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Mörderische Friesenhochzeit

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

 

Ein starker Nordwestwind trieb Schneeregen über den Deich. Es schien an diesem trüben Novembermorgen nicht hell werden zu wollen.

Franz Uhlendorf stand reglos am offenen Balkonfenster im Gästezimmer seines weitläufigen Hauses in Rüstersiel und hing seinen Gedanken nach. Seit dem Tod seiner geliebten Frau Senta mied er das gemeinsame Schlafzimmer mit dem großen Doppelbett. Doch auch im Gästezimmer fand er nachts kaum Ruhe. Zu frisch war noch die Trauer, zu groß der Verlust, und er fragte sich, ob er jemals ganz verstehen würde, dass Senta nicht mehr bei ihm war. Senta, die so tapfer und entschlossen gegen die schwere Krankheit gekämpft und die doch alle ärztliche Kunst nicht hatte retten können.

Sie hatte an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Franz hatte ihr skeptisch zugehört, wenn sie abends bei einem Glas Wein zu diesem Thema gefunden und Trost bei ihrem Gott gesucht hatte. Meist war er ohnehin mit seinen Gedanken nicht ganz bei der Sache gewesen, weil ihn auch zu Hause die Probleme der Firma nicht losgelassen hatten.

Franz fuhr zusammen, als irgendwo im Haus eine Tür zuschlug, und schloss das Fenster. Mit müden Schritten ging er in sein Studier- und Arbeitszimmer hinüber, das ebenfalls im ersten Stock des Hauses lag. Er hatte noch nicht an seinem Schreibtisch Platz genommen, als es leise an der Tür klopfte und Trudi Patten mit einem Tablett das Zimmer betrat.

»Guten Morgen, Herr Uhlendorf«, sagte sie. »Ich bringe Ihnen das Frühstück.« Vorsichtig schob sie einige Akten zur Seite, breitete eine kleine Decke auf dem Schreibtisch aus, stellte ein Gedeck, Teekännchen, Sahnetopf und Kluntjebecher darauf und reichte dem sechzigjährigen Unternehmer Brotkorb und Aufschnittplatte an. »Greifen Sie nur tüchtig zu, Herr Uhlendorf. Es wird höchste Zeit, dass Sie wieder einmal ordentlich frühstücken.«

Für einen Moment erschien ein dankbares kleines Lächeln auf dem faltigen Gesicht des Unternehmers mit dem eisgrauen Bart und den blauen Augen. »Danke schön, Frau Patten. Danke für alles. Sie arbeiten nun schon so viele Jahre in diesem Haus – lassen Sie mich nachdenken, zwanzig Jahre sind es bestimmt –, und meine verstorbene Frau, Henning und ich, wir konnten uns immer auf Sie verlassen.« Während Franz Uhlendorf ein Kluntje in die Tasse legte, zur Teekanne griff und sich Tee einschenkte, wollte er nachdenklich wissen: »Sagen Sie, Frau Patten, glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?«

»Ich weiß es nicht genau«, antwortete sie ehrlich. »Ihre Frau war ein herzlicher, lebensoffener Mensch. Ich habe sie sehr gemocht. Oft, wenn ich hier oben aufräume oder in der Küche arbeite, habe ich das Gefühl, sie ist im Haus.«

»Tot ist tot«, murmelte Franz bitter, schnitt ein Brötchen auf und bestrich es langsam mit Butter.

»Nein, Herr Uhlendorf Irgendetwas gibt es da. Die Seele«, widersprach die achtundvierzigjährige Haushälterin, die mit einem Busfahrer der Wilhelmshavener Verkehrsbetriebe verheiratet war und schon einen erwachsenen Sohn hatte. Als Franz Uhlendorf wieder in nachdenkliches Schweigen verfiel, beschloss sie, das Thema zu wechseln: »Soll ich Ihnen zu Mittag noch einmal Sauerkraut mit Kasseler zubereiten? Das haben Sie doch immer so gern gegessen«, fügte sie hinzu und zupfte verlegen an ihrer Schürze, denn sie fühlte sich unbehaglich, wenn ihr Chef, den sie in all den Jahren stets als erfolgreichen Unternehmer und entschlossenen Familienvater kennen gelernt hatte, so niedergeschlagen war.

Franz hob nur müde die Schultern. »Wie Sie meinen, Frau Patten, wie Sie meinen. Es fällt mir immer noch schwer, allein am Mittagstisch zu sitzen.«

Doch dieses Argument wollte Trudi Patten nicht gelten lassen, auch wenn sie Franz Uhlendorf nur zu gut verstand. »Verzeihen Sie, aber Ihre Frau hat mich kurz vor ihrem Tod gebeten, dafür zu sorgen, dass Sie Ihre Mahlzeiten regelmäßig einnehmen. Und das werde ich auch tun. Sie haben ohnehin schon so viel abgenommen.«

»Keine Sorge, Frau Patten. Und bereiten Sie in Gottes Namen Sauerkraut zu. Ich werde schon etwas essen.« Seufzend fuhr sich Franz Uhlendorf durch sein dichtes Haar. »Es muss ja weitergehen, schließlich sind da noch der Betrieb und Henning. Der Junge hat mich gestern angerufen. Stellen Sie sich vor, er hat sein Diplom mit Auszeichnung gemacht. Jetzt will er noch seinen Doktor machen! Na ja, mir soll’s recht sein. Er ist ein fleißiger Junge.«

Trudi Patten nickte. Sie kannte Henning Uhlendorf, der sehr unter dem Tod der Mutter gelitten hatte, schon von Kindesbeinen an. Er hatte an der Technischen Hochschule in Aachen Maschinenbau studiert, war nun also frischgebackener Diplom-Ingenieur und bewohnte in der Pontstraße eine Eigentumswohnung. »Ja, auf Henning können Sie stolz sein«, erwiderte sie voller Überzeugung, auch wenn sie nicht sicher war, ob der »Junge« die Erwartungen des Vaters erfüllen würde. Franz Uhlendorf hoffte, dass sein Sohn in absehbarer Zeit in die Firma einsteigen und ihn selbst entlasten würde. Doch Trude Patten befürchtete, dass Henning ganz andere Pläne hatte.

***

In der historischen Grenzstadt Aachen, die für ihr Heilbad, den Dom und die Technische Hochschule bekannt und die einst Regierungssitz Karls des Großen gewesen war, weihnachtete es. Mit Lichtgirlanden und Kugeln geschmückte Tannenbäume und lange Lichterketten erhellten die Einkaufsstraßen, die Schaufenster waren weihnachtlich dekoriert, und der traditionsreiche Weihnachtsmarkt lockte Touristen von nah und fern, nicht zuletzt aus Belgien und Holland, in die Einkaufsstadt am Rande der Eifel.

Als Henning Uhlendorf an diesem Morgen sein Appartement in der Pontstraße verließ, hatte er nur wenig Sinn für das vorweihnachtliche Treiben. Kalte Luft schlug ihm entgegen. Raureif lag auf den Ziersträuchern und klebte in den Ästen der kahlen Bäume. Ärgerlich stellte er fest, dass die Scheiben seines Kleinwagens wieder einmal zugefroren waren. Kurz entschlossen stellte er den Kragen seines dicken Anoraks hoch und machte sich zu Fuß auf den Weg zum Institut.

Wie immer herrschte rund um das Ponttor dichter Verkehr. Der Bus der Linie zweiundvierzig näherte sich hupend der Haltestelle. Die Geschäfte öffneten ihre Türen, und nach und nach füllten sich die Bürgersteige. Studenten strömten der Hochschule entgegen.

