Logo weiterlesen.de
Mörderische Insel

Über Marsali Taylor

Marsali Taylor wurde in der Nähe von Edinburgh geboren. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren Katzen und zwei Shetlandponys an der Westküste der Shetland-Inseln.

Sie war Sprach- und Theaterlehrerin und Touristenführerin, spielt Theater, schreibt für die Zeitschrift Shetland Life, gibt Segelkurse oder ist mit ihrem Segelboot unterwegs.

Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschien bisher ihr Roman »Mörderische Brandung«.

Mehr Informationen zur Autorin unter www.marsalitaylor.co.uk.

Ulrike Seeberger, geboren 1952, Studium der Physik, lebte zehn Jahre in Schottland, arbeitete dort u.a. am Goethe-Institut. Seit 1987 freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Nürnberg. Sie übertrug u.a. Autoren wie Philippa Gregory, Vikram Chandra, Alec Guiness, Oscar Wilde, Charles Dickens, Yaël Guiladi und Jean G. Goodhind ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Tödlicher Segeltörn

Zwei Luxusboote legen im Hafen von Brae auf den Shetland-Inseln an. Cass Lynch, leidenschaftliche Seglerin und Hobby-Ermittlerin, kann es sich nicht verkneifen, dem seltsamen Treiben der Besitzer dieser Schiffe nachzuspüren. Sie ahnt nicht, in welche Gefahr sie sich begibt. Da wird einer ihrer begabtesten Segelschüler tot aufgefunden. Ein Unfall war das wohl nicht. Doch zum Glück greift Detective Inspector Gavin Macrae aus dem schottischen Hochland ein.

»Eine großartige Lektüre.« Shetland Times

Marsali Taylor

Mörderische Insel

Ein Shetland-Krimi

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

Montag, 6. August

Gezeiten für Brae:

Niedrigwasser

06.32

0,4 m

Hochwasser

12.58

2,1 m

Niedrigwasser

18.41

0,6 m

Hochwasser

01.03

2,3 m

Mond abnehmend, letztes Viertel

Zwei Tage, nachdem alles vorüber war, machte ich mich auf den Weg nach Bergen.

Die Bergungsboote waren schon vor mir draußen, flankierten die Stelle, wo die Rustler untergegangen war. Ich beobachtete sie, während ich mit der Chalida zwischen den niedrigen grünen Hügeln von Busta Voe hinaussegelte und Brae hinter mir zurückblieb. Es waren zwei robust gebaute Metallkolosse mit Katamaranrumpf und genügend Kraft, um eine 13-Meter-Yacht aus der grünen Tiefe der Cole Deeps hochzuholen.

Ich wollte nicht bleiben, um zuzusehen. Ich wusste, wie sehr das Wasser die makellose Inneneinrichtung des Bootes bereits jetzt beschädigt haben würde. Der glänzende Lack würde weiß gefleckt sein, die Arme des Seetangs und die klauenbewehrten Meeresbewohner würden schon über die weidengrünen Kissen und in die verschlossenen Schränke kriechen. Die elektrischen Anlagen würden nicht mehr zu reparieren sein, die Metallteile der Takelage hätten bereits zu rosten angefangen. Jetzt war das Boot nur noch Bergungsgut, falls jemand es tatsächlich kaufen wollte – jemand, der nicht die schrecklichen Dinge hatte identifizieren müssen, die da in der Tiefe des Meeres auf dem Boden der Kabine gelegen hatten, Futter für die Krebse.

Vier Menschen waren gestorben, und drei waren in Polizeigewahrsam. Es war vorüber.

Ich wendete die Chalida und richtete sie auf das offene Meer aus.

1

A silk Monenday maks a canvas week.

Ein seidener Montag bringt eine sackleinene Woche.

(Altes Sprichwort aus Shetland: Eine Woche, die zu gut beginnt, kann schlimm enden.)

Kapitel 1

Montag, 30. Juli

Gezeiten für Brae:

Niedrigwasser

01.08

0,7 m

Hochwasser

07.22

1,9 m

Niedrigwasser

13.30

0,8 m

Hochwasser

19.39

2,0 m

Mond zunehmend, letztes Viertel

»Ich weiß, wie du die Narbe da gekriegt hast«, sagte der Junge, und seine Augen wanderten über die schartige Delle, die über meine Wange verlief.

Ich wollte ihm keine Reaktion zeigen. Er war um die fünfzehn Jahre alt, kompakt gebaut, hatte die Sonnenbräune eines Menschen, der sich kaum je im Haus aufhält, glänzendes schwarzes Haar und einen Matrosenohrring, der ihm vom linken Ohr baumelte, einen goldenen Reif mit einem Kreuz. Seine Augen waren graugrün, standen über der Hakennase eng beieinander, die Wimpern an den im Augenblick halbgeschlossenen Lidern waren sehr dunkel. Er schaute mich schräg darunter hervor an wie ein Kormoran, der ein waches Auge auf einen zappelnden Fisch hält.

Ich versuchte immer noch, mich zu erinnern, wer er war. Inzwischen hatte ich die meisten Kinder und Jugendlichen aus der Gegend kennengelernt, und sein Gesicht kam mir bekannt vor. Er war keiner von den Seglern aus dem Klub – doch dann fiel mir ein, dass er mich mal unter einem Helm hervor frech angegrinst hatte. Da hatte er seinen kleinen Bruder auf einem Quad-Bike abgeholt. Sein Bruder war Alex, ein begeisterter Segler, der sich hinter mir immer noch durch die Flaute am felsigen Eingang des Yachthafens quälte. Olaf Johnstons Sohn – Norman, so hieß er. Ich erinnerte mich an Olaf aus meiner Schulzeit und war überhaupt nicht überrascht, dass er sich zu einem Vater entwickelt hatte, der seine Kinder auf einem Quad-Bike über die Straßen rasen ließ. Wahrscheinlich fand er, dass er seine Verantwortung in Sachen Sicherheit im Verkehr bereits erfüllt hatte, wenn er die Jungs dazu brachte, einen Helm zu tragen.

Er war kein Vater, der mir in meiner gegenwärtigen Lage viel nutzen würde.

Es war ein wunderschöner Abend. Obwohl es beinahe neun Uhr war, schien die Sonne immer noch über dem Berg im Westen und glitzerte auf dem Wasser. Die Gezeiten hatten sich vor einer Stunde gedreht, und nun begann das Wasser allmählich am warmen Beton der Slipanlage abzulaufen. Der silbrige Geist eines Dreiviertelmondes schimmerte über den Bergen im Osten. Ein Südwind Stärke 3 hatte dafür gesorgt, dass die Picos mit den pinken Segeln rasch um ihren Dreipunktekurs flitzten. Wir hatten alle ungeheuer viel Spaß gehabt, bis man vom Anlegesteg unterhalb des Klubhauses das hohe Jaulen eines Motors hörte. Dann kam ein Junge auf seinem Jetski herausgeschossen, kurvte um die Dinghys herum, um sie zum Schaukeln zu bringen, und wendete zwischen ihnen, um sie mit glitzernden Wasserfontänen zu bespritzen. Ich hatte mir vorgenommen, mir diesen Jungen vorzuknöpfen, sobald er wieder an Land kam.

»Schau mal«, sagte ich, »ich weiß, das hier ist eine öffentliche Slipanlage, aber es ist doch wirklich nicht nötig, dass du mit deinem Jetski so nah an den Segelanfängern vorbeirast.«

Er ging nicht darauf ein. »Dein Freund hat auf dich geschossen. Und dann hast du ihn über Bord geschmissen und ertrinken lassen.«

Alain Es war, als hätte der Junge mir eine Ohrfeige gegeben. Er hatte wohl gesehen, wie sich meine Augen vor Schreck weiteten, denn seine dünnen Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln.

»Das reicht jetzt«, sagte eine Stimme über meine Schulter hinweg. Die t-Laute waren betont, die Vokale guttural, denn der Sprecher war Norweger. Der junge Mann war von hinten herangetreten und stand nun dicht neben mir. Er war einen halben Kopf größer als ich, breitschultrig und so muskulös, wie man wird, wenn man den ganzen Tag Motoren herumwuchtet. Sein silberblondes Haar war halb unter einer Kappe verborgen, deren Schirm einen dunklen Schatten auf seine Stirn warf, seine Augen waren vom kalten Blau des Meeres an einem Wintertag, und sein Mund war im Augenblick eine harte Linie zwischen dem blonden Schnurrbart und dem ordentlich gestutzten Kinnbart. Er trat noch einen Schritt vor. »Wenn ich dich noch mal hier sehe, bist du danach ein paar Monate nicht mehr auf dem Jetski.«

Ich machte eine Protestgeste. Er trat vor mich, rückte dem Jungen ganz nah auf den Leib. »Solange, bis der Gipsverband abkommt. Kapiert?«

»Du kannst doch nicht …«, hob ich an. Beide ignorierten mich, starrten einander an wie zwei Vordeckmatrosen beim Pokern. Der Junge wollte auf keinen Fall zeigen, dass er eingeschüchtert war, aber seine trotzige Körperhaltung veränderte sich ein bisschen, und die Augen, die mir so kühn ins Gesicht geblickt hatten, wandten sich ab. Aber seine absolute Niederlage würde er nicht hinnehmen.

