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Mörderische Umarmung

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Suzanne Brockmann

Mörderische Umarmung

Roman

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Kruschandl

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Liebe Leserin, lieber Leser,

hier ist also endlich „Mörderische Umarmung“, eine Liebesgeschichte, die ursprünglich 1997 in den USA veröffentlicht wurde. Dieses Buch hat viele meiner Fans – und vor allem die Sammler unter ihnen – fast um den Verstand gebracht. Denn es war nicht nur schwer zu finden, es war quasi unauffindbar. Umso mehr freut es mich, dass nun eine Neuauflage erscheint. Damals, als ich noch hauptsächlich romantische Komödien schrieb, gehörte dieses Buch zu meinen Favoriten. Es machte Spaß, die Geschichte zu entwickeln, und die Figuren sind mir allesamt sehr ans Herz gewachsen.

Zum Beispiel Sam Schaefer, Detective beim New York Police Department. Und die ebenso hübsche wie kluge Ellen Layne, eine alleinerziehende Mutter, die in Yale unterrichtet und den Sommer in New York verbringt. Die Geschichte der beiden beginnt ziemlich explosiv – mit der Fahrt in einer Luxuslimousine vom New Yorker Flughafen bis zu den berühmten Löwenstatuen vor der Public Library.

Zu Sam und Ellen kommen dann noch Bob hinzu, der beliebte Talkmaster und Ellens Onkel, die zwei unverbesserlichen Teenager Jamie und Lydia, Sams bester Freund T. S., ein Bestsellerautor, sowie eine ordentliche Portion Sommerhitze in der Stadt, die niemals schläft.

„Mörderische Umarmung“ wurde ursprünglich nur in einer ganz kleinen Auflage als Geschenk für treue Buchclub-Kunden gedruckt. Gerade mal zweihundert Exemplare verließen 1997 die Druckpresse und wurden einige Jahre später für bis zu tausend Dollar auf eBay gehandelt!

Den Erstausgaben-Sammlern wünsche ich weiterhin viel Glück bei der Jagd. Und allen anderen Lesern, die spannende und romantische Geschichten lieben, dafür aber nicht gleich Haus und Hof verpfänden wollen, wünsche ich jetzt ganz viel Spaß mit „Mörderische Umarmung“!

Ihre

Suzanne Brockmann

Für Kathy Lague,

Herrscherin über die hohen Töne und Stammesfürstin im Reich von Misty und Trek

1. KAPITEL

Sie war ohne Buch aus dem Haus gegangen. Ein schwerer Fehler, wie Ellen Layne schon bald bemerken musste.

Aber leider hatte sie auf Onkel Bob gehört. Er hatte ihr versichert, dass die ganze Sache nicht lange dauern würde: Nur schnell in die Limousine steigen, zum Kennedy Airport fahren, dort Großtante Alma abfangen und nett in einem Restaurant essen gehen, bis die alte Dame drei Stunden später ihren Anschlussflug nach London nahm. Dann zurück in die Limousine – und zack – schon waren sie wieder daheim.

Auch für Unterhaltung sei bereits gesorgt, hatte Bob verheißungsvoll hinzugefügt. Seine Limousine verfügte selbstverständlich über die neuste Unterhaltungselektronik. Und während Ellen und er gemeinsam seine letzte Sendung verfolgten, würde die Fahrt zum JFK wie im Flug vergehen. Garantiert.

Ellen hatte etwas gemurmelt, von dem sie hoffte, dass es ansatzweise begeistert klang. In Wahrheit hatte sie Bobs neueste Show schon längst im Fernsehen gesehen. Doch Diskutieren brachte hier nichts, das wusste sie aus Erfahrung. Nie im Leben würde sie sich in ein Buch vertiefen können, während das Gesicht ihres legendären Onkels über den Bildschirm flimmerte.

Bob Osborne, König der Late-Night-Shows, war ziemlich gut in ziemlich vielen Dingen. Aber ignoriert zu werden, gehörte definitiv nicht dazu.

Na schön, dachte Ellen. Das hatte sie jetzt davon. Inzwischen standen sie bereits eine geschlagene Stunde hier am Flughafen herum und warteten auf die verspätete Maschine aus Chicago. Ohne etwas zum Lesen.

Bob machte das Warten natürlich gar nichts aus. Er vertrieb sich die Zeit damit, das Sicherheitspersonal am Checkin mit Fragen zu bombardieren. Inzwischen wirkten die Männer mit ihren Scannern und Metalldetektoren schon leicht entnervt. Doch immerhin war Bob Osborne eine Berühmtheit. Und hinter ihm standen seine Bodyguards – bereit, bei der kleinsten Regung einzugreifen.

Nachdem sie das Spektakel einige Minuten verfolgt hatte, war Ellen geflüchtet. Am anderen Ende der Halle hatte sie das Schaufenster eines Presseshops entdeckt. Sie brauchte jetzt ein Buch. Und zwar schnell.

Nach kurzer Suche entdeckte sie das Regal mit den New York Times-Bestsellern. Gott sei dank, Rettung war in Sicht! Erleichtert eilte sie darauf zu. Nur, um im nächsten Moment stocksteif stehen zu bleiben.

Zwischen ihr und ihrer Lektüre stand ein Mann. Ein junger Mann.

Er schien direkt einem Fitness-Werbespot entsprungen zu sein. Er trug eine Jeans, dessen leicht verwaschener Stoff sich hauteng um seine Hüften und die muskulösen Oberschenkel schmiegte. Dazu ein Button-Down-Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und ein Jackett, das er sich lässig über eine Schulter geschwungen hatte.

Seine dichten blonden Haare reichten dem Fremden fast bis an den Hemdkragen. Plötzlich verspürte Ellen das dringende Bedürfnis, ihre Hand auszustrecken und die Finger in den seidigen Strähnen zu vergraben. Solche Haare waren doch dazu gemacht, berührt zu werden. Oder etwa nicht?

Oh. Wo war denn dieser Gedanke plötzlich hergekommen? So etwas war doch sonst nicht ihre Art! Also schnell zurück zu den Büchern. Ellen trat einen Schritt vor und ließ ihren Blick über die bunten Umschläge gleiten. Und dann noch ein winziges Stück weiter nach rechts.

Von vorne betrachtet sah dieser Mann sogar noch besser aus. Sein Profil schrie förmlich danach, auf einem dieser Buchcover verewigt zu werden. Oder vielleicht in einem Gedicht. Dieses energische Kinn und dazu die klassisch geschnittene Nase und diese vollen Lippen …

Na toll!

Jetzt hatte er sie dabei erwischt, wie sie ihn anstarrte.

Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Eilig griff sie nach dem nächstbesten Buch und begann, eifrig darin herumzublättern.

„Gute Wahl“, ertönte eine Stimme neben ihr. Und was für eine Stimme: tief und voll, mit einem leicht rauchigen Touch. Der Betonung nach hatte ihr Besitzer das Licht der Welt hier in New York erblickt. Und zwar vor gar nicht allzu langer Zeit. Fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig – älter war er schätzungsweise nicht.

Als er geboren wurde, warst du zehn Jahre alt.

Wenn das kein ernüchternder Gedanke war! Als sie zehn war, hatte sie bereits die Kinder aus der Nachbarschaft gehütet, schoss es Ellen durch den Kopf. Besonders häufig diesen kleinen Jungen. Wie hieß er noch mal? Ach ja, Andy Tyler. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte sie sogar hin und wieder seine Windeln gewechselt. Vielleicht war es ja Andy, der hier gerade vor ihr stand?

Er drehte sich zu ihr um.

Ellen holte tief Luft. Warum musste dieser Mann nur so verdammt attraktiv sein? Selbst seine Augen waren nicht nur einfach blau, sondern tiefblau – geheimnisvolles Funkeln inklusive. Die Wangenknochen waren mindestens so bemerkenswert wie dieses verflixte Kinn und bildeten einen perfekten Gegensatz zu den vollen, weichen Lippen und der eleganten Nase. Ach ja, und dann gab es da ja auch noch diese kleine Narbe neben der rechten Augenbraue. Ein winziger Fehler in einem sonst perfekten Gesicht. Und das Ergebnis war … einfach umwerfend männlich.

Oh, verflixt!

Jetzt hatte sie ihn schon wieder angestarrt. Er hatte etwas zu ihr gesagt, oder?

Der Fremde lächelte. Resigniert erblickte Ellen das kleine Grübchen, das sich augenblicklich neben seinem Mundwinkel bildete. Gab es eigentlich irgendetwas an diesem Mann, das nicht perfekt war? Verschwommen nahm sie wahr, dass er auf das Buch in ihrer Hand deutete.

„Haben Sie schon viel von ihm gelesen?“

Von ihm? Ach so. Hastig schaute sie auf den Einband. Fremde Welten, prangte da in großen schwarzen Buchstaben. Offenbar hatte sie ein Werk von T. S. Harrison erwischt, dem gefeierten Sachbuch-Autor, der für seine ebenso witzigen wie scharfsinnigen Reportagen berühmt war. In Fremde Welten ging es um Menschen, die angeblich von Außerirdischen entführt worden waren; das Buch hatte wochenlang auf den Bestsellerlisten gestanden und die Gemüter erregt. Zumal der Autor nicht nur die Alien-Opfer zu Wort kommen ließ, sondern auch Psychologen und Wissenschaftler, die alles Übernatürliche leidenschaftlich ablehnten.

„Ich, ähm, ja“, sagte Ellen und räusperte sich. „Eigentlich habe ich dieses Buch schon gelesen. Ich habe fast alles von T. S. Harrison gelesen. Und Sie? Haben Sie schon was von ihm gelesen?“

Oh bitte! Aber ihr Gegenüber lächelte erneut, und diesmal gesellten sich zu den Grübchen noch ein paar attraktive Lachfalten um die Augen. Himmel! Dieser Mann sah einfach verboten gut aus. Und leider wusste er das auch ganz genau.

„Ich kenne sozusagen jedes Wort von T. S. Harrison auswendig“, antwortete er. „Das ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren. Aber ehrlich gesagt, bin ich da auch etwas voreingenommen. T. S. ist ein alter Freund von mir.“

Ein alter Freund? So, so.

Unauffällig drehte Ellen das Buch um, allerdings war leider kein Autorenfoto auf der Rückseite. Überhaupt schien T. S. Harrison ein ziemlich scheuer Geselle zu sein. Er gab keine Interviews, erschien nie im Fernsehen oder irgendwelchen Zeitschriften. Der Mann war quasi unsichtbar. „Wirklich?“, fragte sie misstrauisch. „Sie kennen Mr Harrison? Ich habe gehört, er wäre so eine Art Einsiedler.“

„Das würde ich so nicht sagen. Er legt eben einfach Wert auf seine Privatsphäre.“ Der Fremde grinste. „Wahrscheinlich hat T. S. einfach Angst, dass einer dieser ganzen Irren ihn verfolgt. Und zwar mit einem Gewehr in der Hand.“

„Verständlich.“ Unwillkürlich musste Ellen an die Alarmanlage denken, die Onkel Bob kürzlich installiert hatte. Inzwischen war sein Stadthaus zu einer Art Festung geworden. In New York mussten sich Prominente offenbar sehr gut schützen.

„Kommen Sie eigentlich oder gehen Sie?“, erkundigte sich der Mann mit Grübchen. Sein Blick glitt über ihren Körper – von der ärmellosen Seidenbluse über den schlichten Leinenrock bis hin zu ihren sonnengebräunten Beinen in den flachen Ledersandalen.

Nicht zu fassen! Dieser Kerl musterte sie hier in aller Seelenruhe.

Noch dazu stellte er das Ganze höchst geschickt an: Sein Blick verweilte gerade lang genug auf ihren Kurven, um Interesse zu bekunden, ohne jedoch unhöflich zu sein. Und als er freundlicherweise wieder zu ihrem Gesicht zurückkehrte, schien sich das Funkeln in seinen blauen Augen noch vertieft zu haben.

War Mr Perfect etwa interessiert?

Aber halt! Er hatte sie doch schon wieder etwas gefragt. Ob sie kommen würde. Oder gehen. Merkwürdige Frage; irgendwie ergab das alles keinen Sinn.

Der Fremde schien ihre Verwirrung zu bemerken. Kein Wunder. Was wirkliche Körpersprache betraf, schien er ein Profi zu sein. „Wir befinden uns auf einem Flughafen“, erklärte er. „Die meisten Leute hier fliegen irgendwohin oder sind gerade angekommen.“

„Manche stehen auch einfach nur herum und warten stundenlang auf einen verspäteten Flug“, entgegnete sie.

„Sie also auch?“

Ellen nickte.

„Sitzt Ihr Ehemann in der Maschine?“

Eine Fangfrage.

Ellen war geschmeichelt. Und amüsiert. Und – ja – vielleicht auch ein winziges bisschen interessiert. Jedenfalls genug, um ihm eine Antwort zu geben. „Ich habe keinen Ehemann. Schon seit einiger Zeit nicht mehr.“

„Oh. Das tut mir leid. Wann ist er denn gestorben? Er muss ja tot oder schwer verwirrt sein, sonst hätte er eine Frau wie Sie doch niemals gehen lassen.“

Himmel! Sie bemühte sich um einen strengen Gesichtsausdruck. Doch leider konnte sie das verräterische Zucken ihrer Mundwinkel nicht ganz unterrücken.

„Hatten Sie mit dieser Masche schon mal Erfolg?“, meinte sie kühl. „Das ist doch reichlich dick aufgetragen.“

„Ich kann auch dezenter sein, wenn Ihnen das besser gefällt.“

Ach. Da bin ich ja mal gespannt.

Der Blick, mit dem er sie anschaute, war jedenfalls alles andere als dezent. Natürlich konnte Ellen ihn nicht ernst nehmen. Das hier war nur ein unbeschwerter Flirt, ein zwangloses Abenteuer. Ihm war schlicht und einfach langweilig, und sie stellte die perfekte Ablenkung dar.

Andererseits – ihr war ja auch langweilig. Jedenfalls bis vor drei Minuten noch. Im Grunde war es ein kompletter Zufall, dass sie heute überhaupt hier war. Eigentlich hätte sie einen Schauspielkurs gehabt. Aber dann hatte ihr Lehrer abgesagt, weil er eine kleine Rolle in einem Film ergattert hatte. Und Bob hatte von seinem Studio in Boston für ein paar Stunden nach New York jetten müssen, um an einer wichtigen Verhandlung mit seiner Produktionsfirma teilzunehmen. Tja, wie der Zufall so spielte. Statt an ihrer Mimik zu arbeiten oder einfach nur ein gutes Buch zu lesen, stand sie jetzt also hier, mit diesem Grübchen-Mann. Doch vielleicht konnte sie das Ganze ja als eine Art Übung betrachten. Immerhin war es Jahre her, dass sie sich gestattet hatte, den Blick eines attraktiven Mannes zu erwidern.

Also gut. Dann würde sie jetzt mal die Flirtkünste dieses jungen Herrn testen.

„Dezent mag ich definitiv am liebsten“, teilte sie ihm mit und lächelte.

Einen Moment lang war da so ein merkwürdiger Ausdruck in seinen Augen. Siegesgewissheit? Erregung? Oder eine Art sanfter Spott? Schwer zu sagen.

„Sie sind keine New Yorkerin“, stellte er fest „Ihr Akzent verrät Sie. Oder besser gesagt: der fehlende Akzent. Woher stammen Sie?“

„Aus Connecticut.“

„Und im Big Apple sind Sie für einen Tag?“

„Ich verbringe den Sommer hier.“

„Nur den Sommer?“

Sie nickte. Spätestens im September musste sie zurück in Connecticut sein. Dann begann das neue Schuljahr für die Kinder. Aber darüber wollte sie jetzt wirklich nicht mit diesem Mann sprechen. Jamie, ihr Jüngster, kam immerhin in die achte Klasse. Und ihre Tochter Lydia würde im Herbst das zweite College-Jahr beginnen. Obwohl … Ihr Gegenüber konnte sich bestimmt noch gut an seine eigene Schulzeit erinnern. Mehr als sieben, acht Jahre war das ja wohl kaum her.

„Ich wollte schon immer in New York leben“, erklärte sie ihm. „Also habe ich mir den Sommer freigenommen und … hier bin ich jetzt.“

„In der großartigsten Stadt der Welt“, erwiderte er. „Das Gute an New York ist, dass man sich so skandalös benehmen kann, wie man will – im Rahmen des Gesetzes natürlich –, und niemand schert sich auch nur im Geringsten darum. Das ist der Vorteil, wenn man in einer Millionen-Stadt lebt.“

„Das war ja wirklich sehr dezent. Besonders der Teil mit dem skandalösen Benehmen“, bemerkte Ellen.

Das Grübchen vertiefte sich. „Vielen Dank“, erwiderte der Fremde ungerührt. „Ich fand es auch ziemlich gelungen. Und wenn wir schon mal beim Thema sind: Gehen Sie eigentlich gerne in Museen?“

„Nicht wirklich. Eigentlich gar nicht.“ Verwirrt starrte sie ihn an. „Aber was hat skandalöses Benehmen mit einem Museum zu tun? Außer natürlich, Sie treiben da ganz andere Dinge, als einfach nur die Bilder zu betrachten.“

„Meiner Ansicht nach sind Museen das Gegenteil von skandalösem Benehmen. Sie sind sehr respektabel und gut beleuchtet – der perfekte Ort also für ein erstes Date.“ Er grinste. „Sehen Sie, ich könnte Sie jetzt um Ihre Telefonnummer bitten, um Sie später zu einem gemeinsamen Museumsbesuch einzuladen. Und wahrscheinlich würde ich damit auch durchkommen. Der Umweg über die Kunst funktioniert bei Frauen meistens viel besser als die Wahrheit.“

Diese blauen Augen brachten ihr Herz noch zum Explodieren! Es war höchste Zeit, der ganzen Sache ein Ende zu setzen, aber irgendwie konnte sie einfach nicht widerstehen.

Warum auch? Schließlich hatte sie nicht vor, diesem Mann ihre Telefonnummer zu geben oder mit ihm ein Museum zu besuchen. Seine charmante Art nützte ihm hier gar nichts. Und sein gutes Aussehen … Tja, das ließ sie zum Glück auch völlig kalt. „Welche Wahrheit denn?“, fragte sie.

Das Grübchen vertiefte sich noch mehr. „Keine Ahnung. Lassen Sie mir ein paar Sekunden, dann denke ich mir eine gute Antwort aus.“

„Sie müssen erst überlegen? Unglaublich!“

„Ich kämpfe hier unter erschwerten Bedingungen. Der Duft Ihres Parfüms zusammen mit Ihrem Lächeln, das bringt mich völlig aus dem Konzept. Ziemlich unfair von Ihnen, das muss ich schon sagen.“

„Ah! Das war jetzt die dezente Variante.“

„Ich habe gelogen“, erwiderte der Grübchen-Mann. „Um ehrlich zu sein, bin ich selten dezent, und Museen sind eigentlich auch nicht mein Fall. Also überspringen wir doch einfach mal den langweiligen Anfang und gehen zum direkten Teil über.“ Er streckte die Hand aus. „Mein Name ist Sam, und ich würde liebend gern Ihre Telefonnummer bekommen.“

Ellen zögerte einen Sekundenbruchteil, bevor sie ihre Finger in seine gleiten ließ.

Sofort spürte sie, wie sich Sams Wärme auf sie übertrug. Seine Hand war viel größer als ihre und an manchen Stellen leicht rau. Eine gute Hand – stark, kein bisschen verspielt, mit langen, kräftigen Fingern und kurzgeschnittenen Nägeln. Sie mochte diese Hand. Und sie mochte auch seinen Namen. Sam. Das passte zu ihm.

„Ich bin Ellen“, stellte sie sich vor. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Sam.“

Aus irgendeinem Grund hielt er ihre Hand noch immer fest, obwohl die Begrüßung längst vorüber war. Und was war das denn? Hatte er gerade mit dem Daumen über ihre Fingerknöchel gestrichen?

„Freut mich auch, Ellen“, entgegnete er. „Und wenn Sie mir Ihre Telefonnummer geben, verspreche ich auch hoch und heilig, Sie nicht zu einem Museumsbesuch einzuladen.“

„Tut mir leid, doch das ist unmöglich.“ Vorsichtig entzog sie ihm ihre Hand und wandte sich wieder dem Regal mit den Büchern zu. „Also, Sam. Was würden Sie mir denn empfehlen?“

„Ein Essen in einem gemütlichen Restaurant. Und anschließend gehen wir tanzen, am besten in irgendeinem Club mit schummriger Beleuchtung.“

Sie hob die Augenbrauen. „Sie wären der ideale Kandidat für eine Dating-Show. Schon mal drüber nachgedacht? Ich habe natürlich gemeint, ob Sie mir einen dieser Autoren hier empfehlen können.“

„Oh. Vielleicht … Grisham?“

„Kenne ich alle schon.“

„Dachte ich mir fast. Wie wär’s mit einem Liebesroman?“

„Hoppla“, entgegnete Ellen. „Das war ja wieder sehr dezent.“

„So schnell gebe ich eben nicht auf.“

Doch bei aller Hartnäckigkeit stand er noch immer einen halben Schritt von ihr entfernt. Er war ihr nahe, ohne sie zu bedrängen. Sie mochte ihn.

Ja, schoss es Ellen durch den Kopf. Sie mochte seinen Humor. Und dieses Lächeln. Und natürlich die azurblauen Augen. Wer brachte hier eigentlich wen aus dem Konzept?

Sie sah es schon genau vor sich: Sie beide in einem kleinen Club mit gedämpfter Beleuchtung. Sam nahm sie bei der Hand und führte sie auf die Tanzfläche. Und dann schlossen sich seine starken Arme um sie, während im Hintergrund ein romantischer Song gespielt wurde und …

Der Lautsprecher über ihr gab ein plötzliches Krächzen von sich. Darauf ertönte eine blecherne Stimme: „Dringender Aufruf für Ellen Layne. Mrs Ellen L-A-Y-N-E, kommen Sie bitte umgehend zum Informationsschalter.“

„Tut mir leid, ich muss jetzt wirklich los“, sagte sie.

„Ohne mir Ihre Nummer zu geben?“

„Ja. Aber unsere Unterhaltung war wirklich sehr nett.“

Energisch drehte sich Ellen in Richtung Ausgang. Sie würde jetzt nicht schwach werden. Auf gar keinen Fall. Schließlich konnte sie unmöglich ihre Handynummer – oder noch schlimmer – die Nummer für Bobs Festnetzanschluss – an irgendwelche fremden Männer verteilen. Das wäre doch glatter Wahnsinn. Und außerdem war dieser spezielle Mann viel zu jung.

„Tut mir wirklich leid“, murmelte sie.

„Okay, dann gebe ich Ihnen einfach meine Nummer“, erwiderte Sam und begann, in seinen Jackettaschen herumzukramen.

Einen Moment lang zögerte Ellen. Vielleicht sollte sie doch … Aber sie konnte jetzt wirklich nicht länger warten. Und Sams Visitenkarte konnte sie auch unmöglich annehmen. Denn was, wenn sich diese unschuldige kleine Karte erst mal in ihrer Handtasche befand? Die Versuchung wäre viel zu groß: Nur ein kurzer Anruf, und schon nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Nein, ausgeschlossen! Das war definitiv zu gefährlich, ermahnte sie sich selbst.

„Ich muss jetzt wirklich los“, entgegnete sie entschieden. Jedenfalls hoffte sie, dass es entschieden klang und Sam ihr kurzes Zögern nicht bemerkt hatte. „Hat mich sehr gefreut, Sie zu treffen.“

Er ließ die Suche sein und folgte ihr zur Tür des Presseshops. Noch einmal wandte sie sich zu ihm um, danach schritt sie eilig durch die große Halle. Hoffentlich folgte ihr Sam jetzt nicht zum Informationsschalter. Obwohl …

„Meine Nummer ist ganz leicht zu merken“, rief er ihr nach. „555-2356. Einfach aufwärts zählen und die 4 weglassen!“

Also wirklich! Dieser Mann war unmöglich. Auf gar keinen Fall würde sie jetzt …

Sie drehte sich zu ihm um.

Sam war ihr nicht hinterhergangen. Er stand an der Tür des Presseshops, und schaute ihr hinterher. „Ruf mich an“, formten seine Lippen, während seine Hand die typische Telefon-Geste vollführte. „555-2356.“

Das kommt davon, wenn man ohne Buch das Haus verlässt.

Energisch versuchte Ellen, ihren Verstand mit ein paar Alltagsdingen abzulenken. Auf keinen Fall durften ihre grauen Zellen genug Zeit haben, damit sie sich die Nummer merken könnten. Also: Sie musste noch einkaufen gehen. Ja, genau. Das war ein äußerst wichtiger Punkt. Schließlich hatte sie keine Wassermelonen mehr. Und diese Melonen schmeckten einfach köstlich, sie waren das Beste, was man zu dieser Jahreszeit bekommen konnte. Okay, also Melonen. Und was noch? Ach ja, sie musste sich dringend einen neuen Schauspiellehrer suchen. Und außerdem war da noch Lydia. Ihre Tochter hatte am Montag einen Vorsprechtermin für einen TV-Werbespot. Es war wichtig, da pünktlich zu erscheinen. Dafür musste sie noch die Adresse der Castingagentur nachlesen und auf Bobs Stadtplan herausfinden, wie sie zusammen mit Lydia am schnellsten dort hingelangte.

Genau, dachte Ellen zufrieden. Sie hatte mehr als genug zu tun. Deshalb blieb ihr auch gar keine Zeit, sich irgendwelche Telefonnummern einzubläuen.

Nicht einmal solche, die man sich völlig problemlos einprägen konnte.

Wie zum Beispiel 555-2356.

Sie würde ihn nicht anrufen.

Keine Chance. Eher würde die Hölle zufrieren, als dass Ellen zum Hörer griff.

Sam sah die schlanke Gestalt am anderen Ende der Halle verschwinden. Dank der Durchsage kannte er wenigstens ihren Nachnamen. Sie hieß also Layne. Ellen Layne mit einem Y. Das war ja immerhin ein Anfang, auch wenn ihm dieses Wissen schätzungsweise wenig nützte. Ihre Handynummer war wohl kaum im Telefonbuch vermerkt. Und wenn Ellen nur ein paar Monate blieb, hatte sie garantiert keinen eigenen Festnetzanschluss in New York.

Kurz gesagt: Sie würde ihn nicht anrufen, und er konnte es nicht. Die Sache war gelaufen. Und das war eine gottverdammte Schande, denn irgendwie hatte ihm Ellen Layne ziemlich gut gefallen.

Ja, klar – sie war nicht die erste attraktive Frau, die unverhofft in seinem Leben auftauchte. Er hatte schon einige kürzere Beziehungen gehabt, die hauptsächlich auf körperlicher Anziehung beruhten. Doch irgendetwas war diesmal anders. Während er mit Ellen gesprochen hatte, hatte er sich schon darauf gefreut, sie wiederzutreffen, mit ihr tanzen zu gehen und sie besser kennenzulernen.

Immerhin war sie die allererste Frau, die zugegeben hatte, dass sie keine Kunstmuseen mochte.

Ja, Ellen Layne mit Y gefiel ihm. Sie gefiel ihm sogar sehr gut.

Natürlich schadete es auch nichts, dass sie verdammt attraktiv war. Ihr schulterlanges, rotblond schimmerndes Haar hatte er sofort bemerkt. Und dann ihre Augen … groß und dunkel, wie zwei tiefe Seen, in denen man nur allzu leicht ertrinken konnte.

Auch ihr restlicher Körper war nicht gerade schlecht. Schlank und grazil. Und wenn mich nicht alles täuscht, dachte Sam, versteckten sich unter dieser Seidenbluse und dem schlichten Rock ganz wundervolle Kurven.

Ellen Layne war eine Frau mit Klasse. Doch das war es nicht, was ihn sofort zu ihr hingezogen hatte. Ja, okay – auf den ersten Blick wirkte Ellen wie ein typisches New Yorker Uptown Girl. Doch wenn man erst mal mit ihr sprach, wurde schnell klar, dass sie weder ein kleines Mädchen noch eine gelangweilte Millionärstochter war. Nein, Ellen Layne war einfach sie selbst – eine erwachsene, wunderschöne, intelligente Frau aus Connecticut. Auch wenn sein Freund T. S. jetzt garantiert behaupten würde, dass Connecticut inzwischen längst zur Upper East Side von New York gehörte.

Aber T. S. war ja nicht hier.

Eigentlich ein Glücksfall. Denn genau dieser Tatsache hatte Sam es zu verdanken, dass er jetzt in der Wartehalle des JFK-Flughafens stand.

Sein Freund hatte ihn heute in aller Frühe mit einem panischen Anruf geweckt. So begabt T. S. auch sein mochte, Terminplanung gehörte leider nicht zu seinen Stärken. Daher war der Schriftsteller nun einerseits mit einer alten Dame zum Essen verabredet – andererseits hatte er seiner dreijährigen Tochter hoch und heilig versprochen, zu ihrer allerersten Ballettaufführung zu kommen. Was also tun?

Wenn Sam richtig verstanden hatte, befand sich T. S. gerade in Verhandlungen mit Bob Osborne. Offenbar wollte sein Freund die Biografie des berühmten Entertainers schreiben – von Bobs wohlbehüteter Kindheit über seine Kriegserlebnisse in Vietnam, seinem Kampf mit den Drogen bis hin zum märchenhaften Aufstieg in der Welt der Stars und Sternchen.

T. S. war völlig begeistert von diesem neuen Projekt. Und als Osborne ihn gebeten hatte, mit der Tante des Showstars essen zu gehen, hatte er mit Freuden zugesagt. Im Gegenzug wollte der Entertainer T. S. ihn zu seinem offiziellen Biografen erklären.

Und nun? T. S. hatte versucht, Bob anzurufen und ihm die Sache zu erklären. Aber der Mann schien wie vom Erdboden verschluckt. Er ging nicht ans Telefon, er rief nicht zurück, war nicht zu erreichen. Es war wie verhext.

Also hatte T. S. in heller Aufregung sich mit seinem besten Freund, Detective Sam Schaefer vom New York City Police Department, in Verbindung gesetzt.

Sie kannten sich seit der fünften Klasse, und Sam hatte sich sofort bereit erklärt, die alte Dame für seinen Freund in Empfang zu nehmen.

Eigentlich wäre heute ja sein erster freier Abend seit Wochen gewesen, doch das hatte er lieber nicht erwähnt. Sein letzter Fall war schwierig gewesen und hatte für einen Haufen Überstunden gesorgt. Anders gesagt: Sein Privatleben war in letzter Zeit einfach viel zu kurz gekommen. Und zwar in jeder Hinsicht.

Vielleicht war es einfach Pech, dass er gerade mal wieder Single war. Im Grunde war er ja ständig Single. Denn seine sogenannten ‚Beziehungen‘ dauerten meistens nicht länger als ein paar Wochen. Manche sogar wesentlich kürzer.

Es war eine Sache, Frauen kennenzulernen und ein paar nette Stunden mit ihnen zu verbringen. Aber um eine wirkliche Beziehung zu führen, brauchte man eben Zeit. Und genau die hatte er nicht – jedenfalls nicht, solange er an einem schwierigen Fall arbeitete und ständig Überstunden schieben musste. Also lebte er eben allein.

Natürlich war ihm klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Er hatte sogar schon überlegt, rein zufällig mal über die langen Beine der neuen Sekretärin zu stolpern. Vielleicht konnte er sie ja zu einem Drink einladen. Und falls das funktionierte, zu einem Abendessen. Danach … Nun ja, man würde sehen.

Aber irgendetwas schien mit ihm in letzter Zeit nicht zu stimmen. Gestern Abend hatte sich ihm eine Chance geboten. Die junge Frau war sogar extra an seinem Schreibtisch stehengeblieben, bevor sie sich auf den Heimweg machte. Und was hatte er getan? Er hatte seinen Blick gesenkt und sich in seine Akten vertieft.

Vielleicht war das dumm gewesen. Doch in der Sekunde, bevor sich sein Mund zu einem Lächeln verziehen konnte, hatte Sam alles genau vor sich gesehen: den romantischen Anfang, die kurze Beziehung. Und dann das unschöne Ende.

Denn es würde unschön enden. Soviel war klar.

Er hatte das ja alles schon oft genug erlebt. Die angespannte Stimmung bei der Arbeit, die Tränenausbrüche am Wasserspender, die geflüsterten Vorwürfe und die düsteren Blicke des Abteilungsleiters …

Noch vor ein paar Monaten hätte er das vielleicht in Kauf genommen, nur um endlich mal wieder Sex zu haben und neben einem warmen Körper einzuschlafen. Aber inzwischen war der Gedanke an das Ende der ganzen Angelegenheit wie ein Kübel eiskaltes Wasser: Jegliche Lust verpuffte sofort.

Eigentlich konnte man von Lust auch gar nicht mehr sprechen. Inzwischen lebte er schon ziemlich lange ohne Sex. Und das Erlebnis gestern hatte ihm klar verdeutlicht, dass das wahrscheinlich die beste Lösung war. Keine Frauen, kein Ärger. Es gab Schlimmeres im Leben, als Single zu sein.

Jedenfalls war er davon überzeugt gewesen, bis Ellen Layne plötzlich in diesem Presseshop aufgetaucht war. Bei ihrem Anblick hatte er sofort gewusst: Er konnte ohne Frauen leben, allerdings nicht ohne diese. Es war ein klassischer Fall von Lust auf den ersten Blick.

Aber ob das auf Gegenseitigkeit beruhte? Wohl kaum. Natürlich hatte Ellen mit ihm geflirtet, doch mehr auch nicht. Für sie war das einfach nur ein beliebiger Zeitvertreib gewesen.

Inzwischen hat sie bestimmt schon meinen Namen vergessen, dachte er, und meine Telefonnummer sowieso. Nein, sie würde ihn nie im Leben anrufen. Warum sollte sie auch? Schließlich könnte er genau so gut irgendein Serienkiller sein, den sie zufällig am Flughafen getroffen hatte.

Er würde sie nie wiedersehen.

Sam lehnte die Stirn an das Schaufenster und erlaubte sich einen Moment tiefsten männlichen Selbstmitleids. Dann fiel sein Blick auf die Ankunftstafel, und er seufzte. Das Flugzeug mit der alten Dame war gerade gelandet. Es gab jetzt andere Dinge, um die er sich zu kümmern hatte. Außerdem war die Welt doch voll von attraktiven Frauen. Und ja, Ellen Layne war vielleicht noch ein wenig attraktiver, lebendiger und witziger als die meisten. Doch das war dann eben Pech. Sowieso schien sie ein weniger älter zu sein als die Frauen, mit denen er sich sonst verabredete. Nicht dass ihm das etwas ausmachte, aber ältere Frauen wollten häufig eine feste Beziehung. Und der bloße Gedanke an das B-Wort genügte eigentlich schon, um sämtliche Fluchtreflexe in ihm zu wecken.

Also: Kein Grund, sich hier so hängen zu lassen. Er konnte froh sein, dass sie verschwunden war. Alles andere – selbst eine einzige leidenschaftliche Nacht – hätte sowieso nur in einem Desaster geendet.

Obwohl … Im Gegensatz zu dieser neuen Sekretärin war Ellen Layne ja keine Arbeitskollegin. Rein theoretisch konnte er völlig problemlos verschwinden, sobald ihre Beziehung unschön wurde.

Ich bin ein ganz schöner Mistkerl! Und überhaupt – welche Beziehung denn? fragte sich Sam im Stillen. Die Dame war ja eindeutig nicht interessiert.

Was ziemlich schade war, denn er hatte sie wirklich gemocht und …

„Sam! Sagen Sie nicht, dass Sie auch auf diesen Flug warten …“

Verdammt! Diese Stimme kam ihm bekannt vor … Ruckartig richtete Sam sich auf. Und stieß prompt mit der Nase gegen das Schaufenster.

Sie war es tatsächlich. Ellen Layne.

Und er machte sich hier gerade zum größten Trottel aller Zeiten.

Während der Schmerz ihm fast die Sicht vernebelte, drehte Sam sich um und bemühte sich, dabei einen entspannten Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern. Vielleicht hatte Ellen gar nicht bemerkt, dass er sich eben vor lauter Schreck fast die Nase gebrochen hätte?

Ihre braunen Augen zeigten eine Mischung aus Sorge und Belustigung. „Alles okay? Ich wollte Sie nicht erschrecken. Tut mir leid mit Ihrer Nase.“

Hier blieb ihm wohl nur noch die Flucht nach vorne. „Ich habe mir die Nase erst vor zwei Monaten gebrochen“, murmelte er, während er sie vorsichtig abtastete. „Sie ist immer noch ziemlich empfindlich.“

„Das tut mir wirklich leid“, entschuldigte sie sich noch einmal. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, als sie ihn auch schon unterbrach. „Vergessen Sie’s! Ich werde Ihnen nicht aus lauter Mitleid meine Telefonnummer geben, also bitten Sie mich gar nicht erst darum.“

„Warum geben Sie mir dann nicht einfach Ihre Adresse“, entgegnete er schnell. „Ich werde mir ein psychologisches Gutachten besorgen und den Arzt bitten, Ihnen eine Kopie zu schicken. Dann können Sie sich überzeugen, dass ich trotz dieses Auftritts eben kein entflohener Geisteskranker bin.“

Sie lachte. Es war ein melodisches, leicht heiseres Lachen, das sein Blut sofort zum Kochen brachte.

„Ich habe ja schon von Leuten gehört, die einen Bluttest sehen wollen“, entgegnete sie. „Aber ein psychologisches Gutachten? Das ist mir neu.“

„Hey, das hier ist New York! Man muss auf alles gefasst sein, Babe.“

Die ersten Passagiere traten durch die Tür. In wenigen Sekunden würde Ellen vermutlich die Person treffen, mit der sie verabredet war. Und anschließend verschwand sie wieder aus seinem Leben – diesmal für immer.

„Wissen Sie, Männer, die so etwas sagen, müsste man eigentlich bestrafen.“

„Was denn? Babe?“

„Mhmm.“

„Bestrafen? Das klingt ja ziemlich erotisch.“

Unschuldig lächelte Ellen. „Das ist es sicher nicht.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen besseren Blick auf die Leute werfen zu können, die aus dem Gepäckraum ins Terminal strömten. Er musste jetzt etwas tun, und zwar fix.

„Ich verspreche Ihnen, ich bin wirklich harmlos“, stieß er fix hervor. „Genauer gesagt, bin ich ein Cop, ein Detective.“ Er zog seine Marke hervor und reichte sie ihr. „Ich würde Ihnen auch meine Waffe zeigen“, fügte er leicht grinsend hinzu. „Doch leider bin ich gerade nicht im Dienst, deshalb trage ich keine.“

Verblüfft schaute sie ihn an. Offenbar war es ihm gelungen, sie aus dem Konzept zu bringen. Das war doch ein gutes Zeichen, oder etwa nicht?

„Sie sind ein Cop?“ Sie nahm seine Marke und musterte sie. Vorsichtig strich sie mit dem Finger über das goldenen Abzeichen. „Scheint echt zu sein.“

„Natürlich ist sie das. Ich bin einer von den Guten. Glauben Sie mir, Ellen.“

Gott, was war nur los mit ihm? Er stand hier mit wild schlagendem Herzen, einer knallroten Nase, und gab irgendwelchen Schwachsinn von sich. Und das alles in der verzweifelten Hoffnung, dass Ellen Layne vielleicht … Ja, was denn? Mit ihm nach Hause gehen würde? Nie im Leben! Sie wartete auf jemanden. Außerdem war er ja auch hier, um jemand abzuholen, und …

Er erblickte eine ältere Dame. Sie trug einen knallroten Regenmantel – genau wie von T. S. beschrieben. Aber Moment mal: Diese Frau konnte unmöglich fast neunzig Jahre alt sein! Na gut, sie schien tatsächlich kaum größer als 1,55 Meter zu sein und trug auch einen ziemlich auffälligen babyblauen Jogginganzug. Aber das hier war doch keine gebrechliche Greisin, sondern eine ziemlich muntere Frau in den besten Jahren.

Dennoch schaute sie sich in der Ankunftshalle um, als würde sie jemanden suchen.

„Entschuldigen Sie mich kurz“, bat Sam und bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Ellen hielt immer noch seine Polizeimarke in der Hand. Er konnte nur hoffen, dass sie jetzt nicht einfach damit abhaute. Das wäre ein Desaster – und zwar in mehr als einer Hinsicht.

„Verzeihung! Sind Sie vielleicht Alma Osborne? Ich bin hier um …“

„Ja, ich bin Alma“, unterbrach ihn die Frau im knallroten Regenmantel fröhlich. „Und Sie müssen T. S. Harrison sein, mein absoluter Lieblingsautor. Ich bin ja so erfreut, dass wir uns endlich einmal treffen!“

„Alma, da bist du ja!“

Erstaunt beobachtete Sam, wie Ellen sich durch die Menschenmassen drängte und die winzige alte Dame umarmte.

„Schätzchen! Bobby hat mich angerufen. Aber er meinte, du wärst heute Abend vermutlich beschäftigt. Was für eine wundervolle Überraschung, dich hier zu sehen!“

„Die eigentliche Überraschung kommt erst noch, Tante Alma“, entgegnete Ellen. Ihre großen braunen Augen funkelten, als sie der alten Dame zulächelte.

Sam konnte nicht länger an sich halten. „Sie treffen sich hier mit Alma?“, platzte er heraus. „Aber ich treffe mich doch mit ihr. Und überhaupt …“ Er sah auf die winzige Gestalt im roten Regenmantel hinunter. „Sie können doch unmöglich Alma sein. Alma ist neunundachtzig Jahre alt. Das kann doch nicht stimmen.“

„Papperlapapp“, wandte sich die alte Dame an Ellen. „Was könnte denn eine noch größere Überraschung sein als ein Essen mit meinem Lieblingsautor?“

Dann blickte sie strahlend zu Sam auf. „Und herzlichen Dank für das Kompliment, junger Mann, aber ich bin definitiv Alma Osborne. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen gerne meinen Pass, damit Sie sich selbst von meinem Alter überzeugen können.“

„Sie wird im Mai neunzig Jahre alt“, erklärte Ellen und grinste amüsiert. „Wir sind eine ziemlich langlebige Familie.“

„Deine Haare sehen anders aus“, bemerkte Alma. „Du bist blond! Lass dich anschauen!“

„Irgendetwas ist letzten Winter über mich gekommen“, erwiderte Ellen. „Ich dachte, ich fange das neue Jahr als Blondine an – in der Hoffnung, mehr Spaß zu haben.“

„Mir gefällt’s“, verkündete Alma. „Sehr sexy!“

„Ohhh ja“, murmelte Sam.

„Seid ihr beiden zusammen hergekommen, um mich abzuholen?“, fragte die alte Dame sichtlich begeistert.

„Also, ich …“ Ihre Verwirrung war Ellen deutlich anzumerken. „Sind Sie wirklich wegen Alma hier?“, wandte sie sich an Sam.

„Aber Schätzchen, weißt du denn nicht, wer das ist?“, stieß die alte Dame hervor.

„Doch, das weiß ich“, entgegnete Ellen und schaute auf das goldglänzende Abzeichen, das sie noch immer in ihrer Hand hielt. „Sein Name ist Sam. Sam Schaefer. Er ist Detective. Stimmt doch, oder?“ Sie reichte Sam die Marke zurück.

„Schon möglich“, meinte Alma unbeeindruckt. „Vielleicht ist Sam sein richtiger Name. Aber als Schriftsteller nennt er sich anders. Bobby hat mir erzählt, dass ich heute Abend endlich meinen großen Helden treffen werde. Und hier ist er, T. S. Harrison höchstpersönlich.“

2. KAPITEL

Ähm“, sagte Sam und zögerte. Er mochte diese alte Dame wirklich sehr. Wie sollte er ihr jetzt also beibringen, dass sie gleich eine große Enttäuschung erleben würde?

Er öffnete den Mund, um seine Erklärung möglichst schonend vorzubringen. Doch im selben Moment wurde er auch schon unterbrochen.

Sie sind T. S. Harrison?“ Ellen sah ihn an, als wäre sie gerade vom Blitz getroffen worden. „Wieso haben Sie das nicht gleich gesagt?“

Tja. Offenbar war sie ganz schön beeindruckt. Und er befand sich jetzt in einer ganz schön blöden Situation. Einerseits gefielen ihm diese Bewunderung und der Respekt in Ellens großen braunen Augen. Andererseits wollte er sie keinesfalls belügen und vorgeben, jemand zu sein, der er gar nicht war. Auch wenn T. S. und er sich wirklich gut verstanden – sie waren nicht dieselbe Person.

„Also, um die Wahrheit zu sagen …“, versuchte er es erneut. Nur um schon wieder mitten im Satz gestört zu werden.

„Alma!“, dröhnte eine tiefe Stimme. Im nächsten Moment rauschte Bob Osborne mit einem Heer von Bodyguards an ihm vorbei. „Schau dich nur an! Du siehst ja zum Anbeißen aus, altes Mädchen! Wie zum Teufel geht es dir?“

„Bobby! Du hier? Ich dachte, du bist in Boston.“

„Siehst du, ich habe dir doch versprochen, dass noch eine Überraschung kommt“, sagte Ellen strahlend, während Bob sich an ihr vorbeidrängte, die alte Dame in seine Arme riss und ihr einen schallenden Kuss auf die Wange gab.

„Ähm, Verzeihung. Also, was ich noch sagen wollte: Ich bin übrigens nicht T. S. Harrison.“ Sam sah sich um. Niemand schien ihn gehört zu haben – oder hören zu wollen. Im Gegenteil …

„Harrison! Wie geht’s, mein Junge?“, erklang die dröhnende Stimme plötzlich direkt neben seinem Ohr. Einen Arm noch immer um Alma gelegt, schnappte sich Bob Osborne seine Hand und schüttelte sie kräftig. „Schön, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen. Wie es der Zufall wollte, bin ich heute doch in New York.

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