Logo weiterlesen.de
Mörderisches Monaco

Informationen zum Buch

Mord d´Azur

Kommissarin Coco Dupont freut sich auf ihre neue Aufgabe als Ermittlerin im mondänen Monaco. Hier glaubt sie, nach einer gescheiterten Ehe zur Ruhe zu kommen – fälschlicherweise. Denn während die Vorbereitungen für das berühmte Formel-1-Rennen laufen, erschüttert ein grausames Verbrechen die heile Welt des Fürstentums: Die Frau und das Kind eines deutschen Formel-1-Piloten werden Opfer eines Anschlages. Der Verdacht fällt auf eine junge Frau, die den Rennfahrer seit längerem verfolgt. Doch war die Stalkerin tatsächlich fähig, aus Eifersucht kaltblütig zu töten?

Ein packender Kriminalroman vor der beeindruckenden Kulisse Monacos.

»Eine neue frische Stimme – und sie kann erzählen. Wundervoll!« Klaus-Peter Wolf

»Die Formel 1 hat Platz für einen Krimi! Zumindest gibt es im Hintergrund genug Intrigen!« Kai Ebel

Hätte Anca Bergmann gewusst, dass sie an diesem Tag ihrem Mörder begegnen würde, wäre sie nie zur Tür gegangen, um diese zu öffnen. Sie hätte die ersten Takte von Beethovens Elise, die ertönten, wenn jemand den Klingelknopf betätigte, ignoriert, und so getan, als sei sie nicht zu Hause.

Oder, hätte sie geahnt, dass sie ihrem Schicksal nicht entkommen konnte, ihr Kind noch einmal in den Arm genommen, dem Jungen ein letztes Mal über die rotblonden Locken gestrichen, die in alle Richtungen von seinem Kopf abstanden, ihm noch einen Abschiedskuss auf die Stirn gegeben. Möglicherweise hätte sie für einen letzten Moment ihr privilegiertes Leben zu schätzen gewusst, den Luxus, mit ihrer Familie an einem Ort leben zu dürfen, an dem andere Menschen bestenfalls Urlaub machten.

Doch sie war völlig ahnungslos. So ließ sie ihren Sohn weiterhin im Garten herumtollen und nahm die rosa- und lilafarbene Blütenpracht der Magnolienbäume, die das Grundstück umgaben und durch deren Zweige hindurch das zarte Blau des Meeres flirrte, gar nicht wahr.

In Gedanken versunken zwirbelte sie ihre karamellblonden Haare zu einer Strähne zusammen und kontrollierte, ob sich in den Spitzen Spliss gebildet hatte. Sie fröstelte ein wenig, daher zog sie sich eine hellbraune Kaninchenfellweste über ihre dünne Seidenbluse, bevor sie an die Terrassentür trat und den fünfjährigen Lucas beobachtete, der mit dem Hund spielte, den er zu Weihnachten bekommen hatte. Sie lächelte bei seinem unbeholfenen Versuch, den schwarz-weiß gefleckten Bichon festzuhalten, der sich den kleinen Kinderhänden mit Leichtigkeit entzog und schnurstracks im Gebüsch verschwand. Ihre Gedanken schweiften ab zu jener denkwürdigen Begegnung, die sie ein paar Tage zuvor gehabt hatte, und ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. War sie zu weit gegangen?

Erneut fiel ihr Blick aus dem Fenster. Welch trügerische Idylle, dachte sie. Ihre Villa lag im Nordwesten von Beausoleil, einem kleinen Ort in den französischen Seealpen, der direkt an das Fürstentum von Monaco grenzte. Von der Terrasse aus hatte sie freien Blick auf die Bucht von Monte Carlo, in der sich schon an diesem Tag, zweiundsiebzig Stunden vor dem Großen Preis von Monaco, dem spektakulärsten Formel-1-Rennen der Saison, noch mehr Yachten als sonst zum protzigen Stelldichein eingefunden hatten. Still und doch aufdringlich lagen sie im blauen Wasser der Côte d’Azur und waren in dem Bemühen ihrer Eigentümer, das jeweils benachbarte Boot an Größe, Wert und Individualität zu übertrumpfen, kaum voneinander zu unterscheiden. Ihre Besitzer saßen bei frühsommerlichen vierundzwanzig Grad in der strahlenden Maisonne und genossen zusammen mit ihren illustren Gästen Champagner und Canapés an Deck.

Ausnahmezustand in Monaco, wie jedes Jahr im Frühling, wenn der Formel-1-Zirkus rund um Bernie Ecclestone in dem kleinen Fürstenstaat gastierte und Prominente, Wannabes und Motorsportfans aus aller Welt anlockte. Vermögende Russen mischten sich unter die Starlets aus der Regenbogen-Schickeria, Zocker ließen im Casino die Roulettekugel kreisen, während Edelhuren dem besten Geschäft des Jahres nachgingen und diverse Ganoven darauf hofften, einen Teil jenes unermesslichen Reichtums abzubekommen, der an diesem Ort so hemmungslos zur Schau gestellt wurde.

Aus der Ferne konnte Anca Bergmann das Brummen der Motoren erahnen, das sich beim Näherkommen in ein ohrenbetäubendes Dröhnen verwandelte und die Besucher, die am Rande der Rennstrecke saßen, zwang, ihre Ohren mit Kopfhörern oder Ohropax zu schützen. Wochenlang war das Ereignis des Jahres vorbereitet worden: Um aus dem kleinen Fürstentum eine vollwertige Grand-Prix-Strecke zu machen, säumten nun kilometerlange Leitplanken, riesige Reifenstapel und meterhohe Tribünen die Straßen. An den wichtigsten Punkten des Circuit de Monaco waren gewaltige Kräne installiert, um den engen Stadtkurs, der über keinerlei Auslaufzonen für die Rennwagen verfügte, im Notfall schnell von einem verunglückten Formel-1-Boliden befreien zu können. Auf der Strecke, die trotz des geringen Durchschnittstempos als eine der gefährlichsten der Welt galt, lief in diesem Moment das freie Training für den Großen Preis am darauffolgenden Sonntag. Anca Bergmann konnte sich genau vorstellen, wie die Piloten ihre hochgerüsteten Rennwagen geschickt an dem berühmten Casino de Monte Carlo vorbeilenkten, durch die v-förmige Haarnadelkurve am Fairmont-Hotel rasten, um dann im Tunnel unter dem selbigen zu verschwinden. Im Anschluss würden sie durch die Kurve am Schwimmbad rauschen, in der einst der italienische Rennfahrer Alberto Ascari mit seinem Ferrari auf spektakuläre Weise ins Hafenbecken gestürzt und von Aristoteles Onassis’ Matrosen gerettet worden war, um dann, nur vier Tage später, bei einer Testfahrt ums Leben zu kommen.