»Wie sie schon gesagt hat, das hier ist ein öffentlicher Anlegesteg. Den kann ich benutzen, wann ich will.« Er schaute auf den Norweger, und wieder verzog sich sein Mund zu diesem unangenehmen Grinsen. »Mein Dad ist Olaf Johnston. Der hätte was dagegen, dass du mich belästigst.« Seine Augen wanderten zu meinem Gesicht, dann wieder zum Norweger.

Anders ließ sich das nicht gefallen. Er machte noch einen Schritt vorwärts und sprach sehr leise. »Das hat gar nichts mit deinem Vater zu tun. Ich rede mit dir. Komm ja nie wieder in die Nähe unserer Dinghys.« Er warf dem Jungen einen letzten harten Blick zu. »Oder in meine Nähe.« Sprach’s und wandte sich mir zu, als wäre der Junge Luft. Er deutete mit dem Kopf an die Stelle, wo unsere Segelschüler gerade ihre Dinghys mit dem Schlauch fertig abgespritzt hatten und sich nun ihre Trockenanzüge, Schwimmwesten und einander vornahmen. »Gehen wir, Cass?«

Mir war klar, dass er fort wollte, solange er im Vorteil war. Denn er hatte kaum zwei Schritte getan, als eine Beule an seiner linken Schulter auftauchte und sich zu bewegen begann; sie wanderte über seinen Brustkorb und nach oben. Eine rosa Nase und ein bebender Schnauzbart tauchten am Halsausschnitt seines karierten Hemdes auf, und dann schlängelte sich Ratte heraus und setzte sich auf seine Schulter, den Schwanz um Anders’ Hals gelegt. Ratten sind ziemlich große Haustiere, und diese Ratte war ein gutgewachsenes Exemplar, beinahe 60 cm von der Nase bis zur Schwanzspitze. Ihr Fell war glänzend weiß, mit einem schimmernden schwarzen Fleck steuerbords und einem anderen über Ohr und Wange backbords. Ich mochte sie; sie war sauber, wendig und im Allgemeinen an Bord gut zu halten, wenn man die Keksdose fest zugeschraubt hatte und die Leichtwindsegel achtern in der Backskiste untergebracht waren. Trotzdem begriff ich, warum Anders sie lieber verborgen halten wollte; sie hätte eindeutig das Image des harten Mannes ruiniert.

Anders spazierte die Slipanlage hinauf; ich blieb noch, um das letzte Dinghy mit hochzuziehen. Das Wasser spülte mir warm um die Knöchel.

»Wir sind am Eingang zum Yachthafen einfach nicht mehr weitergekommen«, erklärte der Skipper. Es war Alex, der Bruder unseres Jetski-Idioten. Er war ein zu klein geratener Zehnjähriger mit lavendelblauen Augen in einem runden Gesicht und mit einer Goldrandbrille, die er mit einem Gummiband befestigt hatte. Sein blondes Haar war modisch lang und lockte sich seltsam feucht um seinen Hals wie die Tentakel einer Qualle.

»Ich habe euch gesehen«, stimmte ich zu. »Was habt ihr falsch gemacht?«

Er dachte nach. »Mit der Pinne gewackelt.«

»Ja.«

»In die verbotene Zone gesegelt?«

»Das war euer Hauptproblem«, sagte ich. »Nächstes Mal löst ihr die Pinne ein wenig und lasst das Boot Fahrt aufnehmen. Es ist egal, wenn ihr dann ein paar Wenden mehr machen müsst.«

»Okay«, sagte er. Er schaute zu dem neonpinken Dreieck hinauf, das über uns flatterte. »Muss ich auch das Segel abspritzen?«

»Ist es im Wasser gewesen?«

»Nein.«

Ich schaute auf sein nasses Haar. »Und wieso warst du dann drin?«

»O ja, ich bin umgekippt«, gab er zu.

»Dann spritze das Segel auch ab.«

Wir schoben das Dinghy an seinen Platz in der Reihe unterhalb des Yachtklubs. Das Klubhaus selbst war ein Betonwürfel aus den siebziger Jahren, der Zeit, als Shetland plötzlich die Ölhochburg Europas geworden war. Während der Bauphase des riesigen Ölterminals in Sullom Voe zehn Meilen nördlich hatten über viertausend Männer in dem Wohnlager gelebt, und die Bosse mussten sich etwas einfallen lassen, um sie bei Laune zu halten. Das Kino und die Turnhalle waren inzwischen längst zu Lagern für Schaffutter verfallen, aber den Yachtklub hatten die Einwohner mit Begeisterung übernommen. Traditionell waren die Bewohner von Shetland Fischer mit einem kleinen Bauernhof. In den achtziger Jahren war dieses Voe (der Dialektausdruck für einen langen Fjord wie diesen hier) weiß vor Segeln der traditionellen Shetland Models oder Maids gewesen; Jugendliche hatte man mit den rot besegelten Mirrors geködert. Jetzt hatten die älteren Segler das Spektrum auf Yachten erweitert, brachen von einem Augenblick zum nächsten nach Farö oder Norwegen auf und stillten ihren Ehrgeiz im Wettbewerb bei heiß umkämpften Punkteregatten. Die Jüngeren verbrachten ihre Zeit auf den Picos, einer Art flacher Badewanne mit Mast. Als Seglerin hatte ich nicht sonderlich viel für diese Boote übrig, musste aber zugeben, dass sie praktisch unverwüstlich waren, selbst in den Händen von Wahnsinnigen wie Alex, der genauso viel Zeit im wie auf dem Wasser verbrachte.

Als ich endlich ins Klubhaus kam, hatten die meisten Kinder ihre triefnassen blauen Trockenanzüge und scharlachroten Schwimmwesten im Trockenraum aufgehängt und waren nun (dem Krach nach zu schließen, der durch die Fenster herausdrang) in den Duschen schwer beschäftigt: Die Mädchen duschten ausgiebig in einer Wolke duftender Seifenblasen, die Jungen bespritzten einander, so gut es nur ging. Es ist schon erschreckend, wie vorhersehbar die Geschlechterrollen sein können.

Ich setzte mich auf die Bank und wartete darauf, dass sie fertig würden. Mein Haar war feucht; ich löste es aus dem üblichen Zopf und ließ mir meine dunklen Locken in Wellen auf die Schulter fallen. Rechts von mir erstreckte sich die grüne Biegung von Ladies’ Mire unter dem Stehenden Stein, der seine raue Rückseite in die Sonne hielt und einen klobigen Schatten auf die mit Gänseblümchen übersäte Wiese bis hin zum dunklen Tang am Strand warf. Dahinter erhob sich ein dunklerer, mit Heidekraut überwucherter Berg, der Scattald, das gemeinsam genutzte Weideland. Die Bauern hatten den ganzen Tag lang hier mit den Schafen gearbeitet. Eine Reihe von Pick-ups parkte unterhalb des Gatters am Hang, und schwarzweiße Collies knurrten einander durch die Rückfenster herausfordernd an. Ab und zu blickte ich auf und sah eine Gruppe entrüsteter, nervöser Schafe quer über den Hang rennen, und zwei, drei Hunde flitzten um sie herum. Scheren, die Hufe überprüfen, sie lila einsprühen, bei den Schafen nahm die Arbeit kein Ende. Diese Bergschafe, die sich da so nervös zu einem vielfarbigen Haufen zusammendrängten, waren echte Shetland-Schafe, halb so groß wie die großnasigen Suffolks, die in der Nähe der Häuser majestätisch durch die grünen Parks schritten. Diese Schafe streiften im Sommer auf den mit Heidekraut bewachsenen Hängen herum, und im Winter kamen sie herunter, um am Strand Seetang zu fressen und das Salz von den Straßen zu lecken. Sie waren schwarz, grau und mittelbraun, gelegentlich war ein schwarz-weiß geschecktes oder ein weißes dazwischen; hier passte das Sprichwort vom »schwarzen Schaf der Familie« nicht.

Ein bis oben mit Heu beladener Berlingo kam die Hauptstraße zwischen den neuen Häusern auf dieser Seite und den älteren auf der gegenüberliegenden entlanggerasselt; die älteren waren traditionelle Bauernhäuser, die noch nach dem Wikingermuster gebaut waren: lang und niedrig, mit grau gedeckten Ziegeldächern und einer dichten schützenden Hecke aus bronzeblättrigem Ahorn davor. Links von mir schwang sich der Strand im weiten Bogen zum alten Brae, wo jedes Haus auf seinem eigenen schmalen Stück Land stand, das bis zu einer unwegsamen Hangweide hinauf und bis zu der Stelle hinunter reichte, wo das Boot in seiner kleinen Kuhle wartete. Selbst das Pfarrhaus hatte einen steinernen Anleger, und der ehemalige Dorfladen erhob sich stolz oberhalb eines beachtlichen Landestegs aus der – nicht allzu fernen – Zeit, als alle Waren und Kunden noch übers Meer kamen. Die Geschichte Shetlands war immer um uns herum, und die alten Muster setzten sich fort.

Der Strand endete an der Landspitze von Weathersta. Letzte Nacht hatte ich von der Selkie-Frau geträumt, die dort gelebt hatte. Es war einer jener Träume, aus denen man mit einer unguten Vorahnung aufwacht, die sich den ganzen restlichen Tag wie ein dunkler Nebel an einen heftet. Ich war diese Selkie-Frau gewesen, als Seehund geboren und entzückt von den rauen Wellen, und doch hatte ich mein Fell abgelegt, um an Land eine Frau zu sein und auf Menschenbeinen im Mondlicht zu tanzen – bis ein junger Fischer mein Fell versteckt und mich für sich behalten hatte. Im Traum hatte ich ihn geliebt und war in seine Arme gesunken. Ich wollte dem Gesicht keinen Namen zuordnen, nicht einmal heimlich nur für mich. Aber meine Selkie-Frau hatte eine nagende, schmerzliche Herzenssehnsucht nach dem Meer entwickelt, und ich hatte überall nach dem Seehundfell gesucht, in dem kahlen Haus mit den aus Treibholz gezimmerten Möbeln, in der unaufgeräumten Scheune unter den Bojen aus Hundefell und den verhedderten Tauen, bis ich völlig verzweifelt war und glaubte, er hätte es zerstört und ich müsste auf immer an dieses schwerfällige Land gefesselt bleiben, bis ich vor Sehnsucht starb. Ich war ins Meer gelaufen, hatte mein in der Wiege schreiendes Kind zurückgelassen und wachte keuchend auf, als sich mein Mund mit Wasser füllte …

Ich wusste, woher dieser Traum kam. Mein Freund Magnie hatte Gespenstergeschichten erzählt, und eine davon hatte von dem schreienden Baby gehandelt, dem verlassenen Kind der Selkie-Frau, das ohne sie krank geworden und gestorben war. Ich kannte auch den Grund; der war recht offensichtlich. Nach einem Dutzend Jahren auf See, als Skipper von Yachten und Segellehrerin, hatte ich beschlossen, einen zertifizierten Abschluss am North Atlantic Fisheries College in Scalloway, der uralten Hauptstadt Shetlands, zu machen. Ich wusste, dass das eine vernünftige Idee war – nein, besser noch, es war genau das, was ich wollte: für eine bezahlte Arbeit an Bord eines Großseglers qualifiziert zu sein, anstatt immer nur als Teil einer ehrenamtlichen Mannschaft für nichts als die Unterkunft und Verköstigung. Trotzdem grauste mir vor einem Jahr Schule, davor, Tag für Tag an Land gefangen zu sein, in diesem nördlichen Klima festzusitzen, ohne eine Chance, weiße Segel über meinem Kopf zu sehen und in der blauschwarzen Nacht das Kreuz des Südens strahlend hell vor dem Bug. Ich hatte Angst, dass ich es nicht schaffen würde, dass der Ruf des Meeres zu stark sein würde, dass ich mich in einem Klassenzimmer gar nicht mehr wiedererkennen würde, die Haare ordentlich zum Zopf geflochten, in einem Pullover mit einem adretten Muster für den Landgang und mit Schuhen anstatt Segelstiefeln oder Flipflops an den Füßen.

Eine Bewegung am Ende des Voe unterbrach meine Grübeleien. Ein Motorboot kam herein. Ich ließ den Blick über die Pontons schweifen, suchte nach Lücken. Das dunkelblaue Boot, das dem lauten jungen Paar gehörte, war nicht da, aber zum Glück waren es nicht die beiden, die jetzt zurückkamen; dieses Boot war weiß und hatte einen hohen Bug. Bei der Geschwindigkeit, die es hatte, würde es in fünf Minuten bei uns sein. Als ich mich fragte, ob die Leute vielleicht vorher telefonisch einen Liegeplatz reserviert hatten, knirschten Reifen auf dem Kieshang, der von der Hauptstraße zur Slipanlage herunterführte. Ein uralter senfgelber Fiesta klapperte an mir vorbei und hielt an dem Metalltor. Es war Magnie höchstpersönlich, der Hüter des Yachthafens, der gekommen war, um die Festmachleinen aufzunehmen und den Leuten einen Schlüssel zum Klubhaus zu geben.

Er hatte sich dem Anlass entsprechend gekleidet; die Sonne betonte das blendende Weiß seines traditionellen Fair-Isle-Pullovers, den noch seine verstorbene Mutter gestrickt hatte und auf dem ein Längsmuster mit Zöpfen und Ankern vor einem mattblauen Hintergrund prangte. Sein rotblondes Haar war zurückgestrichen, und seine roten Wangen glänzten, als wären sie gerade frisch rasiert. Die Leute auf dem Motorboot mussten Besucher von außerhalb sein. Denn Einwohner von Shetland, die sich nur einen schönen Abend machen wollten, hätten sich mit dem traditionellen Blaumann und gelben Gummistiefeln zufrieden geben müssen.

Das Motorboot war eine 45-Fuß-Yacht mit einem langen Vordeck zum Sonnenbaden im Hafen und einem hohen Ruderhaus, das auf ein geschütztes Cockpit hinausging. Der Motor heulte auf, als das Boot vor dem Yachthafen einen Bogen fuhr, ehe das Heulen in ein sanftes Brummen überging, als der Bootsführer die Motoryacht zu dem Ponton lenkte, wo Magnie wartete.

Unterhalb von mir auf der Slipanlage schaute Norman mit weit offenstehendem Mund zu, wie das Boot über das Wasser heranglitt. Noch ein Wasserstrudel am Bug, und dann lag es still da. Magnie warf die Achterleine, und der Mann am Ruder machte sie fest; im Vordeck öffnete sich eine Klappe, und eine Frau kam heraus und streckte die Hand nach Magnies zweiter Leine aus. Eine kleine Pause, während sie das Boot auch an der anderen Seite festmachten, und dann kletterte Magnie an Bord. Ich überlegte, ob er wohl zum Willkommen eine Flasche in der Hüfttasche stecken hatte.

Norman war nicht der Einzige, der fasziniert zu dem Motorboot starrte. Anders hauchte auf Norwegisch: »Das ist eine Bénéteau Antares.«

Ich zuckte mit den Achseln, legte die traditionelle Verachtung der Seglerin für Motorboote an den Tag.

»Die macht bestimmt dreißig Knoten«, fügte Anders hinzu.

»Ohne dass die Mannschaft nass wird«, gestand ich ihm zu und schaute auf den verbreiterten Bug. Es sah beinahe so aus, als wäre das Boot halb so breit wie lang. »Die muss innen riesig sein.« Ich drehte den Kopf zu Anders und lächelte ihn an. »Wir können uns wahrscheinlich später mal da umschauen.«

Dass man Gott und die Welt auf sein Boot lassen muss, ist das immerwährende Risiko, wenn man in einem Yachthafen vor Anker geht.

»Die wollen sich vielleicht mal die Chalida von innen anschauen«, meinte er mit Trauermiene.

»Mal sehen, wie der Rest der Welt so lebt«, stimmte ich ihm zu. Die Chalida, meine Yacht und das Zuhause, das wir uns teilten, war nur 8 m lang.

Das Poltern von Füßen auf der Treppe verkündete, dass unsere Kids endlich aus der Dusche heraus waren. Anders ging nach oben, um heißen Fruchtsaft und Schokokekse auszuteilen, und ich steckte kurz die Nase in die nach Talkumpuder duftende Luft des Umkleideraums für Mädchen. Es sah ziemlich ordentlich aus: nur eine kleine Überschwemmung auf dem Fußboden, dazu noch zwei Kleiderbügel für Trockenanzüge und die unvermeidliche einzelne Socke. Dann folgte ich Anders nach oben, um die Nachbesprechung zu machen und die RYA-Logbücher der Kids zu unterschreiben: 27. Juli, Aktivität: Regattatraining, 2 Stunden Selbst, Windstärke 2–3, Cass Lynch. Endlich fuhren sie auf ihren Rädern davon oder wurden von ihren Eltern in schlammbespritzten Pick-ups mit einem bellenden Hund auf der Ladefläche abgeholt, und Anders und ich konnten nach Hause gehen.

Norman hatte noch nicht aufgegeben. Als wir aus der Tür des Klubhauses traten, jaulte und brüllte seine Höllenmaschine auf, und er raste davon, von zwei öligen Wasserfontänen flankiert. Eine Pause, dann eine scharfe Kurve, um ein bisschen Wasser über die Chalida zu sprühen, mit einem Blick zurück über die Schulter, um sicher zu sein, dass wir es auch gesehen hatten, ehe er über das Voe hinausbrauste, um dafür zu sorgen, dass niemand innerhalb eines Radius von drei Meilen einen ruhigen Sommerabend genießen konnte.

Wir schauten ihm hinterher. Ich wollte Anders dafür danken, dass er ihm den Kopf gewaschen hatte, doch ich hatte sein Einschreiten eigentlich nicht gebraucht, und ich war mir gar nicht sicher, ob die Androhung von Gewalt die Lage wirklich verbessern würde. Aber ich wollte die Sache auch nicht auf sich beruhen lassen. Und dann hast du ihn über Bord geschmissen und ertrinken lassen. Anders und ich hatten nie über Alains Tod geredet, und ich wollte nicht, dass er nur Normans verdrehte Fassung kannte. Ich warf ihm einen unsicheren Blick zu, den er nicht bemerkte. Er war zu sehr damit beschäftigt, die neuangekommene Bénéteau mit begehrlichen Blicken anzuschmachten.

»Die hat zwei 500 HP Cummins-Motoren.«

Eindeutig stachen die Cummins den uralten, klapprigen Volvo Penta der Chalida aus. Ich gab auf.

»Dann wollen wir mal hingehen und hallo sagen.«

Kapitel 2

Wir schlenderten am Ponton entlang. Die Frau war unter Deck gegangen, doch der Mann stand mit Magnie auf dem Vordeck und führte dort eine größere elektrische Ankerwinde vor. Ich verspürte einen Anflug von Neid, denn das Heraufholen des Ankers der Chalida konnte einem beinahe das Kreuz brechen, besonders wenn die Gezeiten in die andere Richtung zerrten.

Magnie nickte, als wir nur noch zehn Meter entfernt waren, und begrüßte uns, wie es in Shetland Tradition ist, mit: »Noo dan.«

»Now«, erwiderte ich. Ich nickte dem Fremden zu. »Hallo. Kommen Sie von weit her?«

»Von Orkney«, antwortete er. Er war Ende vierzig und ein dunkler Typ, und die Sonnenbräune ließ seine Haut beinahe ledern erscheinen. Er hatte einen glänzenden schwarzen Schnurrbart und struppige Brauen, die seine braunen Augen beschatteten. Oben auf dem Kopf bekam er schon eine Glatze, das konnte man trotz der Segelmütze sehen, und das schwarze Haar wich ihm auch von der Stirn zurück, war aber hinten noch dicht und wurde dort zum Ausgleich sehr viel länger getragen. Er war untersetzt, sein Stiernacken ging in breite Schultern über, und seine massige Taille wölbte den weißen Pullover unter der marineblauen Jacke vor. Irgendwie kam er mir vertraut vor, aber im Augenblick konnte ich es nicht mit Bestimmtheit sagen; ich war mir sicher, dass ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Er trat vor, um mir sachlich und fest die Hand zu schütteln.

»David Morse.«

»Cass Lynch«, sagte ich. »Von der Chalida.« Ich deutete mit dem Kinn nach hinten. »Das ist die 8-m-Offshore-Yacht da drüben.«

Er schaute hin, erkannte sie sofort. »Van de Stadt.«

»Ja, die große Schwester der Pandora.«

»Das war ein toller Schiffsbauer. Wir hatten eine Pioneer, oh, das ist lange her, vielleicht zwanzig Jahre.« Ich konnte seinen Akzent nicht genau lokalisieren: gebildeter Schotte, eher von der Ost- als von der Westküste, hatte wahrscheinlich irgendwas mit Finanzen oder so zu tun. Vielleicht kauften sich Banker mit ihren Bonuszahlungen solche Boote? Dies hier war nagelneu und hatte bestimmt eine Stange Geld gekostet. »Tolles seegängiges Boot, wirklich toll. Kommen Sie an Bord.« Er winkte mich heran, wandte sich Anders zu, streckte ihm die Hand hin, starrte ihn an und hob dann die Hand mit der Handfläche nach vorn. »Ach je, einen Augenblick lang habe ich geglaubt, ich hätte Halluzinationen. Ihr Haustier, junger Mann?« Er streckte Anders wieder die Hand hin. »David Morse.«

Bei der Wiederholung seines Namens fiel der Groschen. Plötzlich war ich wieder fünf Jahre alt und blätterte die Seiten eines französischen Bilderbuchs um: Capitaine Morse et le Dragon de Mer1, bestaunte die detaillierten Abbildungen der grünroten Seeschlange und des Fischerbootes, das »Käpt’n Walross« gehörte. Und hier stand er leibhaftig vor mir, mit seinem freundlichen Lächeln, dem Schnurrbart, der Segelkappe und allem. Bei aller Leutseligkeit, wenn ich ihn als Mannschaft hätte einteilen müssen, hätte ich ihm entweder einen älteren männlichen Wachführer zugesellt, der den Vorgesetzten rauskehren konnte, oder eine effiziente Frau, die ihn auf dem falschen Fuß erwischen und zurechtstutzen würde. Sonst würde er zu sehr dazu neigen, das Kommando an sich zu reißen, selbst wenn er nicht genau wusste, was er eigentlich tat; man konnte sehen, dass er es gewöhnt war, seinen Willen durchzusetzen.

»Anders Johansen.« Anders hob eine Hand zu Ratte, deren Schnurrhaare erwartungsvoll bebten, in der Hoffnung, dass sie ein neues Schiff erkunden dürfte. »Sie haben doch nichts gegen eine Ratte? Sie ist stubenrein.«

»Überhaupt nicht, aber ich werde meine Frau warnen.« Er drehte sich um und rief in die Kabine hinunter: »Madge? Madge, Besuch, einschließlich einer zahmen Ratte.«

Von unten war ein gedämpfter Schrei zu hören, dann das Klirren einer heruntergefallenen Henkeltasse. »O je …« Die Stimme war eindeutig von der Westküste, aus einem der vornehmeren Viertel Glasgows. Madge linste um den Türpfosten herum. Ihr Haar hatte die rötlichbraune Farbe eines Taschenkrebsrückens und war zu einem federigen Bob geschnitten. Die graugrünen Augen in dem rundlichen, rosa gepuderten Gesicht waren mit Wimperntusche eingerahmt. Ihr Blick fiel auf mich, erfasste die Schneckenspur meiner Narbe, wanderte viel zu schnell zu Anders’ Gesicht und glitt dann zu seiner Schulter hinab. Ihr stand der Mund weit offen. »Großer Gott, das ist ja eher ein kleines Pferd. Die beißt doch nicht, oder?« Der Glasgower Akzent war noch stark, aber jetzt, da ich sie länger reden gehört hatte, war er von einem anderen überlagert, irgendeinem nordenglischen vielleicht.

Anders schüttelte den Kopf und warf ihr sein bestes Lächeln Marke »junger Odin« zu. »Ratte hat noch nie jemanden gebissen.«

»Na ja, das ist die erste Ratte, die wir je an Bord hatten. Gehen Sie schon mal rauf. Das Wasser hat gerade gekocht.«

Wir stiegen über die glänzende Glasfaserbordwand und ins Cockpit. David winkte uns nach oben. »Der Abend ist viel zu schön, um drinnen zu sitzen.«

Das Dach des Ruderhauses umrahmte eine obere Ebene mit einem Tisch und einem halbrunden Sofa mit weißen Kunstlederpolstern, einer kleinen Spüle, einer Arbeitsfläche aus hellem Holz und einer Sonnenliege von Doppelbettbreite. Das Boot hatte gigantische Ausmaße. Die gesamte Kabine der Chalida hätte locker allein in diesen Sitzbereich gepasst. Das Armaturenbrett sah aus wie das eines Autos, komplett mit Lenkrad, Gangschaltung und Instrumenten. Allein diese Matrix von Bildschirmen und Knöpfen war ihre zwanzigtausend wert. Ich erkannte einen Fischfinder, einen Radar, einen Chartplotter und ein Automatisches Identifikationssystem, zusätzlich zu den üblichen Geräten: Funkgerät, Echolot, Windmesser, Barometer, Gezeitenuhr und Logge. Beim AIS hielt ich inne.

»So eins hätte ich gern, vor allem draußen auf See. Wenn man einhandsegelt, muss es toll sein, frühzeitig gewarnt zu werden und die Gelegenheit zu haben, bei den anderen Booten persönlich anzurufen.«

Nicht dass das immer was brachte. Der Ozeandampfer damals, die Sea Princess, die an uns vorüberfuhr, kurz bevor Alain über Bord ging, hatte überhaupt nicht auf meinen Funkruf reagiert, war einfach nur weitergefahren. Man hatte schließlich einen Fahrplan einzuhalten.

David langte mir über die Schulter und schaltete das Gerät an. »Es hat auch ein eingebautes Alarmsystem. Wenn irgendwas näher als, nun, das kann man einstellen, zehn Meilen, zwanzig Meilen herankommt, warnt es einen.«

»Cool«, sagte ich.

»Ja, ja«, meinte Magnie. »Schon fantastisch, was die heutzutage alles können.«

Ich warf ihm einen raschen Blick von der Seite zu. Er war viele Jahre als Maat auf einem Walfangschiff durch die Antarktis gefahren, ehe er näher an Zuhause ein Fischerboot übernahm. Was er nicht über technische Einrichtungen auf Schiffen wusste, war nicht wissenswert. Ich würde ihn später fragen, warum er den Trottel vom Land spielte.

»Also, jetzt schalte das mal wieder aus«, rief Madge von unten herauf. »Ich weiß doch, wie ihr Seeleute seid.« Man hörte stampfende Schritte auf der Treppe, dann erschien ein Tablett in der Luke, wurde auf dem Boden abgestellt, und dahinter tauchte ihr krebsrotes Haar auf. Sie trug einen jadegrünen Velourstrainingsanzug unter einer geblümten Schürze, farbenfroh und heimelig, die Gattin des Vorstandsvorsitzenden beim Entspannen. Die Hände, die nun nach dem Tablett griffen, waren mit unzähligen Ringen geschmückt. »Ihr schaltet ein Gerät ein«, fuhr sie fort, »und dann müsst ihr es ausgiebig vorführen, dann das nächste, und ehe wir uns versehen, sind wir wieder auf See und suchen Fischschwärme. Nein danke! Alles abschalten, David, und lass unsere Gäste ihren Kaffee trinken.«

Es war richtiger Bohnenkaffee, dessen Duft sich mit einem Hauch von frisch gebackenem Schokoladenkuchen mischte. Ich schob die Beine unter den Tisch, setzte mich auf das weiße Kunstledersofa und bewunderte das Arrangement auf dem Tablett: eine Cafetière, Henkeltassen, Milchkännchen und Zuckerdose aus feinem Porzellan und ein Teller mit einer ordentlich gestapelten Pyramide aus Schokoladen-Brownies. Auf der Chalida würde sich dieses feine Porzellan keine zehn Minuten halten.

»Milch und Zucker?«, fragte Madge.

»Schwarz für mich«, sagte ich. Ich wartete, bis sie mit Einschenken fertig war, und streckte ihr dann meine Hand hin. »Ich bin Cass Lynch von der Chalida, der kleinen weißen Yacht da drüben. Der erste Mast rechts.«

»Madge Morse.« Sie verzog das Gesicht. »Ich weiß, der Name klingt furchtbar. Nicht nur kurz, sondern auch noch zwei M hintereinander. Wenn ich heute heiraten würde, würde ich meinen Mädchennamen behalten, Madge Arbuthnot klingt viel gediegener.«

»Wofür steht Ihr Cass?«, erkundigte sich David.

Das schien mir eine seltsame Frage zu sein.

»Cassandre«, antwortete ich und sprach es auf französische Art aus. Er zog die Brauen in die Höhe. »Meine Mutter ist Französin«, erklärte ich, »und Opernsängerin. Damals wirkte sie gerade bei einer Inszenierung der Troerinnen mit.«

»Na, das ist aber spannend«, meinte Madge. »Wir hören uns leider nicht viel Oper an. Ich bin eher auf BBC 2 abonniert, aber wir mögen auch Andrew Lloyd Webber – hat Ihre Mutter schon was von ihm gesungen?«

Ich musste lächeln, wenn ich mir vorstellte, wie meine Mutter einen Anruf von Sir Andrew entgegennahm. Sie möchten, dass ich in einem Musical mitsinge? Ihr Tonfall wäre der eines Kapitäns, den man gebeten hat, das Deck zu schrubben. Sie haben sich in der Nummer geirrt, Monsieur. Ich bin Eugénie Delafauve. Und dann würde sie auflegen. Das war irgendjemand, der meinte, ich sollte leichte Muse singen. Ich muss unbedingt mit meiner Agentin reden.

»Nein«, sagte ich, »sie hat sich ganz dem Hof des Sonnenkönigs verschrieben. Auftritte in großartigen Kostümen in eleganten Châteaux.« Im Augenblick probte sie eine Erzschurkin von Rameau, die Erinice in Zoroastre, in einer aufwändigen Inszenierung in Chinon, die Ende August Premiere haben sollte. Nach der bisher erfolgreichen Versöhnung meiner Eltern hatte Dad für uns beide Flugtickets besorgt, damit wir uns die Oper anschauen konnten.

»Das klingt gut«, erwiderte Madge. Dann wandte sie sich Anders zu, der immer noch mit sehnsüchtigem Blick auf die Einstiegsluke zum Maschinenraum starrte. »Ihren Namen habe ich nicht mitbekommen.«

Er riss mit sichtlicher Mühe seine Gedanken von Zylindern und Kolben weg und stellte sich vor.

»Milch, Zucker? Und möchte Ihre Ratte ein Brownie?«

Anders schaute zweifelnd auf das helle Polster. »Wenn Sie erlauben, gebe ich ihr ein bisschen was von meinem ab, aber auf dem Boden. Ein ganzes für sie allein wäre zu viel.«

Wir ließen uns in der Rundung des Sofas nieder: Magnie außen – der Henkelbecher mit dem Charles Rennie Mackintosh-Muster wirkte in seinen knorrigen Händen außerordentlich zerbrechlich –, dann kamen ich, Anders und Madge dort, wo Tisch und Sofa den größten Abstand hatten. David komplettierte den Kreis auf dem Fahrersitz. Ich nahm mir ein Brownie und biss dankbar hinein. Es war noch warm und schmeckte sehr gut.

Anders fragte Madge: »Darf ich Ratte absetzen, damit sie sich ein bisschen umschaut?«

»Aber gern«, antwortete sie. »Hält sie sich selbst so makellos weiß, oder müssen Sie sie waschen?«

»Oh, sie hält sich selbst sauber«, antwortete Anders. »Ratten sind sehr reinliche Tiere.« Er setzte Ratte auf den Boden, sie reckte alle viere von sich, schlug mit dem Schwanz. Er bot ihr ein Stückchen von seinem Brownie an. Ratte schaute es sich an, zog ihre durchscheinenden Zehen unter den Körper, rollte den Schwanz ein und knabberte los.

»Sie sind also aus Norwegen«, konstatierte David. »Nur zu Besuch?«

»Im Augenblick schon«, erwiderte Anders. »Cass hat mich hergeholt, als Maschinist auf einem Filmschiff.«

»Oh«, sagte Madge überrascht. »Ich hätte Sie jetzt für ein Paar gehalten.«

Wir schüttelten beide den Kopf. Zu meinem Erstaunen sah ich, wie David Madge einen seltsamen Blick zuwarf, als wäre das irgendwie bedeutsam. Magnie hatte das auch bemerkt; ich sah, wie er über der Henkeltasse seine hell bewimperten Augen aufschlug, dann gleich wieder senkte.

»Ich habe im Moment hier Arbeit als Mechaniker«, erklärte Anders.

Er erwähnte nicht, dass er und seine Kumpels, Nerds wie er, gerade schwer mit einem intergalaktischen Krieg beschäftigt waren, der mit Schwertern und Zauberkraft ausgetragen und mit kompliziert bemalten Spielfiguren auf einer Modellbahnlandschaft ausgefochten wurde, die einen ganzen Keller mit Beschlag belegte, und dass nichts ihn dazu bringen würde, hier wegzugehen, ehe die Schlacht nicht geschlagen war. Ich vermutete auch, dass er zu gewinnen schien; er hatte in der letzten Woche eine ziemlich große Selbstsicherheit an den Tag gelegt – zum Beispiel in der Art, wie er mit dem jungen Norman umgesprungen war. Bei jedem anderen hätte ich auf eine willige neue Freundin getippt, aber bei Anders war es wesentlich wahrscheinlicher, dass er jetzt Warlord Ruler des Planeten Krill war. Ich konnte mit Mühe das Lächeln unterdrücken, das mir schon beim Gedanken daran kam.

»Ich habe es nicht eilig, wieder nach Hause zu kommen, obwohl mein Vater langsam ungeduldig wird. Er betreibt eine Werft bei Bergen – kennen Sie Norwegen?«

David sagte »Nein«, während Madge gleichzeitig »Ja« sagte. David schaute sie wütend an und schüttelte den Kopf. »Jedenfalls nicht gut«, improvisierte er. »Wir haben einmal dort Urlaub gemacht, aber weiter südlich als Bergen. Wir haben von Stavanger aus Touren unternommen. Wir hatten immer vor, mal wieder hinzufahren. Von hier aus sind wir ja in sieben, acht Stunden in Bergen drüben.«

Ich hatte mit der Chalida dreißig gebraucht.

»Stavanger war wunderschön«, sagte Madge sehnsüchtig. »So sauber, und dann die Holzhäuser mit den roten Dächern um den See herum.«

»Ist Stavanger der Ort mit den kleinen Holzhäusern bis hinunter zum Meer?«, fragte Magnie unschuldig, als würde er nicht jeden norwegischen Hafen genauso gut kennen wie Lerwick.

David schüttelte den Kopf. »Das ist Bergen, glaube ich, mit Bryggen. Wo, sagten Sie, hat Ihr Vater seine Werft, Anders?«

»Gleich hinter dem Yachthafen in Bildøy«, antwortete Anders, »die Johansen-Werft. Wenn Sie mal da in der Gegend sind und was reparieren lassen müssen, dann können Sie sicher sein, dass man es dort gut macht, und zu einem vernünftigen Preis.«

»Das schreibe ich mir auf«, sagte David. »Ein guter Kontakt ist immer nützlich.« Er zog ein iPad heraus und ließ sich von Anders die Adresse und Telefonnummer geben. Dann wandte er sich mir zu. »Und wo kommen Sie her, Cass?«

»Das hier ist meine Heimat – ich bin gleich hinter dem Berg da aufgewachsen.« Ich deutete auf die grüne Wölbung von Muckle Roe. »Diese Insel da – die ist mit einer Brücke angebunden, aber das können Sie von hier aus nicht sehen.«

Mein Vater war einer der Bauleute gewesen, die die Errichtung des Ölterminals in Sullom Voe beaufsichtigten; vor dem Haus, in dem ich großgeworden bin, donnerte der Atlantik an den Strand und schleuderte Salz an mein Schlafzimmerfenster. Dieser lange schmale Meeresarm war mein Spielplatz gewesen, zwei Meilen bis zu der Verbreiterung des Fjordes und der Biegung zum Atlantik (diese Richtung war uns absolut verboten: nächster Halt die ferne Insel Foula, dann die Spitze von Grönland). Inzwischen hatte ich den Atlantik mehrere Male überquert. Vor meinem geistigen Auge wurde aus den blauen Kräuselwellen, die so ordentlich durch Reihen von Muschelbänken mit dem braunen Strand verbunden waren, eine Einöde von grauem Wasser, über das große Brecher rollten. Ein Mann, der mitten auf dem Atlantik über Bord geht, ist nicht leicht wieder aufzufinden. Ich hatte Alain nie gefunden.

»Ein wunderbares Gebiet zum Segeln«, stimmte mir David zu.

»Ein wunderbares Gebiet für eine Kindheit«, fügte Madge hinzu, »obwohl man wahrscheinlich hier nicht viel unternehmen konnte.«

»Also, ich weiß nicht«, erwiderte ich. »Ich hatte Glück, denn meine beste Freundin Inga wohnte nur hundert Meter weiter die Straße entlang, also war entweder ich bei ihr oder sie bei mir zu Hause, oder sie und ich und ihr Bruder Martin waren in den Bergen oder am Strand unterwegs. Es war eine tolle Kindheit. Wir haben in dem alten Bauernhaus Vater-Mutter-Kind gespielt, am Strand Feuer gemacht, und wir sind im Fjord geschwommen und zum Laden geradelt, um Süßigkeiten zu kaufen. Und natürlich bin ich gesegelt. Ich hatte ein Mirror, und Martin war meine Mannschaft. Wir waren überall auf den Regatten.« Nur eines hatte ich gehasst: im Haus eingesperrt zu sein. Maman hatte den Versuch unternommen, aus mir ein hübsches kleines Mädchen mit langen, dunklen Zöpfen und Rüschenkleidchen zu machen. Es hatte nicht funktioniert. »Und jetzt haben die Kinder natürlich auch noch das Freizeitzentrum und das Schwimmbad direkt vor der Tür, dazu noch alles, was in Lerwick so geboten wird.«

Es sah nicht so aus, als hätte das Madge überzeugt. »Aber was ist mit der Schule? Mussten Sie dafür in die Hauptstadt fahren?«

Ich schüttelte den Kopf und zeigte auf ein Gebäude an Land. »Das da drüben ist die Schule, mit dem Freizeitzentrum gleich daneben. Wir hatten eine gute Schuldbildung. Mit Computern und Sport und Fahrten ins Ausland. Die Lehrer kannten uns alle, und wir kannten sie.«

»Sie haben Ihren Schulabschluss hier gemacht?«

»Nein. Meine letzten Schuljahre habe ich in Frankreich verbracht.« Langsam teilte ich Magnies Misstrauen. In Shetland würde einem natürlich jeder diese Fragen stellen, um einen »einzuordnen«, und das Gespräch würde mit dem Satz beendet: »Ja, ja, jetzt weiß ich, wer du so bist.« Ye, ye, I ken wha du is noo. Aber Madge war ja nicht aus Shetland, und so würden ihr die Namen nichts sagen. Vielleicht war sie einfach nur neugierig und noch zu neu in der Bootsszene, um die ungeschriebenen Gesetze über die Privatsphäre zu verstehen – und doch hatte sie die Bugleine festgemacht wie ein echter Profi. Ich beschloss, dass jetzt die beiden an der Reihe wären. »Wie ist es mit Ihnen, Sie sagten, Sie kommen aus Orkney?«

Keiner von beiden hatte auch nur eine Spur des Akzents von Orkney, dieses wunderbaren Singsangs, als spräche ein walisischer Sänger Scots. Aber es konnte ja sein, dass sie sich dort zur Ruhe gesetzt hatten. In Orkney war die zugewanderte Bevölkerung viel größer als in Shetland.

David schüttelte den Kopf. »Wir sind vom Central Belt.2 Aber jetzt kommen wir gerade von Orkney. Wunderschön da; wir haben ein kleines Hotel entdeckt, das uns die besten Steaks serviert hat, die ich je gegessen habe. Wir waren ein paar Tage in Kirkwall, dann sind wir über Fair Isle hierhergeschippert.« Er schaute auf seine Armbanduhr. »Schon zehn Uhr! Ich habe mich immer noch nicht an das Licht hier gewöhnt. Es ist ja kaum Dämmerung. Entschuldigen Sie mich, ich muss mir die Nachrichten anhören.«

Er schaltete das Radio an, und wir bekamen fünf Minuten Schlagzeilen zu hören. Eurokrise, Sorgen eines Wohltätigkeitsverbandes wegen fallender Spenden, Ankündigung weiterer Sparmaßnahmen durch den Finanzminister. Ich war im Augenblick reich, denn der Filmjob war gut bezahlt worden, aber dieses Geld wollte ich mir für das College aufheben, also lebten Anders und ich von unseren Tageslöhnen. Die Gürtel wurden diesen Sommer enger geschnallt.

Am Ende der Schlagzeilen schaltete David das Radio aus und schüttelte den Kopf. »Ich interessiere mich brennend für den letzten dieser Kunstdiebstähle. Aber da gibt es anscheinend nichts Neues.«

Kunstdiebstähle, davon hatte ich noch nichts gehört, aber ich verfolgte ja die Nachrichten nicht sehr aufmerksam. Ich spannte den Kiefer an, um ein Gähnen zu unterdrücken. »Entschuldigung, aber ich bin den ganzen Tag auf dem Wasser draußen gewesen.«

Magnie kam mir zu Hilfe. »Die Diebstähle, bei denen Gemälde und so Sachen aus schottischen Herrenhäusern geklaut wurden? Nicht aus den ganz großartigen, nicht aus so großen wie Glamis. Eher aus kleineren Herrenhäusern.«

»Darüber haben sie ein bisschen was gebracht«, sagte David. »Anders, kommen Sie und bewundern Sie unsere Motoren.«

Anders ließ sich nicht zweimal bitten. Er setzte sich Ratte wieder auf die Schulter, und sie verschwanden die Leiter hinunter.

»Einen der Bronzeköpfe von Epstein haben sie auf den Färöern wieder aufgetrieben«, meinte Madge.

»Das ist prima«, sagte ich. Das nächste Gähnen würde ich nicht unterdrücken können. »Tut mir leid!« Ich stand auf. »Vielen Dank für den Kaffee, und ich hoffe, dass Sie eine schöne Zeit in Shetland verbringen. Haben Sie vor, lange hierzubleiben?«

»Oh, eine Woche so etwa, wir machen ein paar Touren«, sagte sie. »Wahrscheinlich nicht von Brae aus; hier wollten wir nur frische Vorräte an Bord nehmen und auftanken, dann weiterfahren.«

»Na, dann gute Reise«, antwortete ich. Magnie setzte seinen Henkelbecher ab und stand auf.

»Werfen Sie den Schlüssel einfach im Bootsklub in den Briefkasten«, sagte er. »Einen schönen Aufenthalt in Shetland.«

»Den haben wir bestimmt«, antwortete Madge lächelnd.

»Die führen irgendwas im Schilde«, konstatierte Magnie, als Anders zurückgekehrt war, noch mit dem verträumten Gesichtsausdruck eines Mannes, der gerade eine Vision gehabt hat. Wir saßen wieder alle sicher und geborgen in der viel kleineren Kabine der Chalida, und die Kerze in der Laterne warf flackernde Schatten auf die holzgetäfelten Wände ringsum. Mein kleines Zuhause war ganz traditionell eingerichtet, mit einer Sitzbank mit blauen Kissen an der Steuerbordseite, die von dem hölzernen Schott vorn bis zur Viertelkoje achtern verlief, und mit dem Herd, der Spüle und dem Kartentisch auf der Backbordseite. Hinter dem Schott war die Toilette, die wir im Yachthafen nicht benutzten. Mittschiffs war eine Luke und gegenüber an der Steuerbordseite ein Hängeschrank, dahinter noch, wegen der Privatsphäre mit einem Vorhang abgetrennt, die V-förmige Vorpiekkoje, in der Anders und Ratte schliefen. Die Sitzbank wurde von einem Klapptisch unterbrochen. Anders saß dahinter, den blonden Kopf an das Schott gelehnt, während Ratte neben ihm auf der Holzleiste balancierte, die auf See unsere Bücher im Regal hielt. Magnie saß ihm gegenüber, und ich hatte meinen üblichen Platz auf den Stufen eingenommen, die gleichzeitig die Motorabdeckung waren.

»Du hast es mit dem Trottel vom Land ein bisschen übertrieben«, sagte ich zu Magnie. »Kein Fischer würde sich mehr über ein AIS wundern, die haben so was schon seit Jahren.«

»Die wussten doch gar nicht, dass ich Fischer war«, antwortete Magnie. »Und außerdem«, beharrte er stur, »führen die was im Schilde! Ich hab das Gefühl, die sind von der Polizei.«

»Polizei?«, wiederholte ich.

Anders schaute beunruhigt. »Wieso sollte denn die Polizei hierherkommen?«

»Irgendein Dienst jedenfalls«, behauptete Magnie beharrlich. Ich schaute ihn zweifelnd an. »Das Boot war einfach zu schick«, fuhr er fort, »und die passen nicht dazu. Nun kenn ich mich mit den Leuten aus dem Süden natürlich nicht so aus, aber da stimmt was nicht. Sie war viel zu jung, um sich so alt anzuziehen.«

Darüber dachte ich nach. »Die Schürze?«

»Wie alt ist die wohl, was meinst du? Fünfundvierzig?«

»So in der Gegend«, stimmte ich ihm zu.

»Also, ich hab noch nie so ’ne Schürze an einer unter sechzig gesehen, seit Jahren nicht, und so rosa Puder im Gesicht auch nicht. Und sie war auch ziemlich flink auf den Beinen.«

»Mit fünfundvierzig ist man auch noch nicht gerade im Rheuma-Alter«, wandte ich ein.

»Trotzdem hat sie sich bewegt wie eine viel Jüngere«, beharrte Magnie. »Wenn man nur danach geht, wie sie mit dem Tablett die Leiter rauf- und runtergeklettert ist, na, da hätte man doch auf dreißig getippt.«

»Vielleicht geht sie ins Fitnessstudio«, schlug ich vor.

»Dann hätte sie aber nicht so viel auf den Rippen.«

»Ja«, stimmte ich zu. »Sie war mollig. Das waren sie beide.«

»Es waren die Diebstähle«, sagte Anders plötzlich. »Davor haben sie einfach nur Fragen gestellt, wie das die Leute auf Booten so machen. Unter Deck hat der Mann auch immer weiter darüber geredet.«

»Viel zu viele Fragen«, meinte ich.

»Nicht zu viele, wenn man nur in einem Hafen kurz vorbeikommt«, widersprach mir Anders. »Das ist was anderes. Wenn man zur Mannschaft auf einem Schiff gehört, ja, da wären es viel zu viele Fragen, denn man wird ja einen Monat mit den Leuten zusammenleben.«

Ich nickte. Die Privatsphäre wurde eifersüchtig gehütet, wenn man zu siebt auf einer 40-Fuß-Yacht hauste.

»Das habe ich mir auch gedacht«, sagte Magnie. »Dass sie sogar wissen wollten, wo du aufgewachsen bist, Cass.«

»Das mit Norwegen war auch komisch«, fügte ich hinzu. »Als wollten sie dich irgendwie abchecken.«

»Aber als David dann auf die Diebstähle zu sprechen kam, hat er dich beobachtet. Er war total misstrauisch, besonders als du gegähnt hast.«

»Ich bin den ganzen Tag auf dem Wasser draußen gewesen«, protestierte ich. »Frische Luft und so.«

»Wenn eines von diesen Kopfdingern auf den Färöern aufgetaucht ist«, meinte Magnie, »dann haben sie vielleicht Privatyachten im Verdacht, die zwischen Schottland und dort hin- und herfahren können.«

Ich schaute zu Anders rüber, der sich in seine Ecke gelehnt hatte, die schläfrige Ratte ans Kinn geschmiegt. Die Laterne warf bernsteinfarbene Schatten auf sein Haar. Dann sah ich auf meine farbbespritzte Jeans. »Sehen wir zwei wie Leute aus, die einen Leonardo von einem Leuchtturm unterscheiden können?«

»Also, den Leuchtturm würden wir erkennen«, antwortete Anders.

»Ihr Name war auch komisch«, fuhr ich fort. »Ich weiß, die Namen passen oft zu den Leuten, doch ich fand, dass er wirklich ein bisschen wie ein Walross aussah, er hatte so was wabbelig Fettes, wisst ihr, aber mit jeder Menge Kraft unter dem Fett. Und dann habe ich mich plötzlich an ein Bilderbuch erinnert, das ich als Kind geliebt habe, in dem ging es um einen ›Käpt’n Walross‹, und der Mann sah genauso aus wie auf den Bildern.«

»Wo kommen die her?«, fragte Magnie plötzlich. »Ich hab gar nicht am Heck vom Boot nachgeschaut.«

»Am Bug stand nichts«, erwiderte ich.

Anders setzte Ratte auf dem Tisch ab, machte einen Schritt nach vorn, schob die Luke auf und streckte den Kopf hindurch. »Das ist sehr seltsam.« Er langte nach oben, stemmte einen Fuß auf seine Bank und schwang sich in einer flüssigen Bewegung nach draußen. Magnie und ich schauten einander mit hochgezogenen Brauen an, stiegen dann über die Kajütenleiter ins Cockpit. Der Mond war zu einem Silberpenny verdichtet, stand strahlend hell am blassblauen Himmel; das Wasser war schon halb die Slipanlage hinuntergesunken und wirbelte aus dem Yachthafen auf seinen Sammelpunkt in den tiefsten Tiefen des Ozeans zu.

»Das Boot hat keinen Namen«, murmelte Anders. »Und ich glaube, bei den Instrumenten habe ich auch kein Rufzeichen gesehen.«

»Nein«, sagte ich. »Da war keines.«

Magnie schüttelte den Kopf. »Das ist doch immer beim Funkgerät, das ist übliche Praxis.«

Wir schauten über den Bug der Chalida auf den schimmernden Heckspiegel des Motorboots, der mit seiner Reflektion im Wasser eine breite Acht bildete. Darüber schimmerte das Licht in der Kajüte orange und ließ die klare Nacht finster erscheinen. Auf der ausgedehnten Glasfaserfläche war keine Markierung. Kein Name, kein Heimathafen, nur die rote Schiffsflagge, die schlaff in der windstillen Luft in Falten hing.

Wir standen einen Augenblick da und schauten das Boot an. Ich versuchte, mich zu erinnern, ob ich je zuvor ein namenloses Schiff gesehen hatte, und kam zu dem Schluss, dass mir so etwas noch nie begegnet war.

»Auch keine SSR-Nummer3«, murmelte Anders.

»Illegal«, stimmte ich ihm zu.

Dublin, Edinburgh, Newcastle, Portsmouth. Norwegen, Färöer, Deutschland, Polen. Von hier aus stand ihnen die Wikingerroute offen. David und Madge waren Schotten, aber sie konnten von überall gekommen sein.

Kapitel 3

»Und ich sag’s euch«, beharrte Magnie, »das ist ein Polizeiboot oder irgendein Geheimdienst.«

Er stapfte zum Bug und schaute lange und bedächtig über das Voe in Richtung Rona. »Na ja, wenn dieses andere Schiff nicht bald kommt, geh ich ins Bett.«

»Noch ein Schiff?« Anders schüttelte den Kopf und verfiel in breitesten Shetland-Dialekt. »Junge, Junge, hier geht’s bald zu wie in Waterloo Station zur Hauptverkehrszeit.«

»Zwei an einem Abend, nicht schlecht«, stimmte ich ihm zu. »Die haben wahrscheinlich von den heißen Duschen im Klubhaus erfahren.«

»Oder vom Vorrat an Real Ale aus Shetland im Mid-Brae Inn.«

»Von Frankie’s Fish and Chips-Bude.«

»Vom nördlichsten indischen Restaurant mit Straßenverkauf in ganz Großbritannien.«

»Es ist eine Yacht«, erklärte Magnie. »Die haben um die Abendessenszeit angerufen. Die kommen von Hillswick runtergesegelt, meinte der Mann, und sie hofften, vor Einbruch der Dunkelheit in Brae zu sein. Ich habe ihnen gesagt, dass sie euch beide aufwecken sollen, wenn ich nicht hier bin.«

»Kein Problem«, sagte Anders. Er kam zum Cockpit zurück. »Ich bin bestimmt noch wach, auch wenn Cass schon längst wie eine Tote schläft. Da kannst du lange warten, bis du die aufgeweckt kriegst, sag ich dir.«

»Ja, ich kann im Stehen schlafen«, stimmte ich ihm zu.

»Geht schon in Ordnung«, meldete Magnie. »Da kommen sie jetzt. Hört nur.«

Wir lauschten auf das sanfte Plätschern des Wassers auf dem Kiesstrand und das Schwatzen der Küstenseeschwalben, die ihre Küken für die Nacht zur Ruhe betteten; ein Auto kam um die Kurve zum Klubhaus gefahren; ein Schaf blökte nach seinem Lamm; und am Berghang war das seltsame Gurren einer Schnepfe zu hören. Sobald unsere Ohren all diese Geräusche herausgefiltert hatten, erkannten wir in der Ferne das leise Brummen eines Motors.

»Es sei denn, es ist das Partyboot, das dunkelblaue«, unkte ich. »Das von Kevin und Geri.«

Anders schüttelte den Kopf. »Das ist ein Yachtmotor.«

Magnie schaute in die Ferne. »Da sind jetzt die Positionslichter, sie kommen um die Landspitze.« Er schwang sich über die Bordwand der Chalida auf den Ponton. »Sechsunddreißig Fuß. Die lasse ich mit der Nase nach vorn an der anderen festmachen.«

Ich ging rasch nach unten, um die Kerze in der Laterne auszupusten, gesellte mich dann zu Magnie auf dem Ponton. »Ich helfe dir, ihre Leinen einzuholen.«

Wir beobachteten, wie das Licht näher kam, einen schlanken Mast über einem dunkelgrünen Bootskörper erhellte, der sich an beiden Enden elegant verjüngte. »Mann«, staunte ich und betrachtete das Schiff neiderfüllt, »das ist eine Rustler. Das sind fantastische Boote, richtige Ozeanüberquerer. Wenn ich je reich bin …«

»Der Motor ist gut in Schuss«, sagte Anders, als die Yacht in einem Bogen in den Hafen einfuhr.

»Schaut euch die Linien an«, hauchte ich. »Was für ein wunderschönes Heck!«

»Hat aber ’nen langen Kiel«, sagte Anders. »Ich wette, da braucht’s zum Rückwärtsfahren ’n Bugstrahlruder.«

»Bleiben die lange hier, Magnie?«

»Zwei, drei Tage. Wollt ihr beide mit den Leinen helfen oder nur an der Pier Maulaffen feilhalten?«

Wir packten jeder eine Leine und machten uns zum Werfen bereit. An Bord war ein Paar, das sich mit der Leichtigkeit bewegte, wie sie nur lange Übung bringt. Der Mann war am Bug, die Frau steuerte. Sie schaltete den Motor ab, fuhr dann rückwärts, bis das Boot genau einen Meter vom Heck der Bénéteau hielt; der Mann stieg ganz gelassen auf den Ponton, während das Boot hereinkam, hielt eine Leine in der Hand und hielt das Boot ruhig, ehe er einen Schlag Leine um den Poller legte. Dann wandte er sich uns zu und lächelte. »Danke.« Er warf seiner Begleiterin die beiden Achterleinen zu und ging selbst nach vorn, um den Bug der Rustler zu sichern. »Na, das war ein guter Segeltörn. Hoffentlich haben Sie nicht extra auf uns gewartet …« Er betrachtete erst Anders, doch dann wanderte sein Blick zu Magnie. »Mr Williamson, stimmt’s?«

»Magnie.« Sie schüttelten sich die Hand.

»Kommen Sie an Bord – kann ich Sie zu einem Schlummertrunk überreden?«

»Ich will Sie nicht aufhalten«, sagte Magnie.

»Die Nacht ist noch jung«, erwiderte der Mann fröhlich, »und ein kleiner Whisky ist immer gut nach einem langen Segeltag. Kommen Sie rüber.«

»Ja, bitte!«, schallte die Stimme der Frau aus dem Cockpit. »Wir wollen Sie nämlich über die Umgegend ausfragen, Sie tun uns also einen Gefallen.«

Wir stapften an Bord.

Ich war noch nie im Innenraum einer Rustler gewesen, und ich wurde nicht enttäuscht. Über dem Niedergang in der Kajüte war ein Glasfaserdach, das die Navigationsinstrumente und den Steuermann schützte; mit diesem Boot konnte man durch einen Sturm segeln, ohne nasse Haare zu bekommen. Ich duckte mich nach unten und kam in die Kajüte. Der Grundriss war derselbe wie auf der Chalida, mit einer Koje in der Vorpiek, einem Wohnbereich, Kartentisch und zwei Viertelkojen, die unter dem Cockpit lagen (heutzutage sehr altmodisch, wo man auf einer 36-Fuß-Yacht mindestens eine Kabine achtern erwarten würde), aber weil der Kiel so tief war, musste man vier Stufen nach unten gehen und hatte eher das Gefühl, als beträte man die Kajüte eines Großseglers. Der Innenraum war mit hellem Holz getäfelt, dessen Lack im Licht der Öllampen glänzte, und wo auf der Chalida Anders’ Vorhang war, gab es hier eine massive Schottentür, die offen stand und den Blick auf eine unruhig gemusterte blau-grüne Bettdecke auf dem dreieckigen Bett freigab. Im Wohnbereich war der Tisch ein wenig versetzt, so dass ein freier Gang entstand, und hinter den grün gepolsterten Sofas zu beiden Seiten befanden sich verschlossene Schränke und ein gut mit Leisten abgesichertes Bücherregal. Gleich bei der Treppe war der Kartentisch mit einer Reihe von Bildschirmen und einem Laptop und gegenüber davon eine ordentliche Bordküche mit Herd, Spüle und Arbeitsfläche. Das Boot war makellos sauber und für eine Fahrt aufgeräumt: Alle losen Gegenstände waren entweder verstaut oder gesichert.

»Peter und Sandra Wearmouth«, sagte der Mann. »Setzen Sie sich. Whisky?«

»Wir haben uns ein Gläschen verdient«, meinte Sandra. »Wir sind gerade um Muckle Flugga herumgesegelt.« Das ist der nördlichste Punkt Großbritanniens, ein Leuchtturm hoch auf einem zerklüfteten schrägen Felsen, umgeben von großen Brechern und Querströmungen.

»Für mich keinen Whisky«, antwortete Magnie. Anders und ich starrten ihn an. Magnie wurde rot. »Ich muss noch fahren«, fügte er hinzu. Da ich ihn schon hatte Auto fahren sehen, als er kaum noch stehen konnte, nahm ich ihm das nicht ab.

»Dann vielleicht eine Tasse Tee?«, fragte Sandra.

»Das wäre ganz wunderbar«, antwortete Magnie und rutschte hinter den Tisch.

»Die hätte ich auch lieber«, sagte ich und gesellte mich zu ihm. Peter schaute Anders fragend an.

»Whisky, bitte«, sagte der. »Vielen Dank.«

Als wir endlich alle um den Tisch saßen, sah ich mir die beiden genauer an. Peter war so Anfang fünfzig, hatte einen glatten silbrig schimmernden Haarschopf und kluge Augen unter geraden Brauen. Seine Haut hatte die satte rosige Farbe, die man oft bei Schreibtischarbeitern findet, die nun aber von einer Seglerbräune überdeckt war, und er trug einen gestreiften Pullover im Stil von Mike Aston in schreienden Farben. Er machte auf mich den Eindruck, als wäre er früher mal beim Militär gewesen, er hatte etwas Befehlendes an sich. Sandra war ein bisschen jünger, Ende vierzig oder knapp fünfzig, hatte das aschblonde Haar zu einem Bob mit Pony geschnitten. Ihre graugrünen Augen erinnerten mich an jemanden, wenn ich auch nicht genau sagen konnte, an wen. Unter ihrem Ölzeug trug sie adrette Business-Kleidung: einen dunkelgrünen Pullover mit passender Hose und ein farblich kontrastierendes orangefarbenes Tuch, das irgendwie Schick mit Mütterlichkeit verband. Die beiden waren aus Newcastle; Peter sprach Londoner Englisch, gelegentlich mit dem flacheren A oder spitzen U des Geordie-Dialektes, Sandras Akzent war noch ziemlich stark.

Wir hatten uns gerade hingesetzt, als aus der Vorpiek ein heiseres Krächzen ertönte und die seltsamste Katze, die ich je gesehen hatte, vom Bett sprang, über den Badezimmerboden tappelte und dann leicht wie die Brustfeder einer Möwe im Wind auf ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Mörderische Insel" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen