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Mörderischer Nordseewind

Inhalt

  1. Über den Autor
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Prolog
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  12. Kapitel 8
  13. Kapitel 9
  14. Kapitel 10
  15. Kapitel 11
  16. Kapitel 12
  17. Kapitel 13
  18. Kapitel 14
  19. Kapitel 15

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen.

Prolog

Ich kann mich noch gut erinnern, wie es damals war, als ich als Junglehrer nach Ostfriesland kam. Von der Einstellungsbehörde erhielt ich eine schriftliche Garantie für die Übernahme der Umzugskosten. Das war für mich und meine Frau schon wichtig, weil unsere Mittel nach der langen Ausbildung äußerst knapp waren.

Bereits nach weiteren wenigen Wochen lud mich der Schulleiter ein. Er versprach nicht zu viel und malte meine Zukunft an seiner Schule in rosigen Farben. Er stellte mir das Kollegium vor, das bei mir einen bleibenden Eindruck hinterließ. Da auch die Unterrichtsfächer meinen Vorstellungen entsprachen, stand einer Bewerbung nichts mehr im Wege.

Alles war blendend bestellt. Ein Haus war angemietet. Es lag in Deichnähe und bot dazu frische Luft aus erster Hand. Hagersiel, der neue Schulstandort, bot dazu Gelegenheit für meine Frau, ihre sportlichen Aktivitäten auszuüben.

Es kann an dieser Stelle bereits gesagt werden, dass meine Frau und ich den Wechsel an diesen Standort nie bereut haben, wenn zu Beginn auch unangenehme Geschehnisse vorfielen, die uns stark zu schaffen machten, wie es noch zu berichten gibt. Doch will ich fairerweise zuerst die guten Seiten erwähnen, mit denen wir in Hagersiel empfangen wurden.

Die Einstellungsbehörde beglich die Umzugskosten prompt und rechnete großzügig ab. Außerdem gab sie uns eine schriftliche Garantie für die Zahlung eines langfristigen Darlehens. So kam es, dass wir uns schon nach wenigen Wochen eingelebt und unsere letzten Zweifel überwunden hatten. Wir freuten uns auf die neue Heimat.

Vielleicht soll ich noch erwähnen, wieso wir gerade auf Hagersiel gekommen waren.

Nun, es war an einem kalten Abend im Januar, als ich mich an einem Samstagabend an die Lektüre der Wochenendausgabe der Welt machte. Im Stellenteil stieß ich auf die Anzeige der Samtgemeinde Neuhagersiel, die eine Lehrerstelle am örtlichen Gymnasium ausgeschrieben hatte.

Meine Frau zeigte sich nicht gerade begeistert, doch nach langen Gesprächen wurde ihr der Gedanke, der Großstadt den Rücken zu kehren, vertrauter. Unser kleiner Sohn konnte sich noch nicht äußern. Doch wir nahmen an, dass wir in seinem Interesse handelten. Zumindest sprachen viele Argumente dafür, dass unter dem Strich die frische Seeluft seiner Gesundheit zugute kommen würde.

Wir hatten unsere Bedenken schließlich beiseitegeschoben und freuten uns über die bevorstehende Veränderung. Frische Luft aus erster Hand. Sowohl meine Frau als auch ich waren »Seeleute«. Berge hatten uns nie herausgefordert. Die Aussicht, bei Wind und Wetter am Strand von Juist oder auf Norderney das Rauschen des Meeres zu hören und den Schreien der Möwen zu lauschen, hatte die Vorfreude in uns geweckt.

Bereits nach wenigen Wochen stand der Umzugswagen vor der Tür, und eine Firma aus dem benachbarten Esens führte unseren Umzug durch.

Hagersiel ist vielen Urlaubern bekannt als ein malerisches Fischerdorf. Der Ort liegt am Ende des Tiefs, das sich durch eine grüne Wiesen- und Weidelandschaft schlängelt. Die großen Sieltore befinden sich vor der Brücke, die sich über den Hafen spannt, in dem mehr als zwanzig Fischkutter beheimatet sind. In der Nähe befinden sich die Kuranlagen, das Hallenbad und der Tennisplatz, direkt hinter dem schützenden Seedeich, der wie mit dem Lineal gezogen in Richtung Norddeich verläuft. Über ausgebaute Fußwege und Treppen gelangt man zum weiten Sandstrand und zum Café Meeresblick, in dem sich auch die sanitären Anlagen befinden. Das Nordsee-Heilbad, ein Ort mit etwa siebentausend Einwohnern, hat sich ganz dem Tourismus verschrieben. Schmucke Pensionen, Ferienhäuser mit entsprechenden Wohnungen und Hotels finden selbst während der stillen Wintermonate ihre Liebhaber, die Ruhe und weite Strand- und Deichspaziergänge in der jodhaltigen Seeluft zu schätzen wissen.

Hagersiel bietet bewährte Hilfen bei der Erholung vom Großstadtstress. Die Entfernung zu den benachbarten Inseln hält sich in Maßen. Doch auch die Nachbarschaft von Hagersiel ist mehr als sehenswert. Genannt werden muss die Küste bis nach Wilhelmshaven und auf der anderen Seite die Stadt Norden mit dem Seebad Norddeich, Marienhafe mit dem Störtebekerturm und die VW-Stadt Emden. Ein Shantychor, eine Theatergruppe und der Gesangverein sorgen nicht nur während der Saison für Abwechslung.

Erwähnt werden muss noch die alte Ludgerikirche aus dem fünfzehnten Jahrhundert, die wegen der Architektur und dem freistehenden Glockenturm bekannt ist.