Henning Uhlendorf, Doktorand und Assistent, betrat das Institut für Maschinenbau. Als langjähriges Institutsmitglied kannte er sich im Hause aus und nahm keine Notiz mehr von der Hektik, die zu dieser frühen Stunde hier herrschte. Entschlossen klopfte er an eine der vielen Türen und betrat das Vorzimmer Professor Garrels’. »Guten Morgen«, grüßte er die Sekretärin höflich, »ich habe einen Termin bei Professor Garrels.«

»Herr Uhlendorf, einen Moment. Ich melde Sie sofort an.«

Während die hübsche mollige Institutsmitarbeiterin nach kurzem Klopfen im Zimmer des Professors verschwand, wuchs Hennings Lampenfieber. Hoffentlich hatte Professor Garrels gute Nachrichten für ihn! Doch ihm blieb keine Zeit mehr, sich einige Worte zurechtzulegen, denn schon öffnete sich die Tür zum Büro des Professors erneut, und die Sekretärin winkte Henning lächelnd herein.

Professor Dr. Augustin Garrels, eine international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Lasertechnik, erhob sich hinter seinem Schreibtisch, kam Henning einige Schritte entgegen und reichte ihm lächelnd die Hand. Er war Ende fünfzig, Anfang sechzig, schlank, hoch gewachsen und trug eine feine Goldrandbrille. Seine intelligenten grauen Augen ruhten wohlwollend auf Henning. »Junger Mann, nehmen Sie Platz«, sagte er und wies auf die Stühle vor dem Besuchertisch. »Stellen Sie Ihre Tasche ruhig ab, ich benötige keine weiteren Unterlagen von Ihnen.« Er setzte sich Henning gegenüber und lächelte ihn offen an. »Ich habe eine gute Nachricht für Sie. Ein früherer Doktorand und Assistent von mir bietet einem jungen, tüchtigen Diplom-Ingenieur an seinem Institut die Chance zu promovieren. Die Aufgabe besteht darin, ein Verfahren für computergesteuerte Lasertechnik bei hochempfindlichen Bi-Metallen zu entwickeln. Basis soll das Verfahren sein, das wir in Aachen zum ersten Mal angewendet haben.«

Henning schaute den Professor überrascht an. Die Aufgabe berührte das Thema seiner Diplomarbeit, die er bereits als Grundlage für weitere Forschungsansätze ausgearbeitet hatte.

Professor Garrels wollte seinen ehemaligen Studenten nicht länger auf die Folter spannen. Deshalb fuhr er fort: »Sie haben doch in Monterey, Kalifornien, ein Praktikum absolviert und besitzen, soweit ich weiß, hervorragende Englisch-Kenntnisse. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie für diese Aufgabe der richtige Mann wären.« Er zündete sich eine Zigarette an und ließ seine Worte eine Weile auf den jungen Ingenieur wirken.

Henning fuhr sich nervös durch das dichte blonde Haar, dann erschien ein erfreutes Lächeln auf seinem Gesicht. »Ich müsste natürlich noch Genaueres erfahren, aber ich denke, ich nehme die Herausforderung gern an. Wo ist der Sitz des besagten Instituts?«

Professor Garrels lächelte verschmitzt. »In Singapur. Ihre Aufgabe wäre es, die dortige Universität vom Know-how unseres Instituts profitieren zu lassen. Mein ehemaliger Doktorand und Assistent, Professor Kim Lee, ein Chinese, leitet den Transfer in die Wege. Der Staat Singapur trägt im Rahmen eines Kulturabkommens einen Teil der Kosten. Sie wissen, dass ich mit Ihrem Theorieansatz mehr als zufrieden bin; nicht umsonst habe ich Ihre Diplomarbeit mit ›sehr gut‹ bewertet. Seien Sie also unbesorgt. Nach meinem Dafürhalten sind Sie für Professor Kim Lee und seine Studenten eine Bereicherung.«

»Mein Gott!«, entfuhr es Henning. Dann beeilte er sich, ruhig hinzuzufügen: »Herr Professor, die Aufgabe würde mich sehr interessieren. Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie in mich setzen.«

Professor Garrels winkte ab. »Meine Bemühungen, bei den hiesigen Betrieben das Interesse für Ihre Grundlagenarbeit zu wecken, schlugen leider – wie so oft in der Vergangenheit – fehl. Das Stipendium des Staates Singapur wird nicht ausreichen, die Kosten für Ihren Aufenthalt voll abzudecken. Meines Wissens besitzt ihr Vater aber einen florierenden eigenen Betrieb. Ich denke, dass es ihm nicht schwerfallen wird, Ihnen finanziell unter die Arme zu greifen.«

Henning nickte begeistert. »Mein Vater wird vielleicht von diesem Vorschlag nicht so angetan sein, wie ich es bin, denn er hätte mich lieber heute als morgen in seinem Betrieb, aber er wird mir mit Sicherheit keine Steine in den Weg legen, Herr Professor.«

»Gut, über die Einzelheiten sprechen wir dann später noch. Ich faxe Professor Kim Lee also Ihre vorläufige Zusage zu.«

»Und wann wird es losgehen?«, fragte Henning aufgeregt.

»Ich kündige Ihren Besuch bereits für Ende Januar an. Sie müssen sich nämlich vor Semesterbeginn mit der Universitätsverwaltung und dem Assistenten des Professors wegen eventueller Anschaffungen von Geräten auseinandersetzen, die zum Teil in Deutschland oder Japan eingekauft werden müssen.«

»Und eine Wohnung …?«, erkundigte sich Henning vorsichtig.

»Sie wohnen in einem Appartement in der Nähe des Campus«, antwortete Professor Garrels, drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus und erhob sich mit einem herzlichen Lächeln. »Übrigens, im April haben wir in Singapur unsere internationale Tagung. Kollegen aus aller Welt werden zu diesem Termin anreisen. Ich halte dort einen Vortrag und werde Sie aufsuchen, um mich nach Ihrem Wohlergehen zu erkundigen«, versprach er und drückte Henning die Hand.

»Danke, Herr Professor, vielen Dank«, erwiderte Henning und verließ eilig und mit aufgeregt klopfendem Herzen das Büro des Professors.

***

Am Samstag vor dem dritten Advent zog eine Schlechtwetterfront an der deutschen Nordseeküste entlang. Das eintönige Grau vor dem Fenster, die kalte Nässe und der stürmische Wind, der an den Läden rappelte, verstärkten Franz Uhlendorfs trübe Stimmung noch. Wässrige Schneeflocken zerrannen an der Scheibe und nahmen ihm die Sicht auf den geliebten Deich. Die Einsamkeit setzte ihm zu.

Henning wollte das Wochenende über in Aachen bleiben. Er hatte für seine Reise nach Singapur einiges vorzubereiten. Da hatte er keine Zeit, nach seinem alten Vater zu sehen! Bitter schüttelte Franz den Kopf. Wie kam der Junge nur auf die Idee, an der Universität in Singapur seinen Doktor zu machen? Nein, das passte ihm ganz und gar nicht.

Es waren ja nicht die zusätzlichen Kosten, die ihn ärgerten. Die wollte er bereitwillig tragen. Er war stolz auf seinen Sohn. Henning war hoch gewachsen und sportlich. Während der ersten Studienjahre hatte er in der Regionalliga als Libero für Alemannia Aachen gespielt. Franz Uhlendorf musste sich eingestehen, dass er Angst um Henning hatte, Angst, dem Jungen könnte in Singapur etwas zustoßen. Er wusste nur wenig über den asiatischen Stadtstaat und die Gefahren, die dort auf Henning lauerten.

Franz fuhr aus seinen düsteren Gedanken, als Trudi Patten den Kaffee servierte.

»Butterkuchen, frisch gebacken!«, verkündete sie, ohne auf die schlechte Laune ihres Arbeitgebers einzugehen, und deckte den Tisch.

»Henning kommt morgen nicht. Da brauchen Sie nichts zu kochen. Ich wärme mir was aus der Gefriertruhe«, brummte er und nahm einen Schluck Kaffee. »Ein Wetter ist das! Noch nicht mal spazieren gehen kann man!«

»Ich war in der Stadt. Da ist vielleicht ein Betrieb! Die Leute kaufen wie verrückt«, erzählte Trudi Patten, um Franz Uhlendorf ein wenig abzulenken.

»Ich kann den Rummel nicht ausstehen!«, erwiderte er und schaute die Haushälterin missmutig an.

»Ach, Herr Uhlendorf, Sie müssen endlich wieder ein wenig unter die Leute. Immer ganz allein, das tut Ihnen nicht gut.«

»Papperlapapp. Gestern war ich den ganzen Tag im Betrieb. Das reicht mir vollkommen.«

Trudi Patten seufzte unmerklich auf. Es würde noch lange dauern, bis Franz Uhlendorf den Tod seiner Frau verkraftet hatte. Wenn er ihn überhaupt je verkraftete. »Ich gehe jetzt«, sagte sie. »Das Abendessen habe ich vorbereitet. Es steht in der Küche.«

»Ja, ja. Grüßen Sie Ihren Mann von mir. Ihren Sohn habe ich heute im Betrieb gar nicht gesehen. Ist er krank?« Trudi Pattens Sohn arbeitete als Meister bei der Uhlendorf-Technik.

Frau Patten schüttelte den Kopf und lächelte glücklich. »Nein, nein. Er hat sich ein paar Tage Urlaub genommen. Unsere Schwiegertochter erwartet ein Baby. Es kann nun nicht mehr lange dauern.«

»Gratuliere. Auf diese Freuden muss ich ja wohl noch lange warten. Na dann, tschüs, bis morgen.«

Als Trudi Patten das Zimmer verlassen hatte, ließ sich Franz Uhlendorf mit ungeahntem Appetit ein Stück Butterkuchen schmecken. Dann zündete er sich eine Havanna an und griff zur Wilhelmshavener Zeitung. Doch lange konnte er sich nicht auf die Lektüre konzentrieren. Bald schweiften seine Gedanken ab. Sie wanderten zu Senta, zurück zu glücklicheren Jahren. Es war schon ganz dunkel im Zimmer, als Franz Uhlendorf wieder in die Gegenwart zurückkehrte. Seufzend erhob er sich, machte Licht und schaltete den Fernseher ein. Er sehnte sich danach, menschliche Stimmen zu hören.

***

Diplom-Ingenieur Kurt Hammes, einer der beiden Direktoren der Uhlendorf-Technik, war neunundvierzig Jahre alt, klein, schlank und hatte welliges braunes Haar, das wie sein Oberlippenbart immer akkurat geschnitten war. Seine hübsche blonde Frau Gabriele, die sehr viel Wert auf ihr Äußeres legte, war examinierte Krankenschwester und spielte leidenschaftlich gern Tennis. Die Hammesens lebten »Am Wiesenhof« in Wilhelmshaven, in der Nachbarschaft angesehener Anwälte, Ärzte und gut verdienender Kaufleute. Ihr großzügig geschnittenes Haus belastete sie längst nicht mehr.

Wann immer ihre Zeit es ihr erlaubte, sah man Gabriele auf dem Tennisplatz. Viel zu selten, wie sie fand, denn die Hammesens hatten drei Kinder, die es zu versorgen und zu beaufsichtigen galt, zwei reizende Töchter im schulpflichtigen Alter und einen achtzehnjährigen Sohn, der die dreizehnte Klasse des Gymnasiums besuchte und kurz vor dem Abitur stand. Auch wenn sich ein Gärtner regelmäßig um die Anlagen kümmerte und eine Zugehfrau Gabriele im Haushalt zur Hand ging, blieb im Haus noch genug für sie zu tun. So wollten die beiden Mädchen täglich in eine Pferdepension im benachbarten Fedderwarden gefahren werden, denn dort stand ihre Stute Friesendeern, ein prachtvolles, anhängliches Tier edler Herkunft, mit deren Anschaffung Kurt seinen beiden Töchtern erst kürzlich einen Herzenswunsch erfüllt hatte.

Gabriele und Kurt Hammes hatten es geschafft, sie lebten auf der Sonnenseite des Lebens. Dank des üppigen Direktorengehalts sowie der nicht zu verachtenden Tantiemen für einige Patente, die Kurt regelmäßig erhielt, mussten sie auf nichts verzichten – weder auf den alljährlichen Skiurlaub in Davos noch auf den ausgedehnten Sommerurlaub in Florida. Kurt und Gabriele besuchten regelmäßig Konzerte in Bremen und fehlten auch nicht, wenn sich die Stars der klassischen Musik vor dem wohlhabenden Hamburger Publikum die Ehre gaben. Längst war die kleinbürgerliche Herkunft vergessen. Wie Kurts Mutter, die im St. Anna-Stift in Oldesloe gepflegt wurde und oft vergeblich auf den Besuch der »Kinder« wartete.

Der zweite Direktor der Uhlendorf-Technik war Diplom-Kaufmann Johannes Saalmann. Er entstammte einer Hotelier-Familie aus Bad Zwischenahn und hatte nach dem Tod des Vaters das Hotel an eine Kette verkauft. Strebsam und ehrgeizig, wie er war, hatte er es nach seinem Studium in Köln und einigen erfolgreichen Jahren in der Marketing-Abteilung einer rheinischen Schraubenfabrik zum Verkaufsdirektor der Uhlendorf-Technik in Wilhelmshaven gebracht. Wie seine Frau Anette, der Tochter eines Lehrers aus dem Westerwald, die bis zu ihrer Eheschließung als Reisekauffrau gearbeitet hatte, war er achtundvierzig Jahre alt.

Anette war häuslich und hatte ein gepflegtes Äußeres. Sie trug das dunkle Haar, das schon von einzelnen grauen Haaren durchwebt war, kurz und wirkte charmant und anziehend. Die Saalmanns hatten in Horumersiel ein altes Bürgerhaus mit Hafenblick gekauft und es durch aufwendige Umbaumaßnahmen zu einer gemütlichen, repräsentativen Adresse herrichten lassen. Ihre neunzehnjährige Tochter studierte in Göttingen Zahnmedizin, der dreiundzwanzigjährige Sohn hatte sich kürzlich in Berlin für Theaterwissenschaften eingeschrieben und besuchte zurzeit eine Schauspielschule. Er war ein liebenswerter Träumer – und das Sorgenkind der Familie.

Johannes Saalmann, ein Mann von kräftiger Statur, trug das dunkle Haar im Fassonschnitt. Sein breites Gesicht hatte einen selbstsicheren Ausdruck. Seine flinken, huschenden Augen verrieten ein gesundes Misstrauen der Welt und den Menschen gegenüber – er war ein Skeptiker, wie er im Buche stand. Doch auf ihn war Verlass. Er war konsequent und zielstrebig und galt im Betrieb als Garant für steigende Umsätze.

Kurt Hammes und Johannes Saalmann waren in der Uhlendorf-Technik ein eingespieltes Team und ergänzten sich hervorragend. Der nüchterne Ingenieur und Mathematiker Hammes lieferte das technische Know-how, das für die Entwicklung der Produkte – Zulieferteile für die Auto-Industrie – nötig war, der distanziertere Marketingmann Saalmann, der ein untrügliches Gespür für neue Absatzmärkte besaß, überzeugte die Einkäufer von der Qualität der Uhlendorf-Erzeugnisse und trug Sorge für ihre termingerechte Auslieferung.

Seit einiger Zeit hatten die beiden Direktoren ihre Fühler nach dem asiatischen Markt ausgestreckt. Die koreanische Auto-Industrie steckte in einer tiefen Krise. Ihre Bemühungen, auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen, waren gescheitert, und die Japaner starteten bereits die ersten Versuche, über bankrotte Zulieferfirmen Einfluss in Korea zu nehmen. Es galt, früh genug im erloschenen Feuer nach Funken zu suchen, lautete Saalmanns Motto, und so hatte er über das deutsche Konsulat erste Erkundigungen eingeholt und selbst die deutsche Botschaft um entsprechende Orientierungshilfen gebeten. Um von Anfang an dabei zu sein, waren bereits deutsche Großbanken in Korea auf dem Sprung. Der starke Dollarkurs und der zurzeit schwache Euro weckten berechtigte Hoffnungen, auf dem asiatischen Markt Fuß fassen zu können.

Hammes und Saalmann saßen an diesem Abend im gemütlichen Arbeitszimmer im renovierten Altbau in Horumersiel zusammen. Von dem Zimmer mit den schweren, dunklen Dachbalken im ersten Stock aus hatte man einen Blick auf den Hafen. Sie tranken kühles Pils, studierten Unterlagen, analysierten Computer-Tabellen, stellten Aufwands- und Ertragsvergleiche auf und kamen, während ihre Frauen im behaglichen Wohnzimmer am knisternden Kamin saßen, zu dem Entschluss, ihrem Chef Franz Uhlendorf ein Konzept für den Einstieg ins Ostasiengeschäft vorzulegen. Gleich nach der IAA in Berlin wollten sie ihm ihre Pläne schmackhaft machen. Saalmann beabsichtigte, nach Korea zu fliegen, um erste Kontakte mit den Herstellerfirmen aufzunehmen – vorausgesetzt, der »Alte«, wie sie Uhlendorf im Stillen nannten, gab grünes Licht. Als Köder für eine erste Zusammenarbeit sollte ihnen das weltweit geschützte Patent dienen, mit dem sie die Japaner ins Abseits verwiesen hatten.

***

Ungewöhnlich früh betrat Franz Uhlendorf an diesem Morgen das große Bürogebäude der Uhlendorf-Technik in Voslapp, einem Gewerbegebiet am Rande von Wilhelmshaven. Er hatte sich für diesen Tag einiges vorgenommen.

Hannelore Pelzer, seine langjährige Sekretärin, grüßte ihn freundlich und begleitete ihn in sein Büro. »Ich habe die Post bereits vorsortiert und verteilt. Hier ist noch ein Einschreiben von der TTAG. Es ist an Sie persönlich adressiert«, sagte sie und legte das Kuvert auf seinen Schreibtisch.

Franz Uhlendorf warf nur einen kurzen Blick darauf und legte den Brief dann in seine Schreibtischschublade. »Frau Pelzer, bitten Sie die Herren Saalmann und Hammes gegen neun Uhr zu mir. Ich muss sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen.« Er griff in seine Aktentasche und nahm einige Unterlagen heraus. »Fertigen Sie davon bitte je zwei Kopien an – unter dem Siegel der Verschwiegenheit.«

Hannelore Pelzer war seit fünfzehn Jahren Franz Uhlendorfs rechte Hand. Er vertraute ihr bedingungslos. Für einen Moment glaubte er, Erschrecken in ihren Augen zu lesen. »Sie wollen doch nicht …?«, fragte sie leise und blickte ihren Chef ernst an.

Doch er lächelte nur verschmitzt und legte seinen Zeigefinger an den Mund. »Sehen Sie, Senta ist nicht mehr bei mir, und Henning beabsichtigt, nach Singapur zu gehen, um dort seinen Doktor zu machen. Alles, was mir in den letzten Jahren lieb und teuer war, ist nicht mehr, alles ist im Umbruch … Hammes und Saalmann sind engagierte Mitarbeiter – und sie waren stets am kreativsten, wenn ich an Bord meiner Jacht auf dem Ijsselmeer herumgeschippert bin.« Er lächelte ein wenig spöttisch. »Und seien wir doch mal ehrlich: Die beiden sehen in mir einen Bremser, wenn es um ihre gewagten Expansionspläne geht.« In seinen letzten Worten hatte Ärger mitgeklungen.

»Sie mögen recht haben. Aber Sie werden doch nicht ans Aufhören denken. Viele unserer Politiker beginnen erst in Ihrem Alter ihre Karriere.«

Franz winkte ab. »Der Zeitpunkt des Absprungs ist eine Gefühlssache. Ohne Senta ist alles anders geworden. Übrigens, Frau Pelzer, glauben Sie eigentlich an ein Leben nach dem Tod?«, wollte er nachdenklich wissen.

Die Sekretärin mit den kurzen grauen Haaren zuckte mit den Schultern. »Weder mein Mann noch ich sind große Kirchgänger. Unsere Tochter studiert Philosophie in Göttingen. In ihrer Gedankenwelt mag es etwas wie ein Jenseits geben, ja. Doch niemand kann die Auferstehung der Toten widerlegen oder beweisen …« Sie stand noch eine Weile ratlos vor dem Schreibtisch ihres Chefs, der, ganz in Gedanken versunken, eines seiner Ölgemälde an der Wand betrachtete. Es stammte von einer ostfriesischen Künstlerin und zeigte einen Gitarre spielenden Narren, hinter dem der Teufel seinen Hammer schwang. Franz Uhlendorf mochte dieses Gemälde besonders.

Als er hörte, wie sich die Tür hinter Hannelore Pelzer leise schloss, nahm er den Umschlag aus der Schublade, öffnete ihn und begann zu lesen. Die TTAG bot ihm einen ansehnlichen Betrag für die Übernahme der Uhlendorf-Technik. Franz lehnte sich zurück, zündete sich eine Havanna an und schaute dem Rauch nach, der sich in grauen Fäden in Richtung Fenster verflüchtigte. Seine Gedanken wanderten zu seinem Sohn Henning.

Für ihn war gesorgt. Senta hatte vor ihrem Tod testamentarisch verfügt, dass ihr Aktienpaket Henning an seinem achtundzwanzigsten Geburtstag zur freien Verfügung ausgehändigt werden sollte. Sie hatte ihr Erbe nach der Übernahme des elterlichen Betriebs durch ihren Bruder in Wachstumsaktien angelegt.

Und dennoch … Franz Uhlendorf rang mit sich. Er drückte die Zigarre im Aschenbecher aus, erhob sich und blickte aus dem Fenster auf die im winterlichen Einheitsgrau daliegenden Freiflächen hinter der Uhlendorf-Technik, die für eine eventuelle Expansion wie geschaffen zu sein schienen. Sollte er sein Lebenswerk von den Multis schlucken lassen? Alles in ihm sträubte sich dagegen, aber Henning verfolgte offenbar andere Ziele; er dachte nicht daran, die Firma zu übernehmen. Er hatte Franz enttäuscht. Doch was sollte bei einem Verkauf aus den tüchtigen Mitarbeitern werden? Ihre Zukunft lag Franz Uhlendorf am Herzen.

Während der Firmenchef über die Geschicke der Uhlendorf-Technik nachdachte, betrat Johannes Saalmann das Büro seines Kollegen Hammes. Er trug den Ordner mit den Korea-Unterlagen unter dem Arm. »Moin, Kurt. Der Alte erwartet uns. Versuchen wir, ihm die Sache mit Korea schmackhaft zu machen!« Er grinste Hammes verschwörerisch an.

»Seit dem Tod seiner Frau ist er störrischer denn je«, erwiderte Hammes. »Der Junior kommt uns übrigens nicht in die Quere. Wie ich gehört habe, greift er demnächst in Singapur nach der Doktorwürde.«

»Nicht auszudenken, wenn der Alte das Segeln aufgibt, ideenlos hier im Betrieb rumsitzt, an allem und jedem herumnörgelt und sich überall querstellt. Es geht schon viel zu lange so, dass er ohne Durch- und Überblick an veralteten Strukturen festhält!«

»Dabei sind wir in Kürze so weit, dass wir Schlösser entwickelt haben, die auf den Zündschlüssel ganz verzichten können. Meine Experimente machen Fortschritte: Der Motor zündet nur nach Eingabe einer Geheimzahl – der Wagen ist somit diebstahlsicher«, meinte Kurt Hammes stolz.

Saalmann nickte. »Ja, ja – falls der Alte die Entwicklungsgelder bewilligt und deine Grundlagenforschung nicht als Larifari vom Tisch fegt«, brummte er ärgerlich.

»Das wäre fürchterlich. Ich darf die Technik ja laut Anstellungsvertrag nicht mal an die Konkurrenz verkaufen. Alle unsere Erfindungen gelten als Eigentum der Uhlendorf-Technik. Das heißt, dass meine Idee womöglich in der Schublade verschimmelt«, schimpfte der Diplom-Ingenieur.

»Ach Kurt, das ist noch alles Zukunftsmusik. Heute geht es um Korea. Komm, gehen wir. Der Alte hat gerufen«, bemerkte Johannes Saalmann und grinste.

Hammes griff seufzend zur Brille und erhob sich. »Und wir folgen ihm«, murmelte er.

***

Als die beiden Direktoren das Chefzimmer betraten, schauten sie überrascht auf den gedeckten Tisch. Franz Uhlendorf hatte Kaffee sowie Käse- und Mettbrötchen bei seiner Sekretärin geordert.

»Setzen Sie sich, meine Herren, und greifen Sie zu«, begann er jovial und wies mit einer einladenden Bewegung auf die Stühle am Konferenztisch.

»Haben wir etwas übersehen? Sie haben doch im Mai Geburtstag«, meinte Johannes Saalmann scheinbar unbefangen.

»Ob es etwas zu feiern gibt, steht noch nicht fest. Der kleine Arbeitsimbiss hat einen anderen Grund. Ich möchte mit Ihnen über die Zukunft der Firma sprechen.«

Die beiden Direktoren wechselten einen erstaunten Blick und schenkten sich Kaffee ein, gespannt, was der Chef ihnen als Nächstes eröffnen würde. Doch Uhlendorf schwieg. Im Zimmer herrschte eine angespannte Atmosphäre.

Wer spielt hier die Gitarre, und wer schwingt den Hammer?, überlegte Hammes, während er zu einem Käsebrötchen griff und ohne großen Appetit hineinbiss.

Diplom-Kaufmann Saalmann entschloss sich, die Flucht nach vorn anzutreten. »Herr Uhlendorf, Sie machen mich neugierig«, unterbrach er die Stille. »Und Sie scheinen offenbar Gedanken lesen zu können. Denn auch wir wollten heute mit Ihnen etwas besprechen, das uns sehr am Herzen liegt.« Er sah, dass Franz Uhlendorf irritiert die Stirn runzelte, dennoch fuhr er fort: »Fast die gesamte europäische Auto-Industrie hat unser neues patentiertes Sicherungszündschloss mit Getriebesperre vorab geordert.«

»Das ist doch ein alter Hut! Als wäre mir das entgangen!«, unterbrach Uhlendorf ihn verärgert. »Noch habe ich den Überblick.«

»Wir müssen uns entscheiden: Überstunden oder Neuanstellungen«, beeilte sich Hammes einzuwerfen.

Franz winkte genervt ab. »Ich werde mir entsprechende Unterlagen von der Personalabteilung schicken lassen«, antwortete er kurz angebunden.

»Unser Know-how erlaubt es uns, einen Vorstoß auf dem koreanischen Markt zu wagen. Das ist eine Riesenchance. Ich habe bereits erste Kontakte geknüpft. Wir verweisen die Japaner ins Abseits«, verkündete Saalmann euphorisch. Er achtete nicht auf den skeptischen Blick seines Chefs, sondern schob das Kaffeegeschirr beiseite und legte den Korea-Ordner auf den Tisch.

»Korea«, murmelte Franz Uhlendorf seltsam abwesend und ließ seinen Blick aus dem Fenster schweifen.

Hammes nickte. »Solange unser technischer Vorsprung von der Konkurrenz in Amerika und Japan nicht aufgeholt wird, sollten wir unsere Chancen wahrnehmen, Chef.«

Franz Uhlendorf wandte sich wieder seinen beiden leitenden Angestellten zu. Ihr Ehrgeiz nervte ihn. Offenbar hatte er die dynamischen Manager wegen der Krankheit seiner Frau viel zu lange frei schalten und walten lassen. Er räusperte sich, fuhr sich durch den eisgrauen Bart und griff dann nach dem Ordner. »In den fünfziger Jahren habe ich mit nur fünf Mitarbeitern die ersten Schlösser für Borgward angefertigt«, meinte er und studierte dann die Expansionspläne seiner Direktoren. Während er las, drückte sein Gesicht tiefes Misstrauen aus. Nach ungefähr zehn Minuten hob er den Blick und schob Saalmann den Ordner wieder zu. »Auch wenn mein Sohn demnächst in Singapur promoviert und im Moment wenig Interesse an meinem Betrieb zeigt, tangieren Ihre optimistischen Expansionspläne auch seine Zukunft. Ich denke, es wird Zeit, die Weichen neu zu stellen. Ich fühle mich zu alt für Entscheidungen in dieser Größenordnung. Die TTAG ist an mich herangetreten. Sie hat mir ein Übernahmeangebot gemacht. Die Bedingungen sind in Zeiten der Globalisierung mehr als zufrieden stellend. Die TTAG garantiert den Standort Wilhelmshaven für weitere zehn Jahre und hat zugesichert, keine Entlassungen vorzunehmen. Sie beide, meine Herren, bleiben für fünf Jahre unkündbar und haben keine Einkommenseinbußen zu befürchten. Es bleibt allerdings bei der bisherigen Regelung, dass die Rechte aller Patente und die damit verbundenen Tantiemen der neuen Eigentümerin zustehen«, trug er vor.

Saalmann stand die Enttäuschung deutlich ins Gesicht geschrieben. Auch Hammes hatte es offenbar die Sprache verschlagen. Es war doch nicht zu fassen! Da hatte sie der alte Fuchs ganz schön hinters Licht geführt!

»Das ist nicht Ihr Ernst«, begehrte Johannes Saalmann endlich auf. »Sie verkaufen und lassen uns im Regen stehen? Und wir sollen tatenlos zusehen, wie andere das Korea-Geschäft machen?« Er fuhr sich aufgeregt durch das dunkle Haar, das sich an den Schläfen schon grau färbte.

»Die Manager der TTAG profitieren von unserem Know-how, setzen uns junge Hochschulabsolventen ins Nest, die unsere Grundlagenforschung ausbauen, uns in die Abstellkammer verbannen und nach fünf Jahren auf die Straße setzen«, warf Hammes empört ein.

Franz Uhlendorf hatte sich eine Havanna angezündet und schaute seine Mitarbeiter ruhig an. »Meine Herren, Sie erwarten von mir Entscheidungen, die mich überfordern. Mit dem Erlös aus dem Verkauf des Betriebes kann ich in aller Ruhe die Weichen für meine und auch die Zukunft meines Sohnes stellen.«

»Sie legen also Ihre Millionen schön an und pfeifen auf unser selbstloses Engagement während all der Jahre!«, schimpfte Saalmann aufgebracht. Er wollte noch etwas hinzufügen, doch Franz Uhlendorf unterbrach ihn entschieden:

»Einen Moment, Herr Saalmann! Bevor Sie anfangen, Ihre – zugegebenermaßen nicht unbeträchtlichen – Leistungen hervorzuheben, möchte ich Sie bitten, einmal Rücksprache mit Ihrem Steuerberater zu halten. Neben Ihrem nicht gerade bescheidenen Managergehalt sind Ihnen Umsatzprämien in fünfstelliger Höhe zugeflossen. Und auch Sie, Herr Hammes, sind nicht zu kurz gekommen. Sie haben von den Tantiemen für Ihre Erfindungen reichlich profitiert. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich als Firmenchef und persönlich haftender Unternehmer ein weit geringeres Einkommen gehabt habe. Hinzu kommt, dass ich Sie nicht ans Sozialamt verweise, wenn ich mich aus Altersgründen aus meinem Betrieb zurückziehe«, fügte Franz ironisch hinzu.

Draußen hatte der Regen nachgelassen. Für einen Moment blinzelte sogar die Sonne ins Zimmer. Der Qualm der Zigarre zog dem geöffneten Oberlicht entgegen.

»Sie kommen uns also mit knallharten Tatsachen! Hammes und ich haben bei der Übernahme einen beachtlichen Marktwert! Danach können uns die Bosse kastrieren!«. Saalmann warf den Kugelschreiber, mit dem er die ganze Zeit über gespielt hatte, zornig auf den Tisch.

»Beruhigen Sie sich doch, Herr Saalmann«, bat Franz beschwichtigend und sah seine Direktoren verschmitzt an. »Es gibt eine Alternative …«

»Ja, natürlich. Wir trennen uns, kassieren eine Abfindung, weil wir der Übernahme nicht zustimmen, und suchen einen neuen Kapitalgeber für unsere Patente«, warf Diplom-Ingenieur Hammes ein. Auf seiner Stirn hatte sich ein feiner Schweißfilm gebildet, seine Hände fuhren unruhig über den Tisch. Das war ein böses Spiel, das der Chef da mit ihnen trieb.

»Das würde juristische Folgen nach sich ziehen. Ihre Erfindungen gehören zum Firmeneigentum«, wiederholte Uhlendorf, »selbst die bis dato in Angriff genommenen Neuerungen dürfen Sie nicht ohne meine Genehmigung beziehungsweise die der TTAG verwerten.«

»Und die Alternative?«, fragte Johannes Saalmann.

Franz Uhlendorf nickte. »Der Verkauf an die TTAG wäre für mich profitabler. Aber ich denke, wir finden einen Kompromiss …«

»Und Korea?« Saalmann schaute den Firmenchef beschwörend an.

»Korea liegt mir so fern wie Singapur.«

»Sie spielen mit uns Katz und Maus«, warf Hammes ein, der seinem Ärger nun endlich Luft machen musste.

»Keineswegs. Aber gut: Ich habe auch ein Konzept ausgearbeitet, das Ihnen beiden die Übernahme ermöglicht – vorausgesetzt, Sie akzeptieren meine Bedingungen. Ich denke an eine angemessene Leibrente bis zu meinem Ableben, weiterhin an einen Kommanditistenanteil mit der herkömmlichen Verzinsung, der nach meinem Tod unverändert an meinen Sohn übergeht. Aufgrund Ihrer Vermögenslage werden Ihnen die Banken entsprechende Kredite bewilligen. Zusätzlich bestehe ich darauf, dass die Firmierung beibehalten wird, und gestatte Ihnen wahlweise die Zusätze ›Nachfolger‹, ›GmbH & Co.‹ oder ›GmbH & Co. KG‹«, trug Uhlendorf vor und erhob sich. »Die TTAG erwartet bis zum fünfzehnten Februar nächsten Jahres meine Antwort«, sagte er noch, ging zu seinem Schreibtisch und nahm die angefertigten Kopien zur Hand. Dann trat er wieder an den Tisch, setzte sich und reichte den Direktoren die Unterlagen. »Denken Sie daran: Es geht nicht nur um meine Zukunft, sondern auch um Ihre.« Nach diesen Worten verabschiedete er die überraschten Mitarbeiter und lehnte sich schmunzelnd in seinem Stuhl zurück.

***

Henning Uhlendorf war wie geplant Ende Januar nach Singapur geflogen und freundlich von Professor Kim Lee, einem sympathischen und intelligenten jungen Mann, und seinen Mitarbeitern empfangen worden. Kim Lee sprach fließend Englisch und Deutsch und nahm sich vor allem in den ersten Tagen viel Zeit für den Doktoranden aus Aachen, der noch ganz überwältigt von den vielen neuen Eindrücken war, die in der asiatischen Metropole auf ihn einstürzten.

Gleich am ersten Tag seines Aufenthalts hatte Henning ein hübsches Appartement bezogen, das nicht weit vom Youssuf College entfernt war und in dem er sich rasch heimisch fühlte. Es verfügte über zwei kleine Zimmer, ein Bad, eine Küchenzeile und recht ansprechendes Mobiliar. Außerdem gab es in Singapur offenbar nichts, was man nicht kaufen konnte. So entdeckte Henning bei seinen Streifzügen durch die Stadt zu seiner großen Überraschung Käse aus Oldenburg und deutsches Bier.

Henning hatte keinerlei Schwierigkeiten, sich einzuleben. Das schwüle Klima machte ihm kaum zu schaffen, und auch im College fand er schnell Anschluss. Mit den Assistenten des Professors, meist Doktoranden wie er selbst, stellte er eine Liste für das noch zu beschaffende Arbeitsmaterial zusammen. Mitte Februar startete er bereits seine erste Versuchsreihe, und nach anfänglichen Misserfolgen und Korrekturen verzeichnete seine Arbeit schon bald erste Erfolge.

Aufgeschlossen und offen, wie er war, fiel es Henning nicht schwer, in der asiatischen Metropole rasch Bekanntschaft mit anderen europäischen und asiatischen Studenten zu schließen. Seine Freizeit verbrachte er hauptsächlich am »Strand von Sentosa«, führte angeregte Gespräche mit jungen Asiaten und schrieb ausführliche Briefe nach Deutschland.

Sein Heimweh hielt sich in Grenzen. Sein Vater hatte ihm kürzlich mitgeteilt, dass er seine Pläne in die Tat umgesetzt und sich zur Ruhe gesetzt hatte. Die beiden Direktoren Hammes und Saalmann hatten seine Bedingungen akzeptiert und leiteten nun voll haftend die Uhlendorf-Technik. Er selbst, so hatte sein Vater weiter geschrieben, habe inzwischen fast vollkommen das Interesse an den Belangen der Firma verloren, die ihn, abgesehen von der Kommanditisteneinlage, nichts mehr angehe. Doch er habe sich, neben der angemessenen Beteiligung am Kapital, ein Mitspracherecht in der Firma gesichert. Mehrmals hatte Franz betont, dass er mit dem Austritt aus dem Arbeitsleben einen neuen Lebensabschnitt beginnen wolle. In anschaulicher Sprache, die Henning nicht von seinem Vater kannte, beschrieb Franz Uhlendorf, wie er auf dem Speicher nach seinem alten Geigenkasten und längst vergessenen Noten gesucht hatte, um seinem alten Hobby, dem Geigenspiel, nachzugehen. Angeblich hatte der Vater sämtliche Wirtschafts- und Politmagazine abbestellt und genoss es nun, all die Romane zu lesen, zu denen er in der Vergangenheit nie die Zeit gefunden hatte. An schönen Tagen spazierte Franz über die Deiche nach Voslapp, radelte nach Jever und besuchte an Schlechtwettertagen die Cafés in Wilhelmshaven. Sorge bereiteten Henning allerdings die letzten Sätze des Briefes:

»Lieber Junge, nach vielen Grübeleien und vergeblichen Versuchen, mit deiner Mutter in mentalen Kontakt zu treten, bin ich nun endgültig davon überzeugt, dass der Tod der menschlichen Existenz ein Ende setzt. Es gibt kein Leben nach dem Tod, auch keines des Geistes. Da dem so ist und ich die sechzig bald überschreite, habe ich mir fest vorgenommen, meine letzten Jahre noch zu genießen, der Einsamkeit zu entfliehen und mich den irdischen Freuden hinzugeben. Auch ich habe noch Wünsche und Bedürfnisse, und die Einsamkeit macht mir sehr zu schaffen …«

Den irdischen Freuden hinzugeben? Henning schüttelte bei dem Gedanken an diese Worte nachdenklich den Kopf. »Papa ist und bleibt ein Trotzkopf. Er wird doch nicht wie viele Männer seines Alters Ausschau nach einer jüngeren Lebensgefährtin halten? Das hat Mama nicht verdient«, murmelte er beunruhigt vor sich hin. Doch schon bald nahm seine Arbeit im College ihn so in Anspruch, dass er den Brief seines Vaters fürs Erste wieder vergaß.

***

Am Nachmittag des sechzehnten Februar erreichte ein Tiefdrucksystem aus Skandinavien die Danziger Bucht. Über der Stadt Oliva mit der historischen Klosterkirche, der berühmten Orgel und dem weitläufigen Schlossgarten zogen schwere schwarze Wolken auf.

Auf dem neuen Friedhof hielten die Trauergäste ihre Schirme gegen den stürmischen Wind, der ihnen nasskalten Regen entgegenwarf und durch Lebensbäume, Rhododendren und Birken fuhr. Dicke Tropfen fielen auf den hellen Eichensarg und sammelten sich vor dem offenen Grab in großen Pfützen.

Der Pfarrer, durchnässt und verfroren, segnete ein letztes Mal den Sarg. Seine Gebete trug der Wind davon. Die Sargträger hoben zum letzten Gruß ihre Mützen, Regen nässte ihre Gesichter. Dann verbeugten sie sich und griffen nach den Leinengurten, um den Sarg ins Grab hinabzulassen.

Die kleine Trauergemeinde stand mit wehenden Jacken auf dem zertretenen Gras. Einige weinten, andere trauerten stumm, und manche sehnten nur das Ende der Zeremonie herbei, während sie zusahen, wie der Pfarrer erneut an das Grab trat und eine kleine Schaufel Erde auf den Sarg fallen ließ. »Asche zu Asche, Staub zu Staub …«

Olga Stocheck, eine auffallend schöne Frau Mitte fünfzig, löste sich vom Arm ihres ältesten Sohnes, trat blass und mit vom Weinen rot geränderten Augen vor und ließ einen Strauß roter Rosen auf den Sarg fallen. Ihre Lippen bewegten sich lautlos im Gebet, und einige Strähnen ihres langen schwarzen Haars hatten sich aus dem Knoten gelöst und wehten nun traurig um ihr Gesicht. Ihre beiden Söhne traten an ihre Seite. Sie senkten den Blick und verharrten so sekundenlang, um stumme Zwiesprache mit dem verstorbenen Vater zu halten und dann von ihm Abschied zu nehmen.

Jerzy Stocheck, stellvertretender Leiter des staatlichen Postamtes von Oliva, treu sorgender Ehemann und zweifacher Vater, war mit neunundfünfzig Jahren plötzlich und unerwartet an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben.

***

Über Singapur lag an diesem Tag im April eine feuchte Dunstglocke. Das Thermometer zeigte wie so oft dreißig Grad an, doch der vom Meer einfallende Wind brachte ein wenig Kühlung. Der Verkehr kroch an diesem Nachmittag wieder einmal quälend langsam durch die Innenstadt. Im Schatten der Hochhäuser wimmelte es von Menschen, die in sommerlicher Kleidung die Einkaufsstraßen mit den vielen kleinen Läden bevölkerten. Händler boten an Ständen Obst, Gemüse, Fisch, Geflügel, Fleisch und Gewürze feil; der Duft fremder asiatischer Speisen erfüllte die Luft.

Henning Uhlendorf bahnte sich zielsicher einen Weg durch das Gewimmel auf der Orchard Road und betrat das Singapur Hilton, in dem er am Vorabend im Rahmen der internationalen Tagung der Maschinenbauer mit einer Gruppe Professoren, Dozenten und Doktoranden, zu der auch Professor Garrels gehört hatte, zu Abend gegessen hatte. Mit einer Plastiktüte in der Hand, in der sich die Hose befand, die er bei diesem Anlass getragen hatte, durchquerte er die exklusiv ausgestattete Hotelhalle, ging zur Rezeption und erklärte dem jungen Chinesen, der dort seinen Dienst versah, sein Anliegen.

»One moment, please«, bat dieser, wies galant auf die elegante Sitzecke, die von Palmen und anderen exotischen Grünpflanzen umgeben war, und griff zum Telefon.

Während Henning Platz nahm, sah er sich interessiert in der weitläufigen Halle um. Ein riesiger Deckenventilator sorgte für einen gleichbleibend kühlen Luftzug, den Boden zierte ein kostbares Mosaik, das einen Drachen darstellte, und irgendwo im Hintergrund plätscherte ein Springbrunnen munter vor sich hin.

Henning schmunzelte erwartungsvoll, als er daran dachte, dass er sie gleich wiedersehen würde …

Bei dem exquisiten Dinner am Vorabend war der jungen Kellnerin, die für Hennings Tisch zuständig gewesen war, ein kleines Missgeschick passiert. Beim Servieren des Nachtischs hatte sie eine Schale mit roter Grütze fallen lassen, die unschöne Flecken auf Hennings Hose hinterlassen hatte. Das kleine Malheur hatte im Restaurant für Aufregung gesorgt, schließlich wollte man sich vor den internationalen Gästen von der besten Seite zeigen. Und so war Henning vom eilig herbeigelaufenen Oberkellner unter tausend »Beileidsbekundungen« gebeten worden, die Hose am nächsten Tag ins Hotel zu bringen, damit man sich um die Reinigung kümmern könne.

Natürlich wäre es für Henning kein Problem gewesen, selbst die Kosten für die Reinigung zu tragen – doch ein Blick in die dunklen Augen der hübschen, zierlichen Kellnerin mit dem modischen Pagenschnitt hatte genügt, um in ihm den Wunsch zu wecken, sie wiederzusehen.

Während Hotelgäste aller Nationalitäten in die Eingangshalle strömten, hörte Henning, wie der Aufzug hinter ihm mit einem hellen Klingeln anhielt. Die Türen rauschten auseinander – und da war sie. Schüchtern und mit einem leicht verlegenen Lächeln trat sie auf ihn zu. Wie am Vorabend trug sie eine dunkelblaue, weit geschnittene Hose, eine weiße Bluse und hochhackige Schuhe. Ihr hübsches Gesicht mit den schmalen Augen und der kleinen Nase erschien Henning seltsam vertraut.

»Sorry«, begann sie und reichte ihm die Hand.

Sie sieht aus wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe, dachte er gerührt, erhob sich und schaute die Kellnerin fasziniert an.

»Ich bitte noch einmal um Entschuldigung für mein Missgeschick«, sagte sie in fließendem Englisch, schaute fragend auf die Tüte in Hennings Hand und nahm sie ihm dann ab. »Ich bringe deine Hose selbst zur Reinigung. Bis neunzehn Uhr dreißig habe ich frei.«

Henning sah auf seine Uhr. Ihm war es nun doch ein wenig peinlich, dass er die junge Chinesin bemüht hatte. »Darf ich dich begleiten?«, fragte er rasch. »Dann erfahre ich auch gleich, wo ich die Hose abholen kann.«

Sie lächelte, und ihm kam es so vor, als spürte sie seine Verlegenheit. »Gern«, antwortete sie freundlich. »Die Reinigung, die für das Hotel arbeitet, befindet sich an der Scotts Road.«

Sie verließen das Hotel, traten auf die Orchard Road hinaus und mischten sich unter die Passanten. Henning warf immer wieder verstohlene Blicke auf seine hübsche Begleiterin, die ihm gerade einmal bis zur Brust reichte. Sie gefiel ihm – nein, es war mehr als das. »Ich heiße Henning Uhlendorf und bin Deutscher«, sagte er, nur um etwas zu sagen. »Ich mache gerade am Youssuf College meinen Doktor.«

»Ich habe dich für einen Amerikaner gehalten. Mein Name ist Suzie Kin«, erwiderte sie und wies auf einen kleinen Laden, an dessen Fassade wie an den Geschäften in der Nachbarschaft ein buntes Werbetransparent mit asiatischen Schriftzeichen angebracht war. »So, da sind wir schon! Hier ist die Reinigung«, erklärte sie und betrat an Hennings Seite das Ladenlokal. Nachdem sie einige Worte mit der Chinesin an der Theke gewechselt und den Abholschein für die Hose eingesteckt hatte, lotste sie Henning wieder auf die belebte Straße. »Am Donnerstag liegt deine Hose an der Hotelrezeption für dich bereit«, erklärte sie und machte Anstalten, ihn nach kurzem Gruß zu verlassen.

Henning schaute sich suchend um. »Bis zu deinem Dienstantritt bleibt dir doch noch etwas Zeit für einen Kaffee«, meinte er und wies auf ein kleines Straßencafé, dessen gemütliche Korbstühle zum Verweilen einluden. »›Café de Paris‹ – hier gibt es bestimmt französischen Kaffee.«

Suzie Kin lächelte ihn belustigt an. »Gern, mein Vater hat übrigens in Straßburg studiert. Er hat immer von der französischen Art, Kaffee zuzubereiten, geschwärmt.«

»Was machst du, wenn du nicht im Hotel bedienst?«, wollte Henning wissen. Sie hatten bereits an einem kleinen Tisch Platz genommen und ihre Bestellung aufgegeben. Suzie Kin sah einfach bezaubernd aus, wenn sie lächelte, fand Henning.

»Ich befinde mich in der Ausbildung. Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert und absolviere im ›Hilton‹ ein Traineeprogramm. Danach hoffe ich, im Amt für Touristik eine Anstellung zu bekommen.«

Henning erzählte, was ihn nach Singapur verschlagen hatte. Er berichtete von seiner Arbeit im Institut und von dem schweren Schicksalsschlag kurz vor seiner Abreise.

»Mein Vater lebt auch nicht mehr«, meinte Suzie Kin leise. »Er war Arzt. Meine Mutter wohnt aber wieder mit einem Mann zusammen – er besitzt ein Fahrradgeschäft.«

»Und hast du noch Geschwister? Ich leider nicht.«

Suzie Kin nickte und sah ihr Gegenüber eine Weile nachdenklich an. Dann sagte sie: »Einen jüngeren Bruder. Er ist behindert, seit er in jungen Jahren an Kinderlähmung erkrankt ist. Meine Mutter kommt nicht gut mit ihm zurecht. Ich bin es, die sich um ihn kümmert. Aber ich muss jetzt zurück ins Hotel …« Sie machte eine kleine Pause. »Henning, Henning Uhlendorf, das ist ein sehr langer Name – und sehr kompliziert für mich.«

Henning lachte. Er fand sie entzückend. »Ich würde dich gern wiedersehen, Suzie. Wir könnten doch mal zusammen tanzen gehen …«, schlug er vor und spürte, dass ihm das Blut in die Wangen stieg.

Sie legte Geld für ihren Kaffee neben die Tasse und sah ihn offen an. »Die Hose liegt am Donnerstag für dich an der Rezeption bereit. Wenn ich es schaffe und mein Dienst es zulässt, gebe ich sie dir persönlich. Sagen wir, um achtzehn Uhr?«

Henning nickte, und als sie sich zum Abschied noch einmal umwandte und ihm ihr strahlendes Lächeln schenkte, hätte er vor Glück die ganze Welt umarmen können.

***

Am Karsamstag war die sechsundfünfzigjährige Olga Stocheck wie jeden Tag zum Friedhof gefahren, um am Grab ihres verstorbenen Mannes ein Licht anzuzünden, den Boden ein wenig aufzuharken und nach den Narzissen zu sehen, die sie ihm am Vortag gebracht hatte. Noch immer saß sie im Schatten der alten Trauerweide auf der Bank und gab sich ihren Erinnerungen hin.

Auf den Tag genau vor sechsundzwanzig Jahren hatte sie Jerzy auf dem Sportfest der »Jungen Brigaden« im Ostseebad Zopott kennen gelernt. Jerzy, ein polnischer Leichtathlet, hatte damals den Marathon »Rund um Zopott« gewonnen. Olga war an jenem Abend bei der Siegerehrung im Kurhaus als Geigerin aufgetreten – zu dieser Zeit hatte sie zu den »Danziger Symphonikern« gehört. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Der bekannte polnische Sportler hatte die schöne dunkelhaarige Musikerin nach der Feierstunde zu einem Glas Sekt an der Bar eingeladen. Am späten Abend hatten sie sich am Strand zum ersten Mal geküsst. Olga erinnerte sich noch heute an den kühlen Seewind, an das Plätschern der Wellen und an den sternenklaren Himmel über ihnen.

Sie hatte mit Jerzy viele glückliche Jahre verlebt. Nun war er tot.

Mühsam löste Olga sich aus ihren Gedanken. Morgen war Ostersonntag. Ihr Sohn Leszek und seine Freundin Agniezka hatten sich zum Frühstück angemeldet. Wladyslaw, der Jüngere, wollte zum Mittagessen kommen, und Olga freute sich auf den Besuch der Kinder, die den Tod des Vaters, wie ihr schien, recht gut verkraftet hatten. Ganz im Gegensatz zu ihr selbst. Noch immer wurde sie häufig nachts wach, weil sie im Schlaf geweint hatte.

Leszek wohnte mit seiner hübschen Freundin Agniezka in einer Dachwohnung in Danzig. Der Junge hatte Jerzy und Olga vor Jahren viel Kummer bereitet. Nach heftigen Auseinandersetzungen hatte er die Schule geschmissen, mit dubiosen Freunden untätig in den Tag hineingelebt und war schließlich irgendwo in Warschau untergetaucht. Erst nach dem Militärdienst hatte er sich wieder gefangen und eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht. Heute arbeitete er in einer Skoda-Werkstatt in Danzig. Agniezka, seine Freundin, war gelernte Schneiderin und verdiente ihr Geld in einer exquisiten Boutique. Sie hatte eine Schwäche für Mode, Kosmetik und westlichen Schick.

Olga bedauerte sehr, dass ihr jüngerer Sohn Wladyslaw, der ihr äußerlich sehr ähnlich sah, nach dem Abitur am Musischen Gymnasium sein musikalisches Talent nicht weiterentwickelt hatte. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Warschau, doch Olga hielt ihn nach wie vor für einen begabten Pianisten. Schon als Kind war Wladyslaw ernsthafter, besonnener und verlässlicher als sein Bruder gewesen. Ein kleines Lächeln schlich sich in ihre Mundwinkel, als sie an das letzte Telefonat mit Wladyslaw dachte, in dem er vorsichtig, aber dennoch unmissverständlich angedeutet hatte, dass er sich in eine junge Kommilitonin verliebt hatte.

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