Das Risiko der Strecke war hoch, damals wie heute. Für ihren Mann, den Formel-1-Fahrer Sebastian Bergmann, mit dem sie seit einigen Jahren hier lebte, war es ein Rennen mit Heimvorteil. Er kannte jeden Quadratzentimeter des Fürstentums, die Strecke war sein Zuhause, jede Kurve, jede Neigung, jede Bodenwelle war ihm vertraut. Dennoch würde ein Sieg nicht einfach werden. Der amtierende Weltmeister und Sebastians Teamkollege im Rennstall United, der Russe Alexander Titow, war Sebastian seit geraumer Zeit immer um eine Nasenlänge voraus, immer eine Sekunde schneller, immer eine Stufe höher auf dem Siegertreppchen. Sie wünschte ihrem Mann so sehr, dass er das Schattendasein der ewigen Nummer zwei endlich hinter sich lassen könnte. Irgendwann würde Sebastian Weltmeister sein, und sie würde an seiner Seite glänzen …

Doch dann riss sie das melodiöse Klingeln der Türglocke aus ihren Gedanken.

1

Coco Dupont lehnte ihre Stirn an die Scheibe und warf einen leicht verklärten Blick aus dem Flugzeugfenster. Die Boeing befand sich bereits im Landeanflug auf die südfranzösische Hafenstadt Nizza, musste kurz vor dem Festland aber noch eine scharfe Kurve einlegen, um den Flughafen im richtigen Winkel vom Wasser aus anzufliegen. Die Landebahn war auf einer kleinen Halbinsel so nah am Ufer gelegen, dass der Eindruck entstand, die Maschine würde direkt auf der Wasseroberfläche aufsetzen. Die hellen Steine, die zwischen dem Festland und dem Wasser aufgeschüttet lagen, schienen zum Greifen nahe. Und selbst als die Maschine gelandet war und die Parkposition bereits erreicht hatte, konnte Coco das Meer noch sehen, dessen Oberfläche im hellen Sonnenlicht verheißungsvoll glitzerte. Auf der Landseite wurde der Flugplatz von Palmen gesäumt, deren sattgrüne Wedel sich leicht im Wind hin- und herbewegten und sie sofort in Urlaubsstimmung versetzten.

Eine Stimmung, von der sie hoffte, dass sie ihr helfen würde, die Vergangenheit zu verarbeiten, oder, wenn das nicht möglich war, sie zumindest ruhen zu lassen. Verzeihen würde sie sich nie. Aber würde sie es schaffen, damit zu leben? Sie hatte ein Menschenleben auf dem Gewissen. Und die Gedanken daran holten sie immer wieder ein. Unerbittlich. Auch jetzt, als sie durch das Flughafengebäude ging, musste sie daran denken. Sie sah Blut. Tod. Verlust.

Sie zog ihren kleinen Rollkoffer hinter sich her wie all die anderen Menschen, die hier gelandet waren. »Monaco is a sunny place for shady people«, hatte William Somerset Maugham einmal gesagt. Der englische Schriftsteller dürfte gewusst haben, wovon er redete, hatte er doch mehr als dreißig Jahre seines Lebens an der Côte d’Azur verbracht. Coco hoffte jedoch, dass er einfach nur maßlos übertrieben hatte, wie Romanciers das nun mal gerne taten.

Eigentlich war ihre Ankunft an diesem Tag so wie damals, als sie noch gemeinsam mit ihren Eltern hierhergekommen war, um die schulfreie Zeit mit der Familie in ihrem Appartement in Monaco zu verbringen. Die vertrauten Gänge durch das Flughafengebäude, der Weg zum Vorplatz, an dem die Taxis und Busse für die Passagiere bereitstanden, um sie ins Zentrum von Nizza, in die Filmstadt Cannes, das Fürstentum Monaco oder in das berühmte Seebad Antibes, Juan-les-Pins zu bringen.

Damals war lange her. Die Bilder waren dennoch geblieben, hatten sich förmlich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Ihre Kinderbeine, zu kurz, um mit denen ihres Vaters Schritt zu halten.

Obwohl Coco nicht unter Zeitdruck stand, ging sie eiligen Schrittes über die leicht abgenutzten Marmorfliesen des Aéroport Nice Richtung Ausgang. Das Bestreben, immer schneller sein zu müssen als alle anderen, war etwas, das sie, ohne es zu wollen, von ihrem Vater übernommen hatte. Sie zwang sich, langsamer zu gehen. Und fragte sich, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, die Stelle bei der Sûreté publique, der Polizei im Fürstentum Monaco, anzutreten. Doch es gab, zumindest in absehbarer Zeit, keine andere Lösung. Zu viel verbrannte Erde hatte sie neben dem angesehenen Posten einer Oberkommissarin in Toulouse hinterlassen, verscherzte Freundschaften, eine zu Bruch gegangene Ehe.

Die Ausschreibung der Sûreté war ihr wie eine Erlösung erschienen, die perfekte Gelegenheit, einfach davonzulaufen, die Trümmer der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ein Neuanfang par excellence.

Ganz unbewusst war sie beinahe wieder in einen Laufschritt gefallen. Obwohl sie schon unzählige Male in Nizza gelandet war, fühlte es sich diesmal doch irgendwie anders an. Endgültiger.

