verbindungen zur Kunstmafia über diesen Thränhart“, vermutete ich.

Dommachers Gedanken schienen sich in dieselbe Richtung zu bewegen. „Das liegt meiner Ansicht nach nahe.“

 

 

11

Wir befragten noch systematisch die anderen Bewohner des Hauses. Die meisten waren um diese Zeit zur Arbeit und so würden wir wahrscheinlich noch einmal zurückkommen müssen.

Ein Siebzigjähriger, der seine Wohnung im fünften Stock hatte, beschwerte sich darüber, dass gegen vier Uhr dreißig morgens ein Transporter mit laufendem Motor vor der Galerie gestanden hatte.

„Ich habe einen leichten Schlaf und war deswegen ziemlich sauer“, meinte der Zeuge.

Er hieß Thomas Grünberg und war ein ehemaliger Börsenmakler, der sich zur Ruhe gesetzt hatte. Allerdings verfolgte er die aktuellen Kurse immer noch rund um die Uhr online und spekulierte wohl auch in gewissem Rahmen mit seinen Ersparnissen. Zumindest verfolgte er auf drei verschiedenen Monitoren die Kursstände der Börsen London, Frankfurt, New York und Tokio. „Ich kann es halt nicht lassen“, meinte er dazu schulterzuckend. „Viel Schlaf brauche ich glücklicherweise nicht.“

„Können Sie uns über diesen Transporter noch irgendwelche Einzelheiten sagen?“

„Es war ein Mercedes, da bin ich mir sicher. Ich bin auf den Balkon gegangen und habe heruntergeschaut. Wissen Sie, dass bei dieser Galerie des Öfteren mal etwas angeliefert wird, bin ich ja gewöhnt. Aber das geschieht dann tagsüber. Manchmal kommt es zu einem kleinen Stau bis zur Ausfahrt der Tiefgarage, was viele Hausbewohner sehr aufgebracht hat.“

„Sie nicht?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich benutze meinen Wagen kaum noch. Der Verkehr im Großraum Berlin ist mir einfach zu hektisch geworden.“

„Haben Sie gesehen, was aus- oder eingeladen wurde?“, mischte sich Rudi in das Gespräch ein.

Er nickte heftig.

„Ja. Es handelte sich um ein paar Kisten und einen Teppich. Es waren drei Mann, die das Zeug aus der Galerie holten, einluden und dann ab damit. Das ging sehr schnell und hektisch.“

„War dies einer der drei?“, fragte ich und zeigte ihm ein Bild von Kai-Uwe Thränhart.

„Nein. Das ist der Kerl, den Bykow für die Galerie angestellt hat, den kenne ich! Ich glaube, er heißt Thränhart. Sein Parkplatz liegt in der Tiefgarage neben meinem. Wissen Sie, ich benutze meinen Wagen zwar kaum noch, aber wenn jemand einen Kratzer dranmacht, möchte ich wissen, wer das war. Deswegen habe ich mich erkundigt. Ich finde es übrigens nicht in Ordnung, dass hier Leute Parkplätze bekommen, die gar nicht im Haus wohnen! Aber wenn Herr Bykow das will, gelten offenbar die Beschlüsse unserer Eigentümerversammlung nicht mehr! Ich habe keine Ahnung, wie er das dreht, aber in Ordnung ist das nicht!“

„Können Sie die Männer beschreiben?“, versuchte ich das Gespräch wieder auf den Punkt zu bringen.

„Die waren so um die dreißig Jahre alt. Einer hatte einen Vollbart, ein anderer war blond. Der dritte war etwas größer als die beiden anderen und hatte gelocktes Haar.“

Ich telefonierte kurz mit unserem Kollegen Prewitt, damit er nach seinem Besuch beim Café Kaputt auch noch bei Thomas Grünberg vorbeischaute.

Wir hatten Grünbergs Wohnung gerade verlassen, als uns ein Anruf aus dem Präsidium erreichte. Unser Kollege Max Herter meldete sich. Ich schaltete das Handy auf ‚laut’.

„Dieser Marenkov hat sich gemeldet. Er ist am Flughafen und hätte gerne, dass Herr Dommacher ihn abholt.“

„Okay“, nickte Meinhart Dommacher.

„In Ordnung“, meinte Max. „Marenkov sitzt im Café Number One. Das ist im…“

„Ich kenne es“, schnitt Dommacher ihm das Wort ab.

„Sie sollen sich dort einfach irgendwo hinsetzen. Marenkov wird Sie dort ansprechen.“

„Gut.“

Das Gespräch wurde unterbrochen.

„Dieser Marenkov kennt Sie?“, fragte ich etwas verwundert.

„Ja, wir sind uns vor zwei Jahren auf einer internationalen Tagung in Budapest über die Bekämpfung des illegalen Kunsthandels begegnet. Ein guter Mann.“

„Aber offenbar sehr misstrauisch.“

Dommacher lachte auf. „Was glauben Sie, was da zurzeit in St. Petersburg so los ist? Leute wie Marenkov sind doch ständig Zielscheiben der Kunstmafia. Den Mann, der vorher auf Marenkovs Posten war, fand man als Wasserleiche in der Newa. Er hat allen Grund, vorsichtig zu sein.“

Rudi und ich wechselten einen kurzen Blick. „Okay, dann trennen sich unsere Wege hier erst mal. Wir werden zu Kai-Uwe Thränhart fahren und ihm ein paar Fragen stellen.“

Meinhart Dommacher grinste.

„Viel Glück dabei.“

 

 

12

Kai-Uwe Thränhart blickte kurz auf die Papiere und Flugtickets. Ein neuer Name und ein neues Leben. Der Name, unter dem das Wirklichkeit werden sollte, war ‚James Smith’, südafrikanischer Staatsangehöriger.

Ganz so fantasielos hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt!, ging es ihm durch den Kopf.

Er hörte Schritte. Nackte Füße auf dem Parkettboden. Seine Freundin Edda kam aus der Dusche. Sie trug einen Frotteemantel und ein Handtuch, das wie ein Turban um ihren Kopf gewickelt war.

Bevor sie etwas von den Papieren sehen konnte, ließ Kai-Uwe Thränhart sie in der Jackettinnentasche verschwinden. Er hatte keine Lust, irgendwelche Fragen zu beantworten. Und gefragt hätte Edda mit Sicherheit!

Sie blickte auf den Koffer, in den er ein paar Hemden, ein Jackett und eine zweite Hose gelegt hatte.

„Du willst weg?“

„Ich muss.“

„Davon hast du mir noch gar nichts gesagt.“

„Habe ich wohl vergessen.“

„Wieso denn jetzt so plötzlich?“

„Geschäftlicher Termin in Toronto. Du weißt doch, dass bei Herrn Bykow diese Dinge manchmal Hals über Kopf gehen.“

„Dann arbeite doch für jemand anders, als für diesen schmierigen Typen. Ehrlich gesagt, mochte ich ihn von Anfang an nicht.“

Thränhart schloss den Koffer.

„Findest du nicht, dass die Sachen, die du da eingepackt hast, für Toronto ein bisschen sommerlich wirken?“

Kai-Uwe Thränharts Ton wurde schärfer. „Herrgott noch mal, was machst du jetzt für dein Aufstand? Ich muss ein paar Tage weg, das ist alles! Eigentlich dachte ich, du hättest dich langsam daran gewöhnt!“

Das Telefon klingelte.

Thränhart nahm ab.

„Ja?“

Keine Antwort. Es klickte in der Leitung. Thränhart legte wieder auf. Eine tiefe Furche erschien auf seiner Stirn.

Edda stemmte die Arme in die Hüften

„Wer war das?“, wollte sie wissen.

„Niemand…“

„Hör mal, ich glaube fast, du tanzt noch irgendwo auf einer anderen Hochzeit! Erzählst mir da irgendwelche Geschichten über Geschäfte in Toronto oder so einen Mist und packst Sachen ein, die dazu nicht passen!“

„Edda…“

„Ich habe schon länger den Eindruck, dass du da irgendwo noch etwas anderes laufen hast!“

„Das ist Unsinn!“

„Besser, du sagst es mir offen und ehrlich, anstatt dieses feige Versteckspiel weiter zu treiben!“

„Edda, mein Flieger wartet nicht!“

„Du kannst mir noch nicht einmal gerade in die Augen sehen, Kai-Uwe!“

„Vielleicht können wir ein anderes Mal in Ruhe darüber reden…“

In diesem Augenblick klingelte es am Eingang. Edda ging zur Tür des geräumigen Ein-Zimmer-Apartments.

„Wer ist da?“, fragte sie über die Sprechanlage, ehe Kai-Uwe Thränhart es verhindern konnte.

Eine sonore Stimme meldete sich. „Paketservice. Ich habe eine Sendung für Sie.“

Edda öffnete die Tür.

Ein Mann in einer bis über die Hüfte gehenden, taillierten Lederjacke und dazu passenden Lederstiefeln stand auf dem Flur. Eine dunkle Strickmütze bedeckte fast die gesamte Stirn.

Der Mann in Leder blickte an Edda vorbei in Kai-Uwe Thränharts Richtung und griff unter seine Jacke. Edda sprang zurück, während eine Automatik mit Schalldämpfer unter der Lederjacke hervorgezogen wurde.

Thränhart griff unter sein Jackett und riss einen kurzläufigen Revolver hervor.

Aber er kam nicht mehr zum Schuss.

Zweimal kurz hintereinander ertönte ein Geräusch wie bei einem heftigen Niesen. Das Mündungsfeuer leckte blutrot aus dem Schalldämpfer heraus. Thränhart zuckte und sackte erst auf die Knie, ehe er mit dem Gesicht nach vorn zu Boden fiel.

Edda wich zurück und schrie.

Der Mann in Leder richtete seine Waffe auf sie und drückte noch einmal ab. Getroffen sank sie zu Boden und blieb regungslos liegen. Blut sickerte aus einer Schusswunde an ihrem Kopf.

Der Killer trat in die Wohnung, schloss die Tür hinter sich und sah sich um.

Ein zynisches Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

Für jemanden, der in den letzten Jahren so gute Geschäfte gemacht hat, hast du aber ziemlich stillos gelebt, Kai-Uwe Thränhart!, dachte er grinsend

 

 

13

Rudi und ich parkten vor einem Altbau. Kai-Uwe Thränharts Adresse lag im vierten Stock.

Das Haus war gepflegt, verfügte aber über keinerlei besonderen Luxus und auch nicht über besondere Sicherheitstechnik. Die Mieten waren in dieser Gegend aber auf Grund der zentralen Lage trotzdem gepfeffert.

Wir klingelten nicht bei Thränhart, sondern bei einem der anderen Mieter, der uns hereinließ, nachdem wir uns mündlich als BKA-Agenten vorgestellt hatten.

Mit dem Lift ging es dann hinauf in den vierten Stock.

Wenig später standen wir vor Thränharts Tür. Aus der Wohnung waren Geräusche zu hören.

„Das hört sich an, als würde dort jemand einen Umzug beginnen!“, meinte Rudi und drückte auf die Klingel.

Die Geräusche verstummten.

Nichts geschah.

Wir postierten uns rechts und links der Tür, die Hand an der Dienstwaffe.

„Herr Thränhart, hier spricht die Polizei! Bitte machen Sie die Tür auf! Wir müssen dringend mit Ihnen sprechen!“

Im nächsten Moment folgten fünf kurz hintereinander abgegebene Schüsse. Die großkalibrigen Projektile stanzten daumengroße Löcher in die Tür.

Anschließend waren auf der anderen Seite schnelle Schritte zu hören.

Ich schnellte vor, zog die Dienstwaffe vom Typ SIG Sauer P226 und stürmte los.

Zwei Schritte weit kam ich.

Dicke, blassgrüne Schwaden zogen mir entgegen, die die Augen tränen ließen.

Der Nebel war so dicht, das kaum etwas sehen konnte.

Nur eine schattenhafte Gestalt. Ein Mündungsfeuer blitzte durch den Nebel hindurch.

Kein Schussgeräusch.

Die Kugel zischte dicht an mir vorbei. Ich feuerte zurück ins Nichts hinein. Das Geräusch einer zerspringenden Fensterscheibe war zu hören.

Dann war die Gestalt verschwunden.

Ich kämpfte mich durch den beißenden Nebel und presste mir dabei mein Taschentuch vor die Nase.

Ein paar Schritte vor mir lag dir Leiche einer jungen Frau.

„Zurück, Harry!“, rief Rudi – und er hatte Recht.

Ich taumelte zurück zur Tür und hustete erbärmlich. Brechreiz machte sich bemerkbar. Wer diese Wolke durchquerte, war anschießend kampfunfähig.

Rudi klingelte inzwischen an der Tür der Nachbarwohnung und klopfte heftig gegen die Tür. „BKA! Machen Sie die Tür auf!“

Ich erholte mich unterdessen einigermaßen.

Ein Mann von Mitte vierzig öffnete die Tür der Nachbarwohnung.

„Was wollen Sie?“

„Gehen Sie zur Seite!“, forderte Rudi und hielt ihm seinen Dienstausweis unter die Nase. „Wir müssen durch Ihre Wohnung.“

„Aber…“

„Gibt auf Ihrer Seite des Hauses eine Feuertreppe?“

„Ja.“

„Außen angebracht?“

„Ja. Das heißt bei uns in Deutschland auch nicht Feuertreppe, sondern Fluchttreppe. Und ein zweiter Fluchtweg ist für ein Gebäude wie dieses Vorschrift. Da im Innenbereich kein Platz ist, um...“

„Dachte ich mir!“, unterbrach ich ihn.

Rudi stürmte voran. Ich schnellte hinterher. Der Wohnungsbesitzer, an dessen Tür der Name ‚Professor Dr. Rainer Luis Nebelmann’ stand, sah uns verdutzt hinterher.

Mit schnellen Schritten war Rudi durch die Ein-Zimmer-Wohnung geeilt und hatte die Balkontür erreicht. Ich war ihm dicht auf den Fersen. Rudi öffnete die Tür, und wir traten ins Freie.

Aus Thränharts Wohnung quollen blassgrüne Tränengasschwaden.

„Das ist aber ein anderes Zeug, als unsere Kollegen von der Schutzpolizei verwenden“, meinte Rudi.

„Aber mindestens genauso wirksam!“, gab ich zurück und versuchte den Drang zu unterdrücken, mir die Augen zu reiben.

Ich ließ den Blick schweifen.

Die Fluchttreppe war von Thränharts Balkon aus gut zu erreichen.

Über sie war der Täter vermutlich geflüchtet.

Vor uns lag ein Hinterhof, der von mehrstöckigen Gebäuden umgeben war. Offenbar sollte der gesamte Komplex gründlich saniert werden. Das Gebäude auf der Rechten war eine entkernte Ruine ohne Fenster. Offenbar wurde das Haus gerade abrissfertig gemacht. Auf der Linken war bereits ein acht Stockwerke hoher Rohbau zu sehen, der zeigte, wie sich die Eigentümer die Zukunft vorstellten.

Die Arbeiten ruhten zurzeit. Wie ich später erfuhr, gab es Unstimmigkeiten über die Zahlung einiger Zwischenrechnungen.

Der Asphalt auf dem Mittelplatz war von feinem Zementstaub bedeckt. Der Wind wehte ihn aus dem Neubau, sodass eine feine Schicht davon auch die Baumaschinen und den Kran der Abrissbirne bedeckte.

Frische Fußspuren fanden sich dort – gleich im Anschluss an das Ende der Feuertreppe.

Leider verloren sie sich bereits nach wenigen Schritten.

Rudi telefonierte mit unserem Präsidium. Ich überkletterte inzwischen die Balkonbrüstung und machte einen Satz, sodass ich auf dem nächsten Absatz der Feuertreppe landete.

„Warte, Harry!“, rief Rudi.

Aber ich dachte gar nicht daran.

Der Kerl, den ich gesehen hatte, konnte sich schließlich nicht in Luft auflösen.

Die Einfahrt zum Hinterhof war mit einem drei Meter hohen Zaun aus Stahlgitter gesperrt.

Dass der ‚Schatten’ es innerhalb der kurzen Zeit geschafft hatte, diesen Zaun zu überklettern schien mir sehr unwahrscheinlich.

Vielleicht hatte er versucht, über das Abbruchhaus oder den Rohbau zu entkommen.

Es war anzunehmen, dass die jeweiligen Baustellen ebenfalls zur Straßenseite stark gesichert waren.

Schon deshalb, weil es keine Baufirma und kein Bauherr riskieren konnte, unter Umständen millionenschwere Schmerzensgelder zahlen zu müssen, wenn sich dort irgendein Passant verletzte.

Vielleicht steckte der ‚Schatten’ also noch ganz in der Nähe, verbarg sich einfach irgendwo und hoffte darauf, dass wir ihn bereits aufgegeben hatten.

Ich rannte mit Riesenschritten die Fluchttreppe hinunter.

In den Augen brannte es immer noch höllisch, und ich hatte gleichzeitig ein Gefühl, als wollte mir jemand die oberen Atemwege ohne Betäubung aus dem Leib reißen. Aber ich biss die Zähne zusammen.

Unten angekommen verharrte ich für einen kurzen Moment neben einem übervollen Müllcontainer. Dort hatte ich zumindest etwas Deckung.

Die Spur verlor sich, zeigte aber für meinen Geschmack eindeutig in Richtung des Abbruchhauses. Ich beobachtete sorgfältig die Fenster, achtete dort auf jede Bewegung, jede Kleinigkeit…

Aber da schien niemand zu sein.

Mit der SIG in beiden Händen stürmte ich voran. Einige Meter ohne Deckung musste ich überwinden, ehe ich einen etwa zwei Meter fünfzig hohen Schuttcontainer erreichen konnte.

Kurz bevor ich die Deckung erreichte, tanzte der feine, kaum sichtbare Strahl einer Laserzielerfassung durch die Luft und brach sich im aufgewirbeltem Staub.

Ich wartete nicht, bis mein Gegner mich perfekt im Visier hatte.

Stattdessen hechtete ich mich zu Boden, und rollte um die eigene Achse über den Boden.

Der ‚Schatten’ entschloss sich eine Sekunde zu spät zum Schuss. Die kurz nacheinander abgefeuerten Kugeln krachten in den Asphalt und stanzten dort Löcher hinein, deren Tiefe der Länge eines Zeigefingers entsprach.

Im nächsten Moment hatte ich den Schutz des Schuttcontainers erreicht. Ein Projektil kratzte pfeifend über der oberen Metallkante.

Rudi feuerte unterdessen von einem der Absätze der Fluchttreppe aus auf das Fenster, wo sich der ‚Schatten’ verborgen hielt.

Inzwischen waren in der Ferne bereits die Sirenen der Schutzpolizei und der Feuerwehr zu hören, die Rudi ebenfalls alarmiert hatte.

Ich tauchte aus der Deckung hervor, richtete die Waffe empor und hielt sie auf das Fenster, aus dem auf mich geschossen worden war.

Aber der Schütze hatte sich von dort offenbar inzwischen zurückgezogen.

Ich rannte in geduckter Haltung auf das Haus zu. Rudi gab mir dabei von seiner Position aus Feuerschutz.

Wenige Augenblicke später erreichte ich die Wand und schwang mich dann im Erdgeschoss durch ein Fenster ins Innere. Mit der SIG im Anschlag schlich ich voran und versuchte, keinen Laut zu verursachen.

Ich ging davon aus, dass Rudi inzwischen die in Kürze eintreffenden Einheiten der Schutzpolizei so instruierte, dass sie damit begannen, den gesamten Block komplett abzusperren.

Ich arbeitete mich vorsichtig voran.

Aus dem Inneren des Hauses war buchstäblich alles herausgerissen worden, was sich noch irgendwie verwenden ließ. Es gab weder Fenster noch Heizkörper. Das Dämmmaterial der Wände hing hier und da noch in Fetzen herunter. In den Schächten für die Lifte hingen nicht einmal mehr die Stahlseile, deren Aufgabe es war, die Kabinen zu tragen.

Ich durchquerte das Erdgeschoss. Durch die offenen Fenster blickte man auf eine Verblendung aus Wellblechelementen, die das Gelände zur Straße abschirmte.

Ich erreichte schließlich eine Treppe, die in den zweiten Stock führte.

Von oben hörte ich ein Geräusch und erstarrte.

Mir wurde schlagartig klar, dass sich mein Gegner in einem der oberen Stockwerke aufhalten musste. Wegen der hohen, so gut wie unüberwindbaren Wellblechverblendung, hatte er nur von dort überhaupt eine Chance, das Haus auf der zur Straße liegenden Seite wieder zu verlassen.

Also begann ich, die Treppe empor zu schleichen.

Es gelang mir beinahe lautlos.

Nachdem ich mich in den ersten Stock hochgearbeitet hatte, hörte ich ein paar Geräusche, schätzungsweise zwanzig Meter von mir entfernt. Mir war klar, dass er gerade irgendwie versuchte, die Straße zu erreichen.

Ich rannte los.

Dann stoppte ich.

Ein Wasserschlauch fiel mit auf.

Er war stramm gespannt. Durch eines der offenen Fenster im zweiten Stock führte er hinaus zur Straße. Der Killer hatte den Schlauch offenbar dazu benutzt, um sich vom Fenster aus über die Wellblechelemente hinweg abzuseilen.

Als ich das Fenster erreichte, fand ich meine Vermutung bestätigt.

Ich ließ den Blick über die Passanten schweifen, die hier her gingen.

Jeder von ihnen hätte es sein können! Einsatzkräfte der Schutzpolizei kamen gerade mit mehreren Fahrzeugen an.

Sie schwärmten aus und schickten sich an, den Block zu sichern.

Ihr Einsatzeifer änderte nichts daran, dass sie zu spät waren, um den Täter noch aufzuhalten.

Ich atmete tief durch und steckte die Dienstwaffe wieder zurück ins Gürtelholster.

Schritte ließen mich herumfahren.

Rudi kam im Laufschritt auf mich zu.

Ich deutete auf den Schlauch.

„Ein ganz schön cleverer Bursche, mit dem wir es da zu tun haben.“

Rudi atmete tief durch.

„Ich hoffe, dass wenigstens dieser Marenkov endlich etwas mehr Klarheit in die Sache bringen kann!“

Dem konnte ich nur beipflichten.

„Es scheint fast so, als hätte dieser Zweig des organisierten Verbrechens über so viele Jahre hinweg existiert, dass ihm niemand wirklich gefährlich werden kann!“

„Und das hat sich seit den Ereignissen um die Eremitage offenbar geändert“, ergänzte Rudi. „Jetzt versucht jeder rücksichtslos seine eigenen Claims zu halten und möglichst viel von den ergaunerten Millionen noch mit auf die eigene Seite zu schaffen.“

„Rudi, ich gebe es ungern zu, aber bislang haben wir noch nicht einmal einen Ansatzpunkt, um an jene ominösen grauen Eminenzen heranzukommen, die hier in Berlin die Kunstmafia offenbar wie ein Marionettentheater aufziehen!“
 

 

14

Wir kehrten zur Wohnung von Kai-Uwe Thränhart zurück.

Die Tränengaswolken hatten natürlich jede Menge Neugierige auf den Plan gerufen.

Bei den anderen Hausbewohnern mischte sich die Neugier natürlich mit blankem Entsetzen.

Bei manchen sogar mit Panik.

Wir waren jedenfalls heilfroh, als die Kollegen der Schutzpolizei endlich damit anfangen konnten, den Tatort abzusperren und uns so ein bisschen Freiraum gaben.

Die Feuerwehr war inzwischen mit Gasmasken in Thränharts Wohnung eingedrungen und hatte zumindest festgestellt, dass keinerlei Explosionsgefahr oder dergleichen bestand. Der Rauch ging nur von einer sehr leistungsfähigen Tränengasgranate aus. Unsere Kollegen Jürgen Caravaggio und 'Olli' Medina trafen ebenfalls ein.

Als sich der Nebel gelichtet hatte und die Wohnung betreten werden konnte, fanden sich die Leichen von Kai-Uwe Thränhart und einer Frau, die ihren Papieren nach Edda Frey hieß.

Olli fand die falschen Papiere in Kai-Uwe Thränharts Jackettinnentasche. „James Smith, Republik Südafrika“, murmelte er.

„Thränhart hatte also vor, ein neues Leben zu beginnen“, stellte ich fest. „Wahrscheinlich hat er gewusst, was auf ihn zukommt…“

„Du meinst, dass irgendein Bluthund hinter ihm her war, der ihn ausschalten sollte?“, meinte Jürgen. „Wir haben uns mit verschiedenen Informanten getroffen, die uns bisher über diese Szene immer ganz zuverlässig informiert haben. Bykow war ihnen natürlich ein Begriff. Thränhart war ja wohl so etwas wie sein Handlanger.“

„Und?“, hakte ich etwas ungeduldig nach. „Was redet man so in der Szene?“

Jürgen zuckte mit den Schultern. „Nicht viel. Aber es scheint so zu sein, dass Bykow wohl ein paar Kisten voll wertvoller Ikonen wie Sauerbier angeboten hat. Er ist mit dem Preis so dramatisch in den Keller gegangen, dass da selbst jemand Misstrauen schöpfen müsste, der von der Materie gar nichts versteht.“

„Und warum wollte ihm das Zeug niemand abkaufen?“, fragte Rudi. „Lass mich raten: Die bösen Gerüchte aus St. Petersburg sind schneller nach Berlin zurückgekehrt als Bykow mit seinem Flieger!“

„Ja, so ähnlich“, bestätigte Jürgen. „Übrigens gehen unsere Informanten davon aus, dass sich der Markt bald wieder beruhigen wird – und der Strom von Kunstgegenständen aus Russland erneut zu fließen beginnt. Diese Enthüllungen über die Eremitage werden im Sand verlaufen. Ein paar Verurteilungen wird es vielleicht geben. Aber das ist eher symbolisch. Der Großteil der Beteiligten kommt glimpflich davon. Zumindest diejenigen, die irgendwelche mächtigen Schutzpatrone haben. Und dann beginnt alles von vorn, nur dass sich vielleicht die Namen einiger Mitspieler geändert haben. Und genau das ist der Punkt! Angeblich soll es hier in Berlin einen Mann geben, der von allen nur ehrfürchtig ‚der Impressario’ genannt wird. Er zieht schon länger die Fäden bei der Kunstmafia, aber nun sieht er wohl die Chance, lästige Zwischenhändler wie Bykow auszuschalten und zur beherrschenden Nummer des ganzen Business zu werden – nicht nur in Berlin, sondern global.“

„Aber wer dieser Impressario sein könnte, hat dir nicht zufällig jemand verraten?“, fragte Rudi.

Jürgen lächelte dünn. „Leider nicht. Aber vielleicht kommen wir da ja noch weiter.“

„Fragen wir am Besten unseren Kollegen Meinhart Dommacher, was er darüber weiß“, schlug ich vor. „Mir macht er jedenfalls einen sehr kompetenten Eindruck.“

Ich rieb mir die Augen.

„Lass das besser bleiben!“, meinte Rudi

„Du hast gut reden!“

„Hör zu, du musst dich behandeln lassen, Harry.“

Ich schüttelte den Kopf. „Halb so wild. Ich spüle das selbst oder frage Dr. Claus, wenn er hier ankommt.“

„Erstens dauert das noch ein bisschen und zweitens ist Dr. Claus Gerichtsmediziner!“

„Aber ein Arzt!“

Rudi schnipste mit den Fingern und streckte die Hand aus. „Ich weiß, dass es dir schwer fällt, Harry, aber du gibst jetzt mir den Schlüssel für den Porsche und ich bring dich dorthin, wo du hingehörst. In die Ambulanz.“

Ich seufzte.

„Wenigstens hast du nicht ‚Dodge’ gesagt.“

 

 

15

Meinhart Dommacher war pünktlich im Café Number One. Dommacher kannte es gut.

Es gehörte nicht zum eigentlichen Flughafengelände, lag aber ganz in der Nähe und eignete sich hervorragend als Treffpunkt.

Zwar nannte es sich Café, weil der vorhergehende Besitzer dort tatsächlich ein klassisches Café etabliert hatte, aber inzwischen glich es eher einem französischen Bistro und wurde von einem Belgier aus Brüssel betrieben, der sich von den Gästen Jacques nennen ließ.

Dommacher wusste zufällig, dass er in Wahrheit Antoine hieß, aber das konnten die wenigsten Gäste korrekt aussprechen, geschweige denn sich merken.

Dommacher ließ den Blick über die Plätze schweifen. Es herrschte mittlerer Betrieb.

Er bestellte sich einen Café au lait und wartete. Dabei blickte er immer wieder auf die Uhr.

Schließlich griff er zum Handy und rief im Präsidium an. „Herr Marenkov scheint mich versetzt zu haben“, stellte er fest. „Jedenfalls glaube ich nicht, dass er noch auftaucht.“

 

 

16

Am frühen Abend trafen wir uns alle noch einmal im Besprechungszimmer von Kriminaldirektor Bock.

„Wie geht es Ihren Augen und Lungen, Harry?“, sprach er mich an.

„Ich werde es überleben, Chef!“

„Unsere Experte untersuchen, was das für ein Granatentyp war. Ich schätze, bis morgen haben wir das.“

Unser Chef hörte sich stirnrunzelnd an, was wir bisher als gesicherte Tatsachen vorlegen konnten.

„Mit anderen Worten, es gibt im Fall von Herrn Bykow noch nicht einmal den Beweis dafür, dass er wirklich tot ist“, stellte er fest.

„An die Möglichkeit einer Entführung habe ich auch schon gedacht“, gestand Jürgen. „Allerdings frage ich mich dann, an wen sich die Erpressung richten sollte. Schließlich besitzt Bykow keine zahlungskräftige Familie, die ihn auslösen könnte.“

„Jedenfalls möchte ich nicht, dass wir länger dazu gezwungen sind, mehr oder minder tatenlos mit anzusehen, wie offenbar ein paar mächtige Herrschaften der Kunstmafia glauben, hier in Berlin schalten und walten zu können, wie sie wollen!“, stieß Kriminaldirektor Bock ärgerlich hervor.

„Wir sollten die Laboruntersuchungen abwarten“, schlug Dommacher vor. „Dann sind wir mit Sicherheit schlauer.“

„Einen kleinen Ansatzpunkt hätte ich vielleicht, dem sich noch lohnt nachzugehen“, meldete sich Max Herter zu Wort. Er wandte sich an mich. „Du hast mir ja unterwegs eine Telefonnummer durchgegeben.“

„Richtig. Sie stand auf einem Zettel in einer von Bykows Jacken.“

„Die Nummer gehört zu einem Handy, dessen Eigentümer ein gewisser Dr. jur Maximilian Gallesco ist.“ Max wandte sich an Dommacher. „Bei dem Namen sollte es bei Ihnen klingeln, Meinhart.“

„Sie meinen den Anwalt Gallesco, der eine der dubiosesten Rollen in der ganzen Szene einnimmt?“

„Genau den.“

„Dieser Gallesco ist mir kein Begriff“, gestand Kriminaldirektor Bock. „Vielleicht könnte mich hier mal jemand aufklären, um wen es sich da handelt!“

„Mit Vergnügen“, sagte Meinhart Dommacher. „Maximilian Gallesco ist eine Art Hobby-Kunsthändler, im eigentlichen Beruf aber Anwalt. In der Vergangenheit war er bei einigen zweifelhaften Transaktionen die treibende Kraft – insbesondere dann, wenn sogenannte „entführte“ Bilder gegen Lösegeld zurückgeführt werden sollten.“

„Es kam der Verdacht auf, dass Gallesco da die Grenzen dessen, was noch zu den Pflichten eines Anwalts gehört, bei weitem überschritten hat“, warf Max ein. „Allerdings konnte man ihm nicht nachweisen, dass er eventuell mit Bilderentführern Absprachen getroffen hat, die ungesetzlich sind.“

„Wenn Sie mich ganz persönlich fragen, kann man schon fast den Verdacht haben, dass Gallesco hin und wieder mit ihnen zusammengearbeitet und Millionen daran verdient hat!“, warf Dommacher ein. „Aber einer wie der ist wohl einfach zu clever für unsere Justiz. Alles, was bei ihm auf dem juristischen Kerbholz steht, sind ein paar Verstöße gegen die Parkordnung der Stadt Berlin und die Beleidigung eines Richters, für die er tatsächlich drei Tage ins Gefängnis ging, anstatt die lächerliche Ordnungsstrafe zu bezahlen.“ Dommacher grinste. „Er machte ein richtiges Happening daraus.“

„Klingt nach einem komischen Vogel“, lautete Rudis Kommentar.

„Ja, aber er dürfte noch sehr viel weiter verzweigte Kontakte bis in die Kunstmafia hinein besitzen, als Ihre Informanten, die Sie bisher um Unterstützung gebeten haben“ stellte Dommacher klar.

„Nachdem Harry diese Nummer gefunden hat, haben wir ja auch einen ganz offiziellen Grund mit ihm zu sprechen“, erklärte Kriminaldirektor Bock. „Notfalls auch hier im Präsidium in einer Gewahrsamszelle, wenn es sein muss! Aber das hat Zeit bis Morgen.“

Anschließend berichtete Meinhart Dommacher noch von seiner missglückten Verabredung mit Major Marenkov. „Ich habe inzwischen herausgefunden, dass tatsächlich ein Flug auf den Namen Marenkov gebucht war, aber dieser Marenkov hat den Flieger in Russland nie bestiegen. Der Platz wurde an jemand anderes vergeben.“

„Und wer hat dann angerufen?“, fragte ich.

Max Herter meldete sich daraufhin zu Wort. „Alle eingehenden Anrufe werden bei uns ja glücklicherweise aufgezeichnet. Ich habe die Aufnahme natürlich sofort Herrn Dommacher vorgespielt und er hat die Stimme identifiziert.“

Kriminaldirektor Bock wandte sich an den Experten für die Bekämpfung der Kunst-Mafia. „Sie sind sich sicher, dass es die Stimme von Marenkov war? Ich wusste nicht, dass Sie ihn so gut kennen…“

„Ich bin ihm tatsächlich auch nur einmal begegnet, aber wir hatten hin und wieder Telefonkontakt“, antwortete Dommacher. Er hob die Schultern. „Hundertprozentige Sicherheit gäbe nur ein Höhenkurvenabgleich dieses Anrufs mit der Originalstimme Marenkovs und selbstverständlich gibt es geschickte Stimmenimitatoren, aber…“ Er schüttelte entschieden den Kopf. „Das wäre doch absurd!“

„Der Anruf könnte auch aus Audioschnipseln irgendwelcher Aufnahmen zusammen geschnitten worden sein“, wandte Max ein. „Das untersuchen gerade unsere Experten. Schließlich wäre es auch absurd, anzunehmen, dass Marenkov längst in der Stadt ist und Agent Dommacher zum Narren hält!“

Kriminaldirektor Bock atmete tief durch. „Man kann auch mit gutem Willen noch nicht sagen, dass wir Licht in die Sache gebracht hätten, aber die nötige Geduld gehört eben auch zu unserem Job. Ich schlage vor, Sie machen jetzt Feierabend und morgen früh sehen wir weiter.“

„Dann müssten auch schon einige Laborberichte vorliegen!“, war Jürgen recht zuversichtlich.

„Hoffen wir’s“, murmelte Rudi. „Sonst drehen wir uns weiter im Kreis.“

 

 

17

Wir gingen am Abend noch zusammen mit dem Kollegen Dommacher zu unserem Lieblingsitaliener. Schließlich hatten wir alle einen Riesenhunger.

Rudi und ich nahmen eine Pizza, Meinhart Dommacher hingegen nur einen Salat. „Ja, Sie als Ermittler im Außendienst haben Bewegung genug, um wie Scheunendrescher essen zu können, aber bei mir sieht das anders aus!“, sagte er und fasste sich dabei an den Bauch.

„Wo sind Sie für Ihre Zeit hier in Berlin untergebracht?“, fragte ich.

„Im Hotel. Ist mehr eine Pension als ein Hotel, aber es liegt immerhin im Spesenrahmen, den man mir zugesteht!“

Eine Weile aßen wir einfach nur und keiner redete einen Ton. Der Tag war schließlich hart genug gewesen. Wenigstens am Abend muss man hin und wieder seine Gedanken sortieren, wenn man am Tag mit knapper Not der Laserzielerfassung eines skrupellosen Killers entkam.

Es ärgerte mich noch immer, dass mir der Kerl mit der Tränengasgranate entwischt war. Aber wenn man es genau nahm, konnte ich mir noch nicht einmal hundertprozentig sicher sein, dass es sich tatsächlich um einen Kerl handelte.

Ich versuchte mich zu erinnern und vergegenwärtigte mir noch einmal jenen Augenblick, als ich in das mit Tränengas verräucherte Zimmer stürmte.

Da war nichts weiter als ein Schatten.

Der vage Umriss eines Menschen.

Mehr ließ sich aus den Bildern, die sich in mir eingebrannt hatten, einfach nicht herausholen, so sehr ich das auch versuchte.

Rudi brach schließlich das Schweigen, indem er Dommacher noch mal auf sein fehlgeschlagenes Rendezvous mit Marenkov ansprach. „Seien Sie ehrlich Meinhart, was denken Sie, was steckt wirklich dahinter?“

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung“, gestand er. „Aber ich mache mir Sorgen.“

„Weshalb?“

„Marenkov wäre nun wirklich nicht der erste Ermittlungsbeamte, der seine Nase zu tief in Dinge gesteckt hat, von denen ein paar ehrenwerte Herrschaften der Ansicht sind, dass man sich da heraushalten sollte.“

 

 

18

Es war schon fast Mitternacht, als Kollege Meinhart Dommacher das Foyer seines Hotels betrat.

Den Wagen hatte er auf einem nahen Parkplatz abgestellt.

Der Portier begrüßte Dommacher und gab ihm seinen Schlüssel.

„Guten Abend.“

Dommacher nickte nur und unterdrückte ein Gähnen.

Er ging die Freitreppe ins Obergeschoss empor und hatte wenig später Zimmer Nummer 14 erreicht.

Die 14 lag neben der 12. Dommacher musste jedes Mal darüber schmunzeln, dass man die 13 in der Nummerierung der Zimmer als Unglückszahl einfach ausgelassen hatte.

Er öffnete die Tür. Innen war es dunkel.

Dommacher machte Licht.

Das Zimmer war nichts Besonderes. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Kleiderschrank und ein klobiger Drehsessel aus Leder, von dem Dommacher den Eindruck hatte, dass der Hotelbesitzer nur nicht den Mut gehabt hatte, ihn auf den Müll zu werden.

Der Sessel drehte sich.

Ein Mann saß darin. In der Rechten hielt er eine Automatik mit Schalldämpfer, deren Lauf auf Dommachers Bauch zielte. Ein kaltes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Er schlug die Beine übereinander. Die Lederstiefel passten exakt zu seiner Jacke.

Dommacher erstarrte zur Salzsäule.

Im ersten Moment hatte er nach seiner Dienstwaffe greifen wollen, aber er hielt sich zurück.

Seine Chance lag bei null.

Dommacher schluckte. „Was wollen Sie?“

Der Mann in Leder grinste schief.

„Erst eine kleine Unterhaltung, Herr Dommacher. Wie unangenehm die wird, liegt ganz bei Ihnen… Und anschließend lege ich Sie schlafen. Deswegen sind Sie doch ohnehin hier, oder?“

 

 

19

Am nächsten Morgen fanden wir uns pünktlich zur Besprechung in Kriminaldirektor Bocks Büro ein. Nur Meinhart Dommacher war nicht anwesend. Kriminaldirektor Bock begann nach anfänglichem Zögern die Besprechung ohne den Spezialisten.

Zunächst referierte unser Kollege Friedrich L. Richards über Wladimir Bykows wirtschaftliche Verflechtungen. „In der Wohnung wurden ja keinerlei Kontoauszüge oder dergleichen gefunden“, sagte unser Experte für Betriebswirtschaft, dessen Spezialität das Aufspüren verborgener Geldströme war. „Ich hatte also wenige Anhaltspunkte, um überhaupt etwas über Bykows wirtschaftliche Verhältnisse herauszufinden. In Zusammenarbeit mit der Steuerbehörde habe ich immerhin die Geschäftskonten der Galerie und die wichtigsten Privatkonten überprüfen können.“

„Mit welchem Ergebnis?“, hakte Kriminaldirektor Bock nach.

„Seit Bykows Ermordung – oder seinem Verschwinden, ganz wie man will – wurde auf die Konten nicht mehr zugegriffen.“

„Das würde ja die Mordthese unterstreichen“, ergänzte Jürgen.

Friedrich nickte. „Das Interessante sind die Zahlungen, die innerhalb der letzten Jahre von diesen Konten abgingen. Bykow stand mit einer Reihe von Briefkastenfirmen in Liechtenstein und auf den Cayman-Islands in Verbindung, die als Tarnfirmen der Kunstmafia gelten. Außerdem hatte er sehr starke Verbindungen nach St. Petersburg. Aber gegenwärtig komme ich da noch nicht weiter.“

„Es gibt dafür etwas Neues aus den Labors“, berichtete Max Herter. „Was den Blutfleck in Bykows Galerie angeht, sind wir inzwischen sicher, dass derjenige, dem dieses Blut gehörte, erschossen wurde. Die Blutreste in dem Loch, das vermutlich von einem Projektil in die Wand gestanzt wurde, sind mit der DNA des Blutflecks identisch. Außerdem haben wir Schmauchspuren gefunden und wissen ziemlich genau, wo der Täter stand.“ Max projizierte einen Grundriss der Galerie mit dem Beamer seines Laptops an die Wand. Die ermittelte Position des Schützen war markiert worden. „Das Opfer wurde aus nächster Nähe erschossen. Der Treffer ging durch den Kopf. Es wurden in dem Einschussloch nämlich geringfügige Spuren von Hirnmasse gesichert. Leider haben wir weder eine Kugel noch eine Leiche und genau genommen können wir daher noch immer nicht sicher sein, ob es wirklich Bykow war, der getötet wurde. Schließlich haben wir kein genetisches Vergleichsmaterial.“ Max deutete auf einen bestimmten Punkt auf den Grundriss, der besonders gekennzeichnet war. „Hier war die Blutlache. Die Kollegen gehen davon aus, dass dort der Kopf des Toten eine Weile gelegen hat. Und zwar auf der Seite. Dadurch haben wir einen vollständigen Ohrabdruck.“

„Zu dem uns aber auch der Vergleich fehlt!“, schloss Kriminaldirektor Bock.

Max nickte. „Leider.“

„Was ist mit Fingerabdrücken?“, fragte ich. „Schließlich müssten Bykow bei der Einbürgerung Fingerabdrücke abgenommen wurden sein und wenn der Tote mit der Hand auf den Boden kam…“

„Es gibt tatsächlich Fingerabdrücke, aber die sind leider verschmiert“, erklärte Max. „Wir haben sie trotzdem mit Bykows gespeicherten Fingerabdrücken verglichen und drei Übereinstimmungen gefunden. Der niedrigste Standard für eine sichere Identifizierung sind sechs Übereinstimmungen, manche Gutachter sind da aber durchaus auch noch anspruchsvoller.“

„Ich dachte immer, Fingerabdruck ist gleich Fingerabdruck!“, warf unser Kollege Tommy Kronberg ein.

Ich zog ein Fazit. „Mit anderen Worten, es könnte Bykow sein – muss aber nicht.“

„So ist es“, nickte Max. „Wir suchen jetzt nach Verwandten, mit deren DNA wir das Blut aus der Galerie vergleichen könnten. Seine Schwester lebt ebenfalls in Deutschland. Nur weiß niemand, wo sie gegenwärtig steckt.“

„Das wird sich ja wohl herausfinden lassen“, meinte Jürgen.

„Der Tathergang lässt sich nach bisherigem Erkenntnisstand so rekonstruieren: Jemand klingelt Bykow in aller Frühe aus dem Bett. Bykow öffnet diesem Herrn X. Wahrscheinlich, weil er ihn kennt und nicht als Gefahr einschätzt. Alarmanlage und Videoüberwachung sind noch ausgeschaltet. Bykow wird dazu gezwungen, in der Wohnung und in der Galerie die Safes zu öffnen. Unten in der Galerie versucht er sich zu wehren und wird erschossen. Vielleicht hatte der Killer auch von Anfang an vor, Bykow umzubringen. Auf jeden Fall scheint der Abtransport von größeren Gegenständen geplant gewesen zu sein, sonst hätte nicht wenig später ein Transporter vor der Tür gehalten, in den dann alles hinein geladen wurde, was dem Killer und seinen Komplizen wichtig erschien – einschließlich der Leiche.“

„Ich wette, dass neben einer ganzen Menge Beweismaterial auch die Kisten mit den Ikonen dabei waren, die in Bykows Wohnung ja nicht aufgefunden werden konnten“, schloss Jürgen. „Aber irgendetwas muss die Täter dann bei ihrer Aufräumaktion gestört haben, sonst hätten sie diese so sauber zu Ende geführt wie sie alles andere beendet haben!“

 „Und wenn sie wollten, dass wir den Blutfleck finden?“, fragte ich. Ich zuckte mit den Schultern. „War nur so ein Gedanke.“

„Sie meinen Bykow hat seinen Tod inszenieren wollen?“, fragte Kriminaldirektor Bock.

Niemand schien diesen Gedanken besonders weiterführend zu finden, denn keiner der anwesenden Beamten ging darauf ein.

Mir war klar, dass ich den Stein der Weisen selbst noch nicht gefunden hatte – aber mein Instinkt sagte mir, das mit der Rekonstruktion des Tathergangs, wie Max sie uns vorgetragen hatte, irgendetwas nicht stimmte.

Ich wusste nur nicht, was mich so daran störte.

Kriminaldirektor Bock ergriff das Wort. „Ehe ich es vergesse, dieser Marenkov wird heute gegen zehn bei uns hier im Präsidium eintreffen“, sagte er. „Ich dachte mir, dass Sie ihn vielleicht etwas unter Ihre Fittiche nehmen, Harry. Ich bin überzeugt davon, dass Sie und Rudi gut mit ihm zusammenarbeiten. Übrigens erwartet man das auch von uns. Man beobachtet das Ganze auf höchster Ebene mit Argusaugen.“

„Ja, Chef“, nickte ich.

„Aber was hat dieses geplatzte Treffen gestern mit Dommacher zu bedeuten?“, hakte Rudi nach.

„Das habe ich ihn bei dem Telefonat, das wir heute morgen führten, auch gefragt“, berichtete unser Chef. „Es stellte sich heraus, dass Marenkov bereits vor drei Tagen unter anderem Namen in Berlin angekommen ist. Er traut offenbar seinen Gegnern aus der Kunstmafia alles zu. Marenkov hat Dommacher aus der Ferne beobachtet, ihn aber nicht angesprochen, weil sich jemand in der Nähe aufhielt, der ihm verdächtig erschien und daher wollte er kein Risiko eingehen. Aber Sie können sich da ja von ihm selbst schildern lassen.“

„Oder von Dommacher – sobald er auftaucht!“, warf Tommy Kronberg ein.

„Wir müssen noch über die Morde an Kai-Uwe Thränhart und Edda Frey sprechen“, erinnerte uns Max Herter.

Kriminaldirektor Bock nickte ihm zu. „Bitte!“

„Die verwendete Waffe ist noch nicht aktenkundig und die sichergestellten Projektile hatten das Kaliber .44. Aufschlussreich ist die Tränengasgranate. Sie entspricht einem Typ, der in Russland verwendet wird – hier bei uns allerdings völlig unüblich ist.“

 

 

20

Anderthalb Stunden später traf Marenkov im Präsidium ein. Er hatte zunächst ein halbstündliches Gespräch mit Kriminaldirektor Bock. Anschließend führte Max Herter ihn in das Dienstzimmer, das Rudi und ich uns teilten.

Marenkov trug einen doppelreihigen Anzug, aber die Krawatte hing ihm wie ein Strick um den Hals. Ich hatte gleich das Gefühl, dass dieser Business-Look nicht seine bevorzugte Kleidung war.

Wir stellten uns kurz vor.

„Nennen Sie mich Valerij“, sagte Marenkov mit einem kräftigen Händedruck. „Ich hoffe, dass wir gut zusammenarbeiten.“

„An uns wird es sicher nicht liegen – und an dem Kaffee, den die Sekretärin unseres Chefs kocht, sicher auch nicht!“, versicherte Rudi.

Marenkov hob die Hände.

„Danke für Ihre Offenheit!“, sagte er akzentschwer. „Kriminaldirektor Bock hat mich darüber in Kenntnis gesetzt, wie weit Sie in der Sache sind.“

„Was wissen Sie über Bykow?“, fragte ich.

Marenkov schien im ersten Moment etwas überrascht über eine so konkrete Frage zu sein.

„Dass er einer der wichtigsten Kontaktpersonen der Kunstmafia gewesen sein muss.“

„Es soll hier in Berlin jemanden geben, der von allen nur ‚Impressario’ genannt wird und der die Fäden zieht. Haben Sie davon auch gehört?“

Marenkov lächelte verhalten.

„Ehrlich gesagt, hatte ich bisher Bykow in Verdacht, dieser Mann zu sein – oder zumindest sehr eng mit ihm in Verbindung zu stehen. Aber inzwischen glaube ich das nicht mehr.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wie lautet denn Ihre Theorie dazu?“

Marenkov zuckte mit den Schultern. „Ich denke, dass die etablierten Zweige des organisierten Verbrechens auch den Kunsthandel in ihrer Gewalt haben und längst als wunderbare Möglichkeit der Geldwäsche für sich entdeckten. Wenn Sie die Finanzen von Leuten wie Bykow überprüfen, verwette ich meinen Schlips dafür, dass Sie auf dieselben dubiosen Firmennamen in Liechtenstein, auf den Cayman-Inseln und in ein paar anderen Steueroasen stoßen, die Sie bereits aus Ihren Ermittlungen gegen Drogenringe kennen! Dort sollten Sie meiner Ansicht nach die Drahtzieher suchen.“ Er grinste breit und wirkte etwas gezwungen. „Aber wer bin ich, dass ich Ihnen sage, was Sie zu tun haben!

„Ich nehme an, dass Sie bereits darüber aufgeklärt wurden, welche Befugnisse Sie hier haben“, sagte ich.

Marenkov grinste. „Oder besser gesagt, welche Befugnisse ich hier nicht habe“, schnitt er mir das Wort. „Ich weiß, dass ich in diesem Land keinerlei Polizeibefugnisse besitze und beratend tätig bin und Sie brauchen auch keine Sorge zu haben, dass ich Ihnen und Ihrem Partner dauernd auf den Fersen klebe…“

„Keine Sorge“, sagte ich.

„Friedrich braucht Sie später unbedingt für seine Ermittlungen in Sachen Konten und Geldströme!“, ergänzte Max Herter.

„Ich stehe zur Verfügung“, versprach Marenkov.

 „Wir werden uns heute um Maximilian Gallesco kümmern“, kündigte ich an. „Haben Sie den Namen mal gehört?“

Marenkov überlegte kurz. Dann nickte er. „Ich glaube, das war ein Anwalt, der für Bykow tätig war. Aber nur kurzfristig.“

„Sie sind aber gut informiert!“

Marenkov bleckte die Zähne. „Darum bin ich noch am Leben!“

 

 

21

Wir fuhren zu Maximilian Gallescos Residenz. Wir boten Marenkov natürlich an, ihn im Porsche mitzunehmen. Rudi erklärte sich bereit, im Fond Platz zu nehmen, der bei diesem Hybriden auch nicht viel geräumiger war.

Aber Marenkov lehnte ab und bevorzugte einen Wagen aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft. Er entschied sich für einen unscheinbaren Toyota.

Es stellte sich heraus, dass er schon öfter in Berlin gewesen war und sich hier hervorragend auskannte. Entgegen unseren Befürchtungen hatte er daher auch keinerlei Schwierigkeiten, sich an die Verkehrsverhältnisse in Berlin anzupassen.

„Das Art Business ist ein globales Geschäft!“, meinte er dazu. „Gleichgültig, ob auf der legalen oder der illegalen Seite. Und die neureichen Gangster aus Moskau oder St. Petersburg lassen sich nun mal ganz gerne mit dem Privatflieger, nach Paris, Berlin oder sonst wohin fliegen, nur um ihrer Angebeteten in irgendeiner angesagten Boutique eine 600-Dollar-Jeans zu kaufen. Nebenbei besucht man dann ein paar Geschäftsleute…“

„Ich verstehe“, sagte ich.

Marenkovs Lächeln wurde spöttisch. „Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich meine Befugnisse während dieser Aufenthalte in Ihrem Land nie überschritten habe, falls Sie sich darüber Sorgen machen sollten.“

Maximilian Gallesco residierte in einer Traumetage mit freiem Blick ins Grüne. Das Gebäude selbst glich einer Hochsicherheitsfestung. Überwachungskameras und bewaffnete Security Guards waren überall.

Wir fuhren mit dem Lift in Gallescos Etage.

Ein zwei Meter großer Bodyguard im dunklen Anzug öffnete uns. Er hielt einen Metalldetektor in der Rechten und wollte uns tatsächlich damit nach Waffen durchsuchen.

Ich hielt ihm meine ID-Card unter die Nase.

„Dieser Ausweis sollte auch für Sie vertrauenswürdig genug sein.“

„Sie sind nicht angemeldet!“

„Ich denke, dass sich Herr Gallesco trotzdem ein paar Minuten für uns Zeit nehmen wird.“

„Der Terminkalender von Herr Gallesco ist sehr eng.“

„Der unsere auch!“, mischte sich Rudi etwas ungehalten ein.

In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür.

Zwei Männer traten hervor. Der eine war groß und hager, der andere kaum 1,60 m, mit einem sehr kurzen Hals, dessen vollen, grauen Haarschopf man einen Cäsar-Schnitt verpasst hatte. Er sprach mit durchdringender Stimme und seinem sehr harten Akzent. Offenbar war er ziemlich aufgebracht. 

„Wir besprechen alles weitere in den nächsten Tagen, Herr Zurcher!“

„Ich will es hoffen!“, sagte Zurcher, der uns kurz musterte und dann mit seiner dünnen Aktentasche unter dem Arm die Wohnung verließ.

„Herr Maximilian Gallesco?“, wandte ich mich an den Hageren.

Dieser drehte sich zu seinem Leibwächter herum. „Was machen diese Leute hier, Angelo?“

Ich hielt ihm meinen Ausweis entgegen.

„Harry Kubinke, BKA! Dies sind mein Kollege Rudi Meier sowie Major Marenkov, ein Ermittler des russischen Innenministeriums, der uns berät. Wir würden gerne kurz mit Ihnen über Wladimir Bykow sprechen.“

„Was ist mit Bykow?“

„Er ist verschwunden - wahrscheinlich ermordet. Und wir hofften eigentlich, dass Sie uns etwas Näheres dazu sagen könnten.“

„Ich wüsste leider nicht, wie ich Ihnen da behilflich sein könnte. Aber vielleicht kommen Sie erst einmal in mein Büro und Sie erläutern mir die Sache etwas genauer.“

„Gerne.“

Wir folgten ihm.

Das Büro war größer als die meisten Berliner Wohnungen. Der gewaltige Schreibtisch war aus einem dunklen Tropenholz, mit dem der Handel längst verboten war. Gallesco führte uns zu einer Sitzgruppe in der Nähe der zum Park ausgerichteten Fensterfront.

Wir setzten uns.

Gallesco wirkte nervös.

„Wir befürchten, dass Wladimir Bykow Opfer einer Serie von Morden im Dunstkreis der Kunstmafia wurde. Kai-Uwe Thränhart, sein Galerieverwalter wurde kurz danach erschossen und…“

„Das ist ja furchtbar!“, stieß Gallesco hervor. „Aber ich frage mich, was ich mit alledem zu tun habe.“

„Ich habe Ihre Nummer in Bykows Jackett gefunden“, stellte ich klar. „Wir gehen davon aus, dass er eine zentrale Vermittlerrolle im illegalen Kunsthandel mit Russland einnahm. War er Ihr Mandant?“

Gallesco lächelte.

„Ja, ich gebe zu, dass ich ihn in der Vergangenheit ein paar Mal vertreten habe.“

„In welchen Angelegenheiten?“

„Nun, ich habe Herr Bykow in juristischen Fragen beraten. Rund um den internationalen Transfer von Kunstgegenständen. Allerdings ging es um legale Geschäfte!“ Sein Lächeln wirkte gezwungen. „Das ist schon risikoreich genug, denn die gesetzlichen Bestimmungen halten da wirklich jede Menge Fußangeln bereit. Aber wenn Sie glauben, dass ich Herr Bykow bei irgendwelchen illegalen Aktivitäten unterstützt hätte, liegen Sie völlig falsch.“

„Von dem Eremitage-Skandal haben Sie sicher gehört“, warf nun Rudi ein.

Gallesco nickte. „Jeder, der sich nur ein bisschen für das Thema interessiert hat, hat das.“

„Unsere Kollegen haben über V-Leute ermittelt, dass Bykow auf mehreren Kisten mit Kunstgegenständen – vor allem Ikonen und Schmuck - saß, die er jetzt wohl kaum noch offen anbieten konnte. Haben Sie etwas davon gehört?“

Gallesco verschränkte die Arme.

„Wie gesagt, ich tue nichts Ungesetzliches. Schon gar nichts, was nach Hehlerei aussehen könnte! Da würde ich meine Existenz als Anwalt aufs Spiel setzen.“

„Aber man sagt Ihnen exzellente Verbindungen in der Kunstmafia nach und wir hatten gehofft, dass Sie noch immer einigermaßen informiert sind…“

„Und jetzt sagen Sie nicht, dass Sie mit solchen Leuten nicht zusammenarbeiten würden!“, mischte ich mich ein, noch bevor Gallesco in der Lage war zu antworten. „Sie haben das doch bereits!“

„Ach, ja?“

„Sie haben dafür gesorgt, dass mehrere klassische Gemälde, die aus einer Privatsammlung entwendet worden waren, über dubiose Kanäle gegen Lösegeld zurückgeführt wurden!“, hielt ich ihm vor.

„Ja und ich wäre deswegen beinahe wegen Beihilfe zu einem Verbrechen ins Gefängnis gekommen!“

„Wenn Sie in diesem Fall etwas Ähnliches für das BKA tun würden, bestünde diese Gefahr nicht“, machte ich ihm klar.

Sein Lächeln wirkte wie eine Maske. „Natürlich nicht!“, knurrte er. „Damals sind alle über mich hergefallen! Dabei habe ich nicht den Entführern geholfen. Nicht in erster Linie jedenfalls – sondern der Menschheit und dem Erhalt Ihres Kulturerbes, schließlich habe ich verhindert, dass ein paar Wahnsinnige Bilder zerstören oder auf Nimmerwiedersehen in den Safes von ein paar superreichen Sammlern verschwinden lassen, denen es darum geht, so ein Kunstgut ganz für sich allein zu besitzen! Die Staatsanwaltschaft war doch damals nur sauer darüber, dass ich es abgelehnt habe, mit der Justiz zusammen zu arbeiten!“

Gallesco stand auf.

Er ging ein paar Schritte unruhig auf und ab. Dabei vergrub er seine Hände in den weiten Taschen seiner grauen Flanellhose. Schließlich blieb er abrupt stehen und fixierte mich. „Okay, ich will mit offenen Karten spielen. Ich kann damit meinem Mandanten wahrscheinlich nicht mehr schaden, so wie Sie die Dinge dargestellt haben…“ Er atmete tief durch und fuhr fort. „Bykow habe ich vor drei Tagen zuletzt gesehen. Wir hatten schon länger geschäftlich nicht mehr miteinander zu tun. Er hat mich tatsächlich wegen einer Lieferung von Ikonen angesprochen, Herr Kubinke. Meinem Mandanten war klar geworden, dass er an einen Posten illegal verschobenen Materials geraten war.“

„Was hat ihn zu dieser Erkenntnis geführt?“, fragte ich.

Gallesco hob die Schultern. „Ich nehme an, die Meldungen über die Eremitage in St. Petersburg haben ihm die Augen geöffnet, obwohl ein Mann seines Sachverstandes eigentlich misstrauischer sein sollte. Jedenfalls wollte er, dass ich für Kontakt zu einem Mann aufnehmen sollte, von dem ich aus sicherer Quelle weiß, dass er ein Hehler ist – auch wenn ich ihm das wohl ebenso wenig beweisen könnte wie Sie!“

„Um wen handelt es sich?“, hakte ich nach.

„Ferdinand Teckenstett.“

„Das ist nicht nur ein kleiner Hehler!“, schritt Marenkov ein.

„Darf dieser Mann aktiv an Verhören teilnehmen?“, fragte Gallesco gereizt. „So weit ich weiß…“

„So weit ich weiß, ist dies kein Verhör, sondern ein vollkommen unverbindliches Gespräch“, erwiderte ich. „Und im Rahmen eines solchen Gesprächs darf Major Marenkov alles.“

Gallesco lächelte kalt.

„Wenn Sie mich vor Gericht auf irgendetwas festnageln wollen, werde ich Ihnen das um die Ohren hauen, Herr Kubinke!“

Rudi schritt jetzt ein und stellte unmissverständlich klar: „Es hat niemand vor, Sie vor Gericht in den Zeugenstand zu rufen oder gar anzuklagen, Herr Gallesco!“

Gallesco atmete tief und beruhigte sich wieder etwas.

Marenkov fuhr inzwischen fort: „Ich bin nur dafür, keine beschönigenden Bezeichnungen für jemanden wie Teckenstett zu gebrauchen! Der Name ist selbst in Moskau und St. Petersburg bekannt! Leider hatte unser Ministerium bis jetzt keine Möglichkeit, ihn kalt zu stellen. Aber ich bin überzeugt davon, dass er eine ganz große Nummer in dieser Eremitage-Connection ist, die da schon seit Jahren läuft!“

„Ich werde diese Aussage nicht kommentieren“, sagte Gallesco.

„Haben Sie den Deal eingeleitet?“, fragte ich.

Gallesco schüttelte den Kopf. „Ich habe Herrn Bykow natürlich empfohlen, sich mit seinem Verdacht an die Behörden zu wenden, nur fürchte ich, dass er das nicht getan hat.“

„Wissen Sie, wer der ‚Impressario’ ist?“, fragte ich.

„Ich weiß nur, dass er existiert“, sagte Gallesco sehr ernst. „Und dass jeder, der ihm bisher in die Quere gekommen ist, das bitter bereut hat.“

 

 

22

„Was hältst du von Gallesco?“, fragte Rudi, als wir dessen Residenz wieder verlassen hatten und uns auf dem Weg zum Wagen befanden.

„Ich habe das Gefühl, dass der noch sehr viel mehr weiß“, bekannte ich.

„Ich wette, dass er den Ikonen-Deal über die Bühne gebracht hat!“, war Rudi überzeugt.

„Wir sollten uns auf Ferdinand Teckenstett konzentrieren“, fand Marenkov. „Ich bin in jahrelanger Ermittlungsarbeit auf diesem Gebiet immer wieder auf den sogenannten Impressario gestoßen.“

„Ohne seine Identität aufdecken zu können?“

„Wir wissen, dass er ursprünglich Russe ist. Als KGB-Agent wurde er in der Endphase des Kalten Krieges in West-Deutschland eingeschleust und lebte dort als ganz normaler BRD-Bürger. Bei Bedarf sollte er aktiviert werden.“

„Und Sie kennen nicht den Namen?“, fragte ich.

„Um wen es sich auch immer handeln mag, er hatte hervorragende Kontakte. Die Akten beim Geheimdienst sind unter Verschluss, verschwunden oder nicht zugänglich. Ich bin überzeugt davon, dass Bykow weiß, wer der Impressario ist, denn ich habe herausgefunden, dass er eine Zeitlang sein Führungsoffizier beim KGB gewesen sein muss…“

„Sie sprechen über Bykow, als würde er noch leben!“, stellte ich fest.

Marenkov sah mich überrascht an und grinste. „Zweckoptimismus. Da ist wohl der Wunsch Vater des Gedankens. Und schließlich gibt es ja auch noch keinen Beweis dafür, dass das Blut in der Galerie von ihm stammt, oder?“

„So ist es“, nickte ich. „Meinen Sie, dass dieser Teckenstett bereits hoch genug in der Hierarchie steht, um direkten Kontakt zum Impressario zu haben?“

Marenkov zuckte mit den Schultern.

„Wer weiß? Vielleicht ist Teckenstett ja der ‚Impressario’!“

Rudis Handy klingelte.

Er nahm das Gespräch entgegen und sagte zweimal kurz hintereinander: „Ja!“

Anschließend wandte er sich an uns. „Unser Kollege Meinhart Dommacher wurde tot in seinem Hotel gefunden. Wir sollen zum Tatort kommen.“

 

 

23

Als wir das Hotel aufsuchten, war die Zufahrtsstraße bereits durch eine Handvoll Einsatzfahrzeuge blockiert. Schutzpolizei, Gerichtsmedizin und Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst waren bereits da.

Wir mussten den Porsche in einer Seitenstraße in der Nähe abstellen. Marenkov war uns mit seinem Toyota gefolgt. Zusammen mit dem russischen Kollegen gingen wir zum Eingang.

Ein uniformierter Polizist hielt uns an.

„Rudi Meier, BKA!“, sagte mein Kollege und hielt ihm die ID-Card entgegen. „Wer leitet den Einsatz hier?“

„Herr Devers. Er wartet schon auf Sie. Gehen Sie einfach ins Foyer.“

„Danke.“

Wir folgten der Empfehlung des Beamten und trafen im Foyer auf Kommissar Devers von der Kripo Berlin.

„Schön, dass Sie da sind!“, sagte Devers. „Der Besitzer des Hotels hat uns gerufen. Eines der Zimmermädchen hat einen gewissen Meinhart Dommacher mit einer Kugel im Kopf in seinem Bett gefunden. Laut den Papieren, die bei ihm gefunden worden sind, ist er ein Kollege von Ihnen.“

„Wir haben ihn heute Morgen bereits vermisst“, gestand ich.

Devers nickte leicht. „Das ganze sieht nach der Tat eines Profis aus. Der Tote war so in sein Bett drapiert worden, dass man ihn für schlafend halten konnte. Außerdem muss ein Schalldämpfer benutzt worden sein, denn weder einer von den anderen Gästen noch vom Personal hat einen Schuss gehört.“

„Wann war der vermutliche Todeszeitpunkt?“, frage ich.

„Dr. Claus meint gestern gegen Mitternacht. Plus minus zwei Stunden.“

„Wir möchten gerne mit dem Zimmermädchen sprechen, dass Herrn Dommacher entdeckt hat. Außerdem müssen wir allen reden, die zur Tatzeit Dienst hatten.“

„Das Zimmermädchen steht unter Schock“, sagte Devers. „Ich glaube, es bringt nicht viel, sie im Moment noch einmal zu befragen. Ich habe sie in die Ambulanz geschickt, nachdem meine Kollegin das Wichtigste aufgenommen hatte.“ Devers seufzte schwer und fuhr sich mit einer fahrigen Handbewegung durch das krause Haar. „Wir haben noch Glück gehabt. Eine Blutlache hatte das Laken voll gesogen - andernfalls hätte das Zimmermädchen vielleicht gar keinen Verdacht geschöpft.“

„Was hatte es überhaupt in dem Zimmer zu suchen, solange Dommacher noch drin war?“, hakte Rudi nach.

„Ein Versehen. Die junge Frau hat nicht damit gerechnet, dass Dommacher noch da ist – und es war weder abgeschlossen, noch war das Schild ‚Bitte nicht stören’ nach draußen gehängt.“

In diesem Moment wurde gerade der Metallsarg mit Dommachers sterblichen Überresten durch das Foyer getragen.

Der Gerichtsmediziner Dr. Claus von der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst, folgte mit an den Körper gepresstem Arztkoffer den Trägern. Er begrüßte uns knapp. Wir kannten ihn gut.

Schließlich hatten wir mit Dr. Claus bereits in Dutzenden von Fällen gut zusammengearbeitet.

„Tut mir leid für den Kollegen“, sagte Dr. Claus. „Für die Obduktion brauche ich zweieinhalb bis drei Stunden.“

 

 

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