Wind, das Wetter und das Meer haben die Menschen dieser Landschaft geprägt. Sie galten immer als wortkarg und zuverlässig, was mit gewissen Einschränkungen auch heute noch zutrifft. Es ist nicht zu leugnen, dass auch in Hagersiel der Unterschied zwischen Stadt und Land viel geringer geworden ist. Die jungen Leute ziehen weg, soweit sie zu Hause keine Arbeit finden. Die Medien tragen zur Vereinheitlichung der kulturellen Lebensweise bei. Dennoch gibt es in solchen Orten wie Hagersiel für ihre Einwohner ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das Fremde nicht selten in Erstaunen setzt.

Schon während der ersten Wochen frischte meine Frau ihre Freundschaft mit Fenna Moorhoff wieder auf, einer früheren Kollegin meiner Frau, die in dem Küstenbadeort zu Hause war. Sie kannten sich seit dem Studium. Sie hatten beide in Hamburg Musik studiert. Fenna Moorhoff war einige Jahre älter als meine Frau. Sie hatte früh geheiratet.

Fenna hatte eine reizende Tochter namens Okka, die dabei war, sich von den Eltern abzunabeln. Ich erinnere mich noch gut aus Erzählungen an den Tag, an dem Okka mit einigen Freundinnen ihren achtzehnten Geburtstag zu Hause feierte. Sie hatte allen Grund, sich zu freuen, denn erst vor wenigen Tagen hatte sie zusätzlich die Kaufmannsgehilfenprüfung zur Bürokauffrau mit gutem Ergebnis bestanden.

Fenna, ihre Mutter, trug gegen zwanzig Uhr das Festessen auf. Sie hatte Lachs im Salzmantel vorbereitet. Sie und ihr Mann hielten sich im Musikzimmer auf, in dem der Flügel viel Raum beanspruchte. Henry Moorhoff verdiente als Musiklehrer am Gymnasium nicht schlecht und unterrichtete zusätzlich ein paar hochbegabte Akademikerkinder. Fenna war eine studierte Geigerin, die vor Jahren an der Seite ihres Mannes beim NDR in Hannover im Sinfonieorchester gespielt hatte.

Okka war ein Wunschkind gewesen und hatte sich dann, als sie fünfzehn Jahre alt geworden war, den elterlichen Wünschen immer mehr widersetzt. Sie hatte nach der mittleren Reife die Schule geschmissen und sich in mehreren Berufen umgesehen. Doch zur Genugtuung ihrer Eltern hatte sie wenigstens die Ausbildung bei einer Emder Reederei erfolgreich beendet. Zugegebenermaßen muss erwähnt werden, dass Okka einerseits überfüttert worden war mit kulturellen Bildungsangeboten, andererseits war es so gewesen, dass ihre Eltern bei den Sportarten, die sie bevorzugt hatte, die Nase rümpften.

Die Erziehung ihrer Tochter war unter umgekehrten Vorzeichen verlaufen. Okka besaß ein bemerkenswertes musikalisches Talent, das sie verkümmern ließ, weil ihre Eltern versucht hatten, sie zu etwas zu zwingen, was ihr gegen den Strich ging. Im Hause Moorhoff hatte es häufig Tränen gegeben. Aber auch am Abend ihres achtzehnten Geburtstages, während Okka und ihre Freundinnen sich das Fischessen munden ließen, hatte Fenna Moorhoff geweint und Trost bei ihrem Mann gesucht, weil die Tochter wieder einmal dabei war, ihren Kopf durchzusetzen.

Meine Frau hatte mir in allen Einzelheiten erzählt, was an jenem Abend vorgefallen war …

Henry Moorhoff erhob sich schwer atmend und ging zum Wohnzimmer.

»Hat es Ihnen geschmeckt?«, fragte er und schaute die jungen Damen freundlich an.

»Hervorragend«, das war die einhellige Meinung.

Er sammelte das Geschirr auf einem Tablett und trug es zur Küche. Seine Frau kam aus dem Bad. Sie hatte die Spuren ihrer Tränen beseitigt. Sie trug Weingläser in die Wohnstube. Ihr Mann entkorkte zwei Flaschen und brachte sie an den Tisch. Es war ein roter Bordeaux aus dem Pouillac. Okka hatte sich ihn gewünscht. Fenna Moorhoff füllte Schälchen mit allerhand Naschzeug. Sie und ihr Mann verließen nach einigen herzlichen Worten das Wohnzimmer, um sich zurückzuziehen.

»Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass die Dirn es rundweg ablehnt, mit der Bahn zu fahren. Das Geld spielt dabei keine Rolle«, meinte Fenna Moorhoff und ließ sich in einen Sessel fallen.

»Trampen, in Jeans und Turnschuhen. Uns beweisen, dass sie keine ›Dame‹ ist«, sagte Henry Moorhoff ironisch.

»Sie schlägt unsere Bitten in den Wind. Sie ist alt genug, zu wissen, dass sie sich in Gefahr begibt«, meinte seine Frau.

»Überhaupt, was soll das? In der Großstadt München eine Arbeit suchen! Sie, die gelernte Reedereigehilfin«, gab Henry Moorhoff zu bedenken.

Ihr Gespräch brachte keine neuen Erkenntnisse. Zu oft schon hatten sie versucht, Okka das Vorhaben auszureden, doch vergeblich.

Im Wohnzimmer verlief die Geburtstagsfeier gesittet ab, wie es den Vorstellungen der Eltern entsprach. Okkas Freundinnen kamen aus gutem Haus. Für sie stellte Okkas Plan, sich in der süddeutschen Großstadt eine Arbeitsstelle zu suchen, nichts Besonderes dar, erst recht hatten sie bisher keine schlechten Erfahrungen damit gemacht, als Anhalter zu fahren.