Noch während sie ihren unruhigen Gedanken nachhing, entdeckte sie ihren Freund Nicolai, der am Ausgang des Sicherheitsbereiches auf sie wartete. Es war ewig her, seit sie sich zuletzt gesehen hatten, mehrere Jahre, doch er hatte sich kaum verändert. Immer noch dieselbe drahtige Figur, der lässige Look, Jeans und T-Shirt. Man sah ihm nicht unbedingt an, dass er sehr vermögend war. Sein bubenhaftes Gesicht war etwas älter geworden, schmaler und hatte ein paar Falten weniger. Sie hatten sich in den Neunzigern in Monaco kennengelernt, eine kurze Romanze gehabt. Nichts Ernstes, für eine Beziehung waren sie damals beide viel zu jung gewesen. Trotzdem hatten sie sporadisch Kontakt gehalten, auch wenn sie sich zwischendurch immer wieder einmal für längere Zeit aus den Augen verloren hatten. Neuigkeiten aus Nicolais Leben erfuhr Coco hin und wieder aus der Presse, zum Beispiel, dass er eine bekannte amerikanische New-Country-Sängerin geheiratet, sich aber unter großer Aufmerksamkeit der Klatschblätter wieder von ihr hatte scheiden lassen.

Coco hatte sein Angebot, sie vom Flughafen abzuholen, dankbar angenommen. Es gab ihr ein wenig Sicherheit, jemanden aus der guten alten Zeit wiederzusehen. Sie umarmten sich kurz, dann musterte Nicolai sie eingängig.

»Coco, ich muss zugeben, du siehst gut aus. Knackig. Der Babyspeck ist endlich weg.«

»Nico …«

»Aber was ist mit deinen Haaren passiert? Müsst ihr Mädels immer gleich eure Weiblichkeit abgeben, wenn ihr einen Männerberuf ergreift? Ist das Job-Voraussetzung? Schnipp, schnapp, Haare ab?« Er grinste. »Aber immerhin, du hast dich von dem Straßenköter auf deinem Kopf getrennt! Das Blond steht dir!«

Etwas widerwillig musste sie lachen. Es war genau wie früher, Nicolai hatte immer einen lapidaren Spruch auf Lager.

»Du bist unmöglich! Aber danke für’s Abholen. Wo steht dein Wagen?«

Nicolai nahm ihr den Koffer ab und ging zielstrebig los. In diesem Moment erinnerte er sie an ihren Vater.

»In ’Naggo ist wie immer die Hölle los. Mit dem Auto kommst du keinen Meter weit. Aber du kennst das ja! Selbst die kleinsten Seitenstraßen sind gesperrt wegen des Rennens. Es wird jedes Jahr schlimmer! Gestern habe ich eine Dreiviertelstunde vom Hafen bis zum Jimmy’z gebraucht. Und das sind nun wirklich höchstens drei Kilometer.« Das Jimmy’z war einer der berühmtesten Nachtclubs Europas, in dem sich Leute aus aller Welt zu den wildesten Partys trafen. Zumindest, wenn sie kein Problem damit hatten, am Formel-1-Wochenende ein paar hundert Euro nur für den Eintritt zu bezahlen und dann für eine Magnumflasche Champagner noch einmal fünf Tausender auf den Tisch zu legen. »Wäre ich bloß zu Hause geblieben. Oder besser gleich weggeflogen!« Genervt verdrehte Nicolai die Augen und winkte Coco hinter sich her. »Wir nehmen den Heli. Der ist schneller.«

»Du hast dich kaum verändert. Den Heli. Warum ein stinknormales Auto nehmen, wenn es auch einen Hubschrauber gibt«, entgegnete Coco sarkastisch.

»Ach Blödsinn! Dieses ganze Schickimicki-Getue geht mir schon lange am Arsch vorbei! Aber ich bin Geschäftsmann und kann rechnen. Der Heli kostet nicht viel mehr als ein Taxi. Und ist bedeutend schneller!«

Sie folgte Nicolai durch die Gänge des Flughafens zum Heliport, wo bereits einer der Shuttlehubschrauber, die zweimal pro Stunde zwischen Nizza und Monaco hin- und herflogen, startbereit war. Heli Air Monaco stand in großen Lettern darauf. Vor ihnen stieg eine ältere Dame mit angespannter Miene und einer auffällig verkleinerten Nase in den Helikopter ein und nahm samt der obligatorischen Designertasche auf einem der schwarzen Ledersessel hinter dem Piloten Platz.

»Ein paar Teile der Dame sind sicherlich schon siebzig«, flüsterte Nicolai Coco zu und grinste. Auch sie musste lachen. Sie hatte das Gefühl, dass in Monaco die Klischees bezüglich der vermögenden Klasse nicht nur geboren, sondern von der Realität noch haushoch übertroffen wurden. Nicolai hievte ihren Koffer in den Helikopter und ließ sie dann einsteigen.

»Geh du nach vorne, da siehst du am besten.« Coco nickte dem Piloten zu, der bereits sein Headset trug, und setzte sich auf den zweiten Vordersitz. Ihr Blick fiel auf das Armaturenbrett mit den vielen Anzeigen, Instrumenten und Hebeln, mit denen der Pilot routiniert hantierte. Schnell setzten sich die Rotorblätter in Bewegung, und sie hoben ab. Schwungvoll glitt der Hubschrauber über die glatte, knallblaue Wasseroberfläche, auf der sich das Sonnenlicht wieder glitzernd spiegelte. Der Blick aus dem Helikopter war atemberaubend und sehr viel direkter als der aus dem Flugzeug. Sie überflogen ein paar Yachten, die nicht weit von den Häfen entfernt vor Anker lagen. In der Ferne entdeckte Coco ein gigantisches Kreuzfahrtschiff, das sich vermutlich auf dem Weg nach Monte Carlo befand, um den Passagieren Gelegenheit zu geben, den Fürstenpalast oder das berühmte Spielcasino zu besuchen und sich anschließend auf den schicken Teakholzmöbeln auf der Terrasse eines der Restaurants im Hafen niederzulassen, um unter freiem Himmel eine frische Dorade vom Grill zu genießen.

Nur sieben Minuten später tauchte vor ihnen der kleine Heliport Monaco auf, wo sie sanft auf einem der eingezeichneten großen gelben Kreise landeten. Sobald der Rotor stillstand, stiegen sie aus dem Hubschrauber und folgten dem Mann, der sie vor der Maschine in Empfang genommen hatte und sie nun in die Halle des kleinen Flugplatzes begleitete. Kaum hatte Coco monegassischen Boden betreten, fühlte sie, wie die Last, die sie bislang mit sich herumgetragen hatte, wenigstens ein wenig von ihr abfiel. Es war der Geruch des Meeres, die samtige Luft, der Geschmack von Salz auf den Lippen. Das strahlend blaue Wasser, die seichten Wellen, das helle Licht der Mittelmeersonne und die farbenfrohen Blüteninseln, die allenthalben die Wege säumten, versetzten sie in Urlaubsstimmung, obwohl sie zum Arbeiten hierhergekommen war.

»Respekt, das ging wirklich schnell!«

»Sag ich doch, und kaum bist du da, hast du schon einen Kerl, der dir den Koffer hinterherschleppt. Das würde sonst keiner für dich tun, von den Angestellten mal abgesehen«, entgegnete Nicolai. »Und? Wann fängst du an zu arbeiten?«

»Am Montag.« Coco hoffte, dass sie hier auf dem Heliport keinem ihrer neuen Kollegen von der Sûreté publique begegnen würde. Sie fürchtete, eine Kommissarin, die im Hubschrauber anrückte, würde bei den Kollegen einen etwas überspannten Eindruck erwecken.

»Und wieso kommst du dann freiwillig schon an diesem Wochenende her? Du musst verrückt sein, bei dem Zirkus! Ich hoffe, du hast nichts gegen einen kleinen Spaziergang! Es hat keinen Sinn, den Shuttleservice von hier aus in Anspruch zu nehmen. Die Straßen sind im Moment viel zu voll!«

»Kein Problem! Ich gehe gerne zu Fuß!« Sie liefen vom Heliport durch den kleinen, relativ unbekannten Hafen von Fontvieille, einem der neueren Stadtviertel von Monaco. Fontvieille lag auf der anderen Seite des großen Felsens, auf dem der berühmte Fürstenpalast thronte und war, im Gegensatz zu den anderen Bezirken, aus Mangel an Bauland auf komplett künstlich aufgeschüttetem Terrain errichtet worden. Von hier aus brauchte man zu Fuß nur eine gute Viertelstunde bis nach La Condamine, dem Bezirk rund um den großen Hafen Port Hercule, wo Cocos Eltern jenes Appartement erworben hatten, in das sie nun einziehen konnte, weil ihre Mutter seit dem Tod ihres Vaters nicht mehr allzu häufig herkam.

»Ich mag die Atmosphäre in Monaco während der Formel 1. Es liegt so eine Spannung in der Luft! Wie ein Knistern. Man ist am Rennen so nah dran wie nirgendwo sonst.«

»Na, dann!« Nicolai kniff ihr in die Seite. »Dünn bist du geworden, aber das steht dir«, neckte er Coco.

Sie liefen am Jardin Animalier, dem kleinen Zoo von Monaco vorbei, von dem aus man, weil er direkt in den großen Felsen gebaut war, einen fantastischen Blick über den Hafen von Fontvieille hatte und der, abgesehen von diversen Kleintieren, immerhin auch ein Nilpferd beherbergte.

»Warst du schon mal hier im Zoo?«, fragte Nicolai, während er mit dem Kinn in Richtung Felsen wies.

»Ja, früher mal, ist aber ewig her, als ich noch ein Kind war. Und du?«, entgegnete Coco amüsiert.

»Klar. Mit meiner Tochter.«

Sofort zog sich Cocos Magen zusammen. Das bedrückende Gefühl war wieder da. Es kam wie ein Keulenhieb, so schnell, dass sie nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Doch sie wollte sich nichts anmerken lassen.

»Du hast eine Tochter?«, fragte sie daher nur knapp. Damit hatte sie nicht gerechnet. Coco hatte Nicolai, den erfolgreichen Selfmademillionär, immer als Playboy angesehen, der die Frauen schneller wechselte als Formel-1-Fahrer ihre Reifen.

»Ja. Chanel.«

»Was?«

»Meine Kleine. Sie heißt Chanel.«

»Wer benennt denn sein Kind nach einer Modemarke?«, entgegnete Coco fast ein wenig ärgerlich.

»Das fragt ja die Richtige! Frauen, die genau die gleichen Taschen tragen wie du«, antwortete Nicolai schnippisch und wies auf das verschränkte Doppel-C auf ihrer schwarz gesteppten Handtasche. Coco war froh, das Thema wechseln zu können, und klopfte mit der flachen Hand auf das Leder.

»Die ist Vintage, wirklich steinalt. Und von meiner Mum.« Coco hatte das Faible für Designerkleidung von ihrer Mutter in die Wiege gelegt bekommen, allerdings konnte sie sich von ihrem Polizistengehalt weder Chanel noch andere Designerstücke dieser Art leisten, erbte aber ab und zu von ihrer Mutter eines, auch wenn sie das heute weit weniger interessierte als noch vor ein paar Jahren. Was bedeutete schon ein bisschen teures Leder, wenn man ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte?

»Ja, genau, von einer Mutter, die dir den Vornamen Coco verpasst hat! Eins zu null für mich.« Nicolai grinste, konnte er doch nicht wissen, dass er gerade einen extrem wunden Punkt bei ihr getroffen hatte. Sie nickte dennoch, spielte das Spiel mit, hatte keine Lust auf Erklärungen.

»Coco ist nur ein Spitzname, mein Lieber, und immerhin ein Vorname. Aber gut!« Sie brachte mühsam ein Lächeln zustande. Dann gingen sie weiter und überquerten den Place d’Armes, wo jeden Vormittag, selbst sonntags, Marktleute frisches Gemüse, Geflügel und Fische feilboten, liefen die roten Treppen am Ende des Platzes hinab, um vor dem großen Hafenbecken auf dem Boulevard Albert 1er wieder herauszukommen. Überall wimmelte es nur so von Touristen, die einen Blick auf die Rennstrecke und die Fahrer erhaschen wollten. An jeder Ecke standen Polizisten mit Trillerpfeifen, die versuchten, dem Chaos auf den Straßen Herr zu werden. Das waren also ihre neuen Kollegen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt einen Polizeibeamten mit einer Pfeife gesehen hatte.