»Okka hat es mir untersagt, einen Blick in ihren Rucksack zu werfen«, stöhnte Fenna Moorhoff. »In zerknüllten Sachen zum Vorstellungsgespräch!«

Henry Moorhoff sagte nichts dazu. Er erhob sich, trat ans Klavier und spielte den »Bolero« von Ravel.

Okka Moorhoff besaß eine liebenswerte Art, mit Menschen umzugehen. Ihr permanentes Strahlen machte sie zur beliebten Gesprächspartnerin. Dabei sah sie sehr gut aus. Sie trug ihr Haar schulterlang und entsprach so ganz dem Bild eines hübschen Mädchens der Küstenregion. Abgesehen von ihren Spanienferien mit ihren Eltern in Nerja bei Malaga waren ihre Auslandsaufenthalte recht mager zu nennen. Von Deutschland kannte sie außer Hamburg und Bremen nur noch ein paar kleinere Orte von Jugendherbergen her, in denen sie mit der Schule war.

Sie wollte raus aus dem überschaubaren Ostfriesland. Sie glaubte, im Mief von Emden und der näheren Umgebung zu ersticken. Sie war zwar bemüht, ihre Eltern zu verstehen, die sich strikt gegen ihre Abnabelung wandten, aber das hielt sie nicht von ihrem Plan ab.

Ihre Freundinnen waren zum Teil besser dran. Ihre Erziehung hatte ihnen mehr Freiraum gelassen. Sie bestärkten Okka in ihrer durchaus verständlichen Absicht. Das war auch das Gesprächsthema an diesem Abend beim köstlichen Rotwein, den die jungen Damen in Maßen zu sich nahmen.

Im Kreise ihrer Freundinnen bildete Okka eine nennenswerte Ausnahme. Sie hatte klar umrissene Vorstellungen von ihrem zukünftigen Partner. Der Versuch ihrer Mutter, sie mit dem Sohn eines Borkumer Arztes zu verkuppeln, dessen Mutter ihre engste Freundin war, war kläglich gescheitert.

Es hatte schon in der Schule und auch während der Ausbildung genügend Verehrer gegeben, die Okka hatte alle abblitzen lassen. Sie hoffte, in München dem jungen Mann zu begegnen, der ihre Gedanken beflügelte. Ein weiterer Grund, nach Süddeutschland zu ziehen, war das Küstenklima. Der Winter dort war kürzer und weniger rau als in Ostfriesland. Es gab mehr Sonne, und es fehlten die Stürme.

Okka stellte sich ihre zukünftige Lebensweise in einem Büro mit Freizeit in der fremden Stadt rosig vor. Die Freiheit, selbst über ihr Leben zu entscheiden, war in ihren Augen schon einen Ausbruch wert.

So war es nicht verwunderlich, dass die Freundinnen mit Okka einer Meinung waren und ihr am späten Abend alles Gute und einen guten Start wünschten, als sie nach Hause gingen.

»Melde dich aus München! Schreib mal!«, sagten sie weinselig.

Die Eltern waren noch auf. Sie spülten das Geschirr und die Gläser und unternahmen noch einmal den Versuch, ihre Tochter umzustimmen. Selbstverständlich ohne Erfolg.

Früh um sechs Uhr verließ Okka Moorhoff nach einem Frühstück das Elternhaus, nahm den Stadtbus und fuhr bis zur Autobahnauffahrt. Sie trug Jeans, eine flotte Lederjacke, ein Paar hohe Arbeitsschuhe und auf dem Rücken einen Tramperrucksack der Marke »Mont Blanc«.

Sie musste nicht lange warten. Ein BMW hielt. Der Fahrer, ein junger Mann, der Unterhaltung suchte, nahm sie mit. Er fuhr nach Stuttgart.

Es ist noch hinzuzufügen, dass Okka Moorhoff genügend bare Mittel eingesteckt hatte, die ihr einen längeren Aufenthalt in der fremden Stadt ermöglichten. Das Trampen bereitete Okka Spaß, denn sie kam gut voran. Doch in Emden hörte man nichts mehr von ihr.

Dass daraus ein jahrelang ungelöster Kriminalfall werden würde, daran hatten damals weder ich noch die anderen Einwohner von Hagersiel geglaubt.

Und dass es so lange Zeit brauchte, um ihn aufzuklären, lag wohl daran, dass die Kriminaltechnik – vor allem die Genanalyse – damals noch nicht zur Selbstverständlichkeit der Polizeiarbeit gehörte.

Theodor J. Reisdorf

1

Von der See her wehte ein frischer Wind. Am Himmel trieben weiße Wolken. Frau Antine Schwitter, die pensionierte Lehrerin, führte wie immer bei dem herrlichen Sommerwetter ihren Hund Hasso, einen gepflegten Schäferhund, am Ortsausgang über die Störtebekerstraße aus. Sie ließ die Straße hinter sich, löste die Leine, und Hasso stürzte davon.

Sekunden später sah sie, wie er mit den Pfoten im wild wachsenden hohen Gras scharrte, den Kopf hob und bellte.

»Was ist mit dir, Hasso?«, fragte Frau Antine Schwitter und näherte sich hastig mit großen Schritten durch das hochgeschossene Gras. Sie fuhr erschrocken zusammen, denn vor ihr auf dem Weidenboden lag ein totes Mädchen. Es hatte schwarzes Haar, in dem sie Blutspuren entdeckte, und war bekleidet mit einer Jeansjacke, die hochgerutscht war.

Antine Schwitter starrte in das geschwollene Gesicht. Ungläubig glitt ihr Blick weiter und fiel auf die nackten Schenkel. Der Unterkörper der Toten war nackt.

»Hasso, komm!«, rief sie außer sich, legte dem Hund die Leine an und hastete davon. Sie durchquerte die Grabenböschung, schritt durch das hohe Gras auf die Straße und hielt ein Auto an.

»Ist Ihnen nicht gut?«, fragte der Fahrer, ein etwa vierzigjähriger Vertreter, der auf dem Wege nach Emden war, besorgt.

»Drüben liegt eine Tote, sie ist halbnackt«, antwortete sie. »Wir müssen die Polizei benachrichtigen!« Sie zitterte am ganzen Körper. »Ich bin mit meinen Nerven völlig am Ende.«

»Das kann ich verstehen, wenn es wirklich stimmt, was Sie sagen! Bitte nehmen Sie mit Ihrem Hund auf der hinteren Sitzbank Platz. Ich bringe Sie zur Polizei.«

Antine Schwitters öffnete die Tür des BMW, ließ ihren Hasso ins Auto und nahm auf der hinteren Sitzbank Platz.

»So ein Schreck in der Morgenstunde«, meinte der Fahrer.

Antine Schwitter nickte heftig. »Mein Gott, das Verbrechen wird unserer Gemeinde schaden«, sagte sie und kraulte ihren Hund.

»Es wird immer schlimmer mit den Verbrechern«, sagte der Vertreter und lenkte den Wagen direkt zum Polizeirevier nach Norden. Er schaute auf die Uhr. Sie zeigte 7 Uhr 45 an.

Der Beamte vom Dienst blickte ungläubig durch die Scheibe auf die ältere Dame, die sich aufgeregt dem Empfangszimmer näherte. Sie trug ihr graues Haar kurz. Ihr Gesicht wirkte energisch. Sie sah aus wie eine Urlauberin in ihrem weißen Leinenrock und dem blauen Pulloverhemd. Sie hielt einen Schäferhund an der Leine.

»Hasso, nimm Platz!«, befahl sie dem Hund und zerrte an der Leine. Das Tier gehorchte und setzte sich mit gespitzten Ohren an die Tür. Die Alte löste die Leine und kam zum Tresen.

Der Beamte warf einen Blick auf die Uhr. Sie zeigte 8 Uhr 10.

»Mein Name ist Renninga, was kann ich für Sie tun?«, fragte er ruhig.

Die Dame holte tief Luft. »Ich komme von Hagersiel. Ich war Lehrerin«, sprach sie, »und bin pensioniert. Mein Name ist Antine Schwitter.« Sie wirkte gehetzt, atmete schwer und fuhr fort: »Ich war heute früh mit Hasso unterwegs. Wir haben die Störtebekerstraße in Hagersiel in Richtung Dornum verlassen und sind in die Weiden gegangen. Kurz vor dem landwirtschaftlichen Versorgungsweg, der zum Hof Sattelkamp führt, fand Hasso eine halb nackte Frauenleiche.« Wieder schwieg sie eine Weile und versuchte, ihren Atem zu beruhigen. »Ihr Kollege in Hagersiel war nicht anwesend«, fügte sie schließlich hinzu.

Folkert Renninga nickte. »Sie sagten Antine Schwitter, Hagersiel?«, fragte er und schaute auf.

»Vormann-Adena-Weg 25«, antwortete die pensionierte Lehrerin.

»Sind Sie mit dem Wagen hier?«, fragte der Kommissar.

»Nein. Ich habe ein Auto angehalten«, antwortete sie.

»Nehmen Sie doch bitte hier auf dem Besucherstuhl Platz«, sagte Renninga und ging zum Funkgerät, das in der Zimmerecke stand. Er benachrichtigte einen Streifenwagen. Danach rief er den Einsatzleiter an.

»Es wird gleich jemand kommen, um Sie nach Hause zu bringen«, sagte er, als er seinen Platz hinter dem Tresen wieder einnahm.

Die Kriminalpolizei residierte in Norden direkt hinter der historischen Kirche im Alten Weinhaus, nicht weit entfernt vom Kommissariat am Markt. Das imposante Gebäude war den neuen Aufgaben angepasst und entsprechend renoviert worden. Es bot vereint mit Sankt Ludgeri und den den Markt umstehenden Altstadthäusern eine bemerkenswerte Sehenswürdigkeit.

Kommissar Folkmar Hoogestraat saß an seinem Schreibtisch im Dienstzimmer und unterhielt sich mit seinem Assistenten Hilko Busker.

In Berum am Kiessee hatten Rabauken einen Rentner zusammengeschlagen, nachdem er sie wegen der Belagerung des Fahrradweges und weggeworfener Bierflaschen angemacht hatte. Sie hatten den alten Mann so zugerichtet, dass er ins Krankenhaus eingeliefert worden war.

»Der stänkerte ständig hier herum. Er nannte uns Gesindel und ließ die Luft aus unseren Rädern«, hatten sich die 15-Jährigen verteidigt.

»Die lassen sich heute nichts mehr sagen«, meinte Hilko Busker.

Folkmar Hoogestraat nickte. »Sie haben ihren ganzen Frust auf den Rentner losgelassen.«

Das Telefon unterbrach ihr Gespräch.

»Folkert Renninga«, meldete sich der Beamte am anderen Ende der Leitung. »Herr Kollege, in Hagersiel im Gelände am Ortsausgang vor der Abzweigung des Landwirtschaftswegs fand eine pensionierte Lehrerin eine spärlich bekleidete Mädchenleiche, als sie in der Frühe ihren Hund ausführte. Bienhoff und Pläsir sind bereits an der Fundstelle. Ich muss noch einen Arzt, einen Fotografen und den Bestatter benachrichtigen.«

»Wir fahren gleich los. All up Stee«, antwortete Hoogestraat, legte auf und schaute seinen Assistenten an. »Das stellt alles in den Schatten. Eine spärlich bekleidete Dame erwartet uns in Hagersiel, allerdings lebt sie nicht mehr.«

Hilko Busker ging ans Fenster und warf einen Blick auf den Marktplatz, auf dem Taxis in einer langen Schlange auf Fahrgäste warteten. Er schaute prüfend auf die wenigen ziehenden Wolken.

»Es sieht nicht nach Regen aus«, sagte er, trat an seinen Schreibtisch und wählte den Fuhrpark an. Er bestellte bei dem Kollegen einen Wagen und legte auf.

Hoogestraat reichte ihm die Spurensicherungstasche.

»Wir können«, sagte er.

Folkmar Hoogestraat war etwas größer als der Durchschnitt und von kräftiger Statur. Er hatte ein schlankes Gesicht mit einer spitzen Nase. Sein dunkelblondes Haar trug er im Fassonschnitt. Er liebte legere Kleidung. Meistens saß er im Pullover an seinem Schreibtisch. Hoogestraat war verheiratet mit der Tochter des verstorbenen Pfarrers Mülders. Er und seine Frau Hilda hatten einen Sohn, der in Göttingen Physik studierte. Frau Hoogestraat arbeitete halbtags als Therapeutin. Der 58-jährige Beamte und seine zwei Jahre jüngere Frau wohnten in Norddeich am Kolk.

Hilko Busker war erst 33 Jahre alt. Er war bereits fünf Jahre verheiratet gewesen und lebte in Scheidung. Seine hübsche Frau hatte an Magersucht gelitten und war dann mit schweren Depressionen stationär im Krankenhaus behandelt worden. Das alles hatte Hilko Busker mit Verständnis hingenommen. Umso erstaunter hatte er reagiert, als seine Frau ihren ehemaligen Schulfreund wiedertraf, von ihm die Scheidung wünschte und nach Hamburg zog.

Hilko Busker hatte das Zeug für einen tüchtigen Beamten. Er nahm Überstunden ohne Murren hin. Er war mittelgroß, hatte eine gesetzte Figur und war ein Freund des schweißtreibenden Bodybuildings. Busker sah gut aus. Er trug sein blondes Haar kurz. Sein Gesicht war breit und wirkte männlich. Er wohnte in einer Genossenschaftswohnung am Doornkaat-Schoolmann-Platz.

Die Beamten verließen das Dienstzimmer, stiegen über die verwinkelte Treppe nach unten, überquerten die Osterstraße, gingen über den Marktplatz und betraten das Kommissariat. Auch das alte Giebelhaus zählte zu den sehenswerten Altstadthäusern.

Der Kollege vom Fuhrpark händigte ihnen den Schlüssel und die Papiere des Passats aus. Sie stiegen ein und fuhren über die Heringstraße zur Norddeicher Straße. An der Ampel bogen sie in die Ostermarscher Landstraße ab, die parallel am Deich entlang nach Hagersiel führte.

Der Badeort war schon zum Leben erwacht. Die Geschäfte waren geöffnet, und es wurden die frühen Kunden bedient. Feriengäste bevölkerten die Bürgersteige.

Die Beamten schlängelten sich im fließenden Verkehr über die Hauptstraße. Sie passierten die Kirche, fuhren am Hafen, an den Kuranlagen und den schicken Hotels vorbei zum Ortsausgang. Nach einigen hundert Metern begann das grüne Wiesenland und reichte bis zum Deich.

»Drüben auf dem Versorgungsweg steht der Wagen unserer Kollegen«, sagte Busker und wies in Richtung Deich.

Kurze Zeit später kamen auch die Beamten in Sicht.

Hoogestraat steuerte den Wagen über die Fahrbahn, passierte die Brücke über den Graben und parkte den Wagen hinter dem Streifenwagen.

Die Beamten stiegen aus, schritten durch das zum Teil abgestorbene hoch gewachsene Gras und näherten sich den Kollegen.

Dann sahen sie die Tote.

»Moin«, grüßten sie ernst.

»Nichts gegen nackte Mädchen. Aber wenn ich so was sehe, dann packt mich die Wut«, sagte Pläsir und nahm, als wolle er sich vor der Toten verbeugen, seine Uniformmütze vom Kopf.

»O Gott, die hat aber jemand zugerichtet«, meinte Busker und stellte den Spurensicherungskoffer ab.

»Heute ist Freitag. Es sieht so aus, als habe sie gestern noch gelebt«, sagte Hoogestraat.

»Wir haben uns im Umfeld umgeschaut. Wir haben nichts gefunden, was uns helfen könnte, ihre Identität zu ermitteln«, sagte Bienhoff.

»Wir räumen das Feld. Es reicht für heute«, sagte Pläsir.

Die Kollegen warfen noch einen empörten Blick auf das tote Mädchen, gingen zu ihrem Streifenwagen und fuhren davon.

»Alles spricht dafür, dass der Mörder die Tote mit einem Auto herbrachte und hier ablegte«, sagte Hoogestraat. »Sehen wir nach, ob er Schleifspuren hinterlassen hat.«

Er und Busker suchten das Gelände ab. In der Nähe der Böschung sah eine Stelle so aus, als habe dort jemand das mit Unkraut bewachsene Gras platt getreten.

»In der Nacht hat es geregnet, nicht viel«, sagte Busker.

»Man kann nie wissen«, antwortete Hoogestraat und wies auf den Versorgungsweg, über den sich ein uralter Opel Commodore näherte.

»Der Arzt«, meinte Busker.

Sie gingen zurück zu der Toten.

Es war Dr. Pitting vom Norder Krankenhaus, der zu ihnen kam, ihnen wortlos die Hand reichte, seine Arzttasche abstellte und sich neben der Leiche auf die Knie niederließ.

»Mein Gott, hat man die junge Dame misshandelt! War der Fotograf schon hier?«, fragte er und erhob sich.

»Nein, er ist angefordert. Das war ein Grundsatz in der Ausbildung. Keine Leiche ohne Dokumentation«, sagte Busker.

Sie standen im kühlen Wind. Die Luft war würzig und klar.

Sie waren entrüstet. Ein Mörder hatte zugeschlagen und den Ruf des schmucken Badeortes in Verruf gebracht.

Sie mussten nicht lange warten. Der Fotograf vom »Kurier« erschien.

Auch der gesetzte Mannhorst zeigte seine Abscheu.

»Moin, ein furchtbares Verbrechen«, sagte er betroffen. Er hantierte an seiner Kamera, die an einem Riemen um seinen Hals hing. »So, wie sie gefunden wurde?«, fragte er.

Hoogestraat nickte.

Mannhorst umschlich die Tote und schoss die Bilder, während der Verkehr auf der Küstenstraße anwuchs.

»Genügt es am Montag, Chef?«, fragte der Fotograf.

»Ja, das reicht«, sagte Hoogestraat.

Der Fotograf ging davon.

»Herr Dr. Pitting, geben Sie uns einen ersten Überblick über ihren Zustand«, sagte Hoogestraat.

Der Arzt öffnete die Medizinertasche, entnahm ihr einen weißen Kittel, zog ihn über und steckte seine Hände in Gummihandschuhe. Dann hob er den Kopf der Toten mit der Linken an, bewegte ihn behutsam und ließ ihn wieder in das Gras gleiten. Er entnahm der Tasche das Stethoskop und horchte die Tote ab. Dann reinigte er mit Gaze die Wunden im Gesicht. Er entnahm dem Opfer Blut und untersuchte es nach äußerlichen Verletzungen. Er hielt inne, streifte bedächtig die Gummihandschuhe von den Händen und blickte die Beamten an.

»Sie fand ein schreckliches Ende«, sagte er. »Die junge Frau, ich schätze ihr Alter auf etwa zwanzig Jahre, wurde geschlagen und gewürgt. Vermutlich hat man sich auch an ihr vergangen. Der Tod trat vor ungefähr zehn Stunden ein.« Er durchsuchte die Taschen der Jeansjacke. »Sie hat nichts bei sich«, murmelte er und erhob sich.

Er zog den Kittel aus. »Die Obduktion wird Genaueres zu Tage bringen«, fügte er hinzu und packte seine Tasche.

»Sie starb nicht hier im Grünen?«, fragte Busker.

Dr. Pitting zuckte mit den Schultern. »Nein, es ist anzunehmen, nicht im Freien. Sie war vermutlich schon tot, als sie hier abgelegt wurde.«

Der Leichenwagen fuhr auf den Versorgungsweg. Er parkte vor dem Passat der Beamten. Die Bestatter stiegen aus, entnahmen dem Mercedes Kombi den Sarg und trugen ihn durch das hohe Gras.

Ein makabres Bild, dachte Hoogestraat.

Die beiden Männer in den schwarzen Anzügen stellten den Sarg ab.

»Moin«, grüßten Heiko Ukema, der Bestatter, und sein Gehilfe. Sie kamen aus Norden.

»Hoogestraat, mein Kollege Busker von der Kripo und Dr. Pitting«, sagte der Kommissar. »Sie wissen Bescheid, Herr Ukema. Bringen Sie die Tote zum Kreiskrankenhaus nach Norden.«

»All up Stee! Hoffentlich schnappen Sie den Mörder und bringen ihn für immer hinter Gitter«, sagte der Bestatter.

Er und sein junger Gehilfe zogen Handschuhe über, betteten das Opfer in die Sargschale, legten den Deckel auf, nahmen die Griffe und gingen wortkarg zum Wagen.

»Meine Herren, ich schließe mich dem Wunsch des Bestatters an. Also viel Erfolg«, sagte Dr. Pitting und ging zu seinem Wagen.

Die Beamten vermaßen den Fundort und trugen die Entfernungen in eine Skizze ein. Anschließend durchsuchten sie aufmerksam das Gelände, ohne auf eine Spur zu stoßen.

Der Wind hatte aufgefrischt und fiel vom Deich her ein. Über die Sonne schoben sich hin und wieder weiße Wolken. Die Beamten schauten sich noch einmal um, bevor sie in den Wagen stiegen.

»Ein schöner Tag, eine schöne Landschaft und dann das«, sagte Busker.

»Irgendwo war sie zu Hause. Irgendjemand wird sie vermissen«, meinte Hoogestraat.

Sie stiegen in ihren Wagen. Der Kommissar wendete und lenkte den Passat auf die Straße.

»Hatte der Täter es eilig, die Tote loszuwerden, oder verfolgte er mit der offenbar auffälligen Auswahl des Ablageplatzes einen Zweck?«, dachte Busker laut.

»Das ist schwer zu beantworten. Es ist denkbar, dass sich der Mörder für diesen Ort entschied, um uns zu täuschen«, sagte Hoogestraat.

Die Straße war sehr befahren. Die Landwirte waren bei der Heuernte. Sie behinderten mit ihren Zugmaschinen den Verkehr.

»Die ›Ostfriesen-Zeitung‹ und der ›Kurier‹ werden auch in Hagersiel gelesen. Vielleicht hat jemand Beobachtungen gemacht«, sagte Busker.

Sie näherten sich über die Ostermarscher Straße Norden. Im Auto war die Luft heiß und schwül.

»Bei dem Wetter gibt es an der Küste kein freies Zimmer«, meinte Hoogestraat.

Sie schwiegen dann. Der Kommissar dachte an morgen. Er beabsichtigte, mit seiner Frau einen Tagesausflug nach Norderney zu unternehmen. Doch immer wieder sah er die Tote vor sich. Er selbst war Vater einer Tochter.

Auch an Busker war der Einsatz nicht spurlos vorübergegangen. Er stierte durch das Seitenfenster des Wagens, ohne die Häuser wahrzunehmen, die die Straße säumten. Er schien überrascht, als Hoogestraat den Passat auf den Parkplatz fuhr.

»Packen wir es an«, sagte der Kommissar entschlossen und zog den Zündschlüssel ab.

Die Beamten stiegen aus. Busker nahm den Spurensicherungskoffer aus dem Kofferraum. Dann stiegen sie die Treppe hoch.

Es war warm im Dienstzimmer. Hoogestraat öffnete das Fenster.

»Sprechen wir zuerst mit der Staatsanwaltschaft«, sagte er, setzte sich an den Schreibtisch, nahm den Telefonhörer und wählte die ihm vertraute Nummer.

Es meldete sich eine Frau Wieben.

»Hoogestraat, Kripo Norden. In Hagersiel ist eine Leiche aufgefunden worden«, berichtete der Kommissar. »Es handelt sich um eine etwa zwanzigjährige Frau. Sie wurde vermutlich misshandelt und gewürgt. Dr. Pitting wird im Norder Krankenhaus die Obduktion vornehmen.«

»Die Herren Staatsanwälte befinden sich in einer Besprechung«, sagte Frau Wieben. »Ich notiere den Fall. Ich rufe zurück.«

»All up Stee«, erwiderte Hoogestraat und legte auf. »Hilko, schreib einen Bericht für die Zeitungen. Heute ist Freitag, dann erscheint er noch in der morgigen Ausgabe.« Der Kommissar studierte die Vermisstenliste. Es gab keinen Neuzugang.

Das Telefon läutete. Hoogestraat nahm den Hörer ab und meldete sich.

Es war Frau Wieben von der Staatsanwaltschaft Aurich.

»Augenblick, ich verbinde«, sagte sie.

»Gawor, Staatsanwalt. Herr Hoogestraat, Sie machten eine Meldung. Schicken Sie mir bitte den Bericht zu. Sie fanden keinen Anhaltspunkt für einen Rauschgiftfall und gehen davon aus, dass die Tote von einem Autofahrer abgelegt worden ist?«

»So verhält es sich. Sie lag am Rand einer Wiese. Es spricht einiges dafür, dass es sich um ein Sexualverbrechen handelt. Sie war nur bekleidet mit einer Jeansjacke. Sie hatte weder einen Slip unter dem Rock noch Strümpfe an.«

»Eine üble Sache. Montagnachmittag suche ich Sie auf. Bis dann«, sagte er und legte auf.

2

Claas Gawor, genauer Dr. Claas Gawor, war in Stade geboren. In Aurich arbeitete er seit mehr als zehn Jahren als Staatsanwalt. Er war das, was man einen Gemütsmenschen nannte. Er liebte gutes Essen, trank gerne Bier und schätzte Menschen, die gerne lachten. Entsprechend wölbte sich sein Bauch unter den tadellosen Oberhemden. Er hatte dunkles Haar, das er kurz geschnitten trug, und ein breites, gut aussehendes Gesicht. Er trug einen Bart. Mit seiner mittelgroßen gesetzten Figur wirkte er bullig. Er war fünfundvierzig Jahre alt. Seine Art, mit Menschen umzugehen, imponierte selbst Kriminellen.

Seine Frau Meta stand ihrem Mann nicht nach. Auch sie aß gerne und liebte Geselligkeit. Sie war eine beliebte Lehrerin an den kaufmännischen Schulen in Aurich. Sie hatte wie viele pummelige Frauen ein schönes Gesicht. Sie trug ihr dunkelblondes Haar kurz.

Meta war eine geborene de Boer. Ihre Eltern besaßen in Leer einen »Tante-Emma-Laden«. Die Gawors hatten einen prächtigen Sohn, der nach dem Abitur freiwillig zur Bundeswehr gegangen war. Die Gawors hatten in Aurich Am Pferdemarkt ein gut erhaltenes älteres Stadthaus gekauft, die unteren Räume vermietet und bewohnten die obere Wohnung, die einen herrlichen Blick auf die Altstadt bot.

An diesem Samstagmorgen hatte Meta Gawor bereits in aller Herrgottsfrühe mit ihrem Sohn telefoniert, der auf dem Kreuzer »Koblenz« der Bundesmarine fuhr, der gerade in Wilhelmshaven von einer erfolgreichen Übung eingelaufen war. Das hatte ihre Stimmung und die ihres Mannes so gehoben, dass sie daraufhin »fürstlich« frühstückten, während draußen mit der aufgehenden Sonne die Sommerhitze aufzusteigen begann.

Meta hatte den Tisch feierlich gedeckt. Sie und ihr Mann genossen die Brötchen mit Ei und Schinken und tranken dazu den würzigen Ostfriesentee. Sie sprachen über ihren Sohn, auf den sie sehr stolz waren. Nach dem Frühstück trug Meta Gawor das Geschirr zur Spüle, während Claas Gawor sich die Zeitung holte und sich in den Sessel setzte. Er warf einen Blick auf die Sonderangebote in der Wochenendausgabe. Danach studierte er die Todesanzeigen und vertiefte sich dann in den Lokalteil des »Kuriers«.

»Meta, hör mal zu«, forderte er seine Frau auf und las ihr den Bericht über die tote junge Frau vor, die eine alte Dame, die ihren Hund ausführte, gestern Morgen in Hagersiel gefunden hatte.

Die Kripo in Norden suchte Zeugen, die irgendwelche Vorkommnisse beobachtet hatten, die dazu beitragen konnten, den Fall aufzuklären. Die spärliche Bekleidung der Toten gab der Polizei Anlass, anzunehmen, dass es sich um ein Sexualverbrechen handelte. Der jungen Frau fehlte nicht nur die Unterkleidung, sondern sie führte weder Geld noch Papiere mit sich. Sie trug auch keinen Schmuck bei sich.

»Der Fall landete bei mir auf dem Schreibtisch«, sagte Claas Gawor.

»Die Welt wird immer brutaler. Damit wollen wir es heute bewenden lassen«, meinte Meta Gawor und beendete den Abwasch. »Du brauchst Abstand vom Dienst. Wenn du nichts dagegen hast, dann gehen wir gleich in die Stadt. Du brauchst dringend eine neue Hose. Ich will sehen, ob ich für mich bei Silomon einen leichten Pulli finde.«

Ihr Mann faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf den kleinen Tisch. Er und seine Frau bereiteten sich auf den Stadtgang vor.

Anders verhielt es sich beim Ehepaar Pitting. Beide verließen nach dem Frühstück das Haus. Denn am heutigen Samstagmorgen begab sich Frau Pitting alleine zum Einkaufen in die Stadt, da ihr Mann dringend beruflichen Pflichten nachkommen musste.

Der Arzt fuhr mit seinem Wagen zum Kreiskrankenhaus nach Norden, stellte ihn auf dem Parkplatz ab und ging zum Haupteingang. Er grüßte den Pförtner, und fuhr mit dem Aufzug in die zweite Etage. Dort befand sich im Anbau sein Dienstzimmer.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und vertiefte sich in seine Aufzeichnungen. Dann langte er zum Telefon und bat Schwester Anna zu sich. Sie begleitete ihn zum Aufzug. Sie fuhren zusammen nach unten, begaben sich in den Leichenkeller und traten an die Bahre, auf der die Tote von Hagersiel nach durchgeführter Obduktion für den weiteren Verlauf lag.

Dr. Pitting entfernte das Leichentuch, um sich zu vergewissern, dass er in seinem Bericht nichts übersehen hatte. Schwester Anna hakte auf einer Liste die einzelnen Punkte ab. Da war einiges zusammengekommen, was die Vorstellungskraft eines normalen Bürgers weit überstieg.

Anschließend verließen der Arzt und die Schwester den gruseligen und kalten Raum, fuhren mit dem Aufzug hoch und gingen zum Dienstzimmer, in dem Schwester Anna den Obduktionsbericht für die Kripo schrieb.

Auch die Kommissare Hoogestraat und Busker verzichteten auf ihren freien Samstag. Sie saßen bereits um neun Uhr in ihrem Dienstzimmer im historischen Weinhaus und unterhielten sich, wobei sie das Telefon nicht aus den Augen ließen.

»Irgendwo lebte die Tote. Möglicherweise hatte sie Eltern, Geschwister oder einen Freund. Kein Mensch ist letztlich allein«, sagte Hoogestraat.

»Es war auch sicherlich auffällig, als in der Nacht an der wild bewachsenen Weide in Straßennähe ein Auto anhielt, um die Leiche dort abzulegen«, meinte Busker.

Die Zeitungen hatten am Morgen ihren Bericht gebracht. In der ganzen Region gab es nur ein Gesprächsthema. Nämlich die halb nackte Tote von der Landstraße. Besonders die Bürger von Hagersiel fühlten sich betroffen. Der Ort verdankte seinen Wohlstand dem wachsenden Fremdenverkehr. Dabei waren sich die Einwohner einig in der Beurteilung der Situation. Der Mörder kam nicht aus ihren Reihen! Jedenfalls war das unvorstellbar.

Doch für die Polizeibeamten hatte diese Meinung keinerlei Aussagekraft.

Sie blieben an diesem Morgen ohne Hinweise. Es gab keine Zeugen. Enttäuscht machten sie um dreizehn Uhr Feierabend.

Das schöne Wetter hielt an. In den Vorgärten der Pensionen und Hotels blühten die bunten Sommerblumen. Laubbäume spendeten Schatten, Gaststätten, Restaurants und Cafés boten den Gästen an lauschigen Ecken Tische und Stühle im Freien an, um zu verweilen.

Das Geschäft mit den Feriengästen lief zur Zufriedenheit beider Parteien. Doch die Einwohner von Hagersiel empfanden es schon beklemmend, als viele Autos den Feldweg ansteuerten, sich dort Schlangen bildeten und scharenweise Besucher das Gras an der Stelle platt traten, wo die pensionierte Lehrerin mit ihrem Hund die Tote gefunden hatte.

Am Montagmorgen schaute Hoogestraat in den klaren Himmel. Er war früh aufgestanden, hatte sich einen Cappuccino aufgebrüht und eine Schnitte gegessen, während seine Frau noch schlief.

Er hatte schlecht geschlafen und oft an die Tote denken müssen, die in der Blüte ihrer Jahre dahingerafft worden war.

Er entschied sich, mit dem Fahrrad zum Dienst zu fahren. Entschlossen schwang er sich auf den Sattel und fuhr am Kolk entlang zur Norddeicher Straße, die einen breiten Fahrradweg hatte. Der Verkehr zu den Inseln hatte bereits eingesetzt.

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