»Sie stehen an diesem Wochenende überall«, meinte Nicolai. »Und Vorsicht, wenn du zu Fuß unterwegs bist! Man sagt, du kannst in Monaco eher betrunken Auto fahren als an der falschen Stelle die Straße überqueren!«

Kopfschüttelnd bahnten sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge, vorbei an den Tribünen, auf denen sich bereits Tausende von Zuschauern eingefunden hatten, um das freie Training zu verfolgen. Das ohrenbetäubende Heulen der Rennwagen erfüllte die Luft und brachte Coco auf andere Gedanken.

»Hör doch mal!«, rief sie Nicolai zu. »Das ist Sport zum Anfassen, da fühle ich mit! Ich finde, das ist irgendwie elektrisierend. Nirgendwo rasen die Fahrer so schnell und so nah an den Leitplanken entlang, jeder Fehler kann das Aus bedeuten, vielleicht sogar den Tod. Hier spürt man die Gefahr. Sie liegt einfach in der Luft!«

»Und das gefällt dir?« Nicolai blickte sie herausfordernd an, während er in Schlangenlinien den Menschen auswich, die ihnen entgegenkamen.

»Die müssen wissen, was sie tun! Sie sind ja schließlich für sich selbst verantwortlich. Und verdienen damit jede Menge Geld.«

»Ich entdecke noch ganz neue Seiten an dir. Die Arbeit mit Verbrechern scheint dir gutzutun!«

»Wie witzig.«

»Mal im Ernst. Ich verstehe nicht, was an der Formel 1 so spannend sein soll.«

»Na ja, vielleicht nicht überall. Aber hier ist es wirklich etwas Besonderes. Kennst du nicht den Spruch von Nelson Piquet?«

»Nee. Wer soll das sein?«

»Der war mal Weltmeister!« Coco verdrehte entrüstet die Augen. »Wie kann man nur in Monaco leben und so wenig Ahnung von Motorsport haben? Piquet hat gesagt, Formel 1 fahren in Monaco ist wie Hubschrauber fliegen im Wohnzimmer.«

»Kommt ganz auf die Größe des Wohnzimmers an!« Er lachte. »Trotzdem. Ich kann der Formel 1 nichts abgewinnen. Die Typen riskieren ihr Leben dafür, im Kreis zu fahren. Ist doch echt behämmert! Das Einzige, was mir an denen gefällt, sind ihre Frauen. Ich hab mal ein paar von denen gevögelt. Die machen alles, was du willst.«

»Nicolai!« Coco zog die Augenbrauen hoch.

»Ich meine es ernst. Anscheinend müssen diese Typen irgendwo ihre perversen Neigungen ausleben. Wahrscheinlich wird man so, wenn der Tod ständig mitfährt. Und die Weiber machen das mit! Für ein paar glitzernde Klunker tun die alles.«

»So genau wollte ich das gar nicht wissen!« Coco blieb vor dem Wohnkomplex stehen, in dem sich das Appartement ihrer Eltern befand. Von nun an ihr neues Zuhause, nicht sonderlich groß, aber mit einem sensationellen Blick über den Hafen von Monaco.

»Und du? Hast du keinen vermögenden Gönner, der dir Geschenke macht? Das ist doch alles, was ihr Mädels wollt«, merkte Nicolai spöttisch an.

»Na, du hast ja eine tolle Meinung von uns Frauen«, entgegnete Coco knapp. »Glaub mir, letztlich kommt es doch auf ganz andere Dinge an. Und Geschenke gehören nicht dazu.«

»Da bist du dann wohl die große Ausnahme, oder was? Dann müsstest du ja eigentlich glücklich verheiratet sein …«

»Verheiratet, ja«, entgegnete sie knapp.

»Erzähl!«, forderte er sie auf, doch just in diesem Moment klingelte ihr Smartphone. Selten war sie so froh über das Läuten wie in diesem Moment. Sie hatte nämlich nicht vor, mit Nicolai über ihre Ehe zu reden. Auf dem Display sah sie die Nummer der Sûreté publique.

»Ja?«

»Coco? Hier ist Noëlle! Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie jetzt schon überfalle. Sie sind doch schon in Monaco, oder? Wir haben einen Fall. Und Sie müssten sofort los.« Noëlle war ihre neue Assistentin oder genauer gesagt, ihre und die ihres zukünftigen Kollegen Henri Valeri, der schon seit vielen Jahren bei der Polizei in Monaco arbeitete.

»Ich habe soeben erst monegassischen Boden betreten! Ich war noch nicht einmal in meiner Wohnung!«

»Ja. Tut mir auch echt leid. Aber Mörder halten sich nun mal nicht an unsere Dienstzeiten«, entgegnete Noëlle. »Ich weiß, dass Sie eigentlich erst am Montag anfangen. Aber der Fall ist extrem wichtig.«

»Mag ja sein. Aber ich habe noch nicht mal meinen Koffer abgestellt.« Coco schnaufte. »Ich rufe Sie gleich zurück.« Dann legte sie auf.

Das war nicht die Ankunft, die sie sich vorgestellt hatte. Eigentlich hatte sie am Wochenende nur zu Fuß ein wenig durch Monaco schlendern wollen, ihre alten Lieblingsplätze abklappern, wie zum Beispiel den Plage Mala, den Strand im benachbarten französischen Örtchen Cap d’Ail, den man nur mit dem Boot oder über die vielen Treppenstufen eines schmalen Serpentinenpfades entlang der Felsen erreichen konnte, um in Erinnerungen zu schwelgen und zu sehen, was sich in den vergangenen Jahren alles verändert hatte. Und: Sie hatte ganz entspannt aus nächster Nähe den Großen Preis von Monaco miterleben wollen. Aber nun sah es nicht mehr danach aus, als ob ihre Pläne aufgehen würden. Sie beschloss, sich nicht weiter darüber zu ärgern. Zumindest kam sie so darum herum, Nicolai weitere Auskünfte über ihr Privatleben geben zu müssen.

2

Nur eine halbe Stunde zuvor hatte ein Beamter in der Notrufzentrale den Anruf entgegengenommen.

»Wo genau befinden Sie sich? Wie lautet die Adresse?«

»Ich brauche Hilfe, ich brauche Hilfe, ich glaube, sie sind beide tot!«, schrie die Frau am anderen Ende der Leitung. Er kannte solche Situationen. In den meisten Notfällen standen die Menschen unter Schock und konnten nicht mehr klar denken.

Leben. Oder Tod. Wenige Sekunden konnten entscheidend sein.

»Bleiben Sie ganz ruhig. Wo sind Sie gerade?«

»Hier ist Blut, überall Blut«, schluchzte die Frau.

»So beruhigen Sie sich doch. Ich muss wissen, wo Sie sind. In welchem Ort? In welcher Straße? Wo sind Sie?«

»Blut, überall Blut. O Gott, helfen Sie mir …« wimmerte die Frau. »Das ganze Blut …«

»Hallo!«, unterbrach er sie lautstark und bemühte sich um einen möglichst autoritären Tonfall. Anders konnte man Menschen in so einer Situation nicht erreichen. »Sie sagen mir jetzt ganz einfach, wo Sie gerade sind, verstanden?« Immer noch schluchzend gab die Frau ihm die Adresse durch. Schnell tippte er die Angaben in den Computer ein. »Und jetzt sagen Sie mir bitte genau, was passiert ist.«

»Jemand hat sie erschlagen! Und jetzt liegen sie da in dem ganzen Blut!«

»Sind Sie alleine?«, fragte er sie, um abzuschätzen, ob sich die Frau möglicherweise in akuter Gefahr befand.

»Ja, ganz allein! O Gott, was soll ich nur machen?« Aus der Leitung drang wieder ein heftiges Schluchzen.

»Hören Sie mir gut zu«, sagte der Beamte eindringlich. »Ist der Angreifer noch in der Nähe?« Auf der anderen Seite wurde es still. Offenbar versuchte die Zeugin, sich zu orientieren.

»Ich weiß es nicht«, wimmerte sie dann erneut. »O Gott, ich weiß es nicht. Bitte helfen Sie mir!«

Hoffentlich kommen wir nicht zu spät, dachte der Beamte, bevor er den Rettungsdienst informierte.

3

Rund fünfhundert Meter hoch über der Bucht von Monaco saß Kommissar Henri Valeri in einem seiner Lieblingsrestaurants beim Mittagessen, dem Café de la Fontaine, einer kleinen Brasserie in der am Berghang gelegenen Ortschaft La Turbie.

Es war ein ungewöhnlicher Frühlingstag, an dem das Wetter von einer Sekunde auf die andere wechselte. Soeben hatte es leicht zu nieseln begonnen, und der Wind war plötzlich so frisch geworden, dass Valeri sich entgegen seiner sonstigen Gewohnheit und unter dem missbilligenden Blick seines Freundes Stéphane Roux, einem hiesigen Tierarzt, sogar ins Innere des Restaurants zurückgezogen hatte. Das Bistro mit seinem typisch französischen Ambiente war bekannt für seine einfache, aber hochwertige Hausmannskost mit italienischem Einschlag. Die Tische waren eng aneinandergerückt, so dass die Gäste immer in nahem Kontakt zu den Tischnachbarn saßen, was die lebendige Atmosphäre, die sich durch die bunte Gästemischung aus Rentnern, Handwerkern, Playboys, Hausfrauen und Millionären ergab, noch unterstrich.

Valeri verspürte ein Zwicken im Magen, ein Unwohlsein, und das lag nicht allein an dem Hungergefühl, das ihn schon seit einer guten Stunde malträtierte. Es war Inés, seine Frau, die ihn beschäftigte, auch wenn er sich den Vormittag über mehr als bemüht hatte, die Gedanken an sie zu verdrängen. Sie würde enttäuscht sein. Und zu Recht wütend. Mehrfach hatte sie darauf hingewiesen, wie viel ihr daran lag, dass er bei der Präsentation ihres neuen Romans dabei sein würde. Und doch konnte er sich nicht dazu durchringen. Er verabscheute die Öffentlichkeit, das Im-Mittelpunkt-stehen, die Fragen von Journalisten, die Blitzlichter der Fotografen und alles, was sonst noch dazugehörte. Er hatte solche Veranstaltungen schon immer gemieden wie der Teufel das Weihwasser, und obwohl es diesmal um die Buchvorstellung seiner eigenen Ehefrau gehen sollte, hatte er vor, sich darum zu drücken. Vermutlich eine falsche Entscheidung. Ob er mit Stéphane darüber reden sollte? Er überlegte einen Moment, dann entschied er sich dagegen und wandte sich wieder seinem Essen zu. Mit einem Stück Baguette nahm er den letzten Tropfen Sud seiner Artischocken à la Barigoule aus dem kleinen Tontopf vor sich auf, als der Kellner den Hauptgang brachte.

»Bon appétit!«, murmelte dieser, bevor er sich wieder entfernte. Valeri genoss den letzten Rest der fast sirupartigen Flüssigkeit mit dem Geschmack von Olivenöl, frischen Artischocken, wilden Pilzen und natürlich Thymian, dem Gewürz, dem das entrée seinen Namen verdankte. Er war froh, dem Formel-1-Zirkus unten im Ort für einen Moment entkommen zu sein. Nur selten verirrten sich Touristen in das Fontaine, und so waren sie hier oben weitestgehend unter sich.

Er blickte seinen Freund Stéphane an, der sich gerade seine dunklen, kinnlangen Haare hinter die Ohren strich und ihm durch seine randlose Brille zuzwinkerte.

»Du glaubst nicht, was ich heute wieder in der Praxis erlebt habe«, sagte er und machte sich über die letzte Schnecke auf seinem Teller her.

»Bitte nicht schon wieder eine Geschichte von deinen egozentrischen Kunden«, entgegnete Valeri etwas unwirsch, obwohl er in diesem Moment froh über jede Ablenkung war. Stéphane, der ihm seine mürrische Art nicht übel nahm, hob das Schneckenhäuschen mit der Zange aus der Pfanne und hielt es ihm entgegen. Er kannte Valeri gut genug, um zu wissen, dass dieser sich seine Geschichte anhören würde, obwohl sein Freund die Leute, mit denen er als Tierarzt tagein, tagaus zu tun hatte, von ganzem Herzen verachtete.

»Meine Kundin wäre vermutlich mehr als pikiert, wenn sie sehen würde, dass ich Schnecken verspeise.«

»Mal wieder eine militante Tierschützerin?«, antwortete Valeri ungerührt.

»Nein. Eine Sterneköchin.« Vorsichtig zog er das Fleisch mit der Gabel aus dem Schneckenhaus und verspeiste das Tier mit sichtlichem Hochgenuss. Dann tupfte er sorgfältig mit einem Stück Baguette die restliche Kräuterbutter aus dem Gehäuse. »Der Dame gehört ein Gourmetrestaurant in Nizza, Schnecken sind ihre Spezialität. Ich habe selbst schon dort gegessen, die Küche ist exzellent. Heute erscheint diese Frau in meiner Praxis, eine kleine Dose in der Hand, und sagt zu mir: ›Meiner Schnecke geht es schlecht!‹«

»Wie bitte?« Valeri blickte Stéphane verwundert an und schob seine dunkle, breitrandige Brille hoch. Er wusste wirklich nicht, worauf sein Freund hinauswollte.

»Pass auf, eines Morgens kommt sie in ihre Küche und entdeckt am Waschbecken eine Schnecke, die gerade langsam am Rand entlangkriecht. Offenbar war ihr am Vorabend bei der Zubereitung des Cassoulet von Weinbergschnecken eines der Tiere entwischt. Sie hält das für ein göttliches Zeichen und möchte der Schnecke das geschenkte Leben nun unbedingt erhalten. Seitdem lebt das Tier, das sie übrigens Chanceux, das Glückskind, nennt, in einem großen Fischglas in ihrer Küche. Und immer, wenn sie unterwegs ist, hat sie Chanceux in der Handtasche dabei, in einer orangefarbenen Schachtel von Hermès.«

»Ist das ein Witz?« Kopfschüttelnd ließ Kommissar Valeri sein Messer durch das zarte Entenfleisch gleiten, das in einer leicht süßen, reduzierten Rotweinsoße auf seinem Teller lag. Eigentlich war er an die sonderbaren Geschichten seines Freundes gewöhnt, aber eine Weinbergschnecke als Haustier zu halten, erschien ihm doch mehr als schrullig. Seit Stéphane einst den Hund des Fürsten behandelt hatte, war seine Tierklinik bei den vermögenden Haustierbesitzern des Fürstentums von einem Tag auf den anderen zum Hotspot avanciert. Vornehme Damen, deren Hunde und Katzen Diamanthalsbänder trugen, die mehr wert waren als ein Kleinwagen, gingen seit diesem denkwürdigen Tag in seiner Praxis ein und aus, mit all ihren merkwürdigen Vorlieben und Spleens.

Valeri verabscheute diese Leute, diese Neureichen, die Monaco bevölkerten und von dem alten Charme des monegassischen Küstenortes kaum noch etwas übrig gelassen hatten. Gierige Menschen, die sich in mehrstöckige Betonblöcke zwängen ließen, nur um die Einkommenssteuer in ihren Heimatländern zu sparen, Leute, die ihre Seelen für ihren immensen Reichtum verkauften. Gelangweilte Frauen, die bereit waren, Tausende von Euros für eine Handtasche auszugeben, um sich damit von der Masse abzuheben, nur um in diesem Mikrokosmos der feinen Gesellschaft festzustellen, dass hier doch wieder jede die gleiche Tasche trug. Hermès: Das H&M der reichen Leute. Sie alle waren mitschuldig daran, dass Monaco die zweifelhafte Ehre hatte, zum teuersten Standort der Welt gekürt worden zu sein, einem Platz, an dem eine dreißig Quadratmeter große Wohnung anderthalb Millionen Euro kostete. Preise, die sich nur noch wenige der gebürtigen Monegassen leisten konnten, auch wenn deren Wohnungen subventioniert wurden. Valeri hatte selbst in einer vom Fürstentum geförderten Wohnung gelebt, sich aber bald gegen die Enge der Stadt und für mehr Freiheit entschieden und war mit seiner Frau in ein kleines Haus in den Hügeln von Cap d’Ail gezogen, einem kleinen Küstenort, der direkt an Monaco grenzte, aber auf französischem Boden lag. Bloß keine weiteren Gedanken an Inés! Sonst würde ihn das schlechte Gewissen doch noch erwischen.

Er konzentrierte sich lieber wieder auf sein Mittagessen. Die Linsen, die zu dem zarten Entenfleisch gereicht wurden, waren göttlich.

»Und was war nun mit dieser Schnecke?«

»Die Dame war der Meinung, es ginge ihrem Tier nicht gut. Angeblich ist das Glückskind nicht wie sonst im Kreis gekrochen, sondern im Viereck, oder umgekehrt, was weiß ich.« Er verdrehte die Augen. »Und dann habe ich ihr ein paar Globuli gegeben.«

»Und das hilft?«

»Natürlich nicht.« Stéphane lachte auf.

»Dumm sind sie also auch noch! Ich bewundere dich für deine Fähigkeit, diese Leute jeden Tag zu ertragen.« Valeri genoss eine weitere Gabel der Linsen. Sie waren außergewöhnlich fein und hatten wenig mit dem einfachen, etwas rustikalen Geschmack zu tun, den man sonst von Hülsenfrüchten kannte. »Diese Linsen sind wirklich eine kulinarische Offenbarung!«

»Mach mal so«, sagte Stéphane und wies mit der Serviette auf sein Kinn.

»Hm?« Valeri blickte ihn fragend an.

»Du hast da eine kleine …«

»Eine Linse im Bart hat noch niemandem geschadet und zeugt davon, dass es mir geschmeckt hat«, brummte Valeri und wischte sich mit der Serviette über seinen dunkelgrauen Vollbart. Dann zückte er sein kleines Notizbuch, eines von vielen, in die er sich seit Jahren Rezepte aus Restaurants notierte, um die Köstlichkeiten zu Hause nachzukochen. Er besaß die besondere Gabe, aus fast jedem Gericht herausschmecken zu können, was der Koch an Zutaten und Gewürzen verwendet hatte. Er notierte: französische Linsen, Schalotten, Wurzelgemüse, Tomatenmark, Zitrone, Kräuter der Provence.

»Aber irgendetwas fehlt noch …«, sagte er mehr zu sich selbst als zu Stéphane, der ihn amüsiert beobachtete. »Es muss ein ganz besonderer Wein sein!« Er blickte sich um und winkte den Kellner zu sich heran. »André! Sag mir, welchen Wein hat Albert für diese Linsen genommen? Er gibt dem Gericht eine ganz besondere Note und …« Ausgerechnet in diesem Moment klingelte sein Mobiltelefon. Ärgerlich zog er es aus seiner Jacketttasche.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

»Sicher ist es wichtig«, entgegnete Stéphane und angelte sich eine Gabel der soeben besprochenen Linsen von Valeris Teller.

»Ach was. Früher sind wir auch ohne diese Dinger ausgekommen!«, murrte Valeri, bevor er mit widerwilliger Miene die Gesprächstaste drückte. »Ja?«, blökte er ins Telefon.

»Kommissar?«, fragte seine Assistentin Noëlle am anderen Ende der Leitung.

»Wer denn sonst? Sie haben ja schließlich meine Nummer gewählt!«, antwortete er etwas ungehalten, wovon sich Noëlle aber nicht beeindrucken ließ. Auch wenn ihn ihre stoische Ruhe manchmal auf die Palme brachte, schätzte er sie insgeheim dafür, schließlich wusste er, dass es oft nicht einfach war, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er konnte sich die Stimmungsschwankungen, die ihn mitunter von einer Sekunde auf die andere ereilten, selbst nicht erklären.

»Wo sind Sie gerade?«, fragte Noëlle freundlich.

»In La Turbie.«

»Was machen Sie denn da oben?«

»Essen.« Er bereute es schon jetzt, sein Handy nicht ausgeschaltet zu haben. »Was ist denn nun? Ich bin in der Mittagspause!«

»Wir haben einen Mord«, entgegnete Noëlle knapp. Dann war es still in der Leitung. Valeri brauchte einen Moment, um zu begreifen, was seine Assistentin da gerade gesagt hatte.

»Soll das ein Witz sein?«, antwortete er barsch. Er war nicht in der Stimmung, sich veräppeln zu lassen. Ein Mord in Monaco! Was für eine absurde Vorstellung, dachte er, während er auf ihre Antwort wartete. Ein Mord im sichersten Staat der Welt? Die Polizeidichte hier war ungewöhnlich hoch, ein Polizist für nur rund siebzig Einwohner. Mehr Polizisten als irgendwo sonst. Seit den neunziger Jahren waren zudem überall Kameras installiert. Es gab praktisch so gut wie keinen Fleck mehr in dem kleinen Fürstentum, der nicht von einem elektronischen Auge eingesehen werden konnte. Und Tötungsdelikte gab es hier weniger als anderswo Lottogewinne in Millionenhöhe. Wenn er sich recht erinnerte, lag der letzte Mord rund zehn Jahre zurück.

Ehe er darüber nachdenken konnte, was damals passiert war, fuhr Noëlle fort: »Nicht direkt in Monaco. Oben in den französischen Bergen.« Valeri atmete auf. Frankreich lag außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs, sein Einsatz endete an der monegassischen Grenze.

»Warum rufen Sie mich dann an?«

»Die französischen Kollegen haben Amtshilfe beantragt. Die Frau und der Sohn eines Formel-1-Fahrers wurden schwer verletzt bzw. erschlagen aufgefunden. Das Kind starb auf dem Weg ins Krankenhaus, die Frau liegt, soweit ich weiß, im Koma. Das Haus ist nur ihr Zweitwohnsitz. Sie haben ein Appartement in Monaco.«

»Natürlich! Wahrscheinlich haben sie genau wie alle anderen eine winzige Wohnung hier, nur um Steuern zu sparen. Und obwohl sie mit Sicherheit den Großteil ihrer Zeit in Frankreich verbringen, tricksen sie die Behörden aus und behaupten, ihr Hauptwohnsitz läge im Fürstentum!«, platzte es ärgerlich aus ihm heraus. Noëlle ignorierte seinen kleinen Wutausbruch und zählte die weiteren Fakten auf.

»Es handelt sich um Anca Bergmann, die Frau von Sebastian Bergmann, dem Rennfahrer. Bergmann fährt für das Team United. Ein Deutscher.«

»Auch das noch!« Er konnte sich jetzt schon vorstellen, wie die internationale Presse darauf reagieren würde. Diese sensationsgierige Meute hatte ihm gerade noch gefehlt. Er empfand die Formel 1 ohnehin schon als furchtbaren Zirkus, der ein unüberschaubares Verkehrschaos auslöste, die Preise hochtrieb und Journalisten aus aller Welt anlockte, die nichts Besseres zu tun hatten, als über alles und jeden herzufallen und der Polizei die Arbeit zur Hölle zu machen. Eigentlich hatte er – so wie viele der Einheimischen – vorgehabt, das Fürstentum am Formel-1-Wochenende zu verlassen, aber seine Frau Inés wollte den Presserummel nutzen und den Journalisten unbedingt am selben Wochenende ihren neuen Roman präsentieren und hatte daher darauf bestanden, in diesem Jahr hierzubleiben.

»Die Kollegen sind schon am Tatort. Soll ich Ihnen einen Wagen schicken?« Valeri zog ein paar Scheine aus seinem Portemonnaie und legte sie auf den Tisch. Dann stand er auf.

»Ich habe das Motorrad dabei. Schicken Sie mir die Adresse per SMS.«

»Alles klar. Ach …« Noëlle zögerte einen Moment. »Kommissar?«

»Was?«

»Der Chef ist außer sich. Sie können sich ja vorstellen, wie sehr er um den Ruf des Fürstentums besorgt ist und …«

»Ersparen Sie mir den Vortrag.«

»Ich meine es ernst! Er ist völlig ausgeflippt. Er hat jetzt schon Angst vor dem Druck von oben. Die Familie eines Formel-1-Fahrers! Prominente! Das ist eine Katastrophe, ein Desaster für die Außenwirkung und den Popularitätsindex. Und ich weiß, Sie waren noch nicht mal am Tatort«,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mörderisches Monaco